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Es war den Brenkens wie so vielen Familien ergangen, die über ihre Mittel leben. Der Reichtum schmolz mit jedem Jahr mehr, das schöne Gut wurde mit Hypotheken und Schulden belastet, aber man war trotzdem zu schwach und eitel, um den Aufwand zu beschränken. Der äußere Schein mußte gewahrt werden, der Haushalt wurde glänzend weitergeführt, man streute den Leuten Sand in die Augen. Die Winter in der Stadt mit ihrer Geselligkeit kosteten viel, die zahlreiche Familie verbrauchte mehr, als Holmstein, nach Abzug aller Verpflichtungen, tragen konnte, und das bare Vermögen war lange nicht mehr da. Hätten sie sich beizeiten eingeschränkt, das Haus in der Stadt früher verkauft und still auf dem Lande gelebt, so wäre es vielleicht möglich gewesen, die immer mehr anwachsende Schuldenlast nach und nach zu bezahlen.
Herr von Brenken war keine energische Natur, er liebte seine Frau über alles, sie war als reiches, verwöhntes Mädchen erwachsen, er brachte es nicht über sein Herz, ihr Entbehrungen aufzuerlegen. Sie selbst war lange Zeit völlig im Unklaren über ihre Lage, er sprach nie mit ihr darüber, und es war immer Geld zu den großen und kleinen Ausgaben da.
Axels Zulage in dem teuren Garderegiment, Gertruds musikalische Ausbildung im Konservatorium, die alljährlichen Vergnügungs- und Badereisen verschlangen Unsummen. Egon verbrauchte als Gymnasiast auch nicht wenig, und das Leiden des kleinen kränklichen Willy erheischte öfters einen monatelangen Aufenthalt im Süden.
Holmsteins Ertrag deckte diese verschiedenen Anforderungen kaum halb; da legte sich Herr von Brenken auf gewagte Börsenspekulationen, die fast immer fehlschlugen. Er war kein Geschäftsmann, ihm mangelte der richtige Überblick, um bei diesem gefährlichen Spiel zu gewinnen. Die fortwährende fieberhafte Aufregung, das Hoffen und Verzweifeln untergruben seine Gesundheit und machten ihn zu einem müden, gebrochenen Mann, obgleich er erst fünfzig Jahre zählte. Erst als er sich gezwungen sah, das schöne Haus in der Stadt zu verkaufen, sprach er mit seiner Frau über ihre Lage, – da sah sie zum erstenmale die Not und Sorge langsam heranschleichen, da bangte ihr zum erstenmal: »ums Brot!« –
Nur mit schwerem Herzen trat sie dieses Jahr die Reise nach dem Süden an. Der kleine Willy hatte einen ungewöhnlich schlechten Sommer gehabt, der Arzt verlangte seine Übersiedelung nach Mentone so früh als möglich; Gertrud sollte die Mutter begleiten, da sie sich im Frühjahr einen hartnäckigen Kehlkopfkatarrh zugezogen hatte.
Frau von Brenken trennte sich ungern von ihrem Gatten, sie bangte davor, ihn allein zu lassen, er war meist so trübe gestimmt und gedrückt und teilte ihr trotzdem nur selten mit, was ihn quälte. Diese Schonung war schwerer zu tragen, als die schlimmste Gewißheit, so dachte sie oft seufzend. Nur Maries Anwesenheit beruhigte sie, denn sie wußte es, wie ihr Heimchen den Vater liebte, wie sie ihm Gesellschaft leisten, seine Sorgen zerstreuen, ihn zu erheitern suchen würde. So jung und zart ihr Kind war, so unbedingt vertraute sie ihm und überließ ihm das Haus, die kleinen Schwestern und den Gatten.
»Es kostet mich viel, gerade jetzt zu verreisen, Heinrich,« sagte sie am Abend vorher. »Du bist nicht wohl und regst dich leicht auf, versprich mir, daß du in meiner Abwesenheit nicht an der Börse spielen wirst.«
Ein Zufall hatte ihr es neuerdings entdeckt, und sie machte sich ernste Sorgen darüber.
Herr von Brenken suchte sie zu beruhigen. Er strich zärtlich über ihr im letzten Winter stark ergrautes Haar und gab ihr das geforderte Versprechen.
Sie wußte es nicht, daß er alles an eine letzte, gewagte Spekulation gesetzt hatte, die ihn entweder zum reichen Mann oder zum Bettler machen mußte.
Seine Tochter Marie merkte ihm aber die jedesmalige krankhafte Angst und Aufregung an, mit der er die Zeitungen überflog.
