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Am Sonntag ließ Herr Consentius seinen Break anspannen, lud Christine, Andrea, Elisabeth und die beiden kleinen Bartels hinein und fuhr nach dem Dobberpfuhler Forsthause, um nach seinen Hunden zu sehen.
Andrea hatte eine ordentliche Zwiesprache mit sich selber gehalten, in welcher sie zu der Ueberzeugung gekommen war, daß sie versuchen müsse, sich möglichst gut mit Elisabeth zu stellen, da Elisabeth bei Consentius' in großem Ansehen stand.
Elisabeths geordnetes Wesen mißfiel ihr, die starren Augen der Blinden waren ihr zuwider, weil sie das Gefühl hatte, als könne Elisabeth mit denselben tiefer sehen, als irgend ein anderer Mensch. Sie ertappte sich darauf, daß sie sich in Elisabeths Gegenwart fast so sehr zusammennahm, als wenn sie sich Frau Consentius gegenüber befand und das weckte leider ihre Widersetzlichkeit. Und wahrhaftig, sie achtete dieses blinde Mädchen! Das war doch schnurrig! –
Im Dobberpfuhler Forsthause traf Herr Consentius mit einem Gutsnachbarn zusammen, der auch nach der fortschreitenden Bildung seiner Hunde sah. Herr von Soden war schon einige Zeit zur Stelle und stand jetzt im Begriffe abzufahren. Er war von seinen Töchtern begleitet, zwei vornehmen, hübschen Mädchen, die einige Jahre älter als Christine waren.
Christine, die schnell an den anderen Wagen trat, war sehr erfreut, daß es Sodens augenscheinlich eilig hatten. Doch machte sich Andrea so bedenklich in der Nähe zu schaffen, daß sie nicht umhin konnte, »Fräulein Dallmann aus Berlin« vorzustellen. Elisabeth stand weiter zurück und ließ sich durch Greten nicht bewegen, näher zu treten.
Endlich fuhren Sodens ab. Herr Consentius hatte eine gute Stunde mit seinen Hunden zu schaffen, es wurde gefrühstückt und schließlich aufgebrochen.
»Was lest ihr jetzt?« fragte Christine unterwegs.
»Wir lesen über Droz Vater und Sohn und die Androiden.«
»Androiden, was ist das?« fragte Andrea.
»Künstliche Menschen.«
»Sie meinen wohl Wachsfiguren, Elisabeth?«
»Die Androiden stehen einzig in ihrer Art da,« entgegnete Elisabeth nach einigem Besinnen, »vermöge des großartigen Uhrwerks, das ihre Bewegungen regelt. Es existieren eine Klavierspielerin, ein Zeichner und ein kleiner Schreiber. Es sind unerreichte mechanische Kunstwerke.«
»Die Klavierspielerin spielt doch nicht Klavier?«
»Sie spielt Klavier, sieht nach dem Notenblatte, folgt mit den Augen der Bewegung der Hände, verbeugt sich mit aller Grazie, neigt den Kopf ein wenig dabei und holt Atem mit vollständiger Naturtreue.«
»Das hätten wir schon bei dem sterbenden Turko oder Zuaven im Panoptikum in Berlin,« sagte Andrea. »Was machen denn die andern?«
»Der Zeichner zeichnet das Porträt Ludwigs XV., Georgs III. und der Königin Charlotte. Aber er soll seine Sache meisterhaft machen. Er schattiert sogar. Wenn er eine Weile gearbeitet hat, so hält er inne, sieht seine Zeichnung von der Seite an, als ob er sich überzeugen möchte, daß die Arbeit gut geraten sei, haucht den Bleistiftstaub vom Blatte und fährt alsdann mit einer Korrektheit fort, wie sie kaum größer ein lebender gewandter Zeichner besitzen kann.«
»Sonderbar!« sagte Andrea. »Macht der kleine Kerl sonst noch etwas?«
»Ich glaube, er zeichnet noch einen Amor, von Schmetterlingen gezogen. Zu Lebzeiten seines Verfertigers, des jüngeren Droz, soll er überhaupt im stande gewesen sein, jedes Porträt ähnlich nachzubilden. Diese Kunstfertigkeit hat er aber durch die mancherlei Reparaturen eingebüßt, denen er ausgesetzt war; denn die armen Androiden haben viele Fährlichkeiten überwinden müssen. Sie litten auf ihrer Reise nach Spanien an der französischen Küste Schiffbruch, und in Spanien selbst, wo sie natürlich ungeheures Aufsehen erregten, erweckten sie derartige abergläubische Gerüchte, man spricht auch Intriguen, daß die Inquisition sie einkerkerte.«
»Aber davon habe ich keinen Ton gehört,« sagte Andrea. »Wann war denn das? Sie erzählen mir wohl etwas aus ›Tausend und einer Nacht‹, wertestes Fräulein?«
»Es war gegen Ende des vorigen Jahrhunderts. Der junge Droz starb 1791.«
Andrea schlug ein schallendes Gelächter auf.
