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Benson suchte zunächst den technischen Sachverständigen auf, der gerade dabei war, ein Häufchen Zigarettenasche in einem Reagenzglas einer geheimnisvollen Verwandlung zu unterziehen.
»Nun, wie steht es mit meinem Zement?« fragte der Oberinspektor, ihm die Hand reichend.
»Der Zement?« lächelte der junge Mann, dem man diesen verantwortungsvollen Posten anvertraut hatte. »Sie hatten recht, Herr Oberinspektor, es handelt sich dabei tatsächlich um alten, längst abgebundenen Zement. Es wundert mich, daß Sie ihn in pulveriger Form vorgefunden haben.«
»Mich weniger«, sagte Benson. »Ich will Ihnen aber gern das Geheimnis verraten: Der Zement, den ich Ihnen gebracht habe, ist aus einem alten Zementfußboden herausgebohrt worden.«
»Daher also. Ich sah gleich, daß es sich um eine fertige Mischung handeln mußte; denn ein gutes Drittel der Bestandteile bestand aus feinem Kies. Ich hoffe, daß meine Bestätigung einigen Wert für Sie haben wird.«
»Ja, vielen Dank. Ich bewege mich nun einmal nicht gern auf unsicherem Boden. Ich glaube, ich bin der Wahrheit um ein gutes Stückchen näher gekommen.« – –
Nichts in Peddersens Gasse erinnerte mehr an die letzten Ereignisse. Die Menschen gingen wie sonst ihrer Arbeit nach; die bleichen schmutzigen Kinder spielten wie immer in den trüben Regenpfützen; die Druckmaschinen der Druckerei stampften; in der Schlosserei klangen die Hämmer; und der Dunst ranzigen Fettes lag wie eine giftige Wolke über dem Ganzen.
Verdrossen buchstabierte Benson die Firmenschilder an den Türen und Kellereingängen und entschloß sich schließlich, im Büro des Südfruchtlagers vorzusprechen. Als er sich als Kriminalbeamter auswies, wurde er beinahe feierlich empfangen. Ohne Umschweife ging er auf sein Ziel los und erkundigte sich bei dem robust aussehenden Chef nach Einzelheiten über den Diebstahl des Negers.
»Ja,« sagte dieser,« das war im November des vorigen Jahres. Vorher hatten wir den Schwarzen hin und wieder beschäftigt, weil er sehr stark war und nicht viel Lohn beanspruchte. Als aber dann die Diebereien begannen und den Arbeitern das Frühstück und Geld aus den Taschen verschwanden, haben wir ihn natürlich sofort hinausgefeuert.«
»Sie machten aber keine Anzeige?«
»Nein, Sie wissen ja, wie die Arbeiter sind. Sie haben in solchen Fällen ihre eigene Justiz, die sie mit ihren Fäusten ausüben. Die Geschichte wurde aber ungemütlich, als der Bursche plötzlich in unser Büro eindrang und eine größere Geldsumme aus einer gerade offenstehenden Kassette an sich nahm. Wir alarmierten die Polizei, die ihn in Empfang nahm, als er, vollständig betrunken, nach Peddersens Gasse zurückkehrte. Er hat dann drei Monate Gefängnis bekommen.«
»Und als er seine Strafe verbüßt hatte, kam er wieder zurück?«
»Ja, und ich muß gestehen, wir erschraken nicht schlecht, als er plötzlich wieder da war. Vielleicht hatte er wieder etwas ausgefressen, und die Polizei hatte davon Wind bekommen. Nun sollte er ausgewiesen werden. Aber er hatte wohl Lunte gerochen; denn als die Beamten kamen, um ihn abzuholen, war er spurlos verschwunden, und man hat seitdem nichts mehr von ihm gehört noch gesehen.«
»Wissen Sie vielleicht, an welchem Tage der Schwarze nach Verbüßung seiner Gefängnisstrafe hier wieder auftauchte?«
»Ja, es war an einem der ersten Tage im März. Aber es ist natürlich möglich, daß er sich vorher schon ein paar Tage versteckt gehalten hatte. Vielleicht kann mein Lagermeister Ihnen genauere Auskunft geben. Soll ich ihn eben mal herrufen?«
»Wenn Sie so freundlich sein wollen?«
»Selbstverständlich!« versicherte der Chef diensteifrig. Er ging nach dem Fernsprecher und sprach einige Worte.
Wenige Augenblicke später erschien ein vierschrötiger, gesund aussehender Mann, der zu den Worten seines Chefs eifrig mit dem Kopf nickte.
