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Consentius' brachten von der Excellenz Lauenstein eine Nachricht mit nach Hause, die Andrea lebhaft interessierte. Es war ein Picknick verabredet worden. Hierzu würde ihre Toilette ja wohl ausreichen.
Das arme Mädchen litt schwer unter dem Gedanken, sie könne auch jetzt zu Hause gelassen werden. Es wäre damit gesagt worden, daß man ihr aus Gnade und Erbarmen in Schorndorf Unterkommen und Beköstigung gewährte. Aber sie konnte auch dann nichts thun; denn sie besaß erst in fünf bis sechs Wochen die Mittel, nach Berlin zurückzukehren und da zu leben. Im Notfall wollte sie mit Christinen eindringlich sprechen. Vorderhand fand sie es für das beste, möglichst liebenswürdig zu sein und die Sache abzuwarten.
Aber sie übte schlecht an dem Tage. Es klippte und klappte nicht. Deshalb stieg sie nachmittags noch einmal in das zweite Stockwerk empor, um das Versäumte nachzuholen. Beim Abendbrot erfuhr sie dann, daß Sodens inzwischen dagewesen waren. Die Landpartie sollte am künftigen Montag stattfinden.
»Andrea hat so niedlich Haus gehalten, als wir bei Excellenz Lauenstein waren,« sagte Frau Consentius lächelnd, denn sie wußte wohl von Andreas Attacke auf das Eingemachte; aber sie hatte auch erfahren, daß Andrea noch fleißig geübt hatte, »daß wir ihr eigentlich eine kleine Belohnung schuldig sind. Hätten Sie Lust, Andrea, sich ein hübsches Kleid machen zu lassen?«
»Meine Mittel würden mir eine solche Ausgabe schwerlich erlauben, gnädige Frau,« entgegnete Andrea verlegen; aber sie merkte, daß von einem Geschenk die Rede war.
»Ihre Mittel kommen dabei gar nicht in Betracht,« versetzte Frau Consentius freundlich. »Sie fahren morgen Nachmittag mit Christinen nach Teterow. Ich gebe Ihnen ein Briefchen an Frau Doktor Moosbach mit, die jedenfalls so freundlich ist, Ihnen bei der Auswahl des Stoffes behilflich zu sein. Frau Doktor trifft auch die nötigen Vereinbarungen mit der Schneiderin, damit Sie das Kostüm bestimmt zum Sonntag erhalten. Sonst müssen Sie Montag zur Landpartie Ihr graues Kleid anziehen.«
Andrea holte sehr tief Atem. Dabei zitterte ihr Kinn und ihre Augen blinzelten. Wahrhaftig, das Weinen war ihr nahe! Ihre Backen brannten dunkelrot auf, als sie dankbar zu Frau Consentius hinübersah. Man mußte mit Andrea Nachsicht haben; denn es war viel durch Erziehung an ihr gesündigt worden.
Am nächsten Tage war sie in ausgelassenster Laune. Sie hatte vorzüglich geübt, hatte zu Mittag wie ein Wolf gegessen, so daß Herr Consentius sagte: »Jetzt giebt's nichts mehr, Andreachen. Sie verderben sich sonst den Magen!« – und amüsierte sich jetzt auf dem Wege nach Teterow über die Füchse, die lieber Schritt als Trab gingen. Dabei fing sie an, alle Leute, welche des Weges kamen, zu grüßen. Sie machte jedesmal eine so plötzliche und schwungvolle Verbeugung, als wolle sie aus dem Wagen stürzen.
Einige nahmen es für Ernst und dankten, andere blieben erstaunt stehen, oder schimpften kräftig hinterdrein.
Andreas letztes Opfer war ein eleganter Herr, der spazieren ging. Fräulein Andrea Dallmann machte ein betroffenes Gesicht, als wisse sie augenblicklich nicht, wo sie den Fremden bereits gesehen habe, und schnellte dann zu einer so kräftigen Verbeugung empor, daß der Herr nicht anders konnte, als den Hut ziehen. Als Andrea zurückblinzelte, sah sie, daß er sich umgewandt hatte und der Equipage mit den Augen folgte.
