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XIV.

»Im städtischen Krankenhause war Lars Larsen nur drei Tage«, berichtete Inspektor Hunt. »Dann sollte er in die Behandlung eines Spezialisten kommen, da seine Nerven durch das Unglück und wohl auch durch übermäßigen Alkoholgenuß äußerst angegriffen waren. Auf dem Wege nach der Nervenheilanstalt ist es ihm irgendwie geglückt, die Wachsamkeit seiner Begleiter zu täuschen und zu fliehen. Er scheint an Verfolgungswahn gelitten zu haben, sofern er nicht ein böses Gewissen hatte. Jedenfalls hat man seit jenem Tage nichts mehr von ihm gehört.«

»Wissen Sie, an welchem Tage Larsen in das Krankenhaus eingeliefert wurde?« fragte Benson.

»Am dritten März.«

»Sind Sie dessen sicher?«

»Durchaus.«

»Dann bleibt also die Möglichkeit bestehen, daß er der Mann ist, den wir suchen«, seufzte Benson. »Und doch will mir das nicht recht in den Kopf. Es gibt zuviele Momente, die in eine andere Richtung deuten. Das ist eben das Unglück an dieser ganzen Geschichte: Die Indizien, die wir bisher gefunden haben, streben auseinander, statt sich zu einem einheitlichen Bilde zusammenzufügen.«

»Ja«, stimmte der Inspektor zu, »es ist gerade so, als verwirrten die Fäden sich immer mehr, je länger wir versuchen, Ordnung in die Geschehnisse zu bringen. Am ersten März wurde der Kellerfußboden in Peddersens Gasse aufgebrochen, am zweiten März verschwand Bernhard Vastrup, und am dritten März wurde Lars Larsen in das Krankenhaus eingeliefert. Das wissen wir. Aber wie – stehen diese Dinge miteinander in Beziehung?«

»Wir wissen ferner«, ergänzte Benson, daß der Neger den Kellerfußboden aufgeschlagen hat, und wir wissen auch, daß er es im Auftrage eines Unbekannten tat. Aber weshalb wurde ihm dieser Auftrag erteilt? War der Zweck von vornherein der, für einen Mann, der getötet werden sollte, ein Grab zu graben? Oder wurde die aus anderen Gründen ausgeworfene Grube zufällig zum Grab des Ermordeten? – Weiter! – Da haben wir den Hausmeister! Das Verhalten dieses Mannes ist mir von Anfang an sonderbar vorgekommen. Aber nehmen wir an, Sörensen habe Vastrup im Keller verscharrt: hätte er dann nicht alle Ursache gehabt, den Zementfußboden über das Grab legen zu lassen? Warum ist er zum Hauswirt gegangen und hat angeregt, den Erdboden aufzugraben und die Kloakenleitung nachzusehen?«

»Ich weiß nicht recht, Herr Oberinspektor, aber vielleicht ist Sörensen viel durchtriebener, als Sie annehmen. Denken Sie einmal an die Rattenplage. Ich halte es für möglich – wenn wir Sörensen als den Täter voraussetzen –, daß er anfangs wohl daran gedacht hat, sein Opfer unter einem frischen Zementfußboden für immer verschwinden zu lassen. Aber dann mag er an die Ratten und die durch sie gefährdete Leitung gedacht haben. Er wird sich etwa gesagt haben: lasse ich jetzt den Fußboden wiederherstellen und muß ihn dann später wieder aufschlagen lassen, weil die Kloakenleitung entzwei ist, so komme ich zu allererst in Verdacht, weil ich den Fußboden ausbessern ließ. – Denn verheimlichen ließ sich das ja nicht, und versuchte er es zu verheimlichen, so hätte ihn das nur um so mehr belastet. – Dringe ich aber jetzt darauf, daß man den Erdboden aushebt, wird er sich gesagt haben, so wird man an mich als Täter in allerletzter Linie denken.«

»Glauben Sie wirklich, daß Sörensen eines so raffinierten Gedankenganges fähig ist?«

»Warum nicht?«

»Weil er ein viel zu primitiver Mensch ist. Vielleicht ist er verschlagen; aber das, was Sie ihm da soeben andichteten, ist mehr als Verschlagenheit. Seine Primitivität würde ihm raten, den Toten so gut, wie es eben geht, zu verbergen, und dazu würde in jedem Falle das Wiederherstellen des Zementfußbodens gehört haben.

