Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Anzeige. Gutenberg Edition 16. 2. vermehrte und verbesserte Auflage. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++

siehe Bildunterschrfit

In Eiskuhls Garten

Viertes Kapitel
Bekanntschaften

Die Lauscher hatten etwa zwei Minuten auf der Lauer gelegen, als sie in der Einsiedelei einen Laut der Überraschung hörten. Gleich darauf erschien Selma am Fenster und blickte mit ihren glänzenden Augen suchend rundum, worauf sie wieder verschwand und man im Innern des Pavillons ein lebhaftes Gespräch hörte. Die Köpfe der Schwestern erschienen dann wieder am Fenster, und die Damen setzten die Untersuchung der Umgegend fort. Da sie jedoch erfolglos schien, so entfernten sie sich nach einiger Zeit und suchten offenbar im Garten nach dem Maler des Bildes.

Bernhart hatte die Absicht, noch einiges an der Skizze zu machen. Beide krochen aus dem Gebüsch, und Schnepfe mußte sich wieder in der nahen Hecke als Wache postieren. Der Maler schlich sich leise an die Einsiedelei hinauf und steckte den Kopf vorsichtig in das Fenster. Es war alles still und leer; deshalb stieg er hinein und setzte sich wieder vor die Staffelei, wo er eilig die feinen Spitzen und Blätter der Weidenbüsche auszuführen begann.

Plötzlich hielt er erschrocken inne, denn er hatte einen unterdrückten Schrei Schnepfes gehört, dem der helle Klang einer Mädchenstimme folgte.

»Einen habe ich!« hörte er lachend die kleine muntere Emma sagen.

Bernhart legte schnell Pinsel und Palette beiseite, um aus dem Fenster zu springen. Als er sich umwendete, fühlte er einen warmen Atemzug und sah in das tief errötende Gesicht Selmas, die bisher, von einem Vorhang verborgen, hinter ihm stand.

Er stand wie ein erwischter Wilddieb vor dem Jäger und wußte in seiner fürchterlichen Verlegenheit nicht, was er sagen sollte. Gesagt mußte jedoch etwas von seiner Seite werden, das fühlte er. Als er daher eben den Mund öffnete, um sein Einsteigen zu entschuldigen, dabei aber unglücklicherweise seine Augen auf die des Mädchens richtete, trafen ihn diese so tief und gewaltig, daß er all sein Blut brausend nach dem Kopfe steigen fühlte und die Geistesgegenwart vollständig verlor.

Der arme Kerl, er wußte nicht, daß ihm Gott Amor, der in Selmas Augen schon auf so manches Opfer gelauert, in diesem Augenblick seinen längsten und stärksten Pfeil mit doppelten Widerhaken in das Herz geschossen hatte. In dem Wundfieber, das augenblicklich nach einem solchen Schuß einzutreten pflegt, suchte er irgendeinen Gegenstand, über den er etwas sagen könnte. Sein Blick fiel auf die Pinsel, die reingemacht zu werden nötig hatten, und da er dazu stets Terpentinöl gebrauchte, so stotterte er mit kläglicher Stimme die höchst zeitgemäße Frage »Haben Sie kein Terpentinöl?« hervor.

So verlegen Selma auch selbst war, so fingen doch bei dieser höchst lächerlichen Frage auf ihren Wangen und um ihren Mund eine Menge Grübchen an, wie Wasserbläschen auf und ab zu tanzen. Ihre Lippen zuckten, und die glänzend weißen Zähne erschienen stellenweise wie die Kämme der Wellen vor einem Lachsturm. Als sie nun in das Jammergesicht des seine Dummheit erkennenden Gefangenen sah, brach sie in ein unaufhaltsames Gelächter aus, das den armen Bernhart zu solcher Verzweiflung trieb, daß er sich kopfüber aus dem Fenster zu stürzen versuchte.

Aber auch dieser Ausweg ward ihm abgeschnitten, denn im selben Augenblick erschien Emma vor dem Fenster, die den gefangenen Schnepfe, der seinen Hut hartnäckig hinter dem Rücken hielt, daherführte.

»Hier bringe ich den meuchlerischen Maler«, sagte sie lachend, blickte jedoch erstaunt auf Bernhart, der eben zum Sprunge ansetzte und jetzt, da ihm die Flucht vereitelt war, vernichtet auf einen Stuhl sank, und zwar gerade auf den Stuhl, auf welchem die Palette mit den Farben lag.

Ein Schreckensschrei Selmas, die das ganze Unheil eines solchen Sitzes sogleich erkannte, rief ihn wieder zu sich, aber auch das Gelächter der übrigen Personen, und nun wäre die Frage »Haben Sie kein Terpentinöl?« vollkommen zeitgemäß und am Platze gewesen.

»Sind Sie der Maler oder er?« fragte endlich Emma ihren Gefangenen.

