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X.
Daheim und in der Fremde.

Stuttgart, 10. Januar 1885.

Gertrud an Axel.

Mein lieber Bruder, erst seit einigen Tagen bin ich aus D. wieder hierher zurückgekehrt und will Dir sogleich schreiben, um Dir zu berichten, wie ich alle unsere Lieben daheim gefunden habe.

Ich reiste mit Alma Westerholz kurz vor Weihnachten ab, wir waren wohl beide unbeschreiblich glücklich, als der Zug sich in Bewegung setzte und uns mit jeder Minute dem Ziel unserer Sehnsucht näher brachte.

Alma freute sich in ihrer lebhaften Art auf die drei Wochen bei ihrem Vater und lachte und schwatzte wie ein fröhliches Kind, denn trotz ihrer sechzehn Jahre ist sie es noch. Und mit einemmal wurde sie sehr ernst und blickte stumm zum Fenster hinaus, ihr hübsches Gesicht sah ganz nachdenklich aus.

»Wie schade, daß Dein Bruder Axel nicht zu Hause ist,« sagte sie.

»Ja,« erwiderte ich. »Er bleibt auf Wunsch des Arztes noch ein Jahr in Kairo.«

»Glaubst Du, daß er überhaupt noch nach D. zurückkehrt?« fragte sie.

»Gewiß,« versetzte ich erstaunt. »Er wird uns wiedersehen wollen, und Dein Vater wünscht ihm des alten Müllers Stelle zu geben, wenn dieser im nächsten Jahr sein Geschäft verläßt.«

Am Bahnhof erwartete uns Herr Westerholz mit seinem Wagen, auch Heimchen und die Zwillinge waren mir entgegengekommen.

Wiedersehen ist doch herrlich, Axel! Es wiegt beinah den Trennungsschmerz auf. Das fühlte ich recht, als ich meine Lieben umarmte. Unsere gute Mutter ist viel wohler, seit sie die gesunde Wohnung bezogen hat, und seit Doktor Hansen sie behandelt. Sie geht leider noch recht mühsam, hat aber weniger Schmerzen, Heimchen pflegt sie rührend und ist ihr Trost und Stütze. Ich kann mir das Haus gar nicht ohne Heimchen vorstellen, sie ist die Seele desselben und bringt überall Behagen und Sonnenschein mit.

Weißt Du, Axel, ich habe eine Entdeckung gemacht, Robert Warnbeck und sie lieben sich, obgleich sie sich noch nicht über ihre Gefühle ausgesprochen haben. Er zählt schon ganz zur Familie und begrüßte mich in wahrhaft brüderlicher Weise. Ich könnte mir keinen besseren Mann für unser Schwesterchen wünschen, sie sind wie für einander geschaffen. In seiner jetzigen Stellung kann er noch nicht an heiraten denken, aber wenn er eine selbständige Stellung antritt, wird Heimchen wohl nicht mehr lange daheim bleiben. Tante Dora ist nach wie vor die Hausgenossin der Unsrigen und die treue Gesellschafterin der Mutter. Sehr verändert fand ich seit dem Sommer unsere beiden Unzertrennlichen. Sie sind sehr groß und schlank geworden, ein Paar hübsche, muntere Backfische, die von unserm lieben, alten Doktor Hansen verwöhnt werden.

Du kennst ihn noch nicht, lieber Bruder, er ist ein prächtiger, herzensguter Mensch und oft bei uns. Neben seinen Junggesellenangewohnheiten bringt er den frischen, polternden Humor mit, der so ansteckend wirkt. Es wird viel gelacht, wenn er am Abend zum Thee kommt und Anekdoten von seiner »Familie« erzählt.

Wie froh bin ich, lieber Axel, daß wir endlich die drückende Wechselschuld getilgt haben, ich brachte Hirsch und Lewy die letzten hundert Mark und atmete erleichtert auf, als ich die Quittung erhielt. Leider hört das Institut zu Ostern auf, da die Vorsteherin sich ihrer Kränklichkeit wegen zurückzieht. Ich habe die Absicht eine Stelle anzunehmen, natürlich nur unter sehr guten Bedingungen. In D. verdiente ich nicht genug, um den Meinen wesentlich zu helfen. Unsere liebe Mutter müßte unbedingt in ein Bad, und ich hoffe, wir ermöglichen es, da wir keine Zahlungen mehr haben und Heimchen mir anvertraute, daß sie etwas Geld zurückgelegt hat. Alma war oft bei uns, sie ist jetzt ein bildhübsches Mädchen von mittlerer, zierlicher Gestalt. Ihr Gesicht wechselt so oft den Ausdruck, daß man nie weiß, welcher sie am besten kleidet.

Gerade als sie zu Neujahr bei uns war, kam Dein langer Brief mit Deinem Bilde an. Wie stattlich und gut Du mit dem Bart aussiehst, lieber, alter Axel. Die Mutter freute sich unbeschreiblich und stellte die Photographie auf das Tischchen neben ihrem Rollstuhl. Am andern Tage schenkte Alma ihr einen sehr hübschen Rahmen dazu, den sie selbst gebrannt hat, sie macht diese Art Arbeiten recht nett.

