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An einem nebligen Wintermorgen sprang gerade unter dem Stadtbahnbogen des Bahnhofs Friedrichstraße ein junger Mensch vom Omnibus herunter, wobei er ausglitt und hinfiel.
Er erhob sich so schnell als möglich dicht vor einem Droschkenpferde, das der Kutscher nur mit Mühe parierte, und sprang aufs Trottoir. Dann ging er brummend in die stillere Georgenstraße hinüber, wo er sich den Schmutz von seinem langen, grünen Paletot klopfte.
Viel zu auffällig war die Pelle Pelle = Sommerpaletot.! Aber was will man machen, in Plötzensee ist die Auswahl nicht groß …
Der junge Mensch griff in die rechte Seitentasche und zählte mit den Fingerspitzen, deren Feingefühl bei ihm weit mehr entwickelt war, wie bei anderen Menschen, sein Geld, drei Mark sechsundachtzig. Er fühlte ganz deutlich das fettige Kupfer … und es wurde nicht mehr! In einem Jahr kann man da draußen eben nicht viel sparen! Na, das sollte nu' nich lange dauern, heute abend mußte er schon 'n feinen Winterpaletot haben oder womöglich 'n Pelz und natürlich auch 'n tipptoppen Zylinder! Aber vorläufig erst mal was essen, drüben in der Stehbierhalle.
Während er einige Brötchen verzehrte und sein Glas Bier trank, fiel ihm ein schwarzer Hohenzollernmantel auf mit Biberkragen und ganz neu, wie es schien … wahrscheinlich gehörte er dem, der da hinten am Telephon stand und keinen Anschluß kriegen konnte.
Er brauchte bloß tauschen, das ging eins, zwei, drei! … Aber nee, Lumpen Lumpen = Kleider. soll man bezahlen, dabei geht man am leichtesten vaschütt Verschütt gehen = verhaftet werden. …
Ob denn 'ne Padde Padde = Portemonnaie. drin war?
Er zog seinen Überzieher aus, und indem er ihn aufhing und den schwarzen Mantel mit seinem Leibe deckte, visitierte er dessen Taschen … 'ne offenbare Pleite: Darum heißen die Dinger wohl auch Dallesmäntel.
Dann ging er hinaus in die Toilette und sah dort einen alten Herrn, der sich die Hände wusch. Der Alte sah nicht gerade übermäßig wohlhabend aus, aber den Taschendieb kitzelte es förmlich, nach so langer Zeit zum ersten Male wieder seine Geschicklichkeit zu erproben.
»Sie haben sich da weiß gemacht,« sagte er, »gestatten Sie.«
Und er klopfte vorsichtig, aber ausdauernd mit der Linken auf dem ganz sauberen Gehrock herum. Seine rechte Hand befühlte inzwischen die beiden Schoßtaschen, die leer waren, und glitt sanft über die hintere Hosentasche, in der viele Herren ihre Börsen tragen … ein paar Schlüssel und ein harter Gegenstand, der ein Messer zu sein schien, weiter nichts.
»Danke bestens, danke!«
Der alte Herr verließ den Raum, der Taschendieb folgte ihm auf dem Fuße. Im Lokal zog er rasch seinen grünen Frühjahrspaletot wieder an und wollte eben hinausgehen, da hörte er vorn am Ausschank, vor dem eine ganze Anzahl Herren stehend ihr Bier tranken, wie jemand leise sagte: »Ah, der blasse Albert!«
Er drehte sich um und sah einen ihm aus dem Gefängnis bekannten Zocker Zocker = Spieler.; der ihm lächelnd zunickte.
Aber der Paddendrücker Paddendrücker = Taschendieb. erwiderte den Gruß nur mit einem Senken seiner schweren, bläulichen Augendeckel, als wollte er sagen: »Störe mich nicht, ich bin auf der Fahrt Fahrt = Diebstahl.« Und der andere verstand ihn.
Draußen schien jetzt die matte Wintersonne hernieder und erweichte die dünne Eiskruste, daß es anfing, auf den Straßen naß und schmutzig zu werden.
Der blasse Albert – sein Gesicht mit den schwachblauen Augen, der schmalen, durchsichtigen Nase und der besonders über die Wangen straffgespannten weißgelblichen Haut rechtfertigte diesen Schemen Schemen = Spitznamen. – der blasse Albert schlenderte wieder die Friedrichstraße entlang, blieb hier und da vor einer Auslage stehen, ging dann weiter und gab sich ganz das Ansehen eines harmlosen, jungen Menschen, dem es Spaß macht, seine überflüssige Zeit zu vertrödeln.
Die Hände hatte er in die Paletottaschen versenkt, deren Linke den Kneifer Kneifer = kleines, scherenartiges Instrument, mit dem die Uhr- und Börsenketten abgekniffen werden. und den Ring barg. An dem Ring hatte er gestern den ganzen Nachmittag gearbeitet: eine Art Siegelring, wie man sie für fünfzig Pfennig kauft. An den wird an der Seite, die in der Hand liegt, eine haarscharf geschliffene Federmesserspitze fest angelötet … wozu? Na, wenn manchmal eine Paletot- oder Rocktasche von außen aufgemacht werden muß. Die Hand gleitet darüberhin – ritz! Und dann kommt die Plattmolle Plattmolle = Brieftasche. auf den Körperdruck des Gemachten Der Gemachte = Der bestohlen ist. von ganz alleine!
Der Paddendrücker hielt wieder an vor einem Schaufenster … zu lächerlich, was er sich alles für Hirngespinste im Kittchen Kittchen = Gefängnis. gemacht hatte, von ehrlich werden und so … arbeeten … haha … aber natürlich, bei Rumfutsch Rumfutsch = ein Gemenge von gekochten Hülsenfrüchten. und blauen Heinrich Blauer Heinrich = Reis in Wasser gekocht. und bei den ewigen Hausstrafen Hausstrafen = die von der Gefängnisverwaltung für kleinere Vergehen verhängten Strafen., da kommt man auf so'ne Albernheiten … arbeiten! … Hat sich was zu arbeiten! … Gewiß, arbeiten tat er ooch, aber uff seine Weise!
Er ging etwas weiter und stand vor einem eleganten Maßschneidergeschäft, dessen schicke Anzüge und moderne Stoffe sich in den Spiegeln des Schaufensters kokett verdoppelten.
Ordentlich wütend betrachtete er sein eigenes, ziemlich schäbiges Abbild in dem grausilberigen Glase … und was für eine gemeine Krämpe von Hut er aufhatte! … Ekelhaft!
Die Tür des Geschäftes ging auf, ein Herr trat heraus und blieb vor dem Schaufenster, dicht neben dem blassen Albert, stehen. Aus der Art, wie der Feingekleidete sich vergewissernd nach der Seite faßte, hatte der Taschendieb gesehen, daß jener sein Portemonnaie wahrscheinlich in die andere, ihm abgewandte Rocktasche hatte gleiten lassen.
Der blasse Albert wartete einen Augenblick, bis auf dem schmalen Trottoir mehrere Leute hinter ihnen vorbeigingen, dann trat er ruhig hinter dem die Auslage noch immer interessiert Betrachtenden herum auf dessen andere Seite … Und während dieser zwei Schritte hatte seine Hand, spitz, wie der Schnabel eines Storches, sich in die Paletottasche neben ihm gesenkt und das Portemonnaie eskamotiert, das dann, als sei es plötzlich zum lebenden Wesen geworden, blitzschnell in seine eigene Tasche schlüpfte.
Der Paddendrücker stand bewegungslos. Da traf sein, wieder in die Spiegel hineintauchendes Auge ein Bild, das sein Herzblut erstarren machte … drüben auf der anderen Straßenseite … zwei Greifer Greifer = Kriminalbeamte., die er gut kannte, die kneisteten Kneisten = scharf hersehen. … sie wollten rüber, ein Lastwagen sperrte ihnen den Weg.
