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So nannten sie ihn bei Mutter Matzke, nach einer bekannten Zigarrenmarke, die er gern rauchte. Und er war in der Tat ein seltener Vogel! … Er stand gerade an dem alten, mit Wachstuch bezogenen Billard und spielte eine Karambolage mit Ballon-Paule. Aber wenn er sonst selbst auf dieser jämmerlichen Stellage Meister blieb über die drei Bälle, heute hatte er die Ruhe nicht und verkickste einen Stoß nach dem anderen.
»Mir hat heite wat jetraimt,« sagte er. »Mir hat jetraimt, ick bin runterjefall'n!«
»Det muß ja ooch mal' so komm'!« Der kleine Paul sah, während er sprach, durch das schmutzige Fenster der alten Budike in den jämmerlichen Vorgarten hinaus, wo er sein Ballonbukett, das rot, blau und grün in der Sonne leuchtete, an den verkrüppelten Fliederbaum gebunden hatte. »Mal passiert dir wat, det hab' ick immer jesagt! Entweder du trittst mal fehl, denn is et ebent 'n Fehltritt, oder de rutschst aus un machst 'n Hechtsprung uff'n Asphalt … Du, weeßte, Rara, det mecht' ick sehn, da kannste mir eijentlich n' Billjet zu besorjen!«
Der lange dünne Mensch, der mit dem verschlissenen, braunen Samtjacket, dem Schlapphut und dem verwegen gebundenen Lavallier wie ein verkommener Maler aussah, der lachte herzlich.
»Wenn ick det wißte, den Monument, wo mir det passiert, denn wird' ick ma' rechtzeitig 'n Kientoppmeester bestell'n! Stell' dir det doch mal uff'n Film vor! Ick hab' ma' ieberhaupt schon ieberlejt, ob ick mir nich for sonne Tricks von eenen ankaschieren lassen soll.«
Dabei legte er sein Queue aufs Billard, ging nach hinten in den halbdunklen Raum, wo Mutter Matzke hantierte. Und während Ballon-Paule noch auf seinen Partner wartete, war Rara avis längst nach hinten heraus fortgegangen.
Es war seine Spezialität, sich von niemand zu verabschieden, was er gut konnte, da er weder im Sommer noch im Winter einen Überrock trug und seinen Hut nie absetzte.
Er ging schon mit leisem Pfeifen die Müllerstraße hinauf und sprang auf den Vorderperron der ersten Elektrischen, die ihm passend kam. Er sprang in voller Fahrt auf. Aber sobald der Schaffner ihm durch das Schiebefensterchen der Vordertür eine Fahrkarte bot, sprang er mit freundlichem Gruß wieder ab. Das übte er fünf-, sechsmal und kam so in die Gegend des Neuen Tores.
Hier ging er in ein Haus hinein, ging die Vordertreppe hinauf und öffnete, sechs Stockwerke hoch, die Bodentür, die, wie er wußte, unverschlossen war, um wie eine Katze in den halbdunklen Bodenräumen zu verschwinden.
Er kannte seinen Weg so gut, wie der Rentner im ersten Stock, der jeden Mittag zwölf Uhr, auf die Minute, zur Tür heraustrat und zweimal um den Häuserblock herumspazierte.
Dem hatte Rara avis eines schönen Tages, bloß aus Ulf, sein Wachtelhündchen gemaust, hatte es drei Tage oben bei sich in seiner Bodenvilla behalten, um es dann gegen guten Finderlohn wieder abzuliefern.
Freilich »wohnte« der Flatterfahrer nicht etwa in diesem Hause.
Das war, wie er selber sagte, nur sein »Angtreh«.
Mit der Behendigkeit eines großen Affen war er denn auch jetzt zu einer Bodenluke hinaus und auf dem Dach. Da lief er am hinteren Rande entlang, an die Schutzmauer gedrückt, aufs nächste und weiter aufs dritte und vierte, so sicher und schnell, als passierte er unten die Straße.
Nun war er am Ziel und husch! versank sein langer, geschmeidiger Leib in eine Bodenluke.
