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Es war ein herrlicher Tag in der ersten Hälfte des August, die Sonne neigte sich ihrem Untergang zu, der Duft der Rosen, die den Garten von Holmstein schmückten, zog in fast betäubenden Wellen daher und wurde von dem lauen Abendwind weiter getragen.
Durch die schattige Hecke aus weiß blühenden Akazien, die vom Park zu dem stattlichen Herrenhause führte, schritt eine hohe Frauengestalt in tiefer Trauer, ein kleines, vielleicht zehnjähriges Mädchen hing sich an ihren Arm, während ein etwas älteres voraushüpfte. Es war Gertrud von Brenken, die mit ihren Schülerinnen, den Töchtern des Gutsbesitzers Stürzkober, erst seit einigen Tagen hierhergekommen war.
Der Bruder der Frau Stürzkober, ein Herr Gärtner, hatte das Gut gekauft, das bereits in dritter Hand war, seit es Gertruds Eltern besessen. Niemand wußte, daß sie hier geboren und aufgewachsen war, daß sich ihre Jugenderinnerungen an jeden Baum, jedes Zimmer knüpften, daß sie hier einst als frohes Kind gespielt, als reiches, verwöhntes Mädchen gelebt hatte.
Sie glaubte nicht, daß es so schwer sein würde, ihr altes Heim unter völlig andern Verhältnissen wiederzusehen. Am Abend spät kamen sie in Holmstein an, und zufällig bewohnte sie dasselbe Zimmer, das sie als junges Mädchen innegehabt, das die Liebe ihrer Eltern für die Tochter geschmückt und eingerichtet hatte. Sie beherrschte sich tapfer, so lange sie unter den fremden Menschen war, die sie neugierig anstarrten und die gleich den Stürzkobers zu jenen halbgebildeten Geldmenschen gehörten, die auf alle herabsehen, welche ihnen im Reichtum nicht ebenbürtig zur Seite stehen.
In den trauten, alten Zimmern war alles verändert, es herrschte dort ein schwerer, überladener Geschmack, der weniger auf Harmonie und Vornehmheit sah als auf Kostbarkeit und Prunk.
Gertrud stand an jenem ersten Abend noch lange am Fenster ihres Zimmers und blickte träumend hinaus. Die alten Bäume rauschten und flüsterten im Nachtwind, der Mond warf sein zitterndes Licht auf den dunkeln Teich, in der Ferne tönte der Ruf der Schnarrwachtel, es war alles noch wie einst und doch so anders, so ganz anders.
Sie schlief fast nicht in dieser ersten Nacht. Es war ihr, als senkte sich das Dach ihres elterlichen Hauses auf sie nieder, sie atmete schwer, wie unter einer Bergeslast.
Früh morgens war sie auf und durcheilte den Park, besuchte alle die Plätze im Garten und ging von Zimmer zu Zimmer, an die Vergangenheit denkend. Und die ganze Zeit wappnete sie sich mit Ruhe, suchte sie ihre Kraft zu stählen, um nicht zu verraten, was sie litt. Sie hatte es in der ernsten Schule des Lebens gelernt, sich zu beherrschen, ihr Stolz machte es ihr möglich, kühl und ruhig zu erscheinen, wenn ihr Herz vor Leid fast brach.
Sie hatte es verstanden, sich in Respekt zu setzen, den in Bildung soweit unter ihr Stehenden zu imponieren, denn sie wollten sie zuerst als Untergebene behandeln, sie ließen es sie fühlen, daß sie sie bezahlten und sie von ihnen abhing. – Zum Glück waren die beiden kleinen Mädchen gutgeartete, liebenswürdige Kinder, sie schlossen sich ihr mit großer Zärtlichkeit an. Ihre Mutter überließ der neuen Gouvernante vollständig die Erziehung und mischte sich nicht in dieselbe.
Sehr beschränkt und von ihrem Reichtum eingenommen, mangelte es ihr an der oberflächlichsten Bildung, und oft ließ sie es an Rücksichten fehlen; aber sie war im ganzen keine üble Frau, und Gertrud verstand es, sich die richtige Stellung zu geben, mit der ihr eigenen Ruhe und Entschiedenheit.
