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siehe Bildunterschrfit

Die alte Börse

Sechstes Kapitel
Im Geschäft

In allen großen Handelsstädten, selbst in den deutschen, die doch als die solidesten der Welt anerkannt sind, geht das allgemeine Streben dahin, einander »über die Ohren zu hauen«, oder, wie sich die Kaufleute etwas zarter ausdrücken, »zu machen«. Wenn die Deutschen sich dieses Vergnügen im geheimen verschaffen und dann einander an der Börse in die Ohren flüstern: »Meier ist von Behrens mit einer Ladung Reis gemacht worden«, oder: »Ich habe Schulzen mit den Heringen gemacht«, so findet dies der dritte sehr belustigend und teilt es seinen Freunden leise mit, bis es die ganze Börse weiß, Meier oder Schulze aber lauter Gesichtern begegnet, die das Lachen kaum verbeißen können, denn ein starker Zug unseres Nationalcharakters ist die Schadenfreude: ein Fehler, der sich aus unserem politischen Leben in das Privatleben verpflanzt hat. – Wenn sich also der Deutsche des »Machens« nur im geheimen rühmt, so steht er darin dem Amerikaner weit nach, der einen gelungenen Betrug am liebsten selbst in der Zeitung anzeigt.

Was das geheime »Machen« betraf, so war darin niemand stärker als Stubborn, während es dabei schien, als habe er von diesem kaufmännischen Vergnügen gar keine Ahnung. Stubborn hatte seinen ganzen Besitz dieser Kunst zu verdanken und war unablässig bemüht, sie auszuüben. Das spaßhafteste dabei war noch, daß seine Bekannten ihn dabei unterstützen mußten, ohne daß sie es ahnten.

Was würde Kühnmann gesagt haben, wenn er gewußt hätte, daß Stubborn seine Dampfschiffe dazu benutzte, um das preußische Zollamt zu Wittenberge Tag für Tag zu »machen«! Wie würde sich der Senator Eiskuhl gewundert haben, wenn er gewußt hätte, daß jährlich Tausende von Stücken Leinwand auf seinen Schiffen den Zoll in Neuyork als »Auswanderungsgut« zu Stubborns Vorteil umgingen. So alle anderen Bekannten. Alle mußten ihm »machen« helfen.

Das Geschäft Stubborn & Co., das sich mit keiner bestimmten Branche befaßte, sondern auf den Bedarf der Zeit spekulierte, befand sich in der Deichstraße, wo ihm eines jener Giebelhäuser, die fast ihrer ganzen Breite nach aus Fenstern bestehen und mit Holzriegeln gedeckt sind, gehörte. Vor der Tür, zu der einige Stufen hinaufführten, standen ein paar Linden, die etwas verkümmert aussahen und von früheren Zeiten zu träumen schienen, wo sich noch ein alter behäbiger Herr mit einer langen Tonpfeife in der Kühle des Sommerabends auf die Steinbank rechts neben der Tür setzte, während die linke Seite eine runde blonde Matrone einnahm, hinter der ein jugendliches Frauengesicht nach ihrem Manne hervorsah, der seinem Papa eifrig etwas in englischer Sprache erklärte. Die Franzosen hatten damals die Stadt besetzt, und Davoust sorgte dafür, daß die Hamburger froh sein mußten, wenn sie ihr Sommervergnügen noch unter den Bäumen vor ihren Stadthäusern suchen konnten. Er machte es wie die Eule, die den Mäusen die Beine abbiß, um sie immer in der Nähe zu haben.

Diese alten Straßen mit ihrem Überfluß von Fenstern, in denen sich die grünen Blätter der Bäume spiegeln, denen man vor jedem Hause einen Platz gönnt, haben etwas so Heimliches und Gemütliches, daß man unwillkürlich jene alten Gestalten darin sucht, die sie erbauten. Hat man mehrere solcher Straßen durchzogen und kommt dann plötzlich unter die viereckigen Neubauten, so ist man wie mit kaltem Wasser übergossen, so nüchtern, baumlos und ungemütlich, so kasernenartig und nach dem Lineal geschnitten sehen unsere neuen Straßen aus, daß man glauben möchte, sie seien in Fabriken mit Maschinen gefertigt und würden dutzendweise geliefert.

