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Du ahnst ja nicht, wie schön du bist, Berlin!« spielten die Zigeuner, mit koketten Bewegungen sich drehend, vor einer Gesellschaft von Gästen, die in den tiefen, weißen Korbstühlen neben der Bar saßen.
Eine Dame am Tisch, deren rotwehende Pleureuse ihren exaltierten Bewegungen folgte, sprang plötzlich auf.
»Es gibt keine Kavaliere mehr! Es ist unerträglich! Oh! … Ich lasse mich scheiden von dem ganzen Geschlecht!«
Ein fleischiger Herr, sein Gesicht glich einer ordinären Maske, versuchte die große, hochbusige Frau wieder auf den Sitz zu ziehen. Sie aber gab ihm eine Ohrfeige, die schallte, und rief, in halbschluchzenden Gesang übergehend: »Ehemann! … Wehemann! … Halbidiot! …« Dann hob sie ihren Sherry-Cobler, dessen Eisstückchen im Spitzglas funkelten, hob ihn hoch empor und ließ das Glas aus der Höhe auf das weiße Tuch fallen, das rötlich fließende Farbstreifen bekam.
Die Musik, die in dem schmalen, weißen Raum nirgends sich entfalten konnte, klang selbst in Geigentönen hart; die Zigeuner, ohne Leidenschaft, tanzten wie Affen, und in der Luft, die wie grauer Chiffon war, krochen Zerrbilder von Frohsinn und Laune.
Hinten, in dem körperschmalen Gang zwischen den halbgeschlossenen Kabinen kreischte eine Männerstimme zu den Tönen der Musik, und dann kam auf diesem armbreiten Stückchen Teppich ein schlankes Paar daher im Valse chaloupée … Sie in Schwarz, »ganz noir«, und darin das stark aufgelegte » blanche« des jungen Hetärengesichts; er ein Amerikaner vielleicht, ein Kind des Reichtums sicher, mit allen Gaben eines rassig blühenden Lebens … Die wiegten sich in den Hüften, bogen die Knie, sanken über- und ineinander und tanzten den Beweis, daß keine Exzentrizität schöne, lachende Menschen häßlich macht.
Von der Bar, in der die traditionell hochblond gefärbten Perücken leuchteten, klang trunkenes Lachen … Die Junge mit dem weißen Gesicht, deren schwarzer Federturban tief ins Genick ging, tanzte wie über schmutzige Lachen, über die unsauberen Worte hinweg, die vor ihr hinplumpten.
Da federte die schmale Klapptür im Entree – gerade wie der Tänzer sich drehte – ein Herr im Zylinder, Pelz, Monokel, ein großer, geradgehender, scharfzügiger Mensch trat ein.
Die Tänzerin wandte rasch ihr weißes Gesicht fort, das im grellen Schein der hängenden Glühlichter blaß und fragend staunte.
Der Eintretende hatte sie kaum erkannt. Sein Schritt blieb gleich, er ging zur Bar, stieg auf einen der hohen Rohrschemel und sprach mit der Barmaid … Worte und Ton zerfaserte die Musik.
Hinter der Bar lachte die Dame mit der roten Straußenfeder, deren schwarzseidener Abendmantel jetzt am Boden lag und die perlenschimmernde Büste nicht mehr verhüllen konnte … Wie Papageienschrei klang's! Alle sahen hin zu der hochgewachsenen Frau, der ein Schulterband am tiefen Dekolleté gesprungen war, und die halbentblößt durchaus auf den Tisch steigen und reden wollte.
»Wir weißen Sklavinnen …« hörte man die aus trunkenem Sinnen quellende Stimme … Sie schrie nicht einmal, sprach nur laut und schrill, »… nieder mit den Verbrechern, die uns vergewaltigen!«
Unter dem Lachen über diese Worte, unter dem Lärm des übervollen, glühenden, klingenden, musikbetäubten Raumes wand sich das schlanke, junge Paar durch die Tische, die drei Stufen hinauf und in den schmalen Gang zwischen den Kabinen.
»Sie zittern?« sagte der junge Mann.
Die Schwarze lächelte mühsam.
»Ach nein!«
» Well …«, er suchte in seinem neugewonnenen Sprachvorrat immer erst die Worte, »ich haben gesehen … wie der Herr mit das Zylinder ist geeintreten.«
»Ja …« sagte sie leise.
Die Frau mit der roten Feder kreischte jetzt laut. Man wollte sie fortbringen, aber sie ging nicht. Die Musik schwieg einen Augenblick vor Erwartung; dann, wie in Erinnerung ihrer lärmenden Pflicht, schlug sie die Stimme der Exaltierten einfach nieder.
