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Herr Consentius hatte am Nachmittag Besuch erhalten, der sich aber von dem Gewitter nicht vertreiben ließ. Herr von Behme rechnete vielmehr, es könne ihm noch das Glück beschieden werden, die Damen begrüßen zu dürfen. Und er hatte sich nicht geirrt.
Andrea hatte Kopfschmerzen, ließ es sich aber nicht merken, da sie fürchtete, nach ihrem Zimmer gesandt zu werden. Christine erzählte von dem Mißgeschick auf der Kegelbahn und von der hübschen Spazierfahrt mit Puck und Mumm.
»Stehen Sie mit Ihrer Cousine Wilhelmine von Weidner in Korrespondenz?« fragte sie.
»Das eigentlich nicht; aber ich hatte die Ehre, mit einigen Kommissionen von meiner Cousine betraut zu werden, die unumgänglich einen kleinen Briefwechsel nach sich zogen.«
»Wilhelmine hat jetzt Besuch.«
»So ist Fräulein Teschner also angekommen. Die Unterhandlungen wurden gepflogen, als ich in Wernigerode war.«
»Jawohl, und ich habe Wilhelminen und Rosa vorgeschlagen, die Rückfahrt von Wernigerode über Schorndorf zu machen.«
»Aber davon habe ich ja keinen blassen Schimmer,« fiel Andrea ein.
»Ich vergaß, schönstes Fräulein, deine werte Einwilligung nachzusuchen. Wilhelminens Brief kam gestern Vormittag an; am Nachmittag habe ich bereits geantwortet.«
»Besten Merci,« sagte Andrea.
»Ich kenne wenige so liebenswürdige Mädchen, wie Wilhelmine von Weidner ist,« entgegnete Herr von Behme.
Am nächsten Morgen nach dem ersten Frühstück benutzte Andrea eine freie Stunde, um zu Gredings zu gehen. Sie wußte selbst nicht recht, was sie zu dem Besuche veranlaßte. Sie war versichert, daß sie sich eines gewissen Mißkredits bei Elisabeth erfreute und beabsichtigte nicht, irgend etwas zu thun, das sie in ein besseres Licht zu setzen vermöchte. Aber ihre Heldenthaten vom vergangenen Tage bedrückten sie; denn sie hatte sich eigentlich sehr mutig betragen.
»Wie geht es Ihnen, wertestes Fräulein?« redete sie Elisabeth an, die im Garten spazieren ging.
»Sehr gut, Andrea.«
»Sie sehen ja so feierlich aus.«
»Ein Gewitter, wie es das gestrige war, wirkt bei mir immer längere Zeit nach.«
»Hören Sie, Elisabeth, der Rummel!« lachte Andrea. »Sie sollten gestern bei Sodens gewesen sein! Die Sophie, die Jüngere, die Naseweise, wäre am liebsten in ein Mäuseloch gekrochen. Ich habe mir den Zauber ordentlich mit angesehen. Wo haben Sie eigentlich gesteckt?«
»Im Garten.«
»Was haben Sie im Garten gethan?«
»Vater hat mich zeitig daran gewöhnt, beim Gewitter im Freien zu sein.«
»Sie können ja von dem ganzen Rummel nichts sehen. Was haben Sie sich wohl dabei gedacht?«
»Daß Gott groß ist, Andrea.«
»Sie sind ein schauderhafter Anstandsbaubau, Elisabeth,« sagte Andrea verlegen. »Wer zieht Sie immer an?«
»Tante Heinemann.«
»Daß die alte Frau einen so ausgesucht guten Geschmack hat!«
Elisabeth lächelte.
»Sie wissen vermutlich gar nicht, wie reizend Sie gekleidet gehen, Elisabeth.«
»Tante Heinemann thut wohl ihr Möglichstes,« sagte Elisabeth ernst.
»Stimmt Schulze – 'nen Sechser wieder.«
»Sie scheinen sich gut zu amüsieren, Andrea.«
Jetzt stutzte Andrea doch.
»Ich amüsiere mich nur schlecht, wenn ich schwach bei Kasse bin, und das spielt in Schorndorf nicht mit. Gestern bei Sodens ist mir's übrigens gut ergangen. Wir schieben Kegel. Das eine Ding von Kugel prallt hoch und schlägt mir beinahe das Auge aus dem Kopf. Sie sollten Ihre Lust haben, wenn Sie mich sehen könnten.«
»Wenn Sie sich sehr verletzt haben, würde ich Sie nur bedauern, Andrea.«
»So bedauern Sie mich. Wissen Sie, ich sehe aus wie Ödipus; so heißt ja wohl der einäugige Onkel.«
»Polyphem, Andrea.«
»Meinetwegen Polyphem,« sagte Andrea. »Es ist wohl interessanter, Elisabeth, zu üben, als hier mit Ihnen spazieren zu gehen.
