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Benson faßte das bisherige Ergebnis der Untersuchungen noch einmal zusammen:
»Wer der Tote ist, wissen wir. Wann er gestorben ist, wissen wir auch. Wir wissen sogar, woran er gestorben ist. Nur eins wissen wir nicht, warum er im Keller verscharrt wurde. Einzige Erklärungsmöglichkeit: er wurde von einem Unbekannten bedroht, vielleicht mit einem Spaten oder einer anderen Waffe angefallen und starb infolge der Aufregung oder des Schreckens an einem Herzschlage. Der Unbekannte glaubte aber, ihn getötet zu haben, und verscharrte ihn deshalb. Wenn also auch ein Mord im eigentlichen Sinne des Wortes nicht vorzuliegen scheint, so bleibt doch sowohl die Frage nach dem Täter wie die nach dem Tatmotiv zu Recht bestehen.«
Ein Klopfen an der Tür unterbrach seinen Gedankengang. Auf sein »Herein« trat der junge Kai Vastrup, der Sohn des Toten, über die Schwelle.
Er war sehr bleich, und der volle Mund in dem hübschen, offenen Gesicht zitterte verräterisch. Auf Bensons Aufforderung nahm er vor dem großen, massigen Schreibtisch Platz.
»Sie sind Herr Kai Vastrup?«
Der junge Mann nickte stumm.
»Ihr Beruf?«
»Installateur.«
»Ihr Alter?«
»Fünfundzwanzig Jahre.«
»Danke«, sagte Benson. Er warf ein paar Worte auf ein Blatt Papier, das er Hunt hinüberreichte. Der Inspektor las die Botschaft, erhob sich stumm und verließ das Amtszimmer.
Benson aber richtete seinen Blick auf den jungen Mann, während er gedankenvoll mit dem Bleistift auf die Tischplatte klopfte.
»Sie haben also den Toten, den man Ihnen unten zeigte, erkannt?«
Dem scharfen Auge des Oberinspektors entging es nicht, daß der junge Mensch große Mühe hatte, Haltung zu bewahren. Er war seinem Vater offenbar sehr zugetan gewesen und über seinen Tod aufrichtig erschüttert.
»Der Tote da unten ist mein Vater«, sagte er mit leiser Stimme.
Benson beugte sich über den Tisch und bemühte sich, einen wärmeren Ton in seine Stimme zu legen und durch einen teilnahmsvolleren Zug sein gestrenges Polizeibeamtengesicht zu mildern. »Haben Sie noch Geschwister?«
»Ja. Eine ältere Schwester von mir ist in Tondern verheiratet, und mein jüngerer Bruder arbeitet für eine große deutsche Telephongesellschaft in Übersee. Er verdient ein schönes Stück Geld; aber er ist auch sehr tüchtig.«
»Wann haben Sie zuletzt von Ihrem Bruder Nachricht erhalten, Herr Vastrup?«
»Am Freitag der vergangenen Woche. Er weiß das noch gar nicht von Vater, weil wir ihm nicht geschrieben haben, daß er verschwunden war.«
»Haben Sie noch eine Mutter?«
Der junge Vastrup nickte stumm. Sein Gesicht verzog sich schmerzlich, als er daran dachte, wie sie wohl die Auffindung des Vaters aufnehmen würde.
»Können Sie mir sagen, wie die Erbschaftsfrage zwischen Ihnen, Ihren Geschwistern und Ihrer Mutter geregelt ist?«
»Ja«, sagte der junge Mann. »Da gibt es keine Schwierigkeiten. Meine Schwester hat, als sie heiratete, ihren Anteil bereits bekommen. Mein Bruder und ich übernehmen das väterliche Geschäft, das gut und gern seine zwei Familien ernährt. Das heißt, wenn mein Bruder überhaupt zurück will. Wenn nicht, bezahle ich ihn eben aus. Mutter nehme ich zu mir ins Haus, wenn ich heirate. Eine gewisse Summe ist ihr von Vater für ihre persönlichen Bedürfnisse sichergestellt worden. Damit kann sie machen, was sie will.«
»Gut. Also keine Streitereien um das Erbe? Leider ist das meistens der Fall.«
»Um Gotteswillen, nein«, sagte der junge Mann, fast ein wenig erschrocken. Benson lächelte schwach. »Dann war meine letzte Frage also wohl überflüssig. Er wurde ernst, rückte an seinem Kneifer und starrte den jungen Mann eine Weile stumm an.
