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Niels Jasking war ein wohlbeleibter Mann mit langsamen, gemessenen Bewegungen, der die meiste Zeit seines Lebens in einer schmierigen Hose und ebensolcher Weste steckte. Doch zu seiner Ehre soll gesagt sein, daß das dunkelblaue Wollhemd, welches er auf dem Leibe trug, auch ab und zu wirklich einmal gewaschen wurde. Sein Gesicht bestand aus einer runden, knollenförmigen Nase, fetten Hängebäcklein und kleinen, verstohlen blickenden Schweinsäuglein. Seine Hände waren fleischig und besaßen kurze, gedrungene Wurstfinger. Er war unsagbar faul, und hätte er nicht das nötige Geld für sich und seine Familie irgendwie verdienen müssen, so hätte er sicher überhaupt nicht gearbeitet. Er tat es aber auch nur, wenn ihm einfach keine andere Wahl mehr blieb.
Als Sörensen ihm den Vorschlag machte, die Arbeit im Keller zu übernehmen, kratzte er sich übelgelaunt hinter den Ohren.
»Fünfzehn Kronen hat der alte Halsabschneider bewilligt? Verdammt wenig Geld für so viel Arbeit! Wenn ich es nicht gerade so brennend nötig hätte, würde ich dem alten Haifisch sagen, er solle sich gefälligst seinen Dreck alleine machen.«
Mit seinem komisch hüpfenden Gang folgte er dem Hausmeister in den Keller, starrte nachdenklich auf den Haufen von Zementscherben und Erde, riß schließlich den Mund auf und schabte sich hörbar mit den Fingernägeln über das unrasierte Kinn.
»Eigentlich ist es ja Blödsinn, die Erde auszugraben, Sörensen«, meinte er. »Oder glauben Sie, daß da unten wirklich etwas kaputt ist?«
Der Hausmeister zuckte die Achseln. »Die Ratten, Niels, dieses verdammte Viehzeug! Möglicherweise haben sie sich da unten einen Bau gegraben. Wenn wir das nun hier oben mit Zement zumachen, können sie nicht mehr raus und fangen an, uns die Leitungen durchzunagen. Dann haben wir erst die Bescherung. Glauben Sie, der Alte würde hinterher auch nur einen Öre herausrücken, damit der Schaden behoben wird? Dann haben Sie also doppelte Arbeit.«
»Hm!« machte Niels Jasking nachdenklich und schnupperte mit seiner kleinen Knollennase aufgeregt in der Luft herum. »Wie das hier komisch riecht! Finden Sie nicht auch, Sörensen?«
»Wo Ratten sind, riecht es immer so«, belehrte ihn der Hausmeister.
»Hm. Müssen mal Gift auslegen. Meerzwiebeln sind, glaube ich, am besten.« Mit einem wehmütigen Blick streifte er nochmals die Arbeitsstätte, die seiner Tätigkeit harrte und seufzte schwer. »Na, dann werde ich mir wohl einen Spaten holen müssen.«
»Ist nicht nötig. Habe einen bereit gestellt. Hier ist er schon. Sie können also gleich anfangen.«
Niels Jasking nahm seufzend den Spaten in die Hand, rückte mit dem Zeigefinger den steifen Hut in den Nacken, wischte sich ein paar nicht vorhandene Schweißtropfen von der Stirn, seufzte noch einmal tief auf und stieß den Spaten, nachdem er die Zementscherben beiseite geräumt hatte, in das weiche Erdreich. –
* * *
Estrid Sörensen sah in dem einfachen, netten Straßenkostüm so reizend aus, daß der junge Mann, der sie schon voller Ungeduld erwartet hatte, sie mit leuchtenden Augen betrachtete. Ein scharfer Beobachter hätte aber sicher den unverhüllten Zug ernster Trauer in seinem hübschen, offenen Gesicht wahrgenommen, den auch die Freude über die Begegnung mit dem Mädchen nicht zu verdecken vermochte.