Und da, eines Morgens kam der Schlag, der sie aus dem Reichtum in die Armut versetzte, der ihnen alles nahm, was sie bisher lieb gehabt hatten, und sie mittellos zurückließ, auf die eigene Arbeit angewiesen, um weiter zu leben.
Das junge Mädchen saß ihrem Vater am Kaffeetisch gegenüber und versorgte die kleinen Schwestern, da hörte sie plötzlich einen Ausruf, so qualvoll und verzweifelt, wie ihn nur ein Mensch in der äußersten Todesangst ausstößt.
»Was ist dir, lieber Vater,« stammelte sie, erschreckt zu ihm eilend und den Arm um ihn schlingend. »Ist dir nicht wohl?«
»Ruiniert, ruiniert,« stöhnte er, das Gesicht in den Händen verbergend. »Die Papiere sind gefallen, auf die ich meine letzte Hoffnung setzte!«
Es war gut, daß Heimchen da war, daß er nicht allein diese bittere Enttäuschung erlebte, er hätte sich vielleicht ein Leid angethan. Sie verließ ihn weder Tag noch Nacht und dankte Gott im stillen, daß die Mutter abwesend war. –
Am Abend des folgenden Tages war Brenken so krank, daß der Arzt geholt wurde. Er machte ein sehr bedenkliches Gesicht, als er die wirren Reden und Phantasieen des heftig Fiebernden hörte. Sie verrieten die seelischen Kämpfe und Sorgen der vergangenen Wochen. Der Typhus trat so bösartig auf, daß der Arzt gleich am Anfang so besorgt war und sofort nach Mentone telegraphierte, um die entfernte Gattin des Schwerkranken zurückzurufen. Sie fand ihn bereits tot, als sie herbeigeeilt kam. Gertrud und ihr kleiner Bruder folgten langsamer, da Willy durchaus nicht angestrengt werden durfte.
Ein junger Landsmann begleitete die Geschwister zur Bahn. Er hatte seine leidende Schwester und Mutter nach Mentone gebracht und dort Fräulein von Brenken wiedergesehen, die er im letzten Winter bereits kennen gelernt und auffallend ausgezeichnet hatte.
Waldemar von Haßfeld interessierte sich für das schöne, talentvolle Mädchen, und seine liebenswürdige Persönlichkeit, sein gewinnendes Äußere waren nicht ohne tiefen Eindruck auf Gertrud geblieben. Hier, in der Fremde, sahen sie sich wieder, und es entspann sich ein reger Verkehr, den die Mutter des jungen Mannes begünstigte, da sie die Brenkens für reich hielt und ihr die Persönlichkeit des schönen Mädchens sympathisch war.
Ihr Sohn konnte keine arme Braut wählen, sein Charakter war weich und nachgebend, es fehlte ihm Stahlkraft und Energie, und er hatte nie zu arbeiten gelernt.
Er gab sich willenlos dem Zauber hin, den Gertrud auf ihn ausübte, und da seine Mutter ihm täglich zuredete, endlich Ernst zu machen, beschloß er, ihr seine Neigung noch vor seiner Abreise einzugestehen und hoffte sie erwidert zu sehen. Wie erstaunt war er, zu erfahren, daß Frau von Brenken am Morgen abgereist war, und daß der kleine Kranke und seine Schwester ihr am andern Tage folgen sollten. Und jetzt, wo er die Entscheidung nahe wußte, zögerte er wie alle unselbstständigen Menschen. Erst als das Glockenzeichen zum Abgang des Zuges gegeben wurde, sagte er schnell: »Ich hoffe, Sie finden Ihren Herrn Vater in der Besserung, gnädiges Fräulein. Darf ich nach Holmstein kommen und mich davon überzeugen?«
Sie nickte, und er fuhr fort: »Und darf ich Sie dann etwas fragen, wozu es mir jetzt an Zeit mangelt? Das Glück meines ganzen Lebens hängt davon ab!«
Seine Stimme bebte vor innerer Bewegung und der Macht seines Gefühls. Sie standen in dem Coupé erster Klasse, wo sie, ihr Brüderlein und die Wärterin die einzigen Passagiere waren.
Das Kind saß auf dem Schoß der alten Frau, beide kehrten ihnen den Rücken und sahen zum Fenster hinaus. Haßfeld ergriff die schlanken Hände des jungen Mädchens, er neigte sein hübsches Gesicht über sie und küßte sie lange und heiß. Die blauen, träumerischen Augen, die eher in ein Frauenantlitz gepaßt hätten, schauten flehend zu Gertrud auf, noch einmal fragte er: »Darf ich kommen?«
»Ja, kommen Sie!«
Ihr stolzes Haupt neigte sich grüßend, er mußte eilig hinausspringen, das Zeichen zur Abfahrt wurde gegeben.