»Sie können sich verglasen lassen, Elisabeth, mit Ihrer ganzen Wissenschaft. Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts wurden die jungen Damen noch mit Jungfer oder Mamsellchen angeredet. Die anständigsten Leute konnten kaum ihren Namen schreiben.«
»In der That?« entgegnete Elisabeth nicht ohne Spott. »Dabei rühren die berühmten klassischen Briefe der Madame de Sévigné noch aus einem früheren Jahrhundert her. Madame de Sévigné ist, wenn ich nicht sehr irre, 1696 gestorben. Ihr Mozart, Andrea, den Sie doch kennen müssen, hat im vorigen Jahrhundert gelebt, Luther um 1500. Karl der Große hat schon Schreibübungen gemacht. Sie nehmen der Bequemlichkeit halber an, liebe Andrea, daß die Leute, welche vor uns lebten, uncivilisierte Barbaren waren, die ihre Pferde bei lebendigem Leibe verspeisten. Sie sollten in Ihren Mußestunden lesen, um sich vom Gegenteil zu überzeugen. Wir haben in der Mechanik heute keinen lebenden Meister, wie die beiden Droz. Der junge Droz war noch nicht 20 Jahre alt, als er schon seine Klavierspielerin und seinen Zeichner angefertigt hatte. Bedenken Sie, was für ein kunstvoll gefügtes Werk von Federn und Rädern erforderlich ist, um diese beiden kleinen Künstler ihre Funktionen verrichten zu lassen.«
»Ich denke, es sind drei, Elisabeth,« sagte Christine.
»Das dritte ist der schreibende Knabe von dem älteren Droz,« entgegnete Elisabeth. »Der ältere Droz ist auch der Erfinder der Spieluhren. Der schreibende Knabe schreibt Namen, ganz nach Aufgabe und sogar auch längere Sätze. Er macht allerliebste Buchstaben, taucht seine Feder ein, spritzt dieselbe aus und korrigiert das Geschriebene, wenn es erforderlich ist. Der Vater des älteren Droz war Uhrmacher in der Schweiz.«
»Wo haben aber diese drei Wunderpuppen so lange gesteckt?« fragte Andrea.
»Eine lange Reihe von Jahren auf einem einsamen Schlosse in einer Bodenkammer, weil niemand, nach dem Tode des jungen Droz, verstand, den Mechanismus spielen zu lassen, der schließlich verrostete. Für die Reparatur wurde eine ungeheure Summe gefordert. Sie sind erst seit einiger Zeit wieder völlig ans Licht gezogen worden.«
Bei Tisch gelang es Andrea, das Gespräch auf Bartels' Kinder zu bringen.
