Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Anzeige. Gutenberg Edition 16. 2. vermehrte und verbesserte Auflage. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++

Im Möbelwagen

Es hatte gefroren, und der erste Schnee war vom Himmel gefallen. Darüber kalt und blank die Wintersonne. Aber gegen Abend wurde die Sonne blutrot, der ganze Westen färbte sich mit Purpur, und mit finsterer Strenge brach die Nacht herein.

Draußen in dem Berliner Vorort Wilmersdorf zwischen den letzten Häusern standen auf einem einsamen, nur von einem Drahtzaun umgebenen Gelände eine ganze Anzahl großer, verschließbarer Möbelwagen. Um den Drahtzaun schlichen, abseits der Straße, zwei Männer.

»Hm … hier muß et jleich sind!« sagte der eine mit heiserer Stimme und tastete nach der Lücke im Drahtzaun, durch die er, sich zusammenkauernd, seinen Körper zwängte.

Endlich war er durch. Er stöhnte. »Na?« sagte er dann zu dem noch Draußenstehenden. Diesem wurde bei seiner Magerkeit das Durchkriechen leichter. Sich dicht an den Gefährten haltend, flüsterte er: »Wer'n wir denn auch noch reinkommen?«

»Na immer! Det war ja noch scheener! Wer hat denn die Penne ausbaldowert? Ick doch!«

Sie gingen jetzt vorsichtig auf dem mit Gras bedeckten Boden zwischen den Wagen hindurch.

»Stoß da' nich! Der dritte is et!«

Der Heisere pochte an, in einem bestimmten Takt, dreimal. Dann klang es dumpf von innen: »Pfefferneese … bist du't?«

»Woll, woll, mach man uff!«

Man hörte, wie sich drinnen jemand an der Tür zu schaffen machte. »Von innen kenn' wa nämlich nich zuschließen, da machen wir se mit Draht feste, die Türe.«

»Und wie kommt Ihr rin?«

»Der lange Otto, der is befreindet mit den eenen Kutscher von Jebrieder Schuster – die ihre Möbelwagen sind det nämlich! – un friehmorjens jem' wa' den Schlüssel denn immer wieder ab … Seh' mal, frieher, da war det noch schlechter, da lag man in die Wagens, wo bloß Vorhänge dran waren, und alle Neeselang kamen de Jreifer Kriminalschutzleute. un machten 'ne Ratzjacht Razzia. uff uns! … Heute kann uns de Polente Polizei. wat! … aber …«

Die Tür des Möbelwagens ging auf, und geschickt schwang sich Pfefferneese hinein.

»Na, willste nich jefälligst hinter dir zumachen?« klang es grämlich aus der Finsternis.

»Jleich, es kommt noch eener!«

»Wat, du hast noch eenen mitjebracht?« fragte dieselbe mißtrauische, ärgerliche Stimme, »det jibbt's nich, du, vastehste? Dazu erteile ick meine Jenehmijung nich!«

»Aber, Otte, mach' doch keen' Summs!«

»Nee, nee, nee, nee, nee!«

»Aber Otte! seh' mal, det is'n junger Mensch, der hat Pech jehatt! un Platz is doch ooch! un draußen friert et! Wat meenst du, Spitzer, soll er mit rin oder nich?«

Ganz hinten aus der Ecke kam ein Gähnen. Dann stotterte es aus der Dunkelheit hervor:

»Ick m… m… m… meene janischt! m… m… m… meinswejen macht, wat a' wollt! … wenn a' mir b… b… b… bloß schlafen laßt …«

»Na, un ick wer janich jefragt?« sagte jetzt eine frische, lustige Stimme. »Da hab' ick doch woll ooch noch 'n Wort mitzereden, Otte! Oder meenste, ick mache hier umsonst 'n Wirt un sorje, det ihr alle wat zu präpeln habt? Ick sage, der junge Mensch soll rin!«

Der lange Otto brummte, aber er gab die Tür frei. Pfefferneese half seinem Begleiter schnell hinauf. Und hinter ihm wurde die Tür gewissenhaft zugemacht.

»So …« sagte die wohlwollende Stimme, »nu such dir'n Platz, mein Junge! Oder meenste etwa, wa wer'n da hier 'n Scheeselonk uffstellen?«

»Nein, Nein,« sagte der junge Mensch ängstlich. Dabei tastete er nach einem freien Platz und kam unglücklicherweise dem langen Otto zu nahe, der ihm heimtückisch einen Stoß gab, daß er stolperte und hinfiel.