»Dertausend, Onkel, du hast dir aber eine hübsche Gouvernante ausgesucht,« rief der Neffe Herrn Stürzkobers eines Tages, »hat die ein Paar Augen im Kopf, rein zum Tollwerden!«
»Na, vergaffe dich nicht ernstlich, Junge,« versetzt der andere derb lachend. »Das wäre dem Papa eben recht, sie ist arm wie eine Kirchenmaus.«
»Sie sieht wie eine Fürstin aus,« rief Franz Gärtner begeistert.
»Ist auch Vollblut, reines Vollblut. Na, wir können es ja, wir haben's danach, und meine Mädel sollen fein erzogen werden.«
Gertrud saß im Nebenzimmer, mit einer Handarbeit beschäftigt, das Blut schoß ihr ins Gesicht, sie sah nicht auf, als ihr Verehrer bald nachher eintrat und sie anredete:
»So fleißig,« sagte er, sich hinter ihren Stuhl stellend und auf die weißen Finger niedersehend, die in nervöser Hast die bunten Seidenfäden durch den hellen Atlas zogen. »Sie arbeiten ja, als gälte es das Leben.«
Sie antwortete nicht und hielt die langen Wimpern gesenkt. Alles in ihr bäumte sich gegen die freche Zudringlichkeit auf, er hatte sie bei Tisch mit verletzender Hartnäckigkeit angestarrt, sie war schon früher von abweisender Kälte gegen ihn gewesen, sobald er sich ihr näherte.
Er suchte ihr scherzend die Arbeit fortzuziehen. »Ich bin ganz eifersüchtig auf dieses glückliche Stück Atlas,« sagte er. »Es nimmt Ihre Aufmerksamkeit in so hohem Grade in Anspruch, wollen Sie mich nicht lieber mit Ihren schönen Augen ansehen, Fräulein Gertrud?«
Die vertraute Anrede verletzte sie, sie schnellte von ihrem Stuhl empor und richtete sich, wie eine beleidigte Königin, zu ihrer ganzen Höhe auf. »Ich heiße Fräulein von Brenken,« sagte sie mit eisiger Betonung, »Sie würden mich verpflichten, mein Herr, wenn Sie es in Zukunft nicht mehr vergäßen.«
»Wie stolz!« gab er spöttisch zurück, »ich dachte nicht, daß man das in ihrer abhängigen Stellung ist.« Die unzarten Worte empörten sie, aber sie antwortete nichts, sie schleuderte ihm einen vernichtenden Blick zu und schritt aus dem Zimmer. Sie hatte ähnliche Demütigungen in den letzten Monaten oft hinnehmen müssen, und gerade für sie war es furchtbar schwer. Heimchen hätte es nicht so tief empfunden, sie ging still und unbeachtet ihres Weges; aber Gertrud, mit ihrem Sinn für alles Feine und Vornehme, litt fast täglich durch ihre Umgebung.
Sie zog sich in den Park zurück, um die Briefe zu lesen, die sie heute von der Mutter und Axel erhalten hatte und die sie den ganzen Morgen schon in der Tasche trug, ohne ein stilles halbes Stündchen zu finden.
Frau von Brenken schrieb aus Rehme; das Bad schien ihr gut zu thun, Heimchen war mitgereist und pflegte sie vortrefflich. Da Tante Dora ihre Schwester besuchte, wußte man nicht, was aus Ilse und Erna werden sollte. Da erbot sich der gute Doktor Hansen, die Unzertrennlichen zu sich zu nehmen. Die Einwände, die Frau von Brenken erhob, schnitt er kurz ab und rief in seiner gutmütig polternden Art: »Unsinn, es sind ja keine kleinen Kinder mehr, die mir die Ohren vollschreien, laß sie nur kommen.«
Die beiden jungen Mädchen freuten sich auf den Wechsel und waren jetzt bei ihm. »Ich fürchte nur, er wird sie zu sehr verwöhnen,« schloß die Mutter.