»Hat man Ihnen gesagt, daß Ihr Vater ermordet wurde?« Kai Vastrup nickte und grub die Zähne in die Unterlippe. Benson klopfte mit dem Bleistift nachdrücklich auf den Tisch.
»Ich hoffe, daß Sie imstande sein werden, uns einen Hinweis zu geben, der uns auf die Spur des Mörders bringen wird. Wissen Sie, ob Ihr Vater Feinde hatte?«
Kai Vastrup schüttelte den Kopf.
»Feinde?« wiederholte er, »Feinde, die ihm nach dem Leben trachteten?« Er lächelte ein wenig. »Nein, solche Feinde hatte er sicher nicht.«
»Kennen Sie einen gewissen Conni Nielsen?« fragte Benson schnell.
»Conni Nielsen?« wiederholte Kai Vastrup verwundert. »Nein.«
»Kennen Sie einen Mann, der ein Karussell besitzt?«
»Nein«, sagte der junge Vastrup, den Oberinspektor verständnislos anblickend.
»Wir haben den Leichnam Ihres Vaters in einem Kellerraum in Peddersens Gasse gefunden. Sagt Ihnen dieser Umstand etwas?«
»Kaum«, erwiderte der junge Mann nach kurzem Nachdenken. »Wir hatten in Peddersens Gasse hin und wieder beruflich zu tun. Das heißt, in der letzten Zeit nicht. Ich erinnere mich wenigstens nicht, daß uns in den letzten Wochen vor Vaters Verschwinden irgendeine Reparatur in dem betreffenden Grundstück aufgetragen wurde. Aber das ließe sich aus Vaters Notizbuch leicht feststellen. Er hatte es immer bei sich.«
Benson griff nach dem kleinen schwarzen Wachstuchbüchlein. »Hier ist es. Ich habe es mir bereits genau angesehen; aber ich habe keine solche Eintragung gefunden.« Er reichte Kai das Buch über den Tisch hinüber. »Wollen Sie vielleicht einmal selber nachsehen?«
Der junge Mann nahm das Buch entgegen und blätterte darin. Aufmerksam studierte er die letzten Seiten, ehe er es wieder zurückgab. »Nein, es steht nichts davon drin.«
»Würde Ihr Vater in jedem Fall eine Eintragung gemacht haben?«
Der junge Mann nickte überzeugt. »In jedem Fall. Vater war darin sehr genau. Es geht ja auch nicht anders, weil sonst leicht einmal eine Rechnung für irgendwelche Arbeit ungeschrieben bleiben könnte. Was man nicht anschreibt, wird rasch vergessen.«
»Ja, das leuchtet ein.« Bensons Hände spielten mit dem kleinen Notizbuch. Er klappte es zu und klopfte damit leicht auf die Tischplatte. »Sie oder Ihr Vater hatten also öfter in Peddersens Gasse zu tun?«
»Öfter nicht, aber hin und wieder.«
»Wissen Sie noch, wann Sie oder Ihr Vater zuletzt dort gearbeitet haben?«
Kai Vastrup dachte eine Weile nach. »Das ist schon lange her«, sagte er schließlich. »Es war im Winter. Gleich nach Weihnachten muß es gewesen sein. Ein gewisser Herr Harian ist der Besitzer von Peddersens Burg. Er ist ein großer Geizhals, der nicht so rasch selbst die dringendsten Reparaturen bewilligt.«
»Pflegten Sie in einem solchen Falle mit dem Besitzer selbst oder mit dem Hausmeister zu verhandeln?«
»Mit dem Hausmeister, wenn es sich um kleinere Aufträge handelte. Aber Sörensen hatte in keinem Falle Vollmacht, darüber zu bestimmen. Er mußte immer erst die Bewilligung von Herrn Harian einholen.«
»Und wie war es in einem Notfalle? – Nehmen wir an, eine Wasserleitung wäre geplatzt. Man konnte doch in einem solchen Falle nicht erst den Hausbesitzer verständigen, ehe man die notwendigen Maßnahmen ergriff?«
