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Vierzehntes Kapitel.


Am nächsten Tage gingen Consentius' mit ihren Gästen zur Kirche.

Rosa trug lässig eine prächtige, auffallend hergerichtete Robe. Sie hatte sich in Teterow doch einigermaßen amüsiert; denn es hatte naive Leute gegeben, die ihr Kleid, ihre Juwelen und ihr blasiertes Gesicht angestaunt hatten. Nur hatten die Menschen eine abominable Sorte Parfüm, gewöhnliches kölnisches Wasser oder einen aufdringlichen Geruch von Patschuli.

Da plötzlich entdeckte ihr verwöhntes Näschen einen Duft von frischem Heu – new mown hay! köstlich! Der Duft strömte von dem luftigen weißen Kleidchen eines sehr jungen Mädchens her.

»Amüsieren Sie sich?« fragte Rosa fächerwedelnd.

»Ob!«

»Ich finde es mäßig. Aber ich bin sehr verwöhnt.«

Der Backfisch lachte.

»Die Bilder waren geradezu göttlich,« behauptete er. »Vater wollte mich erst nicht mitnehmen, das Entree war ihm zu teuer.«

»Sind Sie so arm?«

»Nein.«

»Ich habe mir mein letztes Parfüm mit aus London gebracht, von Atcinson, old bondstreet 38. Auch new mown hay darunter. Aber Ihr Parfüm riecht aromatischer. Woher beziehen Sie es?«

»Dafür geben wir kein Geld aus,« sagte das Mädchen.

»Aber Sie riechen doch nach Heu.«

»In meiner Kleiderkammer liegen immer ein paar Heubunde, die ich für meine Karnickel stehle. Ich habe zwanzig zahme, dazu einen zahmen Hammel und zwei Ziegen. Vater ist Gutsbesitzer.«

Entsetzlich! Ein Parfüm von wirklichem gemeinem Heu! einem Heu, das Mutter Natur zubereitete, und das nicht erst von Atcinson in London, Pinaud in Paris oder Lohse in Berlin für den Toilettentisch präpariert worden war. –

Gredings waren nicht in der Kirche. Wilhelmine hatte auch vergebens an dem Rendez-vous-Platz auf Elisabeth gewartet. Olgchen hatte in der Nacht Zahnweh gehabt, dadurch war der Morgenspaziergang unterblieben. Daß Elisabeth nicht zur Kirche kam, hatte Christine verschuldet, die kurz vor dem Frühstück zu Gredings geeilt war.

»Möchtest du mir eine Bitte erfüllen, Elisabeth?«

»Jede, die ich darf, Christine.«

»Etwas Unpassendes werde ich nicht von dir verlangen. Ich möchte nur, daß du heute nicht zur Kirche gingest.«

»Es ist der letzte Sonntag in der Heimat vor meiner Operation.«

»Man kann auch an anderem Orte beten – überall – wo man sich gerade befindet. Den Grund zu meiner Bitte erkläre ich dir ein anderes Mal, vielleicht heute sogar, denn ich spreche dich noch vor deiner Abreise. Es hängt mit Rosa und Wilhelmine zusammen.«

»Ich werde Vater bitten, mit mir zu Hause zu bleiben.«

Der Bescheid war nicht deutlich genug. Christine war verstimmt. Als Tante Heinemann eintrat und sie aufforderte, das Frühstück mit einzunehmen, dankte sie, verabschiedete sich flüchtig und ging.

»Jemine! Jemine! Lisabethchen,« sagte Tante Heinemann.

»Was ist geschehen, Tante?«

»Fräulein Christine hat dir gewiß irgend etwas übelgenommen.«

»Was veranlaßt dich zu dem Glauben?«

»Sie ist fremder geworden, Lisabethchen. Und sie kommt seltener als früher.«

»Christine wird in die Gesellschaft eingeführt. Neue Interessen sind dadurch in ihr wachgerufen worden. Die alten leiden nur scheinbar darunter.«

Amtmann Greding las auf Elisabeths Bitte das Evangelium vor und die Predigt. Die Hausandacht begann, als die Glocken zur Kirche läuteten.