Er landete mit leichtem Aufsprung in einem Raum, den eine starke Bretterverschalung bildete, in dem ein Sofa, ein Tisch, Waschgeschirr, mit einem Wort, eine richtige, kleine Einrichtung sich befand.
Rara avis wohnte schon verschiedene Monate hier und hatte die Einrichtung bildschön vervollständigt, was ihm als alten Dachräuber weiter keine Schwierigkeiten machen konnte.
Da war unter anderem auch eine hübsche kleine Petroleumlampe mit grünem Schirm – die Bretterwände hatte der Flatterfahrer von innen so tadellos abgedichtet, daß, wer etwa abends mit Licht noch den Boden aufsuchte – gegen die Hausordnung notabene! – doch nicht den feinsten Strahl von Rara avis' Lampe bemerkt hätte.
Er hatte sich, bevor er hier einzog, selbstverständlich darüber vergewissert, daß die Leute, deren Möbel er benutzte, seit Jahr und Tag verreist waren und vorläufig auch nicht wiederkommen würden.
Wie er das gemacht hatte?
Oh, er war ganz einfach zum Vizewirt des Hauses gegangen und hatte sich eine leere Wohnung angesehen, zu der er – für seine Malgeräte! – einen gutverschlossenen, sicheren Bodenraum brauchte.
Natürlich hatte er gerade den Bodenraum haben wollen, in dem er jetzt hauste. Und da sagte ihm der Vermieter, daß dieser und an wen er vermietet wäre.
Es war also gar keine Sorge, daß ihm jemand dazwischen kam.
Aber zur Vorsicht hatte er auch von innen an der Tür noch eine schwere Kramme angebracht, die mit einem starken Vorlegeschloß gesichert war. Sein Ein- und Ausgang war die Dachluke, die wundervoll verborgen hinter einem mächtigen Schornstein lag. Die Scheiben des Lukenfensters, die er zuerst mit dem Kreuz hatte herausbrechen müssen, waren durch schönes, helles Mattglas ersetzt; dadurch nahm er einem, der vorwitzigerweise doch mal übers Dach kletterte, jede Einsicht in sein gemütliches Heim.
Im Juni war er hier »eingezogen«, jetzt war man im September und die Nächte wurden schon kalt. Aber dafür hatte er herrliche Betten aus den feinsten Daunen, und der Schafpelz, der am Riegel hing, würde ihn auch gegen die Kälte des Winters schützen.
Er hatte eine kleine Fahrt gemacht in der letzten Nacht, und ein paar stramme Würste und einen großen Topf Fett mitgebracht. Brot war da, und so aß er kräftig und gediegen, trank aus einer Rotweinflasche den Rest und haderte mit sich selber, ob er noch 'ne andere aufmachen sollte.
Das unterließ er, steckte sich dafür eine seiner Lieblingszigarren an und legte sich schlafen.
Nach ein paar guten Zügen sank die Hand vom Sofa, die Zigarre fiel auf die rauhe Diele, und Rara avis schnarchte, daß es so rasselte.
Wäre jetzt jemand über den Boden gegangen, der Flatterfahrer hätte entdeckt werden müssen!
Am acht Uhr wachte er auf, nahm noch im Halbschlaf die Zigarre vom Boden und sog krampfhaft an dem kalten, feuchten Tabak. Dann aber war er plötzlich mit einem Schwung auf den Füßen, freute sich, daß draußen die Sonne so schön schien, und ging, wie er das nannte, »auf seinen Balkon«. Das heißt; er voltigierte mit einem Feldstuhl aufs Dach hinaus und setzte sich dort in den warmen Sonnenschein hin zum Lesen.
