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VIII.

Wer, glauben Sie, hat wohl den Fußboden aufgeschlagen?« fragte Inspektor Hunt, nachdem er vor Bensons Schreibtisch Platz genommen hatte. »Der Mörder, der sein Opfer niedergeschlagen hatte und sich nun vor die Aufgabe gestellt sah, den Leichnam zu verbergen?«

»Unsinn!« erwiderte der Oberinspektor heftiger, als es sonst seine Art war. »Wie stellen Sie sich das eigentlich vor? Der Mörder hat sein Opfer niedergeschlagen. Es liegt neben ihm in dem kleinen Keller. Die Beschaffenheit der Türen läßt es nicht zu, daß er sich, um vor Überraschungen sicher zu sein, mit dem Toten einschließt. Denn die Türen sind nur mit einem Fallriegel versehen, vor die man Vorhängeschlösser hängen muß – solche Türen lassen sich von innen niemals verschließen. Und da, meinen Sie, greift der Mörder zu Hammer und Meisel, um den Zementfußboden aufzubrechen?«

»Sie haben recht: der Mann müßte verrückt sein«, gab der Inspektor zu.

»Sehen Sie? – Man komme mir nicht damit, daß das Geräusch des Fußbodenaufschlagens von anderen Geräuschen übertönt würde. Ich habe so etwas schon einmal hören müssen, ich glaube von Hausmeister Sörensen. In jedem Fall mußte der Mörder doch damit rechnen, daß er mit seinem geräuschvollen Tun Neugierige herbeilocken würde. Zum mindesten den Hausmeister. Denn dieser wäre sicher herbeigeeilt, wenn er etwas gehört hätte. Und dann soll der Mörder noch den Erdboden ausgeworfen, den Leichnam versenkt und die Erde wieder hineingeschüttet haben? – Nein, mein lieber Kollege, mit dieser Theorie brauchen wir uns wohl nicht länger aufzuhalten.

Es ist aber auch gar nicht diese Frage, die mich in erster Linie beschäftigt, sondern eine andere. Der Mörder will sein Opfer verbergen. Er verbirgt es auch, indem er es verscharrt. Aber warum, frage ich mich, führt er sein Vorhaben nicht zu Ende? Warum begnügt er sich damit, den Toten zu vergraben, statt sich durch die Wiederherstellung der Zementdecke erst wirklich zu sichern?«

»Vielleicht rechnete er damit, daß man die Zementdecke wiederherstellen würde, ohne vorher die Erde auszuwerfen.«

»Glauben Sie, daß der Mörder mit dieser Möglichkeit gerechnet hat?«

»Warum sollte er nicht damit gerechnet haben?«

»Ja, warum sollte er nicht damit gerechnet haben?« wiederholte Benson nachdenklich. Er schwieg einige Augenblicke und fuhr dann fort: »Nun etwas anderes! Wen oder was hat den alten Vastrup veranlaßt, sich in den Keller zu begeben? Fest steht, daß der Vater und der Sohn sehr gut miteinander standen. Gemeinsam besprachen sie jeden Morgen, was tagsüber getan werden sollte. Und an jenem Tage ist zwischen ihnen von Peddersens Gasse überhaupt nicht die Rede gewesen.«

»Man muß also annehmen, daß der Unbekannte den alten Vastrup erst dann nach Peddersens Gasse bestellte, als der junge Vastrup bereits fortgegangen war.«

»Richtig! – Aber was sagen Sie nun dazu: Mußte dieser Unbekannte nicht damit rechnen, daß Vastrup, ehe er sich in Peddersens Gasse begab, etwas Schriftliches hinterließ? In diesem Falle wäre doch schon nach wenigen Stunden eine Entdeckung zu befürchten gewesen. Nehmen wir einmal an, der Sohn kommt bereits um halb elf Uhr zurück. Da findet er einen Zettel vor, auf dem der Vater ihm mitteilt, er wäre nach Peddersens Gasse gegangen. Nehmen wir weiter an, der junge Vastrup hat dem Alten etwas Wichtiges mitzuteilen. Was wird er tun? Natürlich begibt er sich ebenfalls nach Peddersens Gasse und überrascht den Mörder dabei, wie er gerade im Begriff ist, den Leichnam seines Vaters zu verscharren.«

»Und was schließen Sie daraus?«

»Lieber Kollege«, erwiderte Benson leicht vorwurfsvoll, »merken Sie denn nicht, daß sich der Mörder, man mag es drehen wie man will, durchaus unlogisch verhalten hat? Nehmen wir an, er hat im Affekt gehandelt, so sehen wir, wie er sofort Vorsichtsmaßregeln ergreift, um seine Entdeckung zu verhindern, diese aber in dem Augenblick abbricht, wo sie anfangen, wirksam zu werden. Nehmen wir aber an, daß er vorsätzlich handelte, so ist sein Verhalten erst recht unlogisch zu nennen. Zuerst schützt er sich überhaupt nicht vor Entdeckung, dann macht er einen schüchternen Versuch dazu, bricht ihn aber sogleich wieder ab.«

