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Andrea saß wieder auf dem großen Tisch in der Speisekammer und hielt Umschau, ob sie etwas für ihren Gaumen Geeignetes entdecken könne.
»Was wollen Sie denn so meuchlings hinter die Spindthüre verstecken, Tante Pieseken? Zeigen Sie einmal her,« sagte sie gebieterisch. »Eingelegte Erdbeeren … Sind das Chosen! Ich werde Ihnen ja nicht die Ohren abbeißen. Seien Sie doch nicht so furchtsam!«
»Gnädige Frau hoben die eingelegten Erdbeeren schon herausgegeben für die Mittagstafel, Fräulein Andrea,« setzte sich Madam Pieseke ängstlich zur Wehre.
»Ich habe auch kein Verlangen, sie aufzuspeisen. Haben Sie denn nichts Kräftiges heute, Madam Pieseke, mir ist schauderhaft schlecht zu Mute.«
»Vielleicht etwas Hofmannstrupfen, Fräulein Andrea?«
»Oder eine spanische Fliege oder ein Senfpflaster? Ich meine doch etwas Vernünftiges, Kräftiges, zum Essen – Kaviar oder Mixed Pickles – schlimmsten Falls eine saure Gurke.«
Zuerst speiste Andrea ein Kaviarbrötchen. Die saure Gurke spedierte sie hinterher. Sie hatte Unbehagen vor ihrem Debüt in Teterow.
»Wie ist denn eigentlich die Affaire von wegen der Milch abgelaufen mit Ihrer Nichte, was die Kantorn ist, Tante Pieseken?«
»Meine Nichte, was die Kantorn ist,« sagte Tante Pieseke mit Würde, »hat gern wieder anknüpfen wullen, Fräulein Andrea. Aber nicht in die Hand …« Madam Pieseke meinte damit, daß sie unter keinen Umständen darauf eingehen werde.
Als Andrea durch die Halle schritt, wurde sie zu Herrn und Frau Consentius berufen.
»Wir haben für unser wildes Pflegetöchterchen eine Freude bereit,« sagte Frau Consentius herzlich. »Wir denken, Andrea, daß Sie im Laufe des Winters in Berlin öffentlich auftreten sollen, und mit besserem Erfolg als das erste Mal. Sie tragen dazu vielleicht dasselbe Kleid, das Sie heute in Teterow tragen werden. Zu dessen Vervollständigung hat Ihnen Papa einen kleinen Schmuck gekauft.«
Frau Consentius nahm ein Etui vom Tisch und reichte es Andrea hin. Auf dem weißen Atlaspolster lagen Türkisen zu Vergißmeinnicht zusammengefügt, kleine Ohrringe, ein Collier und ein Armband. Das Armband war durch einen Vergißmeinnicht-Strauß in Steinen verziert, ebenso vorn das Collier, das sich mehr nach hinten aus kleinen, aneinanderhängenden Blumen zusammensetzte.
Andrea schüttelte den Kopf, preßte ihre beiden Hände krampfhaft ineinander und machte nicht Miene, das Geschenk anzunehmen.
»So nehmen Sie doch, Kind,« sagte Frau Consentius liebevoll.
»Ich kann nicht,« kam es gleichsam würgend heraus.
»Sie können nicht?«
Andrea schüttelte wieder.