Und das beweist mir eigentlich, daß er nicht als Täter in Frage kommt. In jedem Falle würde er nie von selber auf eine so raffinierte Überlegung verfallen. Ich möchte den Verdacht gegen ihn daher dahingehend einschränken, daß er den Täter vielleicht kennt. Darauf deutet ja auch die Geschichte mit dem Spaten.«

»Sie meinen, daß Sörensen seinen Anfall bekam, als ich den Spaten gefunden hatte?«

»Ja. Ob Sörensen Täter oder nur Mitwisser ist, spielt deshalb vorderhand keine Rolle. Auf jeden Fall bin ich fest davon überzeugt, daß er genau wußte, wo der Spaten war. Sein Erschrecken, als er plötzlich zum Vorschein kam, ist typisch. So erschrickt ein Kind, das etwas zerbrochen hat, es auf eine primitive Art versteckt und nun glaubt, niemand wird es finden. Es denkt, durch ein Wunder würde es unsichtbar bleiben. Das Erschrecken ist dann nicht so sehr ein Erschrecken über die Entdeckung als vielmehr über die Erkenntnis, daß das Wunder nicht eingetreten ist.«

»Na, das ist mir ein wenig zu hoch«, lächelte der Inspektor. »Aber halten Sie es nicht für außerordentlich wichtig, daß es sich bei dem betreffenden Spaten um Vastrups Eigentum handelte?«

»Selbstverständlich. Gerade dieser Umstand erklärt manches. Ich habe versucht, Ihnen die Gründe darzulegen, warum Sörensen als Täter nicht in Frage kommt. Es handelt sich um einen unbekannten Dritten, der sich bis jetzt noch hinter dem Hausmeister versteckt. – Überlegen wir weiter! Der Spaten ist Vastrups Spaten; daran besteht kein Zweifel. An jenem verhängnisvollen Vormittag begab er sich also nach Peddersens Gasse und nahm einen Spaten mit. Wir müssen jetzt fragen: was wollte Vastrup in Peddersens Gasse mit einem Spaten?«

»Ich glaube, für diese Frage hatten Sie schon einmal eine Erklärung.«

»Ganz recht, ich stellte die Hypothese von einem vergrabenen Schatz auf. Vastrup wollte etwas ausgraben, von dem er wußte, daß es an dieser Stelle vergraben war. Wir müssen also annehmen, daß er es war, der die Erde herausgeschaufelt hat. Wir wissen ferner, daß der Neger den Zementfußboden aufbrach. Wer aber hat ihm den Auftrag dazu gegeben?«

»Vastrup?«

Benson schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, daß er als Fachmann es zugelassen hätte, daß der Neger dem Zementfußboden auf eine so laienhafte Art zuleibe ging. Und warum da die ganze Geheimnistuerei? Hätte Vastrup nicht jedem Neugierigen erzählen können, er habe die Kloakenleitung zu reparieren?«

»Ja, jedem – aber nicht Sörensen!«

»Richtig, Hunt! – Nehmen wir also an, Sörensen durfte von der Schatzgeschichte nichts wissen. Trotzalledem müssen wir damit rechnen, daß Sörensen von dem Mord etwas weiß und auch, daß er den Mörder kennt. Das aber heißt soviel wie: Sörensen deckt den Mörder Vastrups!

Einmal kam mir ganz flüchtig der Gedanke, der Neger könne der Täter sein. Das aber erscheint mir jetzt als höchst unwahrscheinlich. Warum sollte Sörensen den Neger decken? Es muß sich um einen dritten handeln, von dem wir bis heute noch nichts wissen.«

»Vielleicht der Mann mit den hölzernen Pferden?« meinte Hunt.

»Vielleicht!« erwiderte Benson zögernd. »Aber auch das will mir nicht recht in den Sinn. Wir wissen gar zu wenig von ihm, und solange er nicht gefunden ist, ziehe ich es vor, meine Theorie auf die Tatsachen zu gründen, die wir kennen. Überlegen wir weiter! –

Wenn es sich um einen Schatz handelte, der im Keller vergraben lag, so wußte Vastrup nicht allein von diesem Schatz, sondern noch ein dritter. Und dieser dritte ist identisch mit demjenigen, der dem Neger den Auftrag gab, den Zementfußboden aufzubrechen und – mit dem Mörder Vastrups.«

»Wieder der große Unbekannte!« seufzte der Inspektor.

»Es ist da noch ein merkwürdiger Umstand, der mich zuerst stutzig machte«, fuhr Benson achselzuckend fort. »Warum gibt man einem Unbeteiligten, – nämlich dem Neger – den Auftrag, den Zementfußboden aufzubrechen, um sich hinterher selber der Mühe zu unterziehen, das Erdreich herauszugraben? Auch dieser Umstand weist meines Erachtens auf ein Geheimnis hin, das die Erde barg, und von dem kein dritter etwas wissen durfte.

Denken Sie jetzt einmal an jene alte Tabaksdose, die wir in der Erde fanden! Wir stellten fest, daß sie länger in der Erde gelegen haben muß, als der Tote. Ihr Deckel war festgerostet gewesen und war dann mit Gewalt geöffnet worden. Vermutlich hat sie den Schatz – oder was es gewesen sein mag – enthalten, den Vastrup ausgegraben hat oder ausgraben wollte.«

»Sie meinten doch, die Dose röche nach irgendetwas, ohne daß Sie wüßten, wonach? Wissen Sie es jetzt?«

Benson schüttelte den Kopf und holte die alte Dose aus der Schieblade seines Schreibtisches heraus. Nachdenklich schnupperte er daran und zuckte schließlich resigniert die Achseln.