Welche Abwechslung dagegen in den alten Straßen, die fast selten gerade angelegt sind, sondern schon durch ihre Biegung einen günstigen Eindruck machen. Welch solides Material zu den Marmorstufen und Steinarbeiten! Welche Schnitzerei an den Balkenköpfen und massiven Eichen- oder Mahagonitüren, im Gegensatz zu den Neubauten, wo die architektonischen Verzierungen leichthin an die Häuser geklebt sind, wo man die Schnitzereien durch aufgenagelte Leisten ersetzt und auf die föhrenholzenen Türen die Lüge des Eichen- oder Mahagoniholzes malt!

Stubborn war noch am Sonntagabend hereingekommen und hatte sich in sein Zimmer zurückgezogen, wo er die Briefe durchsah, die er im Briefkasten hinter der Tür vorfand und stets selbst herausnahm. Hieraus machte er eine Berechnung, nach deren Schluß sich auf einen Augenblick ein Lächeln der Befriedigung hinter seinen Mundwinkeln zeigte. Dann verschloß er die Papiere und zog die Glocke. Nach einer sehr langen Weile kam plötzlich ein kleiner magerer Mann zur Tür hereingestolpert, der einen starken Weingeruch mitbrachte. Er blieb mit der Klinke in der Land stehen und wankte einigemal hin und her, was als Verbeugung gelten mußte. Stubborn sah ihn finster an, worauf der Kleine ein Auge zudrückte, den Kopf auf die Seite legte und ihm ein paarmal freundlich zunickte.

»Sie sind wieder betrunken«, murrte Stubborn zornig.

»Noch nicht ganz«, lallte der andere. »Aber Wilm liegt unterm Tisch und seine Frau auf dem Kanapee. Die Tochter ist halb und halb! Champagner!« flüsterte der Kleine kichernd und schlug sich dabei einigemal mit dem Zeigefinger an seine große rote Nase, daß es klang, als schlüge er an eine Dachrinne.

»Sie werden es noch so lange treiben, bis ich Sie entlassen muß«, fuhr ihn Stubborn an.

»Denke gar nich dran, mien gooden Jung«, sagte der Kleine lachend. »Kenne das Geschäft zu genau! Wäre sonst schon längst in Südamerika placiert. Gefällt mir aber zu gut hier. Bin Ihnen treu bis – – – na bis – – –« Da er keinen Ausdruck für den Zeitpunkt finden konnte, so machte er die Pantomime eines Mannes, der am Halstuch in die Luft gezogen wird.

»Der Teufel mag auf Ihre Treue rechnen, wenn Sie sich betrinken und dann vielleicht schwatzen«, sagte Stubborn grimmig. »Was soll mit Wilm und den Frauenzimmern werden?«

»Frauenzimmern –«, schluchzte der Kleine, indem er tiefsinnig an die Nase klopfte. »Frau bleibt auf dem Ka–na–pee –, Wilm unterm Tisch und Ma–rie–chen – hm –«

»Nun?« fragte Stubborn gespannt.

»Ma–rie–chen werde ich in Ernsts Zimmer schaffen. Sieht so immer nach Schwarz – schaffe sie um vier Uhr fort und wecke dann Wilm, damit er die Schiffsbergen packt.«

»Wieviel bringen wir jetzt täglich mit den Schiffsbergen hinauf?« forschte Stubborn.

»Einen Zentner ungefähr. Bringt monatlich etwa zwölf- bis dreizehnhundert Märk.«

»Hm. – Der ›Komet‹ ist total verloren.«

»Weiß es. Sehr gutes Geschäft. Ka–pi–täns–frau war heute hier. Lamentierte. Hundert–zwanzig–tausend Märk mit einem Griff. Ausgezeich–net – As–se–ku–ranz! Ha–ha–ha!« lachte der Kleine schluchzend. Der Spaß, daß die Assekuranz hundertzwanzigtausend Mark für das verlorene Schiff zahlen müsse, kam ihm so lächerlich vor, daß er sich setzen mußte, um nicht vor Lachen umzufallen. Nachdem er sich etwas erholt hatte, nahm er die für ihn zurechtgelegten Papiere und wankte ab, um, wie er sagte, Ma–rie–chen in Schwarzs Zimmer zu bringen.