»Weshalb können Sie es nicht annehmen?«
»Weil ich es nicht wert bin, gnädige Frau.«
»Wir geben es Ihnen als ein Zeichen unseres aufrichtigen Wohlwollens, Andrea.«
»Das ist's ja eben. Ich mache alle Tage neue schlechte Streiche, ohne daß ich es selber will. Ich tauge nichts und ich bin nicht wert, daß Sie so gut zu mir sind. Daß Sie es aber sind, das macht mich krank.«
»Aber, Sie unseliges Mädchen, was haben Sie nun schon wieder angegeben.«
»Ich übe einen schlechten Einfluß auf Christinen aus; ich möchte es nicht, aber ich thue es. Sie geht auch immer weiter, als ich will. Jetzt schämt sie sich vor Fräulein Wilhelmine und vor Rosa, daß Elisabeth ihre Freundin ist, weil Elisabeth lächerlich gekleidet geht und weil Herr Greding ein bezahlter Amtmann ist. Sie verleugnet sie geradezu und ich bin gewissermaßen schuld daran, denn ich habe Christinen gesagt, es wäre nicht notwendig, Elisabeth vorzustellen, die nur wieder schulmeistern würde. Ich habe Elisabeth wirklich lieb und hatte Furcht, die Mädels würden mich verklatschen bei ihr. Von der Rosa habe ich mir beispielsweise dreimal etwas Geld geliehen, zehn Mark im ganzen. Ich bin ja so sehr arm, gnädige Frau, ich konnte es noch nicht wiedergeben. Fräulein Wilhelmine ist auch nicht von mir eingenommen. Ich wollte mich vor Elisabeth nicht herabsetzen lassen, gerade jetzt, wo sie sich immer freut, wenn ich komme. Sie will es nicht zugeben, aber sie hat Angst vor der Operation. Da mache ich denn manchmal etwas Rummel, daß sie lacht.«
Andrea lachte selber trotz aller Bekümmernis. Gewalt und Strenge machten sie widerspenstig und verstockt; aber Güte war eine Macht, von welcher sie sich willenlos unterjochen ließ. Sie lachte und dabei war ihr ganzes Gesicht von Thränen übergossen.
Herr Consentius hatte ihrem Geständnis zugehört, das Kinn auf die Hand gestützt, seine Augen unverwandt auf ihr Gesicht geheftet. Nur einmal tauschte er einen sprechenden Blick mit seiner Frau. Jetzt suchte er in seinem Portemonnaie und stand auf.
»Ich will doch noch lieber einmal zu Lauenstein hinüberfahren,« sagte er und man konnte seinem Gesichtsausdruck und seinen unruhigen Bewegungen deutlich ansehen, wie unbehaglich er sich fühlte. »Heule nicht, Mädel! Du brauchst der Rosa nichts schuldig zu bleiben,« dabei drückte er etwas in Andreas herabhängende Hand.
»Zwanzig Mark,« sagte Andrea und es war, als ob dieses Geschenk ihr den kleinen Rest von Fassung vollends raubte.
Sie konnte sich nicht einmal bedanken, denn schon hatte sich die Thür hinter Herrn Consentius geschlossen.
Frau Consentius stand vor ihr, jeder Zoll eine Fürstin, die Augen der stolzen Frau blickten ernst und milde zugleich. Da nahm Andrea beide Fäuste und fuhr über ihr Gesicht, um die Thränen fortzuwischen. Sie kam sich so klein vor und untergeordnet wie ein kleiner Hund, wie ein ganzer, ganzer kleiner Hund und sie beugte sich vor, faßte Frau Consentius' Hand und küßte sie.
»Nun werde ich doch wohl fortgeschickt werden,« sagte sie leise.
»Nein, Kind, wer den Mut hat, begangenes Unrecht einzugestehen, verdient, daß Nachsicht geübt wird mit seinen Fehlern, denn er wird auch die Kraft zur Besserung haben. Christine wird auch den Mut finden, eines Tages, aus sich selber heraus. Sie wird erwachen, ohne daß sie ein anderer weckt.«
»Es ist der böse Einfluß, den ich auf sie ausgeübt habe,« sagte Andrea kläglich aus Erkenntlichkeit. »Aber ich werde ihr nie mehr ein schlechtes Beispiel geben.«
Und dann nahm sie das Etui, das Frau Consentius ihr abermals reichte. Wie hübsch! wie wunder-, wunderhübsch! – Die Fassung war jedenfalls echt! – Was ihre Wirtin in Berlin nur sagen würde! Sie hatte einen Schmuck!
Kurz vor Tisch klopfte Andrea bei Rosa Teschner an.
»Darf ich eintreten?«
»Ja, was wollen Sie?«
»Meine Schulden bezahlen. Sie haben mir einmal drei Mark geliehen, einmal zwei Mark fünfzig, und einmal vier Mark fünfzig: macht zehn Mark. Stimmt, Schulze!«
»Ich dachte, Sie hätten es vergessen oder wollten es vergessen haben.«
»Ich habe weder ein schlechtes Gedächtnis, noch bin ich ein Bauernfänger von Profession. Was fällt Ihnen eigentlich ein, Rosa? Hier, geben Sie heraus!«
»Wodurch haben sich Ihre Vermögensverhältnisse so aufgebessert?«
»Herr Consentius hat mir das Geld geschenkt.«
»Diese Consentius scheinen einen merkwürdigen Geschmack zu haben.«
»Ja, einen merkwürdig guten. – Sind das Chosen! Sie sind ja der reinste Geldprotz! Ist Ihnen sonst noch etwas gefällig? vielleicht eine kleine Klapperschlange?«
Wilhelmine, die in der Fensternische gestanden hatte, trat jetzt näher.
