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Consentius' hatten einen sehr ausgebreiteten Verkehr, der sich aber weniger nach Teterow erstreckte. Bälle wurden in einer entfernter gelegenen Garnison mitgemacht, der Sommer in der Regel durch eine Reise unterbrochen. Zu den übrigen Vergnügungen, Partien in die Umgegend, Schlittenfahrten, Hetzjagden und Treibjagden, Diners u. s. w., fand man sich mit den vornehmsten, bürgerlichen Gutsbesitzern und dem Adel der Umgegend zusammen.
Gegenwärtig waren fast sämtliche Bekannte der Consentiusschen Familie verreist. Demgemäß konnten nur wenige Besuche gemacht werden. Die Tage gingen also in großer Gleichmäßigkeit dahin.
Elisabeth kam wenig nach dem Schlosse, weil das Verhältnis zwischen Tante Heinemann einerseits und Olga und Grete anderseits immer unbehaglicher sich gestaltete und sie daher oft genug als Friedensstifterin auftreten mußte. Heinemännchen war egoistisch.
»Thu mir den einzigen Gefallen, Lisabethchen,« sagte sie, »und gehe nicht fort. Du weißt, die abscheulichen Bälger. Es ist gerade, als thun sie mir alles zum Tort und ich kann sie nicht vertragen. Gredings wegen muß man doch aber Rücksichten nehmen.«
»Du bist so liebenswürdig und nachsichtig mir gegenüber, Tante Heinemann,« sagte Elisabeth vorsichtig, »wo ich dir gewiß schwere Mühe und Umstände bereite. Aber ich glaube, gegen Olga und Grete bist du ein wenig voreingenommen. Die Kinder sind viel mehr originell als ungezogen, und sie sind sehr liebevoll.«
»Jawohl,« sagte Tante Heinemann ärgerlich, »sie waren so liebevoll, den Zwerg umzuwerfen. Ihretwegen hätte er können in Granatstücken gehen. Es ist ja auch alles drunter und drüber gelaufen, und sie waren natürlich noch in ihrem besten Recht. Außerdem sind sie so liebevoll, alle Tage hundert neue Ungezogenheiten zu vollführen, man weiß sie schon gar nicht mehr bei Namen zu nennen. Therese möchte auch lieber heute als morgen ziehen.«
»Aber, Tante Heinemann, Therese ist albern.«
»Meinetwegen!« Tante Heinemann war vollständig verschnupft. »Ruhe!« drohte sie zu Peter hinauf, der sich still wie ein Mäuschen verhielt und durch den Zuruf erst darauf kam, daß er anderes als Schlafen verrichten könne. Er hüpfte dicht an die Stäbe seines Bauers heran, drehte das Köpfchen nach rechts und nach links und sah zu, wie Tante Heinemann ihr Andachtsbuch aufschlug. Dann ließ er in vollen Tönen sein Liedlein erschallen: Mädele ruck, ruck, ruck an meine grüne Pffff …
»Schlingel!« sagte Tante Heinemann aus vollster Seele, stand auf, kraute Peters Köpfchen, ließ sich von ihm spaßweise in den Finger beißen und las dann in ihrem Erbauungsbuche weiter, indes Peterchen sein Repertoire herunterorgelte. –
Christine war noch einmal in Elisabeths Begleitung bei Frau Schulze gewesen. Sie hatte eine Bettelkasse angelegt, deren Ertrag dazu dienen sollte, die arme Leidende nach Berlin zu schaffen, wo Doktor Moosbach, wenn nicht Heilung, so doch Besserung für sie erhoffte. Und Christine hatte den Plan, von ihrem Taschengelde eifrig weiter zu sparen und Papa und Mama ebenso eifrig weiter anzubetteln, um späterhin eine Badereise ermöglichen zu können.
Dazwischen dachte sie an Andreas Kommen, und dies geschah mit aufrichtiger Freude, wenn es gerade langweilig in Schorndorf war, und voll Unbehaglichkeit, wenn sie sich in freundlicher Stimmung befand.
Frau Consentius hatte die Garderobe neben Christinens Schlafzimmer räumen und für Andrea einrichten lassen; das Wohnzimmer sollten beide Mädchen gemeinschaftlich benützen.