»Die Dinger sind kolossal altklug,« sagte sie. »Aber das liegt wohl in der Familie; denn Elisabeth Greding spricht auch wie ein halber Professor.«
»Elisabeth ist ein außerordentlich kluges Mädchen,« entgegnete Frau Consentius. »Ihre Blindheit, die sie von Äußerlichkeiten vollständig abschließt, hat ihr einen weiten Gesichtskreis nach innen geöffnet. Sie ist weit über ihre Jahre hinaus gereift. Ihr Charakter ist abgeschlossen. Meine Tochter sowohl, wie Sie, Andrea, werden noch manche Wandlung durchzumachen haben, ehe man dasselbe von Ihnen sagen kann.«
»Mir kommt Elisabeth immer wie ein Schulmeister vor, der belehren will,« versetzte Andrea.
»Elisabeth ist viel zu bescheiden, um arrogant zu sein,« entgegnete Frau Consentius. »Ihr Charakter ist kinderhaft klar und Leuten gegenüber, an welche sie sich angeschlossen hat, keines Mißtrauens fähig.«
Am nächsten Tage fuhren Consentius' aus. Andrea wurde nicht mitgenommen. Sie hörte, daß es sich darum handelte, eine alte exklusive Excellenz zu besuchen, die bei Christinen Gevatter gestanden hatte.
Sie war so wütend, daß sie sich vollständig entkleidete und zu Bett ging. Aber bevor sie einschlief, sagte sie sich, daß es durchaus nötig sei, wenn sie sich länger in Schorndorf aufhalten wollte, bei der Abfahrt am Wagen zu erscheinen. Die exklusive Excellenz war wahrscheinlich ein dürres Männchen mit Gicht und Krücken und das zu erwartende Amüsement würde nur mäßig sein.
Als sie sich wieder angekleidet hatte, bemerkte sie, daß Christine mit Frau Piesekes Hilfe große Toilette machte. Christine trug ein lachsfarbenes Crêpekleid mit Bandbüscheln und Spitze garniert. Natürlich, da konnte sie nicht konkurrieren. Ihr ganzer Garderobenvorrat bestand aus ihrem hübschen neuen Morgenrock, dem grauen Reisekleid, einem sehr niedlichen, dunkelgrünen Wollenkostüm und einem karrierten Fähnchen, das aus ihren alten Kleidern zusammengestellt worden war und das sie bei Regenwetter zu tragen pflegte. Aber abwarten! Sie wollte sich die Finger einen ganzen Centimeter kürzer üben! Wenn erst Andrea Dallmann eine Größe war, sollten ihre Negligés kostbarer sein, als Christine Consentius sich ihre Gesellschaftstoiletten je hatte träumen lassen.
»Was ist bei eurer Excellenz los, Christine?«
»Es ist Geburtstag.«
»Wohl großer Rummel?« fragte Andrea.
»Es sind selten über zwanzig Personen zu Tisch,« versetzte Christine.
»Frisierst du dich immer so gut, wenn du ausfährst, Christine? Du siehst schauderhaft aus.«
»Mamas Johanne hat mir das Haar gemacht,« entgegnete Christine weinerlich.
»Da setz dich hin, Schatz!«
Christine nahm vorsichtig Platz; Andrea hängte ihr das Frisiermäntelchen über, und es dauerte keine zehn Minuten, so war Christinens volles, lockiges Haar in die kleidsamste Form gebracht.
»Gelt, ich bin dir gut!« sagte Andrea, während sie Christinen wohlgefällig betrachtete.
Christine kannte die Redensart. Andrea dachte sich »gelt« mit einem »d« geschrieben und wendete es in der Regel an, wenn sie bedauernde Parallelen zog zwischen ihren eigenen Verhältnissen und den Annehmlichkeiten, welche der Reichtum verleiht.
Bei der Abfahrt riet Frau Consentius Andrea, einen Besuch bei Gredings zu machen. Andrea dankte, lachte und ging vorderhand einmal zu Frau Pieseke, die schon nervöses Zittern bekam, wenn sich nur Andrea im Souterrain sehen ließ.