Es war so jungenhaft übermütig und drollig, daß Christine herzlich darüber lachte. Andrea war doch amüsant. Nicht nur, daß es interessant war, ihr zuzuhören, wenn sie ihrer Phantasie den Zügel schießen ließ, sie hatte auch viele neckische Einfälle und sie war wahrhaftig noch unterhaltend in ihrer Unverfrorenheit. Es war köstlich unverschämt von ihr gewesen, Madam Pieseken in die Einmachtöpfe zu fahren.
Frau Doktor Moosbach war mit Vergnügen bereit, der Aufforderung von Frau Consentius nachzukommen. Es wurde ein ganz reizender hellfarbiger Satinstoff für Andrea ausgewählt. Das Kleid war orientalisch gemustert und sollte mit Schleifen in oliv und rotbraun ausgestattet werden.
Andrea hatte den Kopf so voll Dummheiten, daß sie nicht einmal in den Geschäften, die besucht werden mußten, Ruhe hielt. Sie war in dem einen Augenblick überhöflich wie Frau Pieseke, nahm gleich darauf mit geöffnetem Munde eine einfältige Miene an; sie war elegant, dreist und kam sogar auf die merkwürdige Idee, mit verhüllter Stimme zu sprechen, als hätte sie Stockschnupfen. Und die Ursache? Ein Kleidchen mit Schleifen und eine Landpartie! Arme Andrea!
»Weshalb haben Sie Elisabeth nicht mitgebracht, Christinchen?« fragte Frau Doktor Moosbach beim Kaffee.
»Ich muß zu meiner Schande eingestehen,« entgegnete Christine, »daß ich gar nicht an die Möglichkeit dachte, Elisabeth könne mitkommen, als die Fahrt nach Teterow beschlossen wurde. Mama hat auch nichts davon gesagt …«
»Gott sei Dank!« endigte Andrea.
»Gott sei Dank?« fragte Frau Doktor Moosbach, die nur mit Mühe das Lachen verbarg.
»Schelten Sie Andrea ordentlich aus, liebe Frau Doktor,« versetzte Christine. »Wenn nicht Elisabeth so liebenswürdig wäre, hätten wir schon manchen hübschen Auftritt erlebt.«
»Ich muß behaupten, daß ich mindestens ebenso liebenswürdig bin, Christine. Ich habe Elisabeth noch nicht ein einziges Mal aufgezogen.«
»Das sollte dir schwer werden, Andrea.«
»Aber wieso? Sind das Chosen! Denken Sie, Frau Doktor Moosbach, ich bin noch nicht vierundzwanzig Stunden in Schorndorf, da hält mir diese Christine eine wuchtige Ansprache, ich solle es mir nie beikommen lassen, mich über Elisabeths Toiletten lustig zu machen. Und es that not.«
»Ich finde,« heuchelte Frau Doktor Moosbach lächelnd, »daß Elisabeth sehr geschmackvoll gekleidet geht.«
»Ja, ich finde es auch,« versetzte Andrea. »Wenn ich sie um Mitternacht sehe, falle ich aus dem Bette. Sie sieht aus wie eine Weihnachtspuppe.«
»Es hat wenig auf sich,« nahm Christine einen schwachen Ansatz, ernstlich für Elisabeth einzutreten, »wie Elisabeth aussieht, da es so schwer wiegt, was Elisabeth gilt. – Was sagt übrigens Herr Doktor Moosbach? Glaubt er, daß es möglich ist, Elisabeth zu operieren?«
»Mein Mann will sich nicht mehr um Elisabeth bekümmern,« entgegnete die Doktorin. »Er ist ernstlich böse auf Gredings. Die Leute können nicht erwarten, daß der Star reif wird, quacksalbern und werden dadurch die ganze Operation in Frage ziehen. Mein Mann hat Elisabeth seit einem halben Jahre nicht gesehen.«
»Aber handelt Herr Doktor Moosbach recht daran?« fragte Christine.