Es war ein wunderschöner Tag, als Christine nach dem Bahnhof fuhr, um Andrea abzuholen. In dem Heidestreifen, der passiert wurde, ließen der Pirol und der Fink ihre anheimelnden Weisen erschallen. Weiter hinein gurrten wilde Tauben und auf dem Felde hörte Christine in hoher Luft die Lerche jubilieren. Hart am Wege, auf den Schorndorfer Ländereien, arbeiteten Schnitter, die, als Christine vorüberfuhr, die Hüte rückten.
Auf dem Bahnhof in Teterow traf das junge Mädchen mit einem hübschen ältlichen Herrn zusammen und einer ebenfalls hübschen, aber bedeutend jüngeren Dame. Es war Doktor Moosbach nebst Gattin aus Teterow.
Frau Doktor Moosbach war als junges, achtzehnjähriges Mädchen nach Schorndorf als Erzieherin Christinens gekommen und hatte den beiden Freundinnen, Christine und Elisabeth, sieben Jahre lang den vorzüglichsten Schulunterricht zu teil werden lassen. Danach war sie die Gattin des Schorndorfer Hausarztes geworden. Elisabeth war damals fast vollständig erblindet, und Christine wurde nach der Verheiratung ihrer Erzieherin in Pension gebracht.
Frau Doktor Moosbach war eine geistreiche Frau und spielte ihre kleine Rolle in Teterow. Von ihrem Manne, den sie über alle Männer stellte, wurde sie auf Händen getragen. Doch neckte er sie mit ihrer Vorliebe für Herrn Consentius und Amtmann Greding, für welche sie in der That ein kleines Faible hatte. Wenn die Schorndorfer nach Teterow kamen, so verstand es sich von selbst, daß sie bei Doktor Moosbachs vorsprachen; der Doktor hingegen hatte sich daran gewöhnt, seine hübsche Frau auf Fahrten in die Umgegend, bei welchen er Schorndorf passierte, mitzunehmen und sie daselbst abzusetzen.
»Reisen Sie ab, Christinchen, oder erwarten Sie jemanden?« fragte jetzt die bewegliche Frau.
»Ich erwarte meine Freundin Andrea.«
»Das ist eine neue Errungenschaft, nicht wahr?«
»Wir haben freilich noch keinen Scheffel Salz miteinander aufgegessen,« entgegnete Christine, »aber wir kennen uns doch schon länger als ein Jahr.«
»Also eine uralte Freundschaft!« bemerkte die Doktorin ein wenig boshaft. »Apropos!
Ein lust'ger Musikante
Marschierte einst am Nil.
O tempora, o mores!
Das ist Andrea, nicht wahr?«
Christine lachte.
»Ja, Andrea ist Pianistin.«
Eben fuhr der Zug in den Bahnhof. Der Doktor verabschiedete sich von seiner Frau und Christinen und stieg ein. Die Doktorin stand, ihm zunickend und winkend, noch einige Augenblicke, bis sie Andreas Kopf am Fenster gewahrte.
Andrea grüßte lebhaft und rüttelte zugleich an der Thür ihres Coupés, um herauszukommen. Als dieselbe geöffnet wurde, stand sie mit einem Sprunge zu ebener Erde.
Sie trug ein hübsches, einfaches, graues Kleid von wollenem Sommerstoff und ein ebensolches Mäntelchen. Handgepäck hatte sie nicht, außer einem Sonnenschirm, der mit dem Stoff des Kleides bezogen war.
»Meine Freundin, Fräulein Dallmann, Frau Doktor Moosbach,« stellte Christine vor.
»Ich freue mich aufrichtig,« sagte Andrea.
Sie war wirklich, wie Christine schon zu Elisabeth gesagt hatte, durchaus nicht hübsch, aber sie sah mit diesen kleinen Augen, diesen hohen Backenknochen, diesem großen Mund und dieser aufgestülpten Nase aus wie ein richtiger, durchtriebener Gassenjunge. Ihr rostfarbiges Haar, das mehr einen Stich ins Blonde als ins Braune hatte, war nach der Form des Kopfes abgeschnitten.
