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(Nürnberger Geschichte.)
Von * * * *
In dem Wirthshause zur goldenen Ente in der alten Reichs- und Handelsstadt Nürnberg hatte sich an einem Sonntag in der ersten Hälfte des Jahres 1632 eine fröhliche Zahl von Gästen eingefunden. Alt und Jung saß scherzend und zechend hinter den stattlichen Weinkrügen, deren überflüssige Zahl, silberhell aufgeputzt, als Zierde an dem die Wände bekleidenden Getäfel aufgesteckt war. Während die Ersteren mit gespannter Aufmerksamkeit und sichtlichem Behagen den Erzählungen des Besitzers der Wirthschaft zu lauschen kamen, während sie dem weit in der Welt herumgezogenen jetzt in die Gebirge des wilden Skandinaviens, jetzt zu dem von Ungläubigen bewohnten Lande der Sarmaten folgten, hatten die Jüngeren nicht minder Ursache, sich in der Schenke zur goldnen Ente eben nicht zu langweilen. Des Wirths Töchterlein, eine schmucke Maid von 18 Jahren, war der Magnet, der die reichsstädtische Jugend nach dem Bergauerplatze zog, der hier den Sohn des begüterten Handelsherrn, des ahnenstolzen Patriziers, zum Gesellschafter des schlichten Nachkommen eines
wackeren Fabrikanten, eines thätigen Handwerksmannes machte.
Und in der That, wer das Mädchen sah, dem mußte sie gefallen. Niedlich aufgeschürzt, das dunkle Haar unter dem goldverzierten Häubchen, das Auge lebhaft und munter in die Welt blickend, den klirrenden Schlüsselbund an der Seite, – die Mutter war schon längst todt – so schaltete sie fröhlich im reinlichen Hause und erleichterte dem alten Vater die Beschwerden der Wirthschaft. Sobald der Hahn mit frohlockenden Tönen den herandämmernden Tag bewillkommte, verließ auch Gertrud das spätgesuchte Lager, um das Gesinde ebenfalls zur Thätigkeit zu ermuntern. Dann ging es an's Reinigen und Putzen des Hauses vom obersten Dachstübchen bis zur Thürschwelle und erst als Frühstück und Mittagsmahl besorgt, der nöthige Einkauf für die nächsten Tage gemacht war, dann nahm sie die Spindel zur Hand, Schreine und Behälter zu füllen mit schneeigem Linnen. Wenn der Abend herbeikam und die Stube sich mit Gästen füllte, rückte sie den sammtgepolsterten Lehnstuhl zum schweren eichenen Tisch, damit der Vater auf seinem Lieblingsplätzchen nochmals im Kreise der Freunde und Nachbarn die fröhlichen Tage seiner Jugend durchleben könne. Unterdessen füllte sie behend und geschäftig die geleerten Krüge der Zecher und gab sie mit sittlichem Anstand Bescheid. Glaubte aber dann und wann ein schmuckes Junkerlein bevorzugt zu sein unter der Schaar der Verehrer der schönen Gertrud, schlich er ihr nach auf den Tennen, um dort heimliche Zwiegespräche zu halten mit dem Mädchen, ihr vielleicht ein gülden Ringlein oder sonstigen Tand zuzustecken, dann zogen sich die dunklen Brauen des kleinen Trotzkopfes ernst zusammen und mit wenigen Worten mußte der Hoffende die ungünstige Entscheidung seines Schicksals hinnehmen. Denn die Tochter des alten Gerhard Burgmann hatte längst schon ihr Herz verschenkt und hing mit treuer Liebe an dem Geliebten, der bereits vor zwei Jahren fortgezogen war, sich das einzige Kind des alten Eisenfressers mit dem Schwert in der Faust zu erkämpfen. –
So war auch heute wieder die Wirthsstube angefüllt mit Alt und Jung und Vater Gerhard saß, sein Pfeifchen schmauchend, mitten unter ihnen. Das Gespräch stockte Anfangs, wie es immer der Fall in Gesellschaften ist, wo sich täglich neue Gesichter begegnen. Erst als der Wein das Seinige zur Belebung beigetragen, kamen allmählich Stadtneuigkeiten an die Reihe, bis sich diese zu politischen Neuigkeiten ausdehnten und Gustav Adolf, der Schwedenkönig, der Erzählungen Mittelpunkt wurde. Man erzählte sich seine glänzenden Heldenthaten am Rhein und in Bayern, man sprach die Besorgniß aus, daß er wohl nicht zeitig genug zum Entsetzen Nürnbergs erscheinen möchte; denn nicht zweifelhaft war es mehr, daß die Vereinigung des Churfürsten Maximilian von Bayern mit Wallenstein, dem Generalissimus der kaiserlichen Heere, in Eger, sowie deren schneller Zug in die Pfalz, zunächst dem Horte des evangelischen Glaubens in Franken, dem mächtigen Nürnberg gelte. Angst und Besorgniß erfüllte die meisten Gäste; das fürchterliche Schicksal Magdeburgs trat vor ihren Geist; nur der Besitzer der goldnen Ente war weit entfernt, ähnliche Sorgen blicken zu lassen.
»Potz Hellebarden!« rief er aus; »glaubt Ihr, der große Schwedenkönig lasse den Friedländer schalten und walten, wie es ihm beliebt? Glaubt Ihr, es sei ihm nicht mehr an einem Verbündeten gelegen, als daß er ihn mir nichts Dir nichts wegschnappen lasse, von jedem, der Verlangen darnach trügt? Pah! Gustav kommt, das behaupte und beschwöre ich so fest, als mein Name Gerhard Burgmann ist.«
»Es muß ein gewaltiger Mensch sein,« bemerkte einer der Nachbarn, ein ehrlicher Schuhmacher, »denn man erzählt sich gar wunderliche Dinge von ihm.«
»Ja!« warf der feiste Metzger Trautwein ein, »mein Bruder, der unter Tilly gegen ihn bei Leipzig focht, versicherte und schwur mir es hoch und theuer, daß er gefeit ist auf Schuß und Hieb.« »Und daß er ein Regiment zu seinem Schutze stets um sich hat, eine riesige Schaar von Eisenmännern, welches leibliche Abgesandte des Gottseibeiuns sind!« rief der Schwertfegermeister Stoßer.
»Possen!« polterte Burgmann, »Possen über Possen! Er ist ein Mensch gleich uns, aber er ist ausgerüstet mit Muth und Tapferkeit, mit einem edlen Herzen, mit königlicher Milde; er ist der Cherub mit flammendem Schwert, gesendet, die Pfaffenbrut zum Teufel zu jagen, Deutschland, unser armes Vaterland, von der seit vierzehn Jahren wüthenden Kriegsgeißel zu befreien, ihm den Frieden zu geben, und das Regiment, welches ihn umgibt, sind die finnländischen Kürassiere, wahre Teufel, wenn sie dem Feind auf dem Kragen sitzen; ich war einst unter ihnen!«
»So habt Ihr den König schon gesehen?« rief Trautwein.
»Ob ich ihn gesehen habe?« versetzte der alte Krieger begeistert. »Potz Hellebarden! wenn man täglich und stündlich den Feind auf's Korn nimmt, daß man das Weiße seines Auges unterscheiden kann, – wenn die Trompeten zum Angriff blasen, der König lustig voran, – da soll man ihn nicht sehen? Gesprochen habe ich mit ihm, an seiner Tafel habe ich schon gespeist.«
»Erzähle!« rief die Versammlung.
