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Fünfzehntes Kapitel.


Der aufzuckende Blitz, der die dunklen Wolkenmassen zerteilte, hatte auch sein grelles Licht auf die Erlebnisse geworfen, welche Christinens Augen ganz entrückt waren, als hätte sich eine Wand davor empor getürmt. Und doch lag nur ein Zeitraum von nicht drei Stunden zwischen dieser Minute und jener, in welcher sie Elisabeth im Heidefleck verlassen hatte.

Mit der Erinnerung zugleich bemächtigte sich eine plötzliche, schrankenlose Verzweiflung Christinens; kein Gedanke, daß es möglich sei, zu zaudern und Beschönigungen oder Ausflüchte zu finden, tauchte in ihrem Kopfe auf. Sie fühlte nur, daß sie vorwärts stürzen müsse, gleichviel ob ihr Weg durch brausende Wasser oder hoch auflodernde Feuer führte.

Sie hatte, während sie durch den Flur eilte, ein wollenes Tuch erfaßt, das sie um sich schlang. Aber es bildete keinen Widerstand für die Wassermassen, die vom Himmel herabschütteten.

Der Waldboden war schlüpferig und hier und da mit Zweigen bedeckt, die der Sturm herniedergebrochen hatte. Die Stämme der Tannen schwankten, nur die alten Baumriesen standen unbewegt. Doch auch ihre Kronen, die schon so manchem Sturme Trotz geboten, fuhren wild durcheinander und ächzende, weithin schallende Töne gingen von ihnen aus. Der Sturm pflückte aus den harten Wipfeln Zweige und Äste, die wohl schon ärgerem Wetter standgehalten hatten.

Hindurch flutete das Licht der Blitze blauweiß.

Der erste Schritt aus dem Walde auf die Feldhöhe glich einem Anprall gegen eine unsichtbare Wand. Der Wind schien hier sein Orchester zu haben, von welchem aus er seine heulende und pfeifende Musik vollführte.

Den Kopf vorgeneigt, die Schultern zitternd vornüber gedrückt, kämpfte Christine Schritt um Schritt. Ihre nassen Kleider wanden sich eng um ihren Körper, wie Fesseln, ihre Bewegungen hemmend, so daß sie mit den Händen verzweiflungsvoll daran zerrte. Der Erdboden war tief aufgeweicht.

Christinens Haar hing in nassen Strähnen herab, Nässe flutete über ihren Körper, über ihr Gesicht. Aus ihrem Munde rang sich das erste verständliche Wort hervor: »Elisabeth!« – bisher hatte sie unzusammenhängende Laute gemurmelt, die keine Sprache bildeten.

Der Weg senkte sich mit einer Biegung, ein flacher, weithin laufender Hügel schob sich an der Windseite vor; dazu ließ der Sturm, wie er in großer Schnelle angewachsen war, merklich nach. Der Regen fiel straff herab in geraden Strähnen.

Christine stand aufatmend still. Sonst, während eines Gewitters, kniete sie vor ihrer Mutter nieder und drückte den Kopf in deren Schoß. Jetzt war sie allein und ihr Weg führte sie den Blitzen entgegen.

Aber sie fürchtete sich nicht. Sie lauschte in Todesangst, ob nicht ein Schrei ihr entgegendringe.

Drüben tauchte der Heidefleck auf; der Regen zog seinen nassen, verwischenden Vorhang dazwischen.

»Elisabeth!« –

Beide Arme warf sie verzweiflungsvoll in die Luft und stürzte weiter. Wie ein Gebet zu Gott brach der Name der Blinden aus ihrem Munde hervor: »Elisabeth!« – bittend, flehend, in immer lauteren, suchenden, fordernden Tönen: »Elisabeth!«

Als sie sich einmal umwandte, sah sie eine Gestalt sich nacheilen. Ihr Herz pochte heftiger, es schien auszusetzen in seinen Schlägen, sollte es … konnte es … Elisabeth … sein …

Es war Andrea, die zu ihrer Unterstützung herbeikam, Andrea, die sie gewarnt hatte. Unaufhaltsam eilte sie weiter.

Es war wieder hell geworden; der Donner klang nur noch wie ein schwaches Rollen herüber, der Blitz zackte mattfarbig, langsam über die Himmelsbreite, der Regen träufelte nur mehr.