»Sind Sie verwandt mit einander?« fragte Andrea plötzlich.
»Nein, Fräulein Dallmann.«
»Wohl doch noch so ein bißchen hinten herum – meine Tante, deine Tante –«
»Gewiß nicht,« entgegnete Wilhelmine lächelnd. »Aber unsere Familien waren durch viele Generationen gut befreundet. Herr Teschner, Rosas Vater, war der beste Freund meines seligen Vaters.«
»Also daher der Name Opodeldok. – Sehen Sie einmal den Schmuck!«
»Außerordentlich hübsch.«
»Nicht wahr? – Ich habe ihn geschenkt erhalten von Herrn und Frau Consentius.«
»Merkwürdig …« sagte Rosa gezogen. »Zeigen Sie einmal her – Türkisen! Was leisten Sie denn hier für Dienste, daß Sie so belohnt werden?«
Andrea sah zu Boden und blieb still. Nach einer geraumen Weile erst sagte sie:
»Und ich habe noch etwas erhalten. Sie nennen mich jetzt du. Herr Consentius hat gesagt: Heule nicht, Mädel! und Frau Consentius hat gesagt, als ich ihr die Hand küßte: Sei immer brav, Andrea.«
Sie stellte den Schmuck hin und wischte die hervordringenden Thränen fort.
»Und wie sagen Sie?«
»Herr Consentius und gnädige Frau.«
»Also einseitige Brüderschaft!« Rosa gähnte.
»Sie sind ein schauderhafter Geldsack!« entgegnete Andrea.
Wilhelmine gab ihr das Geleit bis zur Thüre. Ein so warmer Blick brach dabei aus ihren Augen, daß Andrea betroffen stehen blieb. Auf Wohlwollen von dieser Seite hatte sie nicht gerechnet. –
Bei Tische schmeckte es ihr wieder so gut wie in den ersten Tagen ihres Schorndorfer Aufenthaltes. Junge Enten! Wenn junge Enten so schön und knusperig gebraten waren, wie diese hier, verlohnte es sich schon deshalb allein zu leben. Und Erdbeerenkompott! Erdbeerenkompott war ihr Leibgericht!
»Jetzt ist es aber genug, Andreachen,« sagte Herr Consentius lächelnd und ließ ihren Teller abtragen.
Schade! – Nach dem Essen faßte sie Christinens Arm.
»Ich gehe zu Elisabeth – komm mit.«
»Ich habe keine Zeit.«
»Auf eine Minute, Christine.«
»Ich habe keine Lust.«
»Wir haben heute Sonnabend; am Montag reist Elisabeth ab.«
» Eh bien!«
»Und niemand weiß, wie sie wiederkehrt.«
»Hoffentlich im vollen Besitz ihres Augenlichtes,« sagte Christine nach längerer Pause.
»Wir hoffen es alle, aber wir wissen es nicht. Sind das Chosen! Elisabeth ist deine beste Freundin, verdient, es zu sein, und du sperrst dich, ihr Mut einzusprechen. Schließlich fährt sie doch nicht nach Berlin, um Äpfel zu stehlen.«
»Du bist wirklich aufdringlich, Andrea.«
»Weil ich schuld daran bin, daß du dich so spottschlecht zu ihr benimmst. Es war ein ganz gemeiner Rat, den ich dir damals erteilte.«
»Welcher?«
»Elisabeth mit Rosa und Wilhelminen nicht bekannt zu machen.«
»Du bildest dir etwas auf einen Einfluß ein, den du gar nicht hast.«
»Wohl bekomm's, wem's schmeckt,« sagte Andrea. »Ich habe in der Schule ein Gedicht gelernt von einem muntern Seifensieder, Johann hieß er, der von morgens bis abends sang. Da war nun nebenan ein Onkel, dem die Sache nicht gefallen mochte – valleri, valleri, juchheida! Also der Onkel kauft dem Johann das Singen ab. – Von Stund' an war der arme Mensch wie ausgetauscht, ihm wurde immer miesepetriger zu Mute, bis er sich endlich ein Herz faßt, das Geld zurückerstattet und nun wieder:
Frei war, wie der Vogel in der Luft,
Der über die Berge fliegt,
Vor dem die Welt, die schöne Welt
Hellsonnig offen liegt.