»Mein Gepäckschein?« sagte sie. »Hier! – Ich habe nur einen kleinen Koffer. Du schriebst so eilig, ich dachte, es brennt bei euch. Meine anderen Sachen werden mir nachgeschickt, verstandez-vous?«
»Wir brauchen in Schorndorf keine große Auswahl, nicht wahr, Frau Doktor?« entgegnete Christine lachend. Sie war versichert, daß Andreas sämtliche Habseligkeiten sich in dem betreffenden Koffer befanden, wie es sich auch in Wahrheit verhielt.
»Man ist aber in Schorndorf sehr gesellig,« erklärte Fran Doktor Moosbach liebenswürdig.
»Und diese Christine schreibt mir einen Brief, nach welchem ich glaubte, entnehmen zu müssen, daß der größte Verbrauch in Kirchenkleidern bestehen würde. Sind das Chosen! Fahren Sie mit nach Schorndorf, Frau Doktor?«
»Nein, mein liebes Fräulein. Aber vielleicht habe ich recht bald das Vergnügen, Sie bei mir in Teterow zu sehen.«
»Ungeheuer erfreut und besten Merci,« entgegnete Andrea mit einer drolligen Verbeugung. »Wir wollen sehen, was sich machen läßt. Sie waren wohl auch schon einmal längere Zeit bei Consentius'?«
»Sieben Jahre.«
»Himmel! und das haben Sie ausgehalten!« fuhr es unvorsichtig heraus.
»Ich sagte Ihnen schon, daß Consentius' sehr gesellig sind. Außerdem ist aber die Häuslichkeit in Schorndorf so anregend, daß man kaum etwas vermissen würde, selbst wenn man zurückgezogen lebte. Ich insonderheit hatte meinen Beruf, der mir überhaupt nicht Zeit ließ, Grillen zu fangen. Ich war Erzieherin für Christinen.«
»Aha!« sagte Andrea unverfroren, »daher der Name Opodeldok.« Es war die neueste ihrer überflüssigen und oft sinnlosen Redensarten, die sich aber meist komisch anhörten.
Frau Doktor Moosbach lächelte während des ganzen Weges, den sie von dem ausgebauten Bahnhofe bis zu ihrer Wohnung zurückzulegen hatte. Andrea hatte ihr keineswegs mißfallen; aber sie wußte doch nicht, wie sich dieses junge Mädchen in die sehr von ihrem Auftreten abweichende Consentiussche Häuslichkeit hineinfinden würde.
Unterwegs sagte Christine:
»Es geschieht im gegenseitigen Interesse, Andrea, und ich bitte dich, es mir nicht übelzunehmen, wenn ich dir einige Andeutungen mache, wie wir in Schorndorf zu leben gewohnt sind. Wir nehmen eine gewiß bevorzugte Stellung ein, sitzen dafür aber auch wie in einem Glashause. Vielleicht wird es dir vorkommen, als ginge es etwas steif bei uns zu; denn Mama liebt die Ungeniertheiten nicht. Aber meine Mama ist eine sehr vornehme und dabei sehr menschenfreundliche Frau …«
»Ja, deine Mama ist eine Geborene von Tettenbühl,« fiel ihr Andrea trocken in die Rede.
»In der That,« entgegnete Christine. »Aber ich wollte dir jetzt nichts von Mamas Herkommen erzählen, sondern ich wollte dir sagen, daß Mama bei jungen Damen große Zuvorkommenheit und zugleich große Zurückhaltung liebt. Mama kann das Auffallende nicht leiden.«
»Schade, Christine, und ich hatte mir vorgenommen, mit irgend jemandem in Schorndorf durchzubrennen.«
»Du verstehst meine guten Absichten nicht,« entgegnete Christine ärgerlich.
»Das heißt, Schatz, du hättest dir auch an den fünf Fingern ablesen können, daß ich deiner Mama nicht auf die Füße treten werde. Es hat ja keinen moralischen Hintergrund. Also jetzt zum Papa! Dein Papa gefällt mir im voraus, da er mir dreißig Mark Reisegeld geschickt hat; denn ich war total abgebrannt.«
Christine lachte, aber es kam ihr nicht so recht vom Herzen.
Andrea hatte aber wirklich den besten Willen, den Häuptern der Consentiusschen Familie wohlzugefallen; denn Schorndorf war Errettung aus großer Not für sie.
