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III.
Im Kontor.

Der Winter war vergangen, Ostern war nicht mehr allzuweit. Die Brenkens lebten bereits vier Monate in D. und hatten in dieser Zeit die Sorge und Not des Lebens reichlich kennen gelernt. Als sie, nach einem Vierteljahr, die Miete zahlen mußten, fehlte fast Zweidrittel der Summe, denn obgleich die beiden ältesten Geschwister angestrengt in der ihnen bisher fremden Sphäre arbeiteten, obgleich sie sehr einfach lebten, sahen sie bald, daß ihre beschränkten Mittel für die große Familie nicht ausreichten. Frau von Brenken, die bis dahin alles ihren Leuten überlassen hatte, verstand es nicht, mit Geld umzugehen; der Haushalt erforderte die genaueste Berechnung, es häuften sich Schulden an – diese quälende Last des Unbemittelten –, die ihm nachts die Ruhe stehlen und ihn am Tage wie ein Schreckgespenst verfolgen.

Allmählich ging die Wirtschaft ganz in Heimchens Hände über; sie verstand es besser, sich praktisch einzurichten. Als der Termin zur Zahlung der Miete heranrückte, sahen sie voll Sorge, daß sie Herrn Benno Sträußels Ansprüche nicht befriedigen konnten. Der grobe, rücksichtslose Mensch bestand heftig auf seiner Forderung. Sie versetzten ihr Silber, um alles zu bezahlen, und somit fing für sie eine Reihe von Demütigungen an, die das Los der Verarmten ist, die sie still ertragen müssen, so bitter es ihnen fällt.

Oft saß Heimchen sorgenvoll bei Tante Dora, sie berechneten zusammen, was sie einnahmen, und beschränkten die Ausgaben auf das geringste Maß. Ein Glück war es, daß sie die treue, tüchtige Magd mitgenommen hatten, die den ganzen Tag unermüdlich schaffte und arbeitete und dabei noch Zeit fand, den kleinen Kranken zu pflegen und zu zerstreuen. Die Geschwister suchten ihrer Mutter soviel als möglich alles Schwere zu ersparen, sie vereinigten sich in dem Bestreben, ihr mit kindlicher Liebe das Leben zu verschönen. Frau von Brenken trug alle Entbehrungen gern, nur wenn sie sah, daß Axel am Abend oft ermüdet und abgespannt aus dem Kontor heimkehrte, oder Gertrud trotz ihrer nervösen Kopfschmerzen bei Wind und Wetter zu ihren Stunden ging, dann blutete ihr Mutterherz, und sie litt unter ihren schweren Verhältnissen mehr, als sie gedacht hatte.

Der kleine, kranke Knabe lag unterdessen wie ein welkendes Schneeglöckchen auf dem Sopha. Sein Übel wurzelte in einem Rückenleiden, er konnte fast gar nicht gehen, und obgleich ihn die zarteste Sorgfalt der Seinen umgab, schwand er langsam dahin. Das ist sicherlich das Bitterste für den Armen, daß er nicht die nötigen Mittel hat, um seinen Lieben, die er leiden sieht, Hilfe und Linderung zu verschaffen. Es war vielleicht ein Glück für die Mutter, daß die Pflege Willys Zeit und Gedanken in Anspruch nahm, sie hatte weniger Muße, sich ihrer veränderten Lage bewußt zu werden, galt doch all ihr Sinnen dem kranken Kinde, das ganz von ihr abhängig war.

Axel ging am Tage nach ihrer Ankunft in D. zu Herrn Westerholz und stellte sich ihm vor. Es war leider erst zu Ostern eine Stelle in seinem Kontor frei.

»In welchem Geschäft waren Sie bisher beschäftigt?« fragte der Kaufherr freundlich.

