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(21. Juli 1563.)
Ein Schneider einst in Straßburg saß, Der ein berühmter Werkmann wâs Und gute Kunden hatt' ohn' Tadel Bei den Domherren und dem Adel. Denn er konnt' schöne Kleider machen: So ward er reich; und nach den Sachen Er eines Tages zu viel trank, Daß er sich legt' und ward todtkrank, Daß ihm des Todes Gedanke kam, Wie viel er Arzenei auch nahm. Einstmals in einer Pfingsttagnacht Der Teufel kam und bang ihm macht', Erschien ganz kohlschwarz, zottig, rauch, Mit feuerstrahlenden Augen auch, Sehr grausamer Gestalt er war; Der bracht' ihm eine Fahne dar, Sehr breit, wol dreißig Ellen lang, Die er herum vor dem Kranken schwang, Ihm zu besonderm Schrecken gar. Dieselb' aus lauter Flicken war, Als Parchat, Arlas und Satin, Wursat, Zendel und Ormasin,Ein feiner, in Italien fabricirter Seidenstoff, heute ermesino (?). Von Sammet, Seiden und Dafant, Von Schamlot und von Wollengewand, Lündisch, Lübisch, Mechlisch, Stammet; Das Banner alle Farben hätt', Grün, rosenfarb, braun, gelb, weiß, blau, Roth, schwarz und lila, eselsgrau, Von jedem Stück, das er im Leben Den Leuten nicht zurück gegeben. Als nun die Fahn' der Kranke sah, Mit lauter Stimme schrie er da, Er rauft' sein Haar und rang die Hand Und kehrte sich hin zu der Wand; Lebt', als ob er unsinnig gar, Ganz wüthig und der Sinne baar. Die Seelnonn' und die Gesellen sein Sprengten ihn mit Weihwasser ein Und sprachen zu ihm Trosteswort'. Darauf eilt' auch der Teufel fort Mit dem Panier, und die Gedanken Zurücke kehrten bald dem Kranken. Da richtet' er sich auf im Bett Und seinem Gesinde sagen thät, Wie ihm der Teufel erschienen wär' Und ihm gedroht hätt' scharf und schwer, Er wollt' ihn führen mit sich weg, Und hätt' gezeigt ihm Flick' und Fleck' An einem Banner, die bisher Den Mäusen nachgeworfen er: »Das bracht' mir einen solchen Schrecken, Daß er noch thut im Herzen stecken. Drum bitt' ich, liebe Gesellen werth, Wenn frisch und gesund ich wieder werd' Und wieder schneid' an einem Gewand, Daß ihr mich ans Panier dann mahnt, Daß ich dann an die Fahne denke Und nicht gar tiefer noch versenke Die Seel' in solches Ungemach.« Als er nun ward gesund hernach Und wieder schnitt an einem Gewand, Ward von den Gesellen er ermahnt, Daß er gedächt' an das Panier. Dann sprach er: »Ja! Dank habet ihr!« Einen Monat währte solcher Brauch, Bis einst er hatt' zu scheiden auch Ein gülden Stück einer Edelfrauen. Die Gesellen thäten darauf schauen Und sagten, er sollt' ans Banner denken. Doch gab er Antwort nur mit Schwänken: »Ich denke wohl an das Panier! Von mancher Farb' hat's seine Zier, Doch diese ich daran nicht sah; Drum will ich haben auch diese da Und setzen in die Fahn' hinein, Daß sie mir zier' das Banner mein.« Nach dem schnitt er vom goldnen Stück Ein Zipfelchen und sprach »Gut Glück!« Und warf's geschwind hin nach der Maus. So war die Furcht vor'm Banner aus. Er warf nach der Maus, gleich wie vorhin, Sein Leben lang und stellt' nach Gewinn. Doch als der Schneider endlich verdarb An einer Krankheit, daß er starb, Da kam er für des Himmels Thor Und klopft' behende an davor. Sankt Peter fragte, wer er wär? »Ich bin ein Schneider,« sagte er. Sankt Peter sprach: »In vielen Jahren Ist kein Schneider gen Himmel gefahren, Vielmehr zu Ködersdorf sie bleiben, Die Zeit mit den Schustern dort vertreiben.