»Haben Sie nichts Gutes, Frau Pieseken?« fragte Andrea, »mir ist miserabel zu Mute. Ums Himmelswillen, Kaffee habe ich schon getrunken! Es wird wohl noch etwas Knusperiges da sein, sehen Sie einmal nach – etwas Schokolade vielleicht … Schauderhaft! Haben Sie keine eingelegten Pfirsiche oder Erdbeeren? Stellen Sie sich doch nicht so genau! Es hat ja keinen moralischen Hintergrund.«
»Gnä' Frau hoben das feine Eingemachte unter der Kuntrolle,« dienerte Frau Pieseke, die in tausend Ängsten schwebte.
»Sie thun gerade, Madam Pieseken, als wollte ich Ihnen die Ohren abbeißen. Da sind abgeschälte Pflaumen in Zucker – besser ein Storch als ein Frosch! Geben Sie einmal her.«
Andrea setzte sich auf den großen Tisch in der Vorratskammer und begann zu schmausen. Bei eindringlicherem Umsehen gewahrte sie noch ein Schüsselchen mit mürbem Kuchen.
»Machen Sie mir nur etwas Gescheites zu Abend, Frau Pieseken,« sagte sie gemütlich.
»Gnä' Frau hoben bestimmt,« entgegnete Frau Pieseke.
»Sehr gut,« versetzte Andrea. »Dann schießen Sie einmal los! was giebt's?«
»Bratkartuffeln mit gebackenem Schinken und kalte Taube, Fräulein Andrea.«
Da sie jetzt ihr eigener Herr war, setzte sich Andrea noch eine gute Stunde ans Klavier; danach ging sie des Kuriosums halber zu Elisabeth hinüber.
Elisabeth und Tante Heinemann saßen in der Veranda und wickelten Wolle. Dabei erzählte Frau Heinemann unaufhörlich, wie sehr sie sich über Olga und Greten ärgern müsse. Andrea sah, wie peinlich es Elisabeth war.
»Ach was,« sagte sie gutmütig, »Sie hätten mich einmal sollen auf vier Wochen herbekommen, als ich in Gretens Alter war. Ich wurde zusammen mit einer Cousine erzogen, die ich nicht leiden konnte. Es war ein schauderhafter, klatschiger Balg. Wenn sie mich genug geärgert hatte, wendete ich ihr etwas zu. Ich biß mich tüchtig in die Hand und sagte zu Tante, meine Cousine wäre es gewesen. Natürlich bekam sie Prügel; bis Tante die Sache eines Tages an meinen beiden großen Vorderzähnen merkte.«
»Aber Andrea, das war nicht rechtschaffen,« sagte Elisabeth.
»Besten Merci,« machte Andrea mit einer Verbeugung. »Mir ist heute miserabel zu Mute, Elisabeth, haben Sie nichts Gutes?«
»Vielleicht läßt uns Tante Heinemann eine Tasse Kaffee kochen,« sagte Elisabeth verlegen.
»Ums Himmelswillen, Kaffee habe ich schon getrunken! Haben Sie nichts Außergewöhnliches – nichts Knusperiges?«
»Es ist noch Weincreme von gestern da,« sagte Tante Heinemann widerwillig.
Als sie unter der Hausthür stand, wandte sie sich nach Elisabeth um. Sah das Kind denn nicht wie eine Heilige aus, mit ihrem stillen Gesicht, das jede Widerwärtigkeit, die ihr begegnete, nur in einer kleinen, peinlichen Senkung der Brauen bekundete! Frau Heinemann wollte ja alle möglichen Rücksichten nehmen!
Sie kam sehr schnell mit dem Creme zurück, von dem sie auch ein Tellerchen voll für Elisabeth mitgebracht hatte.
Andrea machte nicht viele Umstände mit ihrer Portion. Sie hatte einen Anfall von Bescheidenheit; sonst hätte sie sich mehr gefordert.
Nachher ging sie mit Elisabeth im Garten spazieren.
»Wer liest Ihnen immer vor, Elisabeth?« fragte sie.