Burgmann, der jetzt im Begriffe war, sein liebstes Thema zu verhandeln, schob das Sammtkäppchen vom linken Ohr auf die Mitte des Hauptes, – ein Beweis von besonders guter Laune – leerte den Rest seines Kruges, den die aufmerksame Gertrud zu füllen ging, und begann:
»Ihr wißt bereits, daß ich vor etlichen dreißig Jahren ein unnützer Bursche war, der sich nicht im Elternhause gefiel, wo es täglich Rippenstöße und Fausthiebe vom strengen Vater regnete, ob der tollen Streiche des jungen Gerhard, sondern der sich hinaussehnte in das lustige Treiben der Welt. Ihr wißt, daß ich gen Böheim zog, wo der Erzherzog Matthias sich anschickte, seinem, astrologischen Träumereien, aber durchaus nicht dem Wohl des Kaiserreiches ergebenen, Bruder Rudolf den Zweiten, des Reiches Scepter zu entreißen; daß ich dann nach beigelegter Fehde, gegen die Ungläubigen kämpfte in Ungarn und Siebenbürgen. Da aber der Krieg schlecht und langsam geführt wurde, der Soldat im gesegneten Lande Hunger leiden mußte, während die Häupter schwelgten, so benutzte ich den eben eingetretenen Waffenstillstand, meinen Abschied zu fordern und zog dann nach Schweden, wo der jugendliche Gustav Adolf seinem Vater auf dem Throne gefolgt und von Dänemark, Rußland und Polen hart bedrängt war. Die schwedische Politik, einen gewandten Lenker an der Spitze, suchte schnell die Dänen und Russen, wenn auch mit Schaden, zufrieden zu stellen; alsdann zogen wir aus gegen die Polen, ich als Reiter in einem Kürassierregiment, der junge Held Gustav an unserer Spitze.«
»Wir waren siegreich; ganz Livland fiel in unsere Gewalt. Einmal geschah es, daß ich in der Nähe von Dorpat mit noch etlichen zwanzig Mann auf einen Vorposten kommandirt war, drei Büchsenschüsse von der polnischen Armee; die gefährlichste Position meines Lebens! Wir hatten ein kleines Gebüsch in Besitz genommen, welches uns den Augen der herumspähenden Feinde verbarg. Etwa sechzig Schritte davon zog sich eine kleine Anhöhe nach der entfernteren Meeresküste hinab und auf der entgegengesetzten Seite lagerten die Polen. Gustav hatte die Hälfte seines Heeres auf einem weiten Umweg zur Umgehung, des Feindes abgesendet und der morgende Tag sollte ihm den Todesstoß geben. Aber die Polen mochten Wind von der Sache erhalten haben, denn sie beschlossen, uns in der Nacht zu überfallen, ehe die abgesendeten Truppen ihr Ziel erreichen würden. Wäre der Anschlag gelungen, so würde der Held Gustav schwerlich auf deutschem Grund und Boden stehen.«
»Also, wie gesagt, wir befanden uns auf dem Vorposten in der kritischsten Lage. Es mochte gegen Mitternacht gehen, als ein dumpfes Summen und Brummen von der polnischen Armee herüber zu unsern Ohren drang. Wir horchten auf, rühren durften wir uns nicht, die geringste Bewegung konnte uns verrathen. Weil das Geräusch immer merklicher wurde, so bat ich endlich meinen Offizier, mir zu erlauben, ein wenig auf Recognoszirung auszugehen, und kroch, nach der Gewährung meiner Bitte, auf Händen und Füßen zu der kleinen Anhöhe, von wo aus man den größten Theil des feindlichen Lagers überblicken konnte. Ich sah nichts, denn sie hatten wohlweislich die Wachtfeuer ausgelöscht, aber, mit dem Ohr auf dem Boden liegend, vernahm ich das behutsame Näherrücken von vielen Menschen. Im nächsten Augenblick mußten sie an der Stelle sein, wo ich lag. Wie eine Eidechse schlüpfte ich jetzt durch die Gebüsche und über das Gerstenfeld, rapportirte eiligst Das, was ich gehört, und sogleich darauf sprengte einer der Unsern nach dem, eine Stunde entfernten Hauptquartier, die Schläfer zu den Waffen zu rufen. Fast wäre es zu spät gewesen, denn schon sahen wir uns von dem Vortrab des Feindes umringt. Es entspann sich ein wüthender Kampf; die Rettung des Heeres und des Königs hing davon ab, den Andringenden nur einige Minuten die Spitze zu bieten. Als in einem Nu der größte Theil meiner Kameraden der Uebermacht erlegen war, erhielt auch ich einen Schuß durch dem Arm in die rechte Seite, fiel vom Pferde und wußte fürder nicht mehr, was um mich her vorging.
Nach Verlauf dreier Tage fand ich mich, zur Besinnung gekommen, im Feldlazareth wieder. Meine jugendliche Kraft besiegte die Gefahr, in der mein Leben schwebte, allein zum Soldaten war ich für alle Zeiten untauglich, – mein durchschossener Arm war und blieb steif. Nach langem Sinnen, welcher Plan meinem zukünftigen Leben angemessen sein möge, entschloß ich mich endlich, nach der lieben Heimath zurückzuwandern und in ihrem Schooße die andere Hälfte meiner Tage zu verleben, sobald die Stunde meiner vollständigen Genesung da sei. Diese Zeit erschien bald. Da erhielt ich, den Tag vor meiner Abreise, Befehl, zur Mittagsstunde im Hauptquartier zu erscheinen. Subordinationsmäßig, wie es einem braven Soldaten geziemt, harrte ich zur bezeichneten Stunde vor dem königlichen Zelt. Nachdem verschiedene Adjutanten abgefertigt waren, hörte ich innen die Worte: ›Bringt mir den deutschen Bären herein!‹ und in demselben Augenblick bedeutete mir der wachthabende Offizier, einzutreten. – ›Du bist ein wackerer Bursche!‹ rief mir der junge Held Gustav entgegen; ›Du Verdienst einen besseren Platz, als den eines gemeinen Reiters und es thut mir wahrhaftig leid, daß Dich polnische Hinterlist zu meinem Dienst untauglich gemacht hat. Sei getrost, Junge! Du hast Dir die Anerkennung jedes tapferen Schweden erworben und ihr König vergißt geleistete Dienste nie. Nimm hier dieses Schwert, ziehe heim in Dein Vaterland und sollte es einst bedroht werden von feindlicher Macht, so sei vielleicht Dein linker Arm noch fähig, es zum Andenken des Dir gewogenen Schwedenkönigs zu führen.‹
So sprach er, gab mir einen mächtigen Flamberg, und, nachdem mir die Ehre zu Theil wurde, an königlicher Feldtafel zum letzten Male in Schweden zu speisen, überreichte mir der Kriegszahlmeister auf Befehl seiner Majestät zweihundert spanische Dublonen als Reisegeld.
»Freilich fiel mir der Abschied von den tapferen Kameraden schwer, aber es mußte sein, und so betrat ich nach Verlauf von zwölf Tagen den deutschen Boden wieder. Daß ich dann heimzog, mir ein trautes Weib nahm und eines, zwar kurzen, aber süßen Glückes genoß, wißt Ihr ja Alle selbst.« –
»Bravo, Vetter!« rief der dicke Pfragner Gerstenlaub vor der andern Seite des Tisches herüber; »wenn der König zu uns kommt, macht Ihr ihm Eure Reverenz; er gedenkt sicherlich noch der Geschichte.«
»Woll'n sehen,« schmunzelte der alte Gerhard. »Dergleichen Leute haben immer so viel zu denken und zu thun, daß sie solche Kleinigkeiten gern vergessen. Ueberdieß sind ja auch schon neunzehn Jahre seit der Affaire bei Dorpat verlaufen. – Gertrud, eingeschenkt!«
Sobald das Mädchen gethan, wie ihr geheißen, stand Burgmann auf und sprach: »Jetzt, Freunde, laßt uns Gott danken, daß er uns in dem schwedischen Helden einen Beschützer gesendet hat; ohne ihn gäbe es keine Lutheraner mehr im deutschen Reich. So recht von Herzen breche ich deshalb in den Ruf aus: Es lebe Gustav von Schweden!«
Ein jubelndes Vivat und das Leeren aller Krüge war der Gesellschaft Erwiderung.
»Und nun noch Eins, liebe Nachbarn. Heute wurde mir ein Brief zugestellt; geschrieben von einem Flüchtling, der bei den Meisten von Euch wahrscheinlich schon längst verschollen ist; von wem meint Ihr wohl?«
Die Gäste riethen hin und her, keiner traf es.
»Wohlan, so will ich es Euch mittheilen,« sprach Burgmann lächelnd. »Von Gerhard Ammon, dem Sohn meines verstorbenen Gevatters drüben beim Lauferschlagthurm.« –
»Gertrud! Da geblieben! Der Brief geht auch Dich an!« rief er eifrig, als er bemerkte, daß das Mädchen mit glühenden Wangen hinausschlüpfen wollte. – Behutsam zog er jetzt aus dem ledernen Futteral die silbergefaßte Brille, steckte sie auf die Nase und las das hervorgezogene Schreiben.
»München, den 22. Martii des Jahres 1632. Liebster Herr Pathe! Ihr werdet Euch wundern, daß Ihr seit siebenviertel Jahren nichts von mir gehört habt; vielleicht glaubtet Ihr, ich sei schon längst todt. Allein ich hielt treu an Dem, was Ihr mir zu wissen thatet, als ich, die Gertrud als Weib heimzuführen, zu Euch gekommen war. »Wir haben jetzt eine böse Zeit.« sagtet Ihr zu mir, »wo das Weib eines Beschützers nöthig hat, der das Schwert zu führen versteht. Schlage Dich ein oder zwei Jahre herum für Deinen Glauben, dann komme wieder und das Mädel ist Dein; nicht früher und nicht später.« – Bei Breitenfeld machte ich meine erste Waffenprobe, am Lech wurde ich Gefreiter und in wenigen Wochen ziehe ich mit den Schweden in Nürnberg ein. Daß mir meine Gertrud treu geblieben ist und Ihr mir das Wort haltet, glaubt zuversichtlich Euer Gerhard.« –
»Nun, Mädel, was sagst Du dazu?«
Gertrud schlug die Augen zu Boden, allein kaum war sie fähig, die Freude ihres Herzens vor den Augen der Gäste zu verbergen. Ein lauter Jubel brach unter diesen aus und Gratulationen zu einem so braven Schwiegersohn häuften sich auf Glückwünsche. Unter diesen Gesprächen war der Abend verstrichen und der Stadtweibel gebot um die zehnte Stunde der Nacht Entfernung aus den Wirthshäusern.
Treu war der schwedische König seinem gegebenen Worte nachgekommen; der 28. Junius des Jahres 1632 sah ihn mit seinem gefürchteten Heere vor den Thoren der befreundeten Stadt, ohne daß Wallenstein sich gerade Mühe gegeben hätte, ihm vorzukommen. Daß der Einzug des königlichen Beschützers auch Freude in das Haus des Schenkwirths Burgmann brachte, war nach dem Brief seines Taufpathen Gerhard wohl nicht anders zu erwarten.
