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IV.

Oberinspektor Benson war ohne Zweifel – das mußten selbst seine Feinde anerkennen – ein Mann von außerordentlichen Fähigkeiten. Schon zu Beginn seiner Laufbahn hatte er mit bewunderswertem Scharfsinn und Geschick die schwierigsten Fälle bearbeitet, um deren Klärung ältere, erprobte Beamte sich vergeblich bemüht hatten. Wie jeder, der etwas leistet, hatte Benson viele Neider; aber er hatte noch mehr Freunde. Er war als Mensch ebenso sympathisch, wie er als Beamter wegen seines fanatischen Pflichteifers vorbildlich genannt werden mußte. Seine Neider nannten ihn einen Pedanten, Benson aber pflegte zu sagen: »Man kann im Kriminaldienst gar nicht pedantisch genug sein.«

Wer ihn nicht kannte, hätte ihn schwerlich für einen der fähigsten Beamten der Kriminalpolizei gehalten – so harmlos, fast etwas komisch wirkte seine äußere Erscheinung. Er trug immer fabelhaft blank geputzte Stiefel und einen schwarzen Paletot oder Gehrock; dazu einen steifen, viel zu hohen, daher sehr unbequemen Kragen, der ihm den Hals wundzuscheuern pflegte, fürchterlich geschmacklose, aber solide Krawatten, einen Kneifer, der niemals gerade auf der Nase saß, und einen einfachen, dauerhaften Regenschirm aus Baumwolle, den er selbst bei strahlendem Sonnenschein mit sich zu schleppen pflegte.

Dieser Schirm diente ihm nicht nur zum Schutz gegen den Regen, sondern auch als Werkzeug, um damit ihn interessierende Gegenstände vom Erdboden aufzuheben, eine wichtige Antwort aus einer bangen Seele herauszubohren oder um einem nicht sehr braven Mitglied der menschlichen Gesellschaft damit unversehens auf die Schulter zu klopfen. Ferner hatte dieser gute Freund des öfteren mal als Revolverersatz oder, besser gesagt, als Totschläger dienen müssen; denn er besaß eine recht beachtenswerte Krücke.

Zum Schluß sei noch von Benson gesagt, daß er im Nebenberuf liebevoller Familienvater war, eine entzückende Gattin und vier ebensolche Kinderchen besaß: drei Buben und ein Mädchen.

Gegen zwölf Uhr dreißig desselben Tages erhielt Oberinspektor Benson die Nachricht von der Auffindung des Toten in Peddersens Gasse. Fünf Minuten später rollte der Polizeiwagen ab. Außer den Polizisten, dem Photographen und dem Polizeiarzt hatten Oberinspektor Benson und Inspektor Hunt darin Platz genommen. Der Inspektor war noch jung und bei dem Oberinspektor sozusagen in der Lehre. Durch seine unbedingte Zuverlässigkeit, aber auch durch manchen gescheiten Einfall, war es ihm gelungen, sich die Achtung seines Herrn und Meisters in einem so hohen Maße zu erwerben, daß er ihm fast unentbehrlich geworden war. Er besaß nämlich das, was der Oberinspektor, der es liebte, laut zu denken, gerade brauchte: ein paar aufmerksame, aber kritische Ohren, denen keine Lücke in der Beweisführung und keine zu schwach begründete Annahme entgingen.

Als das Polizeiauto nach einer kurzen Fahrt am Eingang von Peddersens Gasse hielt, kroch, wie eine Schar Ameisen aus einem aufgestörten Bau, eine neugierige Menge aus allen vorhandenen Türen der näheren Umgebung, und wenn nicht sogleich die Polizisten herbeigestürzt und um Verstärkung gepfiffen hätten, so hätten sich die arbeitenden Beamten wohl kaum in dem engen Hof zu rühren vermocht.

»Sperren Sie die ganze Gasse ab!« wies Benson einen der Polizisten an. »Niemand, der hier nicht wohnt oder beschäftigt ist, hat hier etwas zu suchen. Ich übergebe Ihnen hiermit die Verantwortung für die gesamten Absperrmaßnahmen.«

»Zu Befehl!« Der Polizist salutierte und gab dann mit weitschallender Stimme seine Anordnungen.

»So, das wäre das«, brummte Benson, indem er sich – wohl zum zehnten Male an diesem Morgen – bemühte, seinen Kneifer gerade zu rücken, was ihm durchaus nicht gelingen wollte. Dann schaute er sich mißbilligend um.