Axel schrieb seiner Schwester, daß er Kairo verlassen und in ein großes Handelshaus in Bordeaux eingetreten sei. Der Arzt wünschte den Übergang des Klimas für ihn, ehe er nach D. zurückkehrte.
Herr Westerholz erwartete ihn, er sollte den Posten des alten Müller, als erster Buchhalter, bekleiden. Er freute sich unbeschreiblich, seine Lieben wiederzusehen und wünschte, daß Gertrud dann ebenfalls nach Hause komme. Die Stellung einer Gouvernante sagte ihm nicht für seine Schwester zu, er hoffte genug zu erwerben, um die Familie in Zukunft vor Mangel und Sorge zu schützen. Den Hauptgrund, weshalb er Kairo früher verließ, wußten seine Angehörigen nicht, obgleich Entfernterstehende davon hörten. Ein sehr wohlhabendes, liebenswürdiges Mädchen, die Tochter des deutschen Konsuls, Agnes von Zöller hatte ihm in offenkundiger Art zu verstehen gegeben, daß er ihr nicht gleichgiltig sei. Auch die Eltern kamen dem tüchtigen, jungen Mann entgegen und hätten ihn gern zum Schwiegersohn gehabt.
Axel fragte sich oft, wie es käme, daß er so kalt und ruhig blieb. War sein Herz nicht mehr frei? Lebte ein anderes Bild darin?
Ein rundes liebliches Kindergesicht schwebte ihm vor, zwei schalkhafte, blaue Augen, eine Fülle aschblonder Haare tauchten in der Erinnerung auf, Almas helles Lachen neckte ihn wieder, ihm war's, als stehe sie vor ihm in ihrer knospenhaften Unschuld und Holdseligkeit. Er holte ihr Bild hervor. »Vergißmeinnicht,« dachte er bei sich, »liebes, kleines Vergißmeinnicht!«
Er ahnte es nicht, daß sie durch eine Bekannte den Klatsch erfahren hatte, er sei mit Agnes Zöller heimlich verlobt. Da deren Mutter kürzlich gestorben war, sollte es erst nach einiger Zeit veröffentlicht werden.
Alma war einige Wochen im Sommer in D. gewesen und besuchte Brenkens in alter Art. Sie war jetzt eine erwachsene junge Dame, der viel gehuldigt wurde. Sie nahm alles gleichgiltig entgegen, tanzte und machte die Gesellschaften mit, die ganze junge Herrenwelt lag dem reizenden, reichen Mädchen zu Füßen, sie teilte Körbe aus und schien gegen alle Bewerbungen unempfänglich zu sein.
Es fiel Heimchen auf, daß sie sofort verstummte, wenn der Name des entfernten Bruders genannt wurde, sie fragte nie nach ihm und setzte sich so, daß sie es vermied, sein Bild anzusehen. Gewöhnlich stand sie bald nachher auf und verabschiedete sich, oder bat Heimchen, ihr den Garten oder eine angefangene Arbeit zu zeigen.
Gertrud war so ganz in Gedanken bei den Ihrigen gewesen, daß sie den hellen Ton des Gong überhörte, der sie ins Haus zurückrief. Die kleinen Mädchen erinnerten sie, daß es Zeit sei zum Essen zu gehen. Man erwartete Besuch in Holmstein, der Wagen war zur Eisenbahnstation geschickt, doch hatte sie nicht auf den Namen der Fremden geachtet.
Im Hinaustreten aus dem Park begrüßte sie das laute, fröhliche Gebell eines Hundes, der auf sie zustürzte und sie beinahe umgerissen hätte, weil er stürmisch an ihr emporsprang.
»Chasseur, lieber, alter Hund, wo kommst du her?« rief sie erstaunt, den Liebling ihres Bruders erkennend. Das treue Tier schmiegte sich zärtlich an sie und leckte ihre Hand, die ihn liebkoste.
Ihre Schülerinnen begrüßten eine kleine, starke Dame, die laut lachte und schwatzte, sich dabei energisch abstäubte und über die »kolossale Hitze« klagte, die sie fast umgebracht hätte, wie sie immer wieder mit kreischender Stimme versicherte.
