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Sechzehntes Kapitel.


Amtmann Greding war in Teterow, wo er letzte Besorgungen machte, Tante Heinemann hatte sich mit dem Bescheid der Kinder beruhigt, daß Elisabeth in Christinens Gesellschaft sei. So erschrak sie bis ins Herz hinein, als der Wagen hielt und die Blinde, von Frau Consentius gestützt, ins Haus wankte.

Aber da half kein Fragen und Klagen, da galt es zu handeln; denn das Kind sah wie das blasse Leiden aus. Schnell wurde Elisabeth entkleidet, mit warmen Tüchern abgerieben und in das Bett gebracht.

Während Minchen Thee kochte, zog sich Andrea um; Tantchen hatte beste Wäsche herausgegeben, Schuhe, Strümpfe und das kornblumenblaue Wollenkleid.

Es war ihr sehr recht, daß Andrea dablieb, ganz abgesehen davon, daß die Gnädige es gewünscht hatte. Tante Heinemann hatte nur zwei Hände, und war Andrea auch wirtschaftlich unbeholfen, so konnte sie doch hier oder da Zureichungen machen. Elisabeth zeigte auch Verlangen nach Andreas Gegenwart.

Als Tante Heinemann mit dem Thee ins Zimmer trat, blieb sie betroffen stehen. Andrea sah auffallend häßlich aus in den unmodernen Kleidern.

.

»Trinken Sie nur auch eine Tasse!« sagte sie gutmütig, als könne sie dem Schaden damit abhelfen.

»Ich nehme es dankbar an,« entgegnete Andrea.

Sie fror, denn die Aufregung war allmählich gewichen. Außerdem fürchtete sie sich. Was konnte ihr Bekenntnis, sie trage die Schuld an Elisabeths Unfall, wenigstens die halbe, für Folgen nach sich ziehen. Sie hatte schon so viel gefehlt hier in Schorndorf, daß sie nicht mehr nötig hatte, sich mit fremden Federn zu schmücken, um das Maß ihrer Ungehörigkeiten voll zu machen. Sie hatte das Verlangen, Worte der Güte zu hören, und nun stand ihr herber Tadel, wenn nicht Ärgeres bevor.

Sie beobachtete Elisabeths Gesicht, das friedlich aus den weißen Kissen hervorleuchtete. Die zuvor blassen Wangen hatten sich gerötet: sie schlief.

Andrea stand leise auf, um der Verabredung gemäß Nachrichten zu Consentius zu bringen.

Im Hausflur traf sie die beiden Berliner Püppchen und Schulzens Adolf an.

»Ätsch,« sagte Schulzens Adolf, als sie eintrat, »meine Mutter fährt doch nach Berlin und wird ganz gesund.«

»Und meine Elisabeth ist doch krank geworden,« antwortete Grete singend.

War das ein Ereignis! ein Triumph! etwas, womit man sich hervorthun konnte! meine Elisabeth ist krank geworden!

»Stirbt meine Elisabeth jetzt?« knarrte Olgchen.

»Unsinn!« sagte Andrea grob.

»Alter Dallmoppel!«

»Aber mein Fräulein Dallmannchen, wie sehen Sie denn aus,« pfiff Grete; »wirklich ganz originell. Meine Tante Heinemann hat Ihnen wohl die Garderobe geliehen?«

»Stimmt, Schulze.«

»Sie wollen aber das Kleid von meiner Elisabeth entwenden,« kratzte Olga dazwischen. »Ich werde Ihnen gleich die Ohren abschneiden.«

»Und ich werde dich gleich durchhauen, Olga Bartels. Ihr sollt euch überhaupt ruhig verhalten!«

»Sie sind doch immer so ungeheuer geistreich, mein liebes Fräulein Dallmannchen,« sagte Grete anerkennend.

Frau Consentius kam Andrea in der Halle entgegen.

»Ich bringe gute Nachricht, gnädige Frau,« sagte Andrea beklommen, »Elisabeth schläft.«

»Ist Fieber eingetreten?«

»Das weiß ich nicht,« klang es betroffen.