Und nun Sekunden, in die sich alles zusammendrängte! Sollte er teilachen Teilachen = auskneifen.? Unsinn! Mit einem einzigen leichten Satz sprang das Portemonnaie wieder aus seiner in die Tasche des rechtmäßigen Besitzers zurück.
Einen Augenblick später hörte er eine kräftige Stimme etwas gedämpft hinter sich sagen: »Ach mein Herr, sehen Sie doch mal nach, ob Sie Ihr Geld noch bei sich haben!«
»Nee, Sie nich!« meinte der andere Beamte, als der blasse Albert sich jetzt mit gutgespieltem Erschrecken rasch umdrehte, und blieb dicht an seiner Seite.
Der Herr hatte sich eben entfernen wollen. Auch er griff, sichtlich überrascht, mit beiden Händen in seine Taschen. Aber die Spannung in seinem nicht sehr gescheiten Gesicht ließ sofort nach, und, offenbar erleichtert, sagte er: »Mein Portemonnaie ist da!«
Dabei traf ein mißtrauischer Blick den blassen Albert, der ihn voller Entrüstung erwiderte.
»Ist auch das Geld drin?« fragte der Beamte.
Der Herr sah nach.
»Jawohl … mir fehlt nichts …«
Der Herr ging rasch weg, und mit einem harten, mißtrauischen Lächeln zurückblickend auf den blassen Albert, entfernten sich auch die Beamten. Der Taschendieb blieb ruhig noch stehen, bis die Passanten, die aufmerksam geworden waren, ihren Weg fortsetzten. Dann ging er ebenfalls.
Noch als der blasse Albert seine Wohnung, die im Norden der Stadt lag, erreicht hatte, konnte er sich nicht erholen. Das hatte ihn zu sehr mitgenommen. Und die alte Frau, bei der er wohnte, sagte sofort:
»Na, Söhnchen, wer hat dir denn uff de Pantin' jetreten?«
Die Alte war jahrelang eine berüchtigte Hehlerin gewesen. Aber nachdem ihr »da hohe Herr Jerichtshof« beim letzten Mal drei Jahre Zuchthaus aufgepackt hatte, schien sie endgültig gebessert.
»Nee, nee,« sagte sie immer, wenn einer ihrer alten Freunde wieder etwas brachte, »ick will meine ollen Dage in Ruhe jenießen! Soviel wie ick brauche, um mir mal in' Stift inzukoofen, hab' ick – det heeßt uff de Bank; hier in meine Wohnung, da kann eena lange suchen, da is nischt zu finden! Un sonst vamiet ick an bedürftije Kellejen, die jerade in Bruch Bruch = Not, Bedrängnis. sind … ich hab 'n Herz vor meine Mitmenschen.«
Trotz dieses »Herzens« ließ sie sich aber jeden Tag einen Taler für Kost und Logis bezahlen, und wer mehr wie einen Tag im Rückstand blieb mit der Zahlung, der flog unweigerlich raus.
»Da haste also nebenbei jefaßt,« sagte die alte Frau, die jeden mit »Du« anredete, nachdem ihr der blasse Albert rückhaltslos alles erzählt hatte.
»Ja, un wissen Se, Mutta Pfeiffern, ick kann Ihn' ja nich sagen, wie mir war. Dis war plötzlich, wie wenn ick Eis in de Adern hätte … un dabei war ich janz ruhig, ick sah' mir fermlich selba, wie ich die Padde wieder retour schob … Aber denn, wie ick wech wa, da hat's mir in alle Adern jerieselt, wie in so 'ne Wassaleitung … un mein Herz schlägt jetzt noch, fühlen Se bloß mal, Mutta Pfeiffern!«
Die alte Frau legte ihm die Hand auf die Brust und sagte: »Ja, ja, du sehst ooch blaß aus, Sehnchen, un et kommt ma vor, als wennste auch bedeitend magerer jeworden werst, seit wa uns nich jesehn ham … so jelb sehste aus.«
Der blasse Albert nickte:
»Det hat der Dokta in de Pletze Pletze = Plötzensee. ooch jesagt. Er meente, wenn ick noch mal wiederkäme, denn sollte ick man lieber vorher schon mein Testament machen … un et is ja ooch ja keen Wunda. Denken Se denn, Mutta Pfeiffern, ick habe dadrin wat essen kenn'? Un ewig erkältet! Jetzt, wo ick draußen bin, da is ma wieder janz wohl.«
Die alte Frau lachte:
»Na, so leichte kriejen se ma nich wieda!«
»Ach, jeh doch ab, Mensch!. Det sagt vorher jeda! Bis eenes scheenen Dages de Faulen Die Faulen = Kriminalbeamte. da sind und holen 'n! Jlob ma man, bei det janze Jeschäft kommt nischt raus. Ick habe noch keenen jesehn, der dabei reich jewor'n is … un im übrijem, du weeßt doch, Sehnchen, jestan haste ma schon bloß fuffzehn Silbajroschen jejem, wenn de bis morjen früh nich allens beduftet hast, denn mußte raus.«
Der blasse Albert ging in seine Kammer und setzte sich auf die schmale Eisenbettstelle. Er hatte immer noch diesen Angstgeschmack in der Kehle, als wenn er die Nacht hindurch geschwiemelt hätte.
Der Himmel hatte sich wieder bezogen. Es sah aus, als ob es schneien wollte. In der Kammer war's kalt. Der blasse Albert schauderte. Dann machte er gewohnheitsmäßig seine Übungen, wie er sie von seinem ersten Komplizen und Lehrmeister, einem russischen Juden, namens Laberstein, vor Jahren gelernt hatte.
… Den linken Arm lang ausstrecken.. die Hand flach und die Finger leicht gespreizt, so nu 'n Kantel rüberlegen – da darf sich nichts dran rühren! Die sogenannte Brücke … aber der Kantel schwankte, er wäre beinah runtergefallen. Und das kam von der Angst … 'n Dieb darf keine Angst haben und der Paddendrücker am allerwenigsten!
Bestürzt ging er wieder in die Stube zu der Alten, um noch einen Versuch zu machen. Ein gleichgültiges Gespräch mit ihr anknüpfend, erlauerte er den Moment, wo er ihr den Haarkamm, der das spärliche graue Haar über dem runden, faltigen und ränkesüchtigen Gesicht zusammenhielt, zoddeln Zoddeln = wegnehmen. könnte. Diesen Spaß hatte er sich früher oft gemacht und immer hellauf gelacht, wenn die Alte erst lange, nachdem der Kamm fort war, sagte: »Mir trudelt die Wolle runter, Sehnchen, hast ma woll wieder den Kamm jeklaut, wat?«
Heute sagte sie in demselben Moment, wo er zugriff, unwirsch: »Laß doch det! Nachher sind wieder Haare mang die Suppe!«
Und er ließ es und ging wortlos hinaus.
Wo sollte er bloß Draht Draht = Geld. hernehmen? Denn vorläufig war doch nicht dran zu denken, daß er wieder auf die Fahrt jing. Er wollte doch nicht mit Gewalt alle wer'n Alle werden = verhaftet werden..
Bedrückt und von der Angst jener Leute befallen, die durch einen Unglücksfall plötzlich ihrer gesunden Glieder beraubt sind, die sie zu ihrer Arbeit gebrauchen, stieg der Taschendieb die vier engen Steintreppen der Mietkaserne hinunter und trat fröstelnd auf die Straße … Wie hatte er sich das ganze Jahr lang nach der Freiheit gesehnt! Nun wußte er nichts damit anzufangen. Etwas wie Heimweh beschlich ihn nach dem großen, roten Gebäudekomplex, dessen hohe Mauern und kleine, vergitterte Fenster der ganzen Gegend den Charakter des Ernstes und der Strenge verleihen. Und doch wollte er nicht zurück, um keinen Preis der Welt. Eine Ahnung sagte ihm, daß hinter den mächtigen Toren des Gefängnisses der Tod auf ihn warte.
