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In den folgenden Tagen war davon die Rede, daß ein Besuch bei Sodens gemacht werden solle. Es wurde der kommende Sonntag dazu angesetzt. Frau von Soden und Friederike hatten Frau Consentius gebeten, auch Andrea mitzubringen.
Andrea war anhaltend guter Laune, sie wurde von allen Seiten liebevoll behandelt und bemerkte mit wahrem Entzücken, daß sie bedeutende Fortschritte in Schorndorf machte, Passagen, an welche sie sonst mit heimlichem Zittern gegangen war, bewältigte sie jetzt mit spielender Leichtigkeit.
Am Sonnabend Vormittag traf sie im Souterrain mit Christinen zusammen, die eben die Wäsche für die künftige Woche abgegeben hatte, nun den Stand der Vorräte besichtigte und nach Frau Piesekes Angaben verschiedenes notierte, was aus Teterow mitgebracht werden sollte. Frau Pieseke war sehr niedergeschlagen.
»Sie haben wohl Ärger gehabt, Frau Pieseken?« fragte Andrea.
»In der Wirtschoft nicht, Fräulein Andrea,« antwortete Frau Pieseke.
»Also von außen her. Schießen Sie einmal los! Wo klemmt's?«
»Denken sich Fräulein Andrea. Meine Nichte, was die Kantorn ist, hat durch den Schulzen Adulf sogen lassen, Fräulein Andrea, den Fräulein Andrea ja auch kennen werden, was wir denn jitzt den Kühen for Futter gäben.«
»Gott soll dir 'nen Sechser schenken,« sagte Andrea. »Ist Ihre Nichte, was die Kantorn ist, eine rindviehfreundliche Frau! Freuen Sie sich denn nicht darüber, Tante Pieseken?«
»Ja, das heußt, Fräulein Andrea, denn die Milch wär jitzt so dünn.« –
Christine hatte ein Körbchen mit Wein und Fleisch gepackt, das sie zu Frau Schulze tragen sollte. Sie forderte Andrea auf, mitzukommen.
Daß die Kranke über ein Vierteljahr gelähmt war und von morgens bis abends strickte oder Kanten häkelte, um das ihrige zum täglichen Leben beizusteuern, wußte sie auswendig; aber sie wußte nicht mehr, was sie der armen Frau Trostreiches sagen sollte. Am angebrachtesten war es jedenfalls, wenn sie ihre Sparkasse im Gange erhielt.
Andrea war gleich bereit, denn sie benutzte gern jede Gelegenheit, sich gefällig und dankbar zu erweisen.
Der Besuch fing auch ziemlich amüsant an. Dicht an der Einfahrt rollten Schulzens Adolf und Olga Bartels aus Leibeskräften mit dem niedrigen, hölzernen Kinderwagen, in welchem Schulzens Ännchen lag und schrie, daß sie braun und blau im Gesicht darob wurde. Adolf pfiff und heulte vor Vergnügen und schnitt Gesichter, und Olgchen schnarchte grimmig neben her.
»Muß doch gleich der Schornsteinfeger kommen und sie mitnehmen und sie in den Sack stecken, das ungezogene Kind.« Als ihr aber Andrea in die lockigen kurzen Haare griff, fuhr sie wie der Wind herum. »Ich kann es nicht vertragen,« sagte sie gravitätisch, »wenn mir eine Dame an meinen Kopf faßt.«
»Also daher der Name Opodeldok,« entgegnete Andrea mit einer großen Verbeugung.
»Alter Dallmatz!« knurrte Olgchen, die sich ärgerte.
»Machen Sie keine Chosen, Fräulein Olga Bartels, es hat ja keinen moralischen Hintergrund,« versetzte Andrea.
Aber Olgchen war heute in der ungezogensten Laune, sie beharrte darauf, daß Andrea ein alter Dallmatz sei, und fügte noch hinzu, daß sie auch trulala wäre.
Vor Schulzens Thüre stand Grete und wusch in einem alten Scherben Puppenwäsche.