»Unsere Gäste können jeden Augenblick eintreffen. Ich will Doktor Moosbach hinüberschicken. Ist Greding schon angekommen?«

»Nein.«

»Tritt ein, Andrea!«

Die Fensterläden waren geschlossen, die Hängelampe brannte. Als Andrea in den vollen Lichtkreis trat, lächelte Frau Consentius.

»Es beruhigt Elisabeth vielleicht, wenn du drüben bleibst, mein gutes Kind.« Sie hob Andreas Gesicht am Kinn empor. »Hast du mir sonst noch etwas zu sagen, Andrea?«

»Nein, gnädige Frau.«

»Gar nichts?«

»Nur, was Sie selber auch sehen werden« – Andreas Stimme bebte leise – »wie unglücklich Christine ist.«

Es gelang Frau Consentius, die sich niederbeugte, nicht, Andreas Blicke festzuhalten. Unruhig sahen ihre Augen unter gesenkten Lidern hervor.

»Meine liebe – große – Lügnerin!« Sie sagte viel mit den Worten. Sie strich das wilde, wirre, rostfarbene Haar zurück und küßte Andreas Stirn.

Herr Consentius trat ein und wiederholte die Fragen nach Elisabeths Befinden. Er war neben seine Frau hingetreten und hatte beide Hände auf den Rücken gelegt.

»Hast du Christinen schon gesprochen?« fragte er halblaut.

»Nein.«

»Nur nicht eisenköpfig sein, Mamachen. Es läuft voraussichtlich alles gut ab.«

»Das wolle Gott in Gnaden fügen.«

»Wie siehst du denn aus, Andreachen?« wandte er sich herum. »Mädel, was die Elisabeth wagen darf, ist noch nichts für dich. Zieh dich um!«

Andrea ging zu Christinen.

»Ich denke, es geht gut, Christine. Elisabeth hat Thee getrunken, schläft und hat rote Backen. Valleri, valleri, juchheida. Gieb mir einen Kuß!«

Christine saß auf ihrem kleinen Sofa, den Kopf aufgestemmt.

»Ich glaube, ich bin irrsinnig gewesen, Andrea,« sagte sie emporfahrend, »daß ich so nichtswürdig handeln konnte. Ich verstehe es nicht.«

Andrea umschlang sie zärtlich.

»Sind das Chosen, wertester Schatz. Elisabeth schläft aus, du ebenfalls und die Sache ist gut.«

»Das ist sie nicht. – Alles, was ich an Liebe besessen habe bis zu diesem Augenblicke, habe ich verloren. Denkst du, ich weiß es nicht, daß Elisabeth mich verabscheut? Hast du nicht gesehen, wie meine arme Mama leidet – leidet um meinetwillen? Es ist fürchterlich, Andrea, und bringt mich rein um. Wie muß meiner Mutter zu Mute sein, die alles Unreine und Unedle haßt – wenn sie an ihr einziges Kind denkt. Kann meine Mutter mich fernerhin lieben? In ihren Augen standen so viel ungeweinte Thränen. Ich habe tausend Dolche in meiner Brust gefühlt. Und weshalb das alles? Um einer Äußerlichkeit willen. Um jämmerlicher Lappen und Bänder willen. Weil da die Schale, die einen köstlichen Kern umschließt, prunkloser ist, als bei mir, wo nichts bleibt, gar nichts, wenn diese Hülle genommen wird. Andrea, ich bitte dich, habe ich denn ein so sehr schwarzes und verstocktes Gemüt? Ich liebe doch alles, was gut ist; wie kann ich selber so schlecht sein?«

»Du bist nie schlecht gewesen, Christine,« sagte Andrea gerührt; »aber du warst blind. Du hast es einmal so hübsch gesagt, als ich noch nicht lange in Schorndorf war; du nanntest Elisabeth äußerlich blind, uns beide, dich und mich, innerlich blind. – Du verzeihst es Elisabeth, wenn sie nicht weiß, ob die Farbe, die du ihr zeigst, rot oder blau ist. Weshalb soll dir ein Irrtum nicht auch vergeben werden.«