Vielleicht versuchte er's mal wieder, das Handwerk zu stoßen Das Handwerk stoßen = bei den Handwerksmeistern ansprechen oder betteln., hatte ja früher auf der Walze Walze = Wanderschaft. manchen schönen Groschen mit Talphen Talphen = betteln. zusammengebracht.
In den ersten Barbierladen ging er hinein: »Ein fremder Barbiergehilfe …«
Der Meister, der allein im Laden war und jemand bediente, während mehrere Kunden warteten, gab ihm zehn Pfennig und meinte: »Hätten Sie nicht Lust, anzufangen, ich brauche gerade 'n Jehilfen!«
Der blasse Albert besann sich einen Augenblick. Abergläubisch, wie die meisten seines Metiers, hielt er diese Aufforderung für einen Wink des Schicksals … Warum sollte er denn nich wieder mal arbeiten?! Er konnte ja jeden Tag wieder aufhören! So zog er seinen Paletot aus, wusch sich die Hände und fing an zu rasieren.
Da er einmal eine gute Lehre gehabt hatte, verstand er sein Fach und war an Sauberkeit gewöhnt. Deshalb gefiel es ihm auch nicht in diesem Vorstadtgeschäft. »Wenn du schon arbeitest,« sagte er sich, »dann wenigstens da, wo du hingehörst!«
So blieb er bis zum übernächsten Sonnabend, nahm dann Geld und Schein von dem Prinzipal, der ihn gern behalten hätte, und ging am Montag darauf in den Arbeitsnachweis der Innung nach der Alten Jakobstraße.
Angenehm war es ihm, daß er in der Gehilfenstube, wo die jungen Leute auf Engagement warten, keinen Bekannten traf, mit dem er sich in lange Gespräche über das »Woher und Wohin?« hätte einlassen müssen.
Schon nach wenigen Minuten kam der Wirt und fragte, ob jemand da sei, der auch Damen frisieren und perfekt Haarmachen könnte.
Albert trat vor.
»Die Stelle is beim Meister Ladewig«, sagte der Wirt, »in der Taubenstraße … gutes, altes Jeschäft … auch viel Trinkgelder … was verlangen Sie Lohn?«
Albert Hohstadt zuckte die Achseln.
»Na, zwölf Mark … un alles frei?«
»Meinetwejen.«
»Dann komm' Se, bitte, mit rüber!«
Der Prinzipal war ein kleiner, wohlbeleibter, alter Mann mit ganz weißem, dichtem Haar und dickem, weißem Schnurrbart, der über einem aufgeworfenen Munde hing. Er hatte schwarze, feurige Augen und lebhafte, lustige Bewegungen.
»Wo wa'n Se'n früher?« fragte er.
»Zuletzt in de Ackerstraße bei Weiß. In de Innung hab' ich schon über'n Jahr nich mehr jearbeitet.«
»Und wo ham Se jelernt?«
»Bei Salbach an' Kölnischen Fischmarkt.«
»So … na, denn is jut, denn vastehn Se ooch was! … Denn kenn' Se bei mir anfangen! Heute noch, wenn Se wollen.«
»Ick komme morjen früh, wenn's recht is?«
»Scheen, also morjen früh!«
Der blasse Albert bekam Handgeld und ging.
Als er nach Hause kam zu der Wirtin und ihr sagte: »Na, Mutta Pfeiffern, ick trete wieda in Arbeet, morjen früh jeht's los!« da meinte die Alte: »Jott ja, Sehnchen! So als Halbinvalide, da bringste ja doch nischt zusamm'! Arbeeten is imma leichta wie Stehlen … wat ick sagen wollte, denn ziehste woll heite noch, wat?«
»Nö, morjen frieh.«
»Ja, det heeßt, de Sachen, die läßte hier, bis de ma den Zaster Zaster = Geld. jejem hast!«
Schweigend zog Albert seine Börse und zahlte, was sie verlangte. Nun wurde sie gleich viel freundlicher, setzte Wasser auf, holte Schnecken, und die beiden tranken einen gemütlichen Abschiedskaffee.
* * *
Der Gehilfe stand in seiner weißen, frisch geplätteten Jacke an der Ladentür und sah durch die Glasscheibe, deren moderne Gardine er etwas zurückgezogen hatte, hinaus auf die Straße.
Jetzt am frühen Nachmittag kamen wenig Kunden, da konnte er schon ein bißchen faulenzen.
Wie er sich da wieder so hineingefunden hatte – er wunderte sich selber darüber! Jeden Tag von acht Uhr an bis abends um neune arbeiten, und bloß den zweiten Sonntag frei … und er hielt's aus, nun schon über'n halbes Jahr. Und es bekam ihm auch! Lange nicht so blaß sah er mehr aus. Das Essen schmeckte ihm – allerdings die alte Frau Ladewig kochte auch'n gediegenen Happenpappen! Da war nischt dran zu tippen! Und denn wa'n se alle so nett zu ihm, die Frau, der Prinzipal und besonders die Kleene, die Trude!
Der Gehilfe lächelte. Dann drehte er sich um, ging durch den Laden in den engen Gang, wo rechts das Glasspind mit den Pomaden, Parfüms und ähnlichen Verkaufsartikeln stand, bis an die Glastür, die ins Wohnzimmer führte.
Da die Wohnung ziemlich dunkel war und es draußen schon dämmerte, hatte man drin bereits die Hängelampe angezündet.
Am Tisch saß die Trude und häkelte. Und ihr Haar, das ganz weißblond war, schimmerte im Licht mit seinen losen Nackenhärchen und Stirnlöckchen. Sie trug es am Hinterkopf in einem starken Knoten, in den sie, wie es eben Mode war, zwei dicke, silberne Filigrankugeln gesteckt hatte. Ihr Gesicht war leicht gesenkt, aber der Gehilfe sah trotzdem den lieblichen Mund, der sich in feinem Schwung wie ein glänzender Karminstrich zwischen den Wangen hinzog. Ihre Wimpern waren lang und bedeckten die etwas zu schmal geschnittenen Augen, deren blauer Schein ihr doch alle Herzen gewann. Die Augenbrauen schienen sehr stark, was sich bei ihrer außerordentlich hellen Farbe drollig ausnahm. Der Charakter dieses jungen Gesichts war der des Frohsinns und der Sorglosigkeit, und der ganzen Erscheinung sah man die Liebe an, die sie stets umgeben hatte.
Und je mehr sie der Gehilfe anblickte, desto mehr zog es ihn hinein zu ihr ins Zimmer, dem die alten Mahagonimöbel, seine Deckchen und Kissen, der tickende Regulator über dem Ledersofa und nicht zum wenigsten die Gegenwart dieses jungen Wesens eine entzückende Behaglichkeit verliehen.
Er wollte so gern die Tür aufmachen und hineingehen, aber er fand den Mut nicht, er wußte nicht, was er ihr sagen sollte, der Trude … und gerade jetzt, wo die beiden Alten fort waren, wo sie ganz allein war …
Die Klingel im Laden ging, ein Kunde … Wie sich Albert eben leise zurückwenden wollte, sah Trude von der Arbeit auf, bemerkte ihn und lachte.
»… Wenn der sich bloß nicht de Haare schneiden lassen will oder am Ende ooch noch champoonieren …« dachte Albert. Aber der Kunde ließ sich nur rasieren. Er sagte, wie der Gehilfe ihn mit einem »Danke!« entließ:
»Das ist ja heut wie der Teufel gegangen! Dafür soll'n Sie auch 'n Groschen extra haben!«
Albert verbeugte sich lächelnd und schlich wieder zur Wohnungstür hin. Da war die Trude eben aufgestanden und stand so, daß sie ihn sehen mußte. Sie machte sofort die Tür auf und fragte, den Gehilfen freundlich betrachtend:
»Wollten Sie was, Herr Hohstadt?«
»Ja, ja … das heißt … ich … ich wollte bloß.«
Sie lachte hell auf und machte ihn dadurch noch viel verlegener.
