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siehe Bildunterschrfit

Die Brautwerbung des Kalbes

Elftes Kapitel
Ein Besuch in Neumühlen

Spickmann, der von den Streichen seines Sohnes gehört hatte, stand im Garten seines Hauses an der Alster; er überlegte gerade, sollte er sich über ihn ärgern oder für einen »verfluchten Kerl« halten, als der Junior, einem Boot entsteigend, auf der Bildfläche erschien.

»Hättest du was dagegen, wenn ich heute einen Heiratsantrag versuchte?« sprach der junge Spickmann, indem er seinen Backenbart unternehmend nach vorn strich.

»Wahrhaftig?« schrie der Alte verwundert. »Der Jung hat 'n Teufel im Leib. Er will einen Heiratsantrag machen?« Dabei sah er seinen Sprößling mit einer Art furchtsamer Verwunderung an, ungefähr als sei es einer jener verwegenen Wikinger, der in seeräuberischer Absicht an den Strand gestiegen war. »Heiratsantrag?« fragte nochmals verwundert der Alte. »Und was würde denn das Geschäftchen tragen?«

»Geschäftchen?« rief Spickmann jun. entrüstet. »Es ist 'ne reine Herzenssache!«

Hier klopfte er sich mehrere Male auf den Magen, weil er der Meinung war, daß sich an dieser Stelle jenes rote Ding befinde, das er vom Coeur-Aß her als das Ziel Amors kannte.

»Deubel ook«, murmelte der Alte erschrocken, denn er glaubte, sein Sohn habe sich etwa gar in ein Mädchen ohne Vermögen verliebt, was eine gräßliche Blamage für das Haus Spickmann gegeben hätte. Er war ganz der Kerl danach und der Fall in den letzten hundert Jahren wenigstens dreimal unter den erhabenen Geschlechtern der Millionäre vorgekommen.

Dem alten Spickmann begann ein gelinder Angstschweiß auszubrechen, wenn er die Möglichkeit eines solchen Falles bedachte. Wenn sein Sohn, der doch zum hohen Adel der Republik gehörte, sich so weit vergessen könnte, eine Mißheirat unter einer halben Million zu tun. Ja, vielleicht gar in die Regionen der Achtzig-, Fünfzig- oder Zwanzigtausend hinabzusteigen. Vielleicht – er fühlte sich einer Ohnmacht nahe – in die Zehntausend zu sinken oder gar den Adel der Spickmanns für alle Zeiten zu schänden, indem er sich zu einer bloßen Aussteuer entwürdigte.

Der alte Spickmann warf einige ängstliche Blicke auf den Sohn und getraute sich nicht mit der Frage heraus, wer die Zukünftige sei. Er fürchtete, eine schreckliche Dummheit seines Nachfolgers zu erfahren, denn er wußte nur zu gut, daß er von väterlicher Seite nicht zu viel Klugheit erhalten haben konnte. Um sich zu sichern, schlug er vor, auf die Terrasse zum Frühstück zu gehen, wo Mama bereits wartete.

Beide gingen hin, und Papa machte die Mama sofort mit dem Umstande bekannt, daß der Junge einen Heiratsantrag machen wolle.

Madame Spickmann ließ beinahe die Teekanne vor Schreck über eine solche plötzliche Verwegenheit ihres Sohnes fallen und riß den Mund weit auf, aus dem endlich die Frage hervorkam:

»Aber um's Himmels willen, wem denn?«

»Ja, wem denn?« rief der Alte gleichfalls mit Spannung.

»Himmlisches Wesen – blond – Engel!« antwortete der Junior.

»Himmlisches Wesen? – Engel?« murmelte der Senior voll banger Besorgnis.

»Fräulein Stubborn«, erklärte der Junior.

»Ah – Stub–born«, sagte der Senior, so tief Atem holend, als hänge an jeder Silbe ein Sack mit einer Million in Silbergeld. »Verfluchter Kerl – hat Geschmack! Die Blondine ist beinahe so schön, wie deine Mutter einmal war.«

Hier machte der Alte ein Auge zu und lachte mit dem andern seinen Sohn an, der die Mama verwundert durch die Lorgnette betrachtete. Diese war ganz verblüfft über die Schmeichelei des Seniors, gab aber doch zu, daß etwas an der Sache sei, und war dadurch sofort für den Antrag gewonnen.

