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Ein leises, wehmütiges Rauschen ging durch das Laub der Bäume. Das Gras auf den großen Rasenflächen des Tiergartens war noch grün, aber die Vögel sangen nicht mehr; nur hier und da sah man noch eine Amsel, die schnellhüpfend nach Würmern stach.
Die junge Dame, die dem schwarzgefiederten Tierchen mit goldgelbem Schnabel zusah, hatte den vom bunten Seidenhut überschatteten Kopf träumerisch zur Seite geneigt; man sah nur die opalfarben schimmernden Felder des aus Tagalstroh und Brokatband gewobenen Hutes und ein wenig von der Lockenfrisur ihres aschblonden Scheitels. Auch ein Stück von ihrem lichten Halse ward sichtbar über dem dunkellila Kostümjackett, das so tadellos die entzückende Figur umschloß.
Hinter ihr, von Charlottenburg her, kam ein elegant gekleideter junger Mann, der Posto faßte und, den gelben Stock mit der Walroßzahnkrücke in den braunen Glaces auf dem Rücken haltend, interessiert hinüberblickte nach der eleganten Gestalt dort drüben am Rasenbord … Er überlegte einige Augenblicke, dann schritt er mit entschlossener Bewegung vorwärts, gerade auf die Dame zu.
Erschrocken wandte sich die in ihrem Sinnen Gestörte, und ein vorwurfsvoller Blick folgte dem Schlanken im hechtgrauen Promenadenanzug mit den schmalen, vornehm chaussierten Füßen.
Da drehte sich der schwarze Männerkopf. Die Rechte griff wie entschuldigend an den schmalrandigen englischen Hut und – im nächsten Augenblick war der Herr wieder bei der Dame, die mit leisem Aufschrei zu taumeln schien.
»Was ist Ihnen, Gnädigste?«
Er geleitete sie ritterlich zu der nahen Sitzbank, wo sie sich mit einem schwachen Aufseufzen niederließ.
»Ich war lange krank … und der Schreck … ach …«
Ein zartes Rot färbte ihre Wangen.
Hoffentlich sei er es nicht gewesen, der sie so erschreckt habe? – O nein! Es wär' ja auch schon wieder gut! … sie würde gleich weitergehen.
Dabei begegnete ihr blaues Mädchenauge im scheuen Aufblick seinem schwarzen Gefunkel, mit dem er eben das Rubingehänge im freien Ausschnitt ihres Kleides taxierte, das wie kostbare Blutstropfen auf der weißen Haut schimmerte … Dazu die Toilette und die von keiner Kosmetik verdorbene Blütenfarbe ihres unschuldigen Gesichtchens – wahrhaftig, Hans Theobald v. Ostenwick, Baron von eigenen Gnaden, hatte wieder einmal Glück gehabt und – 'dam your eyes! – er wollte es ausnutzen!
Das junge Mädchen hatte sich inzwischen aufgerichtet. Ihr Busen hob und senkte sich, als sei das Leben jetzt wieder voll in ihr junges Herz zurückgekehrt. Sie sah ihren Kavalier mit dankbarem Blick an, den er feurig erwiderte …
»Seien Sie nicht böse, mein gnädiges Fräulein, aber was mich wundert, ist, daß Ihre Angehörigen Sie so allein fort lassen, wo Sie noch leidend sind?«
Sie begriff den Zweck seiner Frage sofort, und mit einem Lächeln, das er sich in seiner Weise deuten konnte, erwiderte sie: »O, ich habe niemand! … Ich stehe ganz allein …«
Ihre langen Wimpern senkten sich, und der süßrote Mund zuckte wie in verhaltenem Weh. »Das ist sehr traurig … wenn man noch so jung ist …«
»Ja,« sagte er, dem sie jetzt wirklich leid tat, »sehr traurig!«
»Gott sei Dank hab' ich Vermögen!« seufzte sie.
Ah! … Also richtig, Vermögen hat sie! Na, das hatte er ja von vornherein gewußt! Die Sache wurde wirklich immer interessanter!