So wie er hingefallen war, blieb er auf den Lumpen, die den Boden bedeckten, liegen. Ohne einen Laut der Klage, betäubt und verzweifelt und von jener grenzenlosen Traurigkeit ergriffen, die in der Ermüdung des Körpers und der Seele ihren Grund hat.

Aber er fuhr doch rasch empor, als es jetzt wieder von außen gegen die Tür des Wagens bummerte.

»Pst!« machte einer im Wagen, »keen' Ton!«

Der draußen bat und jammerte: »Laßt ma' doch ooch rin! Ihr habt ja noch Platz! Ick weeß et ja!«

Dann, da drinnen alles still blieb, schlug er wieder mit den Fäusten gegen die Tür und schrie:

»Na, wart' mal, wenn a' so jemein seid, denn wer' ick eich die Fahrt ooch vamasseln Ins Gefängnis bringen.

Als man ihn davonrennen hörte, sagte Hundewilhelm: »'s wär' doch am Ende besser jewesen, wenn wa'n rinjelassen hätten.«

Dann unterhielten sie sich über den jungen Menschen. Er aber hörte ihr Gespräch ohne alle Teilnahme, gerade als redeten sie von jemand, der ihn garnichts anging.

»Er hat mit'n andern zusamm' 'n Ding jedreht Verbrechen begangen.«, erzählte Pfefferneese, »det erstemal in sein' Leben … un wat macht der andre? … Er jibbt'n 'n Meter Mark. un sagt, der hier sollte 'n paa' Minuten uff ihn wachten in de Kaffeehalle … un der is ooch so demlich un tut det. Un daweile türmt Geht fort. der andre mit den janzen Zaster Geld. Seht a', det heeßt denn Spitzbubenehrlichkeit!«

»Ach, wat, Pfefferneese, davon vastehst du doch nischt!«

»Aber du, Hundewillen, wat? Du vastehst 'et! Weil du de' Leite die Leinen abknipst, woran se ihre Köters haben, un vakoofst nachher die Teelen vor'n Dahler, nich wahr, darum bist du wat Besonders? Mir wundert bloß, det se dir noch nich zum Vorsitzenden jewählt hab'n in'n Tierschutz! Da paßte hin!«

»Na nu laß man, Pfefferneese!« lachte Hundewilhelm, und auch sein Lachen hatte etwas so Sympathisches und Liebenswürdiges, »wat zwischen uns vor'n Untaschied is, det weeßte recht jut! Un det ick nich hier mang eich mang wäre, wenn ick nich sone haushohen Lampen Von der Polizei gesucht würde. hätte, det weeßte ooch!«

»Ja, un damit wird er uns schließlich noch alle zusamm' vamasseln!« knurrte der lange Otto dazwischen.

»Na, bei dir soll det nu woll schwer halten, Otto! Wer son Jeschäft hat wie du, det er kleene Kinda dat Jeld abluchst, wenn se bei'n Koofmich wat inholen sollen, un de kleenen Meechens de Ohrringe rauszieht, wenn't keener sieht, wenn eener sone madijen Sachen schiebt, dem scheint'n de Sonne hell Die Polizei ist bereits lange aufmerksam. jenuch, da kann a' jeden Dach zehnmal alle war'n Verhaftet werden. … Bei mir, das is det wat anders, ick halte eben uff mein Desseng! … Und wat'n richtig ausjeknobeltes Desseng is, wer det hat – da kann er Dinger nach drehn, die klappen immer!«

»Na, alooben Se mal, jeehrter Herr Hundavaschieber, det versteh' ick nu janich! Wat meenen Se damit, mit'n Desseng ausknobeln? … un wat is iebahaupt 'n Desseng?« fragte Pfefferneese.