»Was soll er thun, Christinchen? Er kann sich doch nicht vordrängen. Er hat erfahren, daß Greding einen andern Arzt konsultiert hat.«
»Ja, einen Spezialisten, wie mir Mama sagte. Herr Amtmann ist so besorgt, daß er sich gern von verschiedenen Seiten beruhigen läßt. Ich würde es, glaube ich, ebenso machen. Und Herr Doktor Moosbach, meine liebe, gute Frau Doktor, sollte ein zu guter Freund von uns Schorndorfern sein, um engherzig zu werden.«
Andrea hatte an der Tischkante Bewegungen mit ihren Händen gemacht, als drehe sie einen Leierkasten. Jetzt sagte sie schwungvoll: »Kinder, laßt ihr! Überhaupt, Schatz, Christine –« das neue Kleid fiel ihr ein und die Landpartie, und sie ergriff Christinen mit beiden Händen herzlich beim Kopf – » chaque à son goût.«
» Chacun, Andrea!«
»Meinetwegen! Wohl bekomm's, wem's schmeckt,« sagte Andrea und lehnte sich in ihren Stuhl zurück. Sie hatte während der kurzen Unterhaltung den einen Kuchenteller fast vollständig leer geputzt. –
Als Andrea am Montag nach dem Souterrain ging, um sich ihr zweites Frühstück verabfolgen zu lassen, knüpfte sie mit Frau Pieseke eine Unterhaltung an.
»Was nehmen wir denn heute alles mit, Frau Pieseken?« fragte sie.
»Weißbrot, Butter, gebockenen Schinken und gebrotene Hähnchen, Fräulein Andrea.«
»Was weiter?« fragte Andrea.
»Einen Kurb Wein, Fräulein Andrea.«
»Haben Sie keinen Kuchen gebacken, Tante Pieseken?«
»Kuchen und geschmorte Früchte bringen die gnädigen Fräuleins von Soden mit.«
»Was ist denn die Alte für eine Frau, die Mutter?«
»Fräulein Andrea meunen die gnädige Frau von Soden?« fragte Frau Pieseke entsetzt.
»Ja, Frau Pieseken, ich meune die gnädige Frau von Soden, wenn diese gnädige Frau von Soden die Mutter der beiden Fräuleins von Soden ist.«
»Die gnädige Frau von Soden sind eine sehr vornehme Dame, Fräulein Andrea, und tanzen mit den gnädigen Fräulein Töchtern um die Wette. Aber so was Fürschtliches wie unsere Gnädige, Fräulein Andrea, hoben die gnädige Frau von Soden nicht.«
Andrea leckte ihre Fingerspitzen ab und stieg wieder hinauf. Herr Consentius, der in dem ovalen Familienzimmer, über welchem der Flügel stand, Zeitung lesen wollte, zog sich verzweifelt zurück. Andrea schlug oben mit solcher Verve nicht endenwollende Triller, daß er das Gefühl empfing, als ob ihn jemand kitzelte.
Nachmittags um drei Uhr fuhr der Landauer vor. Herr und Frau Consentius nahmen Platz im Fond, Andrea und Christine saßen rückwärts.
Sämtliche Teilnehmer wollten sich am Dobberpfuhler Forsthause treffen. Von hier aus sollte die Fahrt gemeinschaftlich fortgesetzt werden. Das Ziel derselben waren die beiden, mitten in einem herrlichen Buchenwalde gelegenen Blackseen.
Andrea hatte über ihr hübsches Kleid einen hellgrauen Staubmantel gezogen, den sie von Christinen entlehnt hatte. Dazu trug sie einen großen bräunlichen Basthut, mit einer solchen Anzahl kleiner scheckiger Wollbällchen garniert, daß ihre ganze Kopfbedeckung bei jeder Bewegung in Aufruhr geriet.
Und sie bewegte sich gar viel.