Sobald dessen Regiment das Lager vor dem Spittlerthor bezogen hatte, nahm auch der junge Krieger Urlaub von seinem Hauptmann. Nicht länger vermochte er dem sehnsüchtigen Verlangen der Liebe zu widerstehen, mit Macht trieb es ihn hin zum Hause der Geliebten. Er kam nicht unerwartet. Schon den ganzen Morgen saß der alte Burgmann vor dem Fenster; dicker quollen die Rauchwolken aus der bunten Türkenpfeife, einer Beute des mitgemachten Krieges gegen die Ungläubigen, als endlich der Ersehnte um die Ecke bog und mit schnellen Schritten dem Hause zueilte. Allenthalben öffneten sich die Fenster neugieriger Nachbarn, den stolz einherschreitenden nordischen Krieger zu bewundern. Ein breitkrempiger Hut mit wallender rother Feder, ein gelber, kurzer Rock, eingefaßt mit blauen Streifen, weite blaue Hosen, zusammengezogen dicht unter den Knieen, lichtblaue Strümpfe und massiv gearbeitete Schuhe machten seine Kleidung aus. Ein breites kurzes Messer hing am ledernen Wehrgehänge. Während die Linke an dem Griff der Wehr ruhte, hatte die Rechte den Schaft einer mächtigen Partisane gefaßt, die nachlässig über die Schulter geworfen war. Langes, blondes Haar floß in ungekünstelten Locken über die Schultern herab. Sein Antlitz war wenig geröthet, aber ein paar große, blaue Augen sahen frei und muthig in die Welt. In seiner Miene lag ein männlicher Trotz, verbunden mit Kühnheit und Kraft. So war der Soldat aus dem Regiment »Gustav Horn« beschaffen, der jetzt zu dem Hause seines Pathen hinanschritt.
»Teufelsjunge!« rief ihm der Alte entgegen, ehe noch Gerhard die Thüre hinter sich geschlossen hatte. »Du ziehst ja so stattlich durch die Straßen, daß man schier meint, es sei der große Schwedenkönig in eigener Person!«
»Gott zum Gruß, Herr Pathe!« versetzte Gerhard, indem er seine Waffen ablegte; wie geht's Euch? immer noch recht gesund?«
»Wie ein Fisch im Wasser, Herr Gefreiter!« rief Burgmann launig und mit einem Anstrich militärischer Förmlichkeit. »Niedergelassen in meinen vier Pfählen; Gertrud! einen Krug Wein für den Gerhard!«
Bei diesen Worten öffnete sich die Küchenthür und das in Aufregung rothe Mädchen trat, sittig die Augen zu Boden schlagend, herein. »Grüß' Euch Gott Herr Ammon!« lispelte sie; doch eben so schnell war ihr Gerhard entgegengetreten und sprach: »Wie Gertrud? Euch? und Herr Ammon? Bin ich denn nicht mehr Dein Freund Gerhard, Dein Geliebter?«
Da schlug das Mädchen das dunkle Auge zu ihm auf, um in seinem Gesicht zu lesen, ob er ihrer noch immer mit früherer Liebe gedenke.
»Ziere Dich nicht, Mädel!« rief ihr Vater dazwischen, »Gerhard ist Dir treu geblieben, oder ich müßte mich in ihm verrechnet haben; gib ihm einen Ehrenkuß zum Empfang, wahrlich er hat ihn verdient.«
Dem Befehl war schon treulich nachgekommen, ehe der Vater geendet hatte.
»So!« fuhr er fort, »und nun hole einen Trunk und einen Imbiß für den Herrn Gefreiten; dann setzt Euch her zu mir und Gerhard mag erzählen.«
Es war noch keine halbe Stunde verlaufen und der junge Mann sah sich da wieder heimisch, wo er nach dem frühen Tode seiner Eltern, als das Kind vom Hause betrachtet wurde. Lustig scherzte er wieder mit Gertrud, durchlief mit ihr nochmals die freundlichen Scenen der Jugend, erinnerte sie an Begebenheiten, als sie seine Eifersucht rege gemacht hatte und der Vater belächelte zufrieden die Traulichkeit seiner Kinder. Denn erfüllt war jetzt, was er dem künftigen Gatten seines Kindes einst zur Bedingung gemacht hatte; sein Liebling war heimgekehrt als tapferer Soldat im Heere des tapfern Königs, und was die Hauptsache ausmachte, sein guter Genius hatte ihn glücklich über den ungeheuren Abgrund der Sittenverderbniß der Soldateska damaliger Zeit hinweggeleitet.
Nachdem er der Ausgelassenheit der Beiden lange zugeschaut hatte, sprach er endlich: »Jetzt, Herr Gefreiter, möchte ich doch wohl ein paar Worte mit Ihm reden, wenn's erlaubt ist. Es verlangt mich nämlich zu wissen, wie es Ihm ergangen und wo Er sich herumgetrieben, seit wir uns zum letzten Male gesehen haben.«
»Ja, erzähle Gerhard!« rief Getrud, kindlich die Hände zusammenschlagend, »ich höre gar so gerne von Kriegsthaten reden.«
Der junge Mann drehte die Spitzen des blonden Bartes, der Oberlippe und Kinn umschloß, wohlgefällig zusammen, that einen kräftigen Zug aus dem gefüllten Weinkrug und begann:
»Es war am 15. Junius des Jahres 1630 – ich weiß es noch ganz genau – als mir Euer strenger Wille die Bahn vorschrieb, die ich zu wählen hatte, als ich Nürnberg verließ und gen Sachsen zog, um das schwedische Heer in der Mark Brandenburg zu erreichen; – denn zum Schutze meines Glaubens wollte ich kämpfen, zur Erringung meiner Gertrud. Magdeburg hatte der Bayer Tilly zerstört und der »Schneekönig«, wie ihn die Herren in Wien nannten, zog herbei, dem Elenden die verdiente Strafe zu geben. Ich kam gerade noch recht, als schwedischer Lanzenknecht bei Breitenfeld meinen geringen Theil am Siege beizutragen und dann auf Windesflügeln mit dem König durch Thüringen und Franken an den Rhein zu eilen. Wir hatten wenig dort zu thun. Alles beugte sich vor dem schwedischen Löwen und wir waren froh, als Gustav sich entschloß, in die gesegneten Länder des Hauptes der Liga einzudringen. Am Lech hatte der alte Tilly Posto gefaßt, zur Vertheidigung der Länder seines Herrn. Aber wir setzten über den Fluß, brachen ein in die feindlichen Reihen und mit eigener Hand holte ich, von Kugeln umsaust, von Schwertern hundertfach bedroht, ein Fähnlein aus der Mitte der bayerischen Haufen.«
»Jesus Christus!« rief Gertrud zusammenschaudernd; aber ein Blick des gespannt aufhorchenden Vaters ließ sie verstummen und Gerhard fuhr fort:
»Es lief auch nicht ohne ab, dieses Wagniß, sie vertheidigten wacker ihr anvertrautes Panier und meine Brust könnte so manches Zeichen davon aufweisen. Durch den Sieg am Lech war uns der Weg nach München gebahnt, und im April dieses Jahres zog unser Regiment in der Residenz des stolzen Kurfürsten, in den Hort der Liga und des katholischen Glaubens, ein. Alles war jetzt überwunden, kein Feind wagte mehr, den schwedischen Waffen sich gegenüber zu stellen und so blieben wir außer Arbeit gesetzt; erst hier soll der Tanz von Neuem losgehen.«
»Pfui, Gerhard, welche abscheuliche Reden!« schmollte das Mädchen, aber der Alte rief begeistert: »Schweig, Gertrud und rede mir nicht in solche Sachen!« Und zu seinem Pathen gewendet, sprach er: »Bravo, Junge! Du hast Dich wacker gehalten und machst mir Freude. Komm an mein Herz, mein Sohn, denn Du verdienst, daß ich Dich nun so nenne.«
Nach einer herzlichen Umarmung fuhr er aber bedächtig fort: »Du hast die Bedingung, die ich Dir einst machte, treulich erfüllt. Jetzt, lieber Gerhard, mag es aber auch an der Zeit sein, für die Zukunft einige Sorge zu tragen, denn, daß Du nicht ewig schwedischer Waffenknecht bleiben willst und kannst, leuchtet Dir von selbst ein. Ich denke, daß Du um Deinen Abschied anhältst.«
Zweifelnd zuckte der junge Mann die Achseln. Trotz dem innigen Verlangen, die schöne Schenkwirthstochter bald sein nennen zu können, gefiel ihm das freie, ungebundene Leben im Felde zu wohl, um sich so schnell und unerwartet davon zu trennen. Deshalb sagte er nach kurzem Besinnen: »Ich bin gerührt, mein lieber Herr Pathe, von der Herzlichkeit, mit der Ihr mich wieder empfangen habt, aber – recht betrachtet – das Ding kann doch nicht so gehen, wie Ihr meint.«
Das heitere Auge des Alten zog sich merklich zusammen und das Gertrud's hing mit banger Erwartung an dem Munde des Geliebten.