Wohl dachte Elisabeth darüber nach, was Christinen veranlaßt haben konnte, ihr Fernbleiben heute zu wünschen; aber ihr Vertrauen wankte nicht. –

Nach beendigtem Gottesdienst kam der Herr Pastor. Er blieb fast eine Stunde bei Gredings.

Elisabeth war voller Gottvertrauen. Kurz und herzlich sprach er ihr noch Mut ein: »Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird es wohl machen. Lasset die Hoffnung nicht sinken, aber empfanget mit dankbarem Herzen aus Gottes Hand, was er auch senden möge.

Herr, schicke, was du willt,
Ein Liebes oder Leides,
Ich bin vergnügt, wenn beides
Aus deinen Händen quillt.«

Sodann erzählte er kleine Geschichten aus seiner Jugend, erkundigte sich nach Andrea und Christinen.

Elisabeth konnte nicht von Andrea sprechen, ohne auch rühmend der großen Güte zu gedenken, mit welcher Consentius' sich des einsamen, umhergestoßenen Mädchens angenommen hatten. Consentius' waren reich und wohlthätig, aber auch wohlthätig in jenem schönen Sinne, der sich nicht genügen läßt, für die Notdurft des Leibes zu sorgen. Sie gaben darüber hinaus, um die Kraft nicht welken zu lassen für den Kampf des Lebens und um freudigen Mut zu schaffen. Sie trockneten nicht nur Thränen, sie lehrten auch wieder lächeln.

Der Pastor hatte Andrea auch gern. Er verglich sie mit einer wilden Rose, die an staubiger Landstraße wuchert. Jetzt hatte sich ein Gärtner gefunden, der sie in besseren, geschützten Boden verpflanzte, die schlechten Schößlinge mit kundiger Hand beseitigte, die wuchernden Ranken verschnitt und edle Triebe einsetzte.

Und das Werk schien herrlich gedeihen zu wollen.

Der Pastor fragte auch nach Elisabeths Verkehr mit Christinen. Elisabeth hörte aus seinen Worten heraus, daß er um Christinen in Sorge war. Er schätzte die Eltern so hoch, daß er große Anforderungen an den Charakter der Tochter stellte. Christine befriedigte kaum bescheidene jetzt.

Nachher ging er zu Frau Schulze.

Großmutter hatte das Mittagsessen aufgetragen und saß am Tische, klein Ännchen auf dem Schoße haltend, Adolf stand neben ihr. Der Mann saß am Bett seiner Frau.

Sonntags, wo es Fleisch zu essen gab, stand Adolf mit Großmuttern immer auf bestem Fuße. Manchmal änderte sich das Verhältnis, wenn er der alten Frau die besten Bissen vom Teller gelungert hatte, manchmal hielt aber die Freundschaft auch vor.

»Du bist ein unverschämter Bengel,« sagte Großmutter heute zum sechstenmal.

Sie sagte es immer, wenn sie wieder eines ihrer Fleischbröckchen auf Adolfs Löffel praktiziert hatte. Sieben waren bei der Teilung überhaupt nur auf ihren Teller gekommen. Als sie jetzt das letzte und kleinste sich selber in den Mund schob, starrte sie Adolf mit offenen Lippen an.

»Aber, alte Großmutter,« sagte Adolf ungehalten.

»Ich werd' dir die alte Großmutter mal anstreichen.«

»Anstreichen?« fragte Adolf, »blau oder karmesinvergnügt, Großmutter? Aber wir wollen uns deswegen doch nicht erzürnen beide, wir wollen lieber essen. Und das ist ein ordentliches Wort.«

Der Pastor lachte. Er saß am Bett der Kranken. Die Frau sprudelte über vor Lebenslust. Frau Consentius war vor dem Kirchgange bei ihr gewesen und hatte ihr gesagt, daß sie im Oktober nach Berlin geschafft werden solle, in ein Krankenhaus. Nun sah sich die Leidende im Geist mit geschmeidigen Gliedern, wie sie ihre kleine Wirtschaft selber bestellte. –

Während des Diners verkündigte Frau Consentius eine angenehme Neuigkeit. Sodens hatten sich zum Abend angemeldet. Den Kaffee wollten sie im Dobberpfuhler Forsthause einnehmen. Sie luden Consentius' ein, dabei ihre Gäste zu sein, wie sie es auch mit Doktor Moosbachs und Herrn von Behme gethan hatten.