Schnepfe zeigte stumm nach Bernhart, der die verschiedenen Farben, die sich auf seinem Frackschoß abgedrückt hatten, trübselig betrachtete und dann bittend nach Selma blickte, die, ihr Tuch vor dem Munde, auf eine große Flasche zeigte. »Wer und was sind Sie denn?« fragte mit komischer Strenge Emma.

»Ich?« stotterte Schnepfe. »Wa – was ich bin?«

»Nun ja!« fuhr Emma fort. »Ich habe Sie schon einigemal in unserm Hause in Hamburg gesehen. Sind Sie ein See- oder ein Landräuber? Heißen Sie Störtebeker oder Rinaldini?«

»Ich«, sagte Schnepfe und wurde feuerrot ob der ungeheuren Lüge, die er eben aussprechen wollte. »Ich bin der Doktor Emil Schnepfe.«

»Und ich,« sagte Bernhart, endlich sich selbst wiederfindend, mit einer Verbeugung gegen Selma, »bin der Maler Bernhart.«

»Professor«, sagte Schnepfe mit einer Handbewegung, als wollte er seinen Freund der ganzen sichtbaren Umgegend vorstellen.

»Unsinn«, murmelte Bernhart und fuhr dann fort: »Entschuldigen Sie unser Einschleichen, meine Damen. Die angefangene Skizze war aber zu lockend für mich und die Malgerätschaften zu verführerisch. Sie machten mich zum Verbrecher an diesem Heiligtum. Der Herr Senator hat mir übrigens durch meinen Freund den Auftrag zukommen lassen, diese Villa zu malen, sonst hätte ich es gar nicht gewagt, in ihre Nähe zu kommen. Ich kann übrigens nicht begreifen, wie der Herr Senator als Vater einer so geschickten Künstlerin« – er blickte hierbei auf die umherhängenden Skizzen – »sich an jemand andern wenden konnte.«

»Mein Papa hat nicht die Ahnung, daß ich male, und würde sich übrigens hüten, seinen Landsitz von einer solchen Stümperin aufnehmen zu lassen«, bemerkte Selma.

»Ich will und kann Ihnen keine Komplimente machen, denn der Fluch der Lächerlichkeit, der mir beim ersten Erscheinen vor Ihnen ward, würde sich dazwischendrängen. Ich muß Sie aber nochmals um Verzeihung über mein unberechtigtes Einsteigen und um Nachsicht wegen der Verwirrung bitten, in die Ihr unerwarteter Anblick mich stürzte«, sagte Bernhart.

»Ich habe Ihnen gar nichts zu verzeihen, sondern nur zu danken, denn ich hoffe, Sie lassen mir die schöne Skizze«, sagte sie, auf die Staffelei zeigend.

Bernhart versicherte, daß ihr alle seine Skizzen zu Gebote ständen.

»Ich werde mir erlauben, Sie bei Papa einzuführen«, fuhr Selma fort. »Vorderhand überlasse ich Ihnen und Ihrem Freunde, dem Herrn Doktor, meinen Pavillon, damit Sie Ihren Frack kurieren. Hier steht Terpentinöl« – dabei zuckte es um ihren Mund – »und hier Eau de Cologne. Komm, Emma, lassen wir die Herren allein.«

»Bitte, treten Sie ein«, sprach Emma schelmisch, auf das Fenster deutend.

»Kann ich vielleicht durch die Tür gehen?« fragte Schnepfe verlegen.

»Nein! Sie müssen durch das Fenster«, befahl Emma.

Schnepfe verbeugte sich und steckte dann seinen Hut, den er mit einem plötzlichen Ruck hinter dem Rücken hervorbrachte, schnell in das Fenster, worauf er selbst hineinstieg.

Selma hatte die Einsiedelei schon verlassen und erwartete ihre Schwester, mit der sie im Garten umherging, während Schnepfe und Bernhart mit vereinten Kräften die Farben von den Frackschößen entfernten und dann den Terpentingeruch durch Eau de Cologne zu vertreiben suchten.

In diesem Augenblick hörte man Stimmen im Garten. Die Schwestern bogen in einen Seitenweg ein und traten dann in ein dichtes Fichtengebüsch, um daraus hervorzulauschen.

Sie hatten noch keine Minute darin zugebracht, als sich ihnen ein höchst komischer Anblick bot, bei dem sie kaum ein lautes Gelächter unterdrücken konnten.

»Der junge Spickmann«, flüsterte Selma, indem sie ihr Taschentuch vor den Mund preßte.

Ein junger Mann, der unzweifelhaft dem letzten Modejournal entwischt war, kam in den Gängen daher und sah sich nach den Mädchen um.

Der junge Mann war ohne jede Falte, gerade wie die Männchen im Modejournal sich zu tragen pflegen. In der Hand hielt er den steifen, glänzenden Zylinder, und aus den Beinkleidern sahen gerade solche schmalen, steifen, glänzenden Stiefel hervor, wie man sie sonst nur in den Modejournalen sieht.