»So, so, der Neger! Hab' schon gehört, daß sich der Kerl hier wieder herumgetrieben hat. Soll ja furchtbar besoffen gewesen sein.«
»Wissen Sie noch, wann der Schwarze nach Verbüßung seiner Strafe wieder in Peddersens Gasse auftauchte?« fragte Benson.
»Ich kann nur sagen, wann ich ihn zuerst gesehen habe. Das war am 1. März. Ich weiß das genau, weil ich an dem Tage gerade mein Gehalt gekriegt hatte,« sagte der Lagermeister.
»Und wie lange mag er hier gewesen sein? Wissen Sie das noch?«
»Zwei oder drei Tage. Als die Polizei kam, um ihn abzuholen, war er plötzlich verschwunden.«
»Dann ist er also sicher am ersten und am zweiten März noch hier gewesen?«
»Ja, so war es,« bestätigte der Lagermeister.
»Wissen Sie vielleicht, was er hier gemacht hat?«
»Nein, das weiß ich nicht. Aber er muß da hinten im Keller etwas zu tun gehabt haben. Ich habe ihn ein paarmal rein- und rauslaufen sehen. Einmal fragte ich ihn, was er hier suche. Er sagte, er hätte für jemand zu arbeiten. Ich habe mich dann nicht weiter darum gekümmert.
Benson spitzte die Ohren.
»Sie kennen doch den Kellerraum, in dem der Tote gefunden wurde?« fragte er.
Der Lagermeister nickte.
Glauben Sie, daß der Schwarze in diesem Raum gearbeitet haben kann?«
»Ja, das ist wohl möglich.«
»Äußerte er sich nicht über die Art seiner Arbeit oder über seinen Auftraggeber?«
»Nein.«
»Haben Sie in jenen Tagen einen Mann im Keller bemerkt, der hölzerne Karussellpferde hineintrug?«
»Nein.«
Sie haben auch nicht auf andere Art erfahren können, was der Schwarze unten im Keller trieb?«
»Nein, mich darum zu kümmern, hatte ich natürlich keine Zeit, und es interessierte mich auch nicht besonders. Ich weiß nur, daß hinten ein paarmal gehämmert wurde, und daß der Neger mit einem Bohrer in der Hand ein paarmal hinter der eisernen Tür verschwand.«
»Mit einem Bohrer?« fragte Benson eifrig.
»Ja.«
»Danke,« sagte Benson freundlich.« Das ist alles, was ich von Ihnen wissen wollte.« –
Von der Südfruchtfirma begab sich der Oberinspektor sofort in die eine der beiden in Peddersens Gasse befindlichen Schlossereien. Dort traf er einen hochgeschossenen, blaßgesichtigen Werkmeister an, der mit Leidenschaft Tabak zu kauen schien. Der Ansatz eines kleinen braunen Saftbächleins stand in jedem Mundwinkel.
»Womit kann ich Ihnen dienen?« fragte der Werkmeister höflich, indem er zwei Finger seiner rechten Hand an seine verrußte, ölglänzende Mütze legte.
Benson zeigte ihm seinen Ausweis.
»Ich hätte von Ihnen gern etwas über den Neger gehört, der eine Zeitlang hier in Peddersens Gasse Gelegenheitsarbeiten verrichtete. Haben auch Sie ihn hin und wieder beschäftigt?«
»Allerdings,« entgegnete der Werkmeister, »Aber das ist schon lange her.«
»Was ich besonders von Ihnen wissen möchte, ist folgendes: Hat sich der Schwarze am ersten oder zweiten März dieses Jahres von Ihnen irgendwelche Werkzeuge geliehen?«
»Ja,« sagte der Mann. »Das hat er. Und zwar eine Handbohrmaschine mit einem Spiralbohrer. Es war ein funkelnagelneuer Zwanzigmillimeterbohrer, den er mir dabei versaut hat. Ich wunderte mich schon eine ganze Zeit, daß er immer wieder angelaufen kam, um den Bohrer an einer Schmirgelscheibe zu schärfen. Schließlich wurde mir die Sache zu dumm, und ich fragte ihn, was er eigentlich mache. Er zeigte mir den Bohrer, und da sah ich auch schon die Bescherung. Hatte der dumme Kerl doch mit dem guten Stahlwerkzeug in Zement bohren wollen. Ich sagte zu ihm: ›Bist du verrückt geworden, Cesar?!‹ Er wurde ein bißchen verlegen und sagte darauf, er sei ja nun schon bald fertig. Na, da der Bohrer nun doch einmal hin war, ließ ich ihn damit laufen. Hinterher habe ich das Werkzeug zum Werkzeugmacher bringen müssen.«
»Hat Ihnen der Schwarze nicht erzählt, was er machte, und für wen er die Arbeit ausführte?«
»Nein, das hat er nicht gesagt.«
Benson verließ die Schlosserei mit ein paar Dankesworten und begab sich durch einen Seitengang in das Vorderhaus, wo er die Treppen bis zum obersten Stock emporstieg. An einer Tür, an welcher der Name
»S. Sörensen, Hausmeister«
stand, machte er halt und klopfte.