Ihre Verwandten hatten ihr nach ihrem mißglückten Auftreten eine böse Scene gemacht. Und doch war Andrea unschuldig an ihrem Mißerfolge. Schließlich war ihr die Unterstützung, die sie erhielt, bedeutend verkürzt worden.
Der Professor, der sie unterrichtete und der sich für das fleißige Mädchen interessierte, hatte ihr geraten, den Unterricht auf einige Zeit ausfallen zu lassen, da ihr Hauptaugenmerk technischen Schwierigkeiten gelten müsse, zu deren Beseitigung sie nicht der Aufsicht eines Lehrers bedürfe.
Die Ersparnisse, welche sie durch ihren Aufenthalt in Schorndorf machte, hatte sie dazu verwendet, ihre Garderobe wieder in Ordnung zu bringen, die in einem bösen Zustande gewesen war.
Andrea hätte es nicht ermöglichen können, mit eigenen Mitteln von Schorndorf nach Berlin zurückzukehren; denn in ihrem kleinen Portemonnaie steckten kaum noch zwei Mark. Und Andrea war kein schlechter Wirt; aber das Gefühl, mit ihrem Gelde auszureichen, hatte sie bisher nicht kennen gelernt. Sie war noch sehr jung und hatte schon viel Mangel und Entbehrungen tragen müssen. Ihre leichtlebige Künstlernatur half ihr leichter darüber hinweg als manchem andern. Außerdem hatte sich, durch die Verhältnisse veranlaßt, eine kleine unnoble Seite bei ihr ausgebildet: sie machte sich keine Skrupel, unerwiderte Geschenke anzunehmen. Aber sie hoffte auf eine Zukunft, in welcher Andrea Dallmann wie ein Stern erster Größe strahlte. –
Frau Consentius erteilte gerade Madam Pieseke Audienz, als die jungen Mädchen bei ihr eintraten. Es benahm Andrea einiges von ihrer Zuversicht, daß diese Unterredung um ihretwillen nicht unterbrochen wurde. Erst als das kompläsante Dämchen entlassen worden war, wandte sich Frau Consentius herum.
Andrea wußte sofort, daß sie sich hier würde unterordnen müssen.
»Sie haben mir gestattet, nach Schorndorf zu kommen, gnädige Frau,« sagte sie, verlegen nähertretend.
»Ich habe es gern gethan, Andrea.«
»Es wird auch mein aufrichtiges Bestreben sein, gnädige Frau, Ihres Wohlwollens nicht verlustig zu gehen.«
Andrea war unbeschreiblich unbehaglich zu Mute, trotzdem sie sich in ihrem ganzen Leben nicht so tadellos benommen hatte, wie eben jetzt.
Frau Consentius hieß die beiden Mädchen Platz nehmen.
»Ich wünsche nicht, Andrea,« sagte sie freundlich, »daß Sie in meinem Hause Ihre musikalischen Studien vernachlässigen. Damit es Ihnen leichter wird, sich Ihre Zeit einzuteilen, will ich Sie mit unserer Hausordnung bekannt machen. Wir nehmen gemeinschaftlich das erste Frühstück, Mittag, Nachmittagskaffee und Abendbrot ein, das Frühstück um sieben Uhr, das Mittagbrot um ein Uhr, den Kaffee um drei und das Abendbrot um acht Uhr. Ein zweites Frühstück können Sie sich persönlich, wie es auch meine Tochter thut, von Frau Pieseke holen. Der Flügel, welcher zu Ihrer Verfügung steht, befindet sich in einem Gesellschaftszimmer der oberen Etage. Ich habe ihn so stellen lassen, daß wir durch Ihr Musizieren möglichst wenig gestört werden.«
»Ich habe mir in letzter Zeit angewöhnt, ziemlich früh aufzustehen und sofort zu üben,« entgegnete Andrea.
»Das brauchen Sie hier nicht aufzugeben. Wann stehen Sie auf?«
»Um halb vier, wenn ich von vier bis sieben Uhr üben darf.«
»Ich habe nichts dagegen. Also Sie musizieren drei Stunden täglich?«
»Das wäre etwas zu wenig, wenn man, wie ich, ein Ziel erreichen will. Ich möchte zwei Stunden pausieren und von neun bis zwölf weiter spielen. Das würde, glaube ich, zur Not genügen.«
Nachher saßen sich die beiden Mädchen im Eßzimmer gegenüber.