»Ja, Herr Pathe, ich denke, es wird mit dem Abschiede wohl nicht so schnell gehen,« fuhr Gerhard zögernd fort.
»Und warum?« forschte Burgmann, sichtlich mißgestimmt.
»Seht, der König hält etwas auf Ehre und Muth. Bisher hatten wir es nur mit einem abgematteten und an seinem Glück verzweifelnden Feinde zu thun. Wie würde er es nun aufnehmen, wenn ich jetzt, wo dem Soldaten erst Gelegenheit gegeben werden soll, seine Tapferkeit zu beweisen, wenn ich jetzt auszutreten verlangte aus der Reihe seiner tapferen Schaaren? Mit welchem Gesicht würden mich meine Kameraden betrachten, wenn sie mich mit Hammer und Schurzfell in der Werkstätte sähen, statt unter ihnen zur Vertheidigung der Vaterstadt? Und ich selbst, sollte ich müssig daheim bleiben, wenn Alles sich drängt, mit Gut und Blut dem Helden beizustehen? Nein, Vater, das könnt und werdet Ihr nicht verlangen.«
»Junges, brausendes Blut!« sprach der Alte dagegen, »das die Sachen nur betrachtet, wie sie sind, nicht, wie sie werden können. Doch mir gefällt es, daß Du Dich nicht feige zurückziehen willst in den Zeiten der Noth. Wohlan, es sei! Bleibe noch in Deinem Regiment, bis der große Gustav die kaiserlichen Heerhaufen besiegt, bis er Nürnberg befreit hat; aber dann ist der Ehre genug geschehen, dann läßt Gerhard die Krieger weiter ziehen und bleibt daheim in seiner Vaterstadt.«
»Aber den ehrenvollen Abschied, werde ich einen solchen mitten im Kriege erhalten?« wandte der junge Waffenschmied ein.
»Dies sei meine Sorge, Junge. Jetzt sprecht miteinander, was Ihr sonst noch zu sprechen habt.« Mit diesen Worten stand er auf und verließ die Stube.
Kaum sahen sich die Beiden allein, so zog auch schon Gerhard sein Mädchen an's Herz und einige Küsse, weit kräftiger und anhaltender, als in Gegenwart des Vaters, besiegelten das schöne Wiedersehen. Endlich sprach Gertrud im schmollenden Tone: »Ich bin recht böse auf Dich, Gerhard, daß Du Dich nicht trennen willst von den rohen Soldaten, die sengend und brennend in der Welt umherziehen. Es hat mir gleich nicht gefallen, als Du fortzogst in die fremden Länder, aber da der Vater es nicht anders wollte und Du mich nicht eher heirathen solltest, so schickte ich mich darein. Doch jetzt solltest Du fein daheim bleiben und nicht erst abwarten, bis eine böse Kugel den Weg zu Deinem Herzen gefunden hat.«
»Närrchen!« versetzte Gerhard lachend. »Der Krieg ist zwar ein rauhes, schreckenverbreitendes Handwerk, aber es ist doch schön, zu kämpfen für das Höchste im Leben, für den Glauben, für die Liebe. Und wenn nun die Trompeten zum Angriff schmetternd blasen, wenn die Erde dröhnt unter der vordringenden Rosse Hufen, wenn Mann an Mann und Glied an Glied eindringt in des Feindes geschlossene Reihen, – die Kanonen spielen gar munter die Reigen, die Musketen krachen, der Schlachtruf: Die heilige Jungfrau! dort, hier, ein weitschallendes: Gott und Vaterland! ertönt, – da findet das Herz Lust am grimmigen Morden und der Gedanke an den Tod schwindet in der kampferglühten Brust. Naht er sich endlich auf seinen nächtlichen Schwingen, so ist es kein abschreckendes Gerippe mit Hippe und Stundenglas, – nein, es ist ein leicht beschwingter Knabe, den gefallenen Kriegern den Lorbeer des Ruhmes reichend.«
»Aber liebst Du mich denn gar nicht mehr?« fragte Gertrud traurig: »erscheint Dir denn die wilde Schlacht lieblicher als Dein daheim trauerndes Mädchen?«
»Ja, Gertrud, Du bist mein höchster Schatz. Um Deinetwillen ging ich dem Tod kalt und mit eherner Brust entgegen, Du warst mein Schutzengel im blutigsten Gewirre des Kampfes. Aber die Ehre ist das höchste Gut des Soldaten und so lange dieser Rock meinen Körper bedeckt, so lange der große König meinem Arm vertraut, muß ich ihr gehorchen. Darum getrost, mein Mädchen, sobald Wallenstein das Schicksal des Tilly getheilt hat, bin ich ganz der Deine und dann soll uns nichts mehr trennen.«
Gertrud schien eben nicht ganz zufrieden zu sein mit dieser Sentenz, allein der eintretende Vater gebot ihr, das Mittagessen vorzubereiten und so mußten sich beide auf einige Stunden trennen.
In einem Zimmer des schwedischen Hauptquartiers zu Lichtenhof ging Gustav Adolf noch sinnend auf und nieder. Vier Wochen waren bereits seit seinem Einzuge in Nürnbergs Mauern verstrichen und immer noch nichts zur Befreiung der Stadt oder zur Vertreibung des Feindes aus seinem Lager geschehen. Gleich dem Adler auf sicherem Felsenhorste lag sein ihm würdiger Gegner, der Herzog von Friedland, auf der Höhe des Altenberges bei Fürth und harrte lauernd des Augenblicks, wo sein ausgehungertes Opfer ihm zur Beute werden würde. Die Noth der Lebensmittel stieg von Tag zu Tag mehr in beiden Armeen und doch war weder die eine noch die andere gewillt, zuerst zu weichen. Zu schwach, um den Feind herauszufordern und in offener Feldschlacht die Spitze zu bieten, mußte sich der schwedische Held begnügen, ihn zu beobachten und zu schwächen. Zahlreiche Scharmützel entspannen sich deshalb oft zwischen Schweden und Kaiserlichen, aber sie waren nur Brodjagden und zu gering, um auf den Stand beider Heere einen sichtbaren Einfluß zu üben.
Da nahte sich endlich der Succurs, den Gustav so sehnlich erwartete. Die Herzoge Bernhard und Wilhelm von Sachsen-Weimar und der General Banner sammelten in Franken ihre theils alten, theils neu ausgehobenen Truppen und zogen unter der Anführung Oxenstierna's durch den Aischgrund und bald darauf glücklich im schwedischen Lager ein. Eben jetzt traten die Generale in das Zimmer.
Gustav empfing sie mit unverholener Freude. »Gott zum Gruß, liebe Vettern!« rief er den beiden Herzogen entgegen; seinen väterlichen Freund und Rathgeber, den Kanzler Oxenstierna, zog er aber an die Brust und dem wackern Banner reichte er die männliche Rechte. »Willkommen in Nürnberg!« fuhr er äußerst launig fort, »bei Gott! es ist die höchste Zeit, daß wir die Offensive ergreifen und der großen Noth ein Ende machen.«
»Glauben Ew. Majestät, daß Wallenstein sich bewegen lassen wird, seine festen Verschanzungen zu verlassen?« warf der Kanzler ein.
»Er muß!« rief Gustav heftig. »Wir zwingen ihn dazu! Und stellt er sich nicht uns auf freiem Felde gegenüber, so greifen wir an und werfen ihn aus seiner, wahrhaftig nicht uneinnehmbaren Position.«
»Ich möchte behaupten, Sire, daß dies ein heißer und, fast fürchte ich, ein unglücklicher Tag für uns werden wird,« sprach Herzog Bernhard.
»Wir haben keine Wahl!« versetzte der König, »Nürnberg darf nicht aufgeopfert werden, und müßig können wir so nicht länger bleiben. Deshalb muß es sich in Kurzem entscheiden, wer von uns Herr sein wird.«
Und nachdem er die angelangten Heerführer von der gegenwärtigen Lage der Dinge unterrichtet und im traulichen Gespräche die zukünftige mit ihnen besprochen und berathen hatte, entließ er sie äußerst zufrieden. Bald darauf meldete der wachthabende Adjutant, daß ein Nürnberger Bürger der Gnade harre, mit Seiner Majestät zu sprechen. Ein Wink des Königs und Burgmann stand vor dem Monarchen.
»Was wünscht Ihr, mein Freund?« redete ihn derselbe an, während er mit scharfem Blick den in soldatischer Haltung vor ihm stehenden Bürger musterte.
»Ich hatte einst die Ehre, Ew. Majestät nicht unbekannt zu sein,« versetze der Angeredete; »mein Name ist Gerhard Burgmann.«
»Burgmann?« widerholte Gustav; »Burgmann? Ist mir's doch, als sei mir schon einmal dieser Name vorgekommen.« Und nachdem er ihm noch schärfer in die freudeglänzenden Augen blickte, rief er plötzlich aus: »War's nicht im polnischen Kriege?«
»Getroffen, Ew. Majestät!« versetzte der alte Soldat, der seine Freude nicht mehr zu mäßigen vermochte. »Bei Dorpat war's, wo uns die polnischen Schurken meuchelmörderisch zu überfallen gedachten, und wo ich mir das geringe Verdienst erwarb, ihre schwarzen Pläne zu verhindern!«
»Willkommen, alter Kriegskamerad!« sprach Gustav, angenehm berührt durch die Erinnerung an seine ersten Waffenthaten. Als er im weichen Sessel sich niedergelassen, sprach er weiter: »Wohl, jetzt wird es mir ganz klar. Ihr lagt im Lazareth, nach Eurer Genesung sprach ich Euch.«
»Und reichten mir Dies zur unauslöschlichen Erinnerung an diese Stunde!« rief der Alte, indem er das unter dem Rock geschnallte Schwert eilig hervorzog.