Stubborn horchte gespannt auf die Schritte seines Buchhalters, der sich stolpernd entfernte. Er schickte ein Stoßgebet zum Teufel, damit er den Kleinen an das Treppenhaus führe und ihn dort den Hals brechen lasse. Der Teufel tat es jedoch Herrn Stubborn nicht zu Gefallen, oder Herr Trick, der Buchhalter, kannte das Haus zu gut und befand sich darin zu wohl, um über die Treppe hinunterzustürzen. Er war zu schlau, um sich auf irgendeine Weise beseitigen zu lassen, so gern dies Stubborn getan und so oft er es versucht hatte. Er hatte zuviel Geschäftskenntnis, um fortgeschickt zu werden, und war eigentlich, ohne jemandes Wissen, die Kompanie, die hinter der Firma Stubborn stand.

Stubborn hatte eine Flasche starken Madeira entkorkt und trank daraus in starken Zügen, dabei horchte er immer noch eifrig, bis er die Tür von Ernsts Zimmer gehen hörte. Dann löschte er sein Licht und huschte auf den Strümpfen den Gang entlang, durch den er ebenso leise nach einigen Stunden in sein Zimmer zurückschlich.

Herr Trick war bei Tagesgrauen schon wieder auf den Beinen, denn Wilm, der Ewerführer des Hauses, schnarchte unter dem Tisch so furchtbar, daß der Nachtwächter in der Straße mehrmals horchend stehenblieb, weil er glaubte, man säge in Stubborns Haus die Balken durch, um ihn zu bestehlen. Herr Trick ließ ihn ruhig liegen und sah nur darauf, daß seine Frau ihre Tochter zur rechten Zeit weckte und fortschaffte.

Als sie an Stubborns Zimmer vorbeigingen, trat dieser aus der Tür und fragte mit gut gespielter Verwunderung, was sie hier täten.

»Wilm hatte die Wache im Speicher,« sagte Trick, »und da brachten sie ihm eben Kaffee.«

»Was machte der Ernst Schwarz schon so zeitig? Ich sah ihn soeben«, fragte Stubborn.

Marie wurde feuerrot und ging nach der Treppe zu.

»Schwarz?« entgegnete Trick verwundert, indem er Stubborn scharf ansah. Dann ging er kopfschüttelnd den Frauenzimmern nach, um sie aus dem Hause zu lassen, während sein Prinzipal sich über das Treppengeländer beugte und der Tochter Wilms mit einem höllischen Lächeln nachsah.

Es war keine kleine Arbeit für Trick, den schnarchenden Wilm zu ermuntern, den er dann in den Hof hinabführte, wo er seinen Kopf unter die Pumpe stecken mußte, während ihm der Buchhalter den Liebesdienst erwies, den Schwengel eine Minute lang in Bewegung zu setzen. Wilm kam völlig frisch aus dieser Taufe hervor und ging an die Arbeit, die er heute vor Ankunft der anderen Speicherleute fertig haben mußte. Er ging deshalb mit Trick in den Speicher, der an dem kleinen Flet lag, das die Deichstraße vom Rödingsmarkt trennte. Beide Straßen hatten ihre Speicher nach diesem Kanal hinaus, auf dem die Waren aus- und eingeschifft wurden. Hier zählte der Buchhalter dem Ewerführer eine Partie ostindischer Seidentücher zu, die zu Dutzenden eng zusammengepackt waren. Wilm holte aus einem Winkel etwa dreißig große runde Ballen hervor, die, mit Tauwerk umstrickt und an Tauen befestigt, wie riesengroße Nüsse aussahen, die man an Christbäume hängt. Nur glänzten sie nicht in solcher Vergoldung, sondern zeigten Spuren von Pech und Teer und der starken Abnutzung.

Wilm verstand es, die Umschnürung geschickt abzulösen, und nachdem er den Inhalt, aus Lumpen bestehend, herausgenommen und dafür die seidenen Tücher hineingepackt, sie wieder darumzulegen, worauf diese Ballen so unschuldig und wertlos aussahen, daß kein Mensch daran dachte, welches wertvolle Material sie enthielten. Es waren die sogenannten Schiffsbergen Schiffsbergen = Fender., deren jedes Dampfschiff vier bis fünf Stück an Bord hat, und die man beim Anlegen an eine Mauer oder Landungsbrücke zwischen das Schiff und diese hängt, damit die Planken keinen Schaden durch die Reibung erleiden.