Der Herr Pastor, der nie Spielverderber war, erklärte sich bereit, mitzufahren. Nur Christine blieb vorläufig zurück. Sie hatte heftige Kopfschmerzen, sollte erst eine Stunde schlafen und späterhin nachkommen.

Sie fühlte sich krank und überreizt, so daß sie wünschte, aus voller Kehle schreien zu dürfen. Dahin hatte sie Elisabeth mit ihren weitgehenden Ansprüchen gebracht. Weil sie mit der Tochter von ihres Vaters Amtmann notgedrungen zusammen aufgewachsen war, sollte sie zeitlebens das Joch ihrer Freundschaft tragen. Es drückte, engte sie ein, hängte sich ihr an – war also ein Joch; aber ein entsetzliches Joch, denn es saß wie eine Klette an ihr fest und ließ sich nicht abschütteln.

Sie war eine Kleinigkeit von der Wahrheit abgewichen, jetzt war es zu einem ganzen Berg von Unannehmlichkeiten angewachsen, über den sie kaum mehr hinwegschreiten konnte.

Wilhelmine und Rosa waren ihr auch zuwider. Es war gut, daß sie bald abreisten.

Sie klingelte, ließ sich von der Zofe ihrer Mutter behilflich sein, ein anderes Kleid anzulegen, und befahl, daß der Wagen vorfahren solle. Um die Erinnerung an Jairus' Töchterlein wachzurufen, hatte sie ein zartes, weißes Sommerkleid ausgewählt mit hellblauem Schleifenschmuck.

Als sie in den Wagen gestiegen war, brachte Frau Pieseke ein Bündel Plaids zur Heimfahrt, das sie neben Christinen auf das Sitzpolster legte. Gleich darauf rollte das zierliche gelbe Korbwägelchen davon. Vorgespannt waren die Füchse, vornauf saß statt des Kutschers, der Sonntagsurlaub hatte, ein gutmütiger, stupider Mensch.

Christine blickte zurückgelehnt nach rechts und links, um sich grüßen zu lassen und durch ein nachlässiges Zeigen des Hauptes die Grüße zu erwidern.

In der ersten Zeit ihres Schorndorfer Aufenthaltes hatte sie den Leuten anders ihren Dank zugenickt. Da saß sie aufrecht im Wagen und ihr schönes, feines Gesichtchen strahlte vor Fröhlichkeit. Damals hatte sie auch noch den Wunsch und Willen gehabt, gut zu sein.

Die Sonnenstrahlen sengten vom Himmel hernieder, kein Lüftchen regte sich; aber der aufgewirbelte Staub zog wie eine lange gelbe Wolke neben dem Wagen her. Die Pferde schlugen ungeduldig mit den Schweifen und schüttelten die Köpfe, um die Fliegen abzuwehren, die sich mehr und mehr anzusammeln schienen. Auf dem klaren blauen Himmel ruhten wenige weiße Wolken.

Was waren das aber für sonderbare Spaziergänger, kaum hundert Schritt vor dem Wagen, die nur langsam von der Stelle kamen? ein junges Mädchen mit bloßem Hals und bloßen Armen, ein weißes Strohhütchen auf dem Kopfe, und nebenher zwei kurzröckige Püppchen unter einem großen roten Regenschirme? – Elisabeth und die kleinen Cousinen!