»Das müssen Sie am besten selbst beurteilen können.«
Andrea lachte wieder.
»Leben Sie also wohl, wertester Schatz,« sagte sie feierlich. »Ich habe die große Ehre, mich Ihrem geschätzten Wohlwollen zu empfehlen, indem ich bleibe Ihre ergebene Andrea Dallmann.« –
Während des Mittagbrotes war von nichts anderem als dem Brande in Hochwitz die Rede. Es waren sechs Gehöfte in Asche gelegt worden, die von etwa zwanzig Familien bewohnt wurden. Keine dieser Familien war versichert. Hausrat war fast gar nicht gerettet worden, kaum daß einige Stücke Vieh aus den brennenden Gebäuden gezogen waren. Excellenz Lauenstein that, was in seinen Kräften stand, um die Leute unterzubringen und der augenblicklichen Not zu steuern, aber der Jammer war doch sehr groß.
Herr und Frau Consentius kamen dahin überein, am Nachmittag einen Wagen, mit Möbeln, Wirtschaftszeug und Kleidungsstücken beladen, nach Hochwitz zu senden. Die Überbringerin der Liebesgaben sollte Madam Pieseke sein. Andrea hätte es hübscher gefunden, wenn ihr und Christinen diese Mission zugefallen wäre.
Am Nachmittage fuhren Sodens vor. Frau von Soden war die Vorsitzende eines erst kürzlich gegründeten Frauenvereins. In dieser Eigenschaft hatte sie den Abgebrannten in Hochwitz einen Besuch abgestattet.
»Es sieht schauderhaft in Hochwitz aus,« sagte sie, »die armen Menschen hausen wie die Zigeuner auf Scheunentennen und in Ställen. Sie wissen doch, daß die Deputanten abgebrannt sind, der herrschaftliche Schmied, Gärtner, Jäger, Stellmacher, Brenner u. s. w. Der Jäger war acht Tage verheiratet, die Frau ist eine Lehrerstochter, die Leute sollen allerliebst eingerichtet gewesen sein und es ist kein Faden gerettet worden. Der Mann weinte, als ich mit ihm sprach; die Frau ist wie irrsinnig. Ich habe den Leuten ausreichende Hilfe zugesagt. Lauenstein hat schon die Maurer da. Wissen Sie, was ich für ein Projekt habe? Wir arrangieren in Teterow irgend etwas, das ordentlich Geld einbringt. Die Mittel des Frauenvereins sind noch sehr beschränkte.«
»Vielleicht einen Bazar?« fragte Christine, die ganz fortgerissen war, während Frau Consentius der Ausschüttung mit ruhigem Lächeln zuhörte.
»Ein Bazar ist veraltet,« sagte Sophie Soden. »Überall, wo etwas geschehen ist, wird ein Bazar eröffnet.«
»Ich denke, wir stellen lebende Bilder,« entgegnete Frau von Soden, »die durch irgend etwas in Zusammenhang gebracht werden müssen. Die Begleitung auf dem Flügel, denn es muß natürlich unter Musikbegleitung geschehen, übernimmt Fräulein Dallmann.«
Andrea hätte aufjubeln mögen. Sie fühlte täglich festeren Boden unter ihren Füßen. Bittend sah sie zu Frau Consentius hinüber, daß diese ihre Einwilligung gebe.
»Dazu wird es erforderlich sein,« sagte Frau Consentius nach einigem Überlegen, »daß wir uns mit Frau Doktor Moosbach in Verbindung setzen. Frau Doktor Moosbachs Stimme gilt viel in Teterow. Die jungen Herren und Damen aus Teterow können bei Stellung der Bilder auch nicht übergangen werden.«
»Behüte, wir gebrauchen viel Personal!«
»Wenn ich an Wilhelmine von Weidner und Rosa Teschner schriebe, daß sie sofort kommen, Mama?« fragte Christine erregt. »Wilhelmine und Rosa sind zwei Goldfische, gnädige Frau, denen es auf einige hundert Mark für Kostüme nicht ankommt.«
Es wurde verabredet, daß Consentius' am nächsten Tage einen Besuch bei Doktor Moosbachs machen sollten, um die Doktorin für das Projekt zu interessieren. Alle Verhandlungen sollten mit möglichster Eile betrieben werden, damit die Vorstellung in spätestens drei Wochen stattfinden konnte. –
Bei Consentius' war ein neues Hühnerhaus gebaut worden, das Friederike Soden besichtigen wollte. Es war mit einem allerliebsten kuppeligen Dach gekrönt und sah wie eine riesige grüne Zwiebel aus.