Frau Pieseke hatte Kotelettes gebraten. Christine forderte Andrea auf, ordentlich zuzulangen.
»Ich kann nichts essen, wenn ich eine so weite Strecke gefahren bin,« sagte sie.
»Ich kann immer essen,« entgegnete Andrea, »weil ich immer Hunger habe, außerdem habe ich seit Berlin nur eine Schrippe zu mir genommen.«
Nach dem Abendbrot spielte sie vor, einen grande valse brillante von Chopin. Ihre Auffassung war in der That originell, stürmisch, nicht als ginge die Musik mit ihr, nein, als ginge sie mit der Musik durch. Frau Consentius gestand bereitwillig zu, daß sie glaube, Andrea werde noch eine Zukunft als Musikerin haben.
Und am andern Morgen in aller Herrgottsfrühe rieb Andrea den Schlaf aus den Augen, fuhr mit dem ganzen Kopf in ein Becken voll kalten Wassers, um sich munter zu machen und zog ihren funkelnagelneuen Morgenrock an. In Hoffnung auf künftige Größe hatte sie sich eine kleine Schleppe daran nicht versagen können; vorn waren Schnüre mit Troddeln verschlungen. Andrea fand es so genial, bei der Unterhaltung irgend etwas durch die Finger zu ziehen. Sodann stiefelte sie nach dem oberen Stockwerk hinauf.
Der Flügel war so verlockend schön, daß sie ein wildes Tonstück herunterraste. Das Ungezügelte und Unausgeglichene war überhaupt Andreas Eigenart. Schließlich mußte sie Zwang anwenden, um ihre Übungen aufzunehmen. Unermüdlich sausten die gleichen halsbrecherischen Läufe über das Klavier, dieselben Sprünge, bei denen Andrea jedesmal zitterte, ob sie den rechten Ton zur rechten Zeit erreichen werde. Sie hatte sich ganz rote Backen gespielt, als sie von Christinen zum Frühstück gerufen wurde.
Frau Consentius erkannte ehrliches Streben willig an und begrüßte daher Andrea sehr freundlich.
»Sie werden hungrig sein, Andrea, denn Sie waren schon fleißig.«
»Ja,« entgegnete Andrea, »ich fühle eben, daß mein sogenannter Magen revoltiert; ich habe es oben gar nicht bemerkt.«
Frau Consentius lächelte. Sie hatte überhaupt Mühe, ihre würdevolle Haltung aufrecht zu erhalten; denn Andrea vertilgte kreuzvergnügt eine ganz unerhörte Portion Butterbrote.
Nachher machten die beiden Mädchen einen Spaziergang in den Park.
»Ich bin satt wie eine Riesenschlange, ich kann in vier Wochen nichts essen,« erklärte Andrea.
»Hat es dir bei uns geschmeckt, Andrea?«
»Fein mit Ei!«
»Mama hat bestimmt, daß wir Nachmittag zu Gredings gehen.«
»Wer ist das?«
»Unser Amtmann.«
»Was ist ein Amtmann?«
»Ein Amtmann ist ein höherer Inspektor.«
»Und was ist ein Inspektor?«
»Ein Inspektor ist ein junger Mann …«
»Das genügt,« unterbrach Andrea. »So ist also der Amtmann ein alter Mann.«
»Pfui, Andrea! Von Herrn Amtmann Greding ist überhaupt nicht die Rede. Wir werden seine Tochter Elisabeth besuchen.«
»Elisabeth … ist das die Blinde, von der du in Berlin erzählt hast?«
»Ja.«
»Ich denke, das ist die Tochter eines Gutsnachbarn deines Vaters?«
»Nein, es ist die Tochter unseres Amtmanns.«
»Daher also der Name Opodeldok,« versetzte Andrea, die damit sagen wollte, daß ihr ein Licht soeben aufgegangen sei.