Es dauerte eine ganze Weile, bis Schritte zu hören waren, und die Tür sich öffnete.
Frau Sörensen machte auf Benson im Halbdunkel des Treppenhauses einen noch recht jugendlichen Eindruck. Erst, als er ihr im Hellen gegenüberstand, sah er, daß sie bedeutend älter war, als er anfänglich angenommen hatte. Nur ihre feine, leichte und biegsame Gestalt schien noch immer ein Stück längst verflossener Jugend bewahrt zu haben. Aber auch in dem schmalen, etwas vergrämt aussehenden Gesicht waren Spuren einstiger Schönheit zu finden.
»Wenn Sie den Hausmeister sprechen wollen,« sagte sie, »so tut es mir leid. Er ist krank.«
Sie hatte eine wohlklingende, sympathische Altstimme, die ihren Eindruck auf den Oberinspektor nicht verfehlte. Er lächelte liebenswürdig: »Ich bin Oberinspektor Benson und möchte gern Sie selber sprechen, Frau Sörensen.«
Sekundenlang blieb sie zögernd auf der Schwelle stehen; aber er gewahrte kein Erstaunen in ihren, im Halbdunkel allerdings kaum erkennbaren Zügen. Sie drehte sich schweigend um und ging voran.
Sie führte den Oberinspektor in eine freundliche, sehr ordentlich aussehende Wohnstube, auf deren Fensterbrettern hinter Spitzengardinen blühende Geranien standen. Schweigend wies Frau Sörensen auf einen Stuhl und nahm selber Platz. Dann blickte sie ihren Besucher fragend an.
»Sie haben sicher gehört, in welchem Zustande wir den Neger Cesar in der letzten Nacht gefunden haben?« fragte Benson ohne jede Einleitung.
Sie nickte kurz, auf eine einfache, selbstverständliche Art: »Herr Vastrup erzählte es mir.«
»Herr Vastrup?« fragte der Oberinspektor erstaunt.
»Kai Vastrup hat um die Hand unserer Tochter angehalten,« erklärte sie mit leidenschaftsloser Stimme, indem sie die Schürze auf ihrem Schoße glattstrich.
»Sie haben doch sicher auch den Neger gekannt, Frau Sörensen?«
»Er brachte mir immer die Kohlen herauf, spaltete Holz und dergleichen«, erwiderte sie. »Er war sehr treu und anhänglich.« In ihrer Stimme und Haltung war kein Aufwand und keine falsche Bewegung.
»Sie mochten ihn wohl ganz gern?«
»Ja.«
»Auch als Sie hören mußten, daß er des Diebstahls bezichtigt und zu einer dreimonatigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde?«
Frau Sörensen zuckte mit den Achseln. »Wir haben alle unsere Fehler, Herr Oberinspektor. Cesar ist ein Naturkind, das man besser in seiner Heimat hätte lassen sollen. Er ist an seinen Taten unschuldiger als die Leute, die ihn von dort fortgelockt haben.«
»Nun, darüber möchte ich mich mit Ihnen nicht unterhalten. – Cesar war heute nacht über die Maßen betrunken. Sie wissen wohl nicht, auf welche Weise er sich den Schnaps verschafft hat?«
»Nein. Woher sollte ich das wohl wissen.«
»Besaß er denn Geld?«
»Auch das weiß ich nicht. Aber wenn er sich derart hat betrinken können, muß er wohl welches gehabt haben. Doch ich verstehe wirklich nicht, warum Sie mich danach fragen.«
Benson zuckte leicht die Achseln.
»Nun, ich dachte, vielleicht wüßten Sie etwas davon.«
»Es tut mir leid, aber ich kann Ihnen darüber keine Auskunft geben.«
Der Oberinspektor hatte das sichere Gefühl, daß sie mehr wußte, als sie sagte.
»Wissen Sie vielleicht, wer den alten Herrn Vastrup erschlug?« fragte er plötzlich, ihr fest in die Augen blickend.
