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siehe Bildunterschrfit

Die Elbe bei Neumühlen

Achtes Kapitel
Nächtliche Unternehmungen

Da Nielsen erst mit der ablaufenden Ebbe nach Haus zu fahren dachte, so hatte er viel Zeit übrig und schlenderte deshalb langsam an den Kajen hin. Er hielt dabei einen Keller im Auge, in den der Frühling nicht zum Einziehen geneigt war, wenn er sich auch sonst überall hinlocken ließ. – Nielsen stand vor dem Keller still und betrachtete den Lumpenkram. Da er einen Bootshaken fand, so nahm er diesen in die Hand und besah ihn, in der Hoffnung, den Prinzipal des Lumpenhandels herauszulocken. Wolf seinerseits saß hinten im Dunkeln und dachte den Lotsen hereinzulocken, damit er die Glasscherben herunterwerfe.

Da niemand erschien, so begann Nielsen herunterzusteigen und in Ermanglung einer Glocke den Ofen mit dem Bootshaken zu bearbeiten, worauf Wolf sogleich bei der Hand war, um nachzusehen, ob er keinen Sprung entdecken könne, der eine Schadenforderung möglich mache. Leider war der Ofen zwar sehr verrostet, aber nicht zersprungen, und Wolf fragte deshalb mürrisch, was es gebe.

Der Bootshaken ward um drei Schillinge erhandelt. Dann sah sich Nielsen aufmerksam um und fragte Wolf: »Habt Ihr sonst nichts, womit ein Geschäft zu machen ist?«

»Geschäft zu machen?« lispelte Wolf, indem er den Lotsen mit den Augen durchbohrte.

»Habt Ihr vielleicht was, womit sich ein Geschäft machen ließe?«

»Ha, ha! Ich bin immer geneigt, ein Geschäft zu machen.«

»Habt eben ein recht nettes mit ihm gemacht, – he?« sprach Nielsen, ein Auge zudrückend und dabei nach oben zeigend.

»Mit wem?« fragte Wolf erstaunt.

»Nun, soll ich sagen, mit meinem Freund Trick?« fuhr Nielsen vertraulich fort. »Er ist ein geriebener alter Junge und verdient was dabei. Ich brauche auch davon und gebe mehr als er, aber er kommt mir immer zuvor. Hat er alles genommen, was Ihr habt?« Wenn ich nur erst wüßte, was er gesucht hat, dachte Nielsen.

Es muß großer Bedarf sein, dachte Wolf und erwiderte: »Alles? Noch viel mehr. Es muß mir ein Hagelwetter und ein allgemeiner Ehestandskrieg zu Hilfe kommen, wenn ich's ihm in vier Wochen schaffen soll. Indes was würdet Ihr für den Zentner geben?«

Wenn ich nur wüßte was, dachte wiederum Nielsen und sagte überlegend: »Das kommt ganz auf die Qualität an. Zeigt mir eine Probe.«

Der alte Wolf bückte sich nach einigen Glas- und Geschirrscherben, hielt jedoch inne, ehe er noch eine Hand ausgestreckt hatte, und sprach: »Es hilft nichts. Ich kann keine weiteren Bestellungen annehmen, denn ich muß dreihundert Zentner schaffen. Also, lieber Freund, wendet Euch wo anders hin.«

»Nun, wie Ihr wollt«, sprach Nielsen ärgerlich, daß er, so nahe der Sache, sie doch nicht herausbekommen konnte. Er ging fort und zerbrach sich den Kopf, wovon Trick wohl dreihundert Zentner brauche. Es lagen aber so unendlich viele Gegenstände um den alten Wolf herum, daß es ebensogut Ketten, Öfen, Tauwerk und Teekessel wie alte Lederkoffer, Stiefel und invalide Regenschirme sein konnten.

Nielsen verbiß seinen Ärger bei einem Glas Wein und trug seine gefüllten Flaschen, denen er noch ein paar Dutzend andere beifügte, aus Laarsens Keller in sein Boot, als die Ebbe eintrat, um mit ihr langsam hinabzutreiben.

Er betrachtete das Baumhaus, das wie ein alter reicher, behäbiger Holländer am Wasser stand und auf die Schiffe blickte, dann stand drüben das Blockhaus, ebenfalls holländischer Natur, mit seinen glänzenden Hohlziegeln und dem von Grünspan überzogenen Türmchen auf dem Dache, während zwischen den dunklen, schlüpfrigen Pfählen seiner Grundlagen ganze Rattenkolonien ihr Wesen trieben.