»Elisabeth! Elisabeth!«

Christine trat in das Karree: »E-lisabeth!«

In den Bäumen über ihr regten sich die Vögel, die unruhigen Blätter glänzten wie in Silber getaucht. »Elisabeth! Gott erbarme dich, – erbarme dich – Elisabeth!«

Da lag der Stein, auf welchem Elisabeth gesessen hatte – der Platz war leer, von Regen überlaufen – längst verlassen worden. »Elisabeth!«

Christine lief an den Rand des Fleckens, um einen Blick auf die Schorndorfer Straße zu gewinnen – frei lag die Straße da; von hüben zu drüben spannte sich ein Regenbogen; die Sonne drang mit ersten leuchtenden Strahlen hervor.

»Elisabeth! Elisabeth!«

Als sie einen Augenblick ratlos stand, flackerte ein gräßlicher Gedanke durch ihr Hirn, der ihre Glieder lähmte. Eine kostbare Minute verstrich, die nichts wieder einbringen sollte. Dann flog Christine, wie von Furien gejagt, um das Karree.

Sie sah eine Gestalt tastend dahinschreiten in kleiner Steigung quer über das Feld, und sie wußte wohl, wo diese Steigung endigte – am Absturz, in dessen Tiefe die Fahrstraße nach Teterow lag.

»Elisabeth!« der Ton klang rauh und kreischend hervor. »Elisabeth! kehre um – ich bin's – Elisabeth!« –

Täuschte sie sich oder verdoppelte jetzt die Blinde ihre Schritte?

»Elisabeth! stehe still! – Ich bin's! – Ich bin's! Stehe still, Elisabeth!«

Diesseits des Abhanges stand Strauchwerk – jenseits Nadelholz. Die Sträucher zogen sich bis zur Kante zehn Schritt weit hin.

Dies eine letzte Mal noch: »E-li-sabeth!« Es kreischte so unnatürlich, daß sie selbst nicht ihre Stimme erkannte.

Elisabeth floh vor der Rufenden, was nützte es da, den wilden Lauf noch fortzusetzen. Christine stand wie in die Erde gewurzelt still. Als aber das Kleid der Blinden zwischen den Büschen verschwand, brach sie mit einem gellenden Aufschrei vornüber zusammen.

Gerade wurde sie von Andrea überholt, die zweifelnd einen Augenblick stehen blieb, ob sie verweilen solle. Als sie sich dann anschickte, weiterzueilen, war Elisabeth verschwunden. – –

»Ich kann warten!« hatte Elisabeth gesagt, als Christine sie verließ. Und sie wartete. Sie hatte die schwere Kunst des geduldig Harrens erlernt in den drei letzten langen, dunklen Jahren. Sie saß da, den lichten Kopf gegen den schwärzlichen Baumstamm gelehnt, die Lider halb gesenkt.

Unverständliche Laute von menschlichen Stimmen drangen an ihr Ohr, verloren sich endlich, und nur das leise Geräusch des Waldlebens währte fort, das Flattern der Vögel, vereinzelt das Rascheln einer Eidechse, das Surren der verschiedenartigen Insekten und das Wispern und Schütteln der Baumblätter. Das war Friede, Ruhe.

Die Welt ist vollkommen überall,
Wo der Mensch nicht hinkommt mit seiner Qual.

Ihre linke Hand stützte sich gegen den Stein, auf welchem sie saß. Ein Ausdruck großen milden Seelenschmerzes trat auf ihrem Antlitz hervor. Sie wußte sich allein, sie brauchte vor niemandem zu verbergen, daß sie litt.

In dieser Stunde war ihr die Binde von den Augen gesunken, hatte sie klar gesehen, daß sie Christinen verloren hatte. Vielleicht hatte sie überhaupt mehr zu besitzen gewähnt, als lange ihr eigen gewesen. Sie hatte zu viel verlangt, dafür war ihr alles genommen worden. Bettelarm saß sie da.

Allmählich aber sank das Gefühl großer Öde von ihr ab, sie dachte an ihren Vater, an Tante Heinemann, die kleinen Cousinen, an alle Menschen, die ihr je ein Zeichen warmer Zuneigung gegeben hatten, an Wilhelminen und nicht in letzter Reihe an Andrea. Andrea war ihr in herzlicher Liebe zugethan, sie hatte sich das sonderbare Mädchen gleichsam Schritt um Schritt errungen. Wie konnte der sich arm fühlen, der solche Reichtümer besaß.