Da es keinen menschlichen Fuß gibt, der in Modejournalstiefeln existieren kann, so war der Gang des Mannes eine Art Hühneraugentanz, den er, nach den Mädchen spähend, aufführte.

Als er diese nirgends erblickte, ging er nach einer nahen Ruhebank, wo er sich niederließ und die gequälten Füße in die Luft streckte. Dabei zog er eine solche Menge Gegenstände aus seinen Taschen hervor und breitete sie auf der Bank aus, daß die Schwestern glaubten, er beabsichtige einen kleinen Handel mit Kurzwaren zu errichten.

Nachdem er eine Anzahl Büchsen, Flaschen, Kämme und Bürsten beisammen hatte, klemmte er seine Angströhre in einen Baumzweig und sah aufmerksam hinein, als wäre es ein Teleskop, wodurch er eine wichtige astronomische Entdeckung zu machen beabsichtigte. Die Mädchen bemerkten, daß im Deckel des Hutes ein Spiegel angebracht war, in dem Herr Spickmann sein reizendes Gesicht und besonders seine schöne Stumpfnase betrachtete, deren Spitze er einigemale herunterzuziehen versuchte, um etwas Adlermäßiges zu bekommen. Die Nase schien jedoch aus einem kautschukähnlichen Stoffe zu bestehen, denn sie schnappte jedesmal wieder hinauf und gestattete jedem einen Einblick in den Spickmannschen Hirnkasten, wo man einen dunklen Raum erblickte.

Nachdem Herr Spickmann sein wertvolles Haupt durch den Inhalt seiner Büchsen und Flaschen, durch Kämmen und Bürsten restauriert hatte, wandte er seine Aufmerksamkeit der Krawatte zu, einem Ausbund von Himmelblau, vor dem sich jeder nordische Himmel verstecken mußte. Er zupfte und zog mit solchem Eifer daran herum, daß die Lauscherinnen die ernstliche Besorgnis erfaßte, er werde sich strangulieren.

Er kam jedoch diesmal noch mit dem Leben davon und sah vermittels seiner Strohhaare und der Kornblumenkrawatte wie ein Kalb aus, das aus einem Kornfelde hervorschaut.

Als er seine Kurzwaren wieder verpackt hatte, wagte er sich auf die Modejournalstiefel und verschwand dann im fortgesetzten Hühneraugenballett im Garten, um die Damen Eiskuhl zu fangen, in jedem Backenbart eine.

»Gott behüte uns, er wird nach der Einsiedelei gehen«, sagte Selma. »Laß uns vorauseilen und unsere beiden …« Es fehlte ihr ein Wort für Bernhart und Schnepfe.

»Herauslassen«, ergänzte Emma, und die Mädchen liefen durch die Büsche nach dem Pavillon, an dessen Tür sie klopften.

Der vollständig restaurierte Bernhart öffnete. Er hatte nicht nur seinen Schaden mit Terpentinöl und dieses wieder mit Eau de Cologne gebessert, sondern auch die Glacéhandschuhe angezogen und war bereit, sich dem Senator vorstellen zu lassen. Schnepfe, der sich bei der Aussicht, seinem Kunden hier als Besuch vorgestellt zu werden, nicht ganz wohl in seiner Haut befand, wäre lieber wieder durch das Fenster entwischt. Emma hatte ihn jedoch schon in Beschlag genommen, und er ging hinter Bernhart und Selma seinem Schicksal mit Todesangst entgegen und dem Entschluß, sobald ihn der Senator entlarvte, rücksichtslos durchzubrennen.

Als sie einige Schritt gegangen waren, kam ihnen Herr Spickmann jun. entgegen, der gerade den Teil des Hühneraugenballetts aufführte, wo der Tänzer, um den Zehen einige Erholung zu gönnen, auf den Stiefelabsätzen geht. Als er die Gesellschaft erblickte, fiel er jedoch sogleich auf die Fußspitzen nieder, legte die Hand mit dem zitronengelben Glacé rund um die Angströhre, daß diese wie ein Wickelkind in seinem Arme lag (das letzte Journal verlangte es so), schob die Hühneraugenfutterale in die dritte Position, entriß den Hut mit der rechten Hand dem linken Arm und machte die schönste Verbeugung, die jemals ein Kalb gemacht hat, das, aus einem Kornfelde hervorkommend, ein paar Damen sieht.

War Herr Spickmann jun. in seinem Kostüm französisch, so liebte er es dagegen, in seinen Manieren den Engländer zu spielen. Da ihm nun die Begleiter der Damen nicht vorgestellt waren, sah er dieselben als gar nicht vorhanden an. Indem er die kurze englische Redeweise in jenes noch kürzere Deutsch übersetzte, welches ein gekröntes Haupt zu sprechen so gnädig war, fragte er in einem zärtlich besorgten Tone: »Befinden sich?«

»In vortrefflicher Gesellschaft, die ich Ihnen hiermit vorzustellen die Ehre habe«, entgegnete munter Emma.