« Der Schneider sprach: »Ach, laß mich ein: Erfriere sonst zu einem Stein, Mich friert, daß klappern mir die Zähn'. Ich mag nicht weiter gehn und stehn: Drum bitt' ich, thu' dich mein erbarmen, Ob ich darinnen möcht' erwarmen. Ich will nur hinter'n Ofen sitzen Der Stunden zwo, ob ich möcht' schwitzen; Dann will ich wieder ziehen fort.« Sankt Peter schloß ihm auf die Pfort' (Seine Klag' erbarmt' ihn herziglich) Und ließ zum Ofen ihn schleichen sich, Wohinter er sich schmiegte zahm. Indem Botschaft gen Himmel kam, Ein alter frommer Pfaff' wollt' sterben, Läg' schon im Letzten, thät' sich entfärben. Sogleich der Herrgott, ihm zur Ehr', Schnell mit dem ganzen Himmelsheer Hernieder schwebte auf die Erd', Um zu geleiten die Seele werth Des frommen Pfarrherrn von Viltzhofen. Nach dem der Schneider hinter'm Ofen Hervorkroch und den Himmel besah. Als er des Herren Stuhl kam nah, Saß er bald drauf aus Fürwitz und Schaut' nieder auf der Erde Rund Durch das Gewölke, rein und klar Und sah, was durch der Völker Schaar Im ganzen Erdenkreis geschah, Und endlich er da auch ersah, Wie eine arme Frau aufhing Die Wäsch' an einen Zaun gering, Gar arg zerriss'ne Häderlein, Ihrer selbst und auch der Kinder klein; Drauf sah 'ne reiche er zumal, Die der armen ein Wischtüchlein stahl Und sich darmit bald fortschlich leider. Darob erzürnte sich der Schneider, Des Herren Fußschemel er erfaßt', Mit beiden Armen hoch die Last Aufschwang und warf sie auf das Weib Und verkrüppelt' ihren ganzen Leib, Daß einen Buckel sie bekam Und ward auf beiden Füßen lahm. Als nun das Himmelsheer einzog, Der Schneider hinter'n Ofen kroch. Als Gott auf seinen Stuhl nun saß, Sein Schemel nicht vorhanden wâs. Drum fragt' er Petrum, wo er wär'? Da sagt' er von dem Schneider her, Derselbe hätt' ihn wol vertragen. Er thät ihn von dem Ofen jagen Und vor des Herren Thron ihn brachte, Der ihn nun nach der Sache fragte. Der Schneider, zitternd vor Furcht zumal, Erzählt' dem Herrn von dem Diebstahl Der Reichen, welche stahl der Armen; Er hätt', da er gefühlt Erbarmen, Geworfen auf das Weib herab Den Schemel, daß sie Strafe hab'. Er bat, den Frevel zu vergeben. Da gab Antwort der Herre eben: »O Schneider, Schneider! Sieh', wenn ich Geworfen hätte immer dich Mit meinem Schemel zu deiner Zeit, Wenn du bestohlen hast die Leut', Die Flick' geworfen nach der Maus, Meinst nicht, es wär' in deinem Haus Längst nicht ein Ziegel mehr auf dem Dache? Du hättest längst durch meine Rache Auch müssen gehn an zweien Krücken, Mit krummen Beinen, gebognem Rücken, Wär'st längst auch schon ein Krüppel schlecht. Warum nahmst denn du grober Knecht An jenem Weib so schwere Rach', Da du's verdient hast tausendfach!« |
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Der Beschluß. | |
Hier endet sich die Schwankesmäre, Aus der man nehmen soll die Lehre, Daß oft der Mensch durch Kreuz und Plage Zu Reu' und Buß' kommt wen'ge Tage; Doch drückt ihn nicht die Plage mehr, So lebt er sündig wie vorher; Jedoch wo er sieht andre Leute In gleichen Lastern liegen heute, Schreit über sie er Weh und Ach. Doch säh' er bei sich selber nach, So fänd' er hundertfältig mehr, Darin er wider Treu' und Ehr' Gehandelt hat; doch birgt er's fein. Ehrlicher wär', daß er allein Den Balken zög' aus seinen Augen: Dann würd' es ihm auch billig taugen, Daß er auch zög' dem Nächsten sein Aus seinem Aug' das Splitterlein. Dann brächt' es ihm bei allen Ehr', Wenn guten Herzens, neidlos er Und freundlich mahnte zu der Zucht, Des Nächsten Wohlfahrt darin sucht', Daß der würd' frei des Ungemachs Durch seine Zuchtlehr', spricht Hans Sachs. |