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Insel im Elbstrom
Meister Wöllers steuerte nach dem linken Elbufer hinüber und ließ endlich das Boot auf eine jener mit Weidengebüsch und Schilf bewachsenen Sandbänke laufen, die sich in der Nähe von Blankenese befinden. – In der Mitte sah man einen trockenen Sandfleck, der ringsum von angeschwemmten Holz- und Schilfstücken eingefaßt war und die Stelle bezeichnete, bis wohin die gewöhnliche Flut zu steigen pflegte. Wöllers zog das Boot noch mit einem Ruck auf den Strand und begann dann die Ausschiffung der Vorräte, die er nach dem trockenen Platz trug. Nachdem er dort einige Steine zusammengesucht, die schon von früheren Eroberern ihrem rußigen Aussehen nach zum Kochen gebraucht waren, stellte er einen Blechtopf mit Wasser darauf, suchte Holz und Rohr zusammen und befahl dann den Weibern, wie ein echter Karaibenhäuptling, Tee zu kochen.
Während dies geschah, nahm er zwei Bänke aus dem Boot, machte ein paar Sandhaufen und legte sie darüber, so daß im Augenblick ein Tisch improvisiert war, und zwar mit einer Gewandtheit, die eine lange Übung voraussetzte. Hierauf deckte er die Hamburger Flagge als Tuch darüber und setzte in der besten Laune und mit der Geschicklichkeit eines Hoftafeldeckers alles Eß- und Trinkbare darauf, was sich im Boot befand.
Der Tee war endlich fertig, und man konnte zum Frühstück schreiten. Es fanden sich freilich keine Tassen vor, indes waren einige Groggläser da, aus denen sich alles mögliche trinken ließ. »Nur kein heißes Pech«, wie Krischaan bemerkte. Es lag nun wohl weniger an dieser Bemerkung, daß sich die Meisterin auf ihn stürzte und ihn sanft rüttelte, als vielmehr daran, daß er die Milch vergessen hatte, die man jetzt in den Tee gießen wollte und die ihm nun zu holen befohlen wurde.
Dies war indes leichter gesagt als getan, denn die Ebbe war während der Zeit des Kochens so stark abgelaufen, daß das Boot vollkommen trocken auf der Seite lag, und wenn dies Boot einmal trocken lag, so blieb es gern liegen, wenigstens war seine gegenwärtige Besatzung nicht imstande, es von der Stelle zu bringen.
»Hätte ich die ›Emma‹ behalten,« seufzte der Meister, »dann ginge es wohl. Aber mit der ›Auguste‹ ist nichts anzufangen.«
Man darf nicht glauben, daß Wöllers mit diesen Worten etwa eine frühere Geliebte meinte, die er an Stelle seiner Auguste, der Meisterin, wünschte. Er sprach nur von seinen Fahrzeugen, wie er dies oft tat, wenn er im Baumhaus unter den Kapitänen und Steuerleuten saß, wo er die Schiffsberichte studierte und nach dem Wind sah.
Da sich also die ›Auguste‹ nicht vom Fleck bringen ließ, so mußte man den Tee ohne Milch trinken und statt dessen Rum hineingießen, was nach Gevatter Schünnemanns Ansicht auch kein Unglück war. Die Wasserluft hatte übrigens den Appetit der Gesellschaft sehr geschärft, und man sprach dem Frühstück, wie die alten Römer um den Tisch liegend, tüchtig zu. Auf einmal ließ jedoch die Meisterin Messer und Gabel fallen und sah sich erschrocken unter den Anwesenden um. Dann sprang sie auf, schlug die Hände über dem Kopf zusammen und rannte wie wahnsinnig rund um die Insel.
»Da haben wir es nun!« schrie sie dabei. »Da hat ja nun dieser Unmensch seinen Willen mit seiner verfluchtigen Wasserfahrerei! Er ist weg! Er ist weg!« Und dabei suchte sie nochmals Schilf und Weidengebüsch durch und rannte wie wahnsinnig am Wasser umher.
Alles war verblüfft und wußte nicht, welche Laune sich der Meisterin bemächtigt hatte.
»Wer to'n Dübel is denn weg?« schrie Wöllers ärgerlich.
»Vielleicht der Sonnenschirm?« meinte Gevatter Schünnemann kauend.