» Wat is the man?« fragte der Amerikaner, dem der schiefgestellte Blick im bleiernen Gesicht des Mannes, da vorhin bei der Tür, nicht gefallen hatte.
Die schlanke Kokotte senkte den Kopf und murmelte:
»Ich darf's nicht … nein! … ich darf's nicht sagen! …«
» O yes! … Mir können Sie sagen alles!«
Sie sah plötzlich auf, faßte mit ihren beiden feinen, kleinen Händchen nach seiner großen eleganten Hand und flüsterte in wilder Hast:
»Der hat … der hat … meine Freundin … meine … meine … ich darf nich … ich … sie … die erfahren's … und dann bringen sie mich auch um!«
Sie schluchzte; heiß, tränenlos, zurückgepreßt kam's aus der zarten Brust, die der schwarze Spitzenflor nur in schmalem, leuchtendem Streif freigab.
Aus des Amerikaners wenig geöffneten und schmalen Lippen zischte durch die weitstehenden großen, weißen Zähne leises Pfeifen.
»Uie hat das sich zugetragen?« fragte er nach einer Weile.
Sie, die in sichtlicher Angst fieberte, kam ganz herüber über den Marmor des Tisches und mit ihrer feinlinigen Nase bis an sein schlichtes, helles Haar:
»Aufgehängt haben se se, wie sie betrunken wa … der ›schiele Martin‹ un ›Flatterphilipp‹ … ins Boudoir … und hat keiner was jeahnt … bloß ich … mir hat sie noch jeschrieben, 'n Tag vorher … ich sollte man aufpassen, un sie hätte sonne Ahnung, als würde was passieren mit ihr … was, hat sie ja nich jesagt; aber jeahnt hat se woll schon was, bloß nich alles!«
Der Amerikaner nickte, er bewegte mehrmals langsam den streng profilierten und in den Zügen sich schärfenden Kopf.
»Und 'n andern Tag war se dot,« flüsterte das Mädchen mit Entsetzen in ihrem weißen, haltlosen Gesicht, »se hatte zu viel Jeld auf de Kasse … 'n paar Tausend! … un von dem Schmuck, da hat auch 'ne Masse jefehlt! … Was nachher ihre Mutter jekriecht hat, das war ja nichts! Bloß de Sachen, de Möbel, un Kleider natürlich!«
Die Schwarze sprang plötzlich von diesem Gedanken, der ihr kleines, armes Hirn noch beben ließ, zu der Angst hin, die sie für sich selber empfand.
»Wenn er mich bloß nich jesehn hat, der Martin!«
Der Amerikaner blickte in dies grausige Bild hinein: voller Klarheit sah er alle Einzelheiten, auch die Gründe, weswegen das junge Geschöpf da die schwere Tat, den Mord an der Freundin ungerächt ließ. Er bestätigte mehr, als er fragte: »Dann er haben dir gedrohen, my darling?«
»Och!« sie hob abwehrend die Hände mit den feinen, aus schwarzem Seidenkrepp hervorgleißenden Armen, »ich hab 'n Brief jekriecht! … der war mit de Schreibmaschine jetippt … wenn ich mir unterstehe, un sage ein Wort, denn bin ich ooch alle! Hat ja auch keiner was jeahnt, so geschickt haben die das jemacht … nich mal die Pollezei! An 'n Ofenschirm hing se, de Rosa, richtig so in die Knie, als wenn se's selber jetan hätte … Un de Zunge ganz blau …«
Das Mädchen zitterte, über ihren zartgliedrigen Leib ging ein Schütteln, und vor Schmerz und Angst kam sie nicht weiter.
Der Amerikaner hatte den Kopf erhoben. Sein kühn überwölbtes Auge wand sich zwischen den fiedelnden, hüpfenden Magyaren hindurch, zur Bar hin, vor der noch immer das Licht sich im Zylinderhut jenes Mannes spiegelte … Und der junge gentleman sprach ruhig und gemessen, nur sein Ton klang entschlossen und unnachsichtlich, als er sagte: »Wie heißen die … die … this girl … die Rosa …?«
»Meine Freundin, wie die heißt? – Rosa Berbach.«
»Rosa Berbach … all right.« Der junge Mann schwieg wieder, dann griff er nach hinten, in die Beinkleidtasche. Und eine Spur von Lächeln bewegte den festen Mund.