»Du lieber Gott«, rief er aus. »Was wollen denn die vielen Kinder hier? – Spielen? – Schön! – Sollen sie ihren Spielplatz vorübergehend in eine andere Gegend verlegen. Kinder kann ich heute hier nicht gebrauchen.«

Einer der Polizisten hatte sogleich begriffen, worum es sich handelte, und er löste seine Aufgabe auf eine geradezu geniale Weise, indem er den staunenden Kindern zurief: »Los! – Wer mich fängt, bekommt fünfundzwanzig Öre!« Damit rannte er aus der Gasse heraus, einen Schwarm von vor Eifer schreienden Kindern wie einen Kometenschweif hinter sich her ziehend.

»Wir werden ihm nachher die fünfundzwanzig Öre aus der Kasse auszahlen lassen müssen«, lachte Benson. Dann wandte er sich an die wenigen, noch herumstehenden Leute:

»Also? – Wer hat bei uns angerufen?« –

»Ich, Herr Kriminalrat«, sagte Niels Jasking mit kläglicher Stimme. Dabei trat er, als ob er ein schlechtes Gewissen hätte, statt einen Schritt vor, zwei zurück.

»Warum haben Sie nicht die nächste Polizeiwache verständigt?« grollte der Oberinspektor. »Das wäre doch das Naheliegendste gewesen.«

»Ich dachte, weil – ein Mord – und da muß man – –.«

»Haben Sie gesehen, daß jemand ermordet wurde?« fragte Benson mit gerunzelter Stirn.

Niels Jasking machte große Augen.

»Gesehen? – Nein, das gerade nicht, aber wenn – –«.

»Dann erzählen Sie gefälligst keine Räubergeschichten! Verstanden?«

Der dicke Mann zeigte, schwitzend vor Angst, mit dem Daumen über seine Schultern. »Sörensen sagte zu mir, – –«.

»Wer sind Sie?«

Sörensen trat einen Schritt vor. »Sörensen ist mein Name. Ich bin der Hausmeister dieses Grundstücks. Heute morgen – –.«

»Ich meine nicht Sie, sondern diesen Herrn, der bei uns angerufen hat. Also?«

»Niels Jasking«, antwortete der Gefragte mit einem Gesicht, als ob er im nächsten Augenblick gehängt werden sollte.

»Ihr Beruf?«

»Beruf? – Ich – Gelegenheitsarbeiter, Herr Kriminalrat.«

»Gut. – Also Sie haben einen Toten gefunden, nicht wahr?«

»Jawohl, zu dienen«, stammelte Jasking verwirrt.

»Na, dann zeigen Sie uns mal den Weg!«

»Hier, meine Herren!« drängte sich Sörensen diensteifrig vor. – Hier, bitte, diese Kellertreppe hinunter! Die Leute, die hier stehen, gehören zu der Südfruchtfirma. Ich konnte sie doch nicht gut fortjagen, nicht wahr? Aber ich habe den hinteren Teil der Kellerräume, wo wir den Toten gefunden haben, abgeschlossen.«

»Gut, gut! Wir werden ja sehen. Kommen Sie, Hunt!«

»Unten angelangt, blieb Benson stehen und schnupperte angelegentlich in der dumpffeuchten Kellerluft. »Was sind das für Gerüche, Inspektor? Raten Sie mal!«

»Apfelsinen.«

»Ja, und was noch?«

»Hm. Anscheinend Ratten.«

Benson nickte. »Ja. Aber noch etwas.«

Haggart Hunt zuckte die Achseln. »Keine Ahnung!«

»Terpentin, Herr«, fiel Sörensen ihm ins Wort. »Vorne ist nämlich noch eine Malerwerkstatt.«

»So, so«, nickte Benson. »Dachte es mir. – Also weiter! –«

Sie gingen weiter, bis sie an die Eisentür kamen.

»Aha! Das ist wohl die Tür, die Sie abgeschlossen haben?« fragte der Oberinspektor.

Sörensen bejahte eifrig.

»Warum ist der hintere Keller von dem vorderen durch eine eiserne Tür geschieden?«

»Ja, das ist so«, sagte der Hausmeister bedächtig. »Hier hatte früher einmal eine pleitegegangene Firma leichtentzündliche Stoffe gelagert. Chemikalien, glaube ich. Es war noch vor meiner Zeit, und es war Vorschrift, daß diese Tür eingebaut wurde.«

»Wie lange sind Sie hier schon Hausmeister?«

»Seit gut sieben Jahren.«

Sie gelangten durch die eiserne Tür in den Quergang.