Christine, die sich vorgeneigt hatte, warf sich mißmutig zurück. Gleichzeitig gewahrte sie, daß die Plaids aus dem Wagen verschwunden waren, herausgefallen, ohne daß sie es bemerkt hatte.

Sie ließ anhalten und stieg aus. Besser einige Worte zu Elisabeth sprechen, als den staubigen Weg noch einmal hin- und herfahren. Mama würde auch verlangen, daß sie Lebewohl sagte.

Dem Kutscher befahl sie, so weit zurückzufahren, bis er die verlorengegangenen Plaids gefunden habe.

Als Olga und Grete baten, die Spazierfahrt mitmachen zu dürfen, ließ sie die Kinder in den Wagen steigen.

»Ein abscheulicher Staub; wir wollen weitergehen.«

Schon nach den ersten tastenden Schritten strauchelte Elisabeth.

»Du vergißt, daß ich blind bin, Christine.«

»Entschuldige.« Sie bot der Freundin den Arm. »Wann reisest du morgen ab?«

»Früh acht Uhr.«

»Und wann gedenkst du, wieder zu kommen?«

»Das hängt von dem Ausfall der Operation ab.«

»Weshalb sollte sie nicht glücken.«

»Ich bete stündlich zu Gott, daß es geschieht.«

»Ich werde dich kaum morgen vor der Abreise noch sehen können. Lebe also wohl, lasse es dir gut ergehen und kehre gesund wieder, Elisabeth.«

»Ich danke dir, Christine!«

»Wir haben auch eine Reise vor, nach Norderney, vermutlich treten wir sie Ende nächster Woche an, wenn unsere Gäste abgereist sein werden. Ich denke, das geschieht so Mittwoch oder Donnerstag. – Es ist fatal, daß der Kutscher noch nicht zurückkommt, denn es ist trostlos heiß. Wollen nach dem Heidefleck hinüber biegen; wir haben da wenigstens Schatten!«

»So weit sind wir schon von Hause entfernt?« fragte Elisabeth.

»Ja, leider.«

Der Rest des Weges wurde schweigend zurückgelegt.

Im Heidefleck war es erträglicher, wenn auch nicht völlig kühl. Christine hieß Elisabeth sich niedersetzen und ging hin und her.

»Christine?«

»Du wünschest?«

»Hast du nicht das Bedürfnis, Christine, dich einem Menschen gegenüber auszusprechen?«

»Worüber?«

»Über das, was dich bedrückt.«

»Was hülfe es auch.«

»Es gewährt bei einer Mißstimmung dieselbe Erleichterung, wie ein Thränenstrom bei einem Schmerz.«

»Und wer, meinst du, sollte dieser Mensch sein, dem ich mich anvertraute?«

»Ich,« sagte Elisabeth.

»Unmöglich!«

»Ich bin deine Freundin von unserer frühesten Kindheit an, Christine.«

»Wir sind miteinander aufgewachsen, ja,« entgegnete Christine.

»Und ich beanspruche nur mein gutes Recht, wenn ich Vertrauen und Offenheit von dir heische.«

»Es giebt auch eingebildete Rechte,« versetzte Christine ablehnend. »Das Recht, mein Vertrauen zu erzwingen, werde ich nie jemandem zugestehen.«

Sie ging weiter, bis an den Rand des Heidefleckes, um die Unterhaltung abzubrechen. Denn wenn sie auf Elisabeth blickte, empfand sie den brennenden Wunsch, ihr wehe zu thun. Elisabeths Hilflosigkeit reizte sie auf. Wieder hing sie an ihr und hemmte ihre Bewegungen – wie der Verbrecher die eiserne Kugel bei jedem Schritte mitschleifen muß.

Die Landstraße nach Schorndorf lag einsam da in der drückenden Sonnenhitze. Kein Gefährt war zu sehen, Christine kehrte seufzend zurück. Elisabeth hatte den Kopf gegen eine vereinzelt inmitten des Laubholzes stehende Fichte gelehnt, die Augen waren weit geöffnet und geradeaus gerichtet. Sie bot ein Bild trostlosester Verlassenheit dar. Wieder empfand Christine den Druck auf ihrer Brust als etwas Fremdes, das bei einem einzigen, gellenden Aufschrei entweichen müsse.