»Es kommt zu spät, Andrea. Ich bin sehend geworden; aber ich habe schon zu viel gefehlt.«

»Was hat mir deine Mutter alles verziehen und verzeiht mir täglich noch und ich bin ihr eine Fremde.«

Andrea ging und kleidete sich um. Als sie zurückkam, blieb sie vor Christinen stehen. Ihre hübschen, schlanken Finger strichen unruhig auf der Tischdecke umher, während sie leise sagte:

»Du hast mich einmal gefragt, Christine, was für einen Beruf mein Vater gehabt habe. Ich sagte dir damals, – er wäre Kaufmann gewesen. – Siehst du, Schatz, das ist auch nicht wahr – er war Schuhmacher. – Es kann kein Kind mehr geliebt worden sein von seinen Eltern, wie ich es wurde – und ich habe sie doch verleugnet. – Mein Vater war schon ein alter, graubärtiger Mann, als ich geboren wurde. Er hat geweint vor Glück wie ein ganz kleines Kind, – denn es war seines Lebens größte Freude, die ihm damit widerfuhr. – Wenn er noch lebte – er würde mir alles verzeihen.«

Christine reichte ihrer Genossin stumm mit warmem Druck die Hand.

»Aber schweige,« sagte Andrea mit übereinandergebissenen Zähnen, »sprich es nicht weiter – es ist nicht angewandt, Christine.«

Christine hätte wahrscheinlich noch lange weiter in sich hinein gegrübelt, wenn sie nicht geglaubt hätte, als Andrea eben gegangen war, das Geräusch eines anfahrenden Wagens zu hören.

Sie sprang auf, trat auf den Korridor und lauschte in die Halle. Von der Auffahrt schallte vergnügtes Lachen herein. Sodens waren angekommen.

Es verblieben Christinen nur wenige Minuten, wollte sie mit ihrer Mutter sprechen.

Frau Consentius wartete im Salon, daß ihre Gäste eintreten sollten. Sie sah noch immer jung und schön aus. Ihr Gesicht war regelmäßiger und stolzer als das Christinens, ihre Augen klarer und ruhiger.

Als Mutter und Tochter einander gegenüberstanden, trat Ähnlichkeit und Unterschied verschärft hervor. Christine in ihrem leidenschaftlichen Schmerz hätte sich am liebsten laut weinend zu Boden geworfen. Frau Consentius, die gewiß nicht geringeren Gram empfand, stand scheinbar unbewegt.

»Ich möchte dich bitten, Mutter,« hub Christine stockend an, »mir zu erlauben, auf meinem Zimmer zu bleiben.«

»Bist du krank?«

»Körperlich krank wohl nicht; aber es ist mir unmöglich, heute noch in Gesellschaft zu sein.«

»Weshalb?«

»Du weißt, was vorgefallen ist mit Elisabeth, Mama. Ich leide Todesqualen.«

»Ich glaube es; aber ich kann deinen Wunsch trotzdem nicht erfüllen.«

»Es wäre Mord an mir!« stieß Christine leidenschaftlich heraus.

Frau Consentius sah sie unentwegt an, ohne daß Christine die Blicke hob.

»Du mußt lernen,« sagte sie ruhig, »weniger an dich selber zu denken.«

Christine griff mit beiden Händen nach dem Kopfe. Lieber herbe Vorwürfe, offenbare Härte ertragen, als diese kühle Ruhe, unter welcher ihr Herz bebte, wie unter Geißelhieben. War denn das ihre Mutter, ihre liebevolle, gütige Mutter, an deren Brust sie flüchten durfte und ihre Schuld eingestehen? Sie beschönigte ja nichts vor sich selber; sie wollte ja umkehren auf dem abschüssigen Wege; sie war ja schon umgekehrt.

Mehr an andere denken und weniger an das eigene Wohlbefinden. Das war's; das hatte sie zu lernen. Immer noch die Blicke gesenkt, faßte sie demütig ihrer Mutter Hand und küßte sie. Wie ein ganz junges Kind stand sie da, so klein und bescheiden und so bereit, sich unterzuordnen. Und dann schlug sie ihre Augen auf und fiel schluchzend an ihrer Mutter Hals.