»Wie schön, Fräulein Estrid, daß Sie gekommen sind!« sagte er. »Hoffentlich ist Ihre Zeit nicht wieder so knapp.«
Sie reichte ihm die Hand zur Begrüßung. »Das ist heute vormittag nicht so schlimm, Herr Vastrup«, erwiderte sie mit einer wohlklingenden Stimme. »Vater hat alle Hände voll zu tun und wird mich kaum vermissen. – Wissen Sie das Neueste? Ich habe mich heute morgen um eine Stelle beworben; raten Sie einmal, ob ich sie bekommen habe!«
Er nickte ernsthaft. »Natürlich! Wer könnte Sie wohl nicht haben wollen, Fräulein Estrid? Ich hoffe nur, daß es eine gute Stelle ist.«
Das Mädchen nickte lebhaft: »Es ist dasselbe Haus, in dem Mutter als Mädchen gedient hat. Darum hat sie mir auch geraten, mich um die Stelle zu bewerben, als sie die Anzeige in der Zeitung las. Sie hat es sehr gut bei Skörnings gehabt. Übrigens wollte Mutter nicht, daß ich mich als ihre Tochter vorstellte. Sie meinte, ich sollte Skörnings mit dieser Enthüllung erst überraschen, wenn ich einige Zeit im Hause gewesen wäre und mir ihre Zufriedenheit erworben hätte. Ich finde, Mutter hat ganz recht. Die Leute sollen mich um meiner selbst willen schätzen, nicht weil ich Mutters Tochter bin. Ich bin froh, daß ich die Stelle bekommen habe. – Denken Sie – ich soll vierzig Kronen im Monat haben!«
»Ein schönes Stück Geld«, gab er widerstrebend zu. Sie merkte, daß ihm etwas an der Geschichte nicht gefallen wollte, und sie wußte auch, was es war.
Plötzlich blieb er stehen und schaute sie ernst an.
»Am liebsten wäre es mir, wenn Sie gar nicht mehr in Stellung gingen, Fräulein Estrid. Sie wissen ja, ich hatte schon in allernächster Zeit mit Ihren Eltern reden wollen. Aber wo das nun gekommen ist –« Ein tiefer Schatten zog sich über sein Gesicht.
»Haben Sie noch immer nichts von Ihrem Vater gehört?« fragte Estrid teilnahmsvoll.
»Nichts!« – Es ist eine rätselhafte Geschichte, und ich fürchte, daß Mutter sich sein Verschwinden so zu Herzen nimmt, daß man für ihren Verstand fürchten muß. Diese quälende Ungewißheit, dieses Warten von Tag zu Tag – es ist fürchterlich. Ich weiß nicht, wieviele Leichen ich mir schon im Schauhaus ansehen mußte. Und wie oft ich auf der Polizeistation gewesen bin! Von Vater fehlt bis heute jede Spur.«
»Ist es nicht schon gut einen Monat her, seitdem er das Haus verließ und nicht wieder zurückkam?«
Kai Vastrup nickte stumm.
Ganz genau entsann er sich der Umstände, unter denen er Vater zum letzten Male gesehen hatte. Er war an dem betreffenden Morgen bei einem Kunden gewesen, in dessen Hause er eine Lichtleitung zu legen hatte. Als er fortgegangen war, hatte der Vater gesagt, er wolle bei einer Architektenfirma vorsprechen, und er hoffe, von ihr einen größeren Auftrag zum Bau eines Wohnhauses zu bekommen.
Gegen elf Uhr war Kai mit seiner Arbeit fertig gewesen. Als er nach Hause zurückgekommen war, hatte er nur einen Zettel seines Vaters mit folgendem Inhalt vorgefunden:
Bin zu Andresen & Co. gegangen. Werde vor Mittag nicht zurück sein. Besorge das halbzöllige Bleirohr für Frau Gelderups Springbrunnen.
Vater.
Das war das letzte Lebenszeichen seines Vaters gewesen. Er war dann weder am Mittag, noch am Abend nach Hause gekommen. Man hatte bei der Architektenfirma Andresen & Co. nachgefragt, aber der Vater war überhaupt nicht dort gewesen. Niemand wußte etwas von ihm, und keiner hatte ihn gesehen. Nicht der geringste Anhaltspunkt, wohin Bernhard Vastrup sich gewandt haben konnte, war zu finden gewesen. Und jetzt nach beinahe fünf Wochen hatte man noch immer nichts von ihm gehört.
»Ihre arme Mutter tut mir wirklich leid«, sagte Estrid mit feuchten Augen.
Kai nickte und starrte mit leerem Blick in die Weite. Eine ganze Weile gingen sie stumm nebeneinander her, ein jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Plötzlich blieb Kai stehen und blickte das Mädchen fragend an.