Sie soll, wenn das Institut geschlossen wird, einige Monate bei ihrer Tante in Berlin zubringen, um dort noch einige Stunden zu nehmen.

Wir sprachen mit Heimchen oft über Egon, von dem wir nur einmal in diesem Jahr hörten. Ob er noch am Leben ist? Die Mutter spricht nie seinen Namen aus, nur sein Bild, als zwölfjähriger Knabe, hängt über ihrem Bett, sie schmückt es an seinem Geburtstag mit frischen Blumen, ein Mutterherz kann eben nie vergessen.

Lebe nun wohl, mein Herzensbruder, ich hoffe bald von Dir zu hören. Alma sendet Dir einen Gruß.

Behalte lieb
Deine treue Schwester

Gertrud.

 

Einige Wochen darauf erhielt sie eine Antwort von Axel, die eine überraschende Nachricht brachte.

»Denke dir mein Erstaunen,« schrieb er, »ich bekam eines Morgens einen Zettel mit den fast unleserlich gekritzelten Worten: »Ich bin sehr krank, Axel, komm zu mir. Egon.«

Er hatte zufällig meinen Namen gehört und wünschte mich zu sehen. Ich fand unsern armen Bruder in einer elenden Schiffertaverne, sehr verändert und fast sterbend. Er hatte bei einer Schlägerei mit englischen Matrosen einen Messerstich in die Brust bekommen und lag bereits mehrere Wochen fast ohne Pflege krank. Natürlich sorgte ich gleich für alles Erforderliche, holte einen Arzt und nahm eine Pflegerin an.

»Ich heiße hier Tom Seiler, meine Papiere lauten auf diesen Namen,« sagte er weinend, »niemand kennt mich unter einem andern. Ich habe dir und euch allen nur Schande gemacht.«

»Still, still, lieber Egon,« bat ich, »rege dich nicht auf.«

»Wie geht es der Mutter und Willy,« flüsterte er. »Sind die Schwestern gesund und denken sie alle manchmal an mich?«

»Unser kleiner, lieber Bruder starb bald, nachdem du uns verließest, die Mutter ist sehr leidend und geht fast nicht mehr, sie hat ein rheumatisches Übel.«

»Ich habe ihr wohl das Herz gebrochen,« schluchzte er. »Siehst du, ich wußte es gar nicht, wie gut ich es bei euch hatte, ich kannte das Leben noch nicht; es ist hart, Axel, und hat mich in seine Schule genommen.«

Er lag schwer atmend da. »Axel,« stöhnte er, »hast du viele Unannehmlichkeiten gehabt wegen der zweitausendfünfhundert Mark, die ich, – du weißt, was ich sagen will, –«

»Laß es gut sein, Egon,« versetzte ich. »Sie sind bezahlt. Wir haben alles geopfert, um den Namen zu retten, nur die Schwestern, Heimchen und Gertrud, wissen es, die Mutter darf es nie erfahren.«

»Es kam wie ein Wahnsinn über mich, als ich das viele Geld liegen sah,« fuhr er leise fort, »ich wurde mir erst viel später klar, was ich gethan hatte. Jetzt muß ich hier elend zu Grunde gehen.«

»Egon, es giebt auch für den Sünder noch Gnade und Vergebung, wenn er bereut.«

»Das thue ich, das thue ich, lieber Axel,« murmelte er und faltete die Hände. Ein glückliches Lächeln verklärte sein noch immer schönes Gesicht. »Fasse Mut, mein Junge,« sagte ich, »der Arzt meint, daß du nicht so übel dran bist. Ich werde dich, sobald es geht, nach D. schicken.«

»Wirklich!« rief er, »werden sie mich aufnehmen wollen, ich komme wie der verlorene Sohn nach Hause.«

»Ich werde der Mutter schreiben, sie wird dich freudig willkommen heißen.«

Vierzehn Tage später schrieb Axel wieder an Gertrud, diesmal lauteten die Nachrichten weniger gut, ein unheilbares Lungenübel hatte sich bei Egon eingestellt, der Arzt verheimlichte es dem Bruder nicht, daß seine Tage gezählt waren, daß selbst das südliche Klima von Kairo ihm nicht die Gesundheit wiederzugeben vermöge. Wie alle jene armen Kranken, ahnte er nichts von seinem Zustande, er machte Pläne und sprach von der Zukunft.

Axel sorgte in der umsichtigsten Art für ihn und wollte ihn zuerst selbst nach D. zurückbegleiten. Zum Glück traf es sich, daß der Sohn seines Prinzipals in Europa Geschäfte hatte, er erbot sich freundlich, den Kranken mitzunehmen. Er sehnte sich sehr nach Hause und sagte oft, daß er nur dort gesund werden könne. Axel begleitete ihn aufs Schiff und nahm tiefbewegt von ihm Abschied, er wußte es, er würde ihn nie mehr wiedersehen. Noch einmal blickte er lange in das schöne Gesicht seines unglücklichen Bruders, das bereits den Stempel seines frühen Todes trug, dann mußte er an Land zurück. – Seine ernsten Augen waren feucht, als er langsam den Rückweg nach der Stadt einschlug.


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