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Vom Nordwesten kam ein kalter, schneidender Wind. Hin und wieder fiel etwas Regen, aber er zerstob schnell wieder in der bewegten Luft. Die Nacht war so plötzlich hereingebrochen, daß der alte Mann, der mit unsicheren Schritten auf der Landstraße dahintrabte, kaum noch etwas zu erkennen vermochte. Zuerst war das Ding dort in der Ferne ein Wegweiser gewesen. Dann wurde ein seltsames Kreuz daraus, das zu leben und mit den Armen zu winken schien. Auf einmal aber war es ganz verschwunden: Die Finsternis, die aus dem Erdboden quoll und sich von den kahlen Bäumen der Landstraße herniedersenkte, hatte es verschluckt.
Als Lars Larsen endlich unter dem Wegweiser stand, den er nur noch zu betasten, aber nicht mehr zu lesen vermochte, lag die kleine Stadt unmittelbar vor ihm. Ein heller gelber Himmel, ein fernes, unbestimmbares Brausen, verwehte Fetzen Musik: kein Zweifel – es war der Jahrmarkt, der ihn wie mit magischer Gewalt herbeigezogen hatte!
Ein Auto, welches ihm jetzt entgegenkam und seine lichtsprühenden Augen direkt auf den Wegweiser richtete, zeigte ihm, daß er sich nach links wenden mußte. Mit einem verächtlichen Fluch spie der Alte eine Schleuder braunen Tabaksaftes an die hintere Scheibe des vorbeifahrenden Luxuswagens, während dieser langsam in die Kurve der Straße einbog. Darauf zog er den Rockkragen fester um den dünnen Hals, stieß den Stock in den weichen Sand des Sommerweges und folgte dem schwachen Schimmer der Straße, die in das Städtchen führte.
Der Weg war uneben und holperig. Dennoch hatte Larsen das Gefühl, als ginge es sich jetzt leichter als vorher.
Die Telegraphendrähte sangen ihr ewiges Landstraßenlied; aber der einsame Wanderer wußte nichts von der Polizeinachricht, die in diesem Augenblick durch die metallenen Adern jagte. Hätte er es gewußt, so wäre er wohl kaum mit beschleunigten Schritten auf sein Ziel losmarschiert, sondern hätte sich lieber abseits vom Wege im dichtesten Unterholz ein sicheres Versteck gesucht.
Trotz der ziemlich späten Stunde war die kleine Stadt noch voller Leben. Es war gerade Jahrmarkt. Der Festplatz befand sich auf einer am Nordrande des Ortes gelegenen, ziemlich großen Wiese; aber der Strom der freudigen Erregung floß bis in die entferntesten Gassen, und überall, wo sich eine Kneipe befand, ertönte Musik.
Manchmal, wenn der dem Festplatz zustrebende Alte an einer der Kneipen vorbeikam, öffnete sich die Tür, und Bier- und Branntweindünste, dicker Tabaksqualm und ein lautes Stimmengewirr drangen in die Nacht heraus.
Endlich hatte er sein Ziel erreicht. Wie ein Regentropfen, der vom Himmel in einen Fluß fällt und eins wird mit dem tiefen, breiten Gewässer, so verschwand der alte Mann in einem Menschenstrom ohne Anfang und ohne Ende und war nun nichts mehr, als ein kleiner Bestandteil der dicht gedrängten Menge, die erregt auf und abwogte wie ein tanzender Mückenschwarm in der Abendsonne.
Auf dem Festplatz gab es Zelte und Buden mannigfacher Art. Hier wurden Süßigkeiten verkauft, dort um Gewinne gewürfelt. An anderen Orten wurden Würste auf dem Rost gebraten, und in großen Zelten wurde Bier ausgeschenkt. Es gab Buden, in denen man starke Männer, schwebende Jungfrauen, Meeresungeheuer und wilde Tiere besichtigen konnte. Man konnte sich aber auch wahrsagen oder das Horoskop stellen lassen.
Bunte Karussells kreisten mit leise schaukelnden Lampen und springenden Pferden, die vor mit rotem Plüsch bezogene Lustwagen gespannt waren. Weithin sichtbar ragte der Turm der Rutschbahn in den Himmel. Den Hauptanziehungspunkt aber bildete die große Berg- und Talbahn, die man – ein Märchen aus Licht, Musik und Bewegung – ganz am Ende des rechteckigen Platzes errichtet hatte.
Plötzlich blieb der einsame Wanderer, einen heiseren, unartikulierten Laut ausstoßend, stehen. Die Leute rannten gegen ihn an, schimpften oder machten Witze über den wunderlichen Alten, der da wie angewurzelt stand und, die Fäuste, wie in ohnmächtigem Schmerz geballt, auf das kleine Karussell starrte.