Als sie Gertrud erblickte, blinzelte sie sie mit den hellen, kurzsichtigen Augen an und betrachtete sie kritisch durch ihr Lorgnon.
»Ach! charmant,« rief sie laut, »das ist, wenn ich nicht irre, dieselbe junge Person, die wir in Stuttgart im Konzert hörten? Sehr erfreut, Sie zu sehen, meine Beste.«
Gertrud verneigte sich mit vollendetem Anstand.
»Warum trauern Sie?« fuhr Frau von Haßfeld rücksichtslos fort.
»Ich habe einen Bruder verloren, gnädige Frau,« erwiderte Gertrud sehr höflich.
Welch ein Unterschied zwischen den beiden Stimmen, wie melodisch klang die Antwort auf die schrill hervorgestoßene Frage. Ganz derselbe Gegensatz wie zwischen den beiden Personen selbst, dachte Waldemar unwillkürlich, der langsam nachfolgte, aber er trat nicht hinzu, er stand von fern und wagte nicht, Gertrud zu begrüßen, nachdem sie ihn damals schroff zurückgewiesen hatte.
»Ach so! Bedaure sehr,« sagte seine Frau gleichgiltig. »Nun ich hoffe, Sie spielen uns trotzdem recht viel vor, ich liebe die Musik sehr.«
Sie rauschte ins Haus.
Das junge Mädchen folgte ihr, sie mußte an Haßfeld vorbei, eine ehrfurchtsvolle Verbeugung, ein flüchtiger Gruß, der ihm antwortete, und sie eilte in ihr Zimmer hinauf.
Warum mußte ihr Weg sich noch einmal kreuzen, dachte sie bitter. Sie fühlte, wie ihr Herz heftig klopfte, ein namenloses Mitleid erfüllte es, wenn sie an ihn dachte. »Sie ist zu gewöhnlich,« sagte sie sich, »wie muß er unter ihren Taktlosigkeiten leiden. – Er ist selbst daran schuld,« fügte sie bitter hinzu, »er hat es so gewollt.«
Nach dem späten Diner um sechs sagte Frau von Haßfeld herablassend: »Nun können Sie uns vorspielen, ich bin gerade in der Stimmung dazu, es trägt zur Behaglichkeit nach einer guten Mahlzeit bei.«
Es zuckte in Gertruds Gesicht, sie wollte herb ablehnen, fand aber die Unverschämtheit so amüsant, daß ihr Sinn für das Komische geweckt wurde und sie innerlich lachend mit verstärktem Spott erwiderte: »Es soll mir eine besondere Freude sein, gnädige Frau, Ihren Wunsch zu erfüllen.«
»Bitte spielen Sie doch nicht, wenn es Ihnen lästig ist,« sagte Waldemar von Haßfeld, auf sie zutretend, mit der müden Stimme, die ihr schon in Stuttgart aufgefallen war.
»Ich bin gerade aufgelegt, die Behaglichkeit Ihrer Frau Gemahlin durch mein Spiel zu erhöhen,« versetzte sie ruhig, indem es um ihren feingeschnittenen Mund sarkastisch zuckte.
Er sank in einen Sessel, während sie in das Nebenzimmer schritt und den Platz am Flügel einnahm. Durch den Spiegel konnte er sie genau beobachten; ohne daß sie es ahnte, ließ er die Augen auf ihrem schönen Antlitz ruhen, er sättigte sein sehnsüchtiges Herz an ihrem Anblick.
Unter dem Vorwande, daß sie endlich der Einladung in Holmstein folgen müßten, hatte er seine Frau zu dem Besuch überredet, er hatte es durch Franz Gärtner erfahren, daß Gertrud bei seinen Eltern war. Seit dem Wiedersehen in Stuttgart war seine Liebe zu ihr mit erschreckender Gewalt erwacht, er mußte ihr noch einmal nahe sein, sich noch einmal an ihrer wunderbaren Schönheit berauschen, obgleich er wußte, was er dabei litt und um wieviel trauriger ihm nachher sein Los erschien. Gertrud spielte lauter Operettenmusik, die flachen, modernen Weisen perlten unter ihren Fingern empor.
