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XIX.
Schluß.

Wieder war es Frühling geworden; ein Jahr war vergangen, und Brenkens hatten früher als sonst die Villa in Z. bezogen, denn ein junger Stammhalter der Familie war geboren. Das Glück Axels und seiner niedlichen Frau war dadurch noch erhöht, seine Mutter war nicht wenig stolz auf ihr erstes Enkelchen, und Herr Westerholz fühlte sich als Großpapa äußerst befriedigt.

»Mein Amt als Tante fängt schon an,« bemerkte Gertrud lachend. »Sagte ich dir nicht, daß ich dieses Geschäft übernehmen würde, lieber Axel?«

Er küßte sie innig.

»Mein Herzensschwesterchen,« sagte er ungewöhnlich zärtlich, »du wirst noch selbst ein großes, persönliches Glück finden, du verdienst es.«

Seit gestern trug er einen Brief Haßfelds bei sich, in dem dieser ihm sein ganzes Herz ausschüttete und seine Schuld Gertrud gegenüber freimütig eingestand. Er fragte Axel, ob er kommen dürfe, und bat sich telegraphischen Bescheid aus.

In einer halben Stunde mußte der Zug ihn bringen.

»Vielleicht gehst du bis zu der Bank in den Dünen hinunter, Trudchen,« schlug Axel vor, »der Abend ist herrlich, und wir folgen wohl mit Ilse und Erna.«

Sie that, wie er wünschte, er aber blieb zurück und wartete auf den Reisenden.

Da, ein schnell heranrollender Wagen; er hielt vor der Villa, eine schlanke Gestalt sprang elastisch zu Boden, die Hände der jungen Männer fanden sich in herzlichem Druck.

»Wo ist Ihre Schwester?« fragte Haßfeld. Seine Stimme war heiser vor leidenschaftlicher Erregung, dann stürmte er fort, sobald er die Auskunft erhalten hatte.

Über ein Jahr hatte er sich fern gehalten, trotz seiner verzehrenden Sehnsucht. Wenn er sie wiedergesehen, hätte er sprechen müssen, und er achtete sie zu hoch, um sie müßigem Klatsch auszusetzen. Deshalb beobachtete er die vorgeschriebene Zeit, die für einen Witwer als erforderlich gilt, ehe er an ein neues Glück denken darf. Und während das Meer sein gewaltiges Lied sang und der lachende, blaue Himmel sich wie ein hoher Dom über sie wölbte, fanden sie sich.

Gertrud saß träumend auf der einsamen Bank, da spitzte Chasseur die Ohren und hob den klugen Kopf, gleich darauf stürzte er, vor Freude laut bellend, auf Haßfeld zu.

Sie stand auf und ging ihm entgegen, ein strahlendes Willkommen in den dunklen Augen; es war, als habe sie ihn erwartet, als könne es nicht anders sein.

Nur das Meer hat es gehört, was sie sich gesagt haben, doch es ist verschwiegen und plaudert nichts aus. Fünf Jahre später finden wir alle unsere guten Freunde wieder am Strande von Z. vereint.

Es ist Frau von Brenkens Geburtstag, und ihre Kinder und Enkel haben sich fröhlich um sie versammelt.

Robert Warnbeck mit seiner Frau und seinen drei Kindern leben jetzt ganz in D., wo er Pfarrer an einer der Stadtkirchen ist. Auch Haßfelds sind seit einer Woche aus Pommern zurückgekommen. Gertrud ist schöner als je und eine vortreffliche Stiefmutter, sie macht zwischen dem Sohn ihres Mannes und ihren beiden eigenen Kindern keinen Unterschied und erzieht sie alle drei mit gleicher Liebe und Sorgfalt.

Der siebenjährige Knabe ist das Ebenbild seines Vaters und hängt mit inniger Liebe an seiner Mama, deren beide kleine Töchter mehr Ähnlichkeit mit der Brenkenschen Familie besitzen.