Weder die Kapitäne noch die Steuerleute oder sonst jemand auf den Dampfschiffen hatten eine Ahnung davon, daß auf diese Weise Tag für Tag Massen von Foulards über die preußische Grenze geschmuggelt wurden. Nur eine Person auf jedem Schiff, entweder ein Schiffs- oder Feuermann, war in das Geheimnis eingeweiht und legte abends vor Abgang des Schiffes alle Bergen auf einen Haufen an der Elbseite hin. In der Nacht trieb dann ein Boot langsam am Dampfer vorbei, aus dem in einigen Augenblicken die verpackten Bergen auf das Deck gelangten, während die wertlosen in das Boot hinabgelassen wurden. Ebenso war die Prozedur in Magdeburg, wo man dann Lumpen hineinpackte, die, damit ja nichts verlorenging, an die Papierfabriken verkauft wurden, wobei das Zollamt wieder um den Ausgangszoll »gemacht« war.

Gegen zehn Uhr ging Stubborn in das Kontor hinab, das im Parterre des Hauses war. Der Buchhalter machte ihm hier eine so respektvolle Verbeugung und öffnete ihm die Tür seines Kabinetts auf eine so devote Art, daß niemand eine Spur der unverschämten Vertraulichkeit finden konnte, welche er gestern abend gezeigt hatte.

Als Stubborn bei den Brüdern Schwarz vorbeiging, die von Neumühlen hereingekommen waren, warf er dem älteren einen höhnischen Blick zu und fragte ihn, ob er sich den Vorschlag von gestern überlegt hätte.

»Es tut mir leid«, sagte dieser. »Aber ich möchte gerade jetzt gern hierbleiben und habe überhaupt keine Lust, unter den Chinesen zu leben. Adolf ist noch zu wenig fest dazu und würde mit den pfiffigen Zopfmännern schlecht fahren. Deshalb werden wir wohl in Ihrer Nähe bleiben, wenn Sie es erlauben«, antwortete Schwarz.

Stubborn biß sich auf die Lippen und zuckte mit den Achseln. »Ich habe als Vormund in eurem Interesse gehandelt und euch eine Aussicht auf guten Verdienst eröffnen wollen. Denn sonst habt ihr ja nichts von mir zu erwarten«, brummte er und ging in sein Kabinett, nachdem er dem Buchhalter einen Blick zugeworfen hatte, den dieser damit erwiderte, daß er einigemal an seine Nase klopfte und die Brüder scheel ansah.

»Sie stehen sich im Licht, meine jungen Herren«, flüsterte Trick, indem er sich die grauen Borsten, mit denen sein Kopf bedeckt war, von hinten heraufstrich. »Sie sind gegen Ihren eigenen Vorteil, wenn Sie nicht hinübergehen. Es hat schon mancher von uns drüben sein Glück gemacht.«

Der ältere Schwarz schüttelte den Kopf und sah eine Weile vor sich hin. Dann fragte er den Buchhalter: »Hat wirklich mancher sein Glück gemacht? Kannten Sie vielleicht den Buchhalter Kern, der vor Ihnen hier war und auch hinüberging?«

Wenn Trick ein Basilisk gewesen wäre, dem jemand aus Versehen auf den Schwanz trat, er hätte ihn nicht mit einem böseren Augenpaar anblitzen können, als dies jetzt mit Schwarz geschah. »Wie kommen Sie auf Kern, der uns drüben in Valparaiso durchgegangen ist und nichts mehr von sich hören ließ?« fragte Trick wieder.

»Ich sprach gestern abend mit einem alten Freund von ihm. Dieser wollte wissen, daß er jetzt in Neuyork sei und an uns geschrieben habe. Erhielt mein Vormund den Brief? – Nicht?« sagte Schwarz auf Tricks Kopfschütteln. »Hm! Nun soll ich in den nächsten Tagen mehr erfahren.« Hierauf wandte sich der ältere Schwarz wieder zu seinen Briefen und schrieb weiter.

Trick sah ihn ein Weilchen von der Seite an, wobei er seiner Nase einige Schläge versetzte und, nachdem er so angeklopft hatte, in das Kabinett Stubborns trat.