»Gehorsamster Diener, mein Fräulein Dallmannchen,« sagte sie mit einem tiefen Tunker. »Und da ist ja auch mein teures Fräulein Christine. Ach, ich habe mich schon so sehr gesehnt, Sie einmal wieder zu sehen. Sie gehen wohl zu Schulzens. Ich kann leider aber nicht mitkommen, denn ich muß meine Wäsche erst fertig machen. Aber meine Elisabeth ist auch drin.«
»Grete Bartels,« sagte Andrea, »kannst du mir sagen, was trulala ist?«
Grete quietschte und steckte zur Erhöhung des Vergnügens ihren Finger in den Mund, den sie aber sofort mit Kreischen und Spucken entfernte, da er voll Seifenschaum war.
»Aber mein liebes Fräulein Dallmannchen, Sie wollen mich wohl uzen?«
»Grete Bartels, mir ist scheußlich ernst zu Mute.«
»Sie sind doch immer so ungeheuer drollig, mein teures Fräulein Dallmannchen,« entgegnete Grete, indem sie ihre Äuglein zärtlich zu winzigen Schlitzchen zwickte. »Trulala ist, mein Fräulein Dallmannchen:
Du bist verrückt, mein Kind,
Du mußt nach Berlin,
Wo die Verrückten sind;
Denn du hast den Spleen!«
Frau Schulze stand große Schmerzen aus.
»Das Wetter schlägt um, Sie werden es sehen, gnädiges Fräulein,« sagte sie zu Christinen. »Vielleicht kriegen wir auch ein Gewitter, heute oder morgen.«
»Oder übermorgen,« sagte Andrea, »oder überübermorgen. Machen Sie doch ein Fenster auf, es riecht ja hier schauderhaft nach Zwiebeln.«
»Ja, wir kochen im Ofen,« sagte die Frau. »Mein Mann ißt Zwiebeln so gern; aber ich kann sie nicht vertragen.«
»Es wäre Ihnen besser, wenn Sie sich eine Brühe von Fleisch kochten,« versetzte Christine.
»Sonnabends Fleisch! Fleisch haben wir nicht, gnädiges Fräulein. Früher haben wir immer dreimal in der Woche Fleisch gehabt, ehe ich ganz zu liegen kam. Aber das ist auch nicht schlimm, gnädiges Fräulein; wer hier unten viel entbehrt, wird dereinst im Überfluß empfangen oben im Himmel.«
»Es wird ja wieder besser werden,« mischte sich Elisabeth mit ihrer ruhigen Stimme ein. »Sie können doch Ihre Glieder schon ein wenig mehr bewegen, als es zuerst der Fall gewesen ist. Wir müssen Geduld haben und warten, daß die traurige Zeit vorübergeht. Ungeduld und Mißmut beschleunigt nichts; denn Gott läßt sich nichts abtrotzen. Ich warte schon drei Jahre, Frau Schulze, in tiefer Finsternis; aber ich möchte mich nicht vermessen, Gott eine Frist zu setzen. Ich hoffe von einem Monat zum andern, immer aufs neue.«
»Was können Sie schön trösten, Fräulein Elisabeth,« sagte die Kranke. »Aber wenn ich meinen Mann und meine Kinder nicht sehen sollte, das hielte ich nicht aus. Mein Junge ist ja unartig und dreist, aber er ist doch ein liebevolles, kleines Bengelchen. Und Jungens müssen unverschämt sein.«
Christine packte ihr Körbchen aus. Sie hatte auch Weizengebäck und Aufschnitt vom Frühstück darin. Davon machte sie der Kranken ein Brödchen fertig und schenkte ihr ein Spitzgläschen voll Wein. Das waren Delikatessen, bei deren Genuß die Frau vergaß, was sie zu leiden hatte.
Andrea fühlte sich von Sekunde zu Sekunde unbehaglicher. Sie gähnte ungeniert und stand auf, um die an den Wänden hängenden Bilder zu betrachten. Das eine stellte ein großes Herz dar, von gepreßtem Goldpapier, schief mit einem Rosenkränzchen behangen. Es hatte ursprünglich den Umschlag eines Pfefferkuchens geziert und war danach von der Kranken in den Rahmen ihres zerbrochenen Handspiegelchens gefaßt worden. Auf der Innenseite der Kleiderspindthür, die offen stand, klebte ein großes biblisches Bild in schlechtestem Buntdruck, die Himmelfahrt Christi vorstellend, sechs oder acht ähnliche Bilder hingen an den Wänden, mittendrin ein koloriertes Modekupfer.