»Herr Doktor Emil Schnepfe und Herr Professor Bernhart.«

»Äh«, stieß Herr Spickmann jun. so erstaunt hervor, als wären die beiden Genannten eben erst aus der Erde heraufgestiegen.

Es war jammerschade, daß damals noch nicht jene Nasenklemmer existierten, die unsere Lions jetzt mit so viel Effekt auseinanderschnappen lassen und dann von oben auf die Nase schieben, um zu sehen, welches Genus sie vor sich haben. Diese Art, jemand zu betrachten, macht ungemein viel Effekt, weil die Nase dabei sehr hoch gehalten werden muß, damit der Klemmer nicht herunterfällt und man so auf seinen Gegenstand gewissermaßen von oben herabsieht.

Herr Spickmann jun. bediente sich noch jenes Zwickers, der nicht zwickt, sondern gezwickt wird, und zwar in die Augenhöhle. Als er sein Fensterchen vor dem rechten Auge angebracht und das linke zugedrückt hatte, machte er etwas wie einen Versuch, vornüber zu kippen, und ließ dann das Wort »seeehr« hören, wozu sich die Begrüßten »angenehm« denken konnten.

Hierauf brachte er sich durch eine kühne Schwenkung zwischen die Damen, sagte zu Emma: »äußerst«, zu Selma: »entzückt«, und hatte damit ziemlich alles gesagt, was er zu sagen wußte.

Im Salon war indes Herr Spickmann sen. mit dem Senator in ein Gespräch über Kokosnußölverhältnisse verwickelt, das den Leuten in jenen Nußgegenden manche Plage bereiten konnte.

Ob der ältere Spickmann durch seinen steten Umgang mit Kokosnuß- und anderen Ölen so fett geworden war, daß sein Bauch etwa neun Zehntel seiner Person ausmachte, läßt sich nicht genau bestimmen. Er trug jedoch einen so respektablen Bauch auf seinen kurzen Beinen, daß diese wie die Zipfel an einem großen ambulanten Geldsack erschienen, mit dem Herr Spickmann auch die täuschendste Ähnlichkeit hatte. Die Frau Senatorin war bei der Ankunft Spickmanns sofort aus ihrer Ohnmacht erwacht, die sie eigentlich bis zum Souper auszudehnen gedachte. Sie war jetzt in lebhaftem Gespräch mit der Frau des Geldsackes, die im großen Kaffeefemgericht einen der ersten Plätze einnahm und der Madame Eiskuhl unter dem Siegel der größten Verschwiegenheit das Geheimnis von Lüttgens baldigem Bankrott mitteilte. Lüttgens – jene hochmütige Gesellschaft, die sich einbildete, eine Handbreit über Spickmanns und Eiskuhls zu stehen, weil sie eine Million mehr und einen Sommersitz an der Alster besaßen; die eine Bildergalerie hatten und Soupers mit Tafelmusik von vollständigem Orchester gaben, – Lüttgens bankrott! – das war ein Thema für ein Femgericht, zu dem die Wissenden in den nächsten Tagen geladen werden mußten.

Außer Spickmanns waren auch noch zwei Mölckes mit ihren Frauen und Kindern da. Hanfmölcke und Eisenmölcke, wie sie nach den Artikeln genannt wurden, in denen sie machten. Arme Teufel von höchstens einer halben Million, die aus Geschäftsrücksichten eingeladen waren, die aber sonst nicht zählten.

Die Gesellschaft war im besten Gespräch und hatte eben beschlossen, vor dem Diner eine Spazierfahrt auf der Elbe zu machen, als Henri in den Salon trat, auf den Senator oder eigentlich die Senatorin zuging und mit einem Gesicht, als habe er eine Schlange im Garten entdeckt, meldete: »Herr Doktor Schnepfe und Herr Professor Bernhart.«

Die Berührung von zwei so ungewöhnlichen Abarten der menschlichen Gesellschaft rief ein allgemeines Schweigen und Hinblicken nach der Tür hervor.

Henri war von den Mädchen vor der Villa erwischt und mit dieser Meldung vorausgeschickt worden.

»Doktor Schnepfe?« fragte der Senator, erstaunt die Augen aufreißend. »Doktor Schnepfe?« wandte er sich zornrot werdend an Jost, der mit unendlich vergnügtem Grinsen nach der Tür blickte, um den Doktor eintreten zu sehen, denn er allein im ganzen Haus kannte ihn nur zu gut.

»Ja, Papa,« ergänzte Emma, »der Herr Doktor, dem du aufgetragen hast, den berühmten Professor Bernhart mitzubringen, von dem du unsere Villa malen lassen willst.«

»Dunnerslag!« brüllte Spickmann, »das muß ich sagen, das ist famos! Ich will mir auch mein Landhaus abmalen lassen! Was meinst du Karline?« wandte er sich an seine Frau.