»Das ist ja reizend,« rief Frau von Haßfeld bewundernd. »Es gefällt mir tausendmal besser als die langweiligen Stücke, die Sie damals im Konzert zum besten gaben. Bitte noch etwas Offenbach, das ist mein Lieblingskomponist.«
Der Sohn des Hauses trat auf sie zu.
»Sie denken wohl an das bekannte Sprichwort: ›Man muß die Perlen nicht unter‹, – nun Sie wissen, was ich meine, Fräulein von Brenken.«
Er nannte sie geflissentlich so, mit merklicher Betonung. Sie erhob sich sogleich, als er sich vertraulich neben sie setzen wollte. »Ich denke, es ist genug,« sagte sie und wollte sich entfernen.
Franz Gärtner vertrat ihr den Weg und stellte sich breitspurig vor die Thür.
»Für mich müssen Sie noch etwas spielen,« bat er. »Jenes kleine schwedische Volkslied zum Beispiel, das Sie gestern abend so reizend klimperten.«
Sie maß ihn mit einem erzürnten Blick ihrer großen, dunkeln Augen.
»Wollen Sie mich gütigst vorbeilassen?« sagte sie. Es klang wie ein Befehl. »Ich habe bereits gesagt, daß ich nicht mehr spielen will.«
Er machte keine Bewegung, um sich zu entfernen. Da schob ihn eine Hand kräftig zur Seite, Haßfeld stand plötzlich da, wie aus der Erde gewachsen.
»Bitte, gnädiges Fräulein, der Weg ist frei.«
Er hielt die Portiere für sie zurück, damit sie den Zudringlichen nicht zu streifen brauchte. Es lag eine so ritterliche Höflichkeit in seinem Wesen, verglichen mit des andern Frechheit, daß Gertrud ihn wider Willen dankbar ansah.
»Was zum Teufel, Haßfeld,« rief Gärtner halb lachend und halb ärgerlich, »seit wann sind Sie der Beschützer der Gouvernanten?«
Gertrud hörte die Antwort nicht mehr, sie war in ihr Zimmer geeilt und preßte die Hände an die klopfenden Schläfen, es war ihr, als schwanke der Boden unter ihren Füßen. Während der acht Tage in Holmstein hatte sie viel Unangenehmes erlebt, sie fühlte sich in ihrer Umgebung sehr unglücklich. Die von ihr grundverschiedenen Menschen hatten völlig andere Ansichten und Interessen, und der Ton im Hause verletzte sie auf Schritt und Tritt.
Dabei überhoben sie sich bei jedem Anlaß über alle, die keinen so vollen Geldsack besaßen, man ließ es sie fühlen, daß Reichtum doch eigentlich das einzige sei, was den Wert des Menschen bestimmt, daß es das größte Verbrechen ist, arm zu sein und sein Brot zu verdienen.
Wie unbehaglich fühlte sie sich unter dieser ihr bisher fremden Gattung von Leuten; sie hegte einen Widerwillen gegen alles Prahlerische, Auffallende und Plumpe. Von allen Anwesenden erschien ihr Frau von Haßfeld die unerträglichste und gewöhnlichste.
Natürlich verlangte man für die hohe Gage, die sie bezog, auch äußerste Leistungsfähigkeit, dafür bezahlte man sie ja.
Waldemar von Haßfeld und sie waren in dieser Gesellschaft wie verloren, unwillkürlich näherten sie sich im Gespräch, sie waren aus derselben Sphäre und teilten die gleichen Liebhabereien, Neigungen und Anschauungen. Sie merkten es bald, daß sie sich nur allzugut verstanden und ergänzten, nur war bei Gertrud alles schärfer, klarer ausgeprägt als bei ihm.
Die Not des Lebens, der Kampf ums Brot hatten sie innerlich gereift und gefestigt, ihr Urteil geschärft, ihren Verstand gebildet und sie frei und selbständig auf eigenen Füßen stehen gelehrt.
Daß gerade Haßfeld sie anzog, ließ sich wohl durch ihre große Verschiedenheit erklären; die Gegensätze ziehen sich an, um ein schönes Ganzes zu bilden.