Neugierig musterte Gustav die spiegelblanke Klinge.
»Ja, Majestät,« fuhr Burgmann feurig fort, »die Klinge war mein Heiligthum bis heute und wird es bleiben bis in die spätesten Zeiten. Haus und Hof hätten mir verloren gehen, tödten hätte man mich können, aber die Klinge wäre mir sicherlich geblieben. Meine Enkel sollen es noch ihren Enkeln erzählen und dieses Schwert soll der Schatz meines Hauses sein.«
Der König war gerührt von der Begeisterung des alten Degenknopfes und sprach: »Es freut mich, daß Ihr mein geringes Geschenk also in Ehren haltet, wackerer Mann. Führt Euch vielleicht sonst Etwas zu mir, außer der Begierde den alten Waffenbruder zu sprechen? Redet frei, vielleicht kann ich Euch nützlich sein.«
»Majestät!« versetzte der Wirth zur goldenen Ente, »wohl hätte ich von Ihrer Gnade noch etwas zu erbitten, nur wollen Sie in mir jetzt den ruhigen friedliebenden Bürger und nicht den ehemaligen Soldaten wiedersehen.«
Er schwieg; ein Wink des Königs gebot ihm fortzufahren.
»Ich habe ein Mädchen, die einzige Erinnerung an meine glückliche Ehe, das mehr, als es sein sollte, in meinen Pathen, den jungen Waffenschmied Gerhard Ammon verliebt ist. Das Mädel ist mein Augapfel, die Freude meiner alten Tage, und gegen den Jungen hätte ich sonst auch nichts einzuwenden. Schon vor zwei Jahren gedachte er meine Gertrud heimzuführen als sein Gemahl, aber ich meinte, er solle sich erst die Welt ein Bischen besehen, sollte wie ich, die Feinde seines Glaubens besiegen helfen und dann wieder kommen. Der Bursche hat hitziges Blut; des andern Morgens war er aus Nürnberg verschwunden und ich hörte nichts von ihm, bis er vor einigen Monden aus München die erste Nachricht von sich gab. Bei Breitenfeld, am Rhein, am Lech focht er unter Euer Majestät Fahnen und nun ist er hier, Euch dem Friedländer das Fell klopfen zu helfen.«
»Und seid Ihr damit nicht zufrieden?« forschte der König.
»Ich nicht zufrieden?« rief der Alte sich selbst vergessend aus. »Potz Hellebarden! Hätte ich nur zwanzig Jahre weniger auf meinem Rücken oder wäre dieser Arm hier im Stande, sich frei und kraftvoll zu bewegen – Ew. Majestät müßten mir schon erlauben, noch einmal für das theuere Vaterland auszuziehen. Nein, es ist etwas anderes. Der Junge will sich nicht von Ihnen trennen, will mir das Mädel sitzen lassen und Das ist es, was mir nicht gefällt. Ich meine, er hat seiner Ehre Genüge geleistet; aber nun soll er auch daheim bleiben und mir beistehen in der beschwerlichen Wirthschaft. Versteht sich, nicht eher, als bis seine Vaterstadt befreit ist von der Nähe des grimmigen Wallenstein. Nun glaubt er aber, es sei seiner Ehre nachtheilig, wenn er jetzt von den Fahnen liefe und nicht aushielte bis zum gesegneten Ende. Und da wollte ich Ew. Majestät bitten –«
»Ihn des Dienstes zu entlassen?« ergänzte Gustav mit zusammengezogener Stirne. »Ich liebe Das nicht. Ein Mann, der geschickt und gewandt das Schwert oder die Muskete oder die Picke zu führen weiß, gilt viel in schwerer Zeit und tief schmerzt mich sein Verlust. Doch wir wollen sehen. Ihr habt Euch vor langen Jahren verdient um meine Krone gemacht und um Euretwillen will ich nun eine Ausnahme von der Regel machen. Es sei. Wenn wir weiter ziehen, bleibt er zurück; bis dahin aber ist er Soldat. Gehabt Euch jetzt wohl, mein Alter; wahrscheinlich werden wir uns in diesem Leben nicht mehr wiedersehen.«
Mit freudeglänzenden Blicken küßte Burgmann dem erhabenen Monarchen die dargereichte Hand und verließ dann das Zimmer.
Im Hofe forschte er nach dem Lagerplatz des ersten finnländischen Kürrassierregiments, und als ihm die Schanzen vor dem Lauferthor als solcher bezeichnet worden waren, strich der ganz in den Erinnerungen der schönen Vergangenheit schwelgende Mann durch die weiten Lagergassen hinüber zu dem angegebenen Platze. Die Farbe des wohlbekannten Regiments leuchtete ihm schon von Weitem entgegen und mit klopfenden Herzen trat er zu den ersten Zelten. Aber nirgends begrüßte ihn ein bekanntes Gesicht und so eifrig er auch bemüht war, jeden ihm Aufstoßenden recht genau in's Auge zu fassen, so sah er immer nur fremde, unbekannte Menschen, die ihn neugierig, oft spöttisch betrachteten. Der gute Alte dachte nicht daran, daß er selbst zwanzig Jahre alter geworden war! – So hatte er einige Male die ganze Zeltreihe durchschritten, als er endlich trauernd zu einem der Eisenmänner trat. »Eine Frage, guter Freund«, redete er ihn an, »ist Euch unter diesem Regiment nicht ein Hauptmann Guldborg bekannt?«
Schweigend verneinte dieser mit einer Bewegung des Kopfes; nach einigem Sinnen sprach er: »Ich diene erst zwei Jahre, wollt Ihr aber Auskunft über frühere Zeiten, so geht da hinüber; der alte Wachtmeister, der dort auf der Bank sitzt und seine Pfeife raucht, hat seine sechsunddreißig Dienstjahre und kann Euch vielleicht etwas darüber sagen.«
Der biedere Nürnberger wandte sich an den, an welchen ihn der Krieger verwiesen. Er war, wie dieser sehr wohl bemerkt hatte, ein Mann, dessen Silberbart und weiße, dichte Brauen über dem funkelnden Augenpaar auf einen gewaltigen Sohn Martis deuteten. Fest und düster faßte er den Alten in das Auge, der jedoch, noch höflich erfreut über die Aufnahme, welche er bei dem großen Schwedenkönig gefunden, sich nur wenig um das mürrische Aussehen des greisen Recken kümmerte und frischweg an ihn die Frage nach dem Hauptmann Guldborg wiederholte. – Der Krieger sann eine Weile nach; dann zog er die kurze Stummelpfeife, der er bis jetzt gewaltige Rauchwolken entstoßen hatte, aus den Zähnen und sprach kurzen und eben nicht gar freundlichen Tones gegen den ehrsamen Wirth zur Ente halbgewandt: »Guldborg? – Hauptmann? – kann wohl des Namens mich noch erinnern – war ein gar tapferer Krieger.« – »War?« fiel Burgmann erschrocken ein – »er war, sagt Ihr?« – »Ganz recht«, setzte gleichmüthig der alte Küraßreuter fort, ruhig die Asche des Tabacks der Pfeife entklopfend und neu sie füllend – »wie gesagt und nicht anders: Hauptmann Guldborg war ein gewaltiger Streiter – er ist's nicht mehr.« – »So lebt er auch nicht mehr!« rief Burgmann, todtenblaß geworden, aus; »sagt, wann fiel er und wo und wie ist er gestorben?« stammelte er noch, mehr als er frug. »Wann? – mag sechs, acht Monde her sein – wo? – bei Dings da,« fuhr gleichgültig der Schwede fort, indem er mit dem Finger über den Kopf und seitwärts deutete, »bei Dings da war's – hol's der Henker! wer kann aber auch alle die Namen der vertrackten Nester im Hirne haben – da fuhr ihm eine spanische Kugel mitten durch die Brust – starb einen braven Reiterstod!« – setzte er nach einigen Secunden bei, dann wieder ruhig und behaglich seine Pfeife in Brand setzend.
Burgmann verlangte nichts weiter von dem greisen Soldaten; tieferschüttert wandte er schweigend sich ab und ging heimwärts durch die Zeltgassen, kaum mehr sich kümmernd des bunten Treibens im Lager, noch minder sich mehr ergötzend an demselben.