»Eine sehr gute Idee,« sagte diese, »das ist Lüttgens noch nicht eingefallen, die doch Kunstkenner sein wollen. Ich mache Ihnen mein Kompliment, Herr Senator.«

Herr Eiskuhl war ungefähr so verwundert über die Wirkung seiner Kunstliebe wie ein Mann, der ins Wasser fällt und beim Heraussteigen bemerkt, daß er in jeder Rocktasche einen Lachs gefangen hat. Aber dieser Doktor Schnepfe, das war doch zu arg.

»Du hast wohl die Herren zu Tisch geladen, Papachen? Ich werde gleich die Plätze arrangieren«, schmeichelte Emma.

»Ich?« fragte Herr Eiskuhl noch erstaunter. »Zu Tisch geladen? – Ich glaube – – –«, die Kerle sind verrückt, wollte er losplatzen.

Emma schnitt ihm jedoch jedes Wort ab, indem sie lustig rief: »Das ist recht, dann werden wir heute wie die Könige und Fürsten speisen, die sich auch Künstler und Gelehrte zur Tafel befehlen, um sich interessant zu machen.«

»Famos!« brüllte hier Spickmann wieder, indem er sich mit der Faust in die flache Hand schlug, »das ist wahr! Buchhalters und Kommis kann ich mir jeden Tag ein Schock einladen, aber Professers und Dokters nicht.«

Die Senatorin, welcher die Aussicht winkte, vielleicht einen Künstler und Gelehrten vor ihren Wagen zu spannen, gab ohne weiteres Emma den Auftrag, Kouverts für beide Herren zu besorgen, während sie Henri ersuchte, sie einzuführen.

Henri ging nach der Tür, als müßte er ein Krokodil und einen Haifisch hereinbringen.

Schnepfe, der seit einigen Minuten die Bemerkung machte, daß Spickmann jun. seinem Hut eine ganz besondere Aufmerksamkeit schenkte, er mochte ihn hinstecken, wo er wollte, war in doppelter Verzweiflung, da er den Senator jetzt vor und Spickmann hinter sich wußte.

Er warf einen Blick der Todesangst auf die Anwesenden und atmete hoch auf, denn es war keiner da, den sein Messer jemals berührt hätte, als der Senator.

Diesem machte er eine tiefe Verbeugung, dann eine allen vier Weltgegenden im allgemeinen, worauf er zu dem ihn anstaunenden Eiskuhl sagte: »Auf Ihren Befehl, Herr Senator, stelle ich Ihnen hier den berühmten Maler Herrn Professor Bernhart vor.« Dann trat er zurück, bereit, mit einem Satz zur Tür hinauszuspringen, wenn ihn der Senator etwa entlarvte.

Bernhart stellte sich jetzt vor, sprach viel von Ehre und machte der Senatorin, als er erst heraus hatte, welche es war, die gewagtesten Komplimente, was diese sehr gnädig mit einer nochmaligen bestimmten Einladung zum Diner erwiderte.

Der Senator war vollständig überrumpelt und ließ alles geschehen, denn er sah ein, daß er sich nun mit Schnepfe nicht blamieren konnte und diesen als Doktor passieren lassen mußte. Er betrachtete ihn kopfschüttelnd und murmelte nur einige Male »verfluchter Kerl«, worauf er ihm pantomimisch mitteilte, daß er später mit ihm abrechnen werde.

Schnepfe schickte ein heißes Dankgebet gen Himmel, daß es so abgelaufen war, und nahm einen Stuhl, den ihm Jost mit schmunzelndem »hier, Herr Doktor«, präsentierte, worunter er seinen Hut in Sicherheit brachte.

Spickmann jun. hielt jedoch sein Auge auf diesen Hut, den er bei Schnepfes sonst tadellos elegantem Anzug für eine neue Mode hielt, die dieser im voraus irgendwoher erhalten hatte, ehe sie im Journal erschien. Er wollte eben Erkundigungen darüber einziehen, als die Gesellschaft zur Wasserfahrt aufbrach, was Schnepfe für den Augenblick rettete. Der Senator schiffte sich mit seiner Gesellschaft wie ein Doge von Venedig ein, wobei Jost den Böller nochmals losbrannte.

Es war Schnepfe gelungen, mit Emma in ein Boot zu kommen, und er versuchte eben, ihr eine Beschreibung der Oberelbe zu geben, als er an seinem Ohr die leise Frage vernahm: »Woher Mode?«

Erschrocken drehte er sich um. Spickmann jun. saß hinter ihm und zeigte auf den unglückseligen Hut. Im ersten Augenblick wollte er das Ungetüm ins Wasser werfen, dann aber bedachte er, daß dies die Sache noch schlimmer machen würde, und flüsterte dem Frager zu: »Geheimnis Hut, später erklären«, worauf ihn Spickmann erstaunt anstarrte und nun noch zehnmal neugieriger war.

Sobald die Gesellschaft landete, nahm er deshalb Schnepfe beiseite und setzte die Forschungen nach dem Hut fort.