Wie, wenn sie sich jetzt vor Elisabeth ins Moos würfe, den Kopf in deren Schoß wühlte und aus Herzensgrunde weinte? – Elisabeth würde sie trösten, trösten mit der ganzen Liebe eines großen Herzens. Aber es war eine Unmöglichkeit. Berge hatten sich schon dazwischen getürmt. Alle Harmonie war in Christinen zerrissen.

»War Andrea heute bei dir?«

»Ja.«

»Hat sie dir erzählt, wie wunderbar sie gestern gespielt hat?«

»Sie war zufrieden und ich glaube, sie stellt in dieser Beziehung große Anforderungen an sich.«

»Die Vorstellung ist überhaupt als durchaus gelungen zu betrachten,« sagte Christine und setzte sich. »Die Bilder waren pompös. Die guten Teterower sperrten Mund und Augen auf. – Ich weiß nicht, wo der Kutscher geblieben ist. Er müßte längst zurück sein, selbst wenn er bis nach Schorndorf gefahren wäre.«

Sie stand wieder auf. Noch immer lag die Landstraße völlig öde da. Dann ging sie nach der anderen Seite des Karrees, von wo aus ein Fußweg nach dem Dobberpfuhler Forsthause führte.

Auf diesem Fußwege kam eine kleine Gesellschaft von sechs Personen näher. Christine glaubte an den Gestalten und Bewegungen Frau Doktor Moosbach zu erkennen, Andrea, Wilhelmine, Friederike Soden, sowie Max von Güllen und Herrn von Behme.

Wäre sie ihrem ersten Impulse gefolgt, so wäre sie zurückgeeilt und hätte mit Elisabeth den Heimweg angetreten. Aber möglicherweise, sagte sie sich, hatte die kleine Gesellschaft auch vor, nach Schorndorf zu Fuß zu gehen und sie wurde mit ihrer Genossin überholt. – Sie fühlte, wie sie blaß wurde und wie ihre Nasenflügel bebten, während sie eilends zurückschritt.

»Ich sehe Leute hinten auf dem Felde. Vielleicht kann ich irgend jemanden davon nach Schorndorf schicken. Der Kutscher scheint mich mißverstanden zu haben, weil ich nicht ausdrücklich sagte, er solle wiederkommen. Es muß sich doch auch jemand von den Deinigen um dich bekümmern; denn ich werde im Forsthause erwartet.«

»Es thut mir leid, Christine, daß ich dir eine Last bin.«

»Es läßt sich nun nicht ändern,« lautete die Antwort. »Bleibe ruhig sitzen, selbst wenn ich nicht sofort wiederkommen sollte.«

»Laß dich nicht durch mich behindern, ich kann warten.«

Als Christine aus dem Gehölz trat, war die kleine Gesellschaft schon so nahe gekommen, daß der Schall ihrer Stimmen Elisabeths Ohr erreichte. Worte verstand sie nicht.

Christinens Herz pochte heftig von dem hastigen Lauf; Röte und Blässe wechselten auf ihren Wangen.

»Woher?« fragte Frau Doktor Moosbach.

»Von Schorndorf.«

»Und wohin?«

»Nach dem Forsthause.«

»Wir wollen gerade dem Heidefleck einen Besuch abstatten. Kommen Sie mit.«

»Ich muß dankend ablehnen; denn ich fühle mich nicht wohl. Und ich bitte Sie sehr, mit mir umzukehren.«

»Sie sehen wirklich angegriffen aus, Christinchen, ist Ihnen irgend etwas widerfahren?«

»Ich habe unterwegs die Plaids verloren, die Frau Pieseke mitgegeben hatte, und habe den Kutscher danach zurückgeschickt. Mir war nicht wohl zu Mute bei der Abfahrt von Schorndorf; jetzt ist der Zustand noch unerträglicher geworden.«

»Da schlage ich vor, Sie gehen mit uns nach dem Heidefleck, Christinchen, und ruhen aus.«

»Ich gehe nach dem Forsthause,« entgegnete Christine heftig. »Ich kann Sie ja nicht zwingen, meine Bitte zu erfüllen und mitzukommen. – Gestatte …«

Die Anrede galt Andrea, die seitwärts stand und sofort Platz machte.