»Mensch, hast du's fein!« das war die Form, in der er gern leise mit sich selber sprach, »dir hat doch keen Aas wat zu befehlen, und so jesund wie du wohnt selten eena! Nu soll ma bloß wundern, wat aus den Dr. Quarz wird – wie ofte se den noch krepieren lassen – so'n Quatsch! als wenn die 'ne Ahnung hätten, wat 'n richtiger Vabrecher is, aber 't lest sich scheen.«
Damit hatte er sich in die pralle Sonne gesetzt und blickte in das zerlesene Nic-Carter-Heft, das er mit einem ganzen Stoß ähnlicher auf irgendeinem Hausboden »gefunden« hatte. Doch kaum begann er zu lesen, da fingen sich ein paar Sperlinge vor ihm wütend an zu zanken. Er lächelte:
»Da kann man sehn, wat bei de Ehe rauskommt! Kaum hat er 'n Korn jefunden, schwapp! will et de Olle haben! Mir wundert bloß, det se nich jleich noch 'n halbet Dutzend Jehren mitbringt. Aber nee, det is ja bei die anders, bei de Vejel, die sind ja schon nach zwee Monate flüjje! Na, wenn du dir ranjehalten hältst, olla Junge,« er meinte wieder sich selbst, »du kennst ooch schon mit sonne kleene Rotzneese in 'n Wagen losziehen neben die jetreie Ehehälfte«, er lachte heimlich, »wat, Kätchen, det kennte dir so passen? Na, mir soll bloß wundern, wen se mit den Pappus jlicklich jemacht hat – vier Jahre muß der Junge jetzt sind – sehen mechst'n mal, Rara, wat? ja sehen mechst 'n mal, niedlich muß er ja sind! nu looft er doch schon, un päppeln dut er ooch schon, kannst ja ma' hinjehn bei se, mehr wie rausschmeißen kann se dir doch nich! Nimmst ihr 'n paar Fruchtbonbons mit, die hat se doch immer so jerne jelutscht, un for den Kleinen ooch welche.«
Er rückte seinen Feldstuhl ein bißchen, weil der Schatten des Schornsteins an seine Knie kroch; so gewann er, in schrägem Blick, die Aussicht auf die oberste Etage des Hinterhauses. Die Fenster kannte er alle. Da wohnten kleine Leute, junge und alte. Ihn hatte am meisten ein Mädchen interessiert, das recht ungeniert bei offenem Fenster Toilette machte. Heute waren dort die Vorhänge zugezogen – Rara avis machte im stillen seinen Witz darüber. Aber dann glitt sein lustiges Auge die Reihe entlang. Da, am letzten Fenster, das er von seinem Platz sehen konnte, es war offen, blickte über das Fensterbrett das Gesicht eines kleinen Mädchens mit blonden Ringellocken. Rara avis lächelte, ohne es zu wissen. Wenn er Kinder sah, wurde sein Herz ganz warm. Und stundenlang konnte er, der ja Zeit und Weile hatte, auf der Bank eines Spielplatzes sitzen und diesen winzigen Menschlein zuschauen, die schon das Bild des Lebens gaben und doch in all ihrem Lachen und Weinen unschuldig und reizend blieben.
Da sah er, wie drüben die kleine Blonde etwas heranzog, wohl einen Stuhl, um aufs Fensterbrett zu klettern. Der Flatterfahrer wurde unruhig, seine Stirn krauste sich, als er murrte:
»Wat is denn det? Is die etwa alleene zu Hause, wo is denn det Weib? Det is nu 'ne Mutter! Ja, wat du immer sagst, Rara …«
Er beugte sich, ohne daran zu denken, daß er gesehen werden könne, weit aus seinem Schornsteinwinkel vor. Die Kleine saß jetzt auf dem Fensterbrett, mit dem Rücken nach draußen, und spielte mit ihrem Püppchen.
»Seh' doch nich hin, Mensch!« murmelte der Bodendieb, der immer nervöser wurde, »wat jeht dir denn det an! Wenn se nich uffpassen uff ihre Jehren!«
Aber er konnte den Blick nicht von dem blonden Kinde wenden, das so heiter war und sich bewegte, als ob nicht hinter seinem Rücken ein bodenloser Abgrund gähnte.
Eine Wolke zog über die Sonne. Das Kind bog sein Körperchen weit zurück, es wollte wohl sehen, wo auf einmal das schöne Licht geblieben war.