»Herr Harian pflegte sich zu weigern, irgendeine Reparatur zu bezahlen, die er nicht ausdrücklich bestellt hatte. Wir sind früher einmal damit hereingefallen. Seinetwegen konnte der ganze Bau davonschwimmen oder zusammenbrechen. Natürlich hüteten wir uns fortan, eine Arbeit zu übernehmen, zu der nicht Herr Harian selber den Auftrag gegeben hatte. Wenn Sörensen mit einer Arbeit zu uns kam, brachte er immer einen Auftragschein mit, der von Herrn Harian persönlich unterschrieben war.«
Benson horchte interessiert auf. »Wenn also Ihr Vater im Anfang des Monats März Peddersens Gasse aus beruflichen Gründen aufgesucht hätte, würde Sörensen in jedem Fall davon gewußt haben?«
»Ohne Frage.«
»Schön!« Benson machte sich einige Notizen und fuhr dann mit der Vernehmung fort:
»Wollen Sie mir, bitte, erzählen, wann Sie Ihren Vater zuletzt gesehen haben. Berichten Sie mir aber auch von scheinbar belanglosen Kleinigkeiten. Sie sind oft, ohne daß man es ahnt, von größter Wichtigkeit.«
»Am zweiten März war es, an einem Freitag«, antwortete der junge Mann. Er schwieg und schien angestrengt nachzudenken. Offenbar wurde es ihm nicht leicht, sich der näheren Umstände zu erinnern.
»Jeden Morgen, ehe wir mit der Arbeit anfingen, pflegten wir uns immer erst einen Arbeitsplan zu machen«, fuhr er nach einer Weile fort. »Natürlich mußte der im Laufe des Tages öfter geändert werden, weil dann eben andere Dinge dazwischenkamen. Von Peddersens Burg ist an diesem Tage überhaupt nicht die Rede gewesen. Das weiß ich ganz bestimmt.
Zuerst war ich bei einem weiter weg wohnenden Kunden, wo ich eine Lichtleitung zu verlegen hatte. Wir glaubten zunächst, daß ich mindestens einen halben Tag zu tun haben würde. Aber als ich hinkam, stellte es sich heraus, daß die Leute nur einen neuen Steckdosenanschluß in der Plättstube wünschten, und das war natürlich rasch getan. Mein Vater wollte den Vormittag dazu benutzen, um bei einer Architektenfirma vorzusprechen, bei der wir eine Kalkulation über die Installationsarbeiten für einen Neubau eingereicht hatten. Es wäre eine schöne Arbeit gewesen und hätte einen netten Verdienst abgeworfen.«
Kai Vastrup machte eine Pause und rieb sich nachdenklich das Kinn. Aber schon bald fuhr er fort:
»Später sollte ich noch Bleirohr für eine Springbrunnenanlage besorgen. Dann waren einige Kleinigkeiten zu erledigen. Das war alles. Von Peddersens Burg war überhaupt nicht die Rede gewesen.«
Benson klopfte, wie mahnend, mit dem Bleistift auf die Tischplatte. »Zunächst fuhren Sie also weg, um die Steckdosenanlage in einer Plättstube auszuführen?«
Kai Vastrups Stimme zitterte leicht, als er antwortete:
»Ich ahnte ja nicht, daß ich an jenem Morgen Vater zum letzten Male sehen sollte. Ja, ich fuhr weg, um die Arbeit auszuführen. Gegen halb elf Uhr war ich wieder zurück. Vielleicht war es auch schon elf. Vater war fort, ich glaubte, er wäre bei Andresen & Co. – das sind die Architekten, die den Neubau übernommen hatten. Solche Leute versuchen gern, etwas von dem kalkulierten Preis abzuhandeln. Aber Vater war da zähe. Er kämpfte um jeden Pfennig. So wunderte ich mich nicht weiter, als ich sah, daß er noch nicht zurück war. Ich besorgte das Bleirohr und ging zu Tisch. Vater kam und kam nicht. Aber selbst am Nachmittag waren weder Mutter noch ich über sein Fernbleiben beunruhigt. Oft traf er mal jemand unterwegs und blieb in einer Kneipe hängen, ohne daß er ein Säufer gewesen wäre.
