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V.

Als Oberinspektor Benson um drei Uhr vom Essen zurückkam, lagen auf seinem Platz in seinem Amtszimmer mehrere Gegenstände: eine schwarzlederne, ziemlich abgegriffene Brieftasche, ein Taschenmesser, von dem die große Klinge unmittelbar am Heft abgebrochen war, ein rotes Taschentuch, eine einfache Nickeluhr im Lederfutteral, ein paar Lederscheiben, wie man sie für Dichtungen von Wasserleitungen zu verwenden pflegt, ein schwarzes Wachstuchnotizbuch, ein Zigarrenstummel, ein Trambahnbillet, ein gelber Zollstock, ein Stückchen Kreide und ein kurzer Bleistift.

»Diese Sachen hat der Polizeiarzt gebracht«, erklärte der diensthabende Polizeisergeant. »Ich soll Ihnen sagen, das wäre alles, was er in den Taschen des Toten von Peddersens Gasse gefunden hätte.«

»Gut. Hat er sonst noch etwas gesagt?«

»Nein, Herr Oberinspektor. Er ist gleich wieder hinuntergegangen, weil er, wie er sagte, noch eine Menge zu tun hätte.«

Benson nickte und betrachtete flüchtig die Gegenstände, die auf seiner Schreibtischplatte lagen. Dann nahm er die in der Grube gefundene Tabakdose aus der Tasche und legte sie dazu.

Gedankenvoll blickte er einen Gegenstand nach dem anderen an. Endlich griff er, wie einer Eingebung folgend, nach dem Taschenmesser mit der abgebrochenen Klinge.

Sie war genau einen halben Zentimeter über dem Griff abgebrochen; der Rest der Klinge stand aufgeklappt, vermutlich, weil es seiner Kürze wegen nicht möglich war, ihn wieder einzuklappen. Eine ganze Weile grübelte er über dem zerbrochenen Messer, und so fand ihn Inspektor Hunt, als er in die Amtsstube kam.

»Die in den Taschen des Toten gefundenen Gegenstände, nicht wahr?« fragte er nach einer kurzen Begrüßung.

Benson nickte und ergriff den Hörer des Fernsprechers. »Einer der Leute, die in Peddersens Gasse Dienst tun, soll sich bei mir melden. Schön. Danke.« Er legte den Hörer wieder zurück und sagte, während er den Zigarrenstummel mit zwei Fingern in die Höhe hielt:

»Unser Mann pflegte augenscheinlich Zigarren zu rauchen. Also dürfte der in der Grube gefundenen Dose eine andere Bedeutung zukommen. Entweder diente sie nicht zur Aufbewahrung von Tabak, oder sie war gar nicht sein Eigentum.

Nun wollen wir einmal sehen, ob uns die Brieftasche einige Anhaltspunkte für die Feststellung der Persönlichkeit des Toten geben kann.«

Er klappte die Tasche auseinander. Zwei Zwanzigkronenscheine und einige Papiere steckten darin. Benson zeigte auf die Banknoten. »Raub scheint also nicht das Motiv der Tat gewesen zu sein.«

Inspektor Hunt nickte.

Aus den Papieren, die sich in der Brieftasche befanden, ergab sich, daß ihr Besitzer Bernhard Vastrup hieß, zweiundfünfzig Jahre alt war und ein Installationsgeschäft in der Nähe von Peddersens Gasse besaß.

Benson griff von neuem nach dem Fernsprecher und ließ sich mit dem Dezernat, das Abgängigkeitsmeldungen bearbeitete, verbinden. Während er auf Antwort wartete, entfalteten seine immer geschäftigen Hände einen kleinen, vergilbten Zeitungsausschnitt, der zwischen den Papieren in der Brieftasche gelegen hatte. Mit der Linken drückte er dann den Hörer an das Ohr, mit der Rechten aber glättete er den Ausschnitt, um den Text besser lesen zu können. Er lautete folgendermaßen:

Den 16. August. Mißglückter Einbruch. Gestern Nacht gewahrte auf dem Grundstück des Herrn Skoerning in Charlottenlund der Wächter der Wach- und Schließgesellschaft einen Mann, der sich in verdächtiger Weise an einem der Kellerfenster zu schaffen machte. Als der Wächter ihn anrief, floh er durch den dunklen Park und entkam, obwohl der Wachtmann zwei Revolverschüsse hinter ihm her sandte. Man nimmt an, daß der Mann bei dem Versuch, in der Villa einen Einbruch zu verüben, gestört wurde. Wir mußten an dieser Stelle bereits wiederholt darauf hinweisen, daß die Sicherheit in den nördlichen Vororten unserer Stadt immer noch sehr zu wünschen übrig läßt.