Junior schlug nun vor, dem alten Stubborn vor allen Dingen an der Börse auf den Leib zu rücken, worauf man mit ihm nach Neumühlen gehen und die Angelegenheit weiter verfolgen wolle.

Nach dem Frühstück bestiegen Vater und Sohn das Boot und ließen sich nach dem Jungfernstieg fahren, von wo sie sich nach der Börse begaben.

Sie ermutigten sich hier durch einen komischen Blick und pürschten von verschiedenen Seiten an Stubborn, der eben bei einem Makler das Schiff »Die Gebrüder« nebst Ladung von Konzertflügeln und feinen Glaswaren nach Java und Singapore zur Versicherung in Auftrag gab. Als das Geschäft beendet war, trat Spickmann sen. zu ihm und fragte ihn, ob er Lust habe, ein gutes Geschäftchen mit ihm zu machen. »Ausgezeichnetes Geschäftchen«, bemerkte Junior von der andern Seite.

Stubborn war stets geneigt, ein Geschäftchen zu machen, und besann sich nur, worin dies bestehen könne.

»Palmöl vielleicht?« fragte Stubborn.

»Feinere Ware. – Viel feiner!« bemerkte Spickmann Vater pfiffig.

»Elfenbein?« sprach Stubborn ratend.

»Elfenbein?« lachte der alte Spickmann, indem er seinen Sohn in die Seite stieß. »Ist Elfenbein dabei – he?«

»Wüßte nicht. Äh!« stotterte Junior.

»Er weiß nicht, ob Elfenbein dabei ist!« sagte Senior, auf Junior zeigend. »Die jungen Leute verwildern ganz und gar. Lesen nichts mehr von Clauren Clauren, eigentlich Karl Gottlob Samuel Heun, Romanschriftsteller, 1771–1854, übte durch seine lüsternen und von falscher Sentimentalität erfüllten Erzählungen einen ungünstigen Einfluß auf das Durchschnitts-Leserpublikum seiner Zeit aus.. Elfenbein zeigt sich, wenn die Rosenlippen lachen«, rezitierte Spickmann sen., einige Erinnerungen aus Clauren mühsam zusammenfegend.

»Äh! Richtig!« schrie jetzt Junior, plötzlich verstehend. »Ja, ja! Viel Elfenbein, ganzes Lager, wenn sie lacht.«

»Also Elfenbein dabei. Dann Ala – Ala – pflaster? Nein das Zeug heißt anders – Alabaster – richtig! Dann brand, brand, raben – – – Nein, das paßt nicht. Gold, gold, glänzend blonde Ringellöckchen!« fuhr Senior lustig fort.

»Gold, gold, goldne Ringellöckchen!« echote Junior.

Stubborn fing sachte an, hinter sich zu rücken, um einen Baumstamm zu gewinnen, wenn Spickmann und Sohn etwa plötzlich zu rasen anfangen sollten. Es stand fest, daß beide übergeschnappt waren, denn betrunken konnten sie nicht sein, dazu standen sie zu ruhig.

»Also Sie haben die Artikel, die mein Sohn sucht, auf Lager. Wollen Sie sie an ihn abgeben?« sprach der alte Spickmann, Stubborn am Rock haltend.

Er bricht los, dachte dieser, und erwiderte ängstlich – denn man muß auf die Ideen Verrückter scheinbar eingehen: »Was ich davon habe, steht Ihnen gern zu Diensten.«

»Steht dir zu Diensten. Nimm!« sagte Senior zu Junior.

»Gut. Sie geben also her, was wir suchen. Wir halten Sie beim Wort!« sprach Junior.

Sie sind richtig beide übergeschnappt. Wahrscheinlich sind die Ölpreise rapid gefallen, dachte Stubborn, indem er verlegen nickte.

»Schließen wir ab«, drängte Senior, Stubborn auch beim andern Rockflügel erfassend. »Kommen wir zur Sache, damit was in Öl gemacht werden kann. Ich sehe, Sie wissen am Ende gar nicht, wo der Artikel lagert, den wir suchen?«

Stubborn schüttelte ratlos mit dem Kopfe.

»Nun gut, ich will Ihnen auf die Sprünge helfen. Alle die schönen Sachen, die mein Sohn sucht, lagern in Neumühlen. Merken Sie was?« sprach Senior, Stubborn loslassend.