Es war für den vornehmen Aristokraten geradezu eine Pein, wenn seine Frau sich vor Gertrud laut und auffallend betrug, er mußte ihre Geschmacklosigkeiten ruhig hinnehmen, ihre schlechten Manieren und gewöhnliche Ausdrucksweise mit Stillschweigen übergehen, ihre öffentlichen Zärtlichkeiten gegen sich dulden.
Einmal bat er sie ungeduldig, ihn damit, in Gesellschaft wenigstens, zu verschonen und bei Tisch ruhiger zu sein.
»Besser so, als solch ein Stock wie diese hochmütige Gouvernante, die keinen Groschen besitzt und ihr Brot selbst verdienen muß,« schrie sie heftig.
»Ich halte es für keine Schande,« entgegnete er gereizt.
»So? warum thatest du es denn nicht, Waldemar?« fragte sie spitz. »Du zogst es vor, mich zu heiraten, und mußt jetzt mit meinen Manieren und mit meinem Gelde auskommen und mich verbrauchen, wie ich eben bin.«
Er seufzte schwer. Immer ihr unglückliches Geld! Sie hielt es ihm bei jeder Gelegenheit vor, er konnte ihr nichts darauf erwidern, hatte er sie doch nur aus diesem Grunde geheiratet.
In seinem Benehmen Gertrud gegenüber lag die auserlesenste ritterliche Höflichkeit, er allein behandelte sie als Dame, und wenn er ihr einen kleinen Dienst leistete, that er es mit der Ergebenheit des Mannes, welcher der gleichberechtigten Frau dadurch ihre Stellung sichern möchte. Geringfügig wie der Anlaß war, sie merkte es dennoch, daß er sie als Ebenbürtige sich zur Seite stellte, daß sie in ihm einen Schutz gegen die Zudringlichkeiten Franz Gärtners hatte. Zum erstenmal, seit sie sich kannten, schienen sie die Rollen getauscht zu haben; das Weib bedurfte der starken Hand des Freundes, der für sie eintrat.
Zu ihrer großen Freude war ihr unsympathischer Verehrer auf einige Tage zu einer Jagd in die Nachbarschaft gefahren, sie blieb von seinen frechen Aufmerksamkeiten verschont.
Mehrere Nachbarn waren eines Tages nach Holmstein hinübergekommen; das Gespräch drehte sich beim Essen um die früheren Besitzer des Gutes.
»Sagen Sie einmal, Gärtner, von wem kaufte Ihr Vorgänger eigentlich Holmstein?« fragte ein alter, magerer Mann, der neben dem Hausherrn saß.
»Ich weiß es nicht, Schlöter, ich zog aus Westfalen hierher und übernahm es von Füllner, aber Sie müssen sich dessen erinnern, Obermann, Sie waren damals doch schon in der Gegend.«
»Gewiß kenne ich Füllners Vorgänger,« versetzte der Gefragte. »Es war ein Herr von Brenken. Er hat, wenn ich nicht irre, ein großes Vermögen verschwindelt und seine Familie an den Bettelstab gebracht. Man sprach damals von wenig sauberen Geschäften, die ihm den Hals gebrochen haben.«
»Brenken war kein Schwindler,« sagte Haßfeld scharf und tadelnd. »Ich habe ihn gekannt, er war durch und durch ein Ehrenmann, wer das Gegenteil behauptet, ist ein gemeiner Verleumder!«
Die heftig hervorgestoßenen Worte wurden von einer schwülen Pause gefolgt.
»Wie verarmte er denn?« fragte Schlöter spöttisch.
»Durch unglückliche Börsenspekulationen, die ihm allein Schaden brachten. Seine Familie hat alles geopfert, um ihren guten Namen rein zu erhalten, sie steht hochgeachtet da und verdient ihr Brot durch ehrliche Arbeit.«
»Sind Sie mit diesen Brenkens verwandt?« fragte Frau von Haßfeld Gertrud in ihrer taktlosen, neugierigen Art.