»Ja, aber wenn ich auch nicht gerade arbeiten muß für meinen Lebensunterhalt,« plauderte sie mit ihrem müden, resignierten Stimmchen, »es ist doch sehr schlimm für ein junges Mädchen, wenn sie so gar niemand hat … ich bin gewiß nicht prüde! Aber vieles, was man in Gesellschaft seiner Angehörigen ruhig mitmachen kann, das bleibt einer einzelnen Dame ein für allemal verschlossen.«
»Ja,« sagte er mit einem Lächeln, das unter dem schwarzen, wohlgepflegten Schnurrbart die sehr starken weißen Zähne sichtbar werden ließ, »das kommt doch aber nur auf die betreffende Dame an! … Einer oder der andere Mensch findet sich immer, dem man vertrauen kann und der einem gern zur Seite steht!«
Ihr etwas langes, aber pikantes Näschen mit der kleinen Sommersprosse auf dem linken Flügel vibrierte in leisem Lachen:
»Möchten Sie vielleicht der eine oder der andere Mensch sein?«
»Ja,« rief er enthusiastisch und innerlich ganz begeistert, »ich stelle mich Ihnen zur Verfügung, mein Fräulein, mit allem, was ich habe!«
»Von dem letzteren werde ich kaum Gebrauch machen können!« Sie zog die starken, blonden Brauen ein wenig in die Hohe. »Sie müssen mir überhaupt gestatten … ich meine, ich werde Sie nur so lange bemühen, wie ich selber es möchte?«
»Aber ja! … selbstverständlich!« versicherte er, der von seinen Fähigkeiten als Don Juan so überzeugt war, daß er im geheimen über »die Naivität der Kleinen« lächelte.
»Dann möcht' ich vor allem etwas genießen!«
Sie erhob sich und sagte im Davonschreiten: »Ich brauche wohl nicht erst bemerken, daß bei unserm Zusammensein jeder seine eigene Kasse führt.«
Er nickte, aufs angenehmste berührt. Was er hörte, bestärkte ihn nur in seiner guten Meinung von der neuen Bekanntschaft: das war ein reizendes kleines Schäfchen, mit dem man sich nicht nur ein Weilchen amüsieren, nein, das man zum Schluß auch gehörig scheren konnte! Aber Vorsicht! Und sie nur ja nicht vor der Zeit scheu machen!
Ein Auto kam die Chaussee herauf. Das ließ er, den Arm erhebend, halten. »Zu Dressel!«
Und er hob die kleine, seidenrauschende Fee hinein, als sei sie eine Feder.
Sie sah ihm so freundlich in die Augen, daß sie während der geringen Fahrzeit kaum zum Reden kamen … Die Herbstsonne schien warm und lustig, als freue sie sich über die beiden hübschen Menschen, die sich so schnell gefunden hatten.
In der behaglichen Nische des alten Weinlokals, auf bequemen Polstern, kam die Unterhaltung rasch wieder in Gang … Ab und zu legte er seine etwas breite Hand im Gespräch auf den molligen Arm, der aus dem grauen Voile hervorlugte, aber sie verstand es jedesmal, diese versteckte Annäherung ohne die geringste Empfindlichkeit abzuwehren … Das Gespräch führte sie. Seine Themen reichten nicht über die Tagesereignisse und ein paar Lesefrüchte aus den Witzblättern hinaus … Sie wußte und kannte alles! war überall gewesen und hatte alles gesehen! … Sein zweifelhafter Beruf hatte ihn auch in mancher Herren Länder geführt, aber er hatte nichts als klingende Andenken und Erinnerungen an ein oder das andere Gefängnis mit heimgebracht.
Deswegen imponierte sie ihm gewaltig mit ihren Kenntnissen, ihrem Esprit. Und mit einer gewissen Schadenfreude dachte er daran, daß er sie zum Schluß trotz alledem erobern und so hochnehmen würde, daß all ihr Witz und Geist sie nicht vor seiner Gaunerfrechheit bewahren könnten.
Indem drückte sie auf den elektrischen Telegraphen und der Kellner kam … »Wir wollen Sekt trinken!« lachte sie, und in ihrer Heiterkeit klang schon das Girren eines leisen Rausches, »natürlich französischen!« Sie bestimmte die teuerste Marke.