Sie fühlte sich heute so durchaus frei und leicht, wie sie sich früher als Kind immer gefühlt hatte, wenn ihre Mutter sie Sonntags frisch gewaschen, ihr ein Staatskleidchen angezogen hatte und sie dann vor der Thür stehen durfte, wo die Kirchgänger, Nachbarn, gute Freunde und Kunden sich über die kleine Alma Schneider freuten, die wie ein verkleideter Junge aussah. Abends spielte ihre Mutter die Guitarre und sang dazu. Es war eine kleine, blasse, verwachsene Frau. –
Vor dem Forsthause hielten schon verschiedene Gefährte.
Sodens waren auf einem kolossalen Erntewagen gekommen, der mit Birkenzweigen überdacht worden war. Eine Mietskalesche hatte verschiedene junge Herren aus Teterow hierher befördert. Unmittelbar nach Consentius kam Excellenz Lauenstein an.
»Ich hoffe, Andrea, Sie werden mir heute viel Freude bereiten,« sagte Frau Consentius, bevor sie Andrea vorstellte.
»Ich verspreche Ihnen, gnädige Frau,« murmelte Andrea, »daß ich mich so gut benehmen will, wie es in meinen Kräften steht.«
»Und ich glaube es Ihnen, Andrea.«
Hierauf folgte eine allgemeine Umsiedelung, bei welcher Andrea und Christine auf dem großen Erntewagen untergebracht wurden, woselbst auch die Herren aus Teterow Aufnahme gefunden hatten. Andrea gegenüber saß derselbe junge Mann, den sie damals durch eine so schwungvolle Verbeugung gegrüßt hatte. Er war als Referendar von Behme vorgestellt worden.
Consentius' Landauer mit Frau Consentius und Excellenz Lauenstein eröffnete den Zug, dann folgte der Erntewagen, auf welchem Frau von Soden präsidierte. –
Die beiden Blackseen lagen eine kurze Strecke voneinander entfernt in tiefen Bergkesseln. Bei dem großen Black, dem vorderen, wurde ausgestiegen.
Die Frau Försterin machte ein Riesenfeuer, um möglichst schnell die erforderlichen Kannen voll Kaffee herbeizuschaffen. Sodens packten Kaffeesahne, Zucker und Kuchen aus, die jungen Damen deckten die Tische und die jungen Herren trugen Stühle und Fußbänke herbei.
Sodann wurden die Tafeln geschmückt mit Sträußen von Waldblumen, welche die sämtlichen jungen Herrschaften in aller Eile zusammenlasen. Referendar von Behme kam dabei in Christinens Nähe. Noch ehe er sprach, erschien es Christinen, als sei das Benehmen des jungen Herrn viel weniger ehrfurchtsvoll als kameradschaftlich. Und Christine war sehr hochmütig und in der Praxis gar nicht abenteuerlich, mochte sie sich immerhin in der Theorie nicht unbedeutende Extravaganzen erlauben.
»Ich hatte bereits die Ehre, das gnädige Fräulein zu sehen,« sagte Herr von Behme gemütlich.
»Ich kann mich nicht entsinnen,« versetzte Christine. Sie glich ihrer Mutter in dem Augenblick gar sehr. Der abweisende Zug, der sie bedeutend älter machte, stand ihr prächtig.
Herr von Behme verbeugte sich. Er erzählte, daß er vor kurzer Zeit von Wernigerode am Harz nach Teterow versetzt worden sei.
»Kennen Sie den Lindenberg bei Wernigerode?« fragte Christine.
»Gewiß, mein gnädiges Fräulein. In der letzten Woche meines Wernigeröder Aufenthaltes bin ich täglich mehrmals oben im Hotel gewesen. Verwandte von mir hatten daselbst Sommerwohnung genommen.«
»Andere Sommerfremde haben Sie wohl nicht kennen gelernt? Eine meiner Freundinnen wohnt seit längerer Zeit auf dem Lindenberge, mit ihrer Tante: Fräulein von Weidner.«
»Meine Cousine!« versetzte Herr von Behme, augenscheinlich angenehm überrascht. Richtig, Wilhelmine hatte von ihrer Freundin Christine gesprochen. Außerdem hatte sie von einer angehenden Künstlerin erzählt, einem unverfrorenen Persönchen. Das war jedenfalls die andere, die ihn vom Wagen aus gegrüßt hatte.