»Auf Wiedersehen,« rief er fröhlich, den Hut ziehend und noch einmal zu ihr hinüberblickend.
»Auf Wiedersehen,« erwiderte sie, und als sich der Zug in Bewegung setzte, warf sie ihm eine Rose aus dem Strauß zu, den er ihr zum Abschied gebracht. Verstohlen hob er die Blume an die Lippen und küßte sie, dann noch ein letztes Winken von ihr zu ihm, und eine Biegung auf der Bahnstrecke ließ alles verschwinden.
Mitten in der Trauer und Besorgnis um den schwerkranken Vater fühlte Gertrud im tiefsten Innern ein großes, heimliches Glück; die Worte: »Auf Wiedersehen« begleiteten sie wie ein heller Stern auf der langen Reise. Sie fragte sich, wie es kam, daß gerade er sie anzog, sie hatte viele andere Männer kennen gelernt, die sich ihr huldigend genaht, die bedeutender, energischer, liebenswürdiger waren. Ihr Herz hatte keinen schnelleren Schlag für sie gehabt. Vielleicht daß der Gegensatz zwischen ihrer Natur und Haßfelds Wesen sie gefesselt. Sie hätten die Rollen tauschen können. Gertrud war sehr fest und entschieden, stolz und zielbewußt. Das sind Eigenschaften, die besonders dem Mann nötig sind und die Waldemar von Haßfeld nur in geringem Maße sein eigen nannte. Trotzdem liebte ihn das schöne, kluge Mädchen, und erst als er Abschied von ihr nahm, erkannte sie den vollen Umfang und die Tiefe dieser Neigung, die allmählich in ihr emporgewachsen war, fast ohne daß sie es vorher geahnt hatte.
Seitdem waren Wochen vergangen, eine trübe, sorgenvolle Zeit kam über die Witwe und die vaterlosen Waisen. Holmstein wurde für einen Spottpreis verkauft, das liebe, alte Haus, in dem sie geboren und groß geworden waren, ging in fremde Hände über. Jeder Baum im Park war ihnen lieb, überall sprachen Jugenderinnerungen zu ihnen, nun hieß es von allem scheiden und in eine dunkle, unsichere Zukunft hinausziehen, den Kampf »ums Brot« aufnehmen. Sie hatten D. zu ihrem Aufenthalt gewählt. Dort kannte sie niemand, und Frl. Hagener rühmte die Billigkeit des Ortes und die guten Schulen.
Haßfeld wollte sofort nach Holmstein eilen, als er von dem Tode Brenkens hörte, es zog ihn zu der Geliebten in dieser Zeit der Trauer und Sorge. Seine weltkluge Mutter redete es ihm aus, sie hatte allerlei seltsame Gerüchte gehört und mußte erst Gewißheit über die Lage der Familie haben.
»Es ist viel zu früh, anzuhalten,« meinte sie. »Was sollten sie davon denken, wenn du jetzt schon mit deinen Wünschen hervortrittst, lieber Waldemar.« Er war immer wie Wachs in ihren Händen gewesen und blieb, indem er es sich einzureden suchte, es sei wirklich besser. Dann hörten sie von der gänzlichen Verarmung der Brenkens, und abermals wußte Frau von Haßfeld den Sohn zu beeinflussen.
Sie stellte ihm vor, daß er nur ein reiches Mädchen wählen könne, da sie selbst fast mittellos waren. Gertrud sei sehr verwöhnt, und Armut sei das Grab der Liebe, es wäre eine Thorheit, wenn er noch eigensinnig an diese Heirat denke. Die Tage wurden zu Wochen und Monaten, er kam nicht, und das stolze, junge Mädchen trug neben all ihrem Kummer bitter an der Enttäuschung, von der sie um alles in der Welt nicht sprechen konnte, weil die Wunde eine so tiefe war. Sie griff überall thätig mit an, half der Mutter und den Schwestern beim Auflösen des Haushaltes, war verständig und besonnen und sprach hoffnungsvoll von der Zukunft, obgleich sie innerlich schauderte, wenn sie an die Leere dachte, die vor ihr gähnte.