»Den zahle ich!« setzte sie hinzu, als der Schwarzbefrackte hinter der Gardine verschwunden war.
Zum erstenmal stieg es in ihm auf, wie leise Ungewißheit. Aber dann kam der Kellner, brachte den Champagner, goß ihn in die funkelnden Schalen und zog sich wieder diskret zurück.
Da hob sie das schäumende Glas ihm entgegen und sagte mit ihrem sonnigsten Lächeln:
» Na prost, Fritze!«
Hätte sich das schöne Mädchen urplötzlich in einen Kriminalbeamten verwandelt, der statt der Sektschale die blecherne Erkennungsmarke emporhielt, der imitierte Baron hätte nicht entsetzter emporfahren können!
»Na ja, du dummer Kerl!« lachte sie leise, »kennst du wirklich die Mietze Müller nicht mehr? Du bist doch mein erster Bräutigam jewesen un hast Äppel un wer weiß was sonst noch alles für mich jemaust!«
Da fiel er, als habe er plötzlich sein Rückgrat verloren, auf den Stuhl nieder.
»Du bist det? … Mensch, ick denke, mir laust der Affe! … Du?! … Na, komm doch mal her! Laß dir doch mal 'n bisken jenauer bekneisten!«
»Pst!« machte sie und rückte vor seinen zudringlichen Fingern ein Stück fort, »das Berühren der Figüren mit den Pfoten is verboten … Wir können uns ja auch so ganz gut unterhalten! Und den Traum, daß ich 'ne verlaufene Kommerzienratstochter mit offenem Herzen und dito Portemonnaie bin, den haste doch nu hoffentlich ausgeträumt! … Ich bin die Gräfin Wanda Piokkowska, zu dienen, oder auch die Baronin Maria von Hochfelde, ganz wie Eure Gnaden belieben!«
Dabei verneigte sie sich mit vollendeter Anmut und trank abermals ein ganzes Glas Sekt.
Er blieb ihr nichts schuldig, stellte sich unter den verschiedenen Titulaturen vor, die ihm geholfen hatten, die dummen Adelsanbeter hinters Licht zu führen und zu begaunern.
»Aber ich hätte dich nie wiedererkannt, Mietze!« wunderte er sich ganz ehrlich.
»Ich dich aber sofort! … Schon auf der Bank im Tiergarten. Und den ganzen Weg habe ich mich auf dein dummes Gesicht gefreut, wenn ich loslegen würde als Mietze aus'n Produktenkeller … aber der Sekt is alle! Die nächste Pulle gibst du, hörste?!«
Er lachte geschmeichelt, daß sie ihn als Kollegen anerkannte, rief den Kellner, der mit jener Schnelligkeit, die in gut geleiteten Lokalen oft so überraschend wirkt, den Wein brachte.
Sie zechten wacker und erzählten sich ihre Lebensschicksale, besonders das noch so junge Mädchen hatte mit ihren stupenden Gaunerstreichen die Behörden aller Länder – bisher allerdings vergeblich! – in Bewegung gesetzt. Und so gut ihr Jugendfreund das Trinken verstand, sie war ihm auch darin über. Eben bestellte sie die dritte Flasche, als in der Nachbarnische Stühle gerückt wurden. Offenbar ließen sich auch dort Gäste nieder.
Der Pseudobaron machte seine Freundin darauf aufmerksam. Sie winkte nur mit ihrer niedlichen, von Juwelen funkelnden Hand:
»Ich kenn' das Lokal! Hier stört uns keiner!«
»Na denn los!« meinte er, sie mit seinen dunklen Augen verschlingend, »aber 'n Kuß könntste mir doch wenigstens geben!«
»Kost' tausend Mark!« schnarrte sie, »äh, lieber Freund, hat auch jar keinen Zweck! wahrhaftig nich!«
Durch ihr Widerstreben erst recht verliebt gemacht, drang er so lange in sie, bis sie ihm den Kuß – aber auch nur den einen! – versprach, wenn er ihr ein wirklich gelungenes Gaunerstückchen erzählen würde.