»Was wollten Sie denn, Sie?« Sie lachte immer lustiger. »Na, so reden Sie doch!. Was haben Se denn von mir gewollt?«
Er bekam kein Wort heraus. Er sah sie nur an.
Da wurde sie auch ernster und, ihr Köpfchen abwendend, meinte sie:
»Es war Ihnen woll langweilig, so alleine?«
Er seufzte und wollte geh'n.
»Herr Hohstadt!« sagte sie leise.
Und wie er sich ihr wieder zuwandte, gab sie ihm freiwillig ihre kleine, weiche Hand. Die küßte er, und dann fiel er sehr ungeschickt vor ihr auf die Knie und fing an zu stammeln. Da mußte sie wieder lachen. Aber wie er nun rasch aufstehen wollte, legte sie die Arme um seinen Hals und hielt ihn fest. Und halb lachend, halb weinend sagte sie glücklich:
»Das is so hübsch … wenn Sie so … ich finde das reizend …«
Und wie er sie nun auch umfaßte, bog sie sich herunter zu ihm, und sie küßten sich. Wie lange? – bis wieder die Klingel an der Ladentür ging. Und noch einmal fanden sie sich und sagten einander alles mögliche Törichte, Glückliche und Liebevolle, hernach kamen Trudens Eltern.
Von dem Tage an küßten sie sich verstohlen im dunklen Korridor, und sowie die Mutter aus dem Hause war, waren sie beieinander. Denn der Vater merkte nichts. Aber auch bei den gemeinsamen Mahlzeiten und, wenn der Gehilfe im Wohnzimmer Haararbeiten anfertigte, liebkosten sich ihre Augen und fanden sich ihre in Zärtlichkeit bebenden Hände.
Und Trudes Mutter, eine runde, hurtige Frau, deren hellen Augen so leicht nichts entging, die sah es und sagte es ihrem Manne.
Der lachte, wie die Trude! Da kam man ja plötzlich zu einem Schwiegersohn und wußte gar nicht wie! Na, die Trude war siebzehn Jahr alt, warum sollte denn die nicht einen Liebsten haben?! Die Hauptsache ist, daß die Kinder keine Dummheiten machen und daß er sie heiratet!
»Na, wirste se denn dem Menschen so ohne weiteres geben?« fragte Frau Ladewig.
»Aber jewiß! Warum denn nich? Das ist doch'n tüchtiger Kerl! So einen will ich ja jerade haben! Der kann später mal mein Jeschäft übernehmen, und wir setzen uns denn zur Ruhe! Ich wer mal 'n vanünftigen Ton mit'n reden!«
Am anderen Tage sprach Papa Ladewig mit seinem Gehilfen, der war voller Dankbarkeit, und die Trude, die hinzugerufen wurde, gab ein wahres Lachkonzert zum besten. Den Sonntag darauf wurde die Verlobung gefeiert, und in ganz Berlin gab es keinen glücklicheren Menschen wie Albert Hohstadt.
Dieser ruhige, manchmal geradezu gedrückt aussehende Mensch war gar nicht mehr wiederzuerkennen, seitdem er Bräutigam war. Und die alte Stammkundschaft des Geschäfts freute sich mit Meister Ladewig über seinen Schwiegersohn, auf den der alte Herr denn auch nicht wenig stolz war.
Albert selbst war voller Pläne. Er wollte das Geschäft, wenn er erst mal verheiratet war, erweitern und modern ausbauen. Und Papa Ladewig gab ihm zuliebe seine patriarchalischen Ideen und seine Angst vor Neuerungen auf und war mit allem einverstanden.
Nur die Frau, die hatte nicht viel für ihn übrig. Zwar erkannte sie seine Tüchtigkeit an, mußte auch zugeben, daß er fleißig und strebsam war und der Kundschaft entschieden gut gefiel, aber in ihr blieb immer ein Rest von Mißtrauen.
»Ich weeß nich, was ihr alle an den habt!« sagte sie zu ihrem Manne. »Jewiß, es is 'n janz orntlicha, brauchbarer Mensch, aber mein Mann wär' er nich! Wenn ich den heiraten sollte, da würd' ich lieber Nonne wern!«
Der Meister war gerade beim Frühstück und goß sich einen Gilka ein. Er kaute mit vollen Backen:
»Du hast imma wat, Mutta! Mich wundert bloß, daß de mir jenomm' hast, damals!«
Sie lachte, daß Fältchen um ihre schmalen Augen kamen und ihr Doppelkinn noch stärker wurde.
»Na, ja«, meinte der Mann, »die ganze Sache handelt sich doch bloß um die Portemonnaiegeschichte … un ick wollte ja nischt sagen, wenn D'et nich schließlich wiederjefunden hättest … in'n Tischkasten!«
»Eben jerade dadrum!« Sie wurde eifrig, »zehnmal hab' ich rinjekuckt in den Kasten vorher un't wa un wa nich drin! Un mit eenmal, wo ick schon alle Hoffnung uffjejem hatte un jloobe, ich hab's uff de Straße verloren – da is et da un licht drin!«
»Na, da haste eben vorher nebenbeijekuckt, Mutta! Wat soll denn der Albert mit deine siebenunhalben Silbajroschen?! Davon wird a doch ooch nich jlicklich!«
Sie schüttelte eigensinnig den Kopf und wollte noch etwas sagen, aber ihr Mann machte »Pst!«
Albert, der einen Augenblick in der Küche bei seiner Braut gewesen war, trat ins Zimmer, um nach dem Laden durchzugehn. Er senkte den Kopf; unter seinem braunen, sorgfältig gepflegten Schnurrbart verbarg sich ein Lachen. Er hatte wohl gehört, daß seine zukünftigen Schwiegereltern sich von ihm unterhalten hatten und wußte auch genau, worüber … Deswegen konnte er kaum das Lachen verbeißen.
»Die Portemonnaiegeschichte!« er kicherte in sich hinein »da kommt de Olle nich drüber weg! Jrade was Scheenes!«
Und je mehr er sie sich zurückrief, desto mehr Spaß machte ihm die Sache! Sowie er sich verlobt hatte, war die Frau, die vorher immer sehr freundlich zu ihm war, eine andere geworden. Zwischen Mutter und Tochter gab es oft Auseinsetzungen seinetwegen, und die Trude erzählte ihm das dann nachher wieder. Dadurch wurde auch der Ton zwischen ihm und Frau Ladewig immer gespannter, und mehr als einmal ließ die Prinzipalin in seinem Beisein deutlich durchklingen, daß er ihr als Schwiegersohn nicht gut genug wäre.
Den jungen Mann ärgerte das, aber vorsichtig und ruhig, wie seine Natur war, ließ er sich seine Verstimmung wenig anmerken, nahm sich jedoch vor, die Frau nun auch seinerseits zu ärgern.
Eines Tages standen er und Trude neben ihr und sahen ihr über die Schulter, in die Zeitung, aus der sie gerade etwas Interessantes vorlas.
Zufällig glitt sein Blick am Kleide der Frau herunter und er bemerkte in ihrer offenstehenden Rocktasche ihr Portemonnaie. Ohne sich eigentlich im Moment klar zu werden, wieso, warum er es tat, aber nachher in der festen Überzeugung, es sei nur seine Absicht gewesen, ihr einen Schabernack zu spielen, ließ er das Geldtäschchen mit dem unendlich leisen und jetzt wieder goldsicheren Effet seiner rechten Hand heraushüpfen und steckte es ein. Die sehr eigene Frau bemerkte ihren Verlust wenige Minuten später und begann fieberhaft zu suchen. Und voll boshafter Freude, endlich einmal den Augenblick seiner Rache gekommen zu sehen, ließ er sie einen ganzen Tag lang suchen und legte schließlich das Portemonnaie in den Tischkasten, an den Ort, wohin sie es, da es in ihrer Tasche nicht war, bestimmt gelegt zu haben glaubte.