»Wer weg ist?« schrie Madame Wöllers, mit fliegenden Haaren auf den Meister zustürzend und ihn am Kragen packend und schüttelnd. »Wer weg ist, fragt dieses Ungeheuer!« wandte sie sich an die übrigen. »Dein Sohn ist weg, der Georg! Das arme Wurm, das jetzt wahrscheinlich von deinen Freunden, den Fischen, gefressen wird!«
Ein ungeheurer Schreck fuhr allen in die Glieder. Gevatter Schünnemann wäre beinahe an einem Stück Mettwurst erstickt, das er eben hinunterschlucken wollte. Alles sprang auf und rannte wie wahnsinnig auf der Insel umher, wo der kleine Georg allerdings nirgends zu finden war. Er war noch kurz zuvor mit einem großen Glas Tee mit Rum und Zucker, dem man eigentlich mehr den Namen Grog beilegen konnte, beschäftigt und sehr lustig gewesen, nun aber spurlos verschwunden.
Wöllers und Schünnemann rannten wie besessen am Wasser umher und hätten sich gern kopfüber hineingestürzt, wenn sie nur gewußt hätten, wo. Es war aber keine Spur von Georg zu entdecken. Es schwamm weder ein Hut, noch ein Schuh, noch sonst etwas von ihm umher. Nichts!
Die Insel war von Madame Wöllers schon mehrmals jammernd durchsucht, als sie etwas entdeckte, was sie in die höchste Wut brachte. Es war Krischaan, der unglückliche Krischaan, der doch eigentlich auf Georg hätte achthaben müssen, wie der Meisterin jetzt klar wurde, und der statt dessen in süßem, ruhigem Schlaf auf einem Polster von angetriebenem Rohr lag, das er sich unter einem Weidenbusch zurechtgemacht hatte.
War es nun Zufall oder hatten die steten Skalpierungsversuche der Meisterin ihn die Vorsicht brauchen lassen, seinen Kopf so zu legen, daß er nicht gut bei den Haaren gefaßt werden konnte? Dieser war nämlich so unter die Zweige des Busches gesteckt, daß es der Meisterin nicht möglich war, in sein Haar zu greifen. Sie packte ihn deshalb bei den Beinen und zerrte und rüttelte daran, indem sie schrie: »Wo hast du den Georg gelassen! Gleich schaffe ihn, oder ich bringe dich um! – Wo ist Geooorg!« schrie sie nochmals, als Krischaan sie aus den Zweigen schlaftrunken ansah, ohne jedoch herauszukommen.
»Ach, der liegt gut aufgehoben«, sagte Krischaan gähnend im höchsten Gleichmut.
Das war denn doch zuviel für das Gebieter- und Mutterherz, und die Meisterin fiel mit einem Wutgeschrei über Krischaan her, der sich in klug berechnetem passiven Widerstand nur tiefer unter die Weidenzweige schob, seiner Angreiferin nicht viel mehr als die Stiefelsohlen preisgab und sich darin die Nägel festhämmern ließ, was indes die Meisterin bald einstellte, da dies Geschäft mit den bloßen Händen etwas beschwerlich war.
In demselben Augenblick packten Wöllers und Schünnemann, durch das Geschrei der Madame in Verzweiflung gebracht, das Boot an und rissen und schoben mit Aufgebot aller Kräfte daran, um es ins Wasser zu bringen, wozu sie ein schauerliches »O–hip! O–hooooiiip!« heulten, wie es die Matrosen bei dergleichen Gelegenheiten erschallen lassen. Dazu schrie nun Krischaan Zeter und Mord, die Meisterin schrie Rache, und die übrigen gaben solche Jammerlaute von sich, daß ein Vorbeischiffender glauben konnte, er sei an der Insel der Verdammten.
In das Konzert mischte sich plötzlich die Stimme des kleinen Georg, der seinen Kopf aus der Luke der Plicht steckte, die sich im Bug des Bootes befand, und wohin ihn Krischaan vorher zum Schlafen gestaut hatte, um sich ohne Sorgen unter die Weiden zu legen.
»Gott sei Dank!« sagte der Meister erschöpft und wischte sich den Angstschweiß von der Stirn. »Da ist dein Jung!« schrie er seiner Frau zu, die sofort von Krischaan abließ und ihren teuren Sprößling in die Arme schloß, während Wöllers feierlich erklärte, daß ferner nie und nimmermehr ein solches »Göhr« mit auf das Wasser genommen werden dürfe. Man beruhigte sich wieder, beschloß, eine neue Teeauflage zu machen, und legte sich um den Tisch.