Die Tür des Kellers, in welchem Niels Jasking gearbeitet hatte, stand offen. Vermutlich hatte dieser in seiner Aufregung sich nicht die Zeit genommen, sie hinter sich zu schließen.

Benson blieb plötzlich stehen und sah sich um. »Aber wo ist denn der – wie heißt er doch? – also der Mann, der die Meldung gemacht hat – geblieben?«

»Draußen in der Gasse, Herr Oberinspektor«, erwiderte Sörensen. »Er hat nämlich Angst. Er traut sich nicht, herunterzukommen.«

»Angst? Wenn die Polizei hier ist, braucht er keine Angst zu haben. Oder hat er etwa Angst vor der Polizei? Hunt, holen Sie doch, bitte, den Mann gleich her!«

Benson betrachtete interessiert die Tür und das kleine, billige Vorhängeschloß davor. Dann erst trat er, von dem Hausmeister gefolgt, über die Schwelle.

Das erste, was er sah, war ein Haufen ausgeschaufelter Erde und ein ziemlich tiefes Loch in der Mitte des Kellers. Ein schwerer, ekelerregender Geruch erfüllte den niedrigen Raum wie eine giftige Wolke.

»Das riecht ja entsetzlich!« stieß Benson hervor.

Er beugte sich über die Grube und schaute hinein. »Aha! Da haben wir die Bescherung. Also vergraben gewesen, was? – Wie kam es –?«

Er unterbrach sich plötzlich und stieß das Kellerfenster unter der Decke mit der Spitze seines Regenschirms auf. Erleichtert tat er einen tiefen Atemzug, als von draußen eine Brise frischer Luft hereinkam.

»Hausmeister! Wem gehört dieser Kellerraum? War er vermietet?«

Der Hausmeister warf dem Oberinspektor einen verzweifelten Blick zu, den dieser richtig deutete.

»Ja, verstehe! Wir gehen hinaus. Das hier kann wirklich kein Mensch aushalten. Wir werden uns an einem anderen Ort unterhalten.«

In diesem Augenblick kam einer der Polizisten in den Kellerraum hereingestampft.

»Gut, daß Sie kommen«, rief ihm Benson zu. »Hier unten werden jetzt zwei Mann die Ausgrabung des Toten zu Ende führen.« – Bensons Schirmkrücke sauste plötzlich mit kräftigem Schwung in den Erdhaufen, worauf eine riesige Ratte quiekend davonstob. – »Hier drinnen wird eine Untersuchung kaum möglich sein – höchstens ganz oberflächlich. Sorgen Sie dafür, daß der Tote dann gleich abgeholt wird!«

»Jawohl, Herr Oberinspektor.«

»Kommen Sie, Hausmeister!« wandte sich Benson an Sörensen. »Halt! – Einen Augenblick mal!« unterbrach er sich. »Schon gut! Gehen Sie voraus! Ich komme sofort nach.«

Sörensen machte, daß er von dem grausigen Ort wegkam. Der Oberinspektor aber, der bei dem Anblick der hölzernen Pferde gestutzt hatte, ging in den Kellerraum zurück und betrachtete die Tiere aus der Nähe. »Merkwürdig!« brummte er. »Sehr merkwürdig, in der Tat!« Sinnend stand er eine Weile da, bis er sich endlich entschloß, dem Hausmeister auf den Gang hinaus zu folgen.

»Also? – Wer hat den Keller gemietet?« fragte er noch einmal.

»Am dritten März kam ein Mann zu mir, der sich Conni Nielsen nannte.«

»Was heißt das? Warum sagen Sie, daß er sich so nannte? Glauben Sie, daß es nicht sein richtiger Name war?«

»Das weiß ich nicht, Herr Oberinspektor. Ich wollte damit nur sagen, daß ich den Mann nicht kannte und ihn nie vorher in meinem Leben gesehen hatte. Er hatte einen Karren bei sich und fragte mich, ob er nicht einen kleinen, billigen Keller mieten könne.«

»Schön. Und was weiter?«

»Ich zeigte ihm verschiedene freie Kellerräume; aber der Mann wollte den billigsten haben, den er bekommen könnte. Er hätte nur etwas unterzustellen, sagte er.«

»Wohl die Karussellpferde, wie?«

»Ja, die Karussellpferde. Er nahm schließlich diesen kleinen Keller hier und lud seine sechs Pferde ab. Die fünfzehn Kronen Miete zahlte er mir in die Hand. Ich stellte ihm darüber eine Quittung aus.