»Verehrter Herr Spickmann«, sagte Schnepfe geheimnisvoll. »Ich wundere mich nicht, daß einem Mann von Ihrem Scharfblick das Sonderbare dieses Hutes auffällt. Ich will Ihnen im Vertrauen mitteilen, was es damit für eine Bewandtnis hat, wenn Sie mir das tiefste Schweigen versprechen.«

Spickmann hätte nötigenfalls auf den Knien Schweigen gelobt, so neugierig war er.

»Nun denn, ich will Ihnen anvertrauen, daß dies ein Freimaurerhut ist!«

Spickmann sah den Hut an, als ob es eine Bombe wäre, deren Zünder rauchte.

»Diese Hüte«, fuhr Schnepfe fort, »müssen wir Chargierte in den Tagen um den ersten Mai herum tragen. Wenn Sie wüßten, aus was für einem entsetzlichen Stoff sie gemacht sind, so würden Sie sich wundern. Dieser Hut ist, erschrecken Sie nicht, aus der Haut eines Verräters an unserem Bund gemacht.«

Wäre Spickmann jun. nicht gar zu dumm gewesen, so hätte er bemerken müssen, daß Schnepfe ihn ganz erschrecklich zum besten hielt. Dieser erkannte jedoch seinen Mann gleich beim ersten Anblick und konnte schon etwas riskieren.

Spickmann hatte einmal abenteuerliche Dinge von den Freimaurern gehört und sah deshalb den Hut und den Doktor mit Entsetzen an, das sich noch vergrößerte, als ihm Schnepfe mitteilte, daß er nun ein »Wissender« sei und nichts verraten dürfe, »sonst – – –!«

»Dieser Hut heißt Müller, oder hieß so. Er wollte eben unser Geheimnis verraten, als er – – – zum Hutmacher kam«, schloß Schnepfe mit furchtbarem Flüstern und Gesichtsausdruck, indem er sich dabei mit dem Zeigefinger um den Hals fuhr. »Ich hoffe, daß niemals ein solcher Hut den Namen Spickmann führen wird«, fuhr er warnend fort. »Wenn Sie mich deshalb in was immer für einer Verkleidung oder Beschäftigung in Hamburg treffen, so denken Sie, daß ich hinter einem Verräter her bin und in meiner Maske nicht erkannt sein will.«

Schnepfe glaubte sich auf diese Weise den Rücken frei zu halten, wenn er später einmal von Spickmann beim Barbieren getroffen werden sollte.

Diesem lief es indes kalt den Rücken hinunter, wenn er bedachte, in welche Klemme ihn seine Neugierde nun brachte. Daß es mit dem Hut eine besondere Bewandtnis haben müsse, sah er gleich beim ersten Anblick. Daß aber der Doktor ein so schrecklicher Kerl sei, hätte er nimmer geglaubt. Er sah sich schon wegen einer unvorsichtigen Äußerung in den Händen eines Hasenhaarschneiders, der ihm sein wertvolles Fell abzog und schor, um ihn als solchen Hut unsterblich zu machen. Er war beinahe ohne Appetit, als die Tischglocke die Gesellschaft zum Diner rief.

Der Senator war anfangs etwas finster anzuschauen, denn erstens wurmte es ihn, daß sich sein Bartkratzer als Doktor bei ihm einzuschleichen wagte, und zweitens war er zweifelhaft, ob man in der Küche den Befehl wegen der gelben Rüben von seiner oder der Senatorin Seite befolgen würde. Als die Suppe vorbei war und das Rindfleisch kam, erhellte sich jedoch sein Gesicht, denn Jost brachte dazu eine Schüssel seiner Lieblingsspeise, so daß auch er gute Laune bekam und die Gesellschaft heiter ward, bis auf einen – den armen Henri, der um den Tisch gehen und sogar den Barbier inkognito bedienen mußte. Schnepfe fragte ihn nach Wasser.

Ha! warte nur Schnepfe! Du sollst sehen, daß sich unter der Livree ein Gelehrter verbirgt, so gut wie du selbst einer bist! Henri zeigte auf eine Wasserflasche, die hinter einem Blumenbukett verborgen stand, und sprach dabei: » Hic haeret aquam.«

Schnepfe sah ihn erstaunt an. » Aquam? Aquam?« murmelte er. »Tun Sie mir den Gefallen und sagen Sie aqua.« Henri war an den Unrechten gekommen, denn Schnepfe war ein sattelfester Lateiner. Bis zum Tod seiner Eltern hatte er die Schule in Zerbst besucht, und dort war es ihm von puer und mensa auf der ersten, bis zur epitome auf der letzten Seite jenes verwünschten Buches Gemeint ist wahrscheinlich die alte Zumpesche lateinische Grammatik und Syntax, die damals in den Schulen stark gebraucht wurde. eingebleut worden. Sein Vormund, ein Ziegelbrenner bei Dessau, hatte ihn dann zu einem Barbier in die Lehre gegeben, weil er glaubte, dies sei die erste notwendige Stufe zum Doktor, und Schnepfe hatte auch dort sein Latein nicht rosten lassen. Der Senator saß nicht weit von Schnepfe und hörte die Zurechtweisung Henris, dessen lateinische Brocken ihn immer schwer ärgerten. Schnepfe gewann bei ihm, und er schmunzelte vergnügt.