Etwas verwundert las Benson während des Wartens am Apparat den Inhalt des Zeitungsausschnittes. Dann zuckte er mit den Achseln, faltete das vergilbte Papier wieder zusammen und schob es in die Brieftasche zurück. Am anderen Ende des Drahtes meldete sich jetzt der Beamte der Vermißtenzentrale.

»Hallo! – Noch am Apparat? – Jawohl, es stimmt, Herr Oberinspektor. Bernhard Vastrup, Installateurmeister, zweiundfünfzig Jahre alt, seit dem zweiten März dieses Jahres als abgängig gemeldet.«

»Ich danke. Wollen Sie, bitte, noch dafür sorgen, daß einer der Angehörigen des Vermißten verständigt wird. Es wird nötig sein, die Leiche zu identifizieren. Schön! Ich danke vielmals.«

Nachdem er den Hörer wieder fortgelegt hatte, prüfte er das zerbrochene Taschenmesser, um es dann endgültig fortzulegen. Die anderen Dinge schienen ihm nichts zu sagen. Das Notizbuch enthielt Arbeitseintragungen, Maße, Skizzen und Belege über Arbeitsstunden. Schließlich schob er den ganzen Haufen beiseite.

»Am meisten scheint Sie doch noch die alte verrostete Dose zu interessieren«, meinte Inspektor Hunt, der ihm neugierig zugesehen hatte. »Darf ich jetzt wissen, was für eine Bewandtnis es damit hat, und was für drei Dinge Sie daran entdeckt zu haben glauben?«

»Na, ja, die Dose!« sagte Benson gedankenvoll und zog sie wieder zu sich heran. »Eigentlich wollte ich ja noch gar nicht darüber sprechen, denn der sogenannte Scharfsinn ist ein Kobold, der einem oft einen bösen Streich spielt. Aber geben Sie acht!«

Er nahm die Dose in die linke Hand und hielt sie in Augenhöhe, während er mit der rechten nach einem Bleistift griff.

»Zunächst scheint mir die Zerstörung dieser Dose durch Rost bereits soweit fortgeschritten, daß ich nicht glauben kann, das könnte innerhalb von vier Wochen geschehen sein.«

»Schließlich hat sie im feuchten Erdboden gelegen«, wandte Inspektor Hunt ein. Benson schüttelte den Kopf.

»Soviel ich gesehen habe, war der ausgegrabene Boden knochentrocken. Aber dann ist da noch ein zweiter Umstand, der meine Annahme zu erhärten scheint. Wie Sie vielleicht noch sehen können, wurde der Name der Firma, die diesen Tabak herstellte, in den Dosendeckel hineingestanzt. Obwohl alles vom Rost zerfressen ist, ist mir doch diese Tabaksorte aus früherer Zeit zu sehr bekannt, als daß ich sie nicht wiedererkennen sollte. Hier steht der Firmenname Rupper & Sohn. Und hier, in ganz großen, diagonal angebrachten Lettern die Marke des Tabaks.

KHEDIVE.

Der dicke, fast runde Rostbuckel hier ist der Überrest eines in den Dosendeckel hineingestanzten Beduinenkopfes. Unterhalb des Namens ›Khedive‹ stand: ECHT ORIENTALISCHER FEINSCHNITT NACH AEGYPTISCHER ART FÜR DIE KURZE PFEIFE.«

Hunt warf einen zweifelnden Blick auf den Oberinspektor. »Ich habe von einem Tabak ›Khedive‹ noch nie etwas gehört, obgleich ich selber Rupperts Tabake rauche. Ich glaube kaum, daß diese Firma einen Tabak dieses Namens herstellt.«

Benson lächelte und nickte zustimmend mit dem Kopf. »Sie haben recht, Hunt. Ein Tabak dieses Namens wurde von der betreffenden Firma vor dem Weltkriege hergestellt.«

»Vor dem Kriege? Nun ja, aber das beweist doch schließlich noch nicht, daß die Dose seit dieser Zeit in der Erde gelegen hat.«

»Das beweist es natürlich nicht. Aber etwas anderes beweist es: nämlich, daß diese Dose keinen Tabak, sondern vermutlich etwas anderes enthalten hat, als sie in die Erde gelangte.«

Die Tür ging auf, und einer der Polizisten von Peddersens Gasse meldete sich. Benson stellte die Dose wieder auf den Tisch zurück und wandte sich dem Beamten zu.