»Warum schweigen Sie? – Was geschah dann weiter?«

»Nichts, Herr Oberinspektor. Seit der Zeit habe ich den Mann nie wieder zu Gesicht bekommen.«

Benson schien überrascht. »Hm, das ist wirklich merkwürdig. Wie sah denn der Mann aus, der sich Conni Nielsen nannte?«

»Er war ein älterer Mann. Über sechzig. Klein und mager. Sein Gesicht war ganz verwittert, sein Haar und sein Bart, der an einen Seehund erinnerte, sehr struppig. Seiner Sprache nach schien er aus Jütland zu stammen.«

»Schön! Das ist wenigstens ein kleiner Anhaltspunkt. Sagte er nichts von den Holzpferden? – Ich meine, was er damit zu tun gedächte, und warum er sie hier unterstellen wollte?«

»Nicht ein Wort, Herr Oberinspektor. Ich hatte den Eindruck, einen ziemlich scheuen, verschlossenen Menschen vor mir zu haben. Die einzige Bemerkung, die er machte, war die, daß der Keller nicht feucht sein dürfe, da sonst die Farbe auf den Pferden litte.«

»Und dann hörten Sie nichts mehr von ihm?«

»Nein, Herr Oberinspektor.«

»Wollen Sie mir noch einmal, und zwar möglichst genau, diese Begegnung schildern!«

Zwei Polizisten, die mit Spaten bewaffnet waren, kamen den Gang herunter. Benson verschwand mit ihnen in den Kellerraum, um ihnen die notwendigen Anweisungen zu geben. Als er wieder heraustrat, sah er den Polizeiarzt kommen.

»Einen Augenblick Geduld, Doktor!« rief er ihm zu. »Der Tote liegt noch nicht ganz frei.«

Dann wandte er sich wieder an den Hausmeister, der abwartend an derselben Stelle stehen geblieben war.

»Schießen Sie los, Sörensen!«

Der Hausmeister strich sich nachdenklich über das Kinn und fuhr sich mit der Zunge erst einmal über die Lippen, ehe er begann:

»Also, es war am dritten März, so um zehn Uhr herum. Ich saß gerade beim Frühstück, als es an meine Tür klopfte. Meine Frau ging öffnen. Nach einer Weile kam sie mit diesem Conni Nielsen zurück und sagte: ›Der Herr möchte gern einen kleinen Keller mieten, Sven.‹ Sven ist nämlich mein Vorname, Herr Oberinspektor. ›Sofort‹, sagte ich, ›ich bin in fünf Minuten fertig. Wenn Sie solange Platz nehmen wollen, Herr?‹ Und er setzte sich dann auch.«

»Und dann unterhielten Sie sich mit ihm über das Wetter, bis Sie mit dem Frühstück fertig waren«, unterbrach ihn Benson.

»Ja. Woher wissen Sie das?« fragte der Hausmeister verblüfft.

»Wurde noch von etwas anderem gesprochen, als vom Wetter?«

»Ja. Ich sagte: ›Sie möchten also einen Keller mieten? Soll es ein kleiner oder ein großer sein?‹ Er sagte: ›Einen ganz kleinen, möglichst billigen. Ich will nur ein paar Sachen unterstellen.‹ Ich fragte: ›Haben Sie die Sachen gleich mitgebracht?‹ Er nickte und sagte mir, er habe sie auf einem Karren unten in der Gasse.«

»Schön. – Und was weiter?«

»Ich setzte dann meine Mütze auf, nahm meinen Schlüsselbund und ging mit ihm hinunter. Ich sagte: ›Der billigste Keller wird immerhin fünfzehn Kronen im Monat kosten.‹ Es war ihm gleich; aber er meinte, der Keller müsse trocken sein. Die Holzpferde, die er auf dem Karren hatte, hatte er mit Säcken zugedeckt, weil es gerade regnete. Aber ich dachte mir gleich, so ein kleiner Hinterkeller wird ihm wohl passen.