»'N Desseng?« Hundewilhelm schien die Erklärung nicht leicht zu werden, »'n Desseng, det is eben … na, seh' mal, Pfefferneese, 'n Desseng, det is, wenn de wat vorhast, un du weeßt noch nich, wie du 't fingern sollst, denn machste da' eben 'n Desseng, un danach arbeetste denn!«

»Hm …« machte Pfefferneese, »also, wenn ick beispielsweise Appetit uff 'n Zijarrn habe, dann mach' ick ma'n Desseng. Denn jeh' ick unter de' Linden un latsche hinter de feinen Herrens her un paß uff, wenn eener eene wegschmeißt; un denn stipp Aufsammeln. ick se un rooch' se mir an, un det is denn 'n Desseng, nich wahr?«

Alle lachten und Hundewilhelm am herzlichsten.

»Na, haste denn vielleicht noch son paar Dessengs bei dir?« fragte er den Pennbruder.

»Woll! De janze Tasche hab' ick voll! Man immer ran, wer eene haben will! Aber wer hat Streichbolzen?«

»Ick«, sagte der Grämliche hinten aus der Ecke, den die Aussicht auf den Tabaksgenuß etwas zu versöhnen schien, und kam näher.

Ganz abgesehen davon, daß sie gerne rauchten, ließ sie das Gefühl ihrer Armut nach allem greifen, was ihnen umsonst geboten wurde. Und wie nun ein Zündhölzchen aufflammte, da sah der kleine Kommis in das gemeine Gesicht des langen Otto, eines ehemaligen Sergeanten, der wegen Mißhandlung seiner Untergebenen davongejagt und dann allmählich zum Bummler und Strolch herabgesunken war … Auch den sah er, den sie »Spitzer« nannten, einen kleinen, grauköpfigen Mann, in einen alten Gehrock eingewickelt, der ihm viel zu lang und zu weit war, mit abstehenden Ohren und vor Frost und Alter schon ganz krumm gezogenen Gliedern. Dann Pfefferneese, der ihm gutmütig einen recht langen Stummel heraussuchte; diesen drolligen, alten Pennbruder mit großer, flammender Pustelnase; und schließlich Hundewilhelm, eine Art Kavalier des Elends, der einen schmutzigen Stehkragen und einen Lavallière trug und seine ausgemergelte Gestalt elegant bewegte.

Aber der junge Mensch mit den langen, etwas gelockten Haaren machte seine Wahrnehmungen rein passiv, er dachte auch gar nicht darüber nach, sondern legte sich, sobald seine Zigarre brannte, wieder auf das Lumpenbündel und horchte auf das, was der gesprächige Hundewilhelm sagte.

Der gab auf Pfefferneeses Frage jetzt einige Details über den Hundediebstahl zum besten.

»Seh' mal,« sagte er, »wie ick dazu jekommen bin, det is doch janz eenfach: ick wa Hundefänger bei'n Tierschutz. Na, un da sagte ick mir, wat sollste immer vor andre Leite die Biester infangen? Det Jeschäft kannste doch alleene ooch machen! Un obendrin lernte ick da uff 'n Wedding noch son Händler kenn', der brauchte welche! … Zuerst fing ick se nämlich bloß un wartete, bis eener 'ne Annonce losließ, und dann jing ick hin und sagte. ›Ick hab' Ihren Hund jefunden‹, und kriegte meine Belohnung un scheen! Aber nachher war det nischt mehr! Die mehrsten jaben nischt, un eenmal zeigte mir sojar eener an, weil er's von't Fenster aus jesehen hatte, wie ick seine Teele ranlockte. Un wie ick denn meine vier Wochen runterjerissen hatte, da sagte ick mir: Jetzt wirste dir den lieben Doten mal von de andre Seite bedrachten, Wilhelm! Und da fung ick an, zu handeln. 'T wa draußen in Treptow. Ick weeß heite nich mehr, wie ick jrade da raus jekommen bin, kurzum ick jeh durch 'n Plänterwald un seh' da 'n Frailein sitzen … Stellt euch mal vor: 'n weißet Kattunkleid mit Blümekens druff, 'n Paar schwarze Stiebel, 'n jroßer, weißer Hut mit 'ne mächtige Feder un 'n Pompadour – det wa' eijentlich allens! Wat in die Sachen drin war, det war reene janischt. Man sollte janich glooben, det an'n Menschen so wenig dran sein kann! Nebenbei war se aber schon derbe aus'n Schneider raus. Na, se las in 'n Buch, so mit Joldschnitt un'n roten Deckel – später hab' ick afahren, det et Jedichte waren! – und an 'n blauet Seidenband, ausjerechnet blaue Seide, hatte se 'n kleenen Hund. Durch den Hund war ick nämlich uffmerksam uff se jeworden. Seht mal, unsaeener, der is doch schließlich 'n Kenner! Ick will ma' jarnich rühmen, aber wat Hunde anbelangt, da kann mir keener nischt vormachen, een Blick, un der jeniegt! Also, wat ick eich sagen wollte, wat die … na eben die Person, wat die da hatte, det wa'n Windspiel … Wißt ihr, wat 'n Windspiel is?«