Denn er hatte sie nicht bestehlen wollen, kein Gedanke! Aber in der Frau paarte sich jetzt mit der Zurückhaltung das Mißtrauen gegen ihn, wodurch der Friede in der kleinen Familie nicht selten gestört wurde.
»Ne Hochzeit in Winter, det is ja nischt,« sagte Papa Ladewig, de Sonne muß scheinen un et muß Rosen jeben … un vor die langen Brautstände bin ick überhaupt nich.«
Trudes Mutter hatte es nicht so eilig. Sie mochte im tiefsten Grunde ihres Herzens hoffen, daß vielleicht doch noch »etwas dazwischenkommen« würde. Äußerlich schien sie jetzt einverstanden mit Trudes Wahl, und die Nörgeleien zwischen ihr und Albert waren nicht mehr so häufig.
Aber der Meister drückte seinen Willen durch und die Hochzeit wurde auf den ersten Juli festgesetzt.
Und in diesem Jahr gab es Rosen in Hülle und Fülle. Überall auf den Straßen und Plätzen standen die Verkäufer, und für einen Groschen bekam man schon einen ganzen Strauß. In der Wohnung des Barbiers gab es am ersten Juli kein Möbel, auf dem nicht Buketts und duftende Blumen lagen. Aber die lieblichste Blume war die Trude selbst im weißen Kaschmirkleide mit Seidenschleier und der Myrtenkrone, unter der die allerschönste Rose, ihr liebes Gesichtchen, glühte.
Sie war noch hinten im Schlafzimmer, die Mutter und ein paar Freundinnen halfen ihr, und das silberne Lachen der Braut klang durch das ganze Haus.
Aber auch der Bräutigam war von einer bei ihm seltenen Lustigkeit. Vielleicht kam das von dem glücklichen Ereignis, dem er an diesem Tage entgegenging, vielleicht auch von dem ungewohnten Weingenuß zu so früher Stunde. Papa Ladewig hatte sich nämlich mit dem Schwiegersohn, dessen schlanke Figur in dem gutsitzenden Frack und den engen schwarzen Beinkleidern recht vorteilhaft aussah, im Wohnzimmer bei einer Flasche Wein niedergelassen und war eifrig dabei, ihm noch einmal die besten Ermahnungen für seinen Ehestand zu geben.
»Seh mal, mein Junge,« der alte Herr wischte sich den vollen, weißen Schnurrbart mit der Hand, »wir haben det Kind behütet und jepflegt, wir haben ja ooch man bloß die eene …« er schluckte und fuhr mit dem Tuch über die Augen, »un damals, wir wa'n schon zehn Jahre verheiratet, Mutter un ich, un keen Mensch dachte mehr, daß ieberhaupt noch was kommen könnte, da kam uff eenmal die Trude … na, du wirst ja ooch mal 'n Kind ham, un denn wirste wissen, wie det is … dis Mädel weeß ja noch ja nich, daß man schlecht zu se sein kann …«
Der Meister hatte sich nach hinten an den Stuhl gelehnt und schluchzte reichlich in sein weißseidenes Tuch.
Albert, der ihm gegenüber saß, begriff diese Tränen nicht. Was war denn da viel zu reden? Er sollte die Trude schlecht behandeln, seine Trude? Hell auflachen hätte er können.
Und seine Augen, die über den kleinen, gleich ihm im Frack und weißer Weste steckenden Schwiegervater hinglitten, blieben an der breiten, goldenen Uhrkette hängen, die ein bißchen protzig das runde Bäuchlein zierte. Diese Uhrkette hatte ihn schon hundertmal gelockt. Welch ein Spaß, sie dem Alten abzuknöpfen! Und es ginge so leicht; ein sanfter Druck von unten gegen die Westentasche und mit der anderen Hand den Karabinerhaken aus dem Knopfloch – das ist ein Moment!
Der Gehilfe verzog sein Gesicht zu einer weinerlichen Grimasse, weil er sonst unweigerlich hätte lachen müssen, bei dem Gedanken an den Lärm, den die Schwiegermutter schlagen würde, wenn ihr Mann plötzlich seine Uhr nicht mehr hätte.
»Wirste denn ooch jut zu ihr sein, Albert?« fragte der Barbier nochmals, sich in seiner Rührung das letzte Glas Wein aus der Flasche eingießend.
»Aber, Papa …!«
»Jib mir de Hand druff!«
Albert reichte ihm die Rechte, und in überströmendem Gefühl zog ihn der Alte an seine Brust und klopfte ihm zärtlich den Rücken.
Nachher sprachen die beiden Männer vom Geschäft, das vorläufig noch in Ladewigs Besitz bleiben, aber von dem Schwiegersohn geleitet werden sollte. Und bald darauf traten die Damen ein.
Albert ging rasch auf seine Trude zu, küßte sie innig und sagte:
»Der Wagen is schon unten, Liebling!«
Sie lief lachend ans Fenster.
Indem rief die Schwiegermutter:
»Aber, Mann, du hast ja vergessen, deine Uhr anzumachen!«
»Was? Du bist woll nich recht, Frau! Ich hab' doch eben noch nachjesehn!« Er griff an seine Weste, »nee, wahrhaftig! na nu brat' ma aber eena 'n Storch!. Albert, sag' mal, hab' ich se denn nich eben noch umjehatt?«
»Der junge Mann zuckte die Achseln:
»Ich weiß nich, Papa …«
»Na so was! …« Der alte Herr suchte immer noch, »das ist doch aber janich möglich!«
»Wirst se eben nich umjebund'n ham,« meinte die Frau.
»Aber ja, wenn 'k dir doch sage! … ick weeß janz jenau!«
»Na, ich kann ja mal nachsehn, Papa,« sagte die stets gefällige Trude.
»Ach nein, du mit deiner Schleppe!« meinte ihr Bräutigam und war auch schon aus der Tür. Zurückkehrend hielt er Uhr und Kette triumphierend in die Höhe.
»Na siehste, Papa! … hast se richtig vergessen!«
»Wenn ich nich die Augen überall hätte!« meinte die Schwiegermutter, und ihr Mann sagte:
»Ja, Mutter, du bist 'ne Perle! Wenn wa dir nich hätten, denn wüßten wa wirklich nich, wat wa anfang' sollten!«
Aber die Augen der Frau hatten inzwischen die des Schwiegersohnes getroffen, und der Instinkt der Mutter, die im Begriff war, ihr Kind diesem Manne zu geben, ahnte unbekannte und rätselhafte Gefahren.
Das Brautpaar ging stolz und glücklich durch den Hausflur auf die Straße, wo zu beiden Seiten des mit Blumen bestreuten Läufers die Nachbarn und Passanten Kopf an Kopf standen. Dann hob der schlanke, junge Barbier seine reizende Braut hinein in die blaulackierte, versilberte Equipage mit den beiden Apfelschimmeln, und gleich darauf fuhr der andere Wagen vor, in dem die Brauteltern davonrollten.
Die jungen Barbiersleute waren in der ganzen Gegend beliebt. Sie hatten den neben dem ihren liegenden Posamentierladen, dessen bisheriger Inhaber sich zur Ruhe gesetzt hatte, hinzugemietet, eine Tür durchbrechen und das Geschäft vollständig modern einrichten lassen. Die Schwiegermutter war dagegen gewesen, und auch Papa Ladewig hatte nur mit Seufzen und Zagen die schönen blauen Hundertmarkscheine hergegeben. Aber der Erfolg gab den jungen Leuten recht, das Geschäft ging glänzend, und wenn auch die alte Stammkundschaft vor den höheren Preisen und der ungewohnten Eleganz ein wenig zurückwich, so fand sich dafür ein so nobles Herren- und Damenpublikum ein, daß der alte Ladewig wieder und wieder seiner Befriedigung Ausdruck verlieh, rechtzeitig zurückgetreten zu sein und der jungen Generation Platz gemacht zu haben. Er selbst kam nur noch selten in den Laden, begrüßte mit höflichen Verbeugungen die Kunden und widmete sich im übrigen ganz den Geschäften der Innung, in deren Vorstand man ihn neuerdings gewählt hatte.