Er sah sich also den Keller an, nickte und meinte, für fünfzehn Kronen sei ihm das schon recht, aber es sei ja kein Schloß an der Tür. Nein, sagte ich, die Keller zu fünfzehn hätten keine Schlösser, sondern nur Überfallriegel. Man müsse sich dann eben ein Vorhängeschloß davor hängen. ›Schön‹, meinte er, ›das ließe sich wohl machen.‹ Dann gab er mir die fünfzehn Kronen und sagte, er wolle den Karren bis vor die Kellertür fahren und die Sachen abladen. ›Tun Sie das‹, antwortete ich. ›Ich werde inzwischen hinaufgehen und die Quittung ausschreiben.‹

Ich ging also nach oben. Als ich wieder runterkam, hatte er schon drei Pferde in den Keller gebracht und war gerade dabei, das Regenwasser mit einem Sack abzuwischen. ›O‹, meinte ich, ›Sie haben wohl ein Karussell und reisen auf Jahrmärkten und so herum?‹ Er gab mir darauf keine Antwort, sondern bemerkte nur, es läge ihm sehr daran, daß der Keller trocken wäre. Ich sagte, er könne vollständig beruhigt sein. Dann gab ich ihm die Quittung, die er in die Tasche steckte, ohne sie anzusehen. Ich sagte noch, daß ich zu tun hätte, und daß er wohl allein fertig werden würde. Dann gab ich ihm noch einen Schlüssel für die vordere Kellertür und für die Eisentür, obgleich die doch niemand abschließt, und riet ihm, sich gleich ein Vorhängeschloß zu besorgen. Er brummte etwas, ohne sich umzuwenden. Als ich hinausging, putzte er immer noch an den Pferden herum. Das ist das letzte, was ich von ihm gesehen habe. Ich hatte noch etwas zu besorgen, und als ich zurückkam, war der Karren, auf dem er die Pferde hergefahren hatte, fort. Und als ich einige Tage später hinunterkam, sah ich auch, daß er sich ein kleines Schloß vor die Tür gehängt hatte.«

Einer der Polizisten trat auf den Gang und sagte etwas zu Benson. Dieser nickte und wandte sich an den Polizeiarzt: »Es ist so weit. Beeilen wir uns, damit der Leichnam bald fortgeschafft werden kann.«

Man hatte den Toten neben die Grube gelegt, die Niels Jasking in dem Keller ausgehoben hatte. Die Luft war zum Ersticken, denn die Verwesung des Leichnams war schon weit fortgeschritten. Der Arzt schüttelte mißbilligend den Kopf. »Unmöglich, in dieser Luft zu arbeiten, Oberinspektor«, erklärte er. »Außerdem ist hier die Beleuchtung so schlecht, daß man sowieso keine Untersuchung vornehmen kann.«

Benson ging in den Gang hinaus und gab Anweisung, den Leichnam sofort in die Polizeiklinik Zu schaffen.

Der Arzt nickte befriedigt.

»Ich fahre voraus«, sagte er. »Warten Sie mit dem Durchsuchen der Taschen und der Kleider des Toten lieber noch. Besser wir desinfizieren erst gründlich. – Also – auf Wiedersehen bis nachher!«

»Auf Wiedersehen, Doktor!«

Bald kamen die Leute mit einer Tragbahre, auf der ein sargartiger Kasten aus Zink befestigt war. Stumm verschwanden sie in dem grauenvollen Kellergelaß. Benson wartete, bis sie wieder heraustraten und ebenso schweigsam, wie sie gekommen waren, mit ihrer unheimlichen Last verschwanden.

»Jetzt können wir wohl fortfahren!« wandte er sich dann an den Hausmeister. »Wann kam Ihnen zum ersten Male der Gedanke, daß hier in diesem Keller etwas verdächtig war?«

Sörensen starrte den Oberinspektor verständnislos an. »Wie meinen Sie das?« fragte er verwirrt. »Ich habe nie geahnt, daß – – –.«

Benson blickte den Hausmeister scharf an. »Der Kellerraum wurde doch von dem Mann, der ihn mietete, mittels eines Vorhängeschlosses abgeschlossen. Ich verstehe nun nicht, aus welchem Grunde Sie das Schloß aufbrachen und auf den Gedanken kamen, den Boden aufgraben zu lassen.«

»Ach so, ja«, antwortete Sörensen, sich nachdenklich hinter dem Ohr kratzend. »Sehen Sie, das war so: Ich wunderte mich schon eine ganze Zeit, daß ich diesen Nielsen überhaupt nicht mehr zu Gesicht bekam. Jedesmal, wenn ich hier vorbeikam, fiel mir der komische alte Mann mit seinen Holzpferden ein. Gestern mittag nun bemerkte ich, daß die Ratten ein Stück von der unteren Türfüllung fortgenagt hatten. Ich ließ mich auf die Kniee nieder, um mir das richtig anzusehen, und da entdeckte ich, daß jemand den Zementfußboden aufgeschlagen hatte.«

»Aufgeschlagen? – Wer hat ihn aufgeschlagen?'