»Sind das Chosen, wertester Schatz,« sprach sie gelassen. »Ich kehre schon um. Wer hat dir denn auf die Füße getreten, daß du so in Harnisch bist? Hier meinen Arm, Johann (sie dachte an den Seifensieder). Ich stütze dich gern.«

Andrea und Christine gingen vorauf, die andern folgten.

Fritzel und Max Güllen unterhielten sich halblaut über eigene Angelegenheiten, Frau Doktor Moosbach sagte ungehalten zu Wilhelminen:

»Christine hat sich im höchsten Grade unartig betragen. Wir sollten sie allein zurückgehen lassen mit Andrea. Sie versteht es vielleicht falsch. Man nimmt schließlich nur Rücksichten der liebenswürdigen Eltern wegen.«

Der Weg vom Heidefleck bis zum Forsthause betrug vielleicht eine Viertelmeile; aber kein Gang war Christinen je so lang erschienen, trotzdem sie schnell ausschritt, um die Entfernung zu verringern. Vom Forsthause aus wollte sie einen Boten zurücksenden, der Elisabeth heimgeleitete.

Wäre sie nur selber mit der Blinden zurückgegangen, als sie die kleine Gesellschaft nahen sah! Sie hatte wahrhaftig den Kopf verloren! Was machte sie aber auch für Umstände mit den Leuten hier und da!

Der halberwachsene Sohn der Försterin stand vor der Thüre; aber Christine konnte sich nicht sogleich mit ihrem Anliegen an ihn wenden. Zu viele Ohren würden hören, was sie sprach.

Dann verwickelte sie der Pastor in eine Unterhaltung. Er, der sonst so jovial und lustig war, kehrte den Geistlichen ihr gegenüber heraus. Und jetzt begann er von Elisabeth zu sprechen. Schwirrte denn der Name in der Luft!

»Ich kann im allgemeinen diese Mustermenschen nicht leiden,« sagte sie. »Sie sind alle voll Eigendünkel. Ich ziehe z. B. Andrea vor, nicht immer, denn sie hat viel Unzulängliches, aber doch häufig.«

»Die Vorliebe für Fräulein Andrea macht Ihrem Herzen und Ihrem Geist alle Ehre.«

»Inwiefern?«

»Ich möchte Fräulein Andrea beinahe einem Edelstein vergleichen, freilich einem ungeschliffenen.«

»Köstlich!«

»Ich hoffe, ich täusche mich nicht. Der Edelstein zeigt erst die ihm innewohnende Farbenglut nach dem Schliffe, den ihm kundige Hand zu teil werden läßt. Bei Fräulein Andrea haben edle Menschen, Ihre Eltern, mein Fräulein, die schwere Arbeit begonnen, welche eigene Kraft und die Fügungen des Schicksals vollenden sollen. Es sind noch bei weitem nicht alle Rauheiten gewichen; aber man sieht schon den prächtigen Kern herausleuchten, man vermutet ihn nicht nur.«

»Das ist ja interessant,« sagte Christine unfreundlich.

Der Herr Pastor sah sie an. Christine konnte ihre Unruhe nicht mehr bemeistern. Ihre Augen liefen unstät umher, ihr Gesicht glühte fieberisch, sie stand keinen Augenblick auf demselben Platze still.

»Sie entschuldigen mich,« sagte sie jetzt gefaßter, da sie sah, wie er sie beobachtete. »Mein Kopfweh tritt wieder heftiger auf. Ich habe auch noch eine Bestellung auszurichten.«

Endlich! endlich war sie allein – unbeobachtet ins Haus geschlüpft!