Die jungen Mädchen machten sich dahin auf den Weg.
Fräulein Friederike hatte von einem Vetter, einem Großgrundbesitzer, Perlhühner geschenkt bekommen und einen Stamm ägyptischer Zwerghühner, für welche ein kleiner Bau nach Art des Schorndorfer aufgeführt werden sollte. Friederike nahm daher jede Einzelheit sehr liebevoll in Augenschein. Kleine Geschöpfe, die ihrer Sorgfalt unterstellt waren, kamen nie ganz schlecht fort; davon konnten Puck und Mumm ein Liedchen singen.
»Wohin führt diese kleine Thür?« fragte Sophie Soden.
»Auf den anderen Hof.«
»Kann man hier nicht gleich austreten? Es ist ja schauderhaft langweilig, die ganze Stallherrlichkeit zurückgehen zu müssen.«
Die Thür wurde aufgestoßen und die jungen Mädchen traten heraus.
Bevor sie zur Einfahrt gelangten, mußten sie eine kurze Strecke an Amtmanns Garten vorübergehen. Der Hof war an dieser Stelle etwa dreißig Schritt breit.
Über den Gartenzaun hängte ein Fliederstrauch seine Zweige, so daß eine hohe natürliche Laube dadurch gebildet wurde. In dieser Laube saß Elisabeth. Sie trug ein großblumiges weites Kattunkleid. Hinter jedem Ohr steckte steif ein Büschel Radeblumen. Den Hals hatten ihr Olga und Grete mit ihren Schürzenschnüren geschmückt, so daß die vier faustdicken Pompons auf die Brust herabhingen. Elisabeth hatte die Hände in den Schoß gelegt, Olga und Grete machten auf einem nebenstehenden Wagen Turnversuche.
Die beiden kleinen Berlinerinnen waren in übelster Laune; denn Tante Heinemann hatte jeder von ihnen für unstatthaftes Betragen und naseweise Antworten einen Denkzettel in Form eines Katzenkopfes verabfolgt und das hatten die Wildfänge bedenklich übelgenommen.
»Wer ist das?« fragte Sophie Soden.
»Die Tochter von unserem Amtmann,« sagte Andrea mit gedämpfter Stimme. Darauf hob sie ihr Kleid in die Höhe, reckte die Füße spitz, als wolle sie durch ein taufeuchtes Grasfeld stiefeln, winkte ihren Genossinnen komisch Ruhe zu und hub an, mit hohen vorsichtigen Schritten bedächtig vorüberzuwandeln. –
»Unterm Tannenbaum im Gra–as
Gravitätisch sitzt der Ha–as,«
machte sie, indem sie ihrer Stimme einen kinderhaften Klang verlieh, mit einer schwunghaften Armbewegung nach Elisabeth.
»Alter Dallmatz!« schrie Olgchen herüber und streckte die Zunge heraus. Grete hatte sich mit der rechten Hand an die Wagenleiter gehängt, mit der Linken leistete sie sich eine lange Nase ins Blaue hinein.
Christine war erschreckt bei Elisabeths Anblick einige Schritte zurückgeblieben. Ihr erster Gedanke war, wie fatal es sei, ihre Freundin vorstellen zu müssen. Elisabeths Kleidung spottete heute aller Beschreibung und Grete und Olga sahen wirklich verwildert aus. Als sie Andreas unartiges Benehmen bemerkte, schämte sie sich.
Sodens hatten eben die Einfahrt erreicht, als sie zu Elisabeth herantrat.
»Wie geht es dir heute, Elisabeth?«
»Gut, Christine.«
»Wir haben Besuch, Sodens sind da. Du kennst Sodens nicht, sie haben sich erst vor nicht ganz zwei Jahren hier angekauft. Ich habe eben unseren neuen Hühnerstall vorgestellt. Was sagst du zu dem Brand in Hochwitz?«
»Ich bedaure, daß ich blind und wenig bemittelt bin. Vater will morgen einen Wagen beladen lassen und nach Hochwitz schicken. Wir können einige Möbel sehr gut entbehren; außerdem sucht Tante Heinemann Wirtschaftszeug heraus und Kleidungsstücke.«
»Die Leute bekommen schließlich mehr als sie verloren haben. Es soll auch eine Vorstellung arrangiert werden. Ich erzähle es dir wohl morgen,« sagte Christine. » Au revoir!« –
Während des Abendbrotes unterhandelten Christine und Andrea über wirksam darzustellende Bilder. Sodens waren bald nach der Rückkehr aus dem Hühnerhause fortgefahren.