Andrea sagte, sie müsse üben gehen und brach vorzeitig auf. Sie hatte sich nicht sehr gut betragen und spürte daher wenig Lust, mit Elisabeth noch zusammen zu sein.
Christine wäre am liebsten sogleich mitgegangen; aber sie fand merkwürdigerweise nicht den Mut dazu. Sie war ziemlich wortkarg geworden.
Auch als sie neben Elisabeth in Amtmanns Veranda saß, blieb sie still. Frau Schulze hatte auf heute oder morgen ein Gewitter prophezeit, und sie glaubte zu fühlen, wie es durch die Luft zog.
Zwischen ihr und Elisabeth lag eine Mißstimmung. Elisabeth hatte wohl verlangt, sie solle Andrea eine Zurechtweisung zu teil werden lassen; aber die war doch nicht erforderlich, wenn Elisabeth zugegen war, die immer wie ein Prediger sprach.
»Bleibt Fräulein Dallmann lange in Schorndorf?« fragte Elisabeth.
»Hoffentlich.«
»Fräulein Dallmann muß viel verborgene Vorzüge besitzen, Christine.«
»Gewiß, sie ist sehr amüsant.«
»Aber wenig liebenswürdig und gemütvoll,« entgegnete Elisabeth.
»Du nimmst es Andrea übel, daß sie nicht langweilig ist.«
»Du nennst frivol sein, ›nicht langweilig‹ sein.«
Christine hämmerte mit der Spitze ihres Stiefelchens auf den Fußboden.
»Wir kommen viel schneller zum Ziel, wenn du mir sagst, was du willst,« entgegnete sie kalt. »Ich werde Andrea nicht mehr mitnehmen zu der gnädigen Frau Schulze, denn ich will eine Freundin, die mich besucht, nicht fortwährenden Belehrungen aussetzen. Ich für meine Person denke, ich thue mein Möglichstes, wenn ich mich nach Kräften anstrenge, die Mittel zu einer gründlichen Kur für die Kranke zusammenzubringen.«
Elisabeth antwortete nicht; aber Christine sah, wie ihre Brauen sich schmerzlich senkten.
»Du bist unzufrieden,« sagte sie hastig.
»Nein.«
»Was fehlt dir sonst?«
»Ich bin traurig, Christine.«
Christine spürte ein großes, warmes Gefühl in ihr Herz einziehen; es war Reue. Sie hätte Elisabeths Hand nehmen mögen, um ihr Gesicht hineinzulegen.
»Du hast einen falschen Pfad eingeschlagen, Christine,« sagte Elisabeth. »Auf je größerer Höhe wir uns befinden, je mehr weitet sich unser Blick. Auf den Höhen ist die Luft am gesündesten und reinsten. Es verlohnt sich daher wohl, die kleine Mühseligkeit des Steigens zu ertragen.«
»Du hast recht,« versetzte Christine wieder üblerer Laune, »ich bin das verirrte Schaf, das so lange bequemlichkeitshalber bergab bummelt, bis es in eine Felsritze gerät, wo ihm Hören und Sehen vergeht. Was ist eigentlich Andrea?«
»Ein schlecht erzogenes Mädchen, das seinen Lebensweg bisher weniger ging, als daß es gestoßen wurde. Man kann sie nicht völlig zur Verantwortung ziehen, da sie der Macht der freien Bewegung entbehrt.«
»Inwiefern?«
»Andrea sind die Hände gebunden.«
»Da du das weißt, solltest du nachsichtiger sein.«
»Ich erkenne an, daß Andrea sehr gutmütig und der Dankbarkeit wohl fähig ist. Aber neben diesen kleinen Tugenden laufen Eigenschaften her, die für meine einzige Freundin verhängnisvoll zu werden drohen. Und was einer Andrea Dallmann noch leidlich ansteht, verunstaltet eine Christine Consentius schon. Andrea hat eine ungenierte Manier, sich zu bewegen, die leicht für unweiblich gelten kann, und eine oberflächliche Art und Weise zu sprechen, die oft frivol und herzlos ist.«
»Also unweiblich, frivol und herzlos!« lachte Christine gezwungen. »Ich danke, Fräulein Greding.«
»Ich konnte es dir nicht ersparen, Christine.«
»Was lest ihr denn jetzt Erbauliches! Das färbt doch wohl ab?«
»Wir lesen den Ekkehard.«
»Ich hatte dich schon in Verdacht mit geistlichen Schriften.« –
Tante Heinemann mußte auftrennen, sie hatte falsch gestrickt; aber es war kaum zu verwundern, denn sie hatte, im Zimmer sitzend, dessen Fenster offen standen, die Unterhaltung der beiden jungen Mädchen mit angehört.