»Vater.«
»Aber daß er sich für Sachen interessiert, wie Sie uns gestern erzählt haben!«
»Vater hat sein Abiturientenexamen gemacht; denn er wollte Medicin studieren. Aber seine Eltern hatten nicht die Mittel dazu.«
»Ach ja,« sagte Andrea verständnisvoll, »es ist ein mäßiges Vergnügen, arm zu sein. Was waren Ihres Vaters Eltern?«
»Großvater war Tuchmacher.«
Die Albernheit, das einzugestehen! Andrea hätte sich ausschütten mögen vor Lachen. Es fiel ihr nicht ein, jemandem zu erzählen, daß ihr Vater Schuhmacher gewesen war.
»Wissen Sie,« sagte sie in einer Art vertraulicher Gutmütigkeit, »ich würde mich hüten, das jemandem auf die Nase zu binden.«
»Warum, Andrea? Großvater war ein hochgeachteter Mann. Er hatte fünf Gesellen in seiner Werkstatt beschäftigt. Aber durch widrige Verhältnisse kam er herunter.«
Andrea gähnte verlegen. Sie fühlte sich von Elisabeths Klarheit und Einfachheit erdrückt. Sie hätte ihr am liebsten eine Unannehmlichkeit gesagt.
Grete kam auf den Fußspitzen den langen Gang heruntergeflogen. Ihre Augen standen voll Thränen, die sie mit den dünnen Fingern auseinanderwischte. Da Grete aber in dem Gärtchen, das Onkel Greding den Kindern angewiesen, gepflanzt und gegossen hatte, so ließen diese Finger ihre sehr bedenklichen Spuren zurück.
»Meine Elisabeth,« sagte Grete weinerlich, »hast du nicht meine Olga gesehen? ich langweile mich so.«
»Man sagt hübsch erst zu den Damen, die zum Besuch da sind, guten Tag. Verstandez-vous?« versetzte Andrea.
»Mein Herz ist mir so schwer, daß mir alles gleichgültig ist, weil ich meine kleine Schwester nicht finde,« entgegnete Grete.
»Madam schickt mich, Grete,« kam Therese an, »ich soll dich suchen helfen.«
»Ach, da ist Th'r–esel,« sagte Gretel. »Fräulein Dallmatz, wissen Sie schon: Hier ist Th'r–esel.«
»Wenn du Bildung hättest, Grete,« sagte Therese entrüstet, »so würdest du dich nicht so Dinge erlauben.«
Aber Grete faßte die gebildete Therese ohne Umstände unter und zog mit ihr ab.
Auf dem Hofe sagte ihnen der Schmied, er habe Olga und Adolf bei Schulzens eintreten sehen. Und da waren sie auch zu finden. Frau Schulze saß aufrecht im Bette, einen langen Stock in der Hand, mit welchem sie bis zur Thür hinreichen konnte, so daß jeder, der ohne ihren Willen das Zimmer verließ, sich einer regelrechten Anzahl Hiebe versehen konnte. Olga und Adolf aber lagen platt auf dem Bauch unter dem Bett gegenüber. Sie hatten heimlich, während Frau Schulze schlief, die Zuckerkanddüte leer genascht, waren dabei aber noch von der Kranken ertappt worden, die sofort nach ihrem Stocke griff, um ihren Schlingel durchzuprügeln.
»Aber du unartiges Kind,« schrie Grete in höchster Extase, »das werde ich an Mama schreiben. Wirst du wohl auf der Stelle hervorkommen!«
Dabei gelang es ihr, das eine von Olgchens Beinen zu erwischen, an welchem sie so lange beharrlich zerrte und zog, bis ihre kleine Schwester, nach welcher ihr das Herz so sehr verlangt hatte, mitten im Zimmer lag. Da stand denn Olgchen eiligst auf, steckte beide bloße Arme unter die Schürze und hielt Umschau, von welcher Seite sie etwaige Hiebe erwarten könne.
Aber die lustige Frau Schulze lachte schon wieder.
