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Alma Westerholz war zurückgekehrt und genoß das Zusammensein mit ihren jungen Freundinnen in vollen Zügen. Mit Egon zankte sie sich oft, obgleich sie ihm wie sein Schatten folgte. Er verleitete sie zu allen möglichen Thorheiten, zeigte ihr das Rauchen und wollte sie durchaus überreden, das Fahren auf seinem Rad zu erlernen, denn er kam fast täglich, nach dem Schluß der Schule, nach Z. hinaus.
»Da kommt Axel!« rief der kleine Willy erfreut. »Ich sah ihn eben zwischen den Dünen.«
»Es ist heute doch erst Donnerstag,« meinte Erna. »Komm, Ilse, wir wollen ihm entgegenlaufen.«
Alma und Egon lagen bequem ausgestreckt in den Hängematten. Beide rauchten und lachten miteinander.
»Sie werden doch nicht Ihre eben angefangene Zigarette fortwerfen, Alma,« sagte Egon spöttisch, als das junge Mädchen sich hastig erhob und eine Bewegung machte, die diese Frage rechtfertigte.
»Nein,« antwortete sie verlegen.
»Der alte, langweilige Pedant hätte auch fortbleiben können,« rief Egon unwillig, »nun ist es mit der Freude zu Ende.«
»Aber er arbeitet doch soviel und will sich etwas erholen,« warf Alma ein.
»Ich will nur sehen, ob Sie den Mut haben, weiter zu rauchen,« neckte er spöttisch.
Er dampfte selbst tüchtig und blies Axel den Rauch gerade ins Gesicht.
»Guten Morgen, Herr Buchhalter,« rief er ihm zu.
Mit Genugthuung sah er, daß Alma einen tiefen Zug aus ihrer Zigarette that.
Die strengen Augen seines Bruders streiften ihn nur flüchtig und ruhten mißbilligend auf der jungen Dame.
»Guten Abend, Fräulein Alma,« sagte er. »Ich wußte nicht, daß Sie Geschmack an diesem männlichen Vergnügen finden.«
Der Trotz stieg ihr zu Kopf, sie warf ihn herausfordernd in den Nacken, der leise Tadel in seinem Ton ärgerte sie.
»Dann werden Sie es von heute an wissen,« rief sie schnippisch.
Axel blickte halb belustigt, halb betrübt auf sie nieder. Sie hatte sich verschluckt und hustete heftig.
»Es geht doch noch nicht ganz gut,« meinte er lächelnd. »Ich denke, Sie geben es lieber auf.«
»Weil es Ihnen mißfällt?« fragte sie in demselben ungezogenen Ton wie vorhin.
»Weil es unweiblich ist und Ihrem Herrn Vater nicht angenehm sein kann.«
»Ich danke sehr, ich brauche keinen Hofmeister, ich bin froh, daß Miß Johnson nicht hier ist,« rief sie ärgerlich und wandte sich ab.
»Kommen Sie, Alma,« sagte Egon. »Wir wollen uns drücken. Wenn Axel kommt, ist es jedesmal mit der Freude vorbei.«
Sie eilten fort; Heimchen trat auf ihn zu und sagte: »Egon behauptet, er habe heute nachmittag keine Schule, er kam auf seinem Rad herausgefahren. Leider ist er oft so unwahr, daß man ihm nicht glauben kann.«
»Ich weiß es schon lange,« erwiderte Axel betrübt. »Warum erlaubt Ihr ihm, Alma so zu beherrschen? Er bringt ihr lauter unnützes Zeug bei, sie ist Euch anvertraut, und ihr Vater wird sich wundern, wenn sie verwildert ist, er kann Euch mit Recht Vorwürfe darüber machen.«
Er sprach mit ungewöhnlicher Gereiztheit. Frau von Brenken versetzte:
»Sie ist sonst nicht so, lieber Axel. Sie ist im Gegenteil sehr rücksichtsvoll gegen uns alle. Es steckt nur ein arger Widerspruchsgeist in ihrem hübschen Köpfchen, und sie ist als einziges Kind recht verwöhnt.«
»Nun, Willychen,« fragte der junge Mann, sich liebevoll über den Rollstuhl des kleinen Kranken beugend, »werden wir heute spazieren fahren, oder soll ich dich tragen?«
Der Knabe bat, nach einem hübschen Punkt gefahren zu werden. Die Zwillinge und Heimchen schlossen sich ihnen an, während Grete und die Mutter die ländliche Abendmahlzeit rüsten wollten.
Die beiden Ausreißer waren verschwunden, erst nach einer ganzen Weile erblickten sie sie in einem Boot, das ziemlich weit vom Ufer entfernt war. Das Meer hatte infolge vorhergegangener Stürme eine starke Strömung, das kleine Fahrzeug schaukelte hin und her.