Nach dem Kaffee wurde Katze und Maus gespielt. Es fügte sich, daß Andrea Maus wurde und von Herrn von Behme als Katze gegriffen werden sollte. Der junge Herr war sehr gewandt, aber es war ihm doch unmöglich, Andrea einzufangen.
»Schade, mein Fräulein, daß Sie kein Junge sind,« sagte Excellenz Lauenstein lachend, ein pensionierter General von siebzig Jahren, der nebst mehreren anderen Herrschaften die Zuschauerschaft abgab.
Andrea war gerade aus dem Kreise geflohen und stand nun seitwärts mit drolliger Miene stramm, beide Arme fest angelegt.
»Ach, wenn ich doch kein Mädchen wär',
Das ist doch recht fatal,
Dann ging' ich unters Militär,
Und würde – – General!«
Es hörte sich sehr niedlich an. Excellenz Lauenstein nickte ihr lachend zu.
Gleich darauf brach man nach dem kleinen Black auf, wo Kahn gefahren werden sollte. Herr von Behme ging einige Minuten allein neben Andrea.
»Ich hatte die große Ehre,« hub er in neckendem, aber dennoch sehr achtungsvollem Tone an, »vor einigen Tagen von dem gnädigen Fräulein gegrüßt zu werden.«
»Ach ja,« unterbrach ihn Andrea, »ich hatte mich geirrt.«
»Mit wem hatte ich denn das beneidenswerte Vergnügen, verwechselt zu werden?«
»Ich habe Sie für meinen Paten gehalten,« behauptete Andrea.
»Daß man in so jungen Jahren schon zu einem solchen Vertrauensposten kommen kann,« meinte Herr von Behme gezogen.
»Wo denken Sie hin! Mein Pate ist achtzehnhundertnull geboren, als es Brezeln regnete.«
Der Referendar lachte.
»Würden Sie es für eine sehr große Beleidigung ansehen, mein gnädigstes Fräulein, wenn ich Ihre Worte ein wenig bezweifelte?«
»Docht! Es hat ja überhaupt keinen moralischen Hintergrund. Wie käme ich dazu, Sie zu grüßen? Ich habe Sie für meinen guten, lieben, alten, steifbeinigen Paten angesehen.« Andrea verdrehte die Augen und schüttelte gerührt mit dem Kopf, wodurch die ganze Sammlung scheckiger Wollbällchen auf ihrem Hute rebellisch wurde.
»Hat nicht der gute, liebe, alte, steifbeinige Pate auch einen Höcker oder dergleichen?« fragte Herr von Behme vergnügt.
»Dergleichen wohl, aber einen Höcker nicht,« versetzte Andrea. »Er ist kahlhäuptig, mein guter, lieber, alter, steifbeiniger Pate.« Dabei ließ sie ihre übermütigen Augen wohlgemut über Herrn von Behmes Haarwuchs gleiten, der sich am Hinterkopfe zu lichten drohte.
Ja, diese Andrea war unverfroren! Herr von Behme war ärgerlich und hätte am liebsten seinen Hut, den er in der Hand trug, sofort aufgesetzt. Aber doch amüsierte er sich auch.
Am See angelangt, stieg er mit in den Kahn, in welchem Andrea, Christine, Herr Consentius, Frau von Soden und das ältere Fräulein von Soden, die bedeutend liebenswürdiger war, als ihre Schwester, Platz genommen hatten.
»Das ist ein herrlicher Tag, meine Herrschaften,« sagte Frau von Soden, »ganz danach angethan, poetische Gelüste zu wecken. Ich schlage vor, wir dichten ein bißchen. Ich richte an Ihre verschiedenen Musen das Ersuchen, uns heute nur mit tiefsinnigen Erzeugnissen beglücken zu wollen. Sammeln sich die Herrschaften! Jedes Poem wird aus zwei Strophen und zwei Dichtern bestehen.«
Herr Consentius sagte bravo! und sah sich um, ob es nicht noch Zeit sei, auszusteigen. Aber der Kahn war schon weit in den See hinein gerudert.