Dieser sah ihn erschrocken an und wußte nicht, was er sagen sollte, denn er hatte eben an Nielsen eine Ladung Zucker, Wein und Kaffee übergeben, die dieser nach Neumühlen schmuggeln und dort für ihn bei sich lagern sollte. Woher konnten Spickmanns dies wissen? Und welche Blamage, von ihnen bei einem solchen lumpigen Geschäft von ein paar tausend Mark betroffen zu werden! Er faßte sich endlich so weit, daß er mit schwachem Lächeln sagte: »Wollen Sie sich nicht ein wenig deutlicher erklären?«

»Nun gut«, sprach Spickmann sen. »Der Artikel, den er sucht, ist Ihre Tochter Julie. Wollen Sie sie ihm geben?«

Stubborn war wie aus den Wolken gefallen. Er sah einen um den andern verwundert an, denn von allen Dingen, die man an der Börse von ihm verlangen würde, waren seine Töchter die letzten, an die er dachte. Das Vorteilhafte dieses Geschäfts fiel ihm sogleich in die Augen. Ebenso schnell dachte er jedoch auch an die Nachteile, die in einer Aussteuer bestanden; in wenigstens einer Viertelmillion, von der sein Geiz sich nicht trennen konnte, denn Geiz, zusammenscharrender Geiz, der kein Mittel verschmähte, um Geld zu häufen, war sein Hauptcharakterzug.

Stubborn überlegte einen Augenblick und fragte dann: »Wollen die Herren mit mir nach Neumühlen kommen? Wir wollen die Sache draußen besprechen.«

Natürlich waren Spickmanns geneigt, mit nach Neumühlen zu gehen und stürzten sich nun bis dahin auf die Ölbedürftigen im Börsengedränge, während Stubborn ganz vergaß, einige kleine Vögel zu rupfen, die ihm in die Hände liefen, und darüber nachsann, wie er aus den Händen Spickmanns schlüpfen könne.

Er hoffte sehr viel von seiner Tochter, die, wie er glaubte, den jungen Spickmann abweisen würde. Er wollte ihr dann durchaus keinen Zwang antun. Oh, Gott bewahre, dazu war er ein viel zu zärtlicher Vater! Er schmunzelte fast bei dem Gedanken, daß er sie nur nach ihrer Neigung wählen lassen würde, das heißt, solange ihm dies paßte, welchen Riegel er vorsichtig einölte, damit er ihn zu gelegener Zeit gleich vorschieben könne.

Nachdem jedoch Spickmanns ihre Geschäftsfreunde auch tüchtig eingeölt hatten, mußte er eine Droschke besteigen und mit ihnen bis zu der Stelle fahren, wo der Hohlweg nach Neumühlen hinabführte.

Stubborn erklärte zwischen den Bäumen, wie er es vor allen Dingen für notwendig halte, daß der Verliebte sich des Jawortes seiner Angebeteten versichere, wonach er von seinem Segen geben würde, was sich auf Lager befände.

Wie nun das Kalb hinging, immer langsamer und langsamer, den Hut abnehmend und sich ganz rücksichtslos gegen die Frisur im Kopf kratzend, stieg die Hoffnung Stubborns, ihn mit einem ungeheuren Korb beladen aus dem Haus schleichen zu sehen, während der alte Spickmann mit Erstaunen das Gebaren des »verfluchten Kerls« betrachtete und ganz vernehmlich »Gott verdamm'!« murmelte, als dieser plötzlich umkehrte und wieder zurückkam.

Die beiden Alten blickten ihn verwundert an, als er vor ihnen stand, und Stubborn fragte, was er vergessen habe.

Das Kalb warf einen hilflosen Blick von einem zum andern. Vergessen hatte er nichts, denn er hatte nichts gewußt. Er fragte nur höchst verlegen in gutem Plattdeutsch:

»Wat sall ick nu seggen?«

Stubborn mußte laut lachen. Seine Aktien standen vortrefflich.

»Ei, da soll einen doch gleich der Schlag treffen!« schrie Spickmann sen. »Er fragt, was er sagen soll! O du banniger Döskopp, du löschpapierner! Da hättest du mich meiner Zeit sehen sollen! Ins Zimmer stürzen! Auf die Knie fallen! Eine Hand nach dem Himmel, die andere aufs Herz und dazu gewimmert: Himmlischer Sirup, Engel, nimm mich mit allen Aktivas und Passivas! Und ich hatte den Drachen – eh – eh – den Engel wollte ich sagen. Die Dinger fliegen ja immer beide am Himmel 'rum«, schloß er entschuldigend.

