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Kurz vor Ostern, ehe die Pension in Stuttgart geschlossen wurde, veranstaltete die Vorsteherin derselben ein Dilettanten-Konzert, an dem sich auswärtige Personen ebenfalls beteiligten.
Gertrud versprach, darin mitzuwirken, sie hatte bereits früher öffentlich gespielt und wußte daher, daß sie ohne besonderes Herzklopfen das Podium betreten würde. Desto aufgeregter war Alma Westerholz, die zum erstenmal vor so vielen fremden Menschen spielen sollte.
»Wie schön du bist, liebe Gertrud,« sagte sie bewundernd, »laß mich noch die roten Kamelien in deinen Flechten und an deiner Schulter befestigen, sie passen gut zu dem hübschen Creme-Kleid und zu deinen schwarzen, glänzenden Haaren.«
Sie trat einen Schritt zurück und musterte wohlgefällig die hohe, schlanke Gestalt der geliebten Freundin. »Schmeichelkätzchen,« sagte Gertrud lachend. »Ich könnte dir dasselbe sagen, darf es aber nicht als deine ehrbare Lehrerin.«
»Mir ist schrecklich angst,« gestand das junge Mädchen ein. »Ich spiele zum erstenmal vor einem so zahlreichen Publikum. Es ist nur gut, daß es ein achthändiges Stück ist, allein wäre es mir ganz unmöglich.«
»Du bist ja sicher in deiner Partie,« tröstete Gertrud, »die Ouverture auf den beiden Klavieren ging bei der Probe ausgezeichnet.«
Die beiden jungen Mädchen fuhren zusammen zum Konzert, die Mitwirkenden waren bereits versammelt, der große Saal bis auf den letzten Platz gefüllt. Der Ertrag war zu einem mildthätigen Zweck bestimmt.
Gertrud hatte erst das dritte Stück zu spielen. Es war die zweite Rhapsodie von Liszt, die von ihr künstlerisch aufgefaßt und wiedergegeben wurde. Sehr ruhig trat sie am Arm eines der mitwirkenden Herren auf das Podium, ihre dunkeln Augen schweiften gleichgiltig über die vielen Menschen. Ein leises Murmeln ging durch den Saal, das war der Tribut ihrer königlichen Schönheit, der über ihr stolzes Haupt dahinrauschte; es berührte sie kaum, langsam streifte sie die langen Handschuhe ab und setzte sich nieder.
Plötzlich zuckte sie leise zusammen, ihr Herzschlag stockte einen Augenblick und hämmerte gleich darauf wie rasend bis in ihre Fingerspitzen.
In der ersten Reihe saß Waldemar von Haßfeld und neben ihm, in der auffallendsten, geschmacklosesten Toilette, eine kleine, sehr starke Dame. Er bleich, vornehm, sehr aristokratisch aussehend, mit einem gelangweilten, müden Ausdruck auf dem feingeschnittenen Gesicht, sie sehr erhitzt, lebhaft und laut sprechend, mit Schmuck behängt, das Urbild des Parvenus.
Nur einige Sekunden wurzelte der Blick der einstigen Bekannten ineinander, Gertrud fühlte, wie sie erbleichte und zitterte.
»Nur fest bleiben, nur fest bleiben,« flehte ihre Seele in Todesangst. Ihre Finger glitten über die Tasten, sie spielte das schwere Stück, ohne zu wissen, was sie that, und die ganze Zeit fragte sie sich immer wieder: »Wie kommt er hierher?«
Sie hatte ihn zwei Jahre nicht gesehen und sich nicht gestattet, an ihn zu denken, sie wußte, daß er mit ihr gespielt und in ihr Hoffnungen geweckt hatte, die er nicht zu erfüllen gedachte, und sie verachtete ihn, daß er sich um des Geldes willen verkauft, daß er als Mann nicht mutig um sein Stück Brot gerungen und gearbeitet hatte.
Und dennoch bebte jede Fiber in ihr, sie empfand es voll Ärger, wie tief sie das unerwartete Wiedersehen erschütterte. Sie wagte nicht mehr aufzusehen, denn sie fühlte seinen Blick unausgesetzt auf sich ruhen.