Dem Ausgang am Blockhaus strebte mit Beginn der Ebbe eine ganze Flotte kleiner Fahrzeuge zu, deren Lenker ihre Geschäfte in der Stadt beendet hatten und nun die acht Ebbestunden benutzen wollten, um wieder nach Hause oder wenigstens ein Stück weiter zu kommen. Nielsen trieb in der ersten Hafengasse weiter und ward hier von einem Schiff angerufen. Er sah hinauf und erblickte Trick, der neben Stubborn über die Reeling schaute und ihn fragte, ob er nach Neumühlen führe und den Herrn Prinzipal mitnehmen würde. Nielsen war gern dazu bereit, wenn Herr Stubborn auf seinen Ewer umsteigen und sich von da an das Land setzen lassen wolle, was seine Passagiere, er zeigte auf die Flaschen, nötig machten.

Herr Stubborn, der selbst solche Geschäftchen, nur in größerem Maßstabe, machte, war dies zufrieden und kletterte in das Boot. Als der Lotse den offenen Strom gewonnen hatte, ließ er das Fahrzeug treiben. Herr Stubborn erkundigte sich nach dem Ertrag der Schmuggelei und schüttelte mißbilligend den Kopf, als er erfuhr, daß Nielsen jährlich etwa bloß sechs- bis achthundert Mark damit verdiene. Eine Lumperei, nicht der Mühe wert, sich damit zu befassen.

Er fragte Nielsen, ob er geneigt sei, für ihn eine Partie Waren zu schmuggeln und bei sich niederzulegen, wozu der Lotse natürlich sofort bereit war und eine weit bessere Meinung als bisher von Herrn Stubborn bekam. Dann erkundigte er sich nach Nielsens nautischen Kenntnissen und nach seinen sonstigen Verhältnissen, kurz, er zeigte eine Teilnahme für den Lotsen, die diesen in gerechtes Erstaunen setzte, denn der kalte Mann hatte ihm sonst kaum einen Blick geschenkt.

Die Sonne warf schon warme Lichter auf den Strand, als das Boot Neumühlen erreichte, wo man fröhliche Gruppen junger Leute im Sande liegen sah, auf dem hier und da einige Boote trocken lagen, als hätten sie das ewige Schwimmen satt und wollten auch einmal ausruhen. Stubborn stieg auf Nielsens Ewer, der ein paar Klafter vom Land entfernt vor Anker lag, und ließ sich von da in einem andern Boot aufs trockene setzen, während der Lotse die Flaschen in den Ewer staute und dadurch den ihn beobachtenden Jörs, der heute einen besonderen Durst fühlte, beinahe zur Raserei brachte.

Nielsen hatte den Zollwächter schon lange hinter dem Baum bemerkt, wo er mit seinem Fernrohr stand, und ließ jede Flasche recht geflissentlich in der Sonne spielen, ehe er sie in den Ewer legte. Er wußte, daß er Jörs damit gerade solche Qual machte, als hätte er ihn in der Sahara mit Heringen gefüttert, ohne ihm einen Trunk dazu anzubieten. Der Zollbeamte begab sich an den Strand, um sich auf die Lauer zu legen, denn er wußte gewiß, daß Nielsen in der Nacht eine Partie Waren an das Land schaffen würde.

Als er bei Stubborns Garten vorbeiging, hörte er sich leise anrufen und sah den Kaufmann in einer dichten Laube, an die er ihn heranwinkte.

Jörs sah sich überall um, ob das Winken vielleicht jemand anderem gelte, durchspähte dann alles umher, damit man ihm keine Falle lege und seine Aufmerksamkeit etwa abzulenken suche, um indes etwas an das Land zu schaffen, und trat dann hinter die Laube, aus deren Blättern Stubborn den Kopf steckte und ein langes, leises Gespräch mit ihm hielt, das ihn so fesselte, daß Nielsen dabei seine ganze Ladung bequem an das Land gebracht hätte, wenn er dies gewollt.