Madame Wöllers hatte auf ihren Schreck ein wenig viel Tee mit ein wenig viel Rum getrunken und wurde sehr müde. Gevatter Schünnemann machte ihr deshalb ein Lager von Rohr zurecht, worauf sie auch bald unter einem leisen Gewimmer über ihren Mann einschlief, indem sie ihren Jüngsten dabei im Arm festhielt. Die anderen Damen lagerten sich neben ihr, und bald stieg ein lautes Schnarchen von dem Eiland auf, von welchem noch kurz vorher das Jammergeschrei gen Himmel klang.
Krischaan war auch wieder entschlummert, und Wöllers und Schünnemann hatten jeder eine Angelrute hervorgeholt und saßen wie steinerne Figuren am Wasser, indem sie ihren Kiel beobachteten.
Die beiden Angler saßen etwa eine Viertelstunde dort, als Schünnemann einige Versuche machte, mit dem Kopf voran in die Elbe zu purzeln, wohin die Spitze seiner Angelrute schon längst gesunken war. Nach jedem solchen Versuch sah er sich etwas erstaunt um und richtete dann seine Aufmerksamkeit wieder auf den Kork, worauf er jedoch bald einzuschlafen begann, was ihm endlich ebenso vollständig gelang wie seinem Freund, der schon lange selig entschlummert war.
Das ganze Inselreich lag in gesundem Schlaf und sog die frische, herrliche Wasserluft ein, die leise vom Westen heraufstrich. Die Ebbe lief immer noch ruhig ab. Die Sonne schien fast zu warm, und nur stromabwärts waren einige Wolken zu sehen, die langsam aufstiegen.
Ein Finkenwärder Fischerkahn, dessen zwei Ruderer im halben Schlummer auf ihren Riemen lehnten, trieb träge mit dem Strom vorbei. Als der eine Fischer, ein altes, wetterbraunes, verschmitztes Gesicht, das Boot auf dem Strand und die Schläfer auf der Insel erblickte, stieß er seinen Kameraden an und nickte nach der Insel hinüber. Die beiden steckten darauf, ohne ein Wort zu wechseln, ein Stück Netz, das im Boot lag, unter ihre Ruder und trieben das Boot lautlos hinter die Weidenbüsche, wo sie es an den Strand legten.
Hierauf krochen sie auf allen vieren zuerst nach dem improvisierten Tisch, den sie vollständig abräumten und dessen noch ziemlich starke Vorräte sie in ihr Boot schafften, wobei sie ihre breiten Mäuler schmunzelnd bis an die Ohren zogen.
Dann krochen sie nochmals zurück und ließen ihre Luchsaugen umherschweifen, um zu sehen, ob sich nicht noch etwas fände, was sie gebrauchen könnten. Und sie konnten viel gebrauchen, z. B. die eisernen Ruderdollen aus dem Boot, den Bootshaken, zwei Riemen, einen Tweil, alles vorhandene Tauwerk und schließlich noch das Segel. Sie hätten auch zu gern die Kette losgemacht, wenn dies ohne Geräusch möglich gewesen wäre. Zu ihrem tiefen Bedauern mußten sie sie am Boot lassen, verschmähten jedoch nicht, Meister Wöllers Stiefel und Rock dafür anzunehmen, welche dieser abgelegt hatte. Auch den Plaid und Sonnenschirm der Meisterin und zwei Regenschirme packten sie mit ein, ließen jedoch einige Damenhüte verächtlich liegen und krochen nach ihrem Boot zurück, als es nichts mehr mitzunehmen gab, sie hätten denn die Schlafenden unbemerkt ausziehen müssen, zu welcher strandrechtlichen Fertigkeit sie aber noch nicht gelangt waren.
Lautlos, wie sie gekommen, entfernten sich die beiden Spitzbuben und ruderten herzlich lachend nach Finkenwärder hinüber, denn einen solchen vorzüglichen Fang hatten sie lange nicht gemacht. Als sie weit genug von der Insel entfernt waren, legte der alte Seeräuber sein Ruder hin, ergriff eine Flasche und tat einen so langen Zug daraus, daß sein Gefährte ängstlich danach greifen wollte, da sich ihr Boden mehr und mehr gen Himmel wandte. Der Alte setzte jedoch selbst ab, weil er notwendig Atem holen mußte. »Se ward sich bannig högen, wenn se opwakt«, sagte er grinsend, indem er die Flasche dem andern hinreichte. Der Gedanke an das Erwachen der Insulaner hatte so etwas Erheiterndes für die beiden Finkenwärder, daß sie sich vor Lachen schüttelten und dann erst wieder nach ihren Rudern griffen, um nicht zu spät zu ihren Lieben heimzukommen.