Als sie geendet, wurde stürmisch applaudiert, und sie mußte ein zweites Stück zugeben; sie wählte das erste beste, das ihr einfiel. Es war eine Berceuse von Chopin, die wie eine leidenschaftliche Klage, wie ein sehnsüchtiger Seufzer klang. Zu spät fiel es ihr ein, daß es Waldemar von Haßfelds Lieblingsstück gewesen in jenen Tagen, da er sich ihr werbend genähert hatte. Sie ärgerte sich innerlich darüber; er konnte glauben, daß sie es mit Absicht gethan.
Der Beifall verdoppelte sich, sie hörte deutlich, wie eine laute, durchdringende Stimme in der ersten Reihe rief: »Wirklich charmant, allerliebst! Wer ist die junge Person, Waldemar?«
Wider Willen mußte sie dennoch hinsehen, Haßfeld beugte sich über seine Frau, er sprach leise, und wie es Gertrud schien, ärgerlich zu ihr.
In der Pause, zwischen den beiden Abtheilungen, stand sie allein am Fenster und blickte sinnend auf die Straße nieder. Es war in dem kleinen Salon, der ausschließlich für die im Konzert Mitwirkenden reserviert war.
Einige von den Zuhörern waren hineingekommen, um ihre Bekannten zu begrüßen und sie wegen ihres Erfolges zu beglückwünschen.
Es war ihr peinlich, sich mit flachen Komplimenten überschüttet zu sehen, deshalb flüchtete sie sich hinter den Vorhang in der Nische des Fensters. Oder hatte sie einen andern Grund? Wollte sie sich sammeln, ehe sie nochmals hinaustreten mußte, um Haßfelds traurigen Augen zu begegnen? Nein, nein, sie wollte es um jeden Preis vermeiden, dorthin zu sehen, sie fühlte sich nicht stark genug; in stummer Qual faltete sie krampfhaft die Hände und wieder flehte sie in höchster Angst: »Nur fest bleiben!«
»Guten Abend, Fräulein von Brenken,« sagte eine leise, gedämpfte Stimme dicht hinter ihr. »Gestatten Sie einem alten Bekannten, Sie zu begrüßen?«
Langsam kehrte sie sich um. Sie standen sich gegenüber und sahen sich wieder in die Augen, die blauen hatten einen bittenden Ausdruck, die braunen streiften ihn mit einem stolzen, kalten Blick.
»Ich wußte nicht, daß Sie hier sind,« sagte sie sehr ruhig, obgleich ihr fast der Atem stockte. Eine halbe Sekunde vielleicht berührte sie seine ausgestreckte Hand, so kühl und fremd, als sähe sie ihn heute zum erstenmal.
»Wie ist es Ihnen und den Ihren ergangen, seit wir uns zuletzt sahen?« fragte er schüchtern, seine Handschuhe auf- und zuknöpfend. »Ich hörte lange nichts von Ihnen allen.«
Sie hob das schöne Haupt noch höher. »O sehr gut,« sagte sie kurz, »Axel ist in Kairo.«
»Was thut er dort?« fragte sein ehemaliger Regimentskamerad erstaunt.
»Er arbeitet, wie wir alle es thun,« erwiderte sie trocken.
»Ich bin mit, – hm, – mit meiner Frau bei ihren Verwandten zum Besuch,« er räusperte sich verlegen. »Sie wollte das Konzert besuchen, weil einer ihrer Vettern mitwirkt.« Schnell und sich selbst überhastend sprach er diese Worte, um die schwüle Pause zu unterbrechen.
»Leben Sie ganz in Stuttgart, gnädiges Fräulein?«
»Ja, ich bin Musiklehrerin im R.'schen Institut.«
»Wie ist es möglich, daß Sie, – gerade Sie sich in eine so abhängige Stellung hineinfinden konnten? Sagt sie Ihnen zu?«
Ein hochmütiger Blitz ihrer dunkeln Augen sprühte zu ihm hinüber.