»Passen Sie einmal auf! Ich habe eine Vertrauensarbeit für Sie. Gehen Sie nach Peddersens Gasse zurück; aber nehmen Sie sich einen Mann zur Hilfe mit. Dann müssen Sie sich eine Art von Sandsieb besorgen. Damit sieben Sie den ganzen Erdboden, der in dem Keller ausgeworfen worden ist, gründlich durch und bringen Sie dann alles, was Sie gefunden haben, und was nicht aus Stein oder Erde besteht, zu mir. Haben Sie mich verstanden?«

»Ich versehe mich mit einem Sandsieb und siebe mit Hilfe eines Kameraden die ausgeworfene Erde durch. Dann bringe ich alle gefundenen Gegenstände, die nicht Stein oder Erde sind, zu Herrn Oberinspektor.«

»Gut!« Der Beamte salutierte und ging nach der Tür. Benson rief ihn noch einmal zurück.

»Sie können die Erde in das Loch hineinwerfen, nachdem Sie sie durchgesiebt haben. Aber machen Sie vorher die Grube noch um etwa eine Spatenbreite tiefer und sieben Sie diese Erde ebenfalls durch.«

»Jawohl, Herr Oberinspektor.«

Als der Polizist das Amtszimmer verlassen hatte, wandte sich Benson wieder der verrosteten Tabakdose zu.

»Was hoffen Sie denn noch zu finden?« fragte Hunt neugierig.

Benson lächelte. »Etwas, das beweisen soll, das eine Vermutung, die Sie bereits geäußert haben, richtig ist und obendrein in eine ganz bestimmte Richtung weist. Sehen Sie einmal her! An dieser Stelle hier ist die Dose, die vorher verschlossen war, gewaltsam aufgebrochen worden. Stimmt das?«

Inspektor Hunt nickte stumm.

»Nun erhebt sich die Frage: Wer hat die Dose, die lange Zeit verschlossen in der Erde gelegen haben muß – das beweist ja die völlig verrostete Außenseite –, gewaltsam geöffnet? – Vielleicht der Tote?« Er griff nach dem abgebrochenen Taschenmesser. »Dieses Messer«, fuhr er fort, »das dem Toten gehörte, ist dicht hinter dem Griff abgebrochen. Wir können daher annehmen, daß dieses Messer dazu gedient hat, die Dose gewaltsam zu öffnen.«

»Das könnte sein«, warf der Inspektor ein. »Sicher ist es aber nicht; denn der Tote kann sein Taschenmesser sehr wohl bereits bei einer früheren Gelegenheit zerbrochen haben.«

»Richtig! Auch diese Möglichkeit besteht. Aber ich denke, wir werden darüber bald Gewißheit haben. Begreifen Sie jetzt, warum ich Auftrag gegeben habe, die ganze Erde durchzusieben? – Inzwischen wollen wir einmal hören, was uns der Doktor zu erzählen hat.«

Sie verließen das Amtszimmer und begaben sich in das Kellergeschoß des Gebäudes, wo sich unter anderem auch die Schau- und Sektionsräume befanden.

Der Doktor war gerade dabei, den Toten mit einem Leinentuch zu bedecken. Er nickte ihnen flüchtig zu und verschwand dann in einem anstoßenden Gemach, um sich erst einmal gründlich die Hände zu waschen. Der Sektionsraum erhielt von draußen nur wenig Licht, weil die geriffelten Fenster noch unter der Straßenhöhe lagen. Doch die Milchglaskuppeln der vielkerzigen Birnen an der niedrigen Decke tauchten ihn in ein grelles, unwirkliches Licht. Das Weiß der Wände, des Leinens, der Möbel und des mit Fliesen belegten Fußbodens halfen das grelle Licht noch weißer und unwirklicher erscheinen zu lassen.