Sie lauschte nach Christinens leichten, unruhigen Schritten.

»Christine? –«

Als alles still blieb, lehnte sie den Kopf fester zurück. Mit ihrem schmerzlich milden Gesicht bot sie ein rührendes Bild dar der Resignation.

Es wurde immer ruhiger in ihr, der Ruhe folgte leise Müdigkeit und Waldzauber senkte sich auf das einsame Mädchen herab – Elisabeth schlief ein. –

Kühle, vereinzelte Tropfen weckten sie, Sturm wühlte in den Bäumen, die Luft war kälter geworden. Sie vermeinte, lange Stunden geschlafen zu haben. Sie glaubte das Dunkel der Nacht durch ihre Blindheit hindurch zu empfinden. Mit jähem, tödlichem Schrecken wurde sie sich ihrer Verlassenheit bewußt.

Ihr Vater wähnte sie gewiß unter dem Schutze der Consentiusschen Familie, und Christine glaubte sie in Schorndorf bei den Ihrigen. Sollte es ihr nicht gelingen, aus dem Heidefleck heraus den Fußweg zu finden, der in die Schorndorfer Straße einmündete?

Sie stand auf und fühlte, wie ihre Füße zitterten. Fürchtete sie sich etwa? War ihr nicht die Finsternis eine Gefährtin, die sie nicht mehr erschreckte? Und war es nicht gleich dunkel vor ihren Blicken, ob Tageshelle vom Himmel herabflutete, oder ob die blitzenden, kühlen Lichter der Nacht spärliche Dämmerung schufen?

Ein Schauer rieselte durch ihren Körper – sie fror. Der Wind schlug mit den Zweigen der Bäume, daß jetzt kaum minder Nässe herabkam, hier im Walde, wie draußen im Felde, wo nichts die Tropfen in ihrem Falle aufhielt.

Das Gewitter hatte begonnen und steigerte sich; aus dem rollenden Donner wurden knatternde Schläge. Elisabeth vermeinte zu sehen, wie grellzackige Blitze in rasender Eile über den Himmel kreuzten; jetzt schwarz drückende Nacht, dann lohende Flammenzeichen, und so Finsternis und brennende Helle in stetem erschreckendem Wechsel. Ihre Phantasie arbeitete fürchterlich. Kaum geringer als der Kampf in der Natur war der Aufruhr, der in ihrem Innern wühlte.

Sie tastete schwankend, von Frost und Angst geschüttelt, weiter, beide Arme schützend vorgebreitet. Immer geradeaus ging ihr Weg, kaum achtete sie dessen, daß das Wetter nachgelassen hatte.

Und dann fanden ihre ausgestreckten Hände keinen Widerstand mehr, tief sanken ihre Füße ein in nasses Erdreich. Sie hatte das Karree durchschritten und war im freien Felde. Es mußte ein Leichtes sein, den Fußweg zur Fahrstraße zu finden.

Sie ging am Saum des Heidefleckens dahin, vorsichtig mit jedem Schritte den Erdboden prüfend, bis endlich der Weg unter ihren Füßen weniger nachgab und sie tastend gewahrte, daß sie sich auf einem Fußpfade befand.

Der eine einzige Wunsch beherrschte sie, vorwärts zu kommen, zu ihrem Vater; dann ihren Kopf an dessen Brust legen und ruhig werden und geborgen sein. Keines anderen Menschen Stimme hören, nur ihres Vaters Stimme!

Unklare Bilder von Gefahren, die ihr drohen könnten, beängstigten sie. Sie bevölkerte den Weg neben sich mit nebligen, durchsichtigen Grauengestalten, die sie im Laufe zu überholen trachteten und hagere Arme nach ihr ausstreckten, um sie zurückzuhalten. Da plötzlich glitt es warm kosend über Hals und Schultern herab, wie Sonnenstrahlen – das war Spuk!

Elisabeth hatte die klare Besinnung verloren.

Sie wandte alle Kraft an, um, weiter schreitend, den Weg innezuhalten, als plötzlich ihr Name aus weiter Ferne, wie es ihr schien, an ihr Ohr schallte: »Elisabeth!« rauh, kreischend, von einer fremden Stimme ausgestoßen: »Elisabeth! kehre um – ich bin's – Elisabeth!«

Schnell, als sei sie sehend geworden, eilte sie weiter, sie strauchelte kaum, sie merkte die Steigung nicht, sie sagte sich nicht, daß sie unmöglich auf dem richtigen Wege sei, der schon längst in die Landstraße hätte auslaufen müssen.