Der Sohn sah erstaunt nach den Knien des Vaters, die dieser allerdings selbst seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen. Auch Junior konnte nichts davon entdecken, denn sie waren vollständig unter dem Bauch verschwunden, weshalb das Kalb dachte, ob Papa nicht vielleicht vor Mama auf den Bauch gefallen sei. Hierauf blickte er unruhig auf die eigenen Beine. Daß er eine Hose für fünfunddreißig Mark anhatte, genierte ihn weniger, als daß diese aus Gummistoff bestand, die unten durch die Stege und oben durch die Hosenträger bis zu den äußersten Grenzen der Haltbarkeit ausgespannt und nicht auf plötzliches Niederknien berechnet waren. Er bog sein Bein versuchsweise, sah sich noch einmal um wie einer, der, ohne schwimmen zu können, in einen Fluß laufen soll, und rannte dann mit einem verzweifelten Ansatz nach dem Landhaus, um dem Beispiel Papas zu folgen.

Die Alten hatten kaum zwei Minuten auf der Lauer gelegen, als sie den Heiratskandidaten in einer höchst seltsamen Tracht aus dem Hause springen und in den Weidenbüschen am Strande verschwinden sahen. Soviel sie bemerken konnten, trug er oben noch den Frack, hatte sich unten jedoch in einen Tiroler umgewandelt, indem er kurze dunkle Hosen trug, die kaum bis an die Knie reichten, während unten weiße Strümpfe und Stiefeletten zu sehen waren. Beide gingen jetzt nach dem Hause, um sich nach der Ursache dieser seltsamen Metamorphose zu erkundigen.

Sie fanden Julie, die lachend in einer Ecke des Sofas lag und vor immer wieder ausbrechender Heiterkeit lange keine Auskunft geben konnte.

Endlich erfuhren sie, daß der Liebhaber richtig zur Tür herein und zu Füßen Juliens gestürzt war. Er hatte jedoch kaum das Wort »himmlischer« herausgebracht, als es einen großen Krach gab, die Stege der Hosen abplatzten und diese bis über die Knie in die Höhe fuhren. Der Liebende war aufgesprungen und hatte verzweifelte Versuche gemacht, sie wieder herabzuzerren, bis er endlich unter dem Gelächter der Angebeteten die Flucht ergriff.

Stubborn frohlockte im stillen. Der Bräutigam war jedenfalls unmöglich geworden.

Von der Jugend und Liebenswürdigkeit Adolfs und dessen Huldigungen angezogen, war sie diesem sogleich entgegengekommen und in seinen Armen auf dem süßen Strom der Liebesflut fortgetrieben, bis er ernstliche Anstalten machte, auf die Insel des Ehestandes loszusteuern, die ihr jedoch bei Adolfs Verhältnissen etwas kahl erschien, wenn sie bedachte, daß es ihr fortwährender Aufenthalt sein solle.

An demselben Morgen in aller Frühe hatte ihr der Geliebte gesagt, daß er mit dem Vater sprechen und ihn um ihre Hand bitten wolle. Er gedachte von aller Mitgift abzusehen und wollte nur im Besitz der Geliebten glücklich sein und seine Kräfte dem Geschäft des Vaters widmen.

Julie erschrak über diese Mitteilung und bat Adolf dringend, noch einige Tage zu warten. Sie wollte erst beim Vater forschen und ihm das Resultat mitteilen. Sie versuchte indes nur Zeit zu gewinnen, denn Schwarz war wohl der Mann, wie sie ihn als Geliebten, aber keineswegs, wie sie den Gatten wünschte. Von diesem verlangte sie als erste und Haupteigenschaft ein bedeutendes Vermögen, groß genug, um allen Anforderungen der Mode, des Luxus und der ausgesuchtesten Lebensgenüsse entsprechen zu können. Daß ihr Schwarz dies nicht bieten konnte, und daß ihr Vater sehr wenig dazu beisteuern würde, wußte sie nur zu gut und kam dadurch in den sonderbaren Fall, einen Heiratsantrag zu fürchten, was sonst eigentlich nur Sache der Männer ist, die diese Sandbank gern zu umschiffen suchen.