Christine war mißgestimmt. Aber war sie nicht selber schuld daran? Sie hatte von ihrer Freundin Elisabeth gesprochen. Als Andrea sich nach den Eltern erkundigte, hatte sie gesagt, daß die Mutter lange tot und der Vater Gutsbesitzer wäre. Um es zu sein, dazu fehlte Herrn Greding nichts als das erforderliche Geld. Besitz macht ebenbürtig. Es war spottschlecht mit ihrer Moral bestellt. –
Tante Heinemann deckte soeben den Kaffeetisch, als die jungen Mädchen nachmittags bei Amtmanns anlangten. Christine sagte gern zu, als sie aufgefordert wurde, mitzutrinken; aber Andrea gewahrte an Imbiß nichts als Butter und Brot und lehnte daher ab. Wenn noch etwas Besseres am Horizonte erscheinen sollte, hatte sie immer noch Zeit, anzunehmen.
Olga und Grete spielten draußen mit Schulzens Adolf Pferd und hatten schon Kaffee getrunken; aber Grete erschien neugierig, um sich den Besuch anzusehen.
»Mein liebes Onkel Gredingchen,« sagte sie ungeheuer liebenswürdig, »möchtest du wohl die Güte haben, mir noch ein recht sehr großes Stullchen zu geben? – Ah, mein Fräulein Christine hat aber Besuch! – Kommen Sie aus Berlin, Fräulein?«
»Docht!« sagte Andrea.
»Docht?« fragte Grete so fein als nur möglich. »Was meinen Sie denn damit?«
»Ich meine: Docht!«
»Nein, aber dieses Fräulein! Sie meinen wohl: Doch? Wohnen Sie vielleicht in der Leipzigerstraße, liebes Fräulein? Ich bin Grete Bartels von Wilhelm Bartels, Leipzigerstraße 37, und meine kleine Schwester ist Olga Bartels.«
»Ungeheuer erfreut, Grete Bartels,« sagte Andrea. »Ich bin Fräulein Andrea Dallmann, Krausenstraße 62.«
»Aber dieses liebe Fräulein,« wimmerte Gretel entzückt. »Meine Mama ist auch sehr für die Krausenstraße eingenommen. – Ja!« schrie sie aus dem Fenster, unter welchem sich Olga und Schützens Adolf bemerkbar machten. »Besten Dank, mein liebes Onkel Gredingchen, für das Stullchen. Ich muß doch meinem lieben Fräulein Dallmatz wirklich noch die Hand schütteln.«
»Dallmann,« sagte Andrea, die aus vollem Halse lachte, indes Grete das ›Stullchen‹ auf die Tischecke legte und mit beiden Händen über Andreas Rechte herging.
»Trag mal das der Therese hin,« sagte Frau Heinemann kurz angebunden; »aber sei nicht wieder ungezogen!«
»Nein, mein liebes Tantchen Heinemannchen,« sagte Grete und stob mit ihrer Mission davon.
»Was machen Sie während des ganzen Tages, Elisabeth?« fragte Andrea.
»Ich gehe im Garten spazieren, ich stricke, ich beschäftige mich, soviel es angeht, mit den Kindern. In allem übrigen mache ich Tante Heinemann und Vater viele Umstände. Die arme Tante Heinemann muß mich völlig bedienen wie ein kleines Kind, und Vater liest mir vor, so oft er Zeit hat.«
»Mit Lesen können Sie mich austreiben.«
»Das will ich Ihnen im Hinblick auf Ihren guten Geschmack nicht unbedingt glauben, Andrea.«
»Sehen Sie einmal an, was Sie für selbständige Ansichten haben, Elisabeth. Sind Sie musikalisch?«
»Nein!«
»Da ich nicht weniger zuvorkommend sein will, wie Sie, mein wertester Schatz, so bin ich entschlossen, Ihnen das im Hinblick auf Ihren guten Geschmack ebenfalls nicht unbedingt zu glauben.«
»Ich habe nicht gesagt, daß ich die Musik nicht liebe,« entgegnete Elisabeth; »ich habe nur gesagt, daß ich nicht musikalisch bin. Um in der Musik etwas zu leisten, dazu ist ausgesprochene Begabung erforderlich. Lektüre treiben, gehört zur allgemeinen Bildung.«
»I, a, u,« versetzte Andrea brüsk, »mach das Buch zu!«
Tante Heinemann starb fast vor Ingrimm über Andreas ungezogenes Betragen, und das junge Mädchen hätte versichert sein können, arg zurechtgestutzt zu werden, wäre sie nicht Gast im Schlosse gewesen. So mußte die gute Tante Heinemann ihren ganzen Ärger hinunterschlucken.