Und jetzt tönte es wieder: »Elisabeth! – Stehe still! – Ich bin's! – Ich bin's! – Stehe still, Elisabeth!«

War das nicht Christinens Stimme? Christinens, die sie einsam, schutzlos zurückgelassen hatte in Nacht und Kälte? Fort! fort! weit weg! Nicht in Christinens Nähe! Fort von der Stimme, die ihr folgte. Alles war Täuschung, war Spuk!

»E-li-sabeth!«

Seitwärts griff es nach ihren Kleidern, kleine, dürre, dornenbedeckte Sträucherarme. Nur weiter – weiter – weiter – jetzt ein Schritt, unter dem das Erdreich feucht abrollte, dann wieder einer – in leere Luft hinein, – immer tiefer – immer tiefer – immer tiefer …

In Todesangst griff sie um sich und erfaßte eine Staude Zittergras, deren Wurzeln aber bald nachgaben. Doch schon hatte die andere Hand neuen Anhalt gefunden. Schier endlos deuchte sie der Sturz zu sein, den sie that, bis in die Tiefen der Erde hinab. Ihre Glieder schmerzten, sausender Schwindel faßte ihren Kopf, tiefe Nacht sank bleiern, unaufhaltsam hin auf ihre Sinne.

Wenige Minuten später raschelte es oberhalb der Schlucht im Strauchwerk und Andreas regentriefender Kopf schob sich vor. Gleich folgte der Körper nach, gewandt wie eine Katze kletterte das junge Mädchen den steilen Absturz nieder.

Elisabeth lag ohnmächtig zu ihren Füßen, Arme, Hals und Hände bluteten. Das Gesicht war blaß, der Mund stand halb offen, die Augen waren geschlossen. Aber Andrea hatte kaum weniger Schaden genommen.

»Sind das Chosen!« sagte sie mit zuckender Stimme. »Elisabeth, werden Sie doch wach! Was fällt Ihnen ein? Wir können doch hier nicht alle beide liegen bleiben. Es hat ja keinen moralischen Hintergrund.«

Und dann erst überzeugte sie sich, daß Elisabeth nichts verstand von dem, was sie ihr sagte. Sie versuchte, die Blinde von der Erde aufzuheben; aber ihre Kräfte reichten nicht dazu aus. Hätte sie nur irgend ein Kleidungsstück gehabt, womit sie das halb erstarrte Mädchen erwärmen könnte. Aber sie selber war naß und kalt.

Als sie unschlüssig, nach einem Ausweg suchend, umherblickte, gewahrte sie Christinen, die den steilen, seitlichen Weg herabkam.

»Sie ist tot, nicht wahr?« sagte das junge Mädchen leise mit unnatürlicher Ruhe. »Ich will es in alle Welt hinausschreien, Andrea, daß ich sie gemordet habe.« Dann lief ein konvulsivisches Zucken über ihr junges, schönes Gesicht, und sie schlug aufschluchzend beide Hände davor.

»Sind das Chosen!« erwiderte Andrea. »Sie scheint bewußtlos zu sein. Ich weiß mit dem Rummel Bescheid von meiner frühesten Kindheit her. Mutter war eine schwächliche Frau und ist öfter ohnmächtig geworden. Müßige dich, Christine. Wenn ich doch nur irgend etwas sagen könnte, was dir Freude bereitet. Ich bin ja eigentlich schuld an dem ganzen Zauber. Ich hatte mich verlaufen, als ich aus dem Forsthause kam, und dann im Heidefleck wieder. Sonst hätte ja gar nichts passieren können. Bleibe bei ihr eine Minute. Passe auf, wenn ein Wagen die Schlucht herabkommt. Deine Eltern werden uns längst suchen. Sie sind gewiß schon mit dem Wagen da an der Fahrstraße. Mäßige dich doch nur. Warum sollst du nicht auch einmal irre gehen können. Du bist doch sonst gut. Du hast ja nichts Böses gewollt.«

Christine, die sich neben Elisabeth niedergeworfen hatte, sah hoch auf.