Eben stand er in dem Gange, dessen polierte und mit grünlichem Strukturglas verglaste Holzwände den Herren- und Damensalon voneinander trennten, neben dem kleinen runden Kassentisch aus matter Eiche und sprach mit seiner Tochter.
Der junge Friseur hatte herausgefunden, daß den Kunden selbst die teuersten Preise nicht zu hoch erschienen, wenn sie an die liebenswürdige, junge Frau bezahlten, die etwas stärker und damit noch hübscher geworden war, und der es Spaß machte, das Geld einzustreichen und dabei ein wenig mit den Kavalieren zu scherzen.
»Na, wie war's jestan,« fragte Papa Ladewig leise, »bei det Theater pareh int Opernhaus, da mußte doch derbe Kasse jehatt haben, wah?«
Die junge Frau lachte noch ebenso hübsch und hell, nur ein wenig gedämpfter als früher.
»Es ging, Papachen! Aber ganz so schlimm, wie du dir's denkst, is es nu doch nich! Die Unkosten sind zu groß … wirklich!«
Und sie lachte wieder, als sie des alten Herrn zweifelnde Miene sah.
Indem ging die Ladentür, der leise Schlag eines Gong ertönte, und aus dem Damensalon kam schnell Fritz, der Lehrling, half dem Eintretenden seinen Pelz ablegen und öffnete die Tür zum Herrensalon, in dem der Kunde verschwand.
»Das is 'n Graf,« flüsterte Trude, »der kommt jetzt jeden Tag … 'n feiner Kunde!«
»So?« Papa Ladewig nickte beifällig. Dann küßte er seine Tochter, »ich muß nach de Innung, Trudchen!« Und ging.
Im Herrensalon arbeiteten zwei flotte Gehilfen im tadellos weißen Anzug. Der Chef stand, da ein dritter Kunde nicht da war, und machte sich an dem blitzenden Parfümerieschrank zu schaffen, dabei seine Leute beobachtend und in leisem Tone ermahnend, wo es nottat.
Sowie der Kavalier hereintrat, den Trudchen für einen Grafen ausgegeben und der wirklich das Exterieur eines reichen Edelmannes hatte, lud ihn Albert mit einem höflichen »Bitte sehr!« ein, Platz zu nehmen, und bediente ihn mit einer Gewandtheit und Delikatesse, die auch den Verwöhntesten zufriedenstellen mußte.
Der Herr hatte seinen Kragen und das seidene Plastron abgelegt, und während Albert den starken Bartwuchs des Kavaliers einseifte, konnte er das Auge nicht abwenden von der Nadel, einer selten schönen, schwarzen Perle, die in dem neben dem Marmorbecken liegenden Schlips steckte.
Diese Perle hatte es ihm angetan. Er mußte seine ganze Aufmerksamkeit zusammennehmen bei der Handhabung des Rasiermessers und ließ es nur deshalb von dem hereingerufenen Lehrling auf dem Adam Adam = der Streichriemen der Barbiere. noch einmal abziehen, weil er sich ganz betäubt fühlte und einen Augenblick pausieren mußte.
Es war nicht das erstemal, daß ihn eine so auffällig getragene Kostbarkeit verwirrt und jenes gefährliche Zucken in seine Finger gebracht hatte, als müßten sie zufassen. Doch war es ihm bisher nicht schwer geworden, diesem Verlangen zu widerstehen … Aber hier … er rasierte weiter, und der Kunde sah ein wenig verwundert auf bei dem Seufzer, welcher der Brust des Barbiers entstieg. Dann wusch Albert den Herrn, besprühte ihn mit Parfüm, zog den schönen, welligen Schnurrbart mit dem Brenneisen aus, lockerte das Haar und half ihm, nachdem jener Kragen und Schlips wieder umgelegt hatte, selbst in den Paletot.
Der Herr zahlte, tauschte ein Lächeln mit der hübschen Barbiersfrau und ging, den höflichen Gruß des Geschäftsinhabers, der ihm die Ladentür öffnete, mit einem Nicken erwidernd, hinaus.
Als er fort war, verließ Albert Hohstadt den Salon, ging zu seiner Frau und sagte, sehr blaß und mit Schweißtropfen auf der Stirn:
»Mir is nich gut, Trude! … Ich geh 'n bißchen nach hinten.«
Sie wollte ihn noch fragen, aber indem kam wieder jemand aus dem Salon, der bezahlte. Und inzwischen ging der Friseur in die Wohnung, die die jungen Eheleute jetzt allein innehatten.
In seinem Schlafzimmer, das er fest hinter sich verriegelte und dessen Fenstervorhänge er zusammenzog, zündete der Friseur Licht an, vergewisserte sich nochmals argwöhnisch, daß er ganz allein sei, und dann holte er die Nadel mit der schwarzen Perle aus der Rocktasche.
Sie war wundervoll, ganz entzückend! Die Vorliebe für kostbare Juwelen, die den Barbier schon als kleines Kind mit gierigen Augen vor den Schaufenstern der Goldwarenhändler hatte stehen lassen, erwachte wieder in ihm und wurde zur brennenden Freude. Aber in die Wollust des Besitzes mischte sich die Angst … wenn der Herr zurückkäme und Nachforschungen nach dem Verbleib der Nadel anstellte? … Nervös hin und her gehend, kam der Barbier am Spiegel vorüber und sah im flackernden Lichtschein sein Bild.
»Der blasse Albert,« sagte er leise und lächelte.
Hatte er sich denn früher jemals gefürchtet? Haha, es hatte keinen gegeben, der so kaltblütig war wie er! Aber damals war er auch kein geachteter Mann, der ein blühendes Geschäft besitzt und der mit einem einzigen Griff alles aufs Spiel setzt! Und der obenein verheiratet ist!
Seine Frau! … Seine Trude! … Nein, wie konnte er bloß! Wenn er's nur wenigstens fertig brächte, ihr einmal alles, alles zu sagen! … Was er früher war … und daß er die Lust dazu nicht loswerden konnte! … Selbst jetzt nicht, wo er's doch gar nicht mehr nötig hatte. Aber nein! Eh' er das sagte, eher würd' er sich was antun!
Vor einigen Wochen war er mit ihr spazieren gegangen, durch die Friedrichstraße. Und da war mit einem Mal der alte Laberstein angekommen, vollständig in Bruch natürlich und mit 'ne Schale Schale = Anzug. – na, 's war schon nicht mehr schön! Und wahhaftig, er, Albert, hätte dem Alten ferne 'n zehn Emmchen jeschoben Zehn Emmchen geschoben = zehn Mark gegeben., aber's jing doch nich, die Trude wa doch dabei! … Nu latschte der Olle immer nebenher un sagte:
»Na, ja, früher, da wa ich dir jut jenuch! Aber jetzt, jetzt kennste mir nich mehr! Bist woll jetzt 'n feiner Kerl jeworn, wat? Schämen soste dir wat, du! Heerste?«
Dem Friseur war schließlich nichts übrig geblieben, als zum nächsten Schutzmann zu gehen. Da zog sich der Alte zurück, aber noch aus der Ferne drohte er mit der Faust und schimpfte.
Und die Trude, die war ganz aufgelöst vor Angst und Entsetzen. Trotzdem er ihr sagte, das sei ein früherer Arbeitskollege von ihm, der auf Abwege geraten und allmählich ganz verkommen sei, konnte sie sich gar nicht beruhigen. Und dazu kam noch ihr Zustand! In zwei bis drei Monaten erwartete sie ja ihr erstes Kindchen!