Der Herr Förster war nicht zu Hause, die Frau Förster richtete Geschirr her, von welchem feine Törtchen genommen werden sollten, die Magd besorgte das Vieh und der Sohn – der Sohn war vor wenigen Minuten fortgegangen. Aber er wurde in einer Viertelstunde zurückerwartet.

Ein anderer Bote war nicht zu beschaffen.

Vor den Ställen standen die Kutscher und harrten des Befehles, daß sie anspannen sollten.

In Christinens Kopf tauchte der Gedanke auf, sich heimlich zu entfernen; aber er schien ihr unausführbar zu sein. Andrea konnte sie sich auch nicht anvertrauen. Sie hatte plötzlich einen Widerwillen gegen sie. Und wozu nützte es auch. Andrea würde wohl zu Elisabeth eilen; aber ihre Abwesenheit würde bemerkt werden.

Konnte ihr schmähliches Betragen denn überhaupt verborgen bleiben? Ja, es konnte – Elisabeth war gut, ihr mit inniger Liebe zugethan – Elisabeth schwieg – Elisabeth war eine echte Freundin und verriet sie nicht.

Sie sah nach der Uhr.

Als eine Viertelstunde kaum vergangen war, stahl sie sich wieder aus der Gesellschaft fort. Der Sohn war noch nicht zurückgekehrt. Sowie er kam, würde die Mutter das gnädige Fräulein unauffällig benachrichtigen.

»Wo bleibst du?« sagte Rosa. »Wir spielen ›Begegnen mit Blumennamen‹. Bitte, fasse mich unter. Wie nennst du dich? Ich bin Victoria regia.«

»Nachtschatten,« sagte Christine mechanisch.

Sodens hatten kurz vor ihrer Abfahrt nach dem Forsthause Besuch bekommen, zwei junge Offiziere, die Max von Güllen eingeladen hatte. Der eine, ein ernst blickender, junger Mann, Lieutenant Hellwig, trat den beiden Mädchen entgegen.

»Was suchen Sie?« fragte Rosa.

»Eine Blume.«

»Welche? Viktoria regia oder Nachtschatten.«

Lieutenant Hellwig sah Christinen an. Sie war sehr blaß und ihre Augen sahen nachtdunkel aus, die halb offenen Lippen aber leuchteten rotfarben.

»Ich suche Nachtschatten.«

Rosa gab ihre Gefährtin frei.

Lieutenant Hellwig fing eine Unterhaltung mit seiner Dame an. Zuerst sprach er halblaut wie mit einem leidenden Kinde. Dann beteiligte sich auch Christine, und das Gespräch wurde angeregt.

Alles, was er sagte, klang liebenswürdig und ritterlich. Bald empfand Christine ein schönes Gefühl des Beschütztseins, die Angst wich von ihr, denn sie vergaß dieselbe und jetzt, da sie bemerkte, wie er allen anderen Paaren, die ihn von seiner Genossin trennen konnten, angelegentlich auswich, jetzt – lachte sie. Klang das frisch, fröhlich und herzbestrickend!

Er stammte aus einer wenig bemittelten Familie, bezog nur eine spärliche Zulage und hatte keine Schulden. Bei Vorgesetzten und Untergebenen war er gleich beliebt.

»Ich suche eine Blume,« sprach Sophie Soden, seitwärts herantretend.

»Hier wachsen nur Bäume,« entgegnete Lieutenant Hellwig, »Linde und Ahorn.«

»Ich suche die Linde.«

Damit wurde das Paar geschieden.

»Im Falle wir angesprochen werden sollten,« sagte Sophie, »so bin ich Erika; was sind Sie, Christine?«

»Das weiß ich noch nicht.«

Nach kurzer Zeit kreuzte Lieutenant Hellwig wie zufällig ihren Weg.