In diesem Augenblick jagte aber die Frau Senatorin Schnepfes Schiff auf eine verborgene Klippe zu, an der es leicht total scheitern konnte. Sie fragte ihn nämlich über seine Meinung betreffs der Schädlichkeit, die der öftere Genuß gelber Rüben haben solle. Der Senator warf einen gespannten, lauernden Blick auf den falschen Doktor. Zum Glück war Schnepfe selbst ein großer Freund dieses Gemüses und bemerkte, daß der Senator eine ganze Schüssel davon zum Rindfleisch verzehrte. Er hielt deshalb der gelben Rübe eine große Lobrede. »Die daucus carota«, erklärte er, »ist für uns ein eßbares Gold, das vom Thron bis in die Hütte gekannt und geschätzt wird und besonders für die liebe Jugend als Ambrosia betrachtet werden kann.«

Er hatte die blinde Klippe übersegelt, ohne auf den Grund gerannt zu sein. Emma holte tief Atem, denn sie fürchtete, er werde ihrer Mama zu Gefallen die Rüben schlecht machen. Der Senator nickte einigemal mit dem Kopfe und warf einen zufriedenen Blick auf Schnepfe, während die Senatorin ein etwas schiefes Gesicht zog.

»Was sind Sie denn eigentlich für ein Doktor?« fragte ihn Emma jetzt scherzend. »Sind Sie ein Doktor, der die Leute totmacht, oder sind Sie einer, der ihnen weis macht, alles was ist, ist gut?«

»Ich mache die Leute tot, wenn Sie es befehlen«, erwiderte Schnepfe lachend.

»Und mache Hüte daraus«, murmelte Spickmann jun. schaudernd.

»Haben Sie viele Patienten?« fragte Madame Eiskuhl.

»Es ist nicht arg«, antwortete Schnepfe ausweichend und den Senator bittend anblickend. »Ich habe meist Präservativkuren und muß dafür sorgen, daß nichts überhand nimmt.«

»Ah! dann sind Sie wohl der Doktor für die Auswandererschiffe?«

»Richtig«, fiel der Senator ein, froh, einen Platz für Schnepfe gefunden zu haben. »Er ist mein Schiffsdoktor. Es fällt mir gerade ein, daß ich etwas mit Ihnen zu besprechen habe«, fuhr er gegen ihn fort. »Kommen Sie hernach mal mit mir in den Garten.«

»O weh!« dachte Schnepfe, »dort will er mir den Pelz waschen.«

»Schiffsdoktor«, dachte Spickmann jun., ihn mißtrauisch anblickend. »Diese Freimaurer sind furchtbare Kerle, denn dieser Doktor ist doch bloß als Schiffsdoktor hierhergeschickt worden, damit ihnen keiner nach Amerika entwischen kann, wenn sie Hüte brauchen.

»Wo haben Sie Ihr Atelier«, wandte sich jetzt die Senatorin an Bernhart, der sich mit Selma unterhielt.

»Ich malte bisher in einem Salon in Streits Hotel in der zweiten Etage,« log Bernhart, »da jedoch jetzt der Fremdenverkehr bedeutend wächst, so habe ich ihn gestern aufgegeben, denn ich sollte nun monatlich dreihundert Mark dafür bezahlen, während ich im Winter nur fünfzig gab. Ich will mir ein anderes Atelier suchen.«

»Könnten Sie nicht unsere Villa gleich hier an Ort und Stelle malen?« bemerkte die Senatorin und brachte durch den Vorteil, auf diese Weise einen eigenen Hofmaler zu besitzen, Madame Spickmann in nicht geringe Verzweiflung.

Diese ließ sich jedoch nicht so leicht unterkriegen, sondern entgegnete lebhaft:

»Sie nehmen mir da meine Idee vom Munde weg, liebe Senatorin. Ich wollte eben dem Herrn Professor ein Atelier in unserer Villa an der Alster anbieten, worin er unser Landhaus malen könnte. Das kleine Gewächshaus, weißt du!« wandte sie sich an ihren Mann.

»Bitte, ich habe die Vorhand«, erwiderte die Senatorin, indem ihre Nasenspitze etwas zu glühen anfing; »der Herr Professor wird die Güte haben, unsere Villa zu malen und zu dem Zweck den oberen Salon annehmen. Du bist es doch zufrieden, Senator?« sprach sie zu diesem auf eine Art, welche keinen Zweifel an seiner Zufriedenheit zuließ.