»Ach, Quatsch!« sagte Pfefferneese, »woher soll'n wir denn det wissen?«

»Nee, det kennt ihr ooch nich wissen! Also, 'n Windspiel, det is det Feinste, wat et überhaupt in Hunde jeben dhut! Un obendrin war's 'n weißet!!«

Der Erzähler machte eine Pause, als hätte er das kostbare Tierchen vor seine Hörer auf einen Tisch gestellt und wollte ihnen nun Zeit lassen, es zu bewundern.

»Na, un damit schnappt et?« fragte Pfefferneese brutal.

Hundewilhelm aber lachte nur leise: »Wie ick den Hund jesehen hatte, da fuhr ick sofort nach 'n Wedding raus zu Müllern' un sagte: ›Sie, Müller,‹ sag' ick, ›ick hab'n Hund!‹ – ›Na, ja,‹ sagt er, ›ick habe 'n Sticker zehne!‹ – ›Ja,‹ sag' ick, ›ick habe aber 'n Windspiel!‹ – ›Ick ooch!‹ sagt er, ›bloß meiner is 'n bisken jroß un nich spiß jenuch in 'n Kopp!‹ – ›Un meiner is kleen, janz kleen un hat 'ne Neese wie 'ne Stecknadel un er is – weiß!!!‹

Wie ick det jesagt hatte, da zog der Mann 'n Dahler aus de Hosentasche, jab mir den Dahler un sagte: ›Willem,‹ sagt er, ›Willem, jetzt paß uff! Jetzt is der jroße Monument jekomm', wo sich der Mensch von 'n Affn untascheiden dhut! Jetz' jeh ran!‹

Un denn pellte er mir die Sache ausenander: er hätte sojar schon 'n Käufer for det Windspiel. 'N Jutsbesitzer, der hätte eens jehabt un det wer'n verreckt, un et kennte kosten, wat et wollte!

›Scheen,‹ sage ick, ›also tausend Mark uff de Kippe!‹ Zur Hälfte geteilt.

Na, Müller zögerte erst, aber dann schlug er in.

Ick noch an'n selben Nachmittag wieder raus nach Treptow. Un, wat soll ick eich sagen – kaum komm ick in 'n Park, richtig sitzt ooch da die Person wieder mit ihr Windspiel. Aber immer an't blaue Seidenband! Und da konnt' ich machen, wat ick wollte! Ick konnte jeden Tach kommen un jeden Tach, die Person ließ keen Ooge von den Hund.«

»Höhö!« machte der lange Otto, »warum haste se denn nich eenfach übern Haufen jerannt?«

»Weil ick sowat nich mache! Det is nich mein Dessin!«

»Un t… t… t… tzehn Jahr … tz… tz… Tzuchthaus, det is ooch … ooch … ooch nich dein Dessin!« stotterte Spitzer, »n… n… n… nich wahr, Hundewillem?«

»Na, Sache!« erwiderte der Erzähler, »dazu muß eener frieher Unteroffizier jewesen sind, ick krieje den Ton nich raus! Aber um da wieder anzuknüppern: ick kam nich weiter un kam nich weiter mit det Geschäft. Un haben mußt' ick 'n doch, den Köter! Also eenes scheenen Tages – ick wa' damals jrade sehr duft in Schale Hatte einen guten Anzug an. un hatte ma obenin zu de Jeschäft Müller'n seinen Aaltopp Zylinder. jepumpt – eines scheenen Tachs jeh' ick ran an se un sage:

›Vazeihn Se, Frailein,‹ sag ick, ›wenn ick steere, aber ick sehe Ihnen dagelang hier rumsitzen un lesen. Kenn' Se ma nich sagen, wat det for'n Buch is, in wat Se da lesen?‹