»Wann machten Sie die Vermißtenanzeige?«
»Erst am nächsten Morgen, Herr Oberinspektor. Aber da auch sogleich; denn Vater war noch nie die ganze Nacht fortgeblieben. Wir glaubten an einen Verkehrsunfall oder so.«
»Haben Sie in Peddersens Burg nach ihm gefragt oder ihn dort gesucht?«
Kai Vastrup schüttelte den Kopf. »Nein. Warum sollten wir ihn da suchen? Wir dachten überhaupt nicht an Peddersens Burg.«
Plötzlich kam Benson eine Idee. Er ergriff das kleine Notizbuch, das dem alten Vastrup gehört hatte, und reichte es Kai hinüber. »Wenn Sie auch den Namen Conni Nielsen noch nie gehört haben, so ist es vielleicht möglich, daß er in diesem Buche steht. Sehen Sie, bitte, einmal nach!«
Kai Vastrup schüttelte den Kopf. »Conni Nielsen? Warum sollte denn dieser Name in dem Buch hier stehen?«
»Weil ein Mann dieses Namens Mieter des Kellerraumes in Peddersens Gasse war, wo wir Ihren Vater gefunden haben.«
Der junge Mann dachte eine Weile nach. »Der Name ist mir wirklich gänzlich unbekannt.« Unschlüssig blätterte er in dem Buch und meinte nach einer Weile: »Wenn ich wüßte, in welchem der vielen Kellerräume es gewesen ist, in dem Sie meinen armen Vater gefunden haben, könnte ich vielleicht – – –«
»Welcher Keller es war? Das ist nicht ganz einfach zu erklären«, erwiderte Benson. Aber plötzlich fiel ihm ein, was Sörensen von der Entwässerungsanlage gesagt hatte. »Ich glaube, ich kann Ihnen den Ort genau beschreiben, Herr Vastrup. Es handelt sich um den nach hinten liegenden Kellerraum, wo von den drei hufeisenförmigen Blocks die Kloakenleitungen zusammenlaufen. Vielleicht haben Sie schon einmal daran gearbeitet?«
»Das gerade nicht«, entgegnete der junge Mann. »Aber ich weiß schon, was Sie meinen. Es ist ein kleiner, schmaler Raum, und der betreffende Teil des Kellers ist durch eine eiserne Tür abgeschlossen, nicht wahr?«
Der Oberinspektor nickte.
»Dort befindet sich ja auch der Wasserzähler für das Grundstück. Vater erzählte mir nämlich einmal, daß er vor vielen Jahren an der Kloakenleitung gearbeitet hätte, und daß sie an dieser Stelle sehr tief läge.«
»Das soll wohl heißen: solange Sie mit Ihrem Vater zusammen tätig waren, wurde nichts an der unterirdischen Leitung repariert?«
»Ja.«
»Aber Ihr Vater hat viel früher einmal die Erde dort aufgegraben, weil die betreffende Leitung an jener Stelle defekt war?«
»Das ist richtig. Aber ich kann Ihnen wirklich nicht sagen, wann das gewesen ist, Herr Oberinspektor.«
Benson schwieg nachdenklich. Sein Blick war wie nach innen gerichtet. Es war, als hätte er das eine Ende eines Fadens gefunden, an dessen anderem Ende die Lösung liegen mußte.
»Worauf wollen Sie eigentlich hinaus, Herr Oberinspektor?« fragte der junge Vastrup plötzlich.