Am Tage bevor sie ihr geliebtes Holmstein verließen, gingen Axel und sie noch einmal durch den großen, herrlichen Park. Sie nahmen von den trauten Plätzen Abschied, von den mächtigen, uralten Bäumen, in deren Schatten sie als frohe Kinder sich getummelt hatten. Das welke Laub raschelte unter ihren Füßen, die Luft war voll Nebel, der in klaren Tropfen an den kahlen Ästen der Bäume und Sträucher hing.
Es war ein schönes Geschwisterpaar, das nebeneinander herschritt. Beide hoch und schlank, mit jenem Stempel der Vornehmheit, den gutes Blut und der Verkehr mit der großen Welt giebt.
Axel sah man sofort den Leutnant in Zivil an. Das braune, kurz geschnittene Haar lockte sich trotzdem leicht an den Schläfen, die dunkelgrauen Augen hatten einen festen, oft scharfen Blick. Der Mund, von einem weichen, dunkeln Schnurrbart beschattet, war meist ernst, aber es huschte wie ein Sonnenstrahl über seine männlichen Züge, wenn ein Lächeln die etwas vollen Lippen teilte, man fühlte sich dann unwillkürlich zu ihm hingezogen. Gut und stark, diese beiden Eigenschaften gab ihm jeder, der ihn näher kennen lernte, und treu und zuverlässig fügte man oft hinzu. Er zählte 22 Jahre, sah aber älter aus, sein ganzes Wesen war so ruhig, verständig und gediegen, daß sich der Irrtum leicht erklären ließ.
Das war das junge Haupt der Familie, der Versorger der kleinen Geschwister, der Freund seiner beiden erwachsenen Schwestern, die Stütze der tiefgebeugten Mutter, der einzige Mensch, vor dem der leichtsinnige Egon Respekt hatte, der sich mit seinen sechzehn Jahren erwachsen dünkte und einen dummen Streich nach dem andern ausheckte.
Gertrud war 19 Jahre alt, tief brünett mit herrlichen, schwarzen Haaren und Augen, ein auffallend schönes Mädchen, mit dem Anstande einer jungen Königin, anmutig und lieblich zugleich, konnte sie nirgends unbeachtet bleiben.
»Chasseur, Chasseur!« rief Axel von Brenken, und ein heller Pfiff lockte den schönen braun und weiß gefleckten Setter zurück, der in dem dichten Unterholz verschwunden war. Das edle Tier folgte dem Ruf seines Herrn, es schmiegte sich an ihn und sah ihn mit den großen, feuchtglänzenden Augen an, die oft einen fast menschlich klugen Ausdruck haben.
»Du liebes, treues Tier,« sagte der junge Mann betrübt, »morgen heißt es auch von dir scheiden, wie von allem, was einem bisher teuer gewesen ist.«
»Warum nimmst du ihn nicht mit, Axel?« fragte seine Schwester, indem sie das seidenweiche Fell des Hundes streichelte. »Ich weiß, wie dein Herz an Chasseur hängt, du sagtest oft, daß du ihn um keinen Preis fortgeben möchtest.«
Er versuchte zu lachen, aber es klang nicht eben heiter.
»In der engen Wohnung in D. ist kaum für uns alle Platz, Schwesterchen. Ich habe ihn Waldemar von Haßfeld geschenkt, der ihn sehr bewunderte. Du weißt doch, daß er verlobt ist? Sein reicher Schwiegervater, der Brauer Schmidtchen, hat ein schönes Gut gekauft, dorthin zieht das junge Ehepaar. Du wirst es hoffentlich bei ihnen gut haben, mein Alter,« schloß er und küßte den braunen Kopf seines vierbeinigen Lieblings. Er sah nicht, wie Gertrud heftig zusammenzuckte, ein verächtliches Lächeln kräuselte ihren kleinen, schöngeschweiften Mund, ein wegwerfender Ausdruck blitzte in den dunkeln, stolzen Augen auf. »Kennst du Haßfeld genauer?« fragte sie nach einer Pause mit fast harter Stimme.
»Gewiß, wir dienten ja zusammen bei den Garde-Dragonern. Er ist ein lieber, herzensguter Mensch, leider steht er zu sehr unter dem Einfluß seiner herrschsüchtigen Mutter. Sie hat diese Heirat gemacht, er ist ein sehr zärtlicher Sohn und Bruder, die Seinigen besitzen nur eine kleine Pension. Seine einzige Schwester ist brustkrank und muß die Winter im Süden zubringen, da wird sich der arme Junge wohl selbst geopfert haben.«
»Ich finde es seiner unwürdig!« rief Gertrud scharf.