Am Ufer saß im weichen Sande Kühnmanns Familie und hörte Papa Kühnmann zu, der aus der Zeitung vorlas. Wie der Böse immer um die Stätte des Guten schleicht, so schlich Jörs in den Weiden umher und hatte die glückliche Familie im Auge, um acht zu geben, ob vielleicht eine Flasche Wein zum Vorschein käme, die er als Konterbande wegnehmen könnte. Dabei hielt er sie immer zwischen sich und Nielsens Ewer, damit ihm keine Bewegung auf diesem entginge. Daß der Gehilfe des Lotsen im Raum saß und die Flaschen, nach denen der Zollwächter lechzte, an eine lange Flaggleine band, konnte er freilich nicht sehen.

Nielsen blieb ruhig liegen und trank schmauchend und in aller Gemütsruhe sein Glas Punsch, von dem der Duft sogar bis in die Weiden drang.

Als die Sonne im Bett der Ebbe hinabgesunken war, stieg Nielsens Matrose in ein Boot und ruderte ein Stück abwärts, gerade bis vor Nielsens Haus, wo die Weidenbüsche fast bis zur Ebbegrenze heruntergewachsen und von einem Schilfrande eingefaßt waren. Hier legte er das Boot vor Anker und fing an, Aale zu angeln.

Der Abend war herabgesunken und ruhte auf dem Strom und seinen Ufern. Nur wenige kleine Schiffe trieben noch mit der Ebbe, während ein paar größere Fahrzeuge für die Nacht Anker geworfen hatten, worauf man das Feuer aus ihren Kombüsen glänzen sah. Die Gesellschaften der Sommerbewohner zogen sich in die Veranden und Salons zur Teemaschine zurück, und man hörte hier und da den Klang eines Pianos.

Der Strand war leer. Nur Jörs stand noch in den Büschen und lauerte mit der Geduld eines Fischreihers auf jede Bewegung Nielsens, der auf seinem Ewer halb hinter dem Segel lag und eingeschlafen zu sein schien, während sein Matrose beharrlich weiterangelte.

Wäre Jörs nicht zu klug gewesen, um sich von seinem Posten weglocken zu lassen, so hätte er vielleicht sehen können, wie Nielsen Flasche um Flasche an der Fangleine ins Wasser ließ, und wie der angelnde Matrose die Flaschen, die, an die Leine gebunden, gerade unter Wasser schwammen, an sein Boot zog, von wo aus sie dann wieder durch unsichtbare Hände an einem Tau zwischen dem Gebüsch nach Nielsens Garten hinaufwanderten, wie ein Zug Enten, die schweigend hintereinander das Ufer hinaufwatscheln.

Die Nacht sank mehr und mehr herab, und der Portwein, auf den Jörs lauerte, war längst in Sicherheit, als dieser noch immer in den Büschen stand. Er sah endlich den Angler wieder an Bord zurückkehren, wo er ihn mit Nielsen lachen hörte, und verließ die Weiden, um vor dem Ewer am Strand hin und her zu laufen. Das Wasser war bedeutend niedriger geworden und das Fahrzeug dadurch dem Ufer so nahe gekommen, daß es mit einem guten Sprung erreichbar schien. Jörs maß die Entfernung mit gierigen Blicken. Konnte er den Bord erfassen, ohne ein Boot anzuwenden, d. h. soweit er Grund hatte, dann war alles, was er dort fand, in seiner Gewalt, denn so weit ging sein Recht. Er konnte jedoch nicht schwimmen und wußte gewiß, daß, wollte er hinüberwaten und verlöre den Grund, weder Nielsen noch irgendein anderer von den Strandleuten auch nur einen Finger rühren würde, um ihn herauszuziehen.

Der Durst eines Säufers ist jedoch eine so mächtige Triebfeder, daß er selbst das Ertrinken im Wasser nicht scheut, um zum Ertrinken im Spiritus zu gelangen. Deshalb nahm denn Jörs, da ihm der glückverheißende Ewer im Dämmerlicht immer näher zu kommen schien, einen verzweifelten Anlauf, rannte bis an die Knie ins Wasser und tat dann einen wahren Tigersprung nach dem Fahrzeug.

Er hatte sich jedoch etwas verrechnet, denn statt die Reeling zu fassen, trafen seine Finger nur die Planken, an denen er sich nicht halten konnte. Es war indes doch Hoffnung, an Bord zu kommen, da einige Fuß weiter ein Tau über Bord hing, das er zu fassen suchte.