»Ich diente bei der Garde!« antwortete der junge Mann verlegen, »und muß Ihnen leider sagen, daß ich nichts von kaufmännischen Dingen verstehe!«

»Hm, hm!« meinte Herr Westerholz bedenklich. »Sind Sie der englischen und französischen Sprache mächtig?«

»Ja, vollkommen!«

»Das freut mich! Aber könnten Sie nicht ein Jahr die Handelsschule besuchen, dann würden Sie eher eine gute Stelle erwarten können, lieber Freund!«

Axel richtete seine schlanke Gestalt stramm empor. »Ich muß für die Meinen sorgen!« sagte er einfach. Die Worte klangen so schlicht und dabei so männlich und fest, daß sie das Herz des älteren Mannes gewannen.

Er reichte ihm die Hand. »Brav gesprochen,« rief er erfreut, »der Mensch kann alles, was er will. Ich werde ihnen vorläufig bei Lösner und Menzel eine Stelle im Kontor verschaffen. Zu Ostern treten Sie bei mir ein. Bis dahin werden Sie sich einige Vorkenntnisse errungen haben, und da Sie zwei fremde Sprachen beherrschen, übernehmen Sie meine auswärtige Korrespondenz. Ich hoffe, wir werden gut miteinander auskommen.«

Die warmen Dankesworte auf Axels Lippen wurden auf eine unerwartete Art unterbrochen.

»Papa, Papa!« rief eine helle, jubelnde Mädchenstimme, »die Diana hat sechs Junge! Bitte, komm sie sehen, es sind so hüb–.« Der reizende, etwa 14 Jahre alte Backfisch stürmte ohne Umstände in das Privatzimmer des Herrn Westerholz, stockte aber verwirrt, als er einen Fremden gewahrte.

Axel war aufgestanden und verbeugte sich vor dem Wirbelwind. Sie machte einen kindlichen Knicks und errötete bis unter die aschblonden Haare, die in zwei dicken Flechten bis über ihre Taille fielen.

»Mein Wildfang,« sagte Herr Westerholz lächelnd. »Der Quälgeist des Hauses und mein Tyrann.« Er zupfte sie neckend an den Haaren.

Ein halb scheuer, halb schalkhafter Blick ihrer dunkelblauen Augen streifte den jungen Mann.

»Glauben Sie es nicht,« lachte sie fröhlich. »Er läßt sich gern quälen und giebt mir oft viel hübschere Namen.«

»Welche denn, du kleine, eingebildete Person?« fragte der Vater, sie zärtlich umfassend und an sich ziehend. Sie legte die blühende Wange an seine Schulter und den Arm um seinen Nacken.

»Nun, oft sagst du: ›Kleines Irrlicht‹, oder ›mein Sonnenstrahl,‹ und manchmal: ›meine große, kluge Tochter.‹ Weißt du, das mag ich sehr gern!«

»Das kommt nicht oft vor,« neckte er sie.

Sie zog ihn mit sich fort: »Aber komm jetzt zu Diana und ihren Jungen,« rief sie ungeduldig.

»Sie sehen, wie sie mich beherrscht,« meinte Herr Westerholz lächelnd. »Ich muß wohl folgen.«

Axel wollte sich verabschieden. »Sie können auch mitkommen,« rief sie lebhaft, indem sie voraneilte.

»Thun Sie, bitte, dem Kinde den Gefallen,« sagte der zärtliche Vater. Und so begleitete Axel sie und bewunderte die plumpen, kleinen Tiere, die das Entzücken des Backfisches waren.

»Ich werde morgen Ihre Mutter besuchen,« sagte Herr Westerholz beim Abschied. »Früher bin ich oft bei Ihren Eltern im Hause gewesen.«

Er kam und gewann das Herz der Witwe durch sein freundliches, rücksichtsvolles Wesen und durch die warmen Worte der Anerkennung, die er dem Andenken ihres Gatten zollte, den er in seiner Jugend gekannt und auch in späteren Jahren aufgesucht hatte.