»Das weiß ich nicht. Vermutlich dieser Conni Nielsen.«

»Aber das hätten Sie doch hören müssen. Man braucht doch Hammer und Meisel, um eine Zementdecke aufzuschlagen. So etwas geht doch nicht ohne tüchtigen Lärm ab.«

»Da haben Sie wohl recht. Aber Sie müssen bedenken, daß es in Peddersens Gasse viel Lärm gibt. Vor allem in der Schlosserei wird oft ohrenbetäubend gehämmert. Sicher ist das Aufschlagen des Fußbodens zu hören gewesen, aber niemand hat darauf geachtet.«

»Hm«, machte Benson zweifelnd.

»Und dann kann es ja auch sein, daß ich gerade nicht da war, als der Fußboden aufgeschlagen wurde. Ich bin viel unterwegs. Jedenfalls entsinne ich mich nicht, in der letzten Zeit solch ein Geräusch gehört zu haben.«

»Nun ja, natürlich, es ist wohl möglich, daß Sie gerade unterwegs waren«, gab der Oberinspektor zu.

In diesem Augenblick kamen zwei Männer den Mittelgang herauf. Der eine war Inspektor Hunt, der andere Niels Jasking, den Benson inzwischen vollkommen vergessen hatte.

Der Inspektor bedachte seinen Begleiter mit zornigen Seitenblicken.

»Ich habe den Kerl in der ganzen Gasse gesucht«, schalt er, »und wo finde ich ihn endlich? – In einer Kneipe, wo er sich um sein bißchen Verstand säuft!«

»Hick?« machte Niels Jasking verwundert und schaute die beiden Männer treuherzig an.

Benson betrachtete ihn mißbilligend.

»Bringen Sie ihn nach Hause und lassen Sie ihn seinen Rausch ausschlafen. Es ist gänzlich zwecklos, den Mann jetzt zu vernehmen. Wir lassen ihn dann morgen vorführen.«

»Sie können mir über den Toten selbst nichts sagen, Sörensen?« setzte Benson die Vernehmung des Hausmeisters fort, als Hunt mit dem Betrunkenen wieder fortgegangen war.

»Ich habe ihn mir nur ganz flüchtig angesehen. Außerdem war das Gesicht ja vollkommen entstellt und aufgedunsen.«

»Wem gehört dieses Grundstück hier?«

»Der Besitzer ist Herr Harian«, sagte Sörensen.

Benson fragte ihn nach der Adresse und machte sich einige Notizen.

»Warum haben Sie Jasking das Loch hier graben lassen?« fragte er, nachdem er sein Notizbuch wieder weggesteckt hatte.

»Zur Hauptsache wegen dieser verdammten Ratten.«

»Also haben Sie es selber veranlaßt?«

»Ja – vielmehr nein – es geschah auf Veranlassung von Herrn Harian.«

Benson runzelte die Stirn. »Wollen Sie mir das, bitte, ein wenig deutlicher erklären.

»Gestern entdeckte ich, wie ich schon sagte, daß man den Zementfußboden aufgebrochen hatte. Da sich Nielsen nicht mehr blicken ließ, und ich doch nach dem Rechten sehen muß, brach ich das Vorhängeschloß einfach auf. Was sollte ich anders machen? Man kann schließlich nicht mehr tun, als ihm das Ding nachher zu ersetzen, nicht wahr? Nicht der Rede wert. Na, ich ging also in den Keller hinein und sah auch gleich die Bescherung. Die Ratten hatten sich bereits in die Erde hineingewühlt. Da bekam ich es mit der Angst, daß die Biester die Leitungen annagen könnten. Das wäre eine schöne Schweinerei gewesen. Sie müssen nämlich wissen, daß sich hier unten gerade die Hauptkloakenleitung befindet. Gerade an dieser Stelle münden sie von allen drei Blocks in das Hauptsiel.

