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siehe Bildunterschrfit

Windmühle bei Lüddemanns Weg

Siebzehntes Kapitel
Ein geheimer Schütze

Während sich alles in die Omnibusse drängte, um eilig aus der Stadt zu rumpeln und einige Minuten zu gewinnen, ging Vater Kühnmann mit zwar schnellem Schritt, denn das war ihm zur zweiten Natur geworden, aber in großer Gemütsruhe zum Millerntor hinaus, besah in aller Muße die Muscheln bei Mohr, fand großen Gefallen an dem getrockneten Kopf eines Neuseeländers und mußte laut lachen, als er bedachte, was seine Frau wohl sagen würde, wenn er ihr diesen zum Geburtstag schenkte. Blieb dann vor dem Kaspertheater stehen, nachdem er die Brille zurechtgerückt, um genau zu sehen, wie Kaspar den Tod prügelte, worüber er sich vor Lachen ausschütten wollte, staunte den Fürsten Ottokar vor dem Elysium-Theater Elysium-Theater. Das Mattler- oder Elysium-Theater (an der Bude stand Elisium-Theater) auf dem Spielbudenplatz wurde durch seinen Direktor Dannenberg und seinen Ausrufer Schwanenhals berühmt. Tagsüber war Dannenberg Ausrufer und Gelegenheitsarbeiter, abends Heldendarsteller und Theaterdirektor. Dannenberg starb 1868. an und ging dann sehr gemütlich durch Altona nach Ottensen hinaus, um einmal seine Familie von rückwärts zu überfallen, da sie ihn am Elbstrand herkommend erwartete.

Die Sonne warf ihre goldenen Strahlen bald scheidend über die Gegend und streute in die Baumgruppen an der Straße blitzende Lichter neben warme tiefe Schatten, was Vater Kühnmann eben bewundernd betrachtete, als ihm der Senator Eiskuhl in die Augen fiel, der sich hinter Rainville auf der rechten Seite der Straße hinschlich und scheu nach dem Zaun auf der andern Seite blickte. Sobald Kühnmann näher kam, machte er sich an ihn und brachte ihn geschickt zwischen sich und den Zaun.

Kühnmann bemerkte mit Erstaunen eine große Veränderung an dem Senator. Ein höchst auffälliger Umstand war der, daß er seinen Rock so fest zugeknüpft trug, daß man das weiße Hemd kaum sehen konnte. Dann war der Bauch magerer geworden, denn die Weste hielt ihn nicht mehr krampfhaft umspannt, sondern schlotterte in Falten um ihn. Dazu lag eine Angst auf seinem Gesicht, ein scheues Aufpassen nach allen Seiten, als ob er sich durch ein feindliches Indianergebiet schliche oder von Gläubigern verfolgt würde.

»Sagen Sie mir, fehlt Ihnen etwas? Sie sehen seit einiger Zeit so angegriffen aus«, sprach Kühnmann, seinen Begleiter betrachtend.

»Sehe angegriffen aus? Glaub's, Verehrtester! Wenn Sie gehetzt werden, wenn ein unsichtbarer Feind überall, zu Wasser und zu Lande, auf Sie lauert und Ihnen jeden Tag schmierige Teerpfeile auf die Hemdbrust schießt, ohne daß Sie sich dagegen schützen können; wenn Sie zwanzig Polizeidiener am Ufer oder am Wege aufstellen und der Schütze trifft Sie doch, ohne von den Polizeidienern erwischt zu werden, wollen Sie dann vielleicht nicht vor Ärger platzen und endlich angegriffen aussehen?« jammerte der Senator, indem er mißtrauisch umherblickte.

»Aber sackerlot noch mal, das ist ja stark! Haben Sie niemand in Verdacht?«

»Keine Idee«, sprach Herr Eiskuhl, nach dem Zaun lugend.

»Weshalb fahren Sie dann nicht heraus?« fragte Kühnmann.