»Kann Egon rudern?« fragte Axel besorgt.
»Er behauptet, es als künftiger Seemann zu verstehen,« antwortete Ilse.
»Der Junge ist zu unvernünftig,« rief Axel erregt. »Er schaukelt das Boot so unsinnig, daß es Wasser schöpfen wird. He, hallo,« rief er hinaus, »höre doch auf, Egon!«
Die beiden jungen Leute hörten es und lachten.
»Nun erst recht,« schrie Egon, »wie wird sich der alte Pedant ärgern!«
Alma, die anfänglich lachend mitgeholfen, wurde jetzt ängstlich, als ihr leichtsinniger Gefährte das Boot immer stärker schaukelte.
»Bitte, hören Sie lieber auf,« bat sie, sich furchtbar anklammernd, »es könnte doch schlecht endigen.«
»Unsinn! Ich schwimme wie ein Fisch und rette Sie, wenn es umschlägt,« rief Egon keck.
In diesem Augenblick hob eine Welle das leichte Boot von der Seite, es stürzte um, beide fielen in die Fluten. Es sehen, auf den Landungssteg laufen, den Rock abwerfen und ins Wasser springen, war für Axel das Werk weniger Sekunden.
Egon schwamm bereits dem Ufer zu, er hatte augenscheinlich im ersten Schreck seine Begleiterin ganz vergessen. Voll Angst spähte Axel nach Alma aus. Die Strömung hatte sie schon weit fortgetrieben, er sah sie noch einmal auftauchen, dann entzogen die Wellen sie seinen Blicken.
Lange suchte er sie vergeblich, er schwamm hin und her, das Herz voll Angst und Sorge. Endlich sah er ihr helles Kleid in nicht allzuweiter Entfernung emportauchen. Er umfaßte den schlanken Körper des jungen Mädchens und erreichte nach mühsamem Ringen mit der heftigen Strömung das Ufer.
Sie war bewußtlos, die blonden Haare klebten an den Schläfen, die dunkeln Wimpern deckten die fröhlichen, blauen Kinderaugen, es war keine Spur von Farbe auf den Wangen und sonst so frischen Lippen, sie sah wie eine Tote aus.
»Lebt sie, Axel, ist sie tot?« jammerten Ilse und Erna, während Heimchen bleich und thränenlos dabei stand und Willy laut weinte.
Axel war so erschöpft, daß er kraftlos mit seiner holden Bürde zusammenbrach. Der Vorfall hatte schnell viele Neugierige herbeigelockt, zum Glück befand ein Arzt sich unter ihnen und er machte die üblichen Wiederbelebungsversuche. Es dauerte lange, bis das fast entflohene, blühende Leben zurückgerufen wurde.
»Du müßtest dich umkleiden, lieber Axel,« sagte Heimchen besorgt, als sie sah, daß ein heftiger Frost ihn schüttelte. »Du warst sehr erhitzt, als du ins Wasser sprangst, da du Willy im tiefen Sande geschoben hattest.«
Er beachtete ihre Worte nicht, angstvoll blickte er auf Alma nieder, deren Gesicht sich noch immer nicht röten wollte.
Ein Wagen war herbeigeschafft worden, Egon war fortgeeilt, ihn zu holen. Er war trotz seines Leichtsinns tief erschüttert und kehrte, als er sich seiner jungen Begleiterin erinnerte, sofort um, in der Absicht, sie zu retten. Da sah er sie schon in Axels Armen, angstvoll wartete er den Ausspruch des Arztes ab, ehe er fortlief und den Wagen holte. Der Schreck Frau von Brenkens war kein geringer, als sie erfuhr, in welcher Gefahr das ihr anvertraute, einzige Kind des reichen Kaufmanns sich befunden hatte. Zum erstenmale tadelte sie Egon scharf, obgleich ihr in letzter Zeit wohl die Augen über ihn aufgegangen waren.
Axel hatte von dem Gärtner der Villa trockene Kleider bekommen und fuhr am Abend fort, ohne Alma vorher gesehen zu haben. Sie war sogleich zu Bett gebracht worden und kam mit einer leichten Erkältung davon.
Desto unbehaglicher fühlte sich ihr mutiger Lebensretter; schon in der Nacht kam eine heftige Lungenentzündung zum Ausbruch, die ihn dem Tode nahe brachte.
Die Sorge und Angst der Seinen war unbeschreiblich. Gertrud kam, um ihn zu pflegen, und Herr Westerholz eilte infolge einer Depesche sofort nach Hause. Er gab seine Vergnügungsreise in den Schwarzwald auf und stand tief ergriffen an dem Lager des mutigen jungen Mannes, der sein einziges Kind gerettet hatte und nun selbst in Lebensgefahr schwebte.