Die kleine Alma ist blond und rosig und gleicht den Zwillingen, Thekla dagegen, tief brünett, ist sofort als Gertruds Kind zu erkennen und des Vaters ganz besonderer Liebling. Aus dem schlaffen träumerischen Waldemar ist ein rühriger, thätiger Landwirt geworden, der überall selbst Bescheid weiß und mit wahrer Lust und Liebe schafft.

So glücklich auch die beiden andern Paare sind, so ist die Ehe der Haßfeldschen Gatten von einem bräutlichen Zauber umgeben, der jedem auffällt, der sie beisammen sieht. Sie gehen völlig ineinander auf und ergänzen sich immer mehr, ihr endlich errungenes Glück erscheint ihnen mit jedem Tage neu und kostbar.

Die Firma: »Westerholz und Sohn« blüht und gedeiht; Axel wird von dem ganzen Kontorpersonal geradezu vergöttert, er vergißt es nie, daß er einst selbst dazu gehört hat, und ist jedem einzelnen seiner Angestellten ein Freund.

Die drei Kinder des jungen Ehepaares laufen durch Haus und Garten, sie sind der Stolz und die Freude des Großvaters, der in unverminderter Rüstigkeit mitten unter ihnen lebt.

Der Sommer vereinigt sie bald auf dem Haßfeldschen Gute, bald am Strande von Z.

Doktor Hansen ist nach wie vor der treue Hausfreund aller und mehrfacher Pate der jungen Sprossen.

»Es ist zu toll,« poltert er oft, »da muß ich fremde Kinder über die Taufe halten und habe doch schon selbst eine Familie zu Hause, die mit jedem Jahr wächst.«

Zu seinem Leidwesen giebt es wieder zwei junge, glückliche Bräute in der Familie. Die Unzertrennlichen haben sich mit den Brüdern Erich und Alphons von Stein verlobt, die in D. leben und beide tüchtige Rechtsanwälte sind. Sie hängen mit großer Liebe aneinander und bewohnen sogar dasselbe Haus, sodaß die Zwillinge sich nicht zu trennen brauchen.

»Das geht mir aber wirklich über den Spaß,« tobte der Doktor mit seiner Lieblingsredensart, als er es erfuhr. »Nun gebe ich die letzte Hoffnung auf, daß noch einer meinen wohlgemeinten Rat befolgt, sie rennen mit offenen Augen in ihr Unglück.« Er seufzte schwer und fuhr sich ärgerlich durch die borstigen roten Haare.

»Aber Doktorchen, unsere drei jungen Ehepaare sehen gar nicht aus, als bedauerten sie es, sich geheiratet zu haben,« sagte Fräulein Hagener lachend.

»Na!« rief der alte Herr trocken, »wir beide haben es gewiß noch nie bedauert, ledig geblieben zu sein.«

»Das kann ich von mir nicht behaupten,« antwortete Tante Dora neckend, worauf der Doktor verächtlich die Achseln zuckte.

Nach der im September gefeierten Hochzeit der Unzertrennlichen zogen Fräulein Hagener und Frau von Brenken in ein hübsches, kleines Haus, das Axel im Westerholzschen Garten bauen ließ. Heimchen und Gertrud wünschten beide die geliebte Mutter bei sich zu haben, sie meinte aber, es sei besser, wenn die jungen Ehepaare allein blieben. Sie reist jedes Jahr auf mehrere Wochen zu Haßfelds, ihr eigentliches Heim ist aber ihres Ältesten Haus.

Sie weiß, wie mutig er einst für sie gearbeitet hat, damals, als sie noch die Sorge »ums Brot« drückte. Sie denken jetzt gern an jene Zeit zurück, die reich an Entbehrung und reich an Freude war.

Ihr Dankgebet gilt dem gütigen, himmlischen Vater, der alles so herrlich hinausgeführt hat und der auch jetzt mit seinem treuen Segen über ihnen wacht.

Ende.

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Druck des Christlichen Zeitschriftenvereins in Berlin SW. 13.

 


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