Dabei hatt' ick natierlich den Tintenproppen in de rechte Hand jenommen, wodruff ick 'n sehr schnudligen Glacéhandschuh jezogen hatte, und machte ihr 'ne Vabeijung … Sie kiekt mir an, wird janz blaß un sagt: ›Mein Herr, ich vastöhe Ihn' nich!‹

›Woso?‹ frage ick, ›ick rede doch janz deitlich.‹

Dadruff will sie weiterjehn. Ick laß mir aber nich abweisen, na un wat soll ick eich sagen, in fünf Minuten, da hatt ick ihr dermaßen injewickelt, det se mitjing wie 'n Lamm. Un nu fing se an, von Jöthe zu reden un von Schiller un noch son paa' Dichter, un ick brauchte bloß immer mit'n Kopp zu nicken, denn wat zu reden wa', det redte sie allens alleene. Aber den Hund, den ließ sie dabei nich aus't Ooge. Übrijens hieß er ›Eujen‹, nach ihren vastorbenen Breitjam, sagte se. Na, wie wa nu zwee Stunden jedibbert hatten, da konnt' ick nich mehr un empfahl mir. Und sie sagte: ›Uff Wiedasehn, morjen!‹

Ick natierlich raus bei Müllern un sagte ihm, er sollte man immer schreiben, wir schickten den Hund nächstens, damit der Herr nich vorher woanders eenen koofte. Un im übrijen sollte er übermorgen Vormittag in'n Plänterwald sein und sollte die kleene Hündin – Müllern sein Windspiel war nemlich 'ne Hündin – mitbringen.

Ick selber war natierlich schon an'n nechsten Tag wieder draußen in'n Hain … Un die olle Jumfer, furchtbar freindlich, wartete schon uff mir. Un denn sprachen wa wieder von Jedichte. Se hatte diesmal 'n Pfaunblauseidenes an un deklamierte wie son Jrammophon. Frieher wa se Schneiderin jewesen, aber denn hatte se mal 'ne olle reiche Dame zu Tode jepflegt, un da hatte se jeerbt …«

Hundewilhelm machte eine nachdenkliche Pause, dann fuhr er fort: »Wenn ick heite so recht darieber nachdenke, dann hätt' ick se vielleicht doch lieber heiraten sollen, aber die Jeschichte mit den Hund war leichter, un et wa ooch mehr mein Dessin. Also scheen, et vajeht wieder 'n Tag, un richtig meine Jumfer is wieder da, wie ick ankomme. Ick hatte noch mit Müller'n vorher eenen jehoben, un er sollte sich vorläufig janz retireh halten.

Wir beede steiern also los, det Frailein un ick, un wie jewöhnlich nach die einsamen Jänge, wo se denn besser ihren Affen loslassen konnte mit det Deklamieren. Heite hatte se soja zwee Viecher unter'n Arm, un ick hatte mir schon Watte in de Ohren jestoppt, weil se immer so juchte, wenn se an 'ne Stelle kam, wo von Liebe de Rede wa! Also sie janz bejeistert, ick mit 'n Aaltopp nebenher und hinter uns, an de blaue Seidenstrippe, Eujen!

Mit eenmal, wir waren jrade uff'n Weg, wo rechts 'ne Masse sone janz dichte Sträucher mit kleene, rote Beeren dran waren, da sah' ick hinta de Büsche Müller'n. Aha! denk' ick, fasse in de Tasche und hole janz unbemorken 'ne kleene, scharfe Schere raus. Denn een Schnitt, und Eujen war lose.

Det Frailein las jrade 'n Jedicht vor, un da war se so wech von, det se immer mit ihr mageret Ärmeken in de Luft rumfuchtelte un an nischt anders dachte … wie ick ma vastohlen umdrehe, seh ick, det Eujen jrade zu Müllers kleene Teele ›juten Morjen‹ sagte. Denn verschwand se, weil Müller se an 'ne lange Strippe hatte, in de Büsche, un Eujen war ooch wech!