»Seht, die Sonne sinkt nach Westen!«
hub Frau von Soden zu dichten an.
»Daran thut sie auch am besten;«
entgegnete Christine salbungsvoll.
»Bravo! bravo!« rief Herr von Behme, der das Poem sofort notierte.
Herrn Consentius begann die Sache Spaß zu machen; er hatte sich das Dichten beschwerlicher gedacht. Guter Laune sagte er schnell:
»Ein Wandersmann kommt langsam daher.«
Ebenso schnell aber erwiderte der Referendar:
»Wenn er lahm wäre, ginge er noch viel langsamehr.«
»Au!« sagte Andrea leise.
»Sprechen Sie laut, junges Mädchen!« wandte sich Frau von Soden herum. »Sie haben unserer gerechten Anerkennung in würdiger und begeisterter Weise Ausdruck verliehen. Die Herren haben miserabel schön gedichtet. Weiter, meine Herrschaften!«
»Es brennt ein Lichtlein einsam in der Kammer!«
hauchte Fräulein von Soden elegisch.
»Wahrhaft'gen Gott, es ist ein Jammer!«
knurrte Andrea, die lebhaft an Olga Bartels dachte, als sie diese Töne zu Tage förderte.
Der Dichterkranz amüsierte sich vorzüglich. Reich beladen mit Seerosen und guter Laune kehrte er zum Lande zurück, von wo aus bald die Rückkehr nach dem Forsthause erfolgte.
Die Frau Försterin war damit beschäftigt, die Körbe auszupacken. Es blieb also bis zum Abendbrot eine Pause, die ausgefüllt werden mußte. Fräulein Friederike Soden, die Ältere – die Jüngere hieß Sophie – forderte Andrea auf, Klavier zu spielen. Andrea war gern bereit und so begab man sich ins Haus.
»Kennen Sie den Feenreigen von Kullak, Fräulein Dallmann?« fragte Frau von Soden.
»Ich habe ihn früher gespielt,« entgegnete Andrea.
»So versuchen Sie ihn einmal, es wird schon gehen. Ich habe eine Passion dafür.«
Andrea versuchte. Sie mußte sich kleine Abweichungen erlauben, wo die Übergänge ihrem Gedächtnis entschwunden waren. Die Töne kamen leicht beschwingt, wie Schmetterlinge, und doch vollständig klar, einer von dem andern geschieden. Aber durch alle Zartheit flutete es ungestüm. Doch dann glichen sich die heißen, unruhigen Wellen aus, immer leiser wurde das Spiel, schwächer, entfernter klangen die Töne, bis auch der letzte Laut sich allmählich verlor.
Andrea hatte wunderbar schön gespielt. Sie feierte ihren ersten Triumph. Nachher wurde sie gebeten, Volkslieder zu spielen.
Während sie sich zurechtsetzte, fiel ihr Peter, der Starmatz ein, und nach einem kräftigen Präludium ließ sie sich in knapp abgebrochenen Tönen also hören:
»Mädele, ruck, ruck, ruck an meine grüne Seite,
Ich bin dir gar zu gut, ich mag dich leiden.«
Das war etwas für die älteren Herren! Eine Melodie floß in die andere über, Marschlieder, Trinklieder, schwermütige Volkslieder folgten sich im buntesten Reigen.
Nach dem Abendbrot spielte die Frau Försterin zum: Tanz. Herr Consentius tanzte mit Frau von Soden, sodann folgte Herr von Behme mit Christinen. Als er seine Dame zurück auf ihren Platz geleitet hatte, machte er vor Andrea seine Verbeugung. Er lachte dabei und Andrea auch; denn beide mußten sie an den guten, lieben, alten, steifbeinigen und kahlhäuptigen Paten denken.
