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XVI.

So unbeliebt, wie an diesem Tage, hatte sich Oberinspektor Benson im Amt noch nie gemacht. Schwitzende Polizisten mit wütenden Gesichtern mußten ganze Berge von Akten herbeischleppen. Sie türmten sich auf seinem Schreibtisch so hoch auf, daß man nur noch seinen Haarschopf darüber hinausragen sah.

Inspektor Hunt war der Verzweiflung nahe, aber auch Benson schien etwas betroffen zu sein.

»Ich habe doch nur um die Polizeiakten des Jahres 191O gebeten«, sagte er mit leichtem Vorwurf. Der Polizist, der vor ihm stand, zuckte die Achseln. »Das ist alles 191O, Herr Oberinspektor, und zwar von Januar bis Juni einschließlich. Die andern kommen noch.«

»Nein«, sagte Benson, »das ist entschieden zu viel. Bringen Sie mir zunächst nur die Akten des Monats August.«

» 1910

»Ja, natürlich!« Der Polizist verschwand.

»Hören Sie mal, Kollege Hunt«, wandte Benson sich an den Inspektor. »Gehen Sie doch bitte mal rasch nach Peddersens Gasse und fragen Sie Frau Sörensen, wo ihre Tochter in Stellung ist. Ich möchte sie telephonisch herbeibeordern, da mir eingefallen ist, daß wir sie überhaupt noch nicht vernommen haben. Man kann nicht wissen; vielleicht kann uns das Mädel mehr erzählen, als die andern alle zusammen. Die tun ja gerade, als wüßten sie überhaupt nichts.«

Hunt kroch in seinen Mantel und ging davon, nicht ohne vorher einen mitleidigen Blick auf Benson und das Aktengebirge vor ihm geworfen zu haben.

Als der Oberinspektor allein war, begann er zu überlegen. Er betrachtete den vergilbten Papierschnitzel, den die Polizisten aus der Erde herausgesiebt hatten. Dieser trug das gerade eben noch lesbare Datum: 15. August 1910. Der Zeitungsausschnitt aus Vastrups Brieftasche war vom 16. August. Die Angabe des Jahres fehlte.

Dann begann er in den Aktenbündeln zu wühlen, bis er eine gewisse Mappe gefunden hatte. Er schlug sie auf und las.

Eine Stunde lang war in dem kleinen Amtszimmer nichts anderes zu hören als das erregte Rascheln und Knistern der eingehefteten Blätter. Zunächst fand er nichts, was für ihn von Interesse gewesen wäre: Messerstechereien englischer Matrosen, Überschreitung der Schankstunden, die Vernehmung eines des Falschspiels Verdächtigen, grober Unfug, eingeworfene Straßenlaternen, ein Fall von Kuppelei, ein festgenommener Bettler –

Endlich aber, als er schon der Verzweiflung nahe war, stieß er auf ein Protokoll, das ihn für alle Mühe entschädigte.

Es war darin von einer Anzeige gegen eine gewisse Amalie Jensen die Rede, die beschuldigt war, ihrer Herrschaft in Charlottenlund eine Perlenkette entwendet zu haben. Aus dem Protokoll war zu ersehen, daß ein Zweifel an der Schuld des Mädchens kaum bestand. Der Fall war dann dem zuständigen Gericht übergeben worden.

Benson entzündete sich eine seiner pechschwarzen Zigarren, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und begann angestrengt nachzudenken.

Zweifellos bestand eine Verbindung zwischen der Zeitungsnotiz aus Vastrups Brieftasche und diesem Perlendiebstahl. Beide Ereignisse fanden am gleichen Tage in Charlottenlund statt. Daß der alte Vastrup die Notiz bis in sein hohes Alter hinein behalten hatte, entsprang offenbar dem Wunsch, sie als eine Art Urkunde aufzubewahren.

War denn Bernhard Vastrup etwa jener verscheuchte Einbrecher in Charlottenlund gewesen?