Alma schlich still und bleich in den Stuben und im Garten umher. Ihre großen Augen standen oft voll Thränen, sie schloß sich innig an Gertrud an und diese schwere Zeit schien sie plötzlich umgewandelt zu haben. Aus dem wilden verwöhnten Kinde war ein stilles Mädchen geworden, und sie fragte fortwährend tief bekümmert:
»Wie geht es ihm? Wird er wieder gesund werden? Ach! Gertrud, wird er am Leben bleiben?«
Ihrem Vater gestand sie freimütig ein, daß alles ihre Schuld sei: »Mein Trotz und Eigensinn haben ihn krank gemacht, er wollte mich retten und ist jetzt selbst sterbend.«
Herr Westerholz that alles, was in seiner Macht stand, um das so junge, hoffnungsvolle Leben zu erhalten, er fuhr fast täglich nach Z. hinaus und brachte der armen Mutter Nachricht. Endlich, nach Tagen voll banger Sorge, hieß es, daß die Gefahr vorüber, daß er in der Genesung begriffen sei.
»Ach Gertrud, ich bin so froh, so froh,« rief Alma jubelnd und warf sich leidenschaftlich weinend in die Arme der ebenfalls tiefbewegten Schwester. »Was hätte ich angefangen, wenn er wirklich gestorben wäre!«
»Hast du den Pedanten so gern, Kleine?« fragte Gertrud unter Thränen lächelnd.
»Ich will ihn nie mehr so nennen,« flüsterte das junge Mädchen beschämt. »Und weißt du, eigentlich ist er es gar nicht, er kann oft der fröhlichste von allen sein.«
»Eigentlich habe ich etwas Angst vor ihm,« fuhr sie fort. »Wenn er mich so ernst ansieht, muß ich immer denken, wie albern und kindisch ich bin, und wie klug und groß er ist, und dabei so von Herzen gut.«
Gertrud nahm das Sträußchen, das Alma ihr für den Kranken gab: »Bitte, bringe es ihm und grüße ihn tausendmal von mir, er soll mir nicht böse sein,« sagte sie kindlich. »Ich war vorher recht ungezogen und schnippisch gegen ihn.«
Die Jugendkraft Axels hatte die Krankheit besiegt, er erholte sich schneller, als man gehofft. Als er zum erstenmal in den Garten gehen durfte, war es ein Fest für alle. Der Tag war schön und warm, er saß auf der Veranda, die wenigen Schritte hatten ihn ermüdet, er sah sehr bleich und angegriffen aus, seine Hände ruhten kraftlos ineinander, die ernsten, dunkelgrauen Augen blickten sinnend vor sich hin.
»Ich möchte gern Alma sehen,« sagte er zu Heimchen, die heute neben ihm saß, denn sie waren früher zur Stadt zurückgezogen, um sich in der Pflege des geliebten Bruders abzulösen.
»Ich werde sie bitten zu kommen, ich suchte sie vorhin, aber konnte sie nicht finden,« antwortete sie und ging ins Haus. Sie fand sie in ihrem Zimmer. »Liebe Alma, Axel möchte dich gern begrüßen, bitte begleite mich.«
Sie folgte ihr stumm und trat fast schüchtern auf ihn zu, ihre Lippen zitterten heftig, als er ihr die Hand hinhielt: »Guten Tag, Fräulein Alma,« sagte er herzlich. »Wie geht es Ihnen?«
Sie antwortete nicht, ihre Augen ruhten auf seinem bleichen Gesicht. »Ich hoffe, das kalte Bad hat Ihnen nicht geschadet,« sagte er neckend.
»Mir nicht, aber Ihnen desto mehr,« gab sie zurück. Dann, plötzlich von tiefem Gefühl hingerissen, erfaßte sie seine Hand, und sie warm zwischen den eigenen drückend, rief sie:
»Ich habe Ihnen noch gar nicht gedankt, und doch haben Sie mir das Leben gerettet und dabei fast das ihre eingebüßt.«
Er wehrte scherzend den Dank ab. »Man muß doch kleinen Kindern zu Hilfe kommen, wenn sie ins Wasser fallen,« erwiderte er.
»Ja, ich war recht kindisch und schnippisch,« gab sie offen zu. »Bitte, verzeihen Sie es mir.«
Sie lief eilig fort und ließ ihn allein, er blickte der leichten, anmutigen Gestalt sinnend nach. Wie weiblich und mädchenhaft konnte sie sein neben all ihrer herzigen Schelmerei. Wie hold sie eben vor ihm gestanden, das reizende Gesicht von heißer Röte überhaucht, eine flehende Bitte in den großen, unschuldigen Kinderaugen.