»Fahren?« rief der Senator, »dann trifft mich's um so sicherer. Fahre ich im offenen Wagen, so habe ich den Schuß weg, und mein Hemd ist hin. Nehme ich den geschlossenen Wagen, so schießt der Meuchelmörder durch die Fensterscheibe, und dann sind Hemd und Fensterscheibe hin. Versuche ich's, auf dem Boot nach Neumühlen zu kommen, so trifft er mich jedesmal. Komme ich aus dem Keller von Martens herauf, will ich ins Rathaus gehen, in die Börse, so ruiniert mir der Halunke sicherlich das Hemd. Am besten ist's noch, wenn ich zu Fuß gehe und alle Winkel vor mir absuche. Wenn das noch lange so fortdauert, dann hänge ich mich lieber auf, als daß ich es ferner ertrage«, jammerte der Gehetzte, indem er sich den Angstschweiß von der Stirn trocknete. »Aber nicht allein meine Hemden werden vernichtet,« fuhr er fort, »auch über meine Gelberübenbeete geht es, denn ich finde sie ausgerissen und abgebissen, sobald sie die schönste Größe haben, und die junge Zucht dazu. Ich hatte erst meine Frau im Verdacht, weil sie die Rüben nicht leiden kann. Dann kam ich auf die Idee, ob mir vielleicht der Maler die Rüben fräße, der jetzt bei mir wohnt und die Villa malt. Ich legte mich auf die Lauer und hätte beinahe eines Morgens den Schurken erwischt, denn ich sah ihn in der Ferne. Es schien aber ein kleiner Junge zu sein, dem ich das Fell kannibalisch gerben werde, sobald ich ihn in die Hände kriege.«

Die Spaziergänger waren jetzt bei der Windmühle angekommen, hinter der sich der Weg nach Lüddemanns Badekarren hinabzog, wie eine hölzerne Tafel dem Wanderer kundtat.

»Kommen Sie, Herr Nachbar. Steigen Sie mal mit auf den Gang der Mühle und sehen Sie sich die Aussicht an.« Mit diesen Worten bog der Senator nach der Mühle ein.

Kühnmann fand die Idee ganz vortrefflich und wunderte sich, wie Herr Eiskuhl darauf gekommen war. Dieser ging jedoch weniger der schönen Aussicht wegen, sondern aus dem Grunde hin, weil er von da die Büsche und Ränder des Hohlweges überblicken konnte, den er dann passieren mußte, und in welchem er jedes Mal die Rolle Geßlers zu spielen fürchtete.

Als sie wieder am Strand angekommen waren, blickte der Senator ingrimmig umher, wobei er sich den Rock aufknöpfte und die Daumen in die Armlöcher seiner Weste steckte, welche Stellung er jedesmal beim Kalkulieren für zuträglich hielt und auf der Börse oder in den Sitzungen annahm. Er ließ also die Augen umherschweifen und gewahrte dabei Herrn Henri, der auf einer Lichtung am Zaun stand und ihn mit mildem Lächeln betrachtete.

»Teuf!« murmelte Herr Eiskuhl. »Sollte mir dieser Pomadenbuttje vielleicht meine Rüben im Auftrag der Alten ruinieren? Er kuckt ganz und gar so her, als machte ihm mein Ärger großes Vergnügen. Na, das sollte ich wissen! Ha, Kerl! Ich wollte –«

Hier brach der Senator plötzlich ab, gerade wie Herr Geßler im Hohlweg bei Küßnacht. Er hatte auch denselben Grund, weil in diesem Augenblick ein Pfeil seine Brust traf, der zwar nicht ins Herz drang, dessen schmierige Teerspitze jedoch einen langen schwarzen Streifen über die weiße Hemdbrust zog. Der Getroffene taumelte und setzte sich erschöpft auf einen Korb. Es war fürchterlich! Hier in seinem eigenen Garten, beim Allerheiligsten, den Rübenbeeten, war er nicht einmal mehr sicher. Er, der Senator, der Millionär, ein Mann an der Spitze der Republik, war sogar in den eigenen vier Pfählen schutzlos gegen die Angriffe eines Hemdenmeuchelmörders. Er hielt den unheilvollen Pfeil weit von sich weg, während er Herrn Henri dabei wie ein Gespenst anstarrte. Er war fast überzeugt, daß dieser auf ihn geschossen habe. Da er ihn jedoch auch nicht einen Augenblick aus den Augen gelassen und ihn unbeweglich stehen sah, so konnte es nicht sein, und doch ließ Henri im Moment, ehe der Pfeil traf, ein höhnisches Grinsen blicken und kam jetzt mit höhnischem Lächeln im Gesicht auf den Senator los, um ihm zu melden, daß serviert sei und ihn Frau Senatorin bei Tafel erwarte.

»Herr Senat'r haben sich etwas swärz gemacht«, bemerkte hierauf Henri, sich höflich verbeugend und nach Herrn Eiskuhls Brust zeigend. »Wollen Sie nicht erst Toilette machen?« fügte er dann im Ton eines Erziehers hinzu.