Die glücklichen Schläfer auf der Sandbank waren ohne Ahnung von dem Besuch, den ihnen Peter Wübbe und Sohn, Fischer auf alles, was sich auf, in und an der Elbe finden ließ, abstatteten. Peter Wübbe Vater hatte längst den Rock und Peter Wübbe Sohn längst schon die Stiefel des Meisters angezogen, um darin nach der Schenke zu gehen, als die Gesellschaft noch im tiefsten Schlafe lag.
Sobald die Flut eintrat, wurde der Wind lustiger und machte sich den Spaß, Wöllers Hut fortzuwehen und ihn quer über die Insel in die Elbe zu kollern, wo er, vor Topp und Takel treibend, eine Fahrt auf eigene Hand nach Hamburg unternahm. Wöllers fuhr zwar aus dem Schlaf auf und rannte mit der Angelrute hinterher. Er konnte jedoch nur zusehen, wie der Segler in das Schilf einer nahe liegenden Insel getrieben wurde, die etwa hundert Schritt stromaufwärts lag. Indem er sehnsüchtig hinübersah, huschte Schünnemanns Hut ebenfalls bei ihm vorbei und dem andern nach. Wöllers führte zwar einen Hieb mit der Angelrute nach ihm, traf aber nur den Sand oder hätte beinahe dem Gevatter eins übergezogen, der unmittelbar hinter dem Ausreißer herkam. Die beiden Hüte hatten sich indes, wie zum Hohn, in das Schilf gelegt und blieben auch voraussichtlich dort liegen, bis die Flut so hoch gestiegen war, daß sie durch die Spitzen des Rohres weitersegeln konnten.
»Weißt du was, Gevatter,« begann Wöllers leise, »du schwimmst ja wie ein Fisch und badest ja im Winter in der Elbe. Zieh dich schnell aus und hole die Hüte. Mach' nur keine Umstände, das Wasser ist für dich warm, und die Frauenzimmer schlafen unter den Büschen fort, wo sie der Wind nicht geniert!«
Schünnemann, der sich auf sein Schwimmen etwas zugute tat, warf einen bedenklichen Blick nach den Schläferinnen. Da jedoch die Sache Eile hatte, und er die Flut, gegen die er zurückschwimmen mußte, nicht noch stärker auflaufen lassen wollte, so streifte er schnell allen Nanking von sich, zog das Hemd über den Kopf und schwamm im nächsten Augenblick nach den Hüten hinüber, die er bald erreichte, übereinander auf den Kopf setzte und sie mit den Gummischnüren festband. Wöllers, der ihm mit großer Aufmerksamkeit zugesehen hatte, wurde plötzlich durch einen Platzregen aufgeschreckt, der sich, mit Hagel und Graupelwetter vermischt, ohne alle Vorrede über die Gegend ergoß. Die Wolken waren mit Wind und Flut ganz unbemerkt heraufgekommen und schütteten nun ihren Inhalt so unerwartet und eilig herab, daß die Schlafenden mit einem Schreckensgeschrei in die Höhe fuhren und halb durchnäßt waren, ehe sie noch ordentlich munter wurden.
Die noch eben so stille Insel war jetzt der Schauplatz des Jammers, denn es gab keinen Fleck, wo man vor dem Regen Sicherheit finden konnte, der wie aus Kannen heruntergoß und mit Hagel vermengt war. Die Zweige der Weidenbüsche trugen noch zu schwaches Laub, um einen Schutz zu bieten. Das Boot war zu schwer, um es umzukippen und darunterzukriechen, auch lag es noch außer der Flut, die Regenschirme waren verschwunden, und es blieb nichts übrig, als des Himmels Zorn ruhig über sich ergehen zu lassen. Mußten alle anderen diesen tragen, so mußte der Meister außerdem noch den Privatzorn seiner Gattin auf sich nehmen, die unter dem improvisierten Tisch hervor eine schauerliche Verfluchung aller Wasservergnügungen wimmerte, während Wöllers Rock und Stiefel suchte und endlich an den fehlenden Segeln und Rudern entdeckte, daß er bestohlen war.
Ein neues Zetergeschrei der Damen veranlaßte ihn, sich vom Boot wegzuwenden. Schünnemann, der dem Wasser entstiegen, vom Hagel gepeitscht und in der Verzweiflung seine paradiesische Tracht vergessend nach seinen Sachen rannte, war die Ursache. Hätte er es wie Ulysses gemacht und wenigstens mit nerviger Rechten einen Zweig gepflückt oder nur einen Hut in die Hand genommen, – aber so brach er rücksichtslos hervor und griff nach seinen durchnäßten Kleidern. Es wäre gar nicht nötig gewesen, sie auf der Schwimmpartie abzulegen, wenigstens hätte er sich die unendliche Mühe erspart, die ihm das Anziehen der klitschnassen Sachen verursachte, die er endlich unter fortwährendem Regenguß auf den Leib brachte.