»Jawohl«, knurrte dieser. »Wenn mir der Professor nicht auf meine Beete läuft, kann er hier abmalen, was er will.«

»Dann lege ich nach Ihnen Beschlag auf den Professor«, schrie Spickmann sen., um den andern zuvorzukommen; denn obgleich es sich kaum erwarten ließ, daß einer der Fünfhunderttausendigen die Frechheit haben würde, den Maler zu engagieren, so konnte es doch geschehen, und die Millionäre wären dann grausam blamiert gewesen.

Die Senatorin mochte auch so etwas denken und stand auf, wodurch das Diner als beendigt anzusehen und den übrigen Gästen die Gelegenheit abgeschnitten war, sich an offizieller Tafel als Kunstmäzene zu erklären.

Der Senator war vom Tisch aufgestanden und winkte Schnepfe, ihm in den Garten zu folgen.

Der unglückliche Verbrecher dachte, »jetzt kommt die Zeche«, und schlich Herrn Eiskuhl nach.

Als dieser einen entlegenen Teil des Gartens erreichte, stellte er sich mit dem Rücken an einen Baum und betrachtete den falschen Doktor ein Weilchen, indem er sich dabei eines Zahnstochers bediente.

Die weiße Hemdbrust des Senators war in dem umgebenden Grün von besonderer Wirkung. Er sah aus wie ein Gletscher, der Lust hat, sich auf einen Wanderer zu stürzen, der an seinem Fuße steht. Er stürzte!

»Wissen Sie, daß Sie ein verdammter, unverschämter Bartkratzer sind?« platzte er gegen Schnepfe heraus.

Dieser wußte es nur zu gut.

»Wie können Sie sich unterstehen, sich bei mir als Doktor einzuschleichen? Verdammt noch mal, wenn nun einer dagewesen wäre, den Sie gekratzt hätten?«

Schnepfe entschuldigte sich mit den Umständen und daß er den Doktortitel nur zur Ehre des Senators angenommen habe, der ihn ja später selbst zum Schiffsdoktor machte.

»Na, is schon gut«, knurrte Herr Eiskuhl. »Verstehen Sie etwas von der Doktorei?« fragte er spekulierend.

»Ich habe in Leipzig jede freie Stunde im Spital und in Kollegien zugebracht, in die ich mich einschleichen konnte. Etwas verstehe ich schon, und wenn ich mein kleines Vermögen in den Händen hätte, würde ich sofort Medizin studieren.«

»Hm. Wissen Sie was, ich expediere jeden Monat ein Auswandererschiff. Sie fahren als Doktor mit – bis Cuxhaven und kommen dann mit dem Dampfer wieder herauf. Meine Schiffe haben dann einen Doktor, und das Maul ist den Zeitungsschreibern gestopft, – die immer von Menschlichkeit schreien«, schloß Eiskuhl für sich.

»Sie sollen jedesmal zehn Mark und freie Station haben«, fuhr er fort. »Wenn ich in der Stadt bin, barbieren Sie mich wie gewöhnlich, gelten aber im Hause für meinen Schiffsdoktor.«

Schnepfe nahm alles mit Vergnügen an, denn er hatte eher eine Tracht Püffe als dies erwartet.

»Gut«, sprach der Senator. »Sie haben den Pomadenbengel mit seinen lateinischen Redensarten abgeführt.« Hier platzte er bei der Erinnerung in ein Gelächter aus.

»Verstehen Sie Lateinisch?«

»Vollkommen«, versicherte Schnepfe.

»Versteht der Pomadenbengel etwas davon?«

»Ich glaube nicht. Er scheint einige Brocken aufgeschnappt zu haben, die er nun verkehrt anbringt.«

»Gut«, sagte der Senator, sich vorsichtig umblickend und Schnepfe auf die Achsel klopfend. »Kommen Sie öfter 'raus und mucken Sie den Kerl ab.« Er lachte im ganzen Gesicht über die Aussicht. »Wie nannten Sie doch die Möhren vorhin lateinisch?«

» Daucus carota«, erklärte Schnepfe.

Der Senator zog sein Notizbuch heraus und notierte sich den Namen seines Lieblingsgerichtes. Dann griff er in die Westentasche und zog etwas daraus hervor, was er seinem Schiffsdoktor mit den Worten: »ein Draufgeld, und mucken Sie den Kerl ab«, in die Hand drückte, worauf er sich, ihm zunickend, entfernte.

Schnepfe war bis über die Ohren rot geworden, als er ein Geldstück in der Hand fühlte. Er hielt sie noch lange geschlossen und überlegte, ob er es einem Jungen am Strand schenken oder in die Elbe werfen sollte. Es war dem Gefühl nach ein Vierschillingstück. Endlich öffnete er die Hand und erblickte fast mit Schreck einen Doppellouisdor.

»Das ist ein ander Ding«, sagte er, tief Atem holend und das Goldstück einsteckend.

»Das kann man als ein Aufgeld annehmen. Tut mir leid, ihr Jungens am Strand, das ist nichts für euch!« Und er ging vergnügt den Stimmen nach, die im Garten laut wurden.


 << zurück weiter >>