Der Senator drehte ihm den Rücken und lief nach seinem Zimmer, um die Wäsche zu wechseln.

Herr Henri sah ihm ein Weilchen nach und ging dann ruhig in ein dichtes Gebüsch. Hier angekommen, konnte er nicht mehr an sich halten. Er stemmte seine Arme in die Seiten und lachte, daß ihm die Tränen aus den Augen liefen. Es machte ihm ungemeinen Spaß, daß er sowohl den Schützen als auch den Rübendieb gesehen und diese dem Senator hätte nennen können. Er hütete sich aber wohl, es zu tun, und sah mit unendlicher Schadenfreude den Ärger seines Tyrannen.

An der Tafel des Senators ging es jetzt sehr ruhig her, weil Bernhart als täglicher Gast den Ausbruch von Feindseligkeiten verhinderte. Da er gegen die Senatorin die höchste Aufmerksamkeit zeigte und dem Senator eine Ansicht der Villa mit den Gelbenrübenbeeten im Vordergrund und des Senators weißem Hemd als Lichteffektpunkt im Mittelgrund malte, außerdem aber nicht die geringsten Ansprüche machte, so war man ganz zufrieden mit ihm und sprach sogar den Wunsch aus, er möge den Sommer über bleiben, weil man auf diese Weise einen billigen Lehrer für die Töchter zu gewinnen hoffte; denn »was er nicht ißt, wird doch weggeworfen, und Platz ist ja genug da« kalkulierte Kerr Eiskuhl.

Hätte er eine Ahnung gehabt, daß noch ein anderer verborgener Schütze in seiner Villa Pfeile versandte, und zwar keine Teerpfeile, sondern jene, die mit scharfen Spitzen tief in die Herzen dringen, er würde Maler und Bilder auf ewig verbannt und keinen Schiffsdoktor angestellt haben.

Der unsichtbare Schütze durchschoß jedoch lachend vier Herzen und wartete dann ruhig auf die Wirkung seiner Pfeile. Er saß auf der Staffelei, an der Bernhart arbeitete, während Selma neben ihm stand, und drückte den Pfeil jedesmal tiefer, wenn sich das reizende Mädchen vorbog, um besser zu sehen und dabei mit ihrer Wange so nahe an die seine kam, daß es verzweifelt schwer war, keinen Kuß darauf zu drücken – wenn sie eine Erklärung über eine Farbe verlangte und ihn dabei mit Augen ansah, die ihm alle Farben der Welt grau erscheinen ließen. Es ward kein Wort von Liebe gesprochen, aber die Augen verstanden sich, und als Selma einst vor der Staffelei saß und ihr Bernhart mit dem Pinsel, der korrigieren sollte, einen kleinen Strich über die reizend feine Hand zog, als sie den Strich lachend erwiderte, da waren zwei Liebesbriefe geschrieben, so wirksam, wie sie in keinem Briefsteller für Liebende zu finden sind.

Am schlimmsten trieb es doch der Schütze, wenn Doktor Schnepfe kam und man sich im Gewächshaus beim Piano zusammenfand. Das Gebiet der Musik ist das gefährlichste und ausgiebigste Revier für den geflügelten Jäger. Mit den Netzen der Harmonie umstrickt er die Opfer, nimmt die Phantasie gefangen und lockt die Herzen in Fallen, die er für je ein Paar aufstellt.

Eines Nachmittags lag der Senator im Gebüsch bei den Rübenbeeten versteckt und beobachtete Henri, der nach dem Frühstück im Garten umherlungerte und endlich nach dem Strand hinabstieg, wobei er durch ein großes Loch im Zaun kroch, welches Herr Eiskuhl erst jetzt bemerkte. Indem er noch hinblickte, sprang plötzlich eine dunkle Figur mitten in die Rübenbeete und begann das Kraut mit den gelben Wurzeln auszuraufen. Der Senator war starr vor Erstaunen. Im ersten Augenblick glaubte er einen Jungen vom Strand vor sich zu sehen, dann erkannte er den Affen, das sinnige Geschenk, das Spickmann jun. seiner Verlobten gemacht hatte und das bereits die Nachbarschaft durch seinen Unfug in Schrecken setzte. Herr Eiskuhl, der sich für den Rübendieb schon lange eine Hetzpeitsche in Vorrat hielt, machte dies Instrument jetzt klar und brach nun damit hervor, indem er dem Affen ein paar so gut gezielte Jagdhiebe überzog, daß dieser quiekend einige Luftsprünge machte und dann, vom Senator verfolgt, nach Stubborns Garten rannte, wohin ihm Herr Eiskuhl noch die Peitsche nachwarf und so damit einen Abschiedshieb versetzte.

