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Das kaum Glaubliche war geschehen, – so unduldsam Minchen früher den kleinen Nichten gegenüber gewesen war, so sehr wurden dieselben jetzt von ihr verzogen. Grete und Olga verbesserten ihre Haltung, auf welcher Diele sie gerade wollten, auf dem Flur, in der Küche, in der Putzstube; sie turnten an dem Weinspalier durch die Fenster, verschleppten Tassen und Töpfe in den Garten und brachten alle Tage struppigere Spielgefährten mit nach Hause, die Tante Heinemann beköstigen mußte. Außerdem war Th'r–esel – – Th'r–esel. Aber dies hatte Minchen schon lange vorher gewußt.
Einen solchen Umschwung der Gesinnung hatte Amtmann Greding, als er Frau Consentius' Vermittelung in Anspruch nahm, nun doch nicht herbeiführen wollen. Er stieg eines Tages im Heidefleck vom Pferde und schnitt eine tüchtige Rute von Birkenreisern, die er mit nach Hause brachte. Da legte er sie auf den Zwerg und hoffte von Minchens Einsicht, daß sie groß genug sein würde, zu ergründen, was mit diesem Gemüse zu beginnen sei.
»Aber, Tante Heinemann!« schrie Grete bei der nächsten passenden Gelegenheit, »du wirst uns doch nicht schlagen, bei unserem guten Einvernehmen, das wir miteinander haben? Ich muß mich ordentlich grämen über dich, Tante Heinemann. Höre doch bloß, Peter, die Tante Heinemann will uns schlagen!«
Olgchen sagte gravitätisch: »Der Peter kann die Tante Heinemann überhaupt nicht leiden und ich auch nicht. Es ist außerdem eine ganz schlechte Tante Heinemann. Schlagen lasse ich mich nicht!« Sie grinste herausfordernd von einem Ohr bis zum andern und schleuderte einen vernichtenden Blick auf Minchen.
»Komm her, Olga,« sagte Minchen geknickt.
»Ich habe jetzt keine Zeit,« antwortete Olga.
Ein ungemütlicher Nachmittag zog langsam dahin. Olga und Grete waren muff mit Tante Heinemann. Tante Heinemann ärgerte sich und grämte sich. Die Liebkosungen fehlten ihr, mit welchen die Kinder sie überschüttet hatten. Aber ungezogene, undankbare Rangen waren es doch.
Sie setzte sich vor den Zwerg und schneiderte Lappenpuppen, die denn auch ohne Mühe die Versöhnung zu stande brachten.
Inzwischen lag Schulzens Adolf krank zu Bett. Er aß wie ein Wolf, schlief wie ein Dachs, verrenkte seine Glieder, schnitt Gesichter; aber er konnte nicht zur Schule gehen. Der Sitz seines Leidens war bis zum dritten Tage seiner Krankheit nicht herauszufinden, wo endlich Madam Pieseke der Großmutter die Augen öffnete, indem sie ihr die Geschichte von Kantors verwässerter Milch erzählte. Adolf fürchtete, mit des Kantors Stöckchen nähere Bekanntschaft zu machen; er hatte Schulfieber. Grete hatte ihm Olgas Verrat brühwarm hinterbracht.
Jetzt spielten alle drei Kameraden heiraten – Grete war der Vater, Olga die Mutter und Adolf das kranke Kind – als Großmutter unheilvoll über den Hof eilte.
Großmutter ging mit dem alten Rücken weit nach vorn gebückt, es sah immer aus, als suche sie etwas auf der Erde. Landarbeit drückt die Frauen vornüber. In der weiten, dunklen Schürze schleppte sie Gras für die Ziege mit, unter dem einen Arm klemmte ein Haselstock.
Als Adolf Großmutters ungewohnten eiligen Gang gewahrte, fiel ihm sofort auch der Stecken ins Auge, und er flog mit einem Sprunge aus dem Bett.