Heute morgen war ich bei Herrn Harian und besprach mit ihm die Geschichte. Er beauftragte mich, den zerstörten Fußboden von Jasking wieder ausbessern zu lassen. Gleichzeitig sollte aber nachgesehen werden, ob die Kloakenleitung intakt wäre, damit nicht, wie es gewöhnlich der Fall ist, die Schweinerei hinterherkommt, wenn der Fußboden gerade in Ordnung gebracht worden ist.«

Benson nickte. »Gut. Das wäre für jetzt alles. Sie können wieder an Ihre Arbeit gehen. Aber halten Sie sich immer zur Verfügung der Polizei.«

Inspektor Hunt kam zurück. »Schön, daß Sie wieder da sind«, sagte Benson. »Schlage vor, daß wir uns den Tatort ein wenig näher ansehen. Inzwischen wird die Luft erträglicher geworden sein, denke ich.«

Sie betraten das Kellergelaß und schauten sich eine Weile schweigend um. Bensons Schirmspitze tippte auf eines der Holzpferde, die mit ihrer erstarrten Feurigkeit ferne Erinnerungsbilder an eine fröhliche Kindheit in ihm wachriefen.

»Zum wenigsten wissen wir, in welchen Kreisen wir den Mann zu suchen haben, der diesen Keller mietete«, brach der Oberinspektor das Schweigen.

Hunt nickte. »Fahrendes Volk. Zumeist jähzornig und impulsiv. Immer rasch bei der Hand mit einem Messer und so. Ich denke doch, es ist anzunehmen, daß der Mieter und der Mörder ein und dieselbe Person ist.«

Benson zuckte die Achseln. »Das läßt sich vorläufig natürlich so ohne weiteres nicht sagen – wenn diese Annahme auch etwas für sich hat. Das Schaustellergewerbe ist ja genehmigungspflichtig. Es dürfte daher nicht schwer sein, den Mann, der den Keller mietete, in den Listen feststellen zu lassen. Er nannte sich Conni Nielsen. Finden wir unter den Schaustellern einen Mann, der diesen Namen führt, so wissen wir zwar, daß der Mann seinen richtigen Namen angegeben hat, sind aber zu der Annahme gezwungen, daß er mit dem Mord nichts zu tun hat. Jemand, der ein Verbrechen begehen will, wird sich kaum seines richtigen Namens bedienen.«

»Es sei denn, er dachte noch gar nicht an ein Verbrechen, als er diesen Keller hier mietete.«

»Auch möglich. Aber in diesem Fall wird er schleunigst verschwinden, sobald er in der Zeitung liest, daß man das Verbrechen entdeckt hat. Eines Tages wird man ihn freilich doch erwischen. – So liegt der Fall von seiner einfachsten Seite aus gesehen.«

»Und wenn der Name Conni Nielsen nicht bekannt ist?«

»Dann liegt die Vermutung nahe, daß dieser Unbekannte der Täter ist«, erwiderte Benson, während er mit seiner Taschenlampe in die aufgeworfene Grube hineinleuchtete.

Plötzlich kniff er die Augen zusammen, um einen Gegenstand, der da unten lag, besser erkennen zu können. Als ihm dies nicht gelingen wollte, angelte er mit der Schirmspitze danach. Der Gegenstand aber rutschte ihm immer wieder weg, so daß er schließlich kurz entschlossen in die Grube hineinsprang, um ihn herauszuholen.

»Haben Sie etwas gefunden?« fragte Hunt gespannt, als der Oberinspektor aus der Grube wieder herausgeklettert war.

»Nur eine alte Blechdose«, erwiderte Benson kurz.

»Außen ganz schwarz von Rost und innen verhältnismäßig blank«, stellte Hunt fest. »Eigentlich merkwürdig, wie? Sieht so aus, als wäre sie erst später geöffnet worden.«

»Ja, es scheint so«, bestätigte Benson nachdenklich.

»Offenbar eine alte Tabakdose.«

Benson betrachtete seinen Fund mit dem größten Interesse. Er drehte die Dose herum, schüttelte sie und kratzte mit den Fingernägeln daran. Schließlich steckte er sogar seine Nase hinein.

»Riecht wohl nach Tabak, wie?« fragte der Inspektor. Statt zu antworten, reichte Benson ihm die Dose.

»Versuchen Sie einmal herauszubekommen, welcher – wenn auch ganz schwache – Duft dieser Dose anhaftet!«

Inspektor Hunt nahm die Dose in die Hand und roch ebenfalls daran. Dann zuckte er mit den Achseln. »Wenn man zu jemand sagt, er soll was Bestimmtes riechen, so bildet er sich sofort alle möglichen Gerüche ein.«

Benson lachte:

»Nicht wahr? Der Geruchsinn ist von allen Sinnen der bestechlichste.«

»Ja, so ist es wohl.« Hunt schnupperte nachhaltig. »Hm. Wonach also riecht die Dose? – Nach Erde? – Ratten? – Nach Blut und Leichen? Am liebsten möchte ich sagen, sie riecht nach gar nichts.«