»Was hast du eigentlich zu deinem Konzert für ein Kleid getragen, Andrea?«
»Blaßblauen Atlas.«
»Das könntest du dir zu unserer Vorstellung schicken lassen.«
»Es ist verpackt.«
»Verpackt?«
»Gewiß, so kostbare Sachen läßt man nicht frei umherliegen.«
»Es ist wohl sehr hübsch gearbeitet?« fragte Christine.
»Fein mit Ei! von einem Schneider; es sah pompös aus. Meine Wirtin hat mich angestarrt wie ein Weltwunder.«
»Du schickst deiner Wirtin den Schlüssel zu dem Koffer oder Schrank, worin es aufbewahrt wird.«
»Das Kleid ist doch kein Morgenrock, Christine, meine Wirtin versteht nicht, damit umzugehen. Wir möchten es in einem guten Zustande herbekommen.«
Andrea hatte keinen Appetit. An ihre Toilette zu der Wohlthätigkeitsvorstellung hatte sie bisher nicht gedacht. Sie hatte zu sehr das Gefühl gehabt, Pflegetöchterchen in Schorndorf zu sein.
Unter Andreas Reisegepäck befand sich auch ein Schächtelchen mit Cigaretten; aber Fräulein Dallmann hatte bis zur Stunde nicht gewagt, in Schorndorf davon Gebrauch zu machen. Als sie jedoch mit Christinen in deren Wohnzimmerchen saß, holte sie ihr Etui hervor.
»Rauchst du, Christine?«
»Ich danke, Andrea. Das Rauchen ist eine Kunst, die in Schorndorf nicht recht geübt werden kann.«
»Und ich beabsichtige, mir einige Tausend schicken zu lassen und euch hier auszuräuchern.«
»Ich sprach im Ernst, Andrea.«
»Ich ebenfalls, Christine.«
Andrea zog einen Schaukelstuhl heran, in welchen sie sich niederließ, und begann, sich langsam hin und her zu wiegen.
»Ich bin melancholisch wie Fräulein Friederikens Mumm und rabiat wie Fräulein Friederikens Puck; vielleicht wird mir nach dem bißchen Rauchen besser; du erlaubst ja doch!«
»Heute nachmittag warst du weniger melancholisch, Andrea. Ich habe ein ernstes Wort mit dir zu sprechen. Du stellst dich ganz merkwürdig zu Elisabeth. Heute hast du gewagt, sie in ein lächerliches Licht zu setzen. Aber es gelingt dir nicht, sage ich dir.«
»Du hast recht, Heinemännchen kommt mir immer zuvor.«
»Das Thema mit Elisabeths Anzug ist nachgerade abgethan.«
»Fräulein Elisabeth Greding sorgt dafür, daß es immer im Gange bleibt.«
»Du bist blind, Andrea.«
»Man sollte es mitunter sein, aber man ist es nicht. Ich sah heute beispielsweise, daß es dir gar nicht ungelegen kam, als ich es wagte, dich um den Genuß zu bringen, deine Herzensfreundin vorstellen zu können.«
»Ich spreche nicht von äußerer Blindheit, Andrea, ich spreche von innerer Blindheit,« sagte Christine beklommen. »Der Schein ist deine Welt.«
»Die deinige auch.«
»Du hast recht. Aber es ist doch nicht zu spät, auf dem falschen Pfad, den man eingeschlagen hat, noch umzukehren.«
»Aber wertester Schatz, sind das Chosen!« rief Andrea aus. »Es hat ja keinen moralischen Hintergrund.«
»Doch hat es den! Aeußere Schätze und äußere Vorzüge gelten alles bei dir, innere Schätze und innere Vorzüge gelten nichts.«
»Ich kann mir von meinen inneren Schätzen und wenn ich den scheußlichsten Hunger habe, nicht eine einzige Schrippe kaufen, äußerlich gebrauche ich nur einen Dreier dazu. Und mit meinen inneren Vorzügen sollte es mir schwer gelingen, von Fräulein Sophie Soden das Zugeständnis zu erlangen, mich neben ihr sehen zu lassen, da muß ich schon meine äußeren Vorzüge zu Hilfe rufen. Innerlich blind! Auf diese Weise wäre die ganze Welt innerlich blind!«
Christine blieb eine Zeitlang still, Andrea pustete kräftig Dampfwolken aus. Dabei fiel ihr ein Liedchen ein, das ein Schustergeselle, der bei ihrem Vater arbeitete, beim Hämmern und Nähen zu singen pflegte, wenn er sein sauer verdientes Geld Sonntags auf dem Tanzplatze alles verjubelt hatte.