Am meisten war der arme Wöllers zu bedauern, der ohne Rock und Stiefel am Boot stand, um die Einschiffung seiner racheschnaubenden Gattin zu besorgen. Was half es ihm, daß Krischaan vorderhand als Blitzableiter diente und einen guten Teil Grimm der Meisterin auf sich nehmen mußte, weil er geschlafen hatte, als die Spitzbuben da waren, weil er das Wetter nicht verhinderte zu kommen, weil er sich in den Sand eingegraben hatte und trocken geblieben war, alles Verbrechen, deren jedes mit etwa fünftausend Haaren bezahlt wurde. Er entging seinem Schicksal doch nicht und mußte später ein eheliches Kielholen erwarten.
Es war nur ein großes Glück, daß Peter Wübbe wenigstens ein Ruder mitzunehmen vergessen, sonst wäre das Fort- oder wenigstens das Ankommen sehr problematisch gewesen. Eine Ruderdolle fand sich auch noch vor, so daß Wöllers das nun flotte Boot vorwärtssteuern und wricken konnte. Da stand er denn am Strand und lotste das Fahrzeug nach Hamburg hinauf. Ein armer Sünder, der seinen Richter und Henker eigenhändig nach dem Richtplatz kutschiert.
*
Die Gesellschaft, welche sich von der Villa Eiskuhl nach Stubborns begab, war bald in zwei Teile geschieden, deren jüngerer sogar über die Grenze ausbrach und in den benachbarten Garten des Kühnmannschen Landhauses, aus dessen grünumwachsener Veranda lustiges Lachen erschallte, durch die Hecke seinen Weg fand.
Da sich die Alten von Geschäften unterhielten, so wollten die jungen Leute musizieren. Das Piano war aber dermaßen verstimmt, daß man bald davon abstand, besonders als ein neuer Gast eintraf, der für Stubborn einen Auftrag mitbrachte, durch den er ihn etwas zu ärgern dachte, denn erstens konnte er Stubborn nicht leiden, und zweitens hatte er heute selbst einen »Mordsärger« gehabt, von dem er jemandem etwas mitteilen mußte. Deshalb kam er auch gerade am Sonntagnachmittag.
Es war der Assekuranzmakler Vollmann, derselbe, der Bernhart Sonntags sein Boot zur Disposition gestellt, weil er an diesem Tag in der Regel frühstückte, wozu er mit seinen Freunden die Stunden von vormittags zehn bis abends zehn Uhr brauchte. Heute war ihm indes sein Frühstück derartig verunglückt, daß er, von den eingeladenen Freunden aufs furchtbarste verhöhnt, die Flucht ergreifen und sich von der Hohenluft nach Neumühlen retten mußte.
Es war von seiner Seite ein Krebsfrühstück arrangiert gewesen. Er wollte dies eigentlich am 1. Mai, dem Anfang der Krebsmonate, geben, benutzte jedoch den Sonntag vorher dazu, weil er fürchtete, die aus allen Weltgegenden verschriebenen Krebse würden sich nicht bis zum ersten Sonntag des Mai halten. Er hatte die Sache auch ganz richtig berechnet, denn als er seine Gäste in den Frühstückssalon führte, wo sein Diener die angekommenen Schaltiere auspackte und arrangierte, empfing sie ein so fürchterlicher Gestank, daß sie eine Weile vor Erstaunen regungslos stehenblieben, um den Diener anzustaunen, dessen Nase mit einer Holzklammer versehen war, und dann hinauszustürzen und über den armen Vollmann herzufallen, weil er seine Gäste nicht auch erst mit solchen Klammern ausgestattet hatte.
Vollmann nahm den Diener vor und fragte ihn, nachdem er ihm eine lange Reihe zusammengesetzter Tiernamen beigelegt, wie er so toll sein könne, solch stinkiges Vieh aufzustellen. Der Diener entschuldigte sich damit, daß er geglaubt habe, es sei wie bei dem Wildbret, das ja der Herr Prinzipal nicht stinkig genug kriegen könne. Dies gab den Freunden neuen Stoff zum Spott, so daß Herr Vollmann endlich, trotz seines Bäuchleins, über den Zaun sprang und, den Weinkellerschlüssel unter die Spötter werfend, entfloh.