»Ich glaube, Doktor«, sagte Benson, als der Arzt wieder eintrat, »Sie haben uns eine ganze Menge zu erzählen.«

»Immer dasselbe!« lächelte der Doktor. »Ob ich es wohl einmal erleben werde, daß die Herren so lange warten können, bis wir armen, vielgeplagten, aber leider nur zweitrangigen Beamten unseren Bericht geschrieben haben?«

Der Oberinspektor grinste gutmütig. »Keine Zeit, lieber Doktor, keine Zeit. Wir sind noch viel schlimmer dran, als Sie. Bis Sie Ihren Bericht fertig geschrieben haben, kann uns der Mörder zehnmal davonlaufen.« Er wurde wieder ernst und wies mit einer Kopfbewegung nach dem verdeckten Leichnam: »Und die Todesursache?«

»Herzschlag«, erwiderte der Doktor lakonisch.

»Was?« riefen Benson und Hunt wie aus einem Munde. »Herzschlag?!«

»Ja! Sie haben ganz recht gehört. Herzschlag!«

»Dann liegt also gar kein Mord vor?« rief Hunt verdutzt.

»Tja – das zu entscheiden, ist ja wohl Ihre Sache, nicht meine.«

»Was wollen Sie damit sagen?« Der junge Inspektor blickte den Arzt verständnislos an.

Benson aber nickte nachdenklich.

»Sagen Sie mal, lieber Kollege«, wandte er sich an Hunt, »haben Sie noch nie etwas davon gehört, daß Leute, die einen Herzschlag erlitten haben, sich selbst in der Erde zu verscharren pflegen?«

Der Doktor lächelte schadenfroh. Ehe der junge Inspektor sich darüber klar geworden war, was er auf diese etwas sonderbare Frage seines Vorgesetzten antworten sollte, räusperte der Doktor sich kräftig und sagte:

»Dann ist da noch eine Sache. – Am Hinterkopf hat der Tote eine ziemlich breite und tiefe Wunde. Sieht so aus, als ob er auf irgend einen scharfen breiten Gegenstand gefallen wäre. Kann auch sein, daß er einen Schlag erhalten hat. Auf keinen Fall aber ist diese Verletzung so bedeutend, daß man sie als Todesursache annehmen könnte.«

»Es besteht aber immerhin die Möglichkeit, daß die Wunde von einem Schlag herrührt?« fragte Benson gespannt.

»Durchaus!« bestätigte der Arzt, ohne einen Augenblick zu zögern.

»Das ist mir eine große Beruhigung«, sagte der Oberinspektor, erleichtert aufatmend. »Auf diese Weise ließe sich doch wenigstens die etwas überraschende Tatsache erklären, daß ein Toter, der an einem Herzschlag verschieden ist, von fremder Hand im Keller verscharrt wird. Der Täter hat vermutlich angenommen, daß die Verletzung, die er ihm beigebracht hat, tödlich war.«

»Ja, das ist denkbar«, stimmte der Arzt zu. »Wenn diese Annahme richtig ist, dann könnte der Tote vor Schreck einen Herzschlag erlitten haben. Ich halte es aber, offen gestanden, dem Aussehen der Wunde nach, für wahrscheinlicher, daß er hingestürzt ist und sich dabei die Verletzung zugezogen hat.«

»In diesem Fall', meinte Benson, »würde das Problem so zu stellen sein: weshalb und von wem wurde der Tote verscharrt, obwohl er doch eines natürlichen Todes gestorben ist? – Doktor, kann ich die Wunde einmal sehen?«

Der Arzt nickte kurz und schlug das Laken ein wenig zurück. Der Tote war in einem grauenerregenden Zustande. Die bereits ziemlich vorgeschrittene Verwesung hatte den Körper bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Benson betrachtete stumm die lange und ziemlich tiefe Wunde am Hinterkopf. »Könnte die Verletzung nicht von einem Spaten herrühren?« fragte er gespannt.

»Ja, das ist sehr wohl möglich«, erwiderte der Arzt.

Gedankenvoll rieb Benson sich das Kinn. »Wenn es möglich ist, möchte ich den Mann, der die Leiche gefunden hat – Jasking heißt er ja wohl – recht bald vernehmen«, wandte er sich an Hunt.

Der Inspektor nickte. »Ich will sehen, ob er jetzt nüchtern genug ist, um vernommen zu werden.«


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