»Nein!«
»Haben Sie niemand im Verdacht?«
»Nein.«
»Haben Sie auch keine Beobachtung gemacht, die uns auf die Spur des Täters führen könnte?«
»Nein.«
Ihr »Nein« nach jeder Frage klang wie der vollhallende Ton einer Glocke. In dem ungewissen Licht – sie saß mit dem Rücken zum Fenster – sah ihr Gesicht wie gemeißelt aus; nichts rührte sich darin, kein Muskel zuckte. Ihre Augen waren voll und rund auf Benson gerichtet. Sekundenlang hatte dieser das Gefühl toten, leeren Augenhöhlen, einfachen kreisrunden Löchern gegenüberzusitzen.
»Ich möchte Sie jetzt einiges über Ihren Mann fragen, Frau Sörensen«, sagte er nach einer Weile des Schweigens. »Er hatte gestern nacht einen epileptischen Anfall. Dieser Anfall war so schwer, daß wir ihn, wie Sie ja wissen, in ein Krankenhaus bringen mußten. Hatte er öfter solche Anfälle?«
»Nein. In den ersten Jahren unserer Ehe kam es, wie ich mich erinnere, dreimal vor. Später nicht mehr. Als Kind aber soll er schwer unter diesen Anfällen gelitten haben. Mein Mann ist von Natur aus sehr jähzornig, und wir vermeiden alles, was ihn reizen könnte, weil es dann leicht wieder zu einem solchen Anfall kommen kann.«
»Ihr Mann war gestern abend noch lange auf. Pflegt er immer so spät schlafen zu gehen?«
»Heute morgen wollte er zu Herrn Harian, um die einkassierten Mietgelder abzuliefern. Er saß noch spät auf, um die Summen nachzurechnen, die er am Tage vorher eingenommen hatte. Ein Hausmeister hat immer alle Hände voll zu tun, besonders kurz nach dem ersten.«
»Ja, das glaube ich wohl.«
Benson erhob sich langsam.
»Ich hoffe, daß Ihr Mann seinen Posten bald wieder antreten kann«, sagte er. »Sicher haben die Ereignisse der letzten Zeit zu hohe Anforderungen an ihn gestellt. Ich bemerkte, daß er sich alle Mühe gab, unbeteiligt und ganz gefaßt zu erscheinen. Das ist, meiner Ansicht nach, ein durchaus männliches Verhalten.«
»Männliches Verhalten?« wiederholte sie. »Davon habe ich bei ihm noch nicht viel bemerkt.«
Ihre Verachtung trat so unverhüllt zu Tage, daß Benson sie verwundert anblickte. Jäh wandte sie sich von ihm ab und schien aus dem Fenster zu blicken. Plötzlich merkte er, daß sie weinte. Er sah, wie ihre Schultern krampfhaft zuckten.
»Diese Frau ist ein Rätsel«, dachte er und blieb zögernd stehen. Dann raffte er sich auf, murmelte einen kurzen Gruß und verließ schnell die Wohnung.
Sein nächster Weg führte ihn in das Krankenhaus, in das man den Hausmeister gebracht hatte. Er ließ sich bei dem Arzt melden, der Sörensen behandelte und fragte, ob er den Patienten in einer dienstlichen Angelegenheit sprechen dürfe. Der Arzt wiegte bedenklich den Kopf.
»Ist das wirklich unerläßlich?« fragte er. »Ich möchte nicht gern, daß der Patient unnötigerweise aufgeregt wird.«
»Erstens ist das, was ich zu tun habe, nicht unnötig, und zweitens habe ich nicht die Absicht, den Mann aufzuregen«, entgegnete Benson schärfer, als es seine Absicht gewesen war.
Der Arzt warf einen prüfenden Blick auf den Beamten von der Polizei und zuckte die Achseln. Dann klingelte er, und gleich darauf erschien eine Frau in Schwesterntracht.
»Führen Sie Herrn Oberinspektor Benson zu dem Patienten Sörensen, der gestern nacht eingeliefert wurde, Schwester Maria«, sagte er zu der Eintretenden.
Auf Saal siebzehn befanden sich fünf Betten, von denen aber nur eins belegt war. Benson erkannte das magere, spitze Gesicht des Hausmeisters. Er lag auf dem Rücken und schien an die weißgetünchte Decke zu starren. Als Benson aber genauer hinsah, gewahrte er, daß Sörensen die Augen geschlossen hielt. Die Schwester rückte einen Stuhl an das Bett und blieb abwartend stehen. Benson machte mit der Hand eine Bewegung.