Düster und tief von Wolken umschleiert hob sich die Sonne des vierundzwanzigsten des Monats August 1632, denn Blutigem und wahrlich nicht Gottgefälligem sollte heute sie leuchten. Weit ab von Nürnberg zogen sich die Reihen der Zelte der Schweden, gegenüber den verbündeten kaiserlichen und churbayerischen Heeren. Von der Brücke bei Dambach bis auf zu Oberfürberg wehten die Banner des nordischen Löwen und nur ein kleiner Theil der Schaaren des »Schneekönigs« war zur Deckung der Verbindung der Armee auf dem rechten Ufer der Rednitz geblieben, nachdem in der Nacht von dem 23. auf den 24. des genannten Monats über Fürth, aus dem ein feindliches Korps vertrieben, gegen die alte Veste halbkreisförmig vorgerückt war. Reiterei und Pikeniere bildeten die Flügel des Angriffsheeres, in dessen Vordertreffen Artillerie und Musketiere standen, während im Zentrum seine Hauptkraft sich entwickelte, gedeckt von den Kanonen der tapfern Brigaden der Blauen und Weißen, der Grünen und Gelben. Und mitten unter den Tausenden und aber Tausenden war auch muthgeschwellter Brust und hochaufpochenden Herzens, der wackere Pathe des alten Burgmann, Gerhard Ammon. Sächsische Infanterie und Reiterei bildeten das Mitteltreffen, schottische und deutsche Regimenter waren in den Hintergrund der Scene des fürchterlichen Dramas gestellt, das bald nun zu Tod und Verderben so Vieler sich zu entwickeln drohte; die Nachhut des Heeres bildeten deutsche Eisenreuter. Gustav Adolf stand an der Spitze des linken Flügels, Herzog Bernhard befehligte den rechten, Torstenson die Artillerie. Wohl besetzt mit Karthaunen und Kanonen war die alte Veste, hohe Redouten deckten die Sperrmauer und Hackenschützen hinter denselben warteten des Angriffs der Gegner. Aber auch an den Ufern der Rednitz hin zogen sich Brustwehr und Bollwerk fest und sicher gebaut, und in dem Walde, gegen das Schloß lagen Musketiere des kaiserlichen bayerischen Heeres, sämmtlichen Regimentern entnommen, dreitausend an der Zahl. Im Ganzen waren 8000 Mann zum Schutze der Veste gestellt. Im Biberthal hatte die schwere Reiterei Posto gefaßt. Der »Regimentsverderber« Graf Gallas führte das Kommando auf dem Schlosse, nachdem, vor dem Sturm, Wallenstein es General Altringer übergeben hatte, der aber in dem entscheidenden Augenblicke von dem Friedländer anderwärts kommandirt war. Fünfhundert waren es, und Deutsche, die, nach andachtsvoll abgehaltenem Gottesdienste im schwedischen Lager, den Sturm gegen die Anhöhen eröffneten. Nieder sie schmetternd, spie der Kanonen Feuer auf sie herab; sie mußten weichen, ihr Führer, Oberst Burl, sank, tödtlich verwundet. Wiederum drangen sie vor, geführt vom Obersten Erich Hand; wiederum mußten sie weichen und ihr Führer hatte gleiches Schicksal mit dem, unter dessen Kommando der erste Angriff erfolgt war; auch Oberst Hand fiel, schwer verwundet, und in die Hände der Feinde. Er wurde gefangen nach Ingolstadt gebracht und starb dortselbst bald darauf an seinen Wunden.
Auch zum dritten und zum vierten Male ward der Angriff der schwedischen Heereshaufen, einer um den andern, zurückgeschlagen und Blut floß in Strömen hüben und drüben.
Da ward gestürmt, zugleich von dem schwedischen Zentrum und dem rechten Flügel der Männer des Nordens, welchem auch Gerhard beigesellt war und von Neuem wüthete Tod und Verderben und donnerten achtzig Kanonen Antwort dem Donner der feindlichen Geschütze. Zu gleicher Zeit brach kaiserliche Reiterei aus dem Thale der Biber hervor und hieb ein auf den linken Flügel der Schweden und fiel ihm in den Rücken. Und mitten durch die Brust geschossen sank Oberst Norstein, und rings um ihn niedergemäht lag seine Schwadron.
Ohne Stahlhantsch und seine finnischen Kürassiere, die mit den breiten Pallaschen die Friedländer zurück jagten und zusammenhauten, wäre des Tages Geschick auf diesem Punkte wohl gegen Gustav Adolf entschieden gewesen. Aber selbst diese Eisenreiter mußten dem mörderischen Feuer der Kaiserlichen, nach langem und furchtbarem Kampfe allmählich weichen und erst dem Oberstlieutenant Rüdinger gelang es, die Bayern und Oesterreicher wieder zurück in ihr Lager zu treiben, während jedoch Graf Fugger und seine Kürassiere, Söhne vom Inn und von der Isar, vor bis zur Brücke bei Dambach drangen. Aber auch ihn traf die Kugel eines schwedischen Musketiers; er fiel, gerieth in die Hände der Schweden und ward gefangen nach Nürnberg gebracht, wo er Tags darauf an seinen Wunden verschied.
Und Regimenter um Regimenter, hier Schweden, dort Kaiserliche, wurden zum Sturm wieder und wieder geführt, und Regimenter um Regimenter tränkten mit ihrem Blute die Erde, die erbebte unter dem Donner der Kanonen, unter dem Gerassel der jetzt ansprengenden, jetzt fliehenden Schwadronen.
Da wird auch ihnen das Kommando zum Stürmen zu Fuß, gleich den Uebrigen und zu Boden klirren die ehernen Massen; und vor schoben sie sich, Mauern von blitzendem Stahl, durch Worte der Führer zu Leben gewandelt, undurchdringlich, wie männiglich vermeint, doch nimmer undurchdringlich, wie eben es sich zeigt, den Eisenballen, welche die Reihen der Geschütze auf sie schleudern, reißend gräßliche Lücken. Selbst die ersten der Feldherren, hüben der König, drüben der Herzog betheiligten sich endlich persönlich am Kampfe, welch ersterer in solchem Ernst vorgegangen, sagt eine Chronik Nürnbergs, daß dergleichen in der Schlacht von Prag und Leipzig nicht geschehen.
Nach ungeheurer Mühe und ungeheuerem Verluste übersteigen die Schweden die ersten Verhaue des Feindes; aber im Walde lähmt sie auf's Neue die Tapferkeit der österreichisch Kaiserlichen und bayerischen Churfürstlichen Schaaren. So ist es Mittag geworden. Um drei Uhr dieser Zeit des Tages erobert Herzog Bernhard von Weimar, Schritt vor Schritt mit Blut erkaufend, eine Höhe, von welcher herab er das Lager der Feinde beschießen kann. Der Regen, der bereits Stunden lang gedroht, schießt in Strömen herab. Er macht die Wege unbefahrbar, und in ihrem Moraste versinken Mann und Roß; das Geschütz vermag nicht mehr vor, nicht mehr rückwärts gebracht zu werden. Endlich sinkt der Abend hernieder; bei den Schweden, wie bei den Kaiserlichen war Todesermattung eingetreten, das Unvermögen stillte das Schlachten. Es blies zum Rückzuge; schwedische Trompeten gaben das Signal. Die von dem Sachsen-Herzog erstürmte Höhe blieb von ihm besetzt. Noch begann ein Reitergefecht; es galt zur Deckung des Rückzuges; Torstenson fiel durch die letzten Schwerthiebe in die Hände des Gegners, der kaiserliche Oberst Kronberg starb den Heldentod. Da werfen sich Stahlhantsch und seine Finnen noch einmal dem Feinde entgegen, und unter ihrer blitzenden Klingen Schutz, zog Gustav Adolf von nun ab ungestört sich zurück, nach zehnstündigem Kampf, der Tausenden und aber Tausenden das Leben gekostet – und fruchtlos – mit Blut begonnen, mit Blut endete.
Wie aber Tausende, gefällt auf dem blutgetränkten Walplatze, zur ewigen Ruhe gebettet lagen, so wieder sahen Tausende auf ihm, blutend aus den ihnen geschlagenen Wunden, dem Tage entgegen.
Zu diesen zählte auch von Seite Schwedens General Boëtius, der, früher Gouverneur zu Peru, bestimmt gewesen, hier seines Lebens Ziel zu finden. Er starb zu Nürnberg und ward zu Wöhrd, einer der Vorstädte Nürnbergs, begraben. In der Kirche dortselbst konnte man bis noch vor wenigen Jahren sein Wappenschild mit vergoldetem Helme erschauen.
Fünf Tage später brachen die Kaiserlichen auf nach Forchheim und der in der Geschichte des dreißigjährigen Kriegs so denkwürdige Kampf, einer der mörderischsten des Kriegs, geschlagen bei der alten Veste, hatte keine Entscheidung gebracht. – Unter den Verwundeten der Schweden, wie draußen auf blutigem Felde sie lagen, Mann an Mann, war aber auch der Pathe des alten Gerhard, den wir verlassen, als er mit seinem Regimente gegen die Kaiserlichen anstürmte.
Die Kugel eines bayerischen Scharfschützen hatte ihn niedergeworfen und nahe daran war er, daß nimmer er seine Gertrud heimzuführen und ihr das Wort zu halten vermögt haben würde, wenn nicht sein günstiger Stern ihn eben noch zur rechten Zeit hätte auffinden lassen von dem Feldscherer, dem der Heilkunde wissentliche Männer aus Nürnberg Beistand leisteten. Einer derselben hatte Ammon erkannt. Er trug Sorge, daß der Verwundete vorsichtig gehoben und zu Wagen gebracht werde, der ihn dann in die Stadt und in das Haus seines Pathen brachte.