Als Großmutter bald danach eintrat, war von dem Patienten keine Spur zu sehen, Grete räumte auf und Olga saß grinsend auf der Ofenbank, die Hände hinter dem Rücken an die Kacheln gelegt, als ob sie sich wärmen wollte, – bei zwanzig Grad Reaumur im Schatten. »So ein Jung'!« sagte die Großmutter entrüstet zu der Schwiegertochter, »ausgekratzt, was? Aber ich find' dich schon, du Spitzbub. Dem Herrn Kantor sein' Milch fortstehlen und Wasser dazwischen pumpen, das werde ich dem Schlingel anstreichen.«
Schulzens Kleiderspind stand in einer Ecke, ein kleines Endchen von der Wand entfernt, damit es nicht etwa Feuchtigkeit anziehe, denn es war das Staatsmöbel der Familie, und dieser Zwischenraum bildete Adolfs Schlupfwinkel, wenn Großmutter böse war. Vor Muttern kroch er einfach unter das gegenüberstehende Bett und Vater that seinem Jungen nichts.
Jetzt auch hatte Adolf sich in seinen Mäusegang, in welchen Großmutter ihm nicht folgen konnte, zurückgezogen. Die junge Frau, die bei dem Bericht seiner Schandthat gelacht hatte, häkelte wieder und die alte Frau setzte sich erbost hin und schälte Kartoffeln. Da kletterte Olga von der Ofenbank, legte sich auf die Diele, verbesserte ihre Haltung und Grete that desgleichen.
»Könnt Ihr singen?« fragte Großmutter.
»Ja,« antwortete Grete.
»So singt mal: Üb immer Treu und Redlichkeit bis an dein kühles Grab.«
»Und schneide einen Finger breit von jeder Elle ab,« antwortete Adolf zu ungeheurem Jubel seiner beiden Freundinnen und steckte den Kopf um die Spindecke.
Die alte Frau sprang auf und stürzte mit ihrem Stock dahin. Aber Adolf war bereits im Mäusegang wieder verschwunden.
Eine Pause trat ein, während deren Großmutter unbeweglich vor dem Schranke stand.
»Grete?«
»Ja.
»Ist Großmutter rausgegangen, Grete?«
»Ja.«
Adolf kam mit einem Freudensprunge hervor, wurde aber noch während desselben abgefangen.
»Ach, meine kleine Großmutter,« winselte er und war vergeblich bemüht, sich loszureißen, »thu mir doch nur nichts; du hast solche Ausdrücke, meine kleine Großmutter, wie ich, und ich hab' solche Ausdrücke wie du.« Aber Großmutter ließ unbarmherzig das Stöckchen tanzen. »Du meine liebe Großmutter,« hub Adolf nach längerer Weile wieder an, »so höre doch nur endlich auf, es greift dich ja so sehre an, du kannst ja morgen weiter hauen.«
Grete stand mitleidig auf und ging, Olga aber sah zu, bis Adolfs Kelch der Schmerzen vollständig geleert war.
»Meine Tante Heinemann,« sagte sie, als sie nach Hause kam, »eben hat die Großmutter den Adolf halb tot geschlagen, ganz halb tot geschlagen. Ich konnte es schon gar nicht mehr mit ansehen. Ich bin jetzt aus der Thür gegangen. Der Adolf hat auch fürchterlich geschrieen; aber bedauert habe ich ihn nicht.«
»Warum denn nicht, mein liebes Olgchen?« fragte Tante Heinemann.
»Kinder muß man nicht bedauern,« lautete die klassische, in ernsthaftestem Tone gegebene Antwort, »sonst weinen sie immer mehr.« –
Die Tage bis zu Wilhelminens und Rosas Ankunft verstrichen gleichmäßig. Elisabeth war häufig mit Christinen zusammen. Im Park wurden allmorgendlich bei gutem Wetter drei Hängematten angeknüpft, in welchen sich die drei jungen Mädchen manche Stunde schaukelten. Mitunter wurde dabei geplaudert, mitunter vorgelesen.