»Was wollen Sie denn?« fragte die Schwarze furchtsam, erwartungsvoll, »was denn?«
Er stand schon auf, fragte aber noch: » Do you …« Dann besann er sich, »das sein die wahre Wahrheit, was du sagen, my darling?«
Sie begriff erst nicht. Dann drückte sie die hellen Hände in das schwarze Kreppgewoge vor ihrer Taille und schwor: »So wahr, wie ich lebe! … aber machen Sie nichts! nein? … ich ängstige mich tot!«
Nun ging er. Er ging, als wenn er recht froh wäre, mit einem stillen, ernsten Ausdruck auf dem schönen Jünglingsantlitz, zwischen den Nachtschwärmern hindurch. Sah flüchtig zu der Dame am runden Tisch hin, deren Kopf mit dem roten Federhut in voller Apathie hinten über die Lehne des Sessels fiel. Dann trat der Amerikaner an die Bar, die Maids lächelten ihm entgegen. Er tupfte mit den Spitzen seiner energischen Finger gegen den Pelz des Mannes, der aus einem Strohhalm seinen Flip trank und sagte halblaut: »Aoh! Rosa Berbach lassen dir grüßen!«
Den im Zylinder riß das Wort herum, daß er auf dem hohen Schemel die Balance verlor, umkippte und fiel. Im Fallen sprang er und stand, die Hand plötzlich in der Brusttasche, mit Mienen wie ein Wolf. Der Amerikaner riß die Hand, die heimlich Waffen suchte, zurück, packte sie eisern und sagte zu den Gästen: »diese Mann is ein Murder … rufen Sie Police!«
Der Mann im Pelz wollte mit einem Wutschrei los, aber die Linke des Amerikaners sprang wie eine Stahlfessel um seine Kehle. Ein Ringen inmitten der aufspringenden Menschen, die sich erregt die englischen Worte verdeutschten. Dann stand der Beschuldigte ohne Zylinder, totenbleich, mit wild umherjagenden Blicken zwischen dem Amerikaner und einem Polizeioffizier in Zivil, der vorn bei der Tür mit einem Freunde gesessen hatte.
Der Leutnant hielt den entwundenen Browning in der Hand. Zu den andrängenden Gästen sagte er:
»Damit hätte er schönes Unheil anrichten können.«
Und der Barkeeper, dem beim Niederzwingen der Verbrecher das Ohr blutig gerissen hatte, drohte, an der erschreckten Goldblonden vorbei mit der Faust:
»Windelweich schlagen müßte man den Hund!«
Der im Pelz lachte schallend:
»Mal ran! … Du … Lump, du!« Er wollte vorwärts, wurde zurückgerissen, heulend: »Lassen Sie mich los! … Sie! … los, sag' ich! … ich habe ja nischt jemacht … ich – –«
Er verstummte.
Seine Augen, von panischem Schrecken weit geöffnet, hingen an der schlanken, schwarzgekleideten Figur, die sich eben an der mit der roten Feder vorbeiquetschte.
Wie eine Abgeschiedene sah sie aus mit ihren weißen Wangen, den vor Entsetzen unnatürlich hochgezogenen Brauen und der schmalen, schwarzen Linie ihres zarten Körpers. So kam sie näher; schüchtern, aber unwiderstehlich angezogen von dem heißen Gefühl, daß sie jetzt reden, jetzt ihrer armen Freundin die Grabruhe geben durfte.
Des Amerikaners Augen fragten sie, und ihr weiches, kindliches Stimmchen klagte den Mörder an: »Ja, das is er! Er heißt Martin Schlinse … er is es! Der hat die Rosa kaputtgemacht … und … er hat …« Die Angst erstickte ihre Rede.
Der Verbrecher, schlotternd, zerbrochen, mit stierem Blick und offenem Munde, stieß zwischen den fahlen Lippen heisere, wimmernde Laute hervor:
»Nee, nee … die … die lügt! … ich … ich war's nich … ich habe … die … das Frauenzimmer da …« er reckte die Faust, sprach weiter und heulte, aber im Lärm der Wut, die immer mehr gegen ihn anschwoll, endete sein Streiten.
Harte Schritte … Von der telephonisch benachrichtigten Wache kamen Schutzleute.
Aus dem heißleuchtendem Qualm der Bar in die dunkle Februarnacht hinaus quollen Männer und Frauen … Automobile … Drängen und Stoßen … Ein Schrei! Eine Stimme: »Nach dem Präsidium! …« Rattern und Fauchen … Husch! … davon!
Und wieder hinein die Wachen, die nicht schlafen wollen … in die schmale Lichtbreite, die sich auftut, Lärm und Geigenspiel herauslassend für Sekunden … die mit der roten Pleureuse, wieder ganz wachgerüttelt von dieser kostbaren Sensation, ist die Letzte im Freien … So hochstimmig, daß es schallt wie Papageienrufe, so lustig sagt sie:
»Der wird hingerichtet! … sicher! Der wird hingerichtet!«