Benson lächelte von neuem. »Und wenn Sie mich auslachen – sie riecht doch nach etwas. Allerdings kann ich im Augenblick nicht sagen, wonach. Doch lassen wir das erst einmal. Was fällt Ihnen noch an dieser Dose auf?«

Ich sagte schon, daß sie außen sehr verrostet ist, demnach verhältnismäßig lange Zeit in der Erde gelegen haben dürfte. Innen aber ist sie wieder blank, was die Vermutung nahe legt, daß sie verschlossen in der Erde gelegen hat und vor nicht gar zu langer Zeit geöffnet wurde.«

»Sonst noch etwas? Betrachten Sie sie, bitte, genau!«

Hunt drehte die Dose nach allen Seiten und prüfte sie gewissenhaft. Dann gab er sie achselzuckend zurück. »Ich wüßte wirklich nicht, was daran noch Auffälliges wäre.«

»Drei Dinge plaudert diese Dose aus«, sagte Benson sinnend. »Drei sehr wichtige Dinge. Aber davon später! Es ist nicht gut, von Anfang an eine Theorie aufzustellen. Man gerät dann leicht auf einen Irrweg und übersieht die einfachsten Dinge. – Tatsachen! – Darauf kommt es zunächst ganz allein an. Tatsachen sammeln und weiter nichts!«

Benson bückte sich plötzlich und folgte dem Strahl seiner Taschenlampe, der über den Boden hinweghuschte. Eine Stelle, die etwa eine Hand breit von der Aufbruchstelle entfernt lag, schien ihn sehr zu interessieren.

»Könnte unter Umständen von außerordentlicher Wichtigkeit sein«, murmelte er und winkte Hunt zu sich heran. »Sehen Sie mal hier!« Er wies auf einen abweichend gefärbten Zementstreifen, der sich fingerbreit um die Grube herumzog. »Das wollen wir uns in unserem Gehirn notieren.«

»Sie meinen, daß der Zementfußboden schon einmal – und zwar vor längerer Zeit – aufgeschlagen worden ist?«

Benson nickte. »Diese Feststellung könnte äußerst wertvoll werden. Wir müssen den Hausmeister darüber befragen. Wenn hier unter dem Keller wichtige Verbindungen der Entwässerungsanlage liegen, so liegt natürlich die Annahme nahe, daß man den Fußboden öfter öffnen mußte. Für den Besitzer des Grundstücks wäre ein gemauerter Schacht, durch den man ohne Mühe jederzeit an die Leitungen herankommt, natürlich viel vorteilhafter gewesen. Aber wie das so gewöhnlich ist; schon beim Bauen wird an allen Ecken und Enden gespart und meistens am falschen Ende.«

Sein immerwährend am Fußboden suchendes Auge sog sich plötzlich an einem unscheinbaren Zementstückchen fest. Rasch angelte er mit der Schirmspitze danach, bückte sich und ergriff es. Voll Interesse drehte er es vor seinen Augen hin und her, pfiff durch die Zähne und ließ das Stück endlich mit einem Aufleuchten seiner kühlen grauen Augen in der Rocktasche verschwinden. Dann ließ er sich hastig auf die Knie nieder und begann, den Schutthaufen, soweit er nicht von der ausgeworfenen Erde bedeckt war, zu durchsuchen. Zwei bis drei solcher Zementbrocken steckte er dann ebenfalls in seine Tasche.

»Was wollen Sie denn damit?« fragte Inspektor Hunt ein wenig verwundert.

Benson erhob sich und klopfte sich die anhaftende Erde von den Knien ab. »Ich will es Ihnen ins Ohr sagen, lieber Inspektor«, entgegnete et mit einem geheimnisvollen Lächeln.

Als Hunt neugierig den Kopf neigte, flüsterte er ihm zu: »Ich habe so ein Gefühl im Magen, als ob es Zeit wäre, zu Tisch zu gehen. Was meinen Sie dazu?« Dann fuhr er mit harter Stimme fort: »Hier sind wir vorläufig fertig. Um drei Uhr sehen wir uns in meinem Büro wieder. Also, lassen Sie sich das Essen gut schmecken, Herr Inspektor!«

Hunt blickte ihm verdutzt nach. Dann rief er einen der Polizisten und beauftragte ihn mit der Überwachung des Kellers. Sie können sich mit Ihren Kameraden einigen und sich gegenseitig alle zwei Stunden ablösen.«

Aufatmend verließ auch er dann den unheimlichen Ort, um sich zu Tisch zu begeben.


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