Er überlegte. Was er bisher zum besten gegeben hatte, war fast nur Phantasie. Es widerstrebte seiner mißtrauischen Natur, selbst der Kollegin vom Fach gegenüber mit seinen wahren Erlebnissen herauszurücken. Er hatte sich ihrer, als einer Kinderbekanntschaft, auch absolut nicht erinnern können; aber er sagte ihr das nicht, weil er ihr den Vorzug des so viel besseren Gedächtnisses nicht lassen wollte … Trotzdem, sie war zu reizend! … Und der reichlich genossene Sekt tat seine Wirkung, löste die Hemmungen der Vorsicht und der Angst vor Entdeckung in seinem Hirn. Sollte er wirklich morgen Berlin verlassen, ohne diese entzückende Jöhre geküßt zu haben? … Und dann, er konnte ja die Namen und Ortsbezeichnungen weglassen bei seiner Geschichte! Denn nun kitzelte es ihn, den großen Loup zu erzählen, den er erst vor drei Tagen hier ausgeführt und der ihm die Taschen mit braunen Lappen vollstopfen sollte bis obenhin! … Er horchte noch einmal nach der Nebennische hin, dann fing er an mit seiner Geschichte.
Er hatte durch Zufall die Bekanntschaft eines Mannes gemacht, der offenbar auch durch Diebstahl oder Schwindel in den Besitz eines Pfandscheines über ein Perlenhalsband von immensem Wert gelangt war. Diese Kostbarkeit war von einer hochstehenden Person lombardiert und von dem, der darauf Geld geliehen hatte, für anderthalbtausend Mark versetzt worden. Dieser letzte schien den Verlust des Pfandscheines noch nicht einmal gemerkt zu haben, oder er konnte aus sonst einem verzwickten Grund nicht eingreifen – genug, der einstige Kartonarbeiter Fritz Becker hatte ihn in seiner Tasche, diesen wundervollen Perlenschmuck, den er der Freundin jetzt zeigte.
Mariechen war hingerissen! Sie legte die herrlichen Orients, die so tadellos gleichmäßig und fleckenrein waren, um ihren schönen Hals, drehte sich um und bewunderte echt weiblich ihre verdoppelte Schönheit in dem kleinen Nischenspiegel. Dabei warf sie ihr Sektglas vom Tisch, das klingend zerbrach …
»Und der Kuß?« drängte der Hochstapler.
In diesem Augenblick teilten sich die Portieren der Nische, ein nett aussehender Herr stand dazwischen, in der Rechten einen gespannten Browning, der sagte:
»Ich bedaure unendlich, meine Herrschaften, Sie in Ihrer angenehmen Unterhaltung stören zu müssen! Aber Pflicht ist Pflicht! Sie werden mir hoffentlich mein Amt nicht erschweren … ich bin Kriminalkommissar!«
Nun traten hinter dem ersten noch zwei Männer in die Nische, die mit fabelhafter Geschicklichkeit dem Pseudobaron die stählernen »Armbänder« um die Handgelenke legten … Der war ganz fassungslos und blickte verstört auf seine schöne Freundin!
Die winselte vor Angst! »Herr Kommissar! … Ach nein, bitte, bitte … ich … ich doch nicht! … nich wahr, Liebling,« sie wandte sich an den Gefesselten, »ich habe doch nichts … ich habe doch nichts getan!«
Den »Liebling«, der jetzt heftig protestierte und nicht mit wollte, zogen auf einen Wink des Kommissars die Beamten schnell hinaus.
Und sofort änderte sich die Szene:
»Was sagen Sie nun, Herr Kommissar, habe ich das Ding nicht glänzend gefingert? … wie? … das soll mir mal einer nachmachen!«
»Vor allen Dingen geben Sie erst mal das da her!« sagte der Beamte und half der Blonden das Schloß der Perlenkette lösen; »so … das hat uns wahrhaftig Mühe genug gekostet!« Er schob es mit dem auf dem Tisch stehenden Etui in die Brusttasche, »aber alles, was recht ist, Sie haben Ihr Geld verdient!« Er nahm aus seinem Portefeuille ein paar Scheine und reichte sie ihr. »Mein Kompliment, Mademoiselle, Sie sind ein Satan!«
Die süße Blonde knixte tief: » Merci bien, Monsieur! Wenn Sie wieder mal etwas brauchen!«