Die Wunden waren nicht lebensgefährlich; ein starker Blutverlust hatte das Meiste zu seiner Schwäche beigetragen. Nach Verlauf einer Woche war er so weit hergestellt, daß er sein Lager verlassen konnte, und als noch acht Tage um waren, ging er hinaus zu seinem Regimentsobersten, um die Entlassung aus dem schwedischen Heere zu verlangen. Die Sache ging besser als er gedacht hatte. Sein Kommandeur war bereits durch eine Ordonanz des Königs davon unterrichtet, und nachdem er ihm eine Belobung seines wackeren Betragens im Lager und vor dem Feinde gegeben hatte, überreichte er ihm ein großes Pergamentschreiben, versehen mit dem königlich schwedischen Siegel, ein Kreditiv ehrenvoller Entlassung aus schwedischem Dienste.
Es war an einem Montag, etliche Tage nach der unglücklichen Bestürmung des kaiserlichen Lagers bei Fürth, als es in dem Hause des Wirths zur goldenen Ente lustig herging. Die Verlobung des jungen Gerhard Ammon mit der Tochter des Schenkwirths wurde gefeiert und sämmtliche Freunde und Stammgäste des Hauses waren dazu geladen. Eine fröhliche Versammlung mitten in dem Getümmel des Krieges. Die Stube war festlich aufgeputzt; eine Tafel mit weißen Linnen bedeckt, sich biegend unter der Last der Gerichte, zog sich der Länge nach durch dieselbe. Obenan saß der Brautvater Gerhard Burgmann, zu seiner Rechten der junge Bräutigam, in seiner stattlichen Soldatentracht, zur Linken die Braut; ihnen folgten die Blutsfreunde, diesen die übrigen Geladenen.
Nachdem die Speisen abgetragen waren, griff Burgmann zum silbernen Ehrenpokale, füllte ihn mit Wein und sprach: »Verehrungswürdige Anwesende! Mein herannahendes Alter und die damit verbundene Aussicht auf baldigen Tod machen es mir zur Pflicht, mein Haus zu bestellen, ihm einen jungen rüstigen Mann, eine tüchtige Hausfrau zu geben, damit Alles wohl gehe. Und dieweil meine Tochter sich ihren zukünftigen Gespons aus freier Wahl erkoren hat vor langer Zeit, so füge ich ihre Hände mit Freuden ineinander und erkläre den ehrbaren Junggesellen Gerhard Ammon, Sohn des verstorbenen Waffenschmiedsmeisters Klaus Ammon, als verlobt mit der Jungfrau Gertrud Burgmann, meiner Tochter.«
Ein jubelndes Hoch, ein Tusch unterbrach ihn. Als sich der Jubel gelegt hatte, fuhr er fort: »Schwer liegt die Hand des Allmächtigen auf uns; das Kriegsungewitter hat uns schwer heimgesucht, und verbrannte Dörfer, zu Boden getretene Felder und giftige Seuchen sind dessen schreckliche Folgen. Deshalb bin ich gewillt, erst dann den Segen der Kirche meinen Kindern zukommen zu lassen, wenn der Himmel seinen Segen wieder unserer armen Vaterstadt schenkt; denn bis zum allgemeinen Frieden, fürcht' ich, vergeht noch manches Jahr. Doch Ehre und Preis sei dem Höchsten gebracht, der uns einen großen Helden sandte, um das ärgste Unglück von unserer Stadt abzuwenden. Deshalb laßt uns ihn feiern, den Retter unseres Glaubens, den Rächer der Unthaten der kaiserlichen Feldherrn. Hoch lebe Gustav Adolf, König von Schweden!«
Ein donnerndes »Hoch!« der Gäste machte die Fenster erzittern.
Während dieses in der Stube vorging, war ein stattlicher Mann, ganz in den weiten Soldatenmantel gehüllt, durch die Vivats der Gesellschaft angelockt, in den Tennen getreten, und hatte, gleich vielen Neugierigen durch die weit geöffnete Thür dem fröhlichen Treiben der Versammelten zugeschaut. Als es aber wieder etwas ruhiger geworden war, trat er hinein und sprach: »Dank Euch vom Herzen für die Erinnerung.«
Kaum hatte der alte Burgmann einen Blick auf die neue Erscheinung geworfen, als er mit den Worten: »Der große König selbst!« aufsprang und dem Monarchen zu Füßen stürzte. Die übrigen waren ebenso schnell von den Stühlen, und zogen sich ehrfurchtsvoll zurück.
»Aufgestanden, Alter, und den Platz wieder eingenommen, ebenso die übrigen Gäste,« sprach Gustav; »ich wünsche nicht, daß das Fest durch mich gestört werde.« Ein Wink von ihm ließ die anwesenden Bürger gehorchen, dann sprach er weiter: »Welches Fest feiert Ihr in Eurem Hause, Burgmann?«
»Die Verlobung meiner Tochter, Ew. Majestät,« versetzte dieser.
»Ah, mit dem jungen Deserteur!« rief der König, »ich wünsche Glück dazu. Ich habe Erkundigungen eingezogen, die nur günstig für ihn lauten. Er hat sich brav gehalten, ich bin mit ihm zufrieden. Das Brautpaar lebe!« Mit diesen Worten ergriff er den ihm von Burgmann präsentirten Pokal und leerte ihn mit kräftigem Zuge. Dann reichte er dem Alten die Hand und sprach: »Lebt wohl!« In einigen Tagen verlassen wir Nürnberg, um es vielleicht nie mehr wiederzusehen. Gedenkt deshalb zuweilen Eures alten Kameraden!«
Thränen vergießend war der Schenkwirth unvermögend, etwas zu erwidern. Er küßte mit heiliger Rührung die Hand des Helden, die dieser ihm männlich drückte. Und als er nun auch den übrigen Gästen Valet gesagt hatte, setzte er seine einsame Wanderung durch die Stadt, die ihn zufällig hieher führte, fort.
Eine tiefe Stille folgte dieser außerordentlichen Scene; Niemand wußte, wie er sich die Erscheinung des Königs erklären sollte, das Seltsame seines plötzlichen Eintretens hatte für Manchen etwas Geisterhaftes. Der Herr des Hauses war der Erste, der sich von seinem Staunen erholte. »Ja, großer Gustav!« rief er begeistert aus, »Du wirst fortleben in dem Herzen Deiner braven Soldaten, so lange der Mond seine Bahn um die Erde zieht, – Du wirst in uns fortleben bis zum Tode. Und damit wir sein Andenken bleibend erhalten bei Kind und Kindeskindern, so sei der Pokal, den Deutschlands größter Held mit seinen Lippen berührte, die kostbarste Reliquie meines Hauses für alle Zeiten!«
Ein brausender Beifall begleitete die Worte des Brautvaters, und Toast auf Toast, meist dem Schwedenkönig gebracht, füllten den übrigen Abend aus.
Einige Tage darauf, am 8. September 1632 verließ Gustav Adolf sein Lager bei Nürnberg, eine hinlängliche Besatzung in dessen Mauern zurücklassend. Stolz zog er an den kaiserlichen Verschanzungen vorüber nach dem Aischgrunde, bereit, jeden Augenblick zurückzukehren, falls Wallenstein etwas gegen Nürnberg unternehmen sollte. Aber dieser, eben so entkräftet, als sein königlicher Gegner, brach auch seinerseits das Lager ab, übergab es den Flammen und nahm seinen Zug nach Sachsen, alles mit Feuer und Schwert auf seinem Wege verheerend. Gustav folgte ihm, und bei Lützen entlud sich das Ungewitter, das drohend über Nürnberg gestanden war. –
Am heiligen Weihnachtsfeiertage trat der junge Waffenschmiedmeister Gerhard Ammon mit seiner Braut vor den Altar der Skt. Lorenzkirche, und der Segen des Priesters einte die Liebenden für ewig. Vater Burgmann erfreute sich noch lange Jahre des Glückes seiner Kinder und starb in dem hohen Alter von achtzig Jahren. Nach seinem Tode übernahm Gerhard die Wirthschaft zur goldenen Ente.
Es war in der Mitte Novembers des Jahres 1714, als auf dem Wege von Hersbruck nach Nürnberg im schnellsten Trabe ein Reiter dahinjagte, nur mühsam gefolgt von einem einzigen Begleiter. Weder das abgemattete Roß, noch der herabströmende Regen konnten ihn bewegen, an irgend einem Weiler Halt zu machen. Im Gegentheil, je heftiger sich die rabenschwarzen Wolken entluden, je feuriger und anhaltender die Blitze des spätjährigen Gewitters die dunkle Nacht erhellten, und je stärker der Donner mit majestätischem Tone dareinsprach, desto mehr fühlte das Roß die Peitsche und die Sporen des Gebieters.
So war er bis zu der Anhöhe gekommen, die sich nach dem Dorfe Erlenstegen hinabzieht, als das Pferd behutsamer auftrat, zur Vermeidung der gefährlichsten Stellen des schlüpfrigen Hohlwegs. Aber ungeduldig gab ihm sein Herr von Neuem die Sporen, und hinüber setzte es über Gräben und Steine, über Wurzeln und, in tiefen Löchern gesammeltes, Wasser, bis es plötzlich mit mächtigem Sprunge an einem, vom Unwetter herabgeschleuderten Baum streifte und drüben kraftlos zusammensank.