Man konnte es dem guten Vollmann nicht verdenken, wenn ihn ein solches Malheur mit Grimm erfüllte, denn morgen waren die faulen Krebse an der Börse und kniffen ihn, deshalb mußte er noch heute seinen Ärger an jemand auslassen. Er wußte dazu keinen besseren als Stubborn und richtete seine Schritte zu ihm.
»Entschuldigen schon, wenn ich gerade im Vorbeigehen heute von Geschäften spreche«, begann er nach den ersten Begrüßungen. »Brauche es Ihnen aber dann morgen nicht erst zu sagen, und können gleich Ihre Dispositionen treffen, ehe Sie zur Börse kommen. ›Komet‹ ist hin. Total futsch! Ward vom Kapitän Bold von der ›Atlanta‹ sinkend und von Mannschaft verlassen in der Sundastraße getroffen und sank vor seinen Augen. Brachte noch Chronometer, Kompaß und Loggbuch mit. ›Komet‹ scheint gejagt worden zu sein, wie aus den Bemerkungen der letzten Wache hervorgeht. Von Mannschaft keine Spur. Ist mit Mann und Maus verloren, und Assekuranz muß Ihnen zahlen. Direktor sagte mir aber noch gestern abend, soll Ihnen sagen, daß er kein Schiff mehr von Ihnen annimmt. Ist drittes Schiff in drei Jahren. Zu viel Pech! Faul! Faul! Alles faul!« worauf er wieder in stilles Brüten verfiel.
Über Stubborns Gesicht flog ein schreckbares Erstaunen, womit er Vollmann einige Augenblicke anstarrte. Dann ließ er seine Augen über die Gesichter der übrigen Anwesenden laufen und holte tief Atem, indem er langsam fragte: »Wie – meinen – Sie – das?«
Vollmann sah ärgerlich auf und sprach: »Na, morgen weiß es ja doch die ganze Börse, warum soll ich's Ihnen heute nicht selbst sagen, meine Herren«, und nun erzählte er sein Krebsabenteuer, worauf sich sein »Faul, Faul« bezogen hatte. Alles lachte ausgelassen. Spickmann sen. brüllte, und selbst dem Senator wackelte der Bauch. Stubborn holte noch einmal tief Atem, und indem die Farbe, soviel diese überhaupt auf seinem Gesicht etwas zu suchen hatte, dahin zurückkehrte, versuchte er auch zu lächeln, was indes nur zu einem schauerlichen Grinsen wurde. Es gab jetzt ein Gespräch über Assekuranzen und Schiffbrüche, wobei alle, der Makler ausgenommen, darin übereinstimmten, daß es höchst ärgerlich wäre, wenn ein Schiff, das einmal Havarie gelitten habe, dann nicht auch mit Gütern, Mann und Maus zugrunde ginge, weil sonst nichts dabei herausschaue.
Die jungen Leute hatten ganz recht getan, sich aus dieser Gesellschaft fortzumachen und die Familie Kühnmann aufzusuchen. Es konnte auch nichts Fröhlicheres und Liebenswürdigeres geben als diese Familie. War der »alte Kühnmann«, wie er trotz seiner vierzig Jahre scherzhafterweise von Weib und Kind genannt wurde, im Geschäft ein wahrer Tiger, der nach jedem Vorteil sprang und ihn festhielt, so war er in seinem Landhaus- und Familienleben nicht wiederzuerkennen und die Güte und Zärtlichkeit selbst. Man mußte den Mann sehen, wie er plötzlich von einer ganz unerwarteten Seite unter die Arbeiter fuhr, die ein Dampfschiff ausbauten und dabei arbeiteten, als hätte der Tag achtundvierzig Stunden. Oder wie er den Agenten einer Ware die Hölle heiß machte, um hundert Mark dabei zu profitieren. Man hätte ihn dann nicht wiedererkannt, wenn er, jede Tasche mit Zucker und Kaffee angefüllt, in ein lustiges Gelächter ausbrach, sobald die Zollstätte unangefochten passiert war; wie dann das ganze kleine Haus von Gelächter erscholl, wenn er die Taschen umkehrte und noch verschiedene unerwartete Kleinigkeiten für Frau und Kinder herauskamen. Die Kühnmannsche Familie war stets bereit, in Lachen auszubrechen, und fand auch stets Ursache dazu. Jedes einzelne Mitglied war Tag und Nacht mit Lachen geladen bis zum Zerplatzen. Es durfte nur der kleinste Spaß den Drücker ihres Schlosses berühren, so schossen sie los und brachten alle anderen mit ins Feuer.