Verstohlen richtete Christine oft ihre Augen auf Elisabeth. Das Kleid zeigte unten einen handbreiten unverblaßten Streifen, der wieder Zeugnis ablegte von Tante Heinemanns Sparsamkeit. Der dunklere Strich war früher ein Aufnäher gewesen. Elisabeths Schuhe waren von grobem Leder ungeschickt angefertigt. Das Jäckchen saß schlecht, es schien für eine andere Gestalt bestimmt zu sein. Aber über all dem Beiwerk strahlte das sanfteste Gesicht, und die zartesten blonden Löckchen flirrten wie ein Schein der Verklärung um die Stirn.
Christine sah mehr und mehr nur das Beiwerk.
Sie hatte sich in Bezug auf Elisabeths gesellschaftliche Stellung einer Beschönigung schuldig gemacht, die sie eingestehen sollte. Sie schämte sich dessen.
Gredings Häuslichkeit wurde von Tante Heinemann einfach bürgerlich geführt. Unter dem Tisch in der Putzstube lag ein billiger bunter Teppich, die Gardinen waren von lockerem grobem Gewebe und schnitten wenig unter dem Fensterbrett ab. Auf der Kommode standen ungeschickte Porzellanpüppchen als Aschenbecher und Blumenvasen. Und in diesen Räumen trat Christine Consentius nicht etwa als Protektorin auf; ihr fiel die, wie es ihr schien, viel weniger dankbare Rolle der Freundin des blinden Mädchens mit dem lächerlichen Aufputz zu, das sich gleichberechtigt neben sie stellte.
Elisabeths häufigere Besuche gefielen ihr nicht mehr. Sie wurde einsilbig, mißgestimmt, unfreundlich.
Als die Freundin eines Tages nicht nach dem Park kam, erschrak sie und schämte sich. Dann aber erfuhr sie durch ihren Vater, Frau Heinemann habe sich eine Verrenkung des Fußes zugezogen.
Es that ihr aufrichtig leid. Hatte es aber geschehen sollen, so war es zu guter Stunde gekommen. Elisabeth war jetzt an die Häuslichkeit gefesselt, denn sie konnte trotz ihrer Blindheit kleine Hilfsleistungen verrichten, Theresen Befehle überbringen und die beiden Cousinen beschäftigen, die ihr mit zärtlicher Liebe zugethan waren.
Inzwischen strichen die fröhlichen Tage des Besuches wohl dahin. Sie, Christine Consentius, die Tochter einer Geborenen von Tettenbühl, wurde nicht gehofmeistert von Elisabeth Greding, der Tochter von ihres Vaters Wirtschaftsbeamten. Es war kein Unglück, wenn sich das Verhältnis zu Elisabeth ein wenig lockerte.
Andrea war ja ebenfalls nicht gleichgeboren; aber man konnte ihr ihre Verwandtschaft nicht unbedingt nachweisen, auch ließ sie sich protegieren und hatte Chic.
Christine sprach flüchtig einmal bei Gredings vor.
Es war beschlossen worden, daß Amtmann Greding mit seiner Tochter in vierzehn Tagen nach Berlin reisen sollte. Der Zeitpunkt der Operation war alsdann als gekommen erachtet. Elisabeth erzählte es der Freundin mit der ihr eigenen sanften Fröhlichkeit. Christine ahnte nicht, wie große Selbstbeherrschung das blinde Mädchen übte.
Der Vater und Tante Heinemann sollten nicht wissen, wie schwer ihr vor der entscheidenden Stunde bangte. Den Amtmann trieb die große Angst um seines Kindes Geschick ruhelos umher. Was hätte er erst gelitten, hätte er die Qualen gekannt, welche auf Elisabeth einstürmten.
Wieder sehen dürfen – Licht – Farben – das Antlitz geliebter Menschen – wieder beobachten dürfen, wie die Natur erwacht – wie sie zur Ruhe sinkt – oder in ewiger Nacht verbleiben – Gott im Himmel, Erbarmen!
Als Christine wieder einmal kam, merkte sie die ernste Stimmung durch. Es paßte jetzt schlecht. Sie hatte auch Kopfweh …
In der Nacht träumte ihr, sie wäre blind geworden und tastete, von aller Welt verlassen, umher, ohne einen Halt zu finden; die Nacht der Augen lag auf ihr wie ein fühlbarer starker Druck, der sie zu Boden preßte.