Seitdem pflegte sie ihn in allerliebster, hausmütterlicher Art, scherzte und plauderte mit ihm in harmloser Weise und leistete ihm Gesellschaft, wenn es ihre Stunden erlaubten.
Auf Egon schien das ganze Ereignis doch einen tiefen Eindruck gemacht zu haben, wenigstens war er in der Schule fleißiger, und wenn er seinen Bruder besuchte, war er rücksichtsvoll und besorgt. Er machte sich heimliche Vorwürfe, weil er an allem die Schuld trug.
Eines Tages klopfte es an Herrn Westerholz' Thür, und Axel trat auf seinen Ruf hinein. Er war noch sehr mager und sah bleich und angegriffen aus.
»Ich danke Ihnen für Ihre Güte,« sagte er warm. »Sie haben mich wie einen nahen Verwandten bei sich aufgenommen und gepflegt, jetzt möchte ich wieder meine Arbeit beginnen und will ihre Gastfreundschaft nicht länger in Anspruch nehmen.«
Der Kaufmann räusperte sich etwas verlegen und sagte kurz: »Nicht der Rede wert, Brenken, sprechen wir nicht davon. Sie haben mein einziges Kind gerettet, der Dank ist auf meiner Seite.«
Er schüttelte herzlich die Hand des jungen Mannes.
»Ich habe Ihnen einen Vorschlag zu machen, Brenken. Treten sie als Kassierer bei mir ein, die Stelle ist durch die Kränklichkeit des bisherigen Inhabers frei. Es ist ein Vertrauensposten, ich weiß niemand, dem ich ihn so gern anbiete, als Ihnen.«
Das hübsche Gesicht Axels strahlte und färbte sich für einen Augenblick mit flüchtiger Röte, dann erwiderte er bescheiden:
»Werde ich aber den verantwortlichen Posten zu Ihrer Zufriedenheit ausfüllen, Herr Westerholz? Ich bin erst kurze Zeit im Geschäft, halten Sie mich für geeignet dazu?«
Der Kaufherr sah ihn wohlwollend an: »Ich kenne Ihre Leistungsfähigkeit,« sagte er, »und weiß, daß es gehen wird, Sie haben sich tüchtig eingearbeitet, lieber Freund.«
Axel verließ das Haus voll Dankbarkeit und in der gehobensten Stimmung, die Erhöhung seines Gehalts war ihm höchst erwünscht. Er besuchte die Seinen zum erstenmal seit seiner Krankheit und teilte ihnen die gute Nachricht mit.
Willy hatte der Aufenthalt am Strand wohlgethan, er sah viel frischer aus und jubelte laut, als er den geliebten Bruder wiedersah. Auch die beiden kleinen Mädchen stimmten in die Freude ein, und Frau von Brenken konnte sich nicht satt sehen an ihrem Ältesten, der ihr fast durch den Tod entrissen worden wäre.
Heimchen hatte ein kleines Fest gerüstet, bei dem die gute Tante Dora nicht fehlen durfte, und alle freuten sich seiner Genesung und blickten voll Hoffnung in die weniger sorgenvolle Zukunft.
»Da ist Alma!« riefen die Zwillinge, »ihr Wagen hält eben vor der Thür, Heimchen hat sie zu deiner Chokolade gebeten, Axel.«
Er ging und öffnete die Thür für sie, Diana und Sultan stürmten mit ihr ins Zimmer-
»Ach Alma, weißt du schon die gute Nachricht?« rief Ilse auf sie zueilend, »Axel ist bei deinem Vater Kassierer geworden und bekommt schrecklich viel Geld!«
Sie waren zuerst alle etwas verlegen, dann lachten sie aber über die Offenherzigkeit des kleinen Mädchens.
»Wirklich?« fragte Alma erstaunt. »Ich wußte es nicht.«
Heimchen sah den Schalk in ihrem Gesicht und raunte ihr zu: »Flunkere doch nicht, liebes Herz, du hast wohl ganz zuerst darum gewußt?«
»Still, schweige bitte!« bat Alma. »Niemand braucht es zu erfahren.«
Sie war die fröhlichste in dem kleinen Kreise. Ihr Wesen schien mädchenhafter und gereifter seit dem Sommer, und ihre muntere Schelmerei gewann ihr die Herzen im Sturm. Sie war wie ein Sonnenstrahl, der selbst das dunkelste Eckchen erhellte und erwärmte, Sorgen und Trauer schienen vor ihrem silbernen Lachen zu fliehen und Freude und Glück statt ihrer einzukehren.