Als die jungen Leute im Hause dieser ungetrübten Fröhlichkeit ankamen, fanden sie schon zwei Gäste vor, deren einer, ein Verwandter mit Namen Schwarzknopf, als Buchhalter in Kühnmanns Kontor diente, während der andere Sekretär bei einem jener Gesandten war, die man in Hamburg scherzweise »überflüssige« nannte, im Gegensatz zu jenen, die »überseeische« genannt wurden. Dieser junge Mann hieß Förster und kannte kein anderes Vergnügen, als jeden Sonntag nach Neumühlen zu gehen und Kühnmanns älteste Tochter zu bewundern.
Die lustige Familie hatte eben beschlossen, sich am Strande in den Sand zu lagern, um zu sehen, ob es dort etwas zu lachen geben würde. Außerdem war es eine hergebrachte Sache, daß Schwarzknopf bei eintretender Flut ein paar lange Stelzen bestieg und, da er ohnedem mit riesengroßen Stelzbeinen begabt war, darauf wie ein kolossaler Fischreiher im Wasser herumwatete. Man hatte schon den ganzen vorigen Sommer die stille Hoffnung gehegt, er würde einmal stolpern und so lang er war ins Wasser fallen; die lustige Familie hatte für diesen Zweck extra geladen und verfolgte seine Schritte mit glänzenden Augen und emporgezogenen Mundwinkeln, ja der »alte Kühnmann« hatte sogar zur Ebbezeit hinterlistigerweise große Steine hingelegt; Schwarzknopf besaß jedoch eine solche Fertigkeit, daß er jedesmal seinen Spaziergang trocken vollbrachte, zur tiefen Bekümmernis der Familie, die einen vollständigen Anzug für ihn bereit hielt, der ihm überall eine halbe Elle zu kurz war.
Heute blieb man jedoch oben, weil musiziert werden sollte, und da sich der Flügel im besten Stande befand, so spielte man zwei- und vierhändig, wobei Kühnmann die Beine vor Vergnügen hinaufzog, denn er war ein großer Musikfreund und hatte erst gestern mehrere Ouvertüren mitgebracht. Dann kam der Gesang an die Reihe, und es mußte jeder ein Lied zum besten geben. Die Damen hatten gesungen, und die Herren sollten nun folgen, auch Schnepfe und Bernhart sollten etwas zum besten geben, denn man hielt es für selbstverständlich, daß sie als Sachsen musikalisch sein müßten. Nur Spickmann jun. hatte weder eine Idee vom Spielen noch vom Singen und blieb stumm wie ein Karpfen.
Bernhart erklärte, er habe durch einen Freund eine Romanze von Mendelssohn-Bartholdy erhalten, die noch gar nicht gedruckt sei. Man war außerordentlich neugierig darauf und bat ihn, sie vorzutragen. Er setzte sich an den Flügel und stellte sein Skizzenbuch auf den Notenhalter, worauf er, nach einem Blick auf Selma, ein Vorspiel zu ihrem Lied begann, wobei ihr vor Erstaunen das Blut in die Wangen stieg. Wie kam dieser junge Mann zu dem Lied, welches sie erst gestern gedichtet und komponiert hatte? Sie sah nach ihrer Schwester hinüber, indem sie diese beargwöhnte; aber sie hatte ja das Lied nicht einmal aufgeschrieben, und der Fremde spielte es noch dazu mit vollerer Harmonie und in einer tieferen Lage? Er hatte jetzt geendet. Die Lobsprüche, die dem Komponisten erteilt wurden, trieben ihr wiederum das Blut ins Gesicht, und in dem kleinen leeren Raum, der dadurch in ihrem Herzen entstand, saß blitzschnell der Sänger, der ihr eine so zarte stille Huldigung dargebracht.
Vetter Schwarzknopf erklärte nun, er wolle auch ein Liebeslied singen, und zwar das einzige, das er könne. Hierauf setzte er sich an den Flügel, suchte vorerst mit den Füßen den Fortezug und ließ, nachdem er sich des Pedals versichert, den C-dur-Akkord los, den ihm sein Freund Förster nach unglaublicher Mühe beigebracht hatte. War dieser Akkord aber einmal von Schwarzknopf festgepackt, so ließ er ihn gewiß nicht wieder aus der Hand und sang dazu alles, was er singen wollte, ohne eine Idee oder ein Bedürfnis von einem Septakkord oder irgendeiner Modulation zu haben. War eine Abweichung gar zu unumgänglich nötig, so wartete er schlau, bis er wieder in die Nähe des C-dur-Akkordes kam, und trug seine Stimme indes solo vor. Er hatte übrigens eine Lunge wie ein Schmiedeblasebalg und eine schöne Baßstimme. Er hieb sich also in dem bewußten C-dur-Akkord fest wie in einem Holländer Käse, stellte dann den Zeigefinger auf das kleine c und fuhr damit auf den weißen Tasten hinauf, bis sie alle waren, wodurch er eine Tonleiter produzierte, die ihm stets als Vorspiel diente. Dann sang er fortissimo:
»Wenn ich an dich, mein Schatz, gedenk',
Du rau uh – di du raaaah!!!