»Mutter, vergieb mir; Mutter, Mutter, gräme dich nicht um meinetwillen! Habe Vertrauen zu mir. Ich schwöre es dir zu, bei Gott im Himmel! ich will alle Kräfte aufwenden, um mich zu bessern.«

Sie verstummte, Mutterarme hielten sie innig umschlungen. Frau Consentius hatte ihr verirrtes Kind an ihr Herz genommen.

Gleich darauf traten Sodens ein; Wilhelmine, Rosa, Doktor Moosbachs und die jungen Herren folgten.

Christine sah blaß aus. Die Augen und das hübsche, pikante Gesichtchen hatten einen schüchternen, liebenswürdigen Ausdruck angenommen.

Fritzel in ihrer Gutherzigkeit und ihrem Glücksgefühl umfaßte sie und riet ihr an, es recht bald so zu machen, wie sie selber es gemacht habe, denn sie habe sich verlobt, zwar heimlich erst, mit dem gräßlichen, langen, blonden Herrn da drüben neben Lieutenant Hellwig, dem Max Güllen. Max war unausstehlich und sie kam ohne Frage unter den Pantoffel.

Der künftige Tyrann ließ sich vorläufig noch durch ein kleines Augenwinken dirigieren von diesem Salon in jenen und von der linken Zimmerseite in die rechte.

Die Stimmung war angeregt, aber nicht mehr so übermütig, wie sie nachmittags im Forsthause gewesen war.

Rosa sagte deshalb: »Es geht ja schauderhaft pastoral her.«

Max Güllen machte Fritzel den Hof, Herr von Behme bemühte sich um Wilhelmine von Weidner, Lieutenant Hellwig versuchte Christinen aufzuheitern. So waren Rosa Teschner und Sophie Soden öfter auf ihre gegenseitige Liebenswürdigkeit angewiesen, die bei beiden jungen Damen nicht besonders stark ausgebildet war, und auf ihren gegenseitigen Geist, der an demselben Leiden krankte.

Lieutenant Hellwigs hübsches, frankes Gesicht leuchtete immer verbindlicher, das Interesse, das ihm Christine einflößte, trat immer deutlicher zu Tage. Das einfache Kleid, das sie trug, und das zaghaftere Wesen brachte sie ihm näher. So sah er daheim seine Mutter und seine Schwestern, die er über alles verehrte. Dienen lerne das Weib beizeiten. Er war ein ritterlicher Mann, der sein Weib gewiß auf Händen tragen würde, und sie hoch halten wie seines Hauses größtes Kleinod – das Weib, das sich bescheiden unterordnete. Sonst aber steckte ein tüchtiger Schulmeister in ihm, der es nicht litt, mit aller Strenge, daß andere Wege, als die gebührenden, gegangen wurden. –

Doktor Moosbach brachte nicht ganz beruhigende Nachricht von Gredings mit. Elisabeth fieberte; von einer Abreise nach Berlin konnte keine Rede sein.

Andrea und Amtmann Greding saßen neben Elisabeths Bette.

Im Wirtschaftszimmer versuchten Therese und Tante Heinemann die kleinen Berlinerinnen im Zaum zu halten, die jedem Eintretenden entgegenfuhren: »Ist meine Elisabeth jetzt tot? Stirbt meine Elisabeth?« Dazwischen handhabten sie munter das alte Spiel! Wo ist Th'r–esel? Hier ist Th'r–esel. – Immer hopsa! Aber Amtmann Greding fand jetzt keinen Gefallen an der Lustigkeit.

»Wo ist Andrea?« fragte Wilhelmine Weidner besorgt.