Wie hieß es doch gleich zum Schluß in dem Gedicht? ›Den Dank, Dame, begehr' ich nicht.‹ Nein, warte mal, das stimmt nicht, danach müßte der Onkel eine Tante gewesen sein; aber es war wirklich ein Onkel; verstandez-vous. – Siehst du, Christine, und du kommst mir gerade vor, wie dieser Seifensieder. Früher warst du munter, jetzt bist du miesepetrig; spute dich, Christine, daß du wieder munter wirst.«
Christine lachte, es war wieder das alte, herzliche, liebe Lachen. Aber, als gereue es sie, sagte sie gleich darauf:
»Wozu sollte Elisabeth eine Bekanntschaft anknüpfen, die keinen Wert für sie hat? Ein angenehmer Verkehr zwischen Wilhelmine und Rosa einerseits und Elisabeth anderseits würde sich schon verbieten durch den Standesunterschied.« Mit dieser Erklärung war auch Andrea in ihre Schranken zurückgewiesen. Noch sagte Christine: »Dein Vater war ja wohl Kaufmann, Andrea?«
Die Antwort kam erst nach einem kurzen inneren Kampfe: »Ja, Kaufmann.« – Schuhmacher war er eigentlich gewesen. Schuhmacher, Schuhmacher, Schuhmacher! ein ehrlicher Mann; aber doch nur ein Schuhmacher! –
Andrea spielte an dem Abend wunderbar schön. Da das Publikum aus allen Gesellschaftsklassen sich zusammensetzte, war leichter verständliche Musik zu der Aufführung gewählt worden.
Als die letzten Töne der Jubelouvertüre noch durch den Saal schallten, öffnete sich der Vorhang und herniederstieg die sagenhafte Turandot und nahm auf dem für sie im Zuschauerraum, dicht neben der Bühne, errichteten Throne Platz.
Turandot war des Konditors aus Teterow Töchterlein, eine stolze, goldblonde Schönheit mit opalweißem Teint, grünlichen Augen und kühlen Zügen. Eine lange weiße Atlasschleppe flutete die Stufen ihres Thrones herab, ein weißer Schleier umhüllte ihre Gestalt und aus dem rötlichen Haargewirr funkelte eine Krone von kunstvoll geschliffenen Glassteinchen hervor, die in allen Farben schillerten.
In ihrer Ansprache sagte sie, daß sie noch einmal zurückkehre auf die Erde, um ihre Rätsel aufzugeben, doch nicht gelüste es sie mehr, Wunden zu schlagen und Schrecken um sich zu verbreiten; sie komme vielmehr, die Wunden heilen zu helfen, welche die Not des Lebens verursacht habe – um wohlzuthun.
Und dann folgte das erste Rätsel.
Die Darstellerin sprach gut und Andrea begleitete meisterhaft, die Töne, welche unter ihren Händen hervordrangen, schienen weit, weit vom Winde herübergeweht zu sein.
»Es ist dein Freund und dein Geselle,
Der dir getreu zur Seite steht.
Du winkst! sieh da – es ist zur Stelle;
Du brauchst es nicht! sieh da – es geht.
Es lebt und stirbt, erwachet wieder;
Hier weckt's der Herr! da ruft's der Troß!
Es steigt aus Wolkenhöhen nieder,
Es wohnt in Hütte, Haus und Schloß.
Wo Menschen sind, wirst du es sehen;
Was menschliches Gehirn erdacht,
Das läßt's in Formen auferstehen:
Viel – bliebe
nichts ohn' diese Macht.
So ist's, hältst du es fest in Banden,
Doch wird es frei – erbarm sich Gott!
Gefürchtet ist's in allen Landen,
Denn Armut folgt ihm, Krankheit, Tod.
