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Benson war gar nicht einmal sehr überrascht, als auf sein Klingeln sofort geöffnet wurde, und der Diener sie, ohne irgendwelche Fragen zu stellen, in den Salon führte.
Der alte Skoerning empfing sie mit einem bewundernden Blick.
»Das nenne ich ein Teufelstempo«, sagte er. »Vor kaum zwei Minuten angerufen und schon sind Sie hier?«
»Wie?« fragte Benson verständnislos. Aber dann fuhr er, schnell gefaßt, fort: »Ja, die Polizei muß schnell sein. Also – was ist los?«
Herr Skoerning rieb sich die Hände. »Meine Frau und Herr Kattensen werden gleich erscheinen. Inzwischen möchte ich Ihnen etwas zeigen.« Er gab dem Diener einen Wink. Dieser eilte hinaus und kehrte gleich darauf mit einem schwarzen Lederetui zurück.
Skoerning ließ das Etui aufschnappen und hielt es Benson unter die Augen. Der Oberinspektor griff nach der Kette.
»Darf ich!«
»Bitte!«
»Diese Perlenkette umgibt ein merkwürdiges Geheimnis.«
»Ich weiß«, sagte Benson zerstreut, während er die köstlichen Perlen durch seine Finger gleiten ließ.
In diesem Augenblick trat Frau Skoerning, von dem jungen Kattensen begleitet, in den Salon und begrüßte die beiden Männer von der Polizei mit einem freundlichen Kopfnicken.
Ein zarter Duft ging von dem Lederetui aus und kitzelte Bensons Nase.
»Wonach riecht denn das?« fragte er verblüfft.
Frau Skoerning lachte.
»Das Etui? Kennen Sie den Geruch nicht? – Es ist Lavendel.«
Benson tauschte einen raschen Blick mit dem Inspektor. »Meine Mutter pflegte immer Lavendel zwischen ihre Wäschestücke zu legen«, sagte er leise.
Aber dann hob er mit einem Ruck den Kopf und sagte mit lauter Stimme: »Und jetzt möchte ich hören, was Sie mir zu sagen haben.«
Frau Skoerning senkte zustimmend den Kopf, und nun hörten Benson und Hunt die Geschichte von dem Verschwinden der Perlenkette und von ihrem geheimnisvollen Wiederauftauchen.
Eine Weile schwieg der Oberinspektor nachdenklich. Dann sagte er:
»Ich möchte das Mädchen sprechen.«
»Das Mädchen?« fragte Frau Skoerning verlegen.
»Ja, Estrid Sörensen.«
Der Oberinspektor bemerkte, wie sie mit Kattensen einen raschen Blick tauschte.
Dann antwortete sie leise:
»Die kleine Sörensen ist fort.«
»Fort?«
»Ja. – Geflohen.«
Benson faßte sich rasch. »Wollen Sie mir, bitte, erklären, warum –«.
Frau Skoerning warf einen vorwurfsvollen Blick auf Kattensen. »Herr Kattensen sagte etwas zu ihr. Da schrie sie auf, wurde bleich wie eine getünchte Wand und lief davon.«
Benson runzelte die Stirn. »Ich glaube, Herr Kattensen hat mir eine ganze Menge zu erzählen«, sagte er.
»Ja, dann muß ich wohl beichten«, antwortete der junge Mann zögernd.
Benson und Hunt blickten ihn ungeduldig an.
»Als ich gestern abend in dies Haus kam, muß ich tief in Gedanken gewesen sein. Ich legte meinen Mantel ab. Dann ging der Diener mich anmelden. Ich folgte ihm. Aber ich war, wie ich schon sagte, tief in Gedanken, und so öffnete ich eine falsche Tür. Ich merkte meinen Irrtum erst, als ich sah, daß ich in diesem Zimmer nicht allein war. Es war eines der Mädchen darin.«
»Estrid Sörensen?« unterbrach ihn Benson.
»Ja. Estrid Sörensen. Sie bemerkte mich nicht, weil sie mir den Rücken zukehrte. Vor ihr stand die Schmuckschatulle, in welcher der Schlüssel steckte. Sie drehte den Schlüssel um und hob den Deckel auf. Dann bückte sie sich, raffte ihr Kleid und machte sich an ihrem Strumpfband Zu schaffen. Ich stand wie erstarrt da. Plötzlich sah ich, wie sie eine Perlenkette in die Schatulle legte. Leise, wie ich gekommen war, verließ ich das Zimmer. – Das ist alles, was ich Ihnen zu erzählen habe.«
Benson erhob sich.
»Kommen Sie!« rief er Hunt zu. »Wir haben keine Zeit zu verlieren.«
Einen kurzen Abschiedsgruß murmelnd, stürmte er aus dem Zimmer. Hunt rannte kopfschüttelnd hinter ihm her.
Benson saß kaum im Wagen, als er dem Chauffeur auch schon zurief: »Peddersens Gasse! Aber schnell!«
»Was wollen Sie denn da?« fragte der Inspektor verwundert.
»Können Sie sich das nicht denken?« grollte Benson. »Was hat Frau Sörensen Ihnen nachgerufen, als Sie fortgingen? – Wir würden doch zu spät kommen! – Ahnen Sie noch immer nicht, worauf sich das bezog?«
»Auf das junge Mädchen?«
»Unsinn! Es ist doch nicht so schwer, die Zusammenhänge zu erraten. Die kleine Sörensen hat nichts mit der Sache zu tun. Sie war nur Werkzeug, weiter nichts.«
»Was für ein Werkzeug?«
»Ein Werkzeug zur Wiedergutmachung.« Benson rief dem Fahrer zu: »Fahren Sie wie der Teufel, Mann! Jede Minute ist kostbar.«
Kaum eine halbe Stunde später hielten sie vor dem Häuserblock in Peddersens Gasse. Benson und Hunt sprangen aus dem Wagen und flogen förmlich die enge, steile Treppe des Vorderhauses hinauf.
Der Oberinspektor drückte die Klinke der Sörensenschen Wohnung herab und rüttelte daran.
»Abgeschlossen! – Laufen Sie zur Schlosserei, Hunt! Ein Mann soll sofort zum Aufbrechen der Tür herkommen. Los, Mensch! Starren Sie mich nicht so an! Laufen Sie!« –
Als der Schlosser die Wohnungstür geöffnet hatte, schickte Benson ihn fort. Der Mann warf zwar noch schnell einen ängstlich forschenden Blick durch die halb geöffnete Tür, verschwand aber sofort, als er das grimmige Gesicht des Oberinspektors sah.
Die Küchentür leistete Widerstand, nachdem Benson die Klinke niedergedrückt hatte. Endlich gelang es aber den beiden Inspektoren, sie mit vereinten Kräften soweit aufzustoßen, daß sie sich durch den Spalt hindurchzwängen konnten.
Benson beugte sich über die am Boden liegende Gestalt und untersuchte sie flüchtig.
»Sie lebt noch«, sagte er, erleichtert aufatmend. »Schnell Hunt! Rufen Sie die nächste Unfallstation an. Sagen Sie: Vergiftung. Magenpumpe mitbringen. Aber schnell, schnell, schnell!!«
Der Inspektor sprang mit gewaltigen Sätzen die Treppe hinunter.
Benson aber schob Frau Sörensen ein Kissen unter den Kopf, machte ihr den Hals frei und fühlte ihr den Puls. Dann trat er an den Küchentisch, auf dem er einige eng beschriebene Blätter entdeckt hatte.
Während er auf den Arzt wartete, begann er Amalia Sörensens Geständnis zu lesen.