»Sie pflegt unsere gemeinschaftliche Freundin Elisabeth Greding.«

»Woran ist Elisabeth erkrankt?«

»Sie war während des Gewitters im Freien – durch meine Schuld.«

Wilhelmine und Christine standen nebeneinander am Fenster. Christine erzählte in allen Einzelheiten, was vorgefallen war. So begrenzt war ihr Blick gewesen, daß sie annehmen konnte, prunkvolles Hausgerät und schöne Kleider, Geld und Titel machten den Wert des Menschen aus. Sie hatte auch fürwahr gering von Wilhelminen gedacht. Aber es war wie eine Krankheit über sie gekommen. Was nur leise gekeimt hatte, immer wieder unterdrückt durch die warmen Empfindungen eines ehrlichen Herzens, war in wenigen Tagen der Unachtsamkeit wild wuchernd emporgeschossen.

Jetzt auch erfuhr sie, wie Wilhelmine Elisabeth kennen und lieben gelernt hatte.

Wilhelmine hatte einen zu geraden Sinn, als daß sie ihrer Freundin nicht gern verzeihen sollte.

In dem großen Meere des Lebens starren unzählige Klippen empor, oft kaum sichtbar, und es gehört ein wackerer, scharf blickender Fährmann dazu, um an allen Untiefen und Widernissen glücklich vorüberzusteuern. Wer selber dem Schiffbruch mit genauer Not nur entronnen ist, tadelt den Unklugen meist am schwersten.

Als das Abendbrot eingenommen worden war und die Unterhaltung lebhafter hüben und drüben schwirrte, stahl sich Christine aus dem Hause. Sie wollte sehen, wie es Elisabeth erging.

Aber sie hatte kein Recht, bei Gredings einzutreten. Daher schlich sie auf den Fußspitzen durch Amtmanns Garten, stieg vorsichtig an dem knackenden Weinspalier eine Sprosse empor und legte das Auge an die Ladenöffnung.

Es herrschte blasses Halbdunkel in dem Zimmer, denn es brannte nur eine Nachtlampe in blauem Glase, – und dicht daneben saß Andrea und tafelte Schorndorfer Schloßküche: Entenbraten, eingelegte Pflaumen und Rheinwein.

Aber bei jedem zweiten Bissen wandte sie den Kopf besorgt herum.

Hinten an der Wand stand das Bett der Kranken, die unruhig den Kopf auf dem Kissen hin und her bewegte. Amtmann Greding, der gramvoll vornübergebeugt daneben saß, hatte Elisabeths eine Hand gefaßt. Die Späherin glaubte zu bemerken, daß die Atemzüge der Blinden beschleunigt über die offenen Lippen kamen, und daß die Wangen in Fieberglut erstrahlten.

In trostloser Stimmung kehrte Christine nach dem Schlosse zurück. Sie konnte es kaum notdürftig noch verbergen, wie schwerer Gram sie bedrückte.

Lieutenant Hellwig sah sie vom Fenster aus langsam durch den Vorgarten schreiten, der vom hellsten Mondlicht übergossen war. Den hübschen dunklen Kopf trug sie traurig gesenkt.

Der Wunsch regte sich in ihm, ihr beistehen zu dürfen. So suchte er sie wieder und wieder auf den Abend über.

Christine hatte so viel guten Willen, brav zu sein, und sie hatte ein warmes Herz und ein liebenswürdiges Gemüt. Was Wunder, daß sich ihr Bild ihm tief einprägte, so daß seine Gedanken nimmer von ihr lassen konnten.

Am andern Morgen hatte sich Elisabeths Zustand verschlimmert; das Fieber war gestiegen, und vollständige geistige Klarheit wechselte mit Phantasien ab. Sie suchte darin meist bei Andrea Schutz vor Christinen, die sie in Finsternis und Kälte einfach zurückgelassen hatte. Doktor Moosbach wollte aber größerer Besorgnis nicht Raum geben.

Wilhelmine war Christinens stete Begleiterin.

Sie suchten vereint Frau Schulze auf mit einem Körbchen Liebesgaben. Die Zufriedenheit in ihren armseligen Verhältnissen, der gute Mut der Frau bei ihrer Krankheit und sonstigen Bekümmernis: alles predigte Christinen, demütig zu sein.