Nein, ihr konnte er nichts sagen! Das hätte sie nicht begriffen. Sie wäre von ihm fortgelaufen, zu ihren Eltern, die jetzt ein paar Häuser weiter wohnten, und wäre nie wieder zu ihm gekommen.
Vor allen Dingen mußte die Nadel aus dem Hause! Für alle Fälle! Aber wohin damit? Am liebsten hätte Albert sie selber getragen, aber das ging ja selbstverständlich ebensowenig, als sie im Zylinderbureau oder sonst irgendwo liegen haben, wo doch Trude eines Tages nachschnökern und sie finden konnte.
Es klopfte an der Tür.
»Albert! … Albert!«
Zusammenschreckend und die Nadel rasch wieder in die Tasche seines schwarzen Gehrocks versenkend, rief der Friseur:
»Jawoll, Trude, ich komme schon!«
Er öffnete und bemühte sich, zu lächeln. Aber sie sah ihn besorgt an:
»Is dir jetzt besser, ja? … Ich hätte dich nich jestört, Albert, aber der ganze Salon is voll Leute!«
»Ach, mir is ja schon wieder ganz wohl!«
»Na, das is man gut!« Sie gab ihm rasch 'nen Kuß, »wozu hast 'n das Licht anjestochen?«
»Das Licht? … ach so, ja … ja …« Er wußte nicht, was er sagen sollte. Aber sie achtete gar nicht auf seine Verlegenheit.
»Ich muß wieder an die Kasse, Albert!«
Sie ging voran, und er folgte ihr auf dem Fuße.
Am späten Nachmittag kam ein Diener in Livree und fragte, ob sein Herr, der Graf von Hallström, der sich vormittags immer rasieren ließe, vielleicht heute hier eine Nadel verloren hätte. Und dann beschrieb er genau die Perle.
Der Friseur war riesig froh, daß der Bediente ihn, der gerade an der Kasse stand, ganz allein traf. Mit der vollsten Ruhe und ohne auch nur einen einzigen lauteren Herzschlag zu spüren, beteuerte er, nichts gefunden zu haben. Er würde ja sehr gerne noch einmal alles nachsuchen lassen, aber er erinnerte sich ganz deutlich, »der Herr Graf haben, wie sie aus der Tür gingen, die Nadel, die ihm auch aufgefallen wäre, im Schlips stecken gehabt!«
Der Diener ging. Als der Kavalier am nächsten Tage wiederkam und sich rasieren ließ, fragte er nur so obenhin nach der Preziose. Er war offenbar ein sehr reicher Mann, der den Verlust leicht verschmerzte.
Albert Hohstadt aber sagte abends um neun, als er sein Geschäft geschlossen hatte, zu Trude, er ginge noch 'n Glas Bier trinken, sie möchte nur immer ruhig zu Bette gehen.
Und dann nahm er eine geschlossene Droschke und fuhr raus nach der Ackerstraße. Das heißt, am Gartenplatz ließ er den Kutscher halten, von dort ging er zu Fuß.
Er mußte ordentlich suchen zwischen den vielen, so gleichförmig gebauten Mietskasernen, über die sich schon die wolkentrübe Februarnacht gesenkt hatte, bis er das Haus wiederfand. Die Laternen schienen hier seltener zu sein und weniger hell zu brennen, als in seinem Viertel. Und die Menschen, die ihm begegneten, hatten alle so etwas Müdes und Verdrossenes … lauter Arbeiter … und die Weiber! Er zog die Schultern in seinem auf Seide gearbeiteten Paletot an, als wollte er sich vor einer Berührung mit diesen Elementen bewahren. Hier unter solchen Menschen wieder zu leben, mit ihnen zu wohnen, das erschien ihm einfach undenkbar!
Beim Vizewirt erkundigte er sich erst: Jawoll, die olle Pfeiffern wohnte immer noch vier Treppen. Oben fand er leicht ihre Tür.
Sie hatte die Kette vorgelegt und vergewisserte sich lange, bis sie den Besucher, der so spät kam, hereinließ. Aber dann freute sie sich aufrichtig.
»Sehnchen? Nu' schlägt's Dreizehn! Du bist et, Sehnchen! Wie haste denn wieder hierherjefunden, bei de olle Pfeiffern?! Un ausseh'n duste! … Du hast woll jeerbt, wat?« Und sie musterte ihn so drollig von oben bis unten, daß er lachen mußte.
»Ick dachte, weil de so ja nischt mehr von dir heeren ließt, du hältst da längst wieder 'ne sitzende Lebensweise anjewöhnt, irjendwo … wir haben ofte von dir jeredt', mein Mann un ick! Ach, du weeßt ja nich, deß ick wieder verheirat bin?«
»Mit wen denn, Mutta Pfeiffern?«
»Mit wen? Na, mit Quasseleujen! Du kennst'n doch ooch? Ihr seid ja beide zusammen in Hamburg jewesen.«
Der Friseur, dem die alten Zeiten wieder lebendig wurden, nickte drollig.
»Ja, bei de blauen Husaren Die im Hamburger Gefängnis Internierten, die dunkelblaue Anzüge tragen.!«
»Na sehste, Sehnchen! … Un, wie du kaum wechjezogen warst, da kam er her … ick jloobe, er war damals in de Winde Arbeitshaus. jewesen, wo se'n det Arbeeten beibring' wollten, wat se aber doch nich fertig jebracht ham. Denn hat 'a hier bei mir jewohnt un hat 'ne derart'je Latte uffjesummt Eine große Rechnung machen., det ick schließlich nich mehr wußte, wat ick machen sollte! Raußschmeißen, det jing nich, denn hett' ick mein' janzen Zaster injebüßt! Na un eenes scheenen Dages da kam er an un sagte: »Wissen Se wat,« sagte er, »wir kenn' uns ja beede heiraten, Mutta Pfeiffern, denn bleibt et wenichsten in de Familie!« Ick wollte erscht nich, aber schließlich hab' ick ma' det iebalegt: denn warum nich? sagt' ick mir, det er sechsunzwanzig is un du fünfunfumzig, det is det allerwenigste! De Hauptsache is, det det Herz jung is! Na un da hab' ick ihm jenommen!«
Albert lachte herzlich.
»Un was macht Ihr nu jetzt'?«
»Jott!« Die Alte hob, ihren Mund komisch zusammenpressend, ihre kurzen, dicken Arme in die Höhe, »seh mal, Sehnchen, den Rentierberuf, den hab' ick wieder uffjem müssen … ick arbeete wieder … davor sorgt schon mein Jene!«
»Na, dis klappt ja!« Albert zog die Nadel hervor, »Ihr vasteht Euch doch darauf, Mutta Pfeiffern, wat is 'n die wert?«
»Woll 'ne Wachsperle, wat?«
»Nich janz! Ihr kennt se ja mal priefen.«
Die Augen der Alten leuchteten, als sie das Kleinod in die Hand nahm, von dem Albert den Blick nicht ließ. Und wohl eine Stunde dauerte es, bis sie über den Preis von fünfhundert Mark für die wohl mehrere Tausende im Wert habende Perle einig geworden waren.
»Des Haus ist offen, Sehnchen,« sagte die Alte, als sie den Friseur hinausließ, »un wenn de mein' Eujen sehn solltest, denn sagste ihm, er soll machen, det a ruffkommt, sonst komm' ick mit 'n Hurra un hol 'n!«
Aber der Friseur kümmerte sich um nichts. Er war froh, als er raus war, aus dem Hause, in dessen Hof und Flur verdächtige Gestalten durch die Dunkelheit huschten.