»Erlauben Sie mir, gnädige Frau, Ihnen meine Kleine zuzuführen,« sagte er. »Sie wächst so allein auf, meine Frau starb vor zwei Jahren, und ich fürchte, die Gouvernanten verstehen es nicht, mit ihr umzugehen. Ich verziehe sie natürlich, denn Alma ist mein einziges Glück, der Sonnenschein meines Lebens.«

Selbstverständlich ging Frau von Brenken gern auf diese Bitte ein, und das junge Mädchen kam seitdem oft und lebte sich schnell bei ihnen ein. Die Zwillinge waren ein Jahr jünger, der Umgang mit Altersgenossen war ihr neu und wirkte vorteilhaft auf das verwöhnte Kind. Sie schloß sich Heimchen besonders innig an, deren sanftes, stilles Wesen einen eigenen Zauber auf sie ausübte. Für Gertrud schwärmte sie nach Backfischart, und den kleinen Kranken erfreute sie oft mit Spielsachen oder Näschereien. Sie wurde ihnen allen bald lieb, und wenn sie kam, war es, als träte der sonnige, lachende Frühling ein, und die dunklen Stuben schienen heller zu werden, die ernsten Gesichter lächelten wieder. Axel war fast nie da, wenn sie kam. Er spannte alle seine Kräfte an, um in der provisorischen Stellung die erforderlichen Kenntnisse zu erwerben. Da er ein guter Mathematiker und befähigter Mensch war, fiel es ihm weniger schwer, als er geglaubt hatte. Wenn aber die heitere Frühlingssonne lockend in das düstere Zimmer schien und er wie angeschmiedet auf dem hohen Kontorstuhl sitzen mußte, dann kam es oft über ihn wie Sehnsucht nach dem frischen Soldatenleben.

Vor einem Jahr galoppierte er auf seinem feurigen Rappen, in der schmucken Uniform seines Regiments daher. Oder er saß im Kreise der Kameraden in munterer Gesellschaft, sorglos und voll Lebenslust. –

Die Firma Lösner und Menzel beschäftigte sich auch mit Wechselpapieren, und eines Tages sah er dort im Kontor unerwartet zwei seiner früheren Regimentskameraden wieder. Sie kamen säbelrasselnd und sporenklirrend herein. Er blickte zuerst nicht auf, so vertieft war er in seine Arbeit. Ruhig schrieb er weiter, erst als ihn einer der jungen Offiziere anredete, hob er den Kopf.

»He! Sie da, lieber Freund, können wir den Kassierer sprechen?« Im nächsten Augenblick erkannten sie sich. »Was Teufel! Brenken! Was machen Sie hier?« rief Leutnant von Bölen verwundert aus.

Axel blickte ihm freimütig ins Gesicht.

»Ich arbeite!« sagte er ruhig.

Verlegen spielte der Leutnant mit seinem Säbel, sein älterer Begleiter sagte:

»Schade, daß Sie das Regiment verließen, Brenken. Sie hatten das Zeug, Karriere zu machen, waren ein schneidiger Reiter und heller Kopf!«

»Ich hoffe jetzt meinen Kontorstuhl ebenso gut zu reiten!« versetzte Axel scherzend. »Ich habe es mir vorgenommen, hier Karriere zu machen, die Arbeit erfordert einen ganzen Mann, und ich setze mein bestes Können ein!«

Die Offiziere sagten darauf nichts, man sah es ihnen an, wie tief sie den früheren Kameraden beklagten. Sie hatten von seiner veränderten Lebenslage gehört und ihn mit Bedauern aus ihrer Mitte scheiden sehen.

»Ihr Almansor ist wohlauf!« erzählte Hauptmann von Olsberg. »Ich sah ihn vor einigen Tagen beim Rennen, er hat den ersten Preis gewonnen. Frenzel von den schwarzen Husaren ritt ihn für Lohmann, an den Sie das Pferd verkauften. Er ging brillant durchs Ziel!«

Das hübsche Gesicht Axels strahlte bei dem Lobe seines geliebten Rappen. Sie unterhielten sich noch eine ganze Weile miteinander. Als sich die jungen Leute von ihm verabschiedeten, hielt er die Feder sinnend in der Hand, das Einst mit dem Jetzt vergleichend, und ein leiser Seufzer hob seine Brust.