Sie saß lange wach im Bette und weinte bitterlich. Pflicht der Freundschaft war es, stützend neben Elisabeth zu stehen in dieser ganzen bangen Zeit. Und sie wollte es auch thun. Aber am nächsten Vormittag kam eine Karte der Modistin aus Teterow, die sie zur Anprobe berief. Danach hatte sie verschiedenes für Wilhelminens und Rosas Empfang vorzubereiten. Die guten Vorsätze verflogen darüber.
Eines Nachmittags, als Elisabeth im großen Sorgenstuhl am Fenster saß, knackte das Weinspalier und Andreas Stimme fragte: »Was machen Sie da, Tuntchen-Tantchen?«
»Ich träume, Andrea.«
»Wohl bekomm's, wem's schmeckt. Wovon träumten Sie?«
»Ich malte mir aus, was alles ich mit geöffneten Augen acht Wochen später von diesem Platze aus erblicken werde, – herbstliche Bäume mit rotem und gelbem Laub, blauen Himmel, flimmernde Sonne oder vielleicht Nacht, wie ich sie jetzt um mich sehe.«
»Ich glaube gar, Elisabeth, Sie haben Kanonenfieber. Sind das Chosen! In acht Wochen erblicken Sie außerdem mich, Fräulein Andrea Dallmann, wenn ich dann noch in Schorndorf bin. Sonst sende ich Ihnen mein Konterfei. Und wenn ich erst eine Berühmtheit bin, besuchen Sie mich in Berlin auf längere Zeit. Wissen Sie, Elisabeth, Sie können in Holzpantoffeln kommen, Ihrer schäme ich mich doch nicht. Und Sie können auch allen Leuten bei mir erzählen, daß Ihr Großvater Tuchmacher war und Ihr Vater kein eigenes Gut hat, verstandez-vous.«
Elisabeth lachte herzlich.
»Kommen Sie doch herein, Andrea.«
»Ich habe keine Zeit.«
»Was haben Sie denn Wichtiges zu thun?«
»Aufzupassen. Christine holt die beiden Geldsäcke aus Teterow ab.«
»Sie machen sich herzloser, als Sie sind, Andrea. Fräulein von Weidner soll ein sehr liebenswürdiges Mädchen sein.«
»Soll sie? Was Sie nicht alles wissen, wertester Schatz. Die Teschner ist ein Mondkalb an Dummheit und die Weidner ist aufgeblasen wie ein Luftballon.«
»Jedenfalls kann Christine mit ihrem Besuch nicht vor zwei Stunden in Schorndorf sein. Meine Bonbonniere ist wieder gefüllt, Andrea. Kommen Sie nur herein. Oder geht es nicht?«
»Bei uns geht alles und was nicht geht, das wird gefahren,« sprach Andrea und turnte lustig zum Fenster herein. »Ich mache Ihnen wohl ein riesiges Vergnügen mit meiner Gegenwart?«
»Ein ganz kolossales. Aber ohne Scherz, ich habe Sie sehr lieb, Andrea. Ich habe Ihnen früher unrecht gethan und bitte es Ihnen von ganzem Herzen ab.«
»Daraus brauchen Sie sich kein Gewissen zu machen, Elisabeth. Vielleicht waren Sie früher mehr im Recht, als heute. Da hätten wir auch die Bonbonniere. Wollen mal drei Teile machen; heute, morgen, übermorgen.« Es schmeckte ihr so gut, daß sie plötzlich zärtlich über Elisabeth herfiel und sie küßte. »Wann war Christine zuletzt hier?«
»Vor vier Tagen.«
»Das ist lange her.«
»Ich glaube, sie ist viel beschäftigt, Andrea. Ihre Angelegenheiten gingen ihr sehr im Kopf herum.«
»Woraus schließen Sie das?«
»Christine war zerstreut und einsilbig und ist sonst so teilnahmvoll.«
»Da haben Sie sich gut geärgert, was?«
»Ich kann nicht beanspruchen, daß meine Interessen ausschließlich diejenigen meiner Freundinnen sind. Eines Tages erzählt mir Christine gewiß, was sie verstimmt hat.«
»Sie sind doch ein nettes Mädchen, Elisabeth. Nettes Mädchen – netter Schornstein. Haben Sie sich vorgenommen, uns auf dem Schloß zu besuchen, wenn die beiden Wunderblumen da sind?«