Benson schrak zusammen, als wäre er plötzlich aus einem tiefen Schlaf erwacht. Ohne zu antworten, zog er die Schieblade seines Schreibtisches auf und entnahm ihr eine Tabakdose. Er schob sie dem jungen Mann hinüber und fragte:
»Haben Sie schon einmal eine solche oder eine ähnliche Dose im Besitz Ihres Vaters gesehen?«
Kai Vastrup betrachtete die Dose flüchtig und schüttelte dann den Kopf. »Nein«, antwortete er. »Niemals,« Vater rauchte überhaupt keinen Tabak; er rauchte nur Zigarren.«
»Sehr oft hat ein Handwerker solche Dosen zu anderen Zwecken in der Tasche – vielleicht um kleine Schrauben oder derartige Dinge darin aufzubewahren.«
»Das ist richtig. Aber diese Dose gehörte Vater nicht.«
»Besaß er auch nicht eine ähnliche Dose?«
»Nein, auch nicht eine ähnliche.«
Benson kramte weiter in der Schieblade herum und brachte all die Dinge zum Vorschein, die in der Tasche des Toten gefunden worden waren: die Brieftasche mit dem Geld und den Papieren, das Taschenmesser, das rote Taschentuch, die Nickeluhr in ihrem Lederfutteral, die Dichtungsscheiben, das Trambahnbillet, den Zollstock, das Stück Kreide und den Bleistift. Er breitete alles fein säuberlich auf der Tischplatte aus und lehnte sich dann in seinem Stuhl zurück.
»Diese Dinge haben wir in den Taschen Ihres Vaters gefunden. Erkennen Sie sie als sein Eigentum an?«
»Ja, natürlich.«
»Nein, das wollte ich nicht fragen«, sagte Benson mit bekümmerter Miene, als wäre er mit sich selber unzufrieden. »Ich wollte vielmehr fragen, ob das alles ist, was Ihr Vater bei sich gehabt haben könnte. Ob nicht irgendetwas fehlt, das er sonst immer bei sich zu tragen pflegte. Lassen Sie sich ruhig Zeit mit der Antwort und überlegen Sie genau! Ich möchte keine schnelle Antwort von Ihnen, sondern eine absolut richtige.«
Kai Vastrup betrachtete aufmerksam die auf dem Tisch ausgebreiteten Dinge. Aber nicht lange, dann rief er auch schon: »Gewiß fehlt etwas! Ein kleines schwarzes Lederportemonnaie mit etwas Silber- und Kleingeld darin.«
Benson stieß einen leisen Pfiff durch die Zähne. »Ein Lederportemonnaie mit Kleingeld? Das ist aber merkwürdig.«
»Wieso merkwürdig? Man wird ihn vorher beraubt haben, ehe man ihn in die Grube warf«, meinte der junge Vastrup.
»Meinen Sie?« Benson nahm die Brieftasche in die Hand und zog die beiden Banknoten hervor. »Warum hat dann der Raubmörder wohl nicht auch noch dieses Geld an sich genommen?«
Kai Vastrup machte erstaunte Augen. »Das weiß ich nicht«, stammelte er verwirrt.
»Natürlich können Sie das nicht wissen.« Benson nahm das Taschenmesser vom Tisch und hob es in die Höhe. »Sehen Sie dieses Messer hier, Herr Vastrup? – Es gehörte Ihrem Vater. – Was fällt Ihnen daran auf?«
»O«, sagte der junge Mann betroffen, indem er es in die Hand nahm. »Es ist ja entzwei.«
»Ja, allerdings. Und dabei scheint es ein ziemlich neues Messer zu sein.«
»Das stimmt«, sagte der junge Mann. »Ich erinnere mich, daß Vater dieses Messer erst kurz vor seinem Verschwinden gekauft hat.«
»Wann haben Sie es zuletzt in seinen Händen gesehen?«
»Am Tage seines Verschwindens, Vater spitzte damit einen Bleistift an, während wir zusammen die Arbeit besprachen.«
Und in welcher Verfassung hat sich das Messer da befunden?« fragte der Oberinspektor gespannt.
»Es war heil.«
»Wissen Sie, daß das äußerst wichtig ist? Sie sind also überzeugt, daß Sie sich nicht irren?'
»Nein, ich irre mich nicht. Darauf kann ich jeden Eid leisten.« Kai Vastrup blickte ein wenig verwundert drein, da ihm die Wichtigkeit dieses Umstandes nicht so ohne weiteres einleuchtete.
Benson schien sehr zufrieden zu sein. Er lehnte sich in seinen Stuhl zurück und betrachtete das Messer mit beinahe triumphierender Miene. Dann legte er es kurz entschlossen beiseite und wandte sich wieder dem jungen Vastrup zu.