»Ich habe eine schöne Angst ausgestanden, Lisabethchen,« sagte sie. »Die Gnädige ist, Gott sei Dank, sehr eingenommen von Greding, sonst könnte es böses Blut geben.«
»Was denn, Tante Heinemann?«
»Du hast ja Fräulein Christine ordentlich heruntergekanzelt. Das sind Übergriffe, Lisabethchen, die dir nicht zukommen.«
»Christine ist meine Freundin,« sagte Elisabeth.
»Ja, gewiß,« entgegnete Tante Heinemann. »Aber sie ist die Tochter vom Herrn und du bist die Tochter vom Amtmann.«
»Ich verstehe nicht, Tante, was du damit sagen willst.«
»Ich will damit sagen, daß ihr nicht eines Standes seid, Lisabeth. Und es ist besser, daß man es selbst bemerkt, als daß es einem gezeigt wird.«
Elisabeth lächelte. Sie hatte einen so großen Begriff von der Freundschaft und einen so kleinen von dem Standesunterschied, der schwer wog in Tante Heinemanns Augen. –
Am nächsten Tage wurde der Besuch bei Sodens unternommen. Frau Consentius, Christine und Andrea fuhren dahin; Herr Consentius, der am Vormittage wieder nach Kamerun und Nimrod gesehen hatte, zog es vor, zu Hause zu bleiben.
Andrea hatte Christinen frisiert. Als sie ihre Freundin danach betrachtete, ärgerte sie sich. Wie hübsch sah diese Christine aus, hübsch wie ein Bild und vornehm jeder Zug. Sie reckte ihren Jungenskopf, um sich auch im Spiegel erblicken zu können. Die Besichtigung fiel nicht zu ihrer vollen Zufriedenheit aus. Aber wie wohl erging es ihr hier in Schorndorf. Sie hatte keine Demütigungen zu ertragen, brauchte sich nicht die Füße wund zu laufen, weil sie einen Groschen Fahrgeld ersparen mußte, und brauchte nicht zu rechnen und demütige Briefe an ihre Verwandten zu schreiben, weil die Rechnung nicht auskommen wollte. Heute hatte sie ein gebratenes Täubchen, Weißbrot, außerordentlich gute Butter und ein Glas Milch gefrühstückt. So schlecht war Andrea nicht, um undankbar zu sein.
»Wie gefällst du dir, Christine?« fragte sie.
»Gut, natürlich. Du hast Feenhände, Andrea. Ich danke dir.«
»Ich will dich alle Tage frisieren, Christine, solange ich in Schorndorf bin.«
»Das kann ich nicht annehmen, Andrea.«
»Ich nehme auch eure Braten, Kompotts und andere Chosen an, wertester Schatz; verstandez-vous?«
»Sei nicht lächerlich, kleine Dallmann, das ist etwas ganz Anderes,« entgegnete Christine gerührt. –
Sodens schoben Kegel, als die Consentiussche Equipage vorfuhr.
Fräulein Friederike war ein gefährlicher Spieler; die Partei, deren Mitglied sie war, konnte im voraus versichert sein, den Sieg zu erhalten. Jetzt eben hoffte sie mit einem letzten Schub die Partie zum Abschluß zu bringen.
Friederike ließ ihre Kugel eine kleine Weile auf der Hand tanzen, ehe sie dieselbe schnurgerade mitten in die Kegel schickte. Es fielen alle Neun.
Als die geschobene Kugel in der Rinne herunterkam, warf Andrea eine andere entgegen. Der Zusammenprall war so heftig, daß die eine der beiden emporgeschleudert wurde. Unglücklicherweise erreichte sie Andreas Stirn.
Andrea taumelte mit einem kurzen Wehlaut zurück. Aber es war ihre eigene Schuld gewesen und sie durfte kein Ärgernis geben.