»Nein, Andrea. Ihre Zeit ist kurz bemessen. Und ich habe jetzt den Kopf so voll von meinem eigenen Schicksal, daß ich mir zwischen fremden Menschen allein erscheine, als ob ich in einer Wüste wäre, oder als ob jene Menschen eine andere Sprache redeten.«
»Sind das Chosen. Ich sage ja, Sie haben Kanonenfieber. Sie möchten wohl gern, daß wir mit den Mädels mal herkommen, was?«
Nach einer langen Pause sagte Elisabeth zögernd: »Können Sie diskret sein, Andrea?«
»Wenn es sein muß, klatsche ich nicht.«
»Es muß sein.«
»Gut, mein Wort!«
»Ich möchte nicht, daß Tante Heinemann hört, was ich Sie frage.«
»Es ist keine Seele hier,« sagte Andrea. »Schießen Sie nur los mit Ihrem Abenteuer.«
»Es handelt sich um eine Äußerlichkeit,« sagte Elisabeth verlegen. »Ich bin mit der Zeit zu der Überzeugung gekommen …«
»Zu welcher Überzeugung?«
»Es sieht vielleicht doch undankbar aus …« sprach Elisabeth stockend weiter.
»Was denn? Sie gräßlicher Anstandsbaubau!«
»Tante Heinemann ist die Gewissenhaftigkeit in Person und nimmt unsere Interessen in fast übertriebener Weise wahr. Sie klügelt alles Mögliche heraus, um meinem Vater Geld zu ersparen. Ehe ich erblindete, sprach ich meine Wünsche aus, die stets erfüllt wurden. Ich glaube, Tante Heinemann hätte mich sonst aus Sparsamkeit recht ärmlich herausstaffiert. Vater versteht nichts davon, wie sich junge Mädchen kleiden müssen. Es ist ja schließlich auch nebensächlich. Hier in Schorndorf und in Teterow, wo mich alle Menschen kennen, kommt es überhaupt nicht darauf an. Aber wir reisen in acht Tagen nach Berlin zur Operation. Ich habe nur den Wunsch, nicht aufzufallen, Andrea. Und von diesem Gesichtspunkte aus möchte ich Sie fragen … und ich bitte Sie, mir rücksichtslos ehrlich Antwort zu geben …«
»Sie möchten wissen, nicht wahr, wie Sie angezogen gehen,« unterbrach sie Andrea gerührt, als sie sah, wie schwer es der Blinden wurde, weiterzusprechen. »Scheußlich, mein bester Schatz. Sie haben kein einziges Fähnchen, über das nicht die Leute in Berlin lachen würden, trotzdem sie ein geradezu schönes Mädchen sind. Sie möchte ich mal in elfenbeinfarbenem Krepp sehen mit Himmelblau garniert, dazu nette feine Strümpfe und nicht solch Bindfadengespinst, wie Sie immer an den Füßen tragen, gut sitzende Stiefelchen, von Ziegenleder, wenn es sein kann. Ihres jetzigen Schuhwerks wegen hat mindestens ein Rhinoceros sein Leben lassen müssen. Sind Sie böse mit mir?«
»Nein, Andrea, ich bat Sie ja, ehrlich zu sein. Und jeder spricht nach seiner Art.«
»Wenn ich Sie wäre, machte ich der Tante Heinemann einen kleinen Krach. Dann ist die Sache ein für allemal abgethan.«
»Das wäre sündhafte Undankbarkeit, Andrea; denn Tante Heinemann hat bei dem, was sie thut, nur mein und meines Vaters Bestes im Auge. – Sollte Gott so gnädig sein, mir mein Augenlicht wiederzugeben, so würde sich eine Umwandlung allmählich von selbst vollziehen. Ich brauche nur Wünsche zu äußern. Weder Vater noch Tante Heinemann haben je eine meiner Bitten unerfüllt gelassen. Wird mir mein Sehvermögen nicht wiedergegeben, so bleibt wohl alles, wie es bisher gewesen.«
Die beiden Mädchen waren still, Elisabeth saß da mit lose übereinandergelegten Händen. Pfirsichfarbe lag auf ihren Wangen, ihre Haut war leuchtend weiß. Die Lippen waren halb geschlossen, ruhige unhörbare Atemzüge hoben gleichmäßig ihre Brust.