»Machen Sie den Regenschirm auf, Verehrtester«, flüsterte er hier. »Es könnte leicht ein Wetterchen kommen. Er weiß, daß Kern in Neuyork ist und geschrieben hat. Er weiß, daß Sie einen Brief haben. Er soll in den nächsten Tagen mehr erfahren, und zwar von einem alten Freund Kerns, der in Neumühlen ist! Machen Sie also den Regenschirm auf, Prinzipalchen.«

»Den Teufel noch mal! Hat Kern hier noch alte Freunde? So – so. Ich hätte eigentlich nichts zu fürchten, wenn nur ein einziges verdammtes Buch mit einigen Papieren da wäre, das Kern irgendwo versteckt halten muß. Sie wissen,« sagte Stubborn sehr bleich, »daß wir ihn drüben bis aufs Hemd bestehlen ließen. Das Buch war aber nicht unter seinen Sachen. Sollte es vielleicht der alte Freund hier in der Nähe haben, während wir es drüben suchen ließen?«

»Das wäre doch verdammt dumm«, knurrte Trick, indem er seine Borsten glücklich gegen den Strich brachte. »Niederträchtig dumm! In Südamerika suchen lassen, während es vor der Nase läge.«

»Wer ist denn der alte Freund?« fragte Stubborn.

»Weiß nicht«, sagte Trick kopfschüttelnd. »Vielleicht Spickmann! – Kühnmann? – Nein, nein, muß 'n anderer sein. Können Sie nicht draußen ein bißchen nachschleichen?«

»Habe darin keine Übung«, antwortete der Prinzipal.

»Eeeh!« lachte Trick, »scheint mir doch – 's gibt schlaue Füchse, die schon lange im Taubenschlag sind, wenn die anderen Füchse erst hinschleichen. Eeeh!« und dabei machte Trick wieder ein Auge zu und blinzelte Stubborn mit dem andern an.

Dieser blickte ärgerlich nach ihm hin, mußte jedoch den Mund zum Lachen verziehen und brummte dann: »Kann man denn gar kein Geschäft ohne Sie machen? Nun gut, ich werde mich auf die Lauer legen. Besorgen Sie jetzt die Assekuranzgeschichte und denken Sie an Ihre Freunde, wir werden vielleicht einige davon brauchen können.«

In diesem Augenblick klopfte es an die Glastür. Die würdigen Kompagnons erschraken, als wären sie beim Falschmünzen ertappt worden. Trick öffnete. Es war die Frau des Kapitäns vom untergegangenen ›Komet‹. Ihre Augen waren rot von den vergossenen Tränen, die ihr auch jetzt wieder hervorstürzten.

Stubborn und Trick sahen sie gleichgültig an, und der erstere fragte kurz: »Was wünschen Sie, meine Gute?«

»Ist es denn also wirklich wahr, daß mein armer Mann untergegangen ist?« fragte sie weinend.

Stubborn zuckte mit den Achseln und entgegnete: »Ob Ihr Mann untergegangen ist, weiß ich nicht. Daß aber mein Schiff unterging, weiß ich gewiß. Hätte Ihr Mann das Schiff nicht verlassen, so wäre er heute hier, so gut wie der Kompaß und der Chronometer, die dort stehen. Was wollen Sie also? Soll ich vielleicht jemand ausschicken, der nachsieht, wo Ihr Mann herumfährt? Habe gar keine Lust dazu, denn hätte er das Schiff nicht verlassen, so wäre es vielleicht nicht verlorengegangen. Er soll lieber nicht wiederkommen, wenn er sich findet, denn von mir bekommt er kein Schiff mehr. Ha, das Schiff so leichtsinnig zu verlassen!« sagte Stubborn entrüstet.

»Mein Gott!« jammerte die unglückliche Frau. »Man spricht von Seeräubern! Kapitän Bold sagt, daß im Journal in der letzten Woche von drei verdächtigen Seglern die Rede ist, daß man Blutspuren auf dem Verdeck gefunden hat!« Hier brach die Arme in einen Tränenstrom aus.

»Seeräuber? Verdächtige Segler? Blutspuren?« fragte Stubborn bleich und mit hohler Stimme, während sich Tricks Haare diesmal von selbst gegen den Strich kehrten. »Unsinn«, fuhr er dann erzürnt auf. »Lassen Sie sich nicht solch dummes Zeug weißmachen. Ich möchte wissen, wo jetzt Seeräuber herkommen sollten. Wir leben nicht mehr im vorigen Jahrhundert. Warten Sie nur ruhig. Ihr Mann wird eines Tages schon angebummelt kommen. Wir kennen das!«

»O, lieber Gott, möchten Sie doch recht haben! Darf ich Sie aber jetzt vielleicht bitten, mir etwas von dem rückständigen Gehalt meines Mannes zukommen zu lassen? Ich bin in großer Verlegenheit und habe Sie noch um nichts gebeten, solange er fort ist.«

Stubborn sah sie grimmig an und sprach hart: »Nein! Von mir bekommen Sie nicht einen Pfennig. Ich habe so Schaden genug. Es waren für sechzigtausend Mark Schweizeruhren bei der Ladung, die nur zur Hälfte versichert waren, und nun sollte ich wohl gar noch Gehälter bezahlen, die gar nicht verdient wurden? Ei, ich wundere mich wahrhaftig, daß Sie mir nicht Ihre Kinder herbringen, damit ich sie warten und ihnen Zuckertüten kaufen soll! Es ist wahrhaftig zu toll mit diesem Schiffsvolk«, schrie Stubborn, sich in einen richtigen Zorn arbeitend. »Man möchte ihre Weiber am Ende gar heiraten, wenn sie einmal zugrunde gehen. Sie sollen doch nicht aufs Wasser gehen, wer heißt es sie denn? Sie sollten gar nicht heiraten! Wer heißt es sie? Wenn sie ertrinken, so ist das ihre Sache! Wir müssen unsere Schiffe dazu hergeben! Sie sollen sie uns gut wiederbringen, das ist ihre verfluchte Schuldigkeit, denn sie sind im Grunde weiter nichts als die Fuhrleute, die unser Geschirr zu besorgen haben. Und kurz und gut, ich bezahle Ihnen nicht einen Pfennig. Ich habe jetzt anderes zu tun und empfehle mich Ihnen.« Hiermit drehte der herzlose Mann der Unglücklichen, die halb ohnmächtig von dem Gehörten hinauswankte, den Rücken zu.

Trick hatte ihm schon während des Gesprächs mehrfache Pantomimen gemacht, jetzt fuhr er auf ihn los und zischte: »Sind Sie denn ganz und gar des Teufels, und hat Ihre verfluchte dumme Habsucht Ihnen den Verstand verrenkt, daß Sie die Frau so behandeln? Morgen weiß es die ganze Stadt und verflucht Sie, statt daß Sie ein paar Prozent von dem famosen Geschäft anwenden, um sich den billigen Namen eines wohltätigen Mannes zu verschaffen! Nehmen Sie mir's nicht übel, Sie sind ein Esel! – Schweigen Sie«, fuhr er Stubborn mit zornblitzenden Augen an, als dieser bei diesem Titel auffahren wollte. »Ich bekomme dreißigtausend Mark von diesem Geschäft auf meinen Teil. Ich laufe jetzt der Frau nach und bringe sie wieder. Sie geben ihr tausend Mark, wozu ich in des Dreiteufels Namen meinetwegen dreihundert Mark legen will.« Mit diesen Worten rannte er davon und ließ den verblüfften Prinzipal zurück, der sich ganz und gar in seinen Klauen befand.

Er traf die Frau noch fast sinnlos an die Haustür gelehnt und bat sie, wieder umzukehren, da der Prinzipal seinen Zorn, in den ihn der große Verlust gebracht, bereut habe und seine bösen Worte wieder gutmachen wolle. Hierauf zog er die Weinende wieder in das Kontor und in das Kabinett, wo Stubborn wie ein gebundener Wolf hin und her ging. »Hier ist die Dame«, sprach er mit unterwürfigem Ton.

»Hm – hm. Müssen's nicht so schlimm nehmen«, knurrte der Wolf. »Man hat seinen Ärger. – Lassen Sie eine Anweisung ausfüllen zu – zu – fünf – a – achthundert Mark und geben Sie mir sie zum Akzept«, wandte er sich an Trick.

»Also zu tausend Mark?« fragte dieser laut an der Tür.

»Ja, ja«, fuhr der gefangene Wolf ärgerlich auf.

»Kommen Sie, mein armes Frauchen,« sprach Trick freundlich und führte die Erstaunte, deren Dankesergießung Stubborn mit einem kurzen »gut, gut« abwies, in das Kontor, wo Schwarz jun. die Anweisung ausfüllte und dem Prinzipal dann zur Unterschrift hineintrug. Dieser hätte sich freilich lieber den Finger abgeschnitten, als seinen Namen darunter geschrieben. Es half aber nichts. Er mußte die edle Tat vollbringen und die Bewunderung des ganzen Kontors hinnehmen.

*

Die alte Börse war im Jahre 1840 noch ein komisches Ding für die Geschäfte, die dort gemacht wurden. Sie stand halb über ein Flet gerückt auf dünnen Beinen wie eine Spinne da, die ihr Netz um die Handelswelt zu spinnen bereit ist. Ihre Beine, d. h. die Doppelsäulen, die das hinausgerückte obere Gebäude trugen, waren mit allerhand Anzeigen beklebt. Das unscheinbare Haus, das zwei Reihen viereckiger Fenster hatte, trug auf dem Dache eine große Figur Die Figur auf der alten Börse. Die Figur auf der alten Börse, richtiger auf der Waage, stellt die Justitia dar als Schutzgöttin mit Schwert und Wage., die offenbar holländischen Käse abwog, denn sie hielt in der einen Hand eine Wage und in der anderen das Käsemesser. Ein eisernes Geländer umzog den Platz, der, von Linden überschattet, jeden Mittag vom Gewühl der Kaufleute, bei Regenwetter von ein paar tausend Regenschirmen bedeckt war.

Kühnmann war lange Zeit unter den Gruppen der Kaufleute herumgefahren und hatte hier und da Notizen eingetragen und Papiere in Empfang genommen, als ihn ein junger, elegant gekleideter Mann beim Arm faßte. Kühnmann sah sich um und ging mit ihm beiseite, wo der Stutzer einen Papiersack aus der Tasche zog und ihm einige große Stücke Kolophonium gab. Der Empfänger roch daran, wog sie in der Hand und sah schließlich hindurch wie durch ein Fernrohr, um etwaige Flecke oder Unreinigkeiten zu entdecken. Der junge Mann hatte bei jeder dieser Untersuchungen eine verbindliche Verbeugung gemacht, wozu er stets beteuerte: »Prima Qualität – prima Qualität. Etwas ganz Extrafeines.« Dies rührte Kühnmann jedoch nicht im geringsten, denn er gab ihm die Stücke nach der genauesten Untersuchung mit den Worten »Schund! Miserabler Schund!« zurück. »Wen denken Sie denn mit diesem Zeug anzuschmieren, mein Lieber?« fragte er spöttisch. »Was verlangen Sie denn eigentlich dafür?«

»Verehrtester belieben zu spaßen«, entgegnete der Verkäufer mit einer Verbeugung. »Für solche Primaware ist ein Preis von zwölf Mark für den Zentner ein wahres Spottgeld.«

Kühnmann machte einen etwa drei Fuß hohen Satz, wobei er sich in der Luft herumdrehte und, sobald er den Boden wieder erreichte, eilig davonlief.

Der junge Mann steckte seine Proben gleichmütig in die Tasche und trieb sich unter den Kaufleuten umher, bis er ganz zufällig wieder neben Kühnmann stand, der jetzt ein Stück Steinkohle in der Hand hielt und einen kleinen dicken Herrn furchtbar heruntermachte. Es war nach seiner Ansicht ein wahres Verbrechen gegen die Menschheit, solches Zeug aus der Erde zu graben. Die Roste und Dampfkessel mußten bei einer Feuerung mit dieser Kohle in längstens zwei Jahren total zugrunde gehen, ja es war eine Frage, ob ein Eisenblech von gewöhnlicher Stärke dabei zu den Schornsteinen der Dampfschiffe zu gebrauchen war, oder ob man vielleicht gußeiserne Röhren verwenden müsse. Man hätte glauben sollen, daß der Kohlenhändler sofort den Handel mit einem so schlechten Artikel aufgeben werde. Der Mann besaß aber offenbar nicht die geringste Spur von Gewissen, denn er fragte Kühnmann, sobald diesem der Atem ausgegangen war, ob er ein paar hundert Last von dieser ausgezeichneten Kohle brauchen könne. Kühnmann schlug ihn nicht für diese Unverschämtheit nieder, er wußte sich zu beherrschen und sagte dem Dicken nur, daß er eigentlich gar keine Kohlen brauche, was der Dicke so spaßhaft fand, daß ihm die Tränen vor Lachen aus den Augen liefen. Auch der Jüngling mit dem Kolophonium fand es sehr komisch, daß Herr Kühnmann keine Kohlen brauchte, worauf dieser selbst darüber lachen mußte und aus purem Spaß vierzig bis fünfzig Last zu nehmen versprach, wenn der Dicke eine »Märk« an der Last nachlassen wolle, »das heißt«, fiel er schnell ein, »frei an das Schiff«, dann würde er vielleicht auch hundert Last nehmen. Aber wie gesagt, nur aus Gutmütigkeit. Der Kohlenhändler verlor nun eigentlich schon fünf Mark per Last, aber da es Herr Kühnmann war, »na, denn man zu«; er notierte hundert Last, und beide lachten sich nochmals aus.

»Also zehn Märk verlangen Sie für das Zeug?« fragte Kühnmann jetzt plötzlich den Jüngling.

»Bitte, zwölf«, erwiderte dieser hartnäckig.

»Schauderhaft«, rief Kühnmann entrüstet. »Das Zeug ist so schlecht, daß man es höchstens zu Wagenschmiere verwenden kann, und wer weiß, ob man da nicht Menschenleben auf dem Gewissen hat, denn es frißt gewiß die Achsen durch.«

»Ich gebe Ihnen die Versicherung, daß Sie es zur feinsten Toilettenseife verwenden können. Es ist übrigens nichts am Platze und nur noch ein kleiner Posten in den Händen von Fibig & Co., der aber bereits begeben ist, wie ich eben hörte. Also nehmen Sie«, schloß der Jüngling, indem er sein Notizbuch herauszog.

»Ja, zu was aber? Ich habe eigentlich gar keinen Bedarf dafür«, entgegnete Kühnmann unschlüssig. »Wenn ich Ihnen elf Mark acht Schillinge biete, so tue ich es wirklich aus reiner Lust, Ihnen das Zeug nur vom Halse zu schaffen. Wieviel haben Sie denn von dem Krempel?«

»Wir haben fünfundneunzig Zentner. Aber nicht unter zwölf«, bemerkte der Jüngling bestimmt.

»Fünfundneunzig!« schrie Kühnmann, »Was soll ich mit der Masse anfangen?«

»Spielt Ihr Herr Sohn nicht die Violine und braucht es zum Bogen?« fragte der Jüngling, kaum das Lachen verbeißend, denn er wußte so gut wie Kühnmann selbst, wie nötig dieser die Ware brauchte.

»Richtig! Richtig!« rief Kühnmann, in ein Gelächter ausbrechend. »Also elf Mark zehn.«

»Zwölf!«

»Elf zwölf.«

»Zwölf!«

»Na, denn elf vierzehn! damit es endlich ein Ende nimmt«, sagte Kühnmann.

»Nicht einen Schilling unter zwölf! Es fehlt, und das Schiff, das den Bedarf für nächsten Monat decken könnte, ist leck in See angesprochen worden«, replizierte der unerschütterliche Jüngling.

»Na, den Deubel, um nur von Ihnen loszukommen, ich nehme!« schrie Kühnmann lachend, während der andere, ebenfalls herzlich lachend, notierte und versicherte, es gäbe kein größeres Vergnügen, als mit Herrn Kühnmann zu handeln.

»In was für lächerlichen Artikeln macht ihr denn?« fragte der Makler Vollmann, der eben dazukam.

»Herr Kühnmann hat fünfundneunzig Zentner Kolophonium zum Bogenschmieren gekauft«, erklärte der Jüngling.

Nachdem er für heute seine Geschäfte an der Börse besorgt hatte, ging er nach der Schiffswerft, wo eines seiner Dampfschiffe neue Kajüten erhielt und wo er die Tapezierer unvermutet überfiel und fragte, ob es nicht möglich sei, in der Minute mehr als einen Nagel einzuschlagen. Dann erschien er ganz unerwartet am Neuen Kran, wo er seine Schutenführer aus dem Weinkeller jagte, worauf er plötzlich in seinem Haus am Dammtor unter den Malern stand, um nachzusehen, ob alles nach Wunsch gemacht würde. Nun fiel es ihm ein, daß es höchst nötig wäre, seinem Schneider ein kleines Donnerwetter zu machen, weil der neue Rock zu unbequem war. Nachdem er dies erledigt hatte, kaufte er einige Kleinigkeiten, womit er die Familie überraschen konnte, worauf er zum Millerntor hinaus und nach London Tavern hinüberging, wo er sich hinter die Linden am Wege stellte und dort versteckt auf sein Dampfschiff lauerte, um zu sehen, ob das kleine Rohr neben dem Schornstein weißen Dampf gäbe, oder ob »sie wieder keinen Dampf vorrätig hätten«. War er darüber beruhigt, so glättete sich sein Gesicht, und der Kaufmann fiel Stück für Stück von ihm ab, wie er durch Altona ging, so daß bei Rainvilles nur noch der heitere, liebevolle Familienvater Kühnmann übrigblieb, den ein heiterer, liebevoller Familienkreis erwartete.


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