»Noch eins, Herr Vastrup, ehe ich Sie entlasse. Ich habe da einen Zeitungsausschnitt in der Brieftasche Ihres Vaters gefunden. Vielleicht können Sie mir sagen, was es damit für eine Bewandtnis hat.« Er zog aus der auf dem Tisch liegenden Brieftasche den alten, vergilbten Zeitungsausschnitt hervor. »Kennen Sie das?«
Kai Vastrup las die Zeitungsnotiz und legte sie dann schweigend auf den Tisch zurück.
»Nun?«
»Ja, das ist eine komische Geschichte. Ich habe diesen Ausschnitt wenige Wochen vor Vaters Verschwinden zum ersten Male in meinem Leben gesehen. Vaters Brieftasche lag in der Stube auf dem Schreibtisch. Sie war aufgeklappt, und dieser alte, vergilbte Zeitungsausschnitt lugte ein Stück daraus hervor. Neugierig nahm ich ihn ganz heraus und entfaltete ihn. Ich habe mir nichts Böses dabei gedacht. Als Vater aus der Werkstatt kam, fragte ich ihn nach der Bedeutung dieser Notiz. Er wurde furchtbar zornig, riß sie mir aus der Hand und schnauzte mich an, was er sonst nie getan hat. Ich sollte mich gefälligst nicht um Dinge kümmern, die mich nichts angingen, sagte er.«
»So, so. Ihr Vater war also sehr böse darüber, daß Sie die kurze Notiz gelesen hatten?«
»Ja.«
Oberinspektor Benson erhob sich. »Das wäre dann vorläufig alles, Herr Vastrup«, sagte er freundlich. »Natürlich werde ich noch auf verschiedene Dinge zurückkommen müssen. Sagen Sie, bitte, Ihrer Frau Mutter, daß wir sie heute abend oder morgen früh aufsuchen werden. Vielleicht ist sie in der Lage, uns einen wichtigen Fingerzeig zu geben.«
Kai Vastrups Miene verdunkelte sich. »Ich habe eine schwere Aufgabe vor mir, Herr Oberinspektor. Wie soll ich es Mutter beibringen, daß man Vater – ermordet aufgefunden hat?«
»Sie tun mir beide sehr leid, Herr Vastrup. Aber in das Unabänderliche muß man sich fügen. Erfahren muß sie es, Sie werden schon die richtigen Worte finden und es ihr so schonend wie nur möglich beizubringen wissen.«
Nachdem der junge Mann das Amtszimmer verlassen hatte, griff Benson nach dem Fernsprecher und ließ sich von der Zentrale mit Herrn Harian verbinden.
Der Hausbesitzer war selber am Apparat.
»Hier ist das Dezernat sieben der Kriminalpolizei. Hören Sie, es ist ein Beamter von uns auf dem Wege zu Ihnen, um einige Erhebungen wegen der Auffindung eines Toten auf Ihrem Grundstück, Peddersens Burg, anzustellen.«
»Ein Toter?« rief Herr Harian überrascht. Seine Stimme klang so zornig laut, daß Benson den Hörer von seinem Ohr entfernte. »Was zum Teufel, kann das für ein Toter sein?«
»Es handelt sich um den Installateur Bernhard Vastrup. Sie kennen den Mann doch sicher?« Herr Harian bestätigte es lärmend.