»Und warum, glauben Sie, hat Vastrup seinem Sohn keine Mitteilung hinterlassen, daß er nach Peddersens Gasse gegangen war?«

»Ja, sehen Sie: das ist eine äußerst verblüffende Tatsache. Vater und Sohn waren so aufeinander eingestellt, daß sie sich über jede Kleinigkeit, die sie taten oder unterließen, auf dem laufenden hielten. Der junge Vastrup findet aber lediglich eine Mitteilung des Inhalts vor, daß sich sein Vater zu der Architektenfirma begeben habe. Nun, das hatten die beiden am Morgen ja schon besprochen. Der Zettel mit dieser Mitteilung war daher vollständig überflüssig. Stattdessen aber fehlt die viel wichtigere Mitteilung, er wäre nach Peddersens Gasse gegangen. Dieser Umstand hat mich auf eine neue Vermutung gebracht: Glauben Sie, Hunt, daß der Alte einen Grund gehabt haben kann, den Besuch in Peddersens Gasse vor dem Sohn geheimzuhalten?«

Könnte mir eigentlich einen solchen Grund kaum denken.«

»Wir müssen drei Möglichkeiten beachten: Die erste ist die, daß der alte Vastrup erst nach dem Weggang seines Sohnes veranlaßt wurde, sich nach Peddersens Gasse zu begeben. In diesem Falle hätte er aller Wahrscheinlichkeit nach eine Nachricht hinterlassen. Die zweite Möglichkeit ist die, daß er die Aufforderung, nach Peddersens Gasse zu kommen, erst erhielt, als er selber schon unterwegs war. In diesem Fall konnte er natürlich eine Mitteilung für seinen Sohn nicht hinterlassen. Es bleibt aber noch eine dritte Möglichkeit: der Alte hat seinem Sohn absichtlich keine Mitteilung gemacht, weil er seinen Besuch in Peddersens Gasse vor ihm geheimhalten wollte.

Welche dieser drei Möglichkeiten nun die richtige sein dürfte, erhellt, meiner Meinung nach, aus gewissen anderen Tatsachen. Da ist zunächst einmal die alte verrostete Tabakdose, die jahrelang verschlossen in der Erde gelegen haben muß, später aber geöffnet wurde. Und da ist zweitens die Tatsache, daß der alte Vastrup vor vielen Jahren eine Reparatur in dem betreffenden Kellerraum auszuführen hatte und bei der Gelegenheit die Erde aufgegraben hat.

Fügen wir eins zum andern, so drängt sich einem förmlich ein Gedanke auf, den man kaum auszusprechen wagt, weil er einem fast ein wenig lächerlich vorkommt.«

»Und was ist das für ein Gedanke?« fragte der Inspektor gespannt.

»Daß der alte Vastrup vor vielen Jahren im Keller irgendetwas vergraben und am Morgen des zweiten März dieses Jahres wieder ausgegraben hat!«

Der Inspektor sprang auf. »Ja! Natürlich!« rief er aufgeregt. »Und der Mörder hat um diese Sache gewußt, oder er hat Vastrup beim Ausgraben dieses – sagen wir einmal: Schatzes – überrascht.«

»Eine Theorie – mehr nicht!« sagte Benson, die Achseln zuckend. »Und bei alledem bleibt die Frage unbeantwortet: warum hat der Mörder den Zementfußboden über dem Grabe seines Opfers nicht wieder hergestellt?«

Etwas ernüchtert setzte Hunt sich wieder auf seinen Platz.

»Kehren wir auf den Boden der Tatsachen zurück!« fuhr Benson fort. »Unsere nächste Aufgabe wird die sein, daß wir uns bemühen, den Besitzer der hölzernen Pferde festzustellen, seinen Aufenthaltsort zu ermitteln und ihn festzunehmen, falls er sich nicht freiwillig melden sollte.« Er reichte Hunt sein Notizbuch. »Wollen Sie das übernehmen, Herr Kollege? Setzen Sie sich mit den Leuten vom Erkennungsdienst in Verbindung und gleichzeitig mit der Behörde, welche die Liste über alle fahrenden Leute führt. In meinem Notizbuch finden Sie alles, was wir über den Mann in Erfahrung gebracht haben.«

Als der Oberinspektor allein war, zog er die Schieblade auf, holte das bei dem Toten gefundene Taschenmesser hervor und hielt die abgebrochene Klinge, die die Polizisten aus dem Erdhaufen herausgesiebt hatten, an die Bruchstelle. Die beiden Stücke paßten genau zusammen. Befriedigt legte er Messer und Klinge in die Schieblade zurück und griff nach einem kleinen Kästchen, in dem sich die halbvermoderten Papierschnitzel befanden, die sich ebenfalls in der aufgeworfenen Erde gefunden hatten. Eine Weile betrachtete er sie sinnend, dann begann er, die vergilbten Fetzen zu einem Ganzen zusammenzusetzen. Aber so sehr er sich auch bemühte, war nicht mehr herauszubringen, als das Datum.

…tag, den 15. August 1910.


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