»Wohl bekomm's, wem's schmeckt,« sagte sie mit einem Versuch zu scherzen. Sie war kreideweiß geworden.
»Haben Sie sich sehr weh gethan?« fragte Friederike Soden besorgt.
»Docht! das heißt nein,« entgegnete Andrea. Sie fühlte sich plötzlich von einem Schwindel befallen und setzte sich.
»Ich will Ihnen etwas von unserem Bruder erzählen, Fräulein Dallmann,« sagte Sophie Soden nachlässig. »Als er noch ganz klein war und von unserem Kantor unterrichtet wurde, hatte er einmal in seiner Censur drei Stunden Nachsitzen verzeichnet, begründet durch den Passus ›wegen weil er vorlaut war‹. Wie gefällt Ihnen das?«
Frau Consentius schnitt eine Antwort Andreas ab, indem sie sich ihr näherte.
»Ich muß doch sehen,« sagte sie freundlich, »ob mein Pflegetöchterchen eine sehr böse Lektion empfangen hat.«
Andrea ließ das Tuch sinken, das sie gegengepreßt hatte. Ihr linkes Auge war verschwollen, auf der Stirn lag eine dicke Brausche.
»Du hast die günstige Gelegenheit, ordentlich Skandal zu machen, unbenützt vorübergehen lassen?« sagte Christine bewundernd.
»Es ist nicht mein erstes Debüt,« entgegnete Andrea.
»Was hast du bei solchen Gelegenheiten immer gemacht?«
»Mich ruhig verhalten, damit ich nicht Schläge obendrein bekam.«
»So schlimm soll es Ihnen hier nicht geschehen, Sie armes Fräulein Dallmann,« sagte Friederike. »Aber wie wäre es mit etwas kalten Umschlägen, Mama? Kommen Sie, wir wollen Ihnen kalte Umschläge machen.«
Sodens hatten vor einiger Zeit eine große Erbschaft gemacht, die ihnen sehr zu statten kam. Nun war das ganze Haus auf das eleganteste neu möbliert worden. Andrea hatte eine solche Pracht kaum für möglich gehalten.
Die jungen Mädchen saßen in Friederikens Zimmer, wo Frau von Sodens Jungfer Samariterdienste an Andrea leistete. Bald aber beharrte die Patientin darauf, eine Binde um das Auge zu legen.
»Ich bin wahrhaftig nicht mitgekommen, um Sie alle zu quälen,« erklärte sie.
Als der Kaffee eingenommen war, ließ Friederike anspannen. Sie hatte eine allerliebste, kleine Eselequipage. Das eine Grautierchen hieß Puck, das andere Mumm; aber Puck hatte Mucken, wie Fräulein Sophie behauptete.
Andrea und Christine nahmen in dem hübschen Korbwägelchen Platz, Friederike saß vorn. Sophie zog es vor, zu Fuß zu bleiben. Sie hatte sich nach dem Endziel der Fahrt erkundigt, gab vor, einen Richtweg dahin einzuschlagen und benutzte die nächste Biegung, um nach dem Schlosse zurückzukehren.
Die Fahrt ging durch den Garten und Park, Friederike schüttelte mit den roten Leinen, an denen Schellen saßen, und knallte mit der Peitsche, damit Puck bei guter Laune bliebe. Aber doch fing Puck bald an, seine Mucken zu zeigen. Er reckte seine langen Ohren, blieb stehen und schlug aus.
»Du wirst das ganze Geschirr zerschlagen, Puck,« schalt Friederike.
»I–a,« antwortete Puck.
»Es ist gut, daß du es wenigstens einsiehst. Aber jetzt vorwärts, du fauler Schlingel.«
»I–a!«
»Man kann dir wohl sagen, daß du ein großer Esel bist, ohne daß es eine Beleidigung wäre. Aber Mummchen wird anziehen. En avant, Mumm!«
Mummchen gab sich Mühe, vorwärts zu kommen, aber Puck sperrte sich so energisch, daß es von keinem Erfolg begleitet wurde.
»Du bist ein ganz inkonsequenter Bursche, mein kleiner Puck,« sagte Friederike phlegmatisch. »Du schreist ja und du schüttelst nein. Wir wollen es abwarten.« Darauf setzte sie sich schräg auf ihren Sitz und begann sich mit Andrea und Christinen zu unterhalten, die herzlich lachten.