Aber wie sich det Frailein denn umdrehte un et inne wurde, det der Hund wech war, na ick kann eich sagen, det mecht' ick nich nochmal durchmachen. Un mit Jewalt wollt' se nach de Polizei!. Nu redeten ja ooch de Leite alle, un ick, ick kriegte mächtige Maure Furcht., denn wenn se det dat, dann war ick doch Onkel von wejen Album Das Verbrecheralbum, in dem sich die Photographien aller einmal Bestraften mit den nötigen Bemerkungen befinden. un so … Un ohne die durchjeschnittene Strippe wer'et ja noch jejang', aber wie hätt' ick 'n denn loskriejen sollen … Schließlich sagte ick ihr:

›Ick besorje Ihn'n den Hund wieder … valassen Se sich dadruff … Ick kenne alle Händler, un ick wer se vor'n Ankauf von det Windspiel warnen. Bloß die Unkosten, die müssen Se mir vajüten.‹

Na, dadruff bekam ich zwanzig Em Mark. un jing erst mal sehr jediejen friehstücken. Nachmittags jing der Hund per Eiljut jejen Nachnahme ab an den Jutsbesitzer, un andern Tag reiste ich schon hin. Det wa Dienstag. Mittwoch kriegten wa det Feld und Donnerstag früh kam 'n Brief: Der Hund wäre entlaufen, ob er vielleicht bei uns wieder injetroffen wäre. Wir depeschierten zurück: Nee, aber wir würden uffpassen. Wie ick die Depesche uffjab, hat ick Eujen uff'n Arm, und denn nahm ick mir 'n Droschkon un jondelte raus bei den Frailein. Aber, wie ick unten vor de Türe war, überlegte ick mir det un sagte zu Müllern, der war selbstvaständlich bei: ›Du, behalte 'n mal noch so lange! … ick jlobe, da reißen wa noch 'n blauen Lappen ab!‹

Und denn ruff bei se.

Na, wie ick ihr sagte, ick hätte den Hund, da fiel sa ma' direkt um 'n Hals … ›Wo denn? … wo? … wo denn bloß? … Eujen! … Eujen! …‹ Und so wollte se schon den Treppe runter.

›Pst!‹ sagte ick, ›immer stille! Det kost' Draht, liebes Frailein!‹

›Na, wieso denn? Der Mann hat'n doch jestohlen!‹ Ausjeben tat se nämlich nich jerne wat! Aber ick, janz seelenruhig: ›Nee, Frailein, der Mann hat'n nich jestohlen! Det is'n Händler, der'n vor'n janz zivilen Preis jekooft hat! Hundert Mark hat er jejem! Wollen Se denn wejen sone Lappalie …‹«

»Pst! … Pst! … stille doch! … heert ihr denn janischt?«

Pfefferneese unterbrach den Erzähler.

»Det sind mehrere,« flüsterte der lange Otto, »na, wir lassen keen' mehr rin!«

Indem kamen die Schritte näher. Jemand schlug, offenbar mit der Faust, gegen die Tür.

»Aufmachen! Aufmachen! … Aber dalli!«

»Det is Polente!« sagte Pfefferneese, »da hilft allens nischt … na, meine Flebbe Ausweispapier. is schließlich in Ordnung …«

»Wird's denn nu bald?« klang es wieder von draußen, und man hörte deutlich das Klirren des Säbels, mit dem der Beamte gegen den Wagen schlug.

»Du!« zischte Hundewilhelm dem kleinen Kaufmann ins Ohr, »halt' da dichte an mir! … wir türmen Fortrennen.

Pfefferneese machte auf und sagte den Beamten, die mit Blendlaternen vor dem Wagen standen, eine Verbeugung machend: »Juten Abend, meine Herren!«

Der Kriminalwachtmeister, der zunächst stand, befahl: »Alle raus! … einer nach'n andern! … und in einer Reihe aufstellen!«

Zuerst kletterte der Pennbruder 'runter, dann Spitzer. Nach ihm kam der lange Otto, der laut schimpfte und fluchte.

Und in dem Augenblick, wo der Beamte die Laterne hob, um in den Wagen zu leuchten, sprang mit einem gewaltigen Satz Hundewilhelm an den Schutzleuten vorbei ins Freie.

Einer blieb bei den Arrestanten, die anderen Beamten eilten, so schnell sie konnten, hinter dem Flüchtling her. Indem sprang noch einer heraus, der kleine Kommis, rannte an dem ganz verdutzt dastehenden Beamten vorüber und gewann das Weite.

Hundewilhelm wurde beim Durchkriechen des Drahtzaunes eingeholt, trotz aller Gegenwehr überwältigt und mit den drei anderen abgeführt.


 << zurück weiter >>