Dummglotzend drehten sich die hölzernen Pferde immer im Kreise herum. Von einem lärmenden Marsch angefeuert, wurden sie schneller und schneller. Die Lichter in den schaukelnden, bunten Laternen wirbelten mit; die weißen, gestärkten Gardinen blähten sich im Winde.
Da war es dem Alten, als sähe er die hölzernen Pferde sich plötzlich aufbäumen. Dann sprangen sie durch eine heiße Glut lüstern leckender, roter Flammen. Wilder und immer wilder rasten sie herum, höher und höher leckten die Flammen.
»O!« stöhnte der Alte schmerzvoll. Er faßte sich an die Kehle, als ob er ersticken müßte und preßte den ausgemergelten, müden Kopf zwischen seine mageren Hände.
Die große Berg- und Talbahn war noch in vollem Betrieb. Aber bald schon sollten die vielen strahlenden Lichter erlöschen, und der unermüdlich tuckernde Motor, der die phantastisch bunten Wagen in Bewegung setzte, durfte dann endlich einmal ausruhen. Aber noch ertrank die Musik des großen, elektrischen Orchestrions mit den beweglichen Figuren in dem lauten Getöse der auf- und abrollenden Wagen. Die buntlackierten Holzpfeiler mit den halbnackten Frauengestalten erzitterten, und die weite, rotgestreifte Zeltplane blähte sich in der frischen Luft. Kopf an Kopf drängten sich die Menschen und sogen den Traum von Licht und aufreizender Bewegung tief in sich ein.
Weder Conni Nielsen, der die Lichtschalter und den Krafthebel bediente, noch seine junge Frau, die an der Kasse saß und alle Hände voll zu tun hatte, bemerkten den Polizeibeamten, der inmitten des Trubels stand und aufmerksam die aus bunten Glühbirnen zusammengesetzte Inschrift über dem Portal des großen Karussells studierte:
CONNI NIELSEN'S
BERG- UND TALBAHN.
Er stand schon eine ganze Weile da und prüfte mit scharfen Augen die Gesichter der Leute, die zu dem Unternehmen gehörten. Ein- oder zweimal verschwand er auch zwischen den Wohnwagen, wo er etwas zu suchen schien. Bald danach aber stand er wieder an seinem alten Platz und betrachtete kopfschüttelnd bald die Leuchtschrift über dem Portal, bald die Männer, unter denen sich der Besitzer des Unternehmens befinden mußte.
Endlich hörte das Orchestrion mit seiner lärmenden Musik auf, und die Lichter der Berg- und Talbahn erloschen nach und nach. Riesige Trittleitern wurden herbeigeschafft, und zwei junge, behende Burschen kletterten hinauf, um die Plane, die das vordere Portal während der Nacht abschloß, herunterzulassen.
Langsam zerstreuten sich die Menschen und wanderten gemächlich in die Stadt zurück. Der Festplatz wurde immer leerer, und schließlich blieben nur noch die Schausteller zurück, die die Buden und Karussells eindeckten, ehe sie sich in ihre Wohnwagen begaben.
Der alte Larsen hatte den Polizisten wohl bemerkt, der ein so auffallendes Interesse für die Berg- und Talbahn gezeigt hatte. Als der Platz anfing, sich zu leeren, versteckte er sich zwischen zwei Lastwagen und ließ den Uniformierten nicht aus den Augen.
Plötzlich sah er, daß er sich in Conni Nielsens Wohnwagen begab. Ängstlich, jedes Aufsehen vermeidend, schlich er ihm nach. Dann kletterte er die wenigen Stufen zum Vorbau des Wohnwagens hinauf und spähte durch die Scheiben.
Der Polizist hielt ein Schriftstück in der Hand, aus dem er etwas vorzulesen schien. Was er sagte, konnte der Alte nicht verstehen. Aber da hörte er Conni Nielsen dröhnend lachen: »Ich? – Kein Gedanke!« Wieder sagte der Polizist etwas. Da sprang Conni Nielsen von seinem Stuhl auf. »Was?!« rief er, »Karussellpferde?! – Warten Sie mal! – Habe da eine Geschichte gehört, die Anfang März in Kopenhagen passiert sein soll – von einem gewissen Lars Larsen –«
Mehr hörte der heimliche Lauscher nicht. Wie von jähem Entsetzen gepackt, sprang er von dem Vorbau hinunter. Wenige Minuten später hatte die nachtdunkle Landstraße ihn verschlungen.