»Thorheit!« murmelte er. »Was hilft es, an das zu denken, was nicht zu ändern ist!«

Und er beugte sich wieder über das Schreibpult und vertiefte sich energisch in die Zahlenreihen vor ihm.

»Der Brenken ist doch ein schneidiger Kerl!« sagte der Hauptmann draußen zu seinem Freunde. »Mit seiner Willenskraft setzt er alles durch, ich bin überzeugt, er bringt es in diesem ihm bisher fremden Berufe zu etwas. Der kann alles, was er will. Seine ungewöhnliche Begabung macht es ihm allerdings leicht, sein Fortkommen zu finden!«

Auch Gertrud hatte manche Kämpfe durchzumachen, bis sie sich in ihre Stellung als Lehrerin gewöhnte. Die oft faulen, talentlosen Schülerinnen, die übertriebenen Anforderungen der Eltern, das Sichfügen in die Launen anderer waren nicht immer leicht.

Durch Fräulein Hagener hatte sie in einer öffentlichen Schule am Vormittag Beschäftigung erhalten, denn Gertrud hatte vor zwei Jahren, fast gegen den Willen der Eltern, das Examen gemacht. Ihr Ehrgeiz trieb sie damals zu diesem Schritt, der ihr jetzt von Nutzen wurde. Ihr schönes musikalisches Talent verschaffte ihr gut bezahlte Privatstunden, die meist den ganzen Nachmittag ihre Zeit ausfüllten. Alma Westerholz gehörte ebenfalls zu ihren Schülerinnen, sie hätte recht nett gespielt, wenn sie nicht so flüchtig gewesen wäre, ihre Quecksilbernatur konnte nie lange ruhig sein. – – –

»Geh heute doch nicht zu deinen Stunden, liebes Trudchen,« bat Heimchen, als sie ihre Schwester auf dem Bett liegend fand. »Ist der Kopfschmerz sehr arg?«

Sie beugte sich mitleidig über die leise Stöhnende und legte ihr die kühle Hand auf die heiße Stirn.

»Wie bleich und müde du aussiehst,« rief sie bedauernd.

»Bitte, lege mir ein Tuch mit kaltem Wasser um die Stirn,« bat Gertrud. »Sage es nicht der Mutter. Ich habe heute zum Glück nur eine Stunde zu geben, da zwei meiner Schülerinnen verreist sind, und es ist gut, daß sie hier im Hause bei Sträußels ist.« –

Sie unterrichtete die Tochter ihres Hauswirtes, und er zog das Honorar von der Miete ab. Der schöne Flügel stand noch unten, und sie vermißte ihn täglich. Es schnitt ihr in die Seele, wenn sie ihn von ungeschickten Händen mißhandeln hörte, die Kinder spielten falsche Übungen darauf, oder es wurden Tänze gehämmert, wenn Besuch kam. Es war nur ein Tropfen mehr in dem bittern Kelch, aus dem sie täglich trank. Sie selbst durfte nicht ihr geliebtes Instrument benutzen, es störte die Bewohner der unteren Etage.

Sie spielte zuweilen auf dem Piano in Tante Doras Zimmer, denn die Musik war ihr Lebensbedürfnis. Ihr stolz verschlossenes Herz weinte und lachte in den Tönen, die ihren Fingern entquollen, in denen sie das ausdrückte, was sie bewegte. Eines Sonntags spät hörte Heimchen sie spielen und schlüpfte leise hinüber. Fräulein Hagener war ausgegangen, das weiche, graue Frühlingszwielicht stahl sich herab und hüllte das trauliche Stübchen in Dämmerung ein. So leise war der leichte Schritt der Schwester, daß Gertrud ihn nicht hörte.

Sie spielte die »Träumerei« von Schumann, und ihre künstlerische Auffassung des Stückes fiel der Lauschenden auf. Es paßte so gut zu der Tageszeit, die wie geschaffen schien zum Träumen und Sinnen.