Die Binde war von ihren Augen genommen, sie sah, empfand. Aber als was für eine große Schuldnerin stand sie da – als eine Schuldnerin zu den Hoffnungen, die ihre Eltern auf sie setzen durften, als eine Schuldnerin gegenüber der Freundschaft, eine Schuldnerin jedes einzelnen ihrer Mitmenschen, denen sie Freundlichkeit und Mitempfinden vorenthalten hatte.

Andrea war wenig im Schlosse. Wenn sie Frau Consentius gewissenhaft Bericht erstattet hatte, so saß sie ein Weilchen bei Christinen und Wilhelmine und malte Elisabeths Befinden freundlich aus. Christine war so sehr des Trostes bedürftig, daß es grausam gewesen wäre, ihr zu sagen, wie sie Elisabeths Qual bildete in ihren Phantasien.

Als Elisabeth einmal bei voller Besinnung war, hatte Andrea gutmütig Christinens Namen genannt, aber Elisabeth hatte matt mit der Hand gewehrt: »Jetzt nicht, Andrea – später.«

Das nun erzählte Andrea nicht. Tuntchen-Tantchen war ja nicht ganz verstockt, sie würde Christinen schon wieder lieb gewinnen. So log sie lustig darauf los, um Christinen aufzuheitern. Ihr Gesicht sah dann gutmütig und spitzbübisch zugleich aus.

Wenn sie auf diese Weise ihre doppelte Mission im Schlosse erfüllt hatte, flog sie in langen Sprüngen die Treppe empor. Heisa! – wie dann die schlanken, weißen Finger über das Klavier sausten. Im Winter giebt's wieder ein Konzert, Andreachen – und dann wird nicht Fiasko gemacht!

Am folgenden Tage fand eine Zusammenkunft bei Sodens statt. Die Wohlthätigkeitsvorstellung in Teterow hatte einen nicht unbedeutenden Gewinn abgeworfen. Über die zweckmäßigste Verteilung sollte nun beraten werden. Auch sonst noch waren sehr nennenswerte Mittel bewilligt worden.

Wilhelmine hatte ihren Vormund gebeten, ihr fünfhundert Mark zu übersenden, die heut' mit der Post angekommen waren. Sie wollte es dazu verwenden, nachdem die allgemeine Wohlthätigkeit das Notwendige gegeben hatte, selber noch Lücken auszufüllen.

Die Beratung nahm nicht sehr lange Zeit in Anspruch.

Es wurde davon abgesehen, selbst Einkäufe zu machen.

Die Leute sollten das Geld vielmehr bar empfangen. Frau von Soden und Friederike erklärten sich bereit, die Spenden am nächsten Vormittag zu überbringen.

Einen Tag darauf wollten Wilhelmine und Christine ebenfalls einen Besuch machen.

»Wie lange bleiben Sie noch hier?« fragte Herr von Behme seine Cousine.

»Wir reisen, Rosa und ich, am Freitag vormittag ab.«

»Kann der Termin nicht eine Abänderung erfahren?«

»Ich werde im Hause meines Vormundes erwartet. Außerdem hat mir Andrea verraten, daß Consentius' trotz der vorgerückten Jahreszeit nach Norderney zu gehen beabsichtigen.«

»Sie sind gern bei ihrem Vormund, Wilhelmine?«

»Ich habe keine andere Stätte. Bei Consentius' ist das Familienleben inniger. Ich werde es schwer vermissen.«

»Vielleicht verheiraten Sie sich bald?«

Wilhelmine errötete und blieb still.

»Ich kenne jemanden, Wilhelmine, der sein Glück nur in Ihrem Glücke sieht.«

Wieder schwieg sie.

»Aber Sie gehen so haushälterisch um mit den Zeichen Ihrer Gunst, daß der Mann nicht weiß, ob es nicht Vermessenheit ist, auf eine Erwiderung seiner Gefühle zu hoffen.«

»Sie wissen doch,« sagte Wilhelmine leise, »daß einem jungen Mädchen strenge Grenzen gezogen sind.«

»Über die aber Blicke wohl hinausreichen dürfen.«

»Auch das kaum …«

Herr von Behme rieb sich die Stirn.