Christine erzählte, wie Andrea ihren Tag eingeteilt hatte, und meinte, sie selbst würde wohl häufig während der Übungsstunden zu Elisabeth kommen.
»Es wird ein Trost für mich sein, Christinen in guter Gesellschaft zu wissen,« versetzte Andrea.
»In schlechter würde sich Christine auf die Dauer nicht wohl fühlen, Andrea.«
»Recht gesprochen, Elisabeth, Andrea ist ein ungezogenes Mädchen,« mischte sich Christine ein. Gleichzeitig stand sie auf, denn sie hatte mit Schrecken bemerkt, daß sie Andrea in Bezug auf Gredings noch belehren müsse.
Tante Heinemann gab Christinen die Hand und machte Andrea eine sehr steife Verbeugung, die mit komischem Pathos erwidert wurde. Elisabeth ging mit vor die Thür. Amtmann Greding war gleich nach dem Kaffeetrinken aufgebrochen.
»Nimm es mir nicht übel,« kam Andrea unterwegs ihrer Freundin zuvor, »aber deine Elisabeth ist ein schauderhafter Anstandsbaubau. Was fällt ihr eigentlich ein, mich Andrea zu nennen? Ich bin Fräulein Dallmann.«
»Und Elisabeth ist Fräulein Greding.«
»Die Sache liegt denn doch noch etwas anders.«
»Durchaus nicht, Andrea. Elisabeth ist meine beste Freundin, und Mama schätzt Gredings sehr hoch. Ich bitte dich in deinem eigenen Interesse, keine Unvorsichtigkeiten zu begehen.« –
Vor dem Kuhstall standen Olga und Schulzens Adolf und warteten auf die Milch. Als ihnen dieselbe reichlich eingemessen worden war, zogen sie selbander vergnüglich davon. Unter der Einfahrt hatte sich Olgchen seit etlichen Tagen angewöhnt, die Kanne ordentlich vor den Kopf zu nehmen und etwas von dem Schaum, der so nett an der Nase kitzelte, abzutrinken, indes Schulzens Adolf aufpaßte, daß kein Verräter nahe. Danach hatte dann Adolf auch einmal die Kanne regelrecht hoch gekippt.
»Komm, braune Hanne, her,
Reich mir die Kanne her!«
Und diese wenig löbliche Angewohnheit, die sie stibitzen nannten, hatten beide kleine Herrschaften seither beibehalten.
An Amtmanns Giebel hängte sich Olgchen dann an den Pumpenschwengel und Adolf ließ von dem milden Naß, so man Wasser nennt, einen kleinen Strahl in Kantors Kanne laufen.
Arme Frau Kantor! Und dafür mußte sie jedesmal etliche Bonbonscherben herausrücken; denn die beiden Milchgören standen mit rührender Beharrlichkeit, bis sie ihre süße Belohnung empfangen hatten.
Schulzens Adolf war ein sehr schmächtiger neunjähriger Schlingel, der seine Glieder keinen Augenblick ruhig halten konnte, immer war eine Verrenkung oder Verdrehung unterwegs, und den Mutterwitz, den er in überreichem Maße empfangen hatte, konnte er nicht ohne Fratzenschneiden zu Tage befördern. Seine kleine Gefährtin hingegen nahm desto ernstere Miene an, je altkluger sie sich gebärdete; sie konnte, wenn sie am ungezogensten war, sogar eine haarsträubende Feierlichkeit entwickeln. Und selbst wenn dieses Fräulein Eigensinn, diese Madam Unverfroren mit den tyrannischen Gelüsten, diese Jungfer Rührmichnichtan von einem Ohrzipfel bis zum andern grinste, geschah es zumeist mit einer Überlegenheit, die wahrhaft betroffen machte.
»Wo warst du denn?« fragte Tante Heinemann.
»Ich war mit dem Adolf bei Kantors,« entgegnete Olgchen, »ich muß doch aufpassen, daß die arme Frau auch ihre Milch ordentlich erhält.«