Andrea starrte sie von unten herauf au, den rechten Ellenbogen auf das Knie gestemmt. Sie biß heftig auf ihre Fingernägel, ihre Backen brannten feuerrot, und dann lief es naß über ihr Gesicht: Ihren, Andreas, Ratschlägen folgend, zog sich Christine allem Anscheine nach einigermaßen von Elisabeth zurück – es war geradezu verabscheuungswürdig. Aber für sie, Andrea, war es gut.
Sie stand auf, trat an den Zwerg und klopfte gegen Peters Bauer, der wütend nach ihrem Finger schnappte. So trieb sie es, bis sie von dem Vogel gebissen wurde.
»Es verlohnt sich auch, sich hier portionsweise verspeisen zu lassen,« sagte sie, »sind das Chosen!« Sie ging zurück, zupfte an Elisabeths Haar und marschierte dann nach der Thür. »Adieu, Elisabeth.«
»Adieu, Andrea, und besten Dank.«
»Und nicht klatschen, das wollten Sie doch andeuten, langweiliger, alter Schulmeister.«
Auf dem Flur kreuzte sich Andrea mit Amtmann Greding; man sah ihr noch an, daß sie Thränen vergossen hatte. Der Amtmann erschrak und trat sehr schnell ein. Seine Augen suchten ängstlich nach Elisabeth, und er holte tief, tief Atem, als er den ungetrübt ruhigen Ausdruck ihres Gesichts gewahrte.
»Du hast Besuch gehabt, Elisabeth …«
»Der Junge, das Fräulein Dallmann, war hier,« sagte Amtmann Greding leise lachend, setzte sich neben Elisabeth, und sah sie, gebückt, von unten herauf, an, wie Andrea sie kurz zuvor betrachtet hatte. »Ich fahre morgen früh nach Teterow.«
»Da könntest du mich mitnehmen, Vater.«
»Doch nicht zum Doktor? Es ist alles auf unsere Reise und die Operation Bezügliche bis ins Detail abgesprochen.«
»Nein, zu Frau Doktor; ich wollte ihr anvertrauen, was ich mir zum Geburtstag wünsche.«
»Sag's mir, Kind, der Kürze wegen. Es ist wohl ausnahmsweise etwas Nennenswertes, vielleicht ein Schmuck oder eine Uhr?«
»Etwas viel Eitleres. Ein Kleid und Mäntelchen, nach Frau Doktors Angaben bei ihrer Schneiderin angefertigt. Dazu Stiefel, Hut und Handschuhe. Ich möchte es auf der Reise tragen und in Berlin.«
Amtmann Greding musterte seines Kindes Gestalt. Elisabeth war tadellos sauber angekleidet. Den Wunsch hatte ihr gewiß Andrea in den Kopf gesetzt. Gleichviel. Es machte ihm Spaß und kam ihm gleichzeitig rührend und lächerlich vor, daß seine Tochter ein eitles Mädchen war.
Ihre Mutter hatte sich auch gern geschmückt, aber geschmückt für ihn. Wenn sie vor dem Spiegel stand und frische Rosen an die Brust nestelte, wie manch liebes Mal hatte er sie da hoch gehoben wie ein leichtes Kind. Um den Tisch war sie vor ihm davongelaufen, hurtig, wie ein Vogel fliegt; er selber hinterdrein. Da kippte ein Stuhl bei seinem Ungestüm. Und wenn er sie fing, hatten sie gejauchzt beide, beide, sie an seinem Halse, er seine Arme fest um sie geschlungen. – Alles vorbei. – Er legte Elisabeths Kopf an seine Brust und drückte den Mund auf ihr Haar. Seine Brust hob sich schwer in tiefen Atemzügen.