Der Däne, der mit Entsetzen den Grund unter seinen Füßen verschwinden fühlte, wollte eben danach greifen, als ihn eine Hand bei den Haaren packte und, ohne ein Wort zu sagen, einige Male untertauchte, worauf sie ihn vom Fahrzeug abstieß und seinem Schicksal überließ. Er wollte einen Schrei ausstoßen, sank aber dabei unter und bekam den Mund so voll Wasser, daß er das Unglaubliche tat und etwa ein halbes Maß von dieser verhaßten Flüssigkeit verschluckte, ehe er den Mund schloß. Er war nahe daran, seinen Durst für immer zu löschen, und begann mit Händen und Beinen zu strampeln, als er unter dem Wasser verschwand. Da fühlte er Grund und kroch halb ertrunken auf den Strand, wo er eine lange Weile sitzen blieb und Wasser spuckte, dann seine Stiefel ausschüttete und endlich, unter dem Gelächter der Schiffer, im wahren Sinne des Wortes wie ein begossener Pudel abzog, ohne an diesem unseligen Abend etwas anderes als Wasser getrunken zu haben.

Der jüngere Schwarz, der zwischen einigen Bäumen auf der Höhe den Sonnenuntergang beobachtet und nach Stubborns Haus hinabgeschaut hatte, stieg jetzt einen der dämmerigen Hohlwege hinab und gelangte bald an den Garten, der sich von Stubborns Landhaus den Hügel heraufzog. Er wollte eben durch eine ihm schon bekannte Öffnung im Zaun treten, als er mit Verwunderung Stubborn den Weg zur Hintertür hinaufsteigen sah. Er hatte fest geglaubt, daß sein Prinzipal in der Stadt sei, und war herausgeeilt, um im Anblick seiner Julie zu schwelgen, deren Zimmer er von einem kleinen Tannendickicht aus ungesehen überblicken konnte, während es ein alter Apfelbaum möglich machte, bis an das Fenster zu gelangen, welchen Umstand der junge Mann oft bei eingebrochener Nacht benutzte, um unter dem nachlässig herabgelassenen Vorhang in das Zimmer seiner Geliebten zu schauen und ihr so nahe wie möglich zu sein.

Jetzt verbarg er sich schnell zwischen einigen Büschen und sah, wie Stubborn den Hohlweg hinaufging. Er schlich nach und hatte die Freude zu bemerken, daß der Prinzipal in einen Omnibus stieg und nach der Stadt fuhr. Der junge Mann ging nun wieder zurück und betrat sein Versteck in den Fichten, wo er die völlige Dunkelheit abwartete und das Vergnügen genoß, seine Angebetete zu beobachten, die, den Lauscher nicht ahnend, eine Lampe mit rosafarbigem Papierschirm anzündete, um ihre Kleider von sich zu werfen und ein weißseidenes Nachtgewand anzulegen, das vorn mit hellblauen Samtschleifen verziert war und sie noch zehnmal reizender machte als jedes andere Kostüm. Dabei löste sie ihr Haar und ließ die goldene Flut über den blendenden Nacken fallen, zugleich aber auch den neidischen Vorhang vor das Fenster.

Der vor Liebe glühende Adolf ließ sich den entzückenden Anblick aber nicht so ohne weiteres entziehen. Er besaß ja im Apfelbaum ein Mittel, an das Fenster zu gelangen und durch die Spalte im Vorhang zu sehen. Er hätte wohl auch nötigenfalls einen Turm am Blitzableiter oder die Spitze eines Dreimasters erstiegen, um in das Zimmer seiner Geliebten zu schauen. Indem er nun eben auf dem geeigneten Zweig angelangt war und sich nach dem Lauschplatz bücken wollte, sah er, daß der Vorhang gehoben und das Fenster schnell geöffnet ward, worauf sich das erstaunte Gesicht Juliens dem seinigen kaum zwei Fuß weit gegenüber befand.

Das Mädchen hatte das Fenster geöffnet, um die balsamische Nachtluft noch mit vollen Zügen zu trinken, und fand jetzt ihren Geliebten inmitten der Blüten des Apfelbaumes. Er kniete in den Zweigen vor ihr in der Luft und ward nach einigen Augenblicken von ihren weichen Armen umschlungen, während sich ihre Lippen auf die seinigen legten. Ein reizendes Bild. Ein sonderbares Stück Liebesgeschichte, die nie danach fragt, ob das Terrain halsbrecherisch ist oder nicht.

Nach einigen Augenblicken war der Liebhaber vom Baum verschwunden, das Fenster geschlossen und der Vorhang sorgfältig heruntergelassen.


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