»Sechs Dreier, sechs Dreier
Das ist mein ganzes Geld,
Damit bin ich so lustig
Wie einer auf der Welt.«
»Was ist das für ein Lied, das du da singst?« fragte Christine.
»Ich habe es vor langen Jahren von einem Studenten gehört, der bei uns verkehrte,« entgegnete Andrea. »Also – Schatz, Christine, wenn es sich wieder einmal fügen sollte, daß wir mit Sodens in Elisabeths Nähe geraten, so habe ich Front zu machen und die Unterhaltung einzuleiten; für die Fortdauer derselben wird schon Elisabeth sorgen.«
»Du weißt, daß Elisabeth ein gut erzogenes und sehr kluges Mädchen ist.«
»Jawohl, sie hat mir erzählt, daß ihr Großvater Tuchmacher war. Sophie Soden macht ihr jedenfalls eine Verbeugung mehr dafür. Raten möchte ich es ihr, sonst könnte sie Elisabeths ganze wuchtige Moral zu schmecken bekommen. Elisabeth ist der großartigste und langweiligste Baubau, den ich in meinem Leben gesehen habe.«
»Elisabeth steht in großem Ansehen bei meinen Eltern, Andrea.«
»Trotzdem macht deine Mama einen Unterschied. Elisabeth wird nie eingeladen, wenn Fremde bei euch sind.«
»Weil Elisabeth blind ist und gesellschaftlich stört.«
»Valleri, valleri, juchheida!« sang Andrea. »Rauche lieber eine Cigarette, wertester Schatz. Ich beabsichtige gar nicht, Elisabeth etwas von ihren inneren Schätzen und Vorzügen abzustreiten. Aber Elisabeth ist keine Glasglocke und so leuchten ihre verborgenen Herrlichkeiten nicht durch. Da sie nun schon äußerlich blind ist, freut es mich aufrichtig, daß sie nicht mit demselben Leiden innerlich behaftet wurde. So ganz schlecht ist mein Charakter auch nicht. Versuche einmal zu rauchen, du weißt nicht, wie angenehm es ist.«
Christine zündete sich eine Cigarette an. Was hatte es auch für einen Zweck, bei dem Thema von der innerlichen Blindheit stehen zu bleiben! Andrea hatte so unrecht nicht mit dem, was sie sagte.
»Himmel! wenn man es doch erst zu etwas gebracht hätte,« hub Andrea nach einer Pause an. »Ich würde mir ein Quartier ›Unter den Linden‹ mieten, ein Schlafzimmer, ein Ankleidezimmer, ein Speisezimmer, ein Boudoir, einen Salon und ein Fremdenzimmer, – wenn mich einmal eine Freundin besucht. Entweder würde ich Rappen oder Schimmel fahren, Falben und Füchse stehen mir nicht; ich bin selber ein halber Fuchs. Aber meine Zofe müßte das haben, was Friederike Soden vor ihren kleinen Korbwagen spannt – Mumm,« und Andrea lachte herzlich über ihren Witz. »Die Lorbeerkränze, die ich bekomme, werden im Boudoir aufgehängt. Morgens setzt man sich hin und übt, dann empfängt man Besuche und dann wird weiter gespielt. Die Leute, die zu früh oder zu spät kommen, werden einfach fortgeschickt. Man diniert fein, macht großartig Toilette und spielt – spielt – spielt. – Habt ihr schon die kleine Dallmann gehört? – Ah, magnifique! die kleine, große Dallmann! Die Billets zu meinen Konzerten sind acht Tage zuvor vergriffen. Nach dem Konzert soupiert man mit guten Freunden. Und die Reisen! Die Schweiz – Italien – Bagatellen. Ich mache natürlich auch eine Kunstreise nach Amerika. Späterhin wird ein Fürst geheiratet, valleri, valleri, juchheida!«
Andrea rauchte wie ein Schornstein. Das, was sie noch alles erleben würde, sollte sie reichlich entschädigen für das, was sie bisher entbehren mußte.
Christine kämpfte mit aufsteigender Übelkeit, sie hatte das Gefühl, als sitze sie auf einem Karussell und werde unaufhörlich im Kreise gedreht. Endlich machte sie das Fenster weit auf und schleuderte die Cigarette hinaus.
»Sind das Chosen,« sagte Andrea.