Als sie geendet, ließ sie die Hände auf den Tasten und phantasierte über das Thema weiter. Plötzlich hörte Heimchen, wie sie schluchzte. »Gertrud, liebe Gertrud,« rief sie und eilte zu ihr hin. Sie kniete neben ihr nieder und umfaßte sie zärtlich.

Die Gerufene schrak heftig zusammen und sagte unwillig: »Ich wußte nicht, daß du hier warst, ich dachte, ich sei allein und unbeobachtet!«

»Und daher weintest du, Gertrud? Was ist es? Fühlst du den Wechsel so schmerzlich? Ist es dir so schwer, die Stunden zu geben? O bitte, bitte sprich dich aus, verschließe nicht alles so ängstlich, ich nehme innig an allem teil, was dich schmerzt!«

Gertrud schüttelte das stolze Haupt und sagte abwehrend: »Es ist nicht das allein, liebes Heimchen!«

»So ist es etwas, das dich persönlich betrifft, ein Leid, von dem wir nichts ahnen, das du niemandem klagst?« Die Gefragte erhob sich hastig und machte sich aus den sie umschlingenden Armen los.

»Ja!« klang es gepreßt wie in Todesqual, »und eben deshalb muß ich ganz allein damit fertig werden, mein gutes Heimchen!«

»Habe doch Vertrauen zu mir, ich kann es nicht ertragen, dich traurig zu sehen!« flehte die Jüngere innig. Das schöne, stolze Haupt beugte sich tief über die kleine, zierliche Gestalt.

»Ich weiß es!« sagte sie weich, indem sie sie küßte, »aber ich kann es dir nicht sagen. Es war thöricht, daß ich mich einen Augenblick gehen ließ, es soll in Zukunft nicht mehr geschehen!«

Sie verließ das Zimmer und schritt erhobenen Hauptes über den Flur, der die Wohnungen trennte. Den ganzen Abend war sie heiter und gesprächig, sodaß Heimchen sich verwundert fragte, ob sie nicht alles geträumt habe. Gertrud hatte an demselben Morgen von Haßfeld sprechen hören. Es hieß, er sei tief unglücklich in seiner Ehe. Seine Frau sei plump und gewöhnlich, die Schwiegermutter lebe auf demselben Gut, und man ließe es ihn auf jeden Schritt und Tritt fühlen, daß der Reichtum nicht auf seiner Seite war.

Sie hatte geglaubt, mit ihrer Jugendliebe fertig zu sein, ja, oft fühlte sie fast einen Haß gegen den Treulosen, eine tiefe Verachtung, und ihr leidenschaftliches Herz empörte sich unwillig, als sie merkte, daß Waldemar ihr dennoch unendlich teuer war.

Jetzt, wo er verheiratet war, mußte sie dieser Neigung Herr werden, ihr ganzes Streben ging danach. Nur nicht ihn wiedersehen, nur nicht seine weiche, einschmeichelnde Stimme hören, die träumerischen, blauen Augen erblicken!

Wie kam es nur, daß er sie anzog? Sie hatte ihm gegenüber oft das Gefühl, als müßte sie ihn stützen, ihm von ihrer Festigkeit und Willenskraft einen Teil abgeben. Das Mitleid kam dazu, jene gefährliche Regung im Herzen des Weibes, die ihr klares Urteil trübt und beeinflußt.

Was mußte er leiden, mit seinem feinfühligen, vornehmen Wesen, dem alles Gewöhnliche und Plumpe fern lag. Er mußte sich erniedrigt vorkommen in der neuen Umgebung, im täglichen Verkehr mit den Menschen, die so verschieden von ihm dachten, sprachen und handelten. Es war gut, daß Gertrud so angestrengt arbeiten mußte, daß sie alle ihre Geisteskräfte anspannte, um ihren Pflichten zu genügen. Sie hatte wenig freie Zeit und wollte sich in Zukunft streng bewachen, sich nie wieder einen solchen Augenblick der Schwäche gestatten, wie an jenem Sonntagabend, als Heimchen sie zu ihrem Verdruß belauscht hatte.


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