Im Mai wurde dem Friseur ein kleines Mädchen geboren. Die Mutter, die viel gelitten hatte, lag noch wochenlang im Bett. Und wenn ihr Mann hereinkam und sie ansah, wie sich über ihrem blassen Gesicht, gleich einem silbernen Helm, das volle Haar türmte, dann beugte er sich hinab und küßte die schimmernden Strähnen, in deren Schönheit er heute noch so verliebt war wie an dem Abend, wo er und die Trude sich in dem kleinen Wohnzimmer zum erstenmal küßten.
Selbst seine Schwiegermutter war jetzt zufrieden mit ihm. Seine immer gleiche Liebe für die junge Frau, die Zärtlichkeit, mit der er das Kind auf seine Arme nahm, und der rastlose Fleiß, mit dem dieser stille, nüchterne Mensch seiner Beschäftigung nachging, rührten die alte Frau, die ihm heimlich ihr Mißtrauen, ihren Argwohn abbat.
Der alte Ladewig hatte nicht nachgelassen, bis sein Albert Innungsmeister geworden war, und der junge Friseur fing jetzt an, voller in den Wangen und in seiner ganzen Figur behäbiger zu werden.
Die Versuchung, seine so unheimlich geschickten Finger in fremde Taschen schlüpfen zu lassen, wandelte ihn auch jetzt noch hin und wieder an, aber was selbst der aufrichtigen Zuneigung zu seiner Frau nicht möglich gewesen war, das schien der Gedanke an sein Kind zu vermögen: Albert Hohstadt widerstand der Versuchung. Und es war ihm, als würde mit jedem Male, wo er sich glücklich überwunden hatte, seine Festigkeit größer und die böse Lust in ihm machtloser.
Da hatte er eines Tages Streit mit Trude, die sich einen, seiner Ansicht nach zu teuren Hut hatte machen lassen. Deshalb ging er rüber in die Stehbierhalle, traf da 'n paar Bekannte und kam in sehr fideler Stimmung wieder. Seine Frau, mit der er sich sofort wieder versöhnte, wollte ihn bewegen, seinen Spitz auszuschlafen. Aber da kam sie schön an. Was wohl die Leute denken sollten? Sie glaubte doch nicht etwa, daß er betrunken wäre? Nein, im Gegenteil, jetzt wollte er mal den Gehilfen zeigen, wie man arbeitet!
In der Nacht, die diesem Tage folgte, stand Albert Hohstadt heimlich auf, beugte sich über sein Weib und belauschte lange ihre festen, regelmäßigen Atemzüge. Dann ging er auf den Zehen in den Laden, zündete den Anthrazitofen an und verbrannte eine Brieftasche, deren Inhalt, fast zweitausend Mark, er in den nächsten Tagen, wie eine Katze ihre Jungen, von einem Versteck ins andere trug, bis er sie ruhig in sein eigenes Portefeuille steckte.
Und von nun an ließ es ihm keine Ruhe mehr. So war das Geld doch tausendmal leichter zu verdienen! Und immer gleich Summen! Denn, wenn er nicht genau wußte, was einer bei sich hatte, faßte er nicht zu. Er arbeitete und war pünktlich im Geschäft, aber die Arbeit machte ihm keinen Spaß mehr. Diese Einnahmen von zwanzig, dreißig und fünfzig Pfennigen wurden ihm langweilig und ärgerten ihn. Und sein größter Kummer war, daß er jedesmal soviel Zeit zwischen seinen kleinen Nebengeschäften verstreichen lassen mußte. Der Kunde, dem er die Brieftasche abgenommen hatte, war vorher nie dagewesen und hatte sich auch nicht weiter blicken lassen. Wahrscheinlich war der Mann gar nicht auf den Gedanken gekommen, er könnte sie beim Friseur verloren haben. Aber der nächste – er hatte sein wohlgefülltes Portemonnaie eingebüßt – kam immer wieder und erkundigte sich. Noch eben war er dagewesen: er müßte es hier verloren haben! Schon drüben an der Ecke, wo er Zigarren kaufen wollte, hätte er es vermißt!
»Aber ich bitte Sie!« hatte Albert Hohstadt gesagt, »Sie haben hier bei mir an der Kasse bezahlt, und dann sind Sie die paar Schritt bis zur Tür gegangen, da hätte es meine Frau doch sehen müssen, wenn Sie etwas verloren hätten!«
»Allerdings,« sagte der Kunde nachdenklich »aber ich erinnere mich ganz deutlich, ich habe es hier,« er klopfte gegen seinen Überzieher, »in die Tasche habe ich es reingesteckt!« Der Friseur hatte ihn wirklich in dem Augenblick bestohlen, als er die Glastür absichtlich ungeschickt öffnete, den Kunden dabei etwas anstieß, um ihn dann mit einer höflichen Verbeugung zur Tür hinauszulassen.
Als der Herr, sichtlich unzufrieden, gegangen war, fragte Albert Hohstadt noch einmal seine Gehilfen, ob sie etwas gesehen hätten, was diese natürlich verneinten.
Indem tönte das Gong, und Albert Hohstadt hörte, wie jemand den entgegeneilenden Lehrling nach ihm fragte.
Er trat aus dem Herrensalon auf den Gang hinaus.
»Herr Hohstadt, ja?«
Der Friseur sah den Besucher an und wurde bleich.
»Womit kann ich dienen?«
»Ich hätte Sie mal allein zu sprechen.«
»Bitte sehr!«
Der Friseur ging voran, seine Knie wankten.
Wie sie in dem kleinen Wohnzimmer waren, holte der Besucher eine ovale Blechmarke hervor und sagte:
»Ich bin von der Kriminalpolizei.«
Albert Hohstadt hatte sich gefaßt. Er holte tief Atem, dann sagte er scheinbar ganz gleichmütig:
»Na und? Was wünschen Sie denn von mir?«
Aber der Beamte sah ihn nur an und schüttelte den Kopf.
»Mensch, was machen Sie für Sachen!«
Der Verbrecher, in dem die Wut erwachte, sagte mit gereizter Stimme:
»Na, was is denn? Woll'n Se sich nich jefälligst 'n bißchen deutlicher erklären?!«
»Erklären?« sagte der Kriminalpolizist, »noch deutlicher?« sein Blick ließ die Augen des Friseurs, die ihm ausweichen wollten, nicht los. »Ich komme eben aus der Ackerstraße, wo wir die Mutter Pfeiffer abgeholt haben … hm? …«
Die Haltung des Friseurs veränderte sich mit einem Male. Der blasse Albert stand plötzlich da, dem es durch den Kopf schoß, ob er den Greifer nicht über den Haufen rennen und teilachen könne.
Aber dann sah er sich um, sein Gesicht wurde schlaff, und seine Muskeln erlahmten. Und durch die tobende Nacht seiner Gedanken blitzte nur das eine Licht: Gott sei Dank, daß die Trude jetzt nicht da is! …
»Na, nu komm' Se man!« sagte der Beamte.
»Ich will mir bloß noch'n Hut holen, Herr Kommissar, un da nebenan schläft mein Kind drin, das möcht ich Atjöh sagen.«
»Aber keine Dummheiten machen,« drohte der Beamte, »vorm Hausflur stehn auch zweie!«
Der blasse Albert schüttelte den Kopf, dann ging er ins Schlafzimmer. Dort küßte er sein Kind und benetzte das kleine Gesicht mit seinen Tränen. Dann nahm er die Flasche mit konzentrierter Sublimatlösung, die er zum Reinigen seiner Instrumente brauchte, von der Waschtoilette und trank sie auf einen Zug leer.
Die Schmerzen kamen sofort. Aber er hielt sich aufrecht, bis er an die Droschke kam, die inzwischen einer von den anderen Beamten geholt hatte.
»Donnerwetter,« schrie der, der neben ihm ging, als der blasse Albert zuckend in den Wagen fiel, »er hat sich vergiftet!«
Und unter dem Zusammenströmen einer immer mehr sich sammelnden Menschenmenge trug man den Sterbenden zurück in seinen Laden.