Die Sonnenstrahlen fielen sengend heiß hernieder, und es wurde ungemütlich auf die Dauer, mitten im schattenlosen Wege zu halten und auf Pucks gute Laune zu warten. So sagte Friederike denn: »Wir wollen aussteigen und nach Hause gehen,« sprang herab von ihrem Sitz, knotete die Leine fest, legte die Peitsche in den Wagen und schlug mit ihrem Besuch den Rückweg ein, indem sie ihre kleine Equipage ihrem Schicksal überließ. Aber noch ehe sie selbst das Schloß erreichten, kamen Puckchen und Mummchen munter des Weges getrollt.
Es war windig geworden. Die mächtigen Bäume vor dem Schlosse rauschten, die Zweige fuhren aufgewühlt wild durcheinander. Der Himmel hatte sich mit grauem Gewölk dicht bezogen. Es brach ein fürchterliches Gewitter los. Man konnte sich in dem Wahn befinden, als würde eine große Schlacht in nächster Nähe ausgefochten. Der Donner dröhnte und krachte, so daß das Haus erbebte, die Blitze zuckten in rasender Schnelle von allen Seiten, Erde und Himmel waren wie in Glut getaucht.
Christine kniete, an allen Gliedern zitternd, vor ihrer Mutter, die beide Hände liebevoll um ihren Kopf gelegt hatte, Sophie Soden weinte und lamentierte und Frau von Soden sagte ein über das andere Mal: »Es ist schauderhaft, es ist wirklich schauderhaft. Du fürchtest dich wohl nicht, Friederike?«
»Ein wenig, Mama,« entgegnete Friederike.
Andrea sah hinaus. Als der Blitz einmal in voller Breite über den Himmel zuckte, war ihr's, es stände da geschrieben: Elisabeth.
Es erfolgte plötzlich ein so starker Schlag, daß alle, wie von einer elektrischen Feder berührt, zusammenfuhren; gleichzeitig stieg ein rötlicher Schein am Horizonte empor: es hatte eingeschlagen.
Die Kraft des Gewitters war hiermit gebrochen, der Regen begann reichlicher herniederzufallen, der Himmel hellte sich allmählich auf. Der Feuerschein, der sich immer mehr ausbreitete und sich höher heraufwälzte, stieg in der Gegend von Schorndorf auf. Herr von Soden beruhigte zwar; aber doch beharrte Frau Consentius darauf, sofort nach Hause zu fahren. Da die Wolken sich von Minute zu Minute mehr zerstreuten, mußte auch der Regen bald ganz nachlassen, der schon bedeutend spärlicher fiel.
Der Wagen hatte kaum den Hof eine Viertelstunde verlassen, als ein Reiter in sausender Carriere auf der Landstraße dahersprengte. Es war Amtmann Greding.
»In Schorndorf alles wohlauf, gnädige Frau,« sagte er, sein Pferd herumwerfend. »Es hat in Hochwitz eingeschlagen bei Excellenz Lauenstein; die Deputantenhäuser brennen.«
»Großes Feuer, lieber Greding?« fragte Frau Consentius.
»Sehr großes, gnädige Frau.«
»Die armen Menschen.«
»Sie werden wenig mehr als das nackte Leben retten,« sagte Greding.
Er zog seinen Hut und spornte sein Tier an, um zurückzureiten, als Frau Consentius ihre Hand aus dem Wagen streckte.
»Ich danke Ihnen, mein lieber Freund. Ich war in großen Sorgen. Ich danke Ihnen.«
Greding führte die Hand seiner Prinzipalin ehrerbietig an die Lippen. Der Mann floß wie eine Dachtraufe; er sah aus, als könne er keinen trockenen Faden mehr am ganzen Körper haben.
»Wo reitet der Herr Amtmann jetzt hin?« fragte Andrea.
»Jedenfalls nach Hochwitz,« entgegnete Frau Consentius.
»Es war eigentlich hübsch von ihm, uns entgegenzukommen, gnädige Frau.«
»Greding ist ein echter Freund,« sagte Frau Consentius nur. Aber was galt das Lob aus diesem Munde.