– Hatte er zu dieser Amalie Jensen Beziehungen unterhalten? – Eine etwas verwegene Hypothese, gestand Benson sich selber ein. Aber unmöglich?

– Durchaus nicht!

Sollte in Charlottenlund der Schlüssel zu dem Geheimnis von Peddersens Gasse zu suchen sein?

Der Inspektor riß ihn aus seinen Gedanken.

»Sie haben wieder einmal recht gehabt, Herr Oberinspektor«, sagte er. »Es sieht tatsächlich so aus, als könnte dieses Mädel, die kleine Sörensen, uns auf die richtige Spur führen.«

»Erzählen Sie!« rief Benson in größter Spannung.

»Glauben Sie, die Alte wollte mit der Sprache heraus, als ich sie fragte, wo wir das Mädel finden könnten? Es war direkt verdächtig, wie sie immer wieder beteuerte, ihre Tochter hätte gar nichts mit der Sache zu tun. Wo sie doch nur einige Fragen beantworten soll! Schließlich sagte ich: ›Wollen Sie das Haus nun nennen, in welchem Ihre Tochter tätig ist? – Ja oder nein?‹ Sie kam immer noch nicht mit der Sprache heraus. Da sagte ich: ›Ja, bilden Sie sich denn wirklich ein, wir kriegen das nicht auch ohne Sie heraus?‹ Nun saß sie fest. Sie druckste noch ein bißchen herum und gestand dann schließlich, Estrid wäre bei den Skoernings in Charlottenlund.« – – –

»Bei den Skoernings in Charlottenlund?« wiederholte Benson mit einem Gesicht, als höre er nicht recht.

»Ja, bei Skoernings in Charlottenlund. Ist das so was Besonderes? Übrigens, als Frau Sörensen die Tür hinter mir schloß, rief sie mir noch etwas nach, was mich veranlaßte, auf schnellstem Wege hierher zu kommen.«

Benson griff nach seinem Überzieher, der an der Tür hing, und fragte: »Was rief sie Ihnen denn nach?«

»Wir würden doch zu spät kommen.«

Benson starrte ihn sekundenlang betroffen an, dann raste er aus der Tür, während er auf dem Wege über den Flur in seinen Mantel schlüpfte. Hunt vermochte kaum, ihm zu folgen. Beim Pförtner meldete er einen Polizeiwagen an, der wenige Minuten später bereitstand. Dann sausten sie auch schon in nördlicher Richtung davon.

»Der Teufel soll mir ein Ohr abbeißen, wenn ich ahne, was los ist«, grollte der Inspektor, als er neben Benson in dem dahinrasenden Wagen saß. »Ich möchte wissen – –.«

»Sonst was Besonderes über den Besuch bei Frau Sörensen zu berichten?« schnitt ihm der Oberinspektor das Wort ab.

»Nicht, daß ich wüßte«, antwortete Hunt. »Lassen Sie mich nachdenken.«

»Schon gut!« sagte Benson ungeduldig. »Wissen Sie, was ich in den Akten gefunden habe? Eine polizeiliche Vernehmung aus dem Jahre 1910. Eine gewisse Amalia Jensen wurde beschuldigt, ihrer Herrschaft in Charlottenlund eine Perlenkette gestohlen zu haben. Diese Herrschaft waren die Skoernings.«

»Bei denen jetzt die kleine Sörensen in Dienst ist?«

»Ja. Ist das nicht auffallend?«

»Was ist auffallend?«

»Aber Menschenskind!, daß die Tochter an derselben Stelle Dienst tut, wo einst vor mehr als zwanzig Jahren die Mutter – – –.«

»Wieso die Mutter –?«

Benson lachte. »Ach so. Sie ahnen wohl noch gar nicht, daß Frau Amalia Sörensen mit ihrem Mädchennamen Amalia Jensen geheißen hat?«

Hunt starrte ihn an. »Und in demselben Hause dient jetzt die Tochter?«

»Ja.«

»Das verstehe ich nicht«, brummte der Inspektor kopfschüttelnd.

Benson nickte ingrimmig:

»Ich um so besser!«


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