Dem Flatterfahrer stand das Herz still. Mit einem schweren Seufzer stand er auf, nahm den Stuhl und trug ihn in seine Behausung. Aber er brachte es nicht über sich, drin zu bleiben. Er mußte wieder aufs Dach und hinüberschauen, gerade als wenn seine angstvollen Augen das ahnungslose Geschöpfchen drüben hätten vor Unheil bewahren können.
Unten auf dem Hof fing ein Leierkasten zu spielen an. Das Kind wollte sich hastig umdrehen, um hinabzuschauen. Es stand einen Augenblick, verlor, mit den Ärmchen in die Luft haschend, schrill aufschreiend, das Gleichgewicht und stürzte kopfüber hinaus. Doch es fiel nicht. Ein Haken oder ein Nagel, der in die Hauswand geschlagen war, dicht unter dem Fenstersims, faßte das blaue Röckchen und hielt das kreischende, sich heftig bewegende Kind fest.
Nicht eine Sekunde besann sich der Dieb. Mit einem Sprung in die Luke seines Verschlages hatte er blitzschnell ein dort für schwierige Fälle vorbereitetes, langes Seil gepackt und damit rannte er, er rannte ohne jede Rücksicht auf die eigene Sicherheit über das Vorder- und Seitenhausdach auf das des Hinterhauses. Dort eine Luke eintreten, den Strick am Eisenrahmen festbinden und das andere Ende, das in eine Schlinge auslief, um den eigenen Leib, unter den Armen festziehen, dazu brauchte Rara avis nur Sekunden. Wie er sich über das Dach hinabließ, sah er unten eine Menge Menschen, die herauf starrten mit verwirrten Bewegungen und törichtem Geschrei. Das Kind hing noch am Haken, es war halbbetäubt und wimmerte. Aber der Riß in seinem Kleidchen war spannenlang.
»Wie jut, det du so klettern kannst,« sagte Rara avis leise und frohlockend, »un det richtije Fenster, det haste ooch jrade so abgepaßt!«
Da war er, die linke Hand am Tau, das auch sein linkes Bein umwickelte, neben dem Kinde. Er ergriff es am Kleide und sagte:
»Riehr' dir nich, kleene Puppe! Der Onkel wird dir retten!«
Und das Kind hing still, wie ein Vogel in der Sprenkel. Er wog aber gewiß dreißig Pfund, und Rara avis hörte in dem Augenblick, als er zupackte und das Kind vom Haken riß, wie das Seil über ihm knirschte. Doch jetzt war keine Zeit, an anderes zu denken.
Der Flatterfahrer begann leise mit seinem Seil zu schwingen, und wie er dem offenen Fenster am nächsten war, warf er das Kind wie einen Ball hinein.
»Na siehste!« sagte Rara avis leise. Aber ehe er weiterreden konnte, knirschte und knackste es von neuem über ihm.
War das Seil durchgeschliffen? Hatte der gewaltige Druck den eisernen Nahmen aus der Dachluke herausgerissen?
Der Dieb hing regungslos. Er fühlte, daß er verloren war, und wagte keine Schwingung mehr. Aber er war ganz gefaßt und dachte noch an das Kind mit den blonden Locken, die er unter seinen am Strick brennenden Händen zu spüren meinte. Dann war ihm, als gebe das Seil ganz langsam nach; er schloß die Augen und sagte halblaut: »Rara, det haste jetraimt!«
Er hörte Schritte auf dem Dach und eine Hoffnung blühte. Er hörte Stimmen. Worte.
Die Männer oben suchten den Strick … wo war er denn? ah … da! … vorsichtig … langsam!
Indem sprang das Seil, und von unten aus der Tiefe scholl ein einziger, entsetzlicher Schrei.
Ein großer Körper, der für Augenblicke die Arme ausbreitete und wie ein Kreuz in der Luft stand, sauste hinab! Gleich einem Kanonenschuß klang es, als er auf den Asphalt schlug!
Nachher kam der Wagen des Leichenschauhauses. Es kannte den Toten keiner.
Und die Mutter des geretteten Kindes war seit dem frühen Morgen auf Arbeit.