»Das ist meine Sache!« gab sie eisig zurück. »Wir sind uns doch zu fremd, Herr von Haßfeld, als daß mein Wohl und Wehe Sie interessieren könnte. Das Recht, darüber zu sprechen, räume ich nur meinen Freunden ein.«
Sie wollte ihm den Rücken wenden und sich entfernen, er haschte nach ihrer Hand und sagte mit vor leidenschaftlicher Erregung tonloser Stimme: »Einst hoffte ich, es zu sein!«
Sie entzog sich seiner Berührung, als sei er ein giftiges Reptil, und ihn von Kopf bis zu Füßen messend, sagte sie sarkastisch: »Man bildet sich oft vieles ein, mein Herr!«
Er fuhr zurück, wie von einem scharfen Peitschenhiebe getroffen, da rief die breite, unangenehme Stimme seiner Frau über das ganze Zimmer: »Waldemar, wen hast du denn da aufgegabelt? Laß doch sehen!«
Sie rauschte in ihrem rotseidenen Kleide heran. »Ah! die junge Person, die vorhin so hübsch die Liszt'sche Rhapsodie spielte. Wirklich, meine Liebe, gar nicht übel, ganz charmant.« Sie klopfte Gertrud ermutigend auf den Arm und betrachtete sie aufmerksam durch ihr Lorgnon.
Haßfeld stand daneben, seine schwermütigen, blauen Augen ruhten auf den beiden so verschiedenen Frauen, auf der, welche er geliebt, und auf der, welche er geheiratet hatte.
Schlank und vornehm, mit dem Anstand einer Fürstin, sah Gertrud in dem einfachen creme Wollenkleide aus, jeder Zoll an ihr verriet die Dame aus der großen Welt, jede Bewegung war weich und anmutig. Sie trug keinen Schmuck, nur die roten Kamelien; was sie davon besessen, war lange schon verkauft, wenn die Not es erheischte und es ihnen daheim an dem Nötigsten gefehlt hatte. Aber gerade in der Einfachheit ihres Anzuges kam ihre Schönheit voll zur Geltung, taufrisch und königlich zugleich, glich sie der dunkelroten Rose, mit der sie Alma treffend verglichen hatte.
Ihr zur Seite erschien die andere doppelt gewöhnlich und plump, der große unschöne Kopf mit den breiten Zügen, das rötlich-blonde, krause Haar, die kurze, derbe Gestalt boten den auffallendsten Gegensatz zu Fräulein von Brenkens Erscheinung.
»Es ist Zeit, auf unsere Plätze zurückzugehen, Rosalinde,« mahnte ihr Gatte ungeduldig, »das Konzert wird gleich wieder anfangen.«
Frau Rosalinde von Haßfeld schob ihren Arm durch den ihres Gatten und hing sich wie ein kleiner Sack daran.
»Na, seien Sie nur nicht ängstlich, wenn es wieder losgeht,« rief sie im Fortgehen. »Ich werde schon tüchtig klatschen.«
Haßfeld zuckte spöttisch die Achseln. Dann, sich tief und ehrfurchtsvoll vor Gertrud verbeugend, verließ er mit seiner Frau das Zimmer.
Um diesen Preis hatte er sich verkauft. An dieses Geschöpf war er gebunden, angeschmiedet fürs Leben! Wie sie ihn haßte und verachtete! So tief und heiß, so unaussprechlich! – Wie gern sie es ihm nur einmal gesagt hätte, in dürren, klaren Worten! Vielleicht hatte er es gemerkt! Sie freute sich bei diesem Gedanken.
Als sie in den Saal zurücktrat, war sein Platz leer, ein flüchtiger Blick verriet es ihr. Das laute Lachen seiner Frau ließ sich desto vernehmlicher hören, es mußte erst einige Mal um Stille gebeten werden, ehe sie sich beruhigte und die Vortragenden nicht weiter störte. –
Gertrud sah weder ihn noch sie wieder, sie mußten die Stadt gleich nach dem Konzert verlassen haben.