So wackeln alle Tisch und Bänk',
Du rau uh – di du raaaah!!!
Dann krieg' ich fürchterlichen Durst,
Du rau uh – di du raaaah!!!
Dann ist mir alles Leberwurst,
Du rau uh – di du raaaah!!!
Raaaah – raaaah
Rau uh – di du raaaah
Raaaah! – raaaah!!!«
»Herr Gott, was ist denn los?! Brennt's hier etwa? Oder wird einer umgebracht!« so schrie Spickmann sen., der mit Vollmann und dem Senator zur Tür hereinstürzte, um dann ein Gelächter anzustimmen, gegen das alles, was Kühnmanns jemals in diesem Fach geleistet hatten, nur schwaches Lächeln war. Man wird sich wundern, daß Spickmann und der Senator ein so bescheidenes Landhaus wie das Kühnmannsche mit ihrem Besuch beehrten. Kühnmann besaß indes vier Dampfschiffe seewärts und machte sonst noch bedeutende Geschäfte mit der Dampfschiffahrt flußaufwärts. Spickmann hielt ihn für einen geheimen Millionär und schlauen Fuchs, auch der Senator war ganz derselben Ansicht. Außerdem kalkulierte er stets so vortrefflich, daß ihn die beiden oft über dies und jenes um Rat fragten und dabei gut wegkamen. Der Hauptgrund ihres Besuchs war aber der, daß sie eine Partie Whist spielen wollten, wozu ihnen der vierte Mann fehlte, denn Stubborn war plötzlich verschwunden, und Hanf- und Eisenmölcke waren zu dumm zum Whistspielen. Kühnmann spielte nur höchst ungern, setzte sich jedoch aus nachbarlicher Rücksicht mit an den Spieltisch, nachdem er seinem ältesten Sohn, einem Jungen von etwa elf Jahren, aufgetragen hatte, auf der Geige zum Piano zu spielen, damit man endlich einmal etwas für das Stundengeld höre. Es würde wohl ungefähr so viel kosten, wie ein Konzert von Ole Bull Ole Bornemann Bull, norwegischer Violinvirtuose, 1810 bis 1880., murmelte er beiseite.
Man suchte Noten heraus – Vollmann gab Karte. Spickmann legte vier Doppellouisdors als Spielmarken an, der Senator desgleichen, Vollmann vier preußische Taler und Kühnmann lächelnd vier Schillinge, was von den beiden Geldsäcken nicht als stille Ironie, sondern als lobenswerte Bescheidenheit angesehen wurde, während Vollmann mit dem Wirt ein schlaues Lächeln austauschte.
In diesem Augenblick kam das Wetter, das kurz zuvor die Wöllerssche Expedition ein paar Stunden weiter unten so gründlich eingeweicht hatte, nach Neumühlen. Plötzlich schrie der Senator: »Herr Gott, mien geele Reuben!« Denn er sah die Schloßen und dachte daran, daß der Gärtner die Beete vielleicht nicht zugedeckt hätte. Er rannte in das Vorzimmer, ergriff dort den ersten besten Hut und lief trotz des Regens nach seinen geliebten Rübenbeeten hinüber, die er glücklicherweise verdeckt fand, worauf er wieder zurückkam, so schnell dies sein Bauch zuließ.
Er wurde mit einem Schreckensschrei empfangen. Über sein Gesicht und das Schneefeld seines Hemdes zogen sich lange schwarze Streifen, die ihm das Ansehen eines wilden Zebras gaben, das sich plötzlich in eine Gesellschaft drängt. Der Unglückliche hatte den Hut Bernharts erwischt, den dieser heute morgen schwarz gewichst und jetzt draußen hinter der Tür versteckt hatte. Der Bösewicht hielt dafür einen anderen Hut in den Regen hinaus und setzte ihn dann an die Stelle des seinigen, während der Senator, vor einen Spiegel geführt, über seinen unwürdigen Anblick beinahe in Ohnmacht fiel, um dann nach Hause zu laufen und die Senatorin durch sein schrecklich gemeines Aussehen in Verzweiflung zu bringen.