Während der Nachhausefahrt war Andrea sehr still. In sechs Wochen war sie vielleicht wieder in Berlin, holperte in einem Omnibus durch die Straßen und wurde von ihren Pensionseltern scheel angesehen, denn man war schon tief im ersten Viertel des Monats und Andrea hatte den Pensionspreis noch nicht erlegen können. –
Consentius' waren noch ein paar Minuten in dem ovalen Wohnzimmer beisammen, ehe sie sich voneinander zur Nacht verabschiedeten.
»Hast du auch bei deinem Konzerte so gut gespielt, wie heute, Andrea?« fragte Christine.
»Gerade so gut, und ich bin doch durchgefallen,« entgegnete Andrea bitter. Sie hatte sogleich bei ihrer Ankunft in Schorndorf gesehen, daß sie das Märchen von dem großen Triumphe nicht würde aufrecht erhalten können; denn Frau Consentius ignorierte das stattgehabte Konzert gänzlich und Christine hatte ihr vorsichtig von der Recension erzählt, die Consentius' darüber gelesen hatten. Andrea hatte dieselbe freilich als einen Ausfluß persönlicher Feindschaft hinzustellen gesucht.
»Warum hast du es mir nicht gerade so geschrieben, Andrea?« fragte Christine vorwurfsvoll. Es that ihr in demselben Augenblicke leid.
Andrea blitzte sie mit zornigen Augen an.
»Das schreibt man nicht so ohne weiteres. Und ich wollte fort aus Berlin. Du weißt recht gut, Christine, daß du nicht mit mir verkehrt hättest, wenn du nicht glaubtest, daß ich es noch zu etwas bringen würde. Du kannst überhaupt nicht mitreden. Du hast überhaupt nicht nötig, Lügen auszudenken. Du lebst von Anfang an zwischen lauter anständigen und vornehmen Leuten, und es fällt keinem ersten besten Schuster und Schneider ein, dich mit dem Fuße zu stoßen. Aber ich – ich muß mich wegen jeden Pfennigs, den ich von meinen Verwandten empfange, und der wohl angeschrieben wird, damit ich ihn zurückgeben kann, erst hundertmal demütigen. Jede Tante denkt, sie kann mir Ohrfeigen anbieten, weil ich nicht unterthänig genug bin. Du wärest ja zu schlecht, Christine, wenn du auf Abwege gerietest, die du alles hast; aber ich, der es selbst für eine Frechheit angerechnet wird, wenn ich mich bestrebe, mit Leuten aus guten Gesellschaftsklassen Umgang zu erhalten, ich habe ein gutes Recht dazu, abenteuerlich zu werden. Ich habe schon manches Stück trockenes Brot gegessen; verstehst du mich?«
Sie schwieg in jähem Schrecken still und streckte beide Hände bittend nach Frau Consentius aus. Was hatte sie gethan! Sie hörte schon im Geist, daß Frau Consentius sagte: »Sie können morgen abreisen, Andrea!«
Und Frau Consentius sprach in der That:
»Wir wollen hoffen, daß es Ihnen in Zukunft besser geht, Andrea; denn Sie haben Freunde in Schorndorf.«
Sie reichte Andrea die Hand und strich ihr über das jungenhafte, kurz geschnittene Haar.
Andrea wußte gar nicht, was sie that, sie wußte nur, daß sie hier bleiben durfte und drückte ihr thränenüberströmtes Gesicht in Frau Consentius' Hand.
»Ihre Eltern sind wohl sehr bald gestorben, Andrea?«
»Kurz hintereinander. Ich war sechs Jahre.«
»Aber Kind, da haben Ihre Verwandten eigentlich viel an Ihnen gethan.«
»Vater hatte Geld hinterlassen und bestimmt, daß ich davon ausgebildet werden sollte. Ich hatte schon Musikunterricht. Vor anderthalb Jahren ist das letzte ausgegeben worden.«
»Was war Ihr Vater, Andrea?«
Andreas Brauen zuckten kaum merklich und sie sah eigensinnig vor sich hin.
»Kaufmann, gnädige Frau,« sagte sie leise.