»Können Sie sich nicht in die Lage eines Mannes versetzen, – der einem Mädchen ehrlich – von ganzem Herzen gut ist – der sein Herzblut dafür hingeben möchte, – sie zu seinem Weibe zu machen. Aber der Mann hat einen steifen Nacken, Wilhelmine, und will ihn nicht unnötig beugen. Er hat gar nicht die Absicht, um Brot zu bitten und einen Stein dafür in Empfang zu nehmen. Ahnt er den Stein, so bittet er erst nicht.«

»Wie kann ein abschlägiger Bescheid, von einem braven Mädchen gegeben, zur Unehre gereichen?«

Herr von Behme sah Wilhelminen an, bis sie die Augen vor ihm niederschlug.

»Nehmen wir einmal an, Wilhelmine,« sagte er weich, »ich liebte Sie und ich fragte Sie, ob Sie meine Frau werden wollen. Was würden Sie mir antworten?«

»Ich werde abwarten, ob Sie die Frage in Wahrheit an mich richten,« entgegnete sie, ohne aufzublicken.

»Aber mein Gott!« sagte er verzweifelt. »Ich habe es ja eben gethan.«

Über Wilhelminens Gesicht flog ein Lachen und Leuchten. Dem armen Behme wurde seine Werbung auch schwer gemacht. Schon ein Dutzendmal, wenn er kaum halb damit zu stande gewesen, war ihm jemand dazwischen gekommen.

Und auch jetzt tauchte Christine auf und nahm neben Wilhelminen Platz. Herr von Behme erhob sich ärgerlich, um zu gehen. –

Elisabeths Befinden wies am nächsten Tage keine Veränderung, weder zum Guten noch zum Schlechten, auf. Fieberdurchwühlte Stunden wechselten mit solchen ab, in denen die Kranke bei klarem Bewußtsein war. Dann schien Andreas Gegenwart ihr große Freude zu bereiten. Am übernächsten Tage war die Kraft des Fiebers gebrochen, die Phantasien blieben aus.

»Schulmeister,« sagte Andrea zärtlich, »ich soll dir Grüße bestellen von Wilhelminen. Morgen früh reist sie ab. Sprechen darf sie dich nicht mehr; aber sie wird dir schreiben, Tuntchen-Tantchen.«

»Wo ist Wilhelmine jetzt?«

»Mit Christinen nach Hochwitz gefahren. Das Mondkalb, die Teschner, ist zu Hause geblieben. Wilhelmine giebt fünfhundert Mark, wertester Schatz – nicht zu Butter und Schmalz, Eier und Salz, sondern etwa zu Gardinen und einem Spiegel bei dem einen, zu einem Sofa bei dem andern, oder auch zu einer Ziege, einem Elefanten, einem Kamel und einem Meerschweinchen. Verstandez-vous? Das Notwendige haben die Leute gekriegt. Nun sollen sie auch etwas haben, worüber sie sich freuen. Kinder – laßt ihr!«

Als am Spätnachmittage ein Wagen am Hause vorüberrollte, sagte Elisabeth: »Da kommt Wilhelmine von Hochwitz zurück.«

»Ja,« sagte Andrea, nachblickend, mit starker Betonung, » sie sind es wirklich, Christine und Wilhelmine.«

»Geh hinauf Andrea!« fuhr Elisabeth mit schwacher Stimme fort. »Es ist der letzte Abend. Ich lasse Wilhelminen glückliche Reise wünschen und lasse sie herzlich, herzlich grüßen.«

»Besten Merci. Hast du sonst nichts zu bestellen?« –

»Ich möchte gern wissen, was Wilhelmine zu kaufen beschlossen hat. Morgen erzählst du es mir dann.«

»Danach wollen wir Christinen fragen.« Andrea lachte. – »Gute Nacht, mein blindes Vögelchen. – Blind außen – blind innen,« sagte sie sanft. – »Alter, gräßlicher Anstandsbaubau.«

»Blind außen – blind innen,« dachte Elisabeth, als Andrea das Zimmer verlassen hatte. Und das Wort ging nicht wieder von ihr.


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