Herr Eiskuhl war einigermaßen in Schweiß geraten und ging nun nach dem Rasenplatz zwischen den Pavillons, um sich das Loch im Zaun nochmals anzusehen.

Er staunte nicht wenig, hier einen fremden jungen Mann zu treffen, der sich die Gegend mit einer Miene betrachtete, als habe er Lust, einige Veränderungen darin anzubringen; der Fremde, der sehr aristokratisch aussah und etwas von Mephistopheles, etwas von Mazarin im Gesicht trug, ließ sich durch die Ankunft des Senators nicht im geringsten stören und fuhr fort, die Gegend mit tiefem Ernst zu betrachten.

Es war Herrn Eiskuhl schon zuviel in seinen vier Pfählen geboten worden, und jetzt stand nun wieder ein Fremder hier, der ihn ganz ignorierte. Die Galle lief ihm über, und er fragte den Fremden deshalb etwas gröber als nötig, was zum Teufel er hier zu suchen habe.

Der Fremde drehte sich auf diese freundliche Anrede langsam nach ihm um, hob ebenso langsam eine goldene Lorgnette in die Höhe, ließ diese aufspringen und besah Herrn Eiskuhl von oben bis unten mit solcher Verwunderung, als sei dieser eine Gartenstatue, die ihn unerwartet anspräche, worauf er die Lorgnette fallen ließ und sich den Garten »kühl bis ins Herz hinan« betrachtete.

Das war dem Herrn Senator doch zuviel. Er wurde vor Zorn rot wie ein gekochter Hummer und schrie: »Herr, was haben Sie hier zu suchen? Was wollen Sie hier im Garten?«

Auf dem Gesicht des Fremden zeigte sich ein furchtbarer Ernst. Die ganze Figur wuchs plötzlich um einen guten halben Fuß. Er durchbohrte den Senator mit den Augen, trat hart vor ihn hin und sprach mit einer Donnerstimme:

»Herr! Wie können Sie sich erlauben, hier, wo ich rings zu gebieten habe, eine solche Frage auf solche Art an mich zu richten? Sie wagen, mir in meinen Staaten so etwas zu bieten? Ha! Wahrlich, es müßte etwas faul im Staate Dänemark sein, wenn Ihnen dies so hinginge! Ha! Sie sollen schon sehen! Sie sollen schon sehen!« wiederholte er mit drohend erhobenem Finger, indem er langsam den Rasenplatz hinabschritt und nach dem Loch im Zaun ging, durch das er rückwärts hinauskroch. »Sie sollen schon sehen!« rief er, gebückt im Zaun stehend, nochmals unheimlich drohend hinauf und verschwand im nächsten Augenblick in den Weiden.

Herr Eiskuhl stand wirklich verblüfft oben im Garten. Wer konnte der Mann sein? Doch nicht etwa gar jemand vom Hof in Kopenhagen? Er hatte vom Staate Dänemark gesprochen. »Wahrhaftig!« schrie der Senator. »Es war am Ende ein Prinz von Dänemark! Schwerenot, da habe ich eine schöne Dummheit gemacht!«

Der gute Senator beabsichtigte im ersten Augenblick, sich kopfüber durch den Zaun zu stürzen und dem Fremden nachzueilen. Da er sich aber besann, daß er keinen schwarzen Frack anhabe, so ging er kopfschüttelnd nach der Villa zurück und nahm sich vor, künftighin etwas höflicher mit Fremden zu sein, wenigstens außerhalb seines republikanischen Gebietes.

Der Fremde ging indes am Strande hin und blieb manchmal stehen, um sich vor Lachen zu schütteln, wobei er seine Seiten auf eine höchst komische Art mit den Ellenbogen schlug, wenn er sich an das verblüffte Gesicht des Senators erinnerte.

Herr Eiskuhl hatte ganz richtig vermutet. Es war ein Prinz von Dänemark, wenigstens für heute, wo er im St.-Pauli-Theater St.-Pauli-Theater (Aktien-Theater), das spätere Varieté-Theater. den Hamlet spielte. Als er an einigen Damen vorüberkam, zog er plötzlich den Hut und erkundigte sich mit herablassender Höflichkeit im gewähltesten Französisch, ob man keine Equipage gesehen habe. Da dies in der Gegend nicht gut möglich war, so wandte er sich zu Fuß weiter und kam bald an einen Punkt, wo Bernhart mit seinem Skizzenbuch saß und zeichnete.