»Lassen Sie mich, bitte, mit ihm allein!« Die Schwester folgte nur zögernd und mit einem ernsten Blick auf den Kranken dieser Aufforderung.
Als sie den Saal verlassen hatte, nahm Benson vor dem Bett Platz und blickte forschend in das bleiche Gesicht des ruhig Daliegenden. Er spürte kaum, daß Sörensen atmete, er glich einem Toten. Aber er schlief auch nicht. Es war eine Art zeitweiliger Bewußtseinsstörung, die dem Kranken nicht gestattete, die fliehenden Gedanken festzuhalten. Benson kannte diesen Zustand wohl. Er saß da und wartete geduldig, ohne den Kranken anzusprechen oder zu berühren.
Nach einer Weile schlug der Hausmeister die Augen auf. Er bewegte nicht den Kopf, sondern starrte nur immer an die weiße Zimmerdecke, als sähe er dort etwas, was für andere unsichtbar blieb.
Benson beugte sich über ihn und rief ihn leise bei seinem Namen.
Sörensen seufzte tief auf. Seine Augen schienen den Oberinspektor nicht wahrzunehmen. Irgendetwas erfüllte ihn plötzlich mit Unruhe. Er öffnete den Mund, als ob er einen Schrei ausstoßen wollte, aber es brachen nur einige, kaum vernehmbar hingemurmelte Worte aus ihm hervor:
»Pferde –, lauter hölzerne Pferde!«
Unverhüllte Furcht stand auf dem gequälten Gesicht des Kranken. Dann drehten sich seine Augäpfel und hefteten sich auf den an seinem Bett Sitzenden. In einem plötzlichen Erkennen warf der Kranke den Kopf ganz herum. Sein Blick war weder feindselig, noch verwundert – nur leise forschend. Schließlich trat ein Lächeln hervor, das aber bald zu einer leeren Grimasse erstarrte. Die Grimasse verwandelte sich jäh in den Ausdruck einer hellen Angst.
»Der Spaten – – –«, flüsterte er. Dann bewegte er krampfhaft den Unterkiefer, als wollte er noch etwas hinzufügen.
Benson beugte sich vor und berührte den Kranken leicht an der Schulter.
»Sörensen«, fragte er leise, »wer hat Bernhard Vastrup getötet?«
Atemlos lauschte er auf die Antwort. Aber es kam keine. Der Hausmeister hielt jetzt wieder den leeren Blick nach der Decke gerichtet. Aus seinen Augen drangen Tränen hervor, seine Lippen bewegten sich überschnell, so, als ob er hastige Worte forme oder ein inbrünstiges Gebet murmele. Erschreckend plötzlich aber richtete er sich in seinem Bett auf, starrte ins Leere, als sähe er eine entsetzenerregende Erscheinung und schrie mit der ganzen Kraft seiner Stimme: »Nein! – Nein!«
Benson ließ den Kranken nicht eine Sekunde aus den Augen.
»Nein!« schrie Sörensen noch einmal mit gellender Stimme.
Die Tür öffnete sich und die Krankenschwester kam hereingestürzt. Der Kranke drehte den Kopf in den Kissen hin und her, weinte und schluchzte hysterisch. »Estrid! Estrid!« murmelte er mit seinen dünnen zitternden Lippen. »Estrid, meine arme Tochter – –!«
Die Krankenschwester schob Benson unwillig beiseite, beugte sich über das Bett und versuchte, den Kranken zu beruhigen. Wie mit einem kleinen, erschreckten Kind redete sie mit ihm. Sörensen schluchzte noch eine ganze Weile haltlos vor sich hin, bis er sich langsam beruhigte. Die Anstrengung schien ihn der letzten Kräfte beraubt Zu haben, denn fast ohne Übergang verfiel er in einen tiefen Schlaf.
Die Krankenschwester richtete sich wieder auf und warf einen zornigen Blick auf Benson.
»Was denken Sie sich eigentlich, den Patienten so aufzuregen?« sagte sie vorwurfsvoll.
»Es tut mir leid«, erwiderte Benson, »aber ich wußte wirklich nicht, daß eine einzige Frage ihn so erregen könnte. Was fehlt ihm eigentlich?«
Schwester Maria zuckte die Achseln und wandte den Kopf nach dem Fenster, »Sörensen ist sehr, sehr krank. Ich glaube, er soll schon heute in eine andere Anstalt überführt werden.«
»In was für eine Anstalt, Schwester?« fragte Benson mit einer dunklen Ahnung. Sie streifte ihn kaum mit dem Blick.
»In eine Nervenheilanstalt«, entgegnete sie, den Kranken mitleidig ansehend.