Andrea nickte noch einmal aus halber Höhe zurück: ihr Gesicht sah rührend gutmütig aus, dicke Thränen standen in ihren Augen. Aber was arbeitete in ihrem Kopfe, als sie das verzweifelte, schmerzentstellte Gesicht sich emporrichten sah? Ob sie nicht lügen könne – die halbe Schuld auf sich nehmen – Christine war, im Grunde genommen, immer gut zu ihr gewesen, – und dem Vater und der Mutter hätte sie die Hände unter die Füße legen mögen. Hier zuerst, seit ihre Eltern von ihr gegangen waren, hatte sie Liebe gefunden, nicht nur auf heut' und morgen notwendige Duldung, sondern weit hinausgehende Nachsicht und Liebe – Liebe.

Im Heidefleck traf sie Herrn und Frau Consentius an.

»Habt ihr sie gefunden?« fragte Frau Consentius hastig.

»Ja, gnädige Frau.« Andrea sah auf. Frau Consentius schien um viele Jahre gealtert zu sein, ihre Augen blickten trostlos, als hätte sie etwas Liebes zu Grabe getragen. »Sie können ganz beruhigt sein, gnädige Frau, Elisabeths wegen. Aber Christine zehrt sich rein auf mit Vorwürfen, und sie hätte es nicht nötig; denn die Schuld trifft mich, wenigstens ebensoviel. Wir hatten uns verabredet – ich vergaß es – ich amüsierte mich so gut – ich war immer solch leichtsinniges Geschöpf.«

»Wo ist Elisabeth jetzt?« fragte Frau Consentius milde.

»In der Teterower Fahrstraße.«

»Um Gotteswillen, Andrea, wie kam sie dahin?!«

»Sie ging über das Feld und ich schrie so sehr, sie solle umkehren, daß sie erschrak. Ich bin ihr gleich nachgeturnt. Sie scheint sich auch keinen Schaden gethan zu haben. Sie ist nur ein bißchen ohnmächtig gewesen. Christine ist bei ihr geblieben. Aber sie sind beide naß wie die Katzen. Wenn wir sie nur holen könnten. Ich glaube, Christine ist mehr krank als Elisabeth.«

»Und du meinst, die Schuld daran zu tragen, Andrea …«

Andrea weinte, daß sie am ganzen Körper zitterte. Sie nickte stumm.

Elisabeth war wieder zur Besinnung gekommen, sie lehnte an dem Absturz, wohin Christine sie geleitet hatte, und sah aus, als könne sie jeden Augenblick zusammenbrechen. Christine stand neben ihr, ohne sie anzurühren.

Als Elisabeth die ersten Zeichen wiederkehrenden Bewußtseins gab, hatte Christine sie inbrünstig geküßt und schluchzend um Verzeihung gestammelt. Aber Elisabeth schauderte vor Wort und Berührung zurück.

Jetzt aber erschallte Andreas Stimme. Sie rief nichts, während sie den Fußpfad hinabflog, als den Namen der Blinden; aber ihr »Elisabeth! Elisabeth!« war eine ganze Skala hellklingender Jubeltöne.

Und ein glückliches Lächeln flog über Elisabeths Gesicht.

»Andrea! meine liebe, geliebte Andrea! Gott sei Dank, daß du da bist!«

»Fein mit Ei!« sagte Andrea unter Weinen und Lachen. »Ist das ein alter, gräßlicher Schulmeister, hier hinabzupurzeln. Es hat ja gar keinen moralischen Hintergrund. Verstandez-vous. Meine Elisabeth! meine, meine, meine Elisabeth!« Sie fuhr mit ihrem glühenden, verweinten Gesicht über Elisabeth her und küßte sie. »Du,« sagte sie »jetzt darf ich sagen, daß du meine Freundin bist, was? Tuntchen-Tantchen.«

»Gott sei Dank, daß du da bist, Andrea. Ja, du bist meine Freundin, meine liebste Freundin.«

»Die ist Christine,« entgegnete Andrea fest; »Christine, die maßlose Qualen der Angst um dich erduldet hat. Aber ich komme gleich danach, verstandez-vous.«

Herr Consentius trug die Blinde den seitlichen Pfad empor. Frau Consentius, Christine und Andrea folgten.

Als die Fahrstraße erreicht war, wurde der Wagen bestiegen. Elisabeth war in einen Zustand halber Bewußtlosigkeit gesunken. Der Weg wurde schweigend in rasender Eile zurückgelegt.


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