»Da ist bloß der nichtsnutzige Schlingel dran schuld,« sagte sie, »die Olga ist ein gutes Kind. Grete, schaff mir bloß den Jungen her, damit ich ihm die Jacke durchhauen kann.«
Olgchen, die sah, daß eine Gefahr für sie nicht mehr vorhanden war, kroch gemütlich wieder so weit unter das Bett, daß sie Adolfs Hemdkragen erreichen konnte, und es gelang ihr auch, ihn mit Gretens und Theresens Hilfe hervorzuschleifen. Bedenken, daß es unrecht sei, ihren Mitschuldigen einzuliefern, kannte sie nicht. Sie grinste vielmehr so froh, als bereite es ihr ein ungeheures Vergnügen, ihn der wohlverdienten Strafe zuzuführen.
»So,« sagte die Frau, »du Nichtsnutz, jetzt werde ich dir den Zuckerkand auf den Rücken geben. Bringt mir einmal den Bengel her, Kinder!«
»Zürne nicht, meine Mutter!« bettelte Adolf, der sich wie ein Verzweifelter wehrte, während er von den drei weiblichen Schergen Schritt um Schritt näher an das Bett gedrängt wurde. »Ach, Mutterchen, schweig stille, mein Herze; du bist auch solche kleine Puppenmutter, meine Mutter.« Und in seiner Angst brachte er seine schmächtigen Finger bis auf wenige Zoll zusammen, um auch die Größe seiner kleinen Puppenmutter anzugeben.
Frau Schulze steckte denn auch den Stock neben sich ins Bett und verabfolgte ihrem Sprößling nur einen lockeren Katzenkopf, der ihn gleichwohl zu großen Thränen rührte.
Indes schleppten Therese und Grete mit Olgchen ab.
»Mein liebes Tantchen Heinemannchen,« schrie Grete schon von weitem, »denke dir, dieses ungezogene Kind! Sie hat bei der Frau Schulze allen Zuckerkand aufgegessen und dann ist sie mit dem unartigen Jungen, dem Adolf, unter das Bett gekrochen. Aber Onkel Greding soll sie einmal ordentlich durchprügeln, meine liebe Tante Heinemannchen. Und wir werden es Mama schreiben. Mama hat gesagt, es giebt Streiche mit der Rute, wenn wir hier ungezogen sind. Nein, Tante Heinemannchen, was wir beide erleben müssen!«
Zum erstenmal, solange die Berliner Nichtchen da waren, kam Tante Heinemann etwas drollig vor. Sie ging ins Haus und holte ein Stück Schokolade, das sie Greten gab.
»Wenn du artig wärst, du abscheuliches Kind,« sagte sie zu Olga, »so hättest du auch welche bekommen.«
»Ich will gar keine,« versetzte Olgchen im Baß.
»Weil du keine kriegst,« flötete Grete im Diskant.
»Nein, ich will keine, weil ich schlechte Zähne habe,« sagte Olga darauf.
»Jemine! Jemine!« wimmerte Tante Heinemann, »solche Raffiniertheit!«
»Und du könntest mich halb tot schlagen, Tante Heinemann,« sagte Olgchen weiter und sah Tante Heinemann von der Seite an, »ich würde doch keine nehmen. Ganz tot schlagen könntest du mich – ganz tot schlagen – ganz tot schlagen,« und sie tippte mit ihrem kleinen Zeigefinger.
»Laß doch unser Olgchen, Tante Heinemannchen,« nörgelte Grete, »unser Olgchen hat schlechte Zähne, unser liebes, kleines Olgchen kann keine Schokolade essen.«
»Höchstens,« sagte Olgchen erbost, »wenn ich Schokolade haben wollte, würde ich zu einem Herrn gehen und würde sagen: Ach, mein Herr, wollen Sie mir nicht welche Schokolade kaufen, für zehn Pfennig, ich bin Olga Bartels von Wilhelm Bartels, Leipzigerstraße 37.«