»Ja. Kam dauernd mit Rechnungen und so. Freute sich immer riesig, wenn es in Peddersens Burg etwas zu reparieren gab.«
»Hat Ihnen Ihr Hausmeister das noch nicht mitgeteilt?«
»Keine Silbe!«
»Aber Sie hatten doch heute morgen mit Sörensen eine Unterredung wegen einer Reparatur in Peddersens Gasse?«
»Ja. Da hat mir nämlich so ein Bandit den Zementfußboden aufgebrochen. Wenn ich ihn erwische, werde ich schon dafür sorgen, daß er mir den Schaden ersetzen muß.«
»In diesem Keller hat ein gewisser Jasking den Leichnam unter dem Fußboden gefunden. Er hatte von Ihnen den Auftrag erhalten, den Fußboden wieder in Ordnung zu bringen?«
»Ja, stimmt! Das ist auch so ein Halsabschneider, der bloß darauf aus ist, einem das Geld aus der Tasche zu ziehen. Denken Sie: fünfzehn Kronen verlangte er für so ein bißchen Arbeit. Dabei kostet der Zement – – –.«
Benson machte eine wütende Grimasse vor dem Schalltrichter und schnitt Herrn Harian das Wort ab:
»Ich habe ein paar Fragen an Sie zu richten, verstehen Sie?« rief er in die Muschel. »Oder glauben Sie, ich wollte mich mit Ihnen nur unterhalten?«
»Ja, was wollen Sie denn?« schrie Herr Harian zurück. »Ich habe ja schließlich meine Zeit auch nicht gestohlen.«
Benson unterdrückte einen Wutanfall und fuhr mit ruhiger Stimme fort: »Wir haben festgestellt, daß der Ermordete das Grundstück am zweiten März zuletzt betreten hat. Hatte Herr Vastrup zu jener Zeit irgendeinen Auftrag von Ihnen? Ich meine, haben Sie ihm zu der Zeit eine notwendige Reparatur übertragen? Vielleicht telephonisch?«
»In drei Teufels Namen, nein!« schrie der Hausbesitzer,
»Wenn er also keinen Auftrag von Ihnen hatte, so hatte er ja eigentlich in dem Keller von Peddersens Gasse überhaupt nichts zu suchen?«
Herr Harian zögerte ein wenig, ehe er antwortete. »Hm, daß kann man nun gerade nicht sagen. Es ist doch möglich, daß ihm einer der Mieter einen Auftrag erteilt hat.«
»So? Kam das auch vor?«
»Das kam sogar sehr oft vor.«
»Nach Sörensens Aussage war der Zementfußboden des Kellers, als er ihn an Conni Nielsen vermietete, noch unversehrt. Stimmt das?«
»Ja, zum Teufel, das war er«, schrie der Hausbesitzer erbost. –
»Dann hat ihn also jemand erst später aufgeschlagen. Man möchte annehmen, der Ermordete habe es getan, da sich, wie ich hörte, unter diesem Kellerraum die Anschlüsse der Entwässerungsleitungen befinden. Es ist aber doch absurd, anzunehmen, dieser Conni Nielsen oder sonst einer der Mieter habe ihm den Auftrag dazu erteilt. Das leuchtet Ihnen doch wohl ein, nicht wahr?«
»Mir leuchtet gar nichts ein; denn ich bin ja schließlich kein Kriminalinspektor. Ich habe Vastrup nicht beauftragt, in dem Keller zu arbeiten oder den Fußboden aufzuschlagen. Warum denn auch? Ich pflege mein Geld nicht zum Fenster hinauszuwerfen.«
»Ich komme jetzt zu meiner zweiten Frage. Heute morgen war doch Sörensen bei Ihnen, nicht wahr? Er verhandelte mit Ihnen wegen der Ratten und wegen des aufgeschlagenen Zementfußbodens.«
»Ja – und was weiter?«
»Wie ich inzwischen bemerkt zu haben glaube, scheinen Sie sehr sparsam zu sein. Ich verstehe nun nicht recht, warum Sie ihm auch noch den Auftrag gaben, den Erdboden aufzugraben.«
»Der Boden mußte aufgegraben werden, damit wir feststellen konnten, ob nicht etwa die Ratten die Leitungen angenagt hätten.«
»Und das haben Sie selber angeregt?«
»Ich? – Warum ich? – Sörensen meinte, es wäre besser, wenn wir gleich nachsehen lassen würden.«
»Aha, – Sörensen also. – Das ist alles, was ich von Ihnen wissen wollte. Besten Dank für Ihre Auskünfte! Und wenn Inspektor Hunt zu Ihnen kommt, dann teilen Sie ihm bitte alles mit, was er wissen will.«
Benson legte den Hörer auf die Gabel zurück und blickte dann eine ganze Weile grübelnd vor sich hin. Seine Finger trommelten nervös auf der Tischplatte. Langsam öffnete er endlich die Schieblade seines Schreibtisches und fegte mit einer einzigen Bewegung alle die Dinge hinein, die das Eigentum des Toten gewesen waren. Darauf erhob er sich und verließ, nachdem er sich mit Hut Schirm und Paletot versehen hatte, das Amtszimmer.