»Teufel!« rief der Reiter, indem er sich unter dem Rosse hervorarbeitete, »konntest Du nicht noch eine Stunde zugeben?« Dann zog er den gelähmten Liebling empor und schritt langsam die Gasse mit ihm hinab. Als er an den Häusern des Dorfes anlangte, war auch sein Begleiter nachgekommen und erfuhr erst hier den Unfall des Gebieters.
»Wir werden wohl anhalten müssen, Casimir,« sprach der Gestürzte; »mein Cato bedarf der Erholung.« Mit diesen Worten schritt er der Schenke, leicht erkenntlich an der langen mit Eichenlaub bekränzten Stange, zu. Vor der Thüre übergab er das Roß dem Begleiter, schüttelte im Tennen das Regenwasser von sich ab und trat dann in die warme Gaststube, in der mehrere Bauern und einige Bürger von Nürnberg im traulichen Gespräche beisammen saßen.
Es war ein kräftiger Mann. Große blaue Augen leuchteten unter der hohen Stirne hervor, an welche sich ein blondes zu Berge gestrichenes Haar schloß. Seine Kleidung war ein einfacher blauer Rock mit großen, kupfernen Knöpfen; nachlässig schlang sich ein schwarzes Tuch um den Hals, lange Stiefeln reichten weit über die Kniee herauf, an den Händen hatte er Büffelhandschuhe, ein mächtiges Schwert, mit schwarzer eiserner Scheide, war um den Leib geschnallt, auf dem Haupt trug er einen breitkrempigen Hut mit weißer Feder. Auf das Befragen des freundlichen Wirths, mit was er aufwarten könne, forderte er ein Glas Wasser und schwarzes Brod, – dann ließ er sich auf einer Bank nieder, bald den Kopf in die Hände gestützt, bald einige Worte in fremder Sprache an seinen Begleiter richtend, aber größtentheils die Gespräche der übrigen Gäste behorchend, die bald ein höheres Interesse für ihn gewannen.
»Ja, ja, Gevatter Ammon, so werden wir älter!« sprach der wohlbeleibte Vorsteher der Gemeinde Erlenstegen zu einem der Nürnberger Bürger. »Noch erinnere ich mich der Zeit gar gut, wo Euer Vater, frisch und rüstig, heraus zu uns kam, Einkäufe zu machen. Damals ward Ihr noch ein kleiner Bursche und sprangt mir immer freudig entgegen, wenn ich den Vater in der Stadt besuchte, denn der Vetter Fröhlich hatte stets etwas für den jungen Christian in der Tasche, war's eine Wurst, ein Paar Aepfel oder sonst etwas dergleichen. Jetzt seid Ihr schon bei Jahren, und der Vater sitzt daheim, alt und blind.«
»Leider!« versetzte der Angeredete. »Er hat auch bereits seine achtzig Jahre und darüber erlebt und viel Ungemach erlitten in dieser Zeit. Doch will's Gott, so bleibt er noch recht lange bei uns, damit wir ihm die Liebe vergelten können, die er uns so lange Jahre erzeigte.«
»Achtzig Jahre!« staunte der Richter des Dorfes; »da kann man freilich so Manches erfahren. Wenn mich meine Zeitrechnung nicht täuscht, so muß er ja die letzten Zeiten des dreißigjährigen Elends mit eigenen Augen noch gesehen haben?«
»Gewiß hat er das!« war die Antwort. »Als der große Schwedenkönig Gustav Adolf in unserem Hause war bei der Verlobung meines Großvaters, da schrieb man das Jahr 1632, und im folgenden Jahre erblickte mein Vater das Licht der Welt.«
Der Fremde horchte bei diesen Worten hoch auf.
»Ja,« fuhr der Bürger fort, »jener Tag war ein feierlicher für unsere Familie, und noch heute feiern wir den 6. September als Fest. Da wird, wenn der Abend herbeikommt, der Pokal aus dem Schrein heruntergeholt, mit Wein gefüllt, und jedes Glied der Familie muß dem großen Gustav ein Lebehoch bringen und den Pokal leeren helfen. Hat er dann seine Weihe erhalten, so kommt er wieder hinauf in den Behälter, um ein Jahr darauf, an demselben Tage, nicht früher und nicht später, abermals zur Ehre des Königs geleert zu werden.
»Ich weiß, ich weiß!« sprach der Gemeindevorstand. »Als Euer Großvater selig noch lebte, erfuhr ich die ganze Geschichte aus seinem Munde, und kann somit darauf schwören, daß sie wahrhaftig ist.«
»Ja, er war ein wackerer Mann, der alte Gerhard Ammon, hochgeachtet von Allen, die ihn kannten,« betheuerte der andere Nürnberger.
»Und hat tapfer gestritten für seinen Glauben,« fügte der Dorfprimus hinzu, »unter den Fahnen des großen Schwedenkönigs.«
So ging die Erzählung der vergangenen Tage fort, bis der Wächter Erlenstegen's die zehnte Stunde verkündete und damit die Nürnberger mahnte, auf den ziemlich weiten Nachhauseweg bedacht zu sein. Als die Zeche bezahlt war, erhob sich der Fremde und trat zu dem uns unter dem Namen Ammon bekannten Mann.
»Guter Freund!« redete er ihn an, »Ihr spracht vorhin von Gustav Adolf – ist etwas an eurer Geschichte?«
Der Nürnberger sah dem Frager fest in's Gesicht, dann entgegnete er: »Ihr seid wahrscheinlich niemals nach Nürnberg gekommen, sonst würde Euch das Wirthshaus »Zur goldenen Ente« wohl bekannt sein, und Ihr würdet dann auch wissen, daß der Schwedenkönig Gustav Adolf in meinem Hause war, zur Zeit seiner Anwesenheit in Nürnberg.«
»Wirklich?« rief der also Berichtete mit freudigem Staunen. »Erinnert man sich des »Schwedenkönigs« noch in Franken?«
»Wollt Eure Ausdrücke mäßigen!« sprach der Andere mit mächtiger Amtsmiene. »Der schwedische Held steht bei uns in zu gutem Andenken, als daß wir duldeten, wenn ein unbekannter, herumziehender Kriegsknecht ihn mit Namen belegt, wie es nur seine Feinde thaten, und selbst diese mit schwerer Reue.«
Der Fremde biß die Lippen zusammen und strich sich mit den Fingern durch das struppige Haar. »Nichts für ungut, guter Freund,« versetzte er dann. »Ich bin wahrlich kein Feind vom König von Schweden und freue mich, daß Ihr seiner noch gedenkt. Doch, Eurer Aussage nach hat er eine Erinnerung hinterlassen?«
»Wahrhaftig, Ihr seid fremd!« rief der Bürger, »sonst müßtet Ihr wissen, daß mein Großältervater im Polnischen Kriege mit einem Schwert aus seiner eigenen Hand beehrt wurde, und daß wir noch heute den Pokal bewahren, aus dem er bei der Vermählung meines Großvaters trank.«
»Das ist ja eine ganze Heldenfamilie!« staunte der Kriegsmann. »Nun, wenn's Euch nicht zuwider ist, werde ich morgen zusprechen in der »Goldenen Ente,« um diese Kostbarkeiten zu betrachten.«
»Von Herzen willkommen!« entgegnete der biedere Bürger, worauf er gute Nacht wünschte, und mit seinen Begleitern den Rückweg in die Stadt antrat.
Als sich die übrigen Gäste entfernt hatten, brachte einer der Knechte Stroh, zum Lager für die Nacht, denn Betten waren in der damaligen Zeit noch eine Seltenheit in geringeren Wirthshäusern. Unserem Reisenden schien Solches auch durchaus nicht aufzufallen, denn mit dem Gleichmuth eines gemeinen Soldaten warf er den Mantel über, und schlief bald darauf an der Seite seines Begleiters ein.
Eben saß der Wirth »zur goldenen Ente«, Christian Ammon, bei dem Vater, der Ehefrau und den Kindern am Tisch, um das Frühstück einzunehmen und hatte seine gestrige Begegnung in Erlenstegen mit einem fremden Kriegsmanne erzählt, als ein Reiter vor der Thüre des Wirthshauses hielt und gleich darauf der Erwähnte hereintrat.
»Guten Morgen, liebe Freunde!« sprach er zu den Versammelten; »ich halte Wort und stelle mich frühzeitig ein.«
»Recht so, mein Herr!« versetzte der im Lehnstuhl sitzende blinde Vater; »immer besser zu früh, als zu spät. Das war mein Losungswort seit meiner Jugend, und ich bin ihm treu geblieben bis heute.«
»Platz genommen!« sprach der Sohn dazwischen, indem er den Fremden zur Theilnahme am Frühstück nöthigte.
Nachdem dieser einige Bissen zu sich genommen hatte, sprach er: »Die eigentliche Ursache meines Besuchs gilt der früheren Geschichte dieses Hauses. Mich verlangt zu wissen, wie der große Gustav in Berührung mit demselben gekommen ist.« – Dieser Wunsch berührte das Lieblingsthema des Vaters, und mit einer Sprachfertigkeit, wie sie seinem hohen Alter Ehre machte, theilte er ihm die Geschichte mit, wie er sie von seinem Vater so oft vernommen, und wir sie dem geneigten Leser bereits vorgeführt haben. Endlich schwieg er und erwