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Diamantenheinrich

Sie gingen schnell die Müllerstraße hinauf, nach der Stadt zu. Die Turmuhr schlug gerade eins, wie sie an der Kirche auf dem Wedding waren.

»Hier hat frieha da Galgen gestanden,« sagte Schmuser, der eigentlich Hermann Levy hieß.

»Nee,« stritt Diamantenheinrich, »det wa bei de Jartenstraße … ick weeß et von mein Jroßvata … da draußen ham wa nemlich jewohnt, wie ick noch son kleena Junge wa … bis der Olle denn rin jung wejen Meineid in zweeundsiebzig Fälle!«

»Ausgerechnet!« Schmuser zuckte seine breiten, ein wenig nach vorn gebogenen Schultern, und in sein faltiges Gesicht kam unwillkürlich die Fratze, mit der er früher als jüdischer Komiker sein Geld verdient hatte. »Der alte Herr hat wohl ä Meineidsfabrik gehabt?«

»Hat er ooch!« nickte der andere, ein patent angezogener und gut gewachsener Mensch, dem die Frauen nachsahen, »wenn den eener 'n Taler in de Hand drückte, denn schwor er! … und da konnt' et och sind, wat et wollte!«

»Na, und dein Vater?« fragte Schmuser.

»Vata,« lachte der ganz Hellblonde, »sare mal, Mensch, wat verlangst du'n eentlich noch? … Is 't nich jenuch, wenn eena 'n richtjen Jroßvata hat?! Meene Mutta, die steht jetzt in' t dreiundzwanzigste Jahr unta Sitte! Wo soll se 'n da wissen, wo se mir her hat?!«

Indessen Schmuser hörte kaum noch hin. Er schien über etwas nachzudenken, dann sagte er mit gedämpfter Stimme:

»Sage mal, Heinrich, wie kommt et, det du immer bloß blanke Steine (Diamanten) machst?«

»Jott!« meinte der andere, seinen Schnurrbart drehend, dessen flockige Enden in der Sonne wie Silber schimmerten, »ick habe eben 'ne Schwärmerei dafor! … Ich nehme ooch nischt anders … Un wenn der olle Silberberg nicht krepiert wäre, während ick meinen Knast jeschoben (Strafe absitzen) habe, denn braucht' ick jetz' deine Pinkussen nicht … Bekovit (zuverlässig) is se doch, wat?«

Er sah dabei den ehemaligen Komiker mit seinen großen blauen Augen an, daß es selbst auffiel, wie sie leuchteten in dem rosigen Jünglingsgesicht.

»Hier is es!« sagte Schmuser und verschwand mit einer raschen Wendung in einem Kellerhals.

Diamantenheinrich folgte ihm sofort.

Der Keller, in den sie traten, war ein geräumiges, düsteres Gewölbe mit Regalen an den Wänden, die voll von Hosen, Röcken und Westen lagen. Eine Anzahl jener Kleiderständer, an deren langer Eisenschwebe auf Holzbügeln ein Anzug und ein Paletot neben dem andern hing, füllten den Raum, und das undefinierbare Parfüm, das die »alten Sachen« verbreiteten, schwebte in der Luft. Selbst jetzt am hellen Mittag brannten hier einige Gasflammen.

Jedermann sah, es war ein einwandfreies Geschäft, ein Kleiderhandel, wie sie in jener Gegend so häufig sind und gut florieren. Ein Kommis mit den schlenkrigen Bewegungen der Anreißer kam den Beiden entgegen.

»Was winschen Se? … Womit kann ich Sie dienen?«

Schmuser winkte ihm ab.

»Mach Schabbes, Baruchleben! … De Frau woll'n wa sprechen!«

»Ach, du bist's! … Chammer mit de Wichtigkeit! … De Frau will a sprechen! … Heißt 'n Zustand!«

Schmuser, im Gefühl der Bedeutung des großen Geschäfts, das er vermitteln wollte, wurde ein wenig ärgerlich.

»Also is de Frau hier oder is se nich hier?«

»Se is hier! … Da is se schon!«

Indem öffnete sich die Glastür, die den Raum links vom Kellereingang abschloß. Frau Pinkus kam.

Frau Pinkus war höchstens fünfunddreißig Jahre alt, das brandrote, sehr starke Haar trug sie hochfrisiert, und darunter blickten große, grünliche Augen, deren sehr helle Wimpern und Brauen diesem über und über mit Sommersprossen bedeckten Gesicht etwas Frappierendes gaben. Aber das Schlimmste war die Nase, die große, bis über den Mund hin gebogene Judennase, die ein Mann nicht hätte haben dürfen, ohne häßlich zu sein. Aber diesem Gesicht vergaß man sogar die schiefe Schulter der Frau, die übrigens wunderbar schöne Hände, einen sehr zierlichen Fuß und einen ganz entzückend geformten Busen hatte. Ihre weißen, wie von einem Künstler gearbeiteten Finger funkelten von Edelsteinen, und über der Brust, die durch die Spitzeninterdeux der Seidenbluse verführerisch hindurchsah, trug die Jüdin einen Brillantschmuck von wunderbar reinen, wie ein Feuerwerk blitzenden Diamanten.

Heinrich Bahlke, der in seinem Geschäft allmählich Kenner geworden war, bekam die Augen gar nicht los von dem Schmuck. Und kaum sagte er ihr ein paar Worte darüber, so hatten sich auch schon zwei Seelen gefunden, deren Entzückungen dieselben waren.

»Nu scheen,« sagte schließlich die Pinkus, »aber darum sind Se doch nischt hergekomm'! … Was haben Se denn?«

Dabei ging sie voraus und geleitete die beiden jungen Leute zurück in ihr Privatkontor. Blieb aber auch dort nicht. Eine Tür öffnend, die in einen schmalen Gang führte, winkte sie den beiden, und kam mit ihnen an eine Treppe, die hinaufging in den ersten Stock, in ihre Privatwohnung.

»Dis hat mein Mann noch machen lassen, da' Pinkus. Gott hab'n selig! …«

»Ach, der is tot?« sagte Diamantenheinrich.

Sie nickte nur, und er merkte, daß sie kein Auge von ihm verwandte. Darauf lächelte er ihr mit der gewohnheitsmäßigen Koketterie hübscher Männer frech zu und faßte ihre Hand indem er sagte:

»Allzuviel arbeeten tun die woll ooch nich? … Die sin ja wie aus Zucker!«

Sie lachte und schlug nach ihm, und Schmuser dachte bei sich:

»Gott, was for 'ne Frau! … 's wer so ä Partie für mich … nu, wer weiß …«

Dann wurde das Diamantengeschäft abgeschlossen. Diamantenheinrich hatte die Steine schon aus der Fassung gebrochen und das Gold einem kleinen Schärfer (Hehler) verkauft, weil er Geld brauchte. Die Steine waren nicht übermäßig wertvoll, aber Frau Pinkus zahlte das Vierfache von dem dafür, was sie einem andern gegeben hätte. Dann rief sie Schmuser zu sich ins Nebenzimmer. Diamantenheinrich, der annahm, sein Freund bekomme jetzt seine Provision, wartete gern so lange.

Aber die Jüdin hatte ganz etwas anderes mit ihrem Glaubensgenossen zu besprechen. Geld gab sie ihm auch: ein Zwanzigmarkstück, und als er damit nicht zufrieden war, legte sie, ohne zu handeln, noch ein Zehnmarkstück drauf – was sie übrigens gut konnte, sie verdiente bei dem Geschäft doch noch recht anständig.

Aber Schmuser selbst war perplex, als sie ihm sagte, dieser Heinrich gefiele ihr so gut, daß sie ihn vom Fleck weg heiraten würde.

»Dreihundert Mark zahl ich dir Provision, Schmuser!« sagte sie, »aber ich hab' keine Lust zum Warten! Dei Freind soll sich entschließen sofort, ob er will ä Frau mit 'ne halbe Million!«

Dann kamen sie schnell wieder heraus, und Diamantenheinrich, dem schon das Geld in der Tasche brannte, ging mit seinem Freunde fort.

Vier Wochen später wohnte der Blonde schon bei Frau Pinkus, und am Ende des zweiten Monats trat sie, trotz des verzweifelten Widerstandes aller ihrer Verwandten, mit Diamantenheinrich unter die Chuppe (der jüdische Trauhimmel) … Er hatte sich taufen lassen und war Jude geworden.

Sie trug ihn auf Händen und seine trotz der zarten Schönheit des äußeren Menschen recht rohe Seele hatte sich verblüffend schnell an ihre, obenein andersrassige Häßlichkeit gewöhnt. Nur ihre Eifersucht machte ihm zu schaffen; denn seine Charakterschwäche war, wie jeder anderen Verlockung, auch dem Lächeln der Frauen gegenüber stets zum Nachgeben bereit. Dann weinte und tobte die Frau, um sich nach ein paar Stunden wieder mit ihm zu versöhnen … Er hatte eben einen derartigen Zornesausbruch hinter sich und stand, innerlich schon wieder ganz ruhig, vor der Haustür, als Schmuser kam. Sie begrüßten sich.

»Nu, Heinrich, is deine Frau da?«

Der nickte lachend.

»Aber ich kann da' raten, jeh nich ruf, Schmuser! … Mir hat se schon beinah' umjebracht …«

Schmuser war bereits auf der Treppe. Frau Pinkus' Gatte hörte ihn oben klingeln, dann, nach einigen Minuten der Stille einen heftigen Wortwechsel vor der Tür … und gleich danach war Schmuser wieder unten, ganz blaß, mit gefalteter Stirn und zusammengekniffenen Lippen.

Aber er gab sich große Mühe, seinen Ärger nicht merken zu lassen.

»Hast da' woll ooch mit ihr jekabbelt?« fragte Diamantenheinrich.

Schmuser wandte den Kopf und winkte ihm zu schweigen.

»Wollen eenen trinken!« sagte er dann.

Heinrich begleitete ihn im bloßen Kopf mit den gestickten Morgenschuhen an den Füßen. Schon auf dem Wege sagte Schmuser:

»Weißte, Heinrich, es is doch eigentlich ä Sinde und ä Schande, daß so ä feiner Kerl wie du sich wegschmeißt!«

»Äh, laß doch, Mensch! Frauenzimmer is Frauenzimmer!«

Aber Schmuser ließ von diesem Augenblick an nicht mehr nach mit Bohren. Jeden Tag war er da und erzählte die häßlichsten Dinge von Frau Pinkus, nur weil sie ihm seine Vermittlerprovision für die Heirat nicht gegeben hatte. Und schließlich fanden seine bösen Einflüsterungen Gehör. Diamantenheinrich bekam allmählich einen Widerwillen gegen sein Weib.

Eines Morgens, wo sie sich wieder drüben im »Klugen Pudel« getroffen hatten, meinte Schmuser so beiläufig:

»Du, weißte Heinrich, wenn einer bei euch so Bescheid wüßte, da ließ' sich 'n Ding drehen!« (Ein Diebstahl ausführen.)

Und das Wort wurde der ehemalige Einbrecher nicht wieder los. Wieder ein paar Tage später brachte Schmuser einen Bekannten mit in den »Klugen Pudel«.

»Is ä Knacker!« (Einbrecher mit der Spezialität für Geldschränke.) flüsterte Schmuser seinem alten Freunde zu.

Dieser Mensch kam, wie er sagte, aus London. Er sah aus, als gäbe es für ihn keine Schwierigkeiten, und schien jeder Situation gewachsen. Den ehemaligen Komiker hatte Heinrich immer noch nicht ernst genommen. Der andere aber, der sich stets schweigsam gab, dessen Gesicht fast nie den Ausdruck einer eisigen Kälte verlor – der hatte den schwachmütigen Blonden gleich in der Tasche.

In einer regenfeuchten Oktobernacht ließ Diamantenheinrich die beiden heimlich in die Wohnung. Schmuser wollte Schmiere stehen, Bobby sollte »arbeiten«.

Aber der Geldschrank widerstand allen Bemühungen. Heinrich schlich sich von Zeit zu Zeit zu seiner festschlafenden Frau. Schließlich wollten die beiden anderen, er solle ihr die Schlüssel unter'm Kopfkissen wegnehmen.

»Aba nee, Kinda, det jetzt doch nicht! Se wacht ja sofocht uff! …«

»Na denn! …« Der Engländer machte mit der Linken die Gebärde des Kehlezudrückens.

»Wat? … Meine Frau? …« Heinrich war ganz erschrocken.

In diesem Moment ließ sich nebenan ein Geräusch hören, im nächsten Moment flog die Tür auf, die Jüdin stand im Nachthemd im Türrahmen, in jeder Hand einen Revolver. Und sie besann sich auch nicht eine Sekunde, und feuerte.

Der Engländer wollte mit dem Brecheisen auf sie los, aber da traf ihn eine Kugel an der Hand, daß er es fallen ließ und floh. Schmuser war schon draußen.

Dann ging Frau Pinkus auf den ganz verdutzten Diamantenheinrich los, schlug ihm hinter die Ohren, daß es nur so rauchte, und sagte:

»Dein Glück, du Schlemminer, daß ich noch gekommen bin rechtzeitig! … Is ma sowas vorgekommen, bestiehlt sich der Mensch selber! … Marsch, zu Bette!«


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