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Also, wenn du die nich hast, elektrische Kenntnisse, meen' ick, denn brauchste deine Neese janich erscht rinstechen in den Salat! Elektrische Kenntnisse, det is heite de Hauptsache bei det Jeschäft, Mensch, sag' ick dir! Un wenn de mir det nich jlooben wißt, denn frage mal Flora'n … wat, Flörchen?«
Die etwa dreißigjährige Frau, die in Hemd und blauweißgemusterter Matinee der Verhandlung als dritte beiwohnte – sie lag auf der Chaiselongue und rauchte mit spöttischem Munde öffnete jetzt ihre noch immer hübschen Lippen zum Reden, wurde aber im letzten Augenblick daran gehindert: es klingelte heftig, in ganz bestimmtem Takt und Abstand.
Emil, der »Flieger« – »ick bin hundertfuffzehn Mal über'n Feind jewesen!« – fuhr wie eine Rakete aus dem »Arbeitszimmer« seiner Freundin Flora, in deren recht bequemer, westlich gelegener Wohnung dieses Konzilium stattfand, hinaus und kam nach kurzer Zeit zurück mit der Meldung:
»Krapotkin und die blaue Maus sind vaschütt!! … sind jestan Abend in de Nürnberger Diele hinter ihren Affen her … weil der nich mehr richtig schippen wollte. Da hat se Kopp jejriffen, der jrade bei leile Bei Nacht gehn. jing un uff kesse Väter Ausdruck für weibliche Homosexuelle von stark männlichem Typus. spannte …«
Flörchen reckte verzweifelt ihre schön geformten Arme in die Höhe, von denen kokett die Spitzen zurückfielen.
»Mensch, Emil, wahaftich, du fällst ma uff de Nerven mit dein Jesabbre! Dazu mußte doch jleich noch'n Lexikon von de Verbrechersprache schreiben! Wie soll dich denn unser Freund, der eben erst reingetreten is in die Mischpoche, wie soll der dich denn verstehn?!«
Sie winkte dem großen, starken Menschen, der trotz aller Abgeschabtheit seine Kinderstube nicht verleugnen konnte. Der setzte sich, in der Absicht, die innere Scheu zu überwinden, lachend an Flörchens Seite, deren auffallend kleine gepflegte Hand den drahtigen Körper des Mannes ungeniert liebkoste!
»Also, Puppe: Krapotkin is en Russe, so einer, wie unser Aribertchen, der vorhin mit in der Weinstube war, bei den man auch nie weiß, in wen seine Tasche er die jeehrten Pfoten drin hat … und die blaue Maus – huch nein! Das is so einer, da sprech' ich überhaupt nich drüber! vom and'ren Ufer: de l'autre côte, comprenez, mon bibi? … Na siehste! Und die beiden waren hinter einen her, dem sie schon so viel abgenommen haben, daß er jetailacht is, das heißt, er ist ausjerissen, er hat es nich mehr wissen wollen! Na, da hat Kopp, der Doktor und Kriminalkommissar (der die Fünfunsiebziger bekneistet), der is jrade da lang jekommen. Also, der hat sie einjeladen, die beiden, ihn doch mal zu besuchen! Aber weißte, Emil, du kannst nu 'ne Fliege ansagen! Geh' rüber bei Muschi mit de Schmachtlocken un kauf' dir Zigaretten … ich habe unsern neuen Freund noch privatim 'was mitzuteilen!«
Emil schob ab. Mit einer Bemerkung, die ihm eine Beule eintrug – denn Flörchen traf mit dem rasch abgezogenen Hackenpantoffel seinen Kopf wie ein Kunstschütze.
In der Weimaranerstraße verblaute die Nacht in mattheller Frühe. Die Sipopatrouille war gerade um die Ecke, da kamen Emil und der Neue – Emil mit einer ziemlichen Handtasche – die Straße herauf.
»Deine Kanone haste doch bei dir, Willi, wah'? … Na, ick meene dein' Revolver oder Browning, wat de nu jrade hast …«
Der andere nickte. Er sprach überhaupt wenig. Jetzt deuteten seine schmalen Lippen den Kampf an, den letzten Kampf einer Menschenseele mit dem Bösen.
»Hier is et … du! … aber komm weiter! … los! … weiter … Du darfst doch nich jleich stehn bleiben, du Linkmichell« Sie gingen langsam, drehten bedächtig um und waren im Hui über den eisernen Zaun.
»Zwei Uhr … un schon so helle … verdammt nochmal! … Man los, Willi, los!«
Auf dem Balkon hatte »der Neue« sofort die Alarmsicherung gefunden und die Kontakt-Drähte zerschnitten … Die Rolljalousie hob sich kinderleicht … Und die Jasminsträucher, duftend aus blassen Kelchen, schützten und verbargen die menschlichen Schatten.
Drinnen: tiefes Dunkel, nun von der Taschenlampe hell aufgerissen – Da drüben ein Büfett – Servante – kleiner Intarsienschrank – Die Stemmeisen splitterten edles Holz und antike Arbeit – die Minuten, jede kostbar, litten keine Achtung vor Kunst und altem Handwerk.
»Vadammt, Mensch! 'n bisken Silber, sonst weiter janischt? … pack' den Mist in, da!« Emil schob die offene Ledertasche dem andern hin, der stand und starrte …
»Na, wat kiekste denn, du? … wißte hier Studien machen?! Die Teppiche, die kriejen wa ja doch nich wech, wa haben ja keen Wagen … da! … da! …«
Er hatte plötzlich den kleinen, in die Wand eingebauten Geldschrank entdeckt. Stürzte wie ein Geier drauf zu! Holte die Werkzeuge aus der Tasche und blieb – als griffe gleich einer Zange irgendwelche Vorstellung in seinen Entschluß – plötzlich zur Seite stehn.
»Det kannst du ooch machen, Willi! … Da kannste jleich zeijen, ob de dir uff'n Mooskuppen (Geldschrank) vastehst!«
Der andere, von Beruf Ingenieur, griff ruhig zu. Er hatte nach dem Kriege, der ihn aus seinem Beruf riß, keine rechte Arbeit gefunden. Die letzten Wochen hatte er gehungert. Besaß längst keine Wohnung, auch nichts mehr an Kleidern und hatte wenig oder gar keine Aussicht auf Hilfe … Obdachlosigkeit – Straße – Nacht – Flora – Emil – Einbruch – so hieß seine letzte Logik … Er lachte dumpf, als er nun geschickt das Werkzeug an die schwache Schrankplatte ansetzte.
Knacks! … Die kleine Tür in der Wand, schräg vergoldet vom Lichtstrahl der Taschenlampe, die Emil hielt – die Tür sprang auf – und ein gewaltiger Knall erschütterte die Luft!
Dicker, schwarzer Schwaden füllte das große Zimmer, aus dem es unter hochgehobener Jalousie hinaushuschte in den weißlich aufdämmernden Morgen.
Ein Dienstmädchen allein in der Wohnung, deren Inhaber verreist waren. Die blonde Kleine stürzte im Hemd in das Arbeitszimmer des Hausherrn. Sie machte Licht – –
Da schwebte bläulich wogend, wie Wiesennebel, über dem grünen Teppich der Pulverdunst. Im Nebel lag ein Mensch, groß, hager, sehnig, gerade ausgestreckt, auf dem Rücken. Das vom Selbstschuß aus dem Wandschrank getroffene Gesicht war von der Stirn bis zum Kinn eine gräßliche Wunde, aus der unablässig das Blut auf den lichtgrünen Smyrna rieselte.