Erst zwerghaft klein, zu Riesenhöhe
Wächst es im Sturm, und würgt geschwind,
Was es erreicht, dein' Habe – wehe! –
Dein Haus, dein Gut, dein Weib, dein Kind. –
Von dem, was ich beschrieb im engen Rahmen,
Du brauchst's, du fürchtest's – nenne mir den Namen!«
Während der Vorhang langsam in die Höhe stieg, schallte es hinter der Bühne als Antwort hervor: » Optime, optime, das Feuer! das Feuer!« Der Teterower Gesangverein, aus Herren und Damen bestehend, hatte immer durch gute Leistungen erfreut und rechtfertigte heute mehr denn je seinen Ruf.
Auf der Bühne stellte sich als Illustration das Bild von Jakob Becker dar, das Gewitter betitelt, in welchem Friederike Soden und Max Güllen mitwirkten. Dreimal senkte sich der Vorhang und dreimal hob er sich nach kurzer Pause wieder. Sodann brachen die Töne des Flügels mächtiger hervor und ein neues Musikstück nahm die Aufmerksamkeit für sich in Anspruch.
Die Auflösung des nächsten Rätsels lautete: »Die Poesie,« vorgeführt wurde es durch das Bild von Spangenberg: »Hans Sachs, seine Dichtung vorlesend.«
Hans Sachs, Herr Doktor Moosbach, sitzt am offenen Fenster und liest Freunden und Nachbarn seine Dichtung vor. Drei Männer, ein grauköpfiger Handwerksmeister, ein zweiter in blauem Barett und rotem Bart, und ein dritter mit grünem Wams, die Pudelmütze auf dem Kopfe, hören aufmerksam zu. Gleich vorn sitzt eine junge, schöne Frau, Frau von Soden in rotem Gewande, mit dem Kinde auf ihrem Schoße spielend, dem Meister gegenüber ein junges Mädchen, Sophie Soden, eine Rose in der Hand. Hinter ihr lehnt der Gesell', Herr von Behme, in bloßen Armen.
Das dritte Rätsel, »der Glaube,« wurde durch Gustav Richters Bild »Jairus' Tochter« illustriert.
Das Bild war gegen den Wunsch von Frau Consentius gestellt worden. Es zeigte den Augenblick, in welchem Jairus' Tochter wieder zum Leben erwacht.
Hinter dem Lager des Mädchens stehen der Vater und die Mutter, die mit frommem Staunen das Wunder unter ihren Augen geschehen sehen; vor dem Lager steht Christus, von dreien seiner Jünger begleitet. Die junge Maid, die Tochter des Schloßhauptmanns, war Christine Consentius. Es war dasselbe kleine, feine Gesicht, das auf dem Gemälde den Beschauer unwiderstehlich anzieht. Sie schien das Urbild des Bildes zu sein.
Als der Vorhang zum zweitenmal in die Höhe gestiegen war, ging mit dem Antlitz der Erwachenden eine Veränderung vor, die nur von wenigen wahrgenommen wurde. Anstatt der Dämmerung, die noch auf den schwarzen Augen ruhen sollte, flackerte es unruhig unter den Lidern hervor, die Lippen, aus ihrer Starre erlöst, zitterten leise und die Brust hob sich in mühsamen, tiefen Atemzügen.
Der Vorhang hatte sich kaum gesenkt, als sich Christine aufrichtete, beide Hände vor ihre Augen preßte und in heftiges Schluchzen ausbrach.
Der Gesang hinter der Scene klang fort und Andrea spielte; aber der Vorhang hob sich zu diesem Bilde nicht wieder.
Was war Christine Consentius widerfahren? Nichts! – Fühlte sie sich unwohl? Ein stummes Schütteln.
»Ich weiß nicht, was mir fehlt; aber ich muß aufstehen. Lassen Sie mich!«
Sie stieg von ihrem Lager herunter und eilte mit nachschleifendem Gewande in die Garderobe; unter der blassen Schminke glühte das Gesicht, als wolle das Blut aus jeder Pore spritzen.
Indes die Vorstellung ihren Fortgang nahm, saß sie da, beide Arme auf den Tisch gelegt.
Nach einiger Zeit richtete sie sich empor, löste das Schleiertuch vom Haupt und die lichtblaue Stirnbinde, die so wunderschön aussah zu dem matten Ton der Haut. Aber erst als sie die Schminke entfernte und das volle Rot der Wangen zum Vorschein kam, atmete sie befreit wieder auf.