»Wenn Sie nun diese Stelle antreten, werde ich Sie wohl kaum mehr sehen können, Fräulein Estrid?«
»Warum denn nicht? Ich habe doch jede Woche meinen freien Tag.«
»Und Sie werden dann immer nach Hause kommen?«
»Natürlich.«
Kai schwieg, und sie gingen zusammen ein Stückchen weiter. Nach einer Weile fragte er: »Wo wohnen die Skörnings eigentlich?«
»In Charlottenlund.«
»Das ist ziemlich weit von hier. Aber ich sehe Sie doch sicher noch einmal, ehe Sie fortgehen?«
»Ich soll die Stelle bereits morgen früh antreten, weil das letzte Mädchen zu ihrer kranken Mutter fahren mußte und ihre Stelle deshalb plötzlich verlassen hat.«
»Und wie ist es mit heute abend?«
Einen Augenblick zögerte Estrid mit der Antwort. »Ich weiß nicht recht«, sagte sie unsicher. »Sie wissen ja, Vater sieht es nicht gern, wenn ich abends fortgehe. Und – er schläft immer so schlecht in der letzten Zeit.«
»Ach, bitte«, sagte er ihre Hand ergreifend, »versuchen Sie es doch, auf eine halbe Stunde herunterzukommen. – Wollen Sie? – Ja?«
»Ich werde sehen, was ich tun kann. Auf Wiedersehen, Herr Vastrup!«
»Auf Wiedersehen, Fräulein Estrid!«
Ein paar Sekunden hielt er noch ihre Hand fest und sah sie bittend an. Dann trennten sie sich. –
* * *
Hausmeister Sörensen stand in der Mitte von Peddersens Gasse und sah den beiden weißbeschürzten Arbeitern zu, die auf kleinen Handkarren duftende Orangenkisten aus dem Keller fuhren und sie dann auf ein bereitstehendes Auto verluden. Ihn fröstelte, denn es wehte ein frischer Wind. Hier und da verrieten die Pfützen, die in den Löchern des holprigen Pflasters standen, daß es am frühen Morgen geregnet hatte. Auch sonst war der Aufenthalt in Peddersens Gasse nicht gerade angenehm. Die Maschinen der kleinen Druckerei stampften, aus der Schlosserei dröhnten rhythmische Hammerschläge herüber und von der offenen Seite des Hofes das Geschrei spielender Kinder. Über allem lagerte der süßlich-ranzige Geruch siedenden Fettes.
Der Hausmeister wollte sich schon zum Gehen wenden, als plötzlich Jasking die Kellertreppe heraufgestürmt kam. In seinem grauen Gesicht waren die Augen vor Entsetzen weit aufgerissen. Seine Zähne schlugen aufeinander, so daß er zunächst kaum ein Wort hervorzubringen vermochte.
»Was ist denn mit Ihnen los?« brummte Sörensen verdrießlich. »Wohl besoffen, was?«
»Gräßlich! Gräßlich!« stöhnte Jasking. »Kommen Sie mit, Sörensen! – Nein! – Gehen Sie lieber allein! – Ich halte das nicht noch einmal aus!«
»Was ist denn los, zum Donnerwetter noch einmal?!« fuhr Sörensen ihn wütend an.
»Gehen Sie in den Keller runter und sehen Sie sich das selber an!« antwortete Jasking mit zitternder Stimme. »Ich laufe inzwischen schnell zur Polizei.
Keine zehn Pferde bringen mich noch einmal in dieses verwünschte Kellerloch.«
»Mann, reden Sie vernünftig!« sagte Sörensen so ruhig, wie er es vermochte! »Was ist da unten im Keller los?«
»Ein Toter. Unter dem Zementfußboden hat man ihn vergraben. Grauenhaft!«
»Mensch! Schreien Sie doch nicht so!« fauchte Sörensen. »Soll denn erst die ganze Gasse zusammenlaufen? Gehen Sie zur Polizei! Ich werde inzwischen aufpassen, daß niemand in den Keller hinuntergeht."
Während Niels Jasking, so schnell ihn seine Beine zu tragen vermochten, von dannen eilte, ging der Hausmeister in den Keller hinunter und schloß die eiserne Zwischentür ab.