»Ich möchte eine Blume pflücken.«

»Sie haben die Wahl,« antwortete Christine verlegen, »bei zweien; aber es ist ein giftig Kräutlein darunter – Erika und Herbstzeitlose.«

Sie errötete, während der junge Mann lächelte. Vorhin hatte sie auch den Namen einer Giftblume getragen.

»Ich pflücke,« sagte er nach kurzem Besinnen, »die Herbstzeitlose.«

Es war ein Einverständnis, und es wob ein Band zwischen ihnen.

Der Himmel hatte sich bezogen. Es fing leise an zu regnen. Die Gesellschaft eilte lachend dem Hause zu. Aber noch während des kurzen Ganges verdunkelte es sich, wie wenn die Nacht mit schnellen Schritten heraufgezogen käme.

Und mit der Dunkelheit zugleich hob der Sturm an.

Fenster und Thüren schüttelten leise, der hindurchdringende Zugwind rief ein lang gezogenes, pfeifendes Geräusch hervor. Der Regen fiel in mächtigen Bahnen zur Erde hernieder.

»Fürchten Sie sich, Fräulein Christine?« fragte Lieutenant Hellwig leise.

»Nein, es ist merkwürdig, ich fürchte mich nicht.«

Er sah sie lächelnd an. Da brach mit Blitz und Knall das Gewitter los.

Christine taumelte zurück, beide Hände zuckten durch die Luft, wie um einen Halt zu erfassen, aus tiefster Brust stieg ein kurzes, qualvolles, kaum unterdrücktes Wimmern empor. In derselben Sekunde war sie wie ein Schatten aus dem Zimmer verschwunden.

Im anstoßenden Gemach sah er sie mit Andrea hastig sprechen. Aber ebenso lautlos schnell, wie sie von seiner Seite gegangen, war sie auch da entwichen.

»Ist Fräulein Consentius irgend etwas zugestoßen?« fragte er Andrea, die eintrat und suchend umherblickte.

»Nichts der Rede Wertes,« antwortete sie, ohne ihn anzusehen. »Sie hat eine wichtige Kommission auszuführen vergessen, und ist sehr nervös.«

Bald darauf stand sie vor Frau Consentius.

»Gnädige Frau …«

»Du wünschest, Andrea?«

»Gnädige Frau …,« kam es von zitternden Lippen. »Es ist möglich, daß Elisabeth allein im Heidefleck ist.«

»Elisabeth?!«

»Christine hat sie bei ihrem Herkommen da getroffen.«

»Getroffen?« fragte Frau Consentius.

Andrea schwieg.

»Allein getroffen?«

»Ja, Elisabeth ist allein.«

»Weshalb habe ich das nicht früher erfahren, Andrea?«

»Ich habe es selbst nicht gewußt.«

»Du lügst,« sagte Frau Consentius streng.

»Bei Gott im Himmel! ich habe es nicht gewußt.«

»Andrea!«

»Bei Ihrer großen Güte zu mir – ich habe es nicht gewußt.«

»Wo ist Christine?« forschte Frau Consentius weiter.

»Unterwegs nach dem Heidefleck.«

»Sie ist allein?«

»Ja, aber ich laufe schneller als Christine und ich will ihr nach. – Seien Sie gut, gnädige Frau,« flehte Andrea; »Christine leidet fürchterlich. – Wenn Sie anspannen ließen – aber unauffällig – um Christinens willen …«

Frau Consentius wandte sich einen Augenblick ab. Als sie weiter sprechen wollte zu Andrea, war das junge Mädchen nicht mehr zu sehen. Aber bald darauf schlug draußen krachend die Hausthür zu.

Zehn Minuten später rollte die Consentiussche Equipage am Hause vorüber. Der Pastor, der regenüberströmt eintrat, erzählte, es sei eine wichtige Nachricht aus Schorndorf eingetroffen, die den Aufbruch der Herrschaft sofort veranlaßt habe. Für Fräulein Teschner und Fräulein von Weidner werde späterhin ein Wagen geschickt werden. Die übrigen Herrschaften würden, der Verabredung gemäß, zum Abend im Schorndorfer Schlosse erwartet.


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