Der Fremde stellte sich hinter den Maler, sah ihm ein Weilchen zu und ließ dann plötzlich die Frage hören: »Würden Sie, Verehrtester, mir wohl für etwa hundert Louisdor ein Bild dieser Gegend malen?«

Bernhart drehte sich überrascht um, sah dem Frager erstaunt in das Gesicht und rief: »Alle guten Geister –«

»Essen gern Austern und trinken Bordeaux«, ergänzte der Fremde, worauf er in ein heiteres Gelächter ausbrach und Bernhart die Hand hinhielt.

»Wahrhaftig, es ist Scapin! Wie kommen Sie hierher? Waren Sie nicht am Hoftheater zu Dresden engagiert?«

»Allerdings, und zwar hauptsächlich für die berühmte Rolle ›Herr Graf, die Pferde‹ und so weiter, wie ich bald merkte. Ich drückte mich da sofort ab und suchte mir ein Theater, wo ich spielen kann, was ich will, das heißt, wo ich etwas lernen kann. Sie sehen deshalb ein geheimes Mitglied des Aktien-Pauli-Theaters vor sich, auf dem Zettel Krabitsch genannt. Hamlet, Prinz von Dänemark – Herr Krabitsch!« Der Schauspieler schlug sich vor Entzücken über die Zusammenstellung in die Seiten und lachte mit Bernhart ausgelassen. Dann faßte er ihn beim Arm, sah sich vorsichtig um und sprach: »Doch ruhig, Verehrtester. Ich habe gehört, daß Sie hier bei einem Senator wohnen und für ihn malen. Ich werde den Kavalier spielen und brillante Bestellungen aus der Umgegend bei Ihnen machen. Ich weiß, daß die hiesigen Geldsäcke zum größten Teil einen Künstler weniger achten als einen Hausknecht. Ich werde ihnen eine Nase drehen und Sie in Respekt setzen. Warten Sie. Ich besitze noch fünfundzwanzig Louisdor von den dreißig, die mir mein Papa als Reisegeld gab. Morgen ist Sonntag. Setzen Sie sich gegen Abend an den Strand. Hübsch in der Nähe von viel Leuten. Zeichnen Sie. Es wird ein Fremder kommen, der Ihnen für Ihre Skizze zwanzig Louisdor zahlt und Bilder zu hundert Louisdor bestellt. Sie werden dem Fremden die zwanzig Louisdor natürlich am Montagvormittag in den Alstersalon zurückbringen, wo er Sie erwartet, aber Ihr Renommee ist gemacht. Jetzt sagen Sie mir, wo Sie wohnen?«

»Sehen Sie dort jene zwei kleinen Pavillons zwischen den Bäumen?«

»Was?« schrie der Schauspieler lachend. »Ist etwa der dicke Kerl mit dem fürchterlich großen Vorhemdchen und dem Hausknechtgesicht Ihr Wirt?«

Bernhart bejahte dies und erfuhr das eben bestandene Abenteuer. Er kratzte sich bedenklich hinter dem Ohr.

»Haben Sie keine Angst, Verehrtester«, bemerkte Scapin. »Sie kennen mich durchaus nicht, und ich werde Ihre Stellung nicht im geringsten gefährden. Ich habe von zu Hause genug, um mich gemütlich zu amüsieren, und will mir hier einmal das Vergnügen machen, die Millionäre zu verachten und über die Achsel anzusehen. Ha, ha, ha, das ist eine neue Idee! Nicht wahr? Das Vergnügen kann sich nicht jeder verschaffen, weil sonst alles vor den Millionären kriecht. Ich werde sie aber verachten!« schloß er mit dem höhnischsten Mephistophelesgesicht, das je gesehen worden ist. »Jetzt aber«, fuhr er fort, »muß ich bald die Frage: Sein oder Nichtsein, ventilieren und deshalb empfehle ich mich Ihnen als Dero ergebenster Krabitsch. Morgen also!« Mit diesen Worten verschwand der Schauspieler im Gebüsch und nahm seinen Weg nach Altona zu, während ihm Bernhart kopfschüttelnd nachblickte und murmelte: »Nun, der wird den Herren hier schöne Stückchen vorspielen und sich über sie lustig machen.«


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