Inzwischen hatte Andrea das Schloß erreicht. Herr Consentius kam ihr entgegen die Rampe herab.
»Sie werden schon gesucht, Andreachen,« sagte er gütig, während er vorüberschritt.
Andrea hatte nicht gelogen, nicht geklatscht, nicht genascht, ihr Gewissen war ganz rein. Was konnte nur unterwegs sein? Vielleicht brauchte Frau Consentius sie zu einer kleinen Dienstleistung.
Sie liebte und verehrte Herrn und Frau Consentius von ganzem Herzen. Beide übten Nachsicht mit ihren Fehlern; ihr Bestreben, dieselben abzulegen, wurde freundlich bemerkt und durch neue liebevolle Nachsicht belohnt. Kein Blick, kein Wort erinnerte sie über die Stunde hinaus an das begangene Versehen.
»Gnädige Frau?« sagte sie fragend und trat atemlos ein.
Die Modistin aus Teterow war im Zimmer, die Andreas orientalisch gemustertes Kleidchen gearbeitet hatte. Und da aus dem Karton bauschte ein Kleid hervor, wie sie es Elisabeth als passend für dieselbe beschrieben hatte, elfenbeinfarbiges Kreppgewebe durch breitere Atlasstreifen unterbrochen. Durch den Saum war lichtblaues Band gezogen. Gürtel und Schleifen waren ebenfalls von blassem Blau. Es war das Kostüm, das Andrea während der Wohlthätigkeitsvorstellung in Teterow tragen sollte.
Das Kleid gehörte ihr. Die Welt war doch schön, zu schön, zu schön mit solch einem Kleide. Andrea sprach kein vernünftiges Wort, sie war wie im Fieber. Sie wollte sich würdevoll betragen und schnitt Gesichter vor Seligkeit, wie ein unnützer Gassenjunge. Als Frau Consentius lächelnd den Kopf schüttelte, stürzte sie vor ihr nieder und weinte, als wäre sie von Krämpfen befallen worden.
Nachher stand sie vor dem großen Ankleidespiegel. Weiß wie Schnee leuchteten Hals und Arme aus dem mattfarbigen seidigen Gewebe hervor. Aber das Gesicht war gar nicht schön, Augen und Nase waren rot verschwollen. Sie streckte sehr vergnügt noch die Zunge heraus.
»Wo waren Sie vorhin, Andrea?«
»Bei Elisabeth.«
»Sie haben Elisabeth lieb?«
»Ja, ich bin ihr sehr gut. Früher konnte ich sie nicht leiden, gnädige Frau.«
»Das Gute und Klare siegt immer, Kind.«
Es war Andrea lieb, daß in diesem Augenblick der Wagen vorfuhr, der Wilhelmine und Rosa nach Schorndorf brachte. Es lag ihr vorläufig nichts daran, von Elisabeth zu sprechen.
Als sie ihren Anzug gewechselt hatte, ging sie, um den Besuch zu begrüßen. Sie reichte beiden jungen Mädchen, die noch bei Frau Consentius waren, die Hand.
Dieses einfache Willkommen legte beredtes Zeugnis ab von der großen Umwandlung, die mit Andrea vorgegangen war. Sie trat einfach und freimütig auf und sehr vergnügt; aber die laute Arroganz, die sie mit nach Schorndorf gebracht hatte, schien völlig von ihr gewichen zu sein.
Fräulein von Weidner, ein großes, stattliches, blondes Mädchen mit ernsten Augen und vornehm ruhigen Gesichtszügen, war zuvorkommender, als sie sich je Andrea gegenüber gezeigt hatte. Fräulein Teschner, ein zierliches Püppchen mit kunstvoll verschlungenem braunem Haar, blassem Teint und kurzsichtigen Augen, die angegriffen durch ein Pincenez blickten, sagte langsam: »Was Sie sich verändert haben, Fräulein Dallmann, Sie sehen aus wie ein richtiges, robustes Bauernmädchen.«
Sie meinte es nicht gut und nicht böse. Sie beabsichtigte keine Zuvorkommenheit und keine Malice zu sagen.