»Ich weiß es nicht«, sagte er verdrießlich. »Der Duft ist sehr schwach, aber er ist ohne Zweifel vorhanden. Das Merkwürdige ist, daß mich dieser schwache Duft immer wieder an meine Kindheitsjahre erinnert.«

Der Inspektor roch ebenfalls an der Dose.

»Ich weiß nicht«, sagte er nach mehreren vergeblichen Versuchen, »ich rieche nichts.«

»Kann sein, ich täusche mich«, meinte Benson. »Aber das ist auch einerlei. – Überlegen wir weiter! Da ist noch der Umstand, daß die Geldbörse fehlt, die Vastrup bei sich gehabt haben muß. Da das Geld in der Brieftasche nicht verschwunden ist, scheidet die Annahme aus, daß es sich um einen einfachen Raubmord handelt. Ich vermute aber, daß der Mörder die Börse an sich nahm, um für den Fall, daß der Leichnam über kurz oder lang gefunden würde, einen Raubmord vorzutäuschen.«

»Das könnte wohl stimmen.«

»Fällt Ihnen nicht auf, daß der Täter eigentlich recht inkonsequent zu Werke gegangen ist? Bald geht er scharfsinnig und bedacht vor, dann macht er wieder Fehler über Fehler. Ich habe lange über dieses Phänomen nachgedacht. Schließlich bin ich zu dem Schluß gekommen, daß diese Unlogik im Handeln nur einen einzigen Grund haben kann, nämlich den, daß der Täter einen Helfer hatte. Er selbst handelte durchtrieben und vorsichtig, sein Helfer plump und dumm.«

»Und Sie glauben, daß Sörensen – –?«

»Ja!, Sörensen hat meiner Meinung nach die Rolle des ungeschickten Helfers gespielt. Leider macht das den Fall noch schwieriger und undurchsichtiger, denn der Hausmeister ist bis auf weiteres nicht in der Lage, irgendwelche Fragen zu beantworten.«

Das Telephon schrillte. Benson stand auf und hielt den Hörer an das Ohr. »Ein Telegramm aus Helsingör? Schicken Sie es mir sofort herauf! Danke.«

»Da wir auf dem bisherigen Wege vorläufig nicht weiter kommen«, wandte er sich wieder an den Inspektor, »müssen wir versuchen, das Problem einmal von einer ganz anderen Seite anzupacken.

Das eigentliche Motiv dieser Mordtat – wenn wir sie der Einfachheit halber weiter so nennen wollen, obwohl Vastrup einem Herzschlag erlegen ist – wurde bisher nicht klar. – Meistens liegt es ja so: ist das Motiv einer Tat nicht ohne weiteres zu erkennen, so ist es in der Vergangenheit zu suchen. Ich möchte deshalb einmal einen Ausflug in diese Vergangenheit unternehmen – nicht aufs Geradewohl natürlich, sondern in der Richtung, die jener Zeitungsausschnitt andeutet, den wir in Vastrups Brieftasche gefunden haben.«

»Glauben Sie denn, daß diese seltsame, mehr als zwanzig Jahre zurückliegende Zeitungsnotiz von dem nicht gefaßten Einbrecher etwas mit der Tat in Peddersens Gasse zu tun haben könnte?« fragte Hunt verwundert.

Benson wiegte den Kopf. »Sehen Sie –« erwiderte er sinnend, »ich habe bemerkt, daß die beiden Geschehnisse, die um mehr als zwanzig Jahre auseinanderliegen, von einem dünnen Faden zusammengehalten werden. Und dieser dünne Faden ist ein kaum leserliches Datum auf einem halbverfaulten Zeitungsschnitzel.«

In diesem Augenblick klopfte es an die Tür, ein Beamter trat ein und legte ein weißes Blatt vor Benson auf den Tisch.

»Aha, das Telegramm aus Helsingör«, sagte der Oberinspektor. Er überflog es mit den Blicken und las es dann laut vor:

»Männlicher Leichnam an der Küste, Nähe Helsingör, geborgen. Signalement mit Steckbrief des angeblichen Conni Nielsen übereinstimmend – Papiere des Toten lauten auf den Namen Lars Larsen – Unglücksfall wahrscheinlich – Drahten was tun –

Kriminalpolizei Helsingör.«

»Auch das noch!« seufzte Benson. »Einer der wichtigsten Zeugen ist uns auf- und davongegangen, – in ein Land, das bestimmt keine Auslieferung kennt.«

»Lars Larsen? – Vielleicht Vastrups Mörder?« rief Hunt.

»Vielleicht«, erwiderte Benson, sinnend durch das Fenster blickend.


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