Nie während der Proben war ihr ein anderer Gedanke gekommen, als der, wie schön sie erscheinen werde in dem weißen brokatenen Seidengewande. Was war ihr da plötzlich durch den Sinn gefahren, als Hunderte von neugierigen Augen entzückt zu ihr hinüberblickten?
Der Gesang schallte mahnend fromm und Andreas Musik schwoll wie Orgelrauschen. Christine Consentius fragte sich, wie sie wohl bestehen würde, wenn dies prächtig hergerichtete Bett ihre letzte Lagerstatt wäre. Hatte sie ihren Eltern genug Freude bereitet, und würde niemand mit Bitterkeit ihrer gedenken, derer, die sie hier unten zurücklassen mußte?
Sie glaubte, Elisabeths Gestalt auftauchen zu sehen, die sie mit stillen Augen seelenlos anblickte. Ihre Schuld wuchs plötzlich an zu Riesengröße. Ihre Pulse hämmerten. Die Starre des Bildes fiel erstickend über sie. Die Bühne erschien ihr wie ein Grabgewölbe, das sie aufgenommen hatte. Wild bäumte das Leben empor in ihr und – Gott sei Dank! der Vorhang fiel – sie sprang auf. –
Jetzt trat Frau Consentius ein. Christine befand sich noch immer in so großer Aufregung, daß sie zu weinen begann.
»Es kam vorhin plötzlich eine so nervöse Angst über mich, Mama, als wäre ich wirklich tot und sollte begraben werden. Es war ein ganz schauderhafter Zustand. Ich sah förmlich Personen um mich, dich, Papa, Elisabeth …« Sie brach ab. »Jetzt ist es vorbei, Gott sei Dank!«
Frau Consentius blickte sie an mit milden Augen, die sie auffordern sollten, weiter zu sprechen. Aber Christine schwieg. Sie entkleidete sich hastig und begann von neuem, Toilette zu machen; sie trug ein duftiges weißes Kleid mit Heckenrosen verziert.
Sodann kam Friederike Soden, die sie gutmütig mit ihrer Empfindsamkeit neckte.
Friederike war keine wackelige Bäuerin während der Vorstellung gewesen.
Max Güllen hatte, als das Bild sich gruppieren sollte, leise zu ihr gesagt: »Gnädige Cousine, wenn die Zuschauer Sie für meine Frau halten sollten, werde ich stolz darauf sein.«
»Ich werde mir Mühe geben, so nett und stattlich auszusehen,« lautete die prompte Antwort.
»Wahrhaftig, Friederike?«
»Gewiß, Vetter Max.«
»Ach was, sagen Sie doch nicht Vetter.«
»Gewiß, Max.«
»Sagen Sie einmal: – Gewiß, lieber Max.«
»Gewiß, lieber Max.«
»Ich danke dir,« sagte Max. »Zeig mal her deine Fingerweite, Fritzel, wegen des Trauringes.«
Dabei waren die Gesichter der beiden sehr nahe zusammengekommen.
»Herr von Güllen, Fräulein von Soden!« rief Doktor Moosbach leise in die Coulissen. –
Es wurde soupiert und getoastet. Der Bürgermeister von Teterow brachte ein Hoch auf die Damen des Komitees aus, Herr von Soden auf die Darsteller und Darstellerinnen. Herr Consentius ließ in liebenswürdigen Worten, die er der Sicherheit halber notiert hatte, die Gäste leben und Herr von Behme toastete auf die Damen.
Sodann wurde getanzt.
Da war kein einziger, der nicht das Fest für durchaus gelungen und glänzend gefunden hätte. Die Vorführung der Bilder war vornehm und aus einem Guß gewesen und der Tanz mit mannigfachen kleinen Überraschungen war herrlich, herrlich!
Andrea amüsierte sich vorzüglich. Sie wurde gefeiert wie eine wirkliche Künstlerin und sie hatte auch Schönes wie eine solche geleistet. Auch Christinens Augen strahlten wieder. Die Lebensfreude wallte über.
Stunde um Stunde verrann. Es war heller Morgen, als die Wagen der Schorndorfer Gutsherrschaft endlich vor der Thüre hielten.