»Was sollte er? Er ist verwöhnt und ohne Energie. Seine Begabung und Fähigkeiten liegen brach, es fehlt ihm an Selbständigkeit, um sie zu verwerten. Solche Menschen bedürfen der Stütze, man kann nicht von ihnen verlangen, daß sie plötzlich für die Ihrigen sorgen.«
Finster starrte das junge Mädchen vor sich hin, ungeduldig zerbrach sie einen dürren Zweig in kleine Stücke und schleuderte sie ärgerlich fort.
»Gottlob, daß du anders bist, Axel,« klang es gepreßt. »Ich fühle, daß ich gern arbeiten werde, um die Mutter und jüngeren Geschwister vor Mangel zu schützen.« Sie schob den Arm zutraulich durch den des geliebten Bruders. Er richtete seine geschmeidige, kraftvolle Gestalt straff empor. »Ja, auch ich will es,« sagte er ruhig, und es klang wie ein Schwur, wie ein heiliges Versprechen.
»Egon muß zu Ostern in das Gymnasium in D. eintreten,« fuhr er nach einer Weile fort. »Es ist das Ziel meiner Wünsche, ihm einst die Mittel zum Studium zu verschaffen. Wenn mich Herr Westerholz in sein Kontor aufnimmt, werde ich hoffentlich mit der Zeit die Feder ebenso gut führen lernen wie den Degen.«
Der Scherz trieb seiner Schwester die Thränen in die Augen. »Wie schwer es dir werden muß, Axel!« sagte sie innig, seinen Arm an sich drückend.
»Davon spricht man nicht,« versetzte er kurz abbrechend. »Doch nun komm, wir wollen unsern alten Spielplatz aufsuchen, auf dem wir uns als frohe Kinder tummelten. Weißt du noch, Trudchen?«
Und mit diesem: »weißt du noch?« beschworen sie ihre ganze, glückliche Jugend herauf, sie erinnerten sich, weiterschreitend, an hundert kleine Erlebnisse und Abenteuer.
»Ich bin froh, daß es November ist und nicht Mai,« sagte Gertrud. »Es fiele uns allen noch weit schwerer, das alte, liebe Haus zu verlassen, wenn Garten und Park im schönsten Blütenschmuck ständen. Die armen Kleinen werden keine so lichten Rückerinnerungen haben wie wir.«
»Für Willy ist mir besonders bange,« meinte der ältere Bruder besorgt. »Unser Nesthäkchen wird den Wechsel am meisten fühlen, und der Mutter ganze Seele hängt an dem Knaben.«
»Wenn ich nicht in D. genügende Stunden finde, um dem Haushalt wesentlich zu nützen, so werde ich eine Stelle als Lehrerin suchen. Fräulein Hagener wird mir vielleicht dazu verhelfen können. Welch ein Glück für uns, daß wir sie in D. haben, die gute Tante Dora!«
»Hier ist der Platz, wo sie uns immer die Märchen erzählte,« sagte Axel. »Hier auf der Bank zwischen den vier Linden saß sie und wir rund umher.«
»Sogar du als Kadett lauschtest ihr gern. Weißt du noch?« Wieder dieselben, trauten Worte, die so viel in sich schließen, bei denen es uns so wohl und wehe wird. Beide verstummten und dachten der lichten Tage, die für immer vorbei. Dann beschäftigten Axels Gedanken sich mit den Zukunftsplänen seiner Schwester. Sie wollte vielleicht in ein fremdes Haus gehen, um dort eine Stelle als Lehrerin anzunehmen. Die Augen des Bruders ruhten auf der vor ihm Gehenden. Wie stolz und königlich sie aussah in ihrer frischen Schönheit, mit dem vornehmen Äußern, den regelmäßigen, feinen Zügen, den dunkeln, herrlichen Augen. Und sie sollte unter Fremde, vielleicht zu halbgebildeten Geldprotzen, die für eine lumpige Gage ihre Dienste bis zur äußersten Leistungsfähigkeit auspressen würden! Er ballte die Hände, wenn er daran dachte, daß sie dieses Los in Aussicht hatte, und murmelte halblaut einige ärgerliche Worte.
»Sagtest du etwas, Axel?« fragte sie, sich nach ihm umwendend.
Er umfaßte sie innig und küßte ihr reizendes Gesicht. »Ich möchte dir die Hände unter die Füße legen, mein Schwesterchen,« rief er, »mein einziger Herzensliebling!«
»Du guter, guter Bruder!« versetzte sie gerührt.
Dann schritten sie stumm Arm in Arm dem Hause zu, das sie bisher ihr Heim genannt und das sie morgen für immer verlassen sollten, um einer unsichern, dunklen Zukunft voll Not und Entbehrung entgegenzugehen.