»Ja, gnädige Frau,« entgegnete sie laut, ihr dunkles Auge voll auf die andere heftend. »Ich bin glücklich, sagen zu können, daß er mein Vater war!«
»Nein, wie interessant, höre doch, Waldemar! Hast du es gewußt?«
Durch das Lorgnon prüfte sie ungeniert ihr Gegenüber.
»Dann ist Ihnen hier alles bekannt,« warf die Dame des Hauses dazwischen. »Warum haben Sie es nicht schon lange gesagt?«
»Ich glaubte nicht, daß es jemand interessiere, und zog es vor, zu schweigen,« erwiderte das junge Mädchen schroff und abweisend.
»Welch unangenehme, stolze Person,« raunte Rosalinde ihrer Nachbarin so laut zu, daß es Gertrud hörte. »Wie unnütz von Waldemar, ihren Vater zu verteidigen, diese Aristokraten kleben immer zusammen!«
Gertrud blickte auf ihren Teller nieder, sie fühlte Haßfelds Blick. Wie zwingend ruhte er auf ihr; langsam schlug sie die Wimpern auf und sah ihn nur eine Sekunde an, aber es lag eine so warme Dankbarkeit in den stolzen Augen, daß er sich bis ins Innerste seiner Seele vor Glück erschauern fühlte. Man bat sie zu spielen, und sie that es. Mechanisch spielte sie alles, was man wünschte, aber sie war froh, daß Haßfeld heute nicht kam und ihr die Noten umwandte. Er schien in lebhaftem Gespräch mit den übrigen Herren verwickelt zu sein. Sie hätte ihm gern gedankt, ihm gesagt, wie wohlthuend seine Worte sie berührt hatten, wie tief erkenntlich sie ihm für dieselben war. Und doch fürchtete sie sich, mit ihm allein zu sein, ihr Herz war voll zum Überfließen, sie durfte nicht weich werden, in ihrer Kälte lag ihre einzige Rettung, ihre Schutzwehr.
Der Abend sank hernieder, ein lauer, dunkler Augustabend, durch Millionen von funkelnden Sternen erhellt. Es lag ein Hauch von Schwermut über der Natur; kein Blatt bewegte sich, die Blumen hauchten betäubende Düfte aus, und der Schrei eines Nachtvogels tönte aus der Ferne wie eine Klage des scheidenden Sommers.
Gertrud stand auf der weinumlaubten Veranda, sie wollte sich sobald als möglich in ihr Zimmer zurückziehen. Die laute, lärmende Gesellschaft drinnen schien ihr heute besonders antipathisch, ihre erregten Nerven bebten krankhaft bei dem Stimmengewirr und schallenden Gelächter, und Frau von Haßfelds kreischendes Organ übertönte alles. – Sie dachte an die früheren Sommer in Holmstein, eine brennende Sehnsucht nach jener fernen, glücklichen Zeit preßte ihr das Herz zusammen, ein leises, unterdrücktes Schluchzen erschütterte ihren Körper.
»Sie weinen?« Es war Haßfelds weiche Stimme, die hinter ihr diese Worte sprach. »Sind Sie so unglücklich?«
Sie kehrte sich nicht um, mühsam rang sie nach Fassung.
»Es ist nicht gut, an das zu denken, was vergangen, wenn die Gegenwart so anders ist,« kam es gepreßt von ihren Lippen.
»Sie können es nicht ahnen, wie ich alle diese Tage für Sie gelitten habe,« sagte er, »ich allein wußte, was Sie durchkämpften.«
Sie wollte sein Mitleid nicht, es schmerzte sie tiefer als selbst die Taktlosigkeiten der übrigen; fest und willensstark richtete sie sich auf.
»Sprechen wir nicht davon,« sagte sie abwehrend, mit kalter Ruhe, »ich – ich wollte Ihnen nur danken, daß Sie meinem armen Vater Gerechtigkeit widerfahren ließen.«
Sie hielt ihm die Hand hin. Er ergriff sie und zog sie an seine heißen Lippen, – nur einen Moment, dann ließ er sie fallen, als versenge ihn die flüchtige Berührung, und entfernte sich schnell. Die Stufen der Veranda in ein paar Sätzen hinuntereilend, verschwand er im Dunkel der Bäume.