Fräulein Stubborn saß also in großer Verlegenheit am Fenster ihres Zimmers und zerpflückte einen Blumenstrauß, den ihr Adolf mitgebracht hatte. Ihrer Schwester Bertha konnte sie sich nicht anvertrauen, denn diese war in ihren Augen eine Schwärmerin, die, in den älteren Schwarz verliebt, mit diesem sofort das bekannte Geschäft »eine Hütte und ein Herz« etabliert und sich ohne Equipage und Brüsseler Spitzen beholfen hätte.

Sie zerriß eben einige Veilchen und dachte an Adolf, wie er den Weg über den Apfelbaum in ihr Fenster nahm, als die Tür aufging und das Kalb in obenerwähnter Art hereinstürzte.

Was er eigentlich gewollt – ob er einen Spaß beabsichtigt oder betrunken war, daran hatte Julie bei der lächerlichen Szene noch gar nicht gedacht und ward erst durch die Klagen des alten Spickmann inne, daß es sich um einen Heiratsantrag gehandelt.

Sie horchte plötzlich hochauf, als Spickmann sen. den abgerissenen Faden für seinen Sohn ergriff und weiterspann. Spickmann jun., das war der Mann, wie ihn ihr Herz oder vielmehr ihr Sinn wünschte, denn das geheimnisvolle warme Fluidum, jene unbeschreibliche Kraft, die wir poetisch mit dem Wort Herz bezeichnen und in unsere Brust verlegen, während sie doch den, der sie besitzt, ganz erfüllt, fehlte dieser reizenden Hülle.

Spickmann jun., mit hundertfünfzigtausend Mark jährlich und seiner himmlischen Dummheit – welche junge Dame hätte nicht nach ihm gegriffen und alle Liebhaber sofort verabschiedet! Das Lebensziel lag jetzt klar vor Julie, und Adolf mit seinem lächerlichen Antrag erblaßte wie ein Schatten. Doch nein. Konnte er nicht als Liebesspielzeug neben dem Gemahl fortdienen? Das waren die Gedanken der jungen Dame, als sie zur Freude des alten Spickmann und zum Schreck des Vaters erklärte, sie sei zu einer Heirat mit dem Jüngling geneigt.

Als man so weit gekommen, besann sich der alte Spickmann erst, daß sein Sohn davongelaufen war, und geriet auf den Gedanken, er sei vielleicht ins Wasser gesprungen. Er lief deshalb jammernd nach dem Strande, während Stubborn den stillen Wunsch hegte, daß Junior baldigst von den Fischen verspeist werden möge.

Das Kalb saß indes wehklagend in den Weidenbüschen und machte immer noch vergebliche Anstrengungen, die Gummihosen nach dem unteren Teil der Beine zu bringen. Der alte Spickmann fand ihn bald und kam endlich auf die kluge Idee, ein Paar Hosen von Stubborn zu leihen. Da dieser aber nie auf die letzte Mode achtgab, so spielte das Kalb in dem engen und viel zu kurzen Kleidungsstück eine höchst lächerliche Figur, als er zu seiner Angebeteten hinaufgeführt ward, um sein Glück zu vernehmen.

Der glückliche Bräutigam ging nach dem Essen in die Weidenbüsche hinab, um einen Zweig für sein Knopfloch zu schneiden. Gegen Abend fuhr Stubborn mit Spickmanns nach der Stadt, wo das Kalb später im Alstersalon erklärte, daß er mit Vergnügen ein Dutzend Flaschen Clicquot verloren habe.

Fräulein Julie Stubborn fand im Garten ihre Schwester Bertha, die sie den ganzen Tag nicht erblickt. Sie blieb etwas verlegen stehen, als sie die dunklen Augen Berthas mit stummer Frage vorwurfsvoll auf sich gerichtet sah.

»Ist das dein Ernst mit Spickmann?« war Berthas leise Frage.

»Gewiß«, entgegnete Julie.

»Und Adolf?« fragte Bertha noch leiser.

Julie zuckte mit den Achseln.

»Pfui!« rief ihr die Schwester zu, indem ein verächtlicher Flammenblick aus ihren Augen brach und sie im Hause verschwand.

Julie sah ihr eine Weile nach und begab sich dann, ein Liedchen summend und an Spickmanns Hundertundfünfzigtausend Mark denkend, in ihr Schlafzimmer, um später ihren Adolf über den Apfelbaum hereinzulassen und ihm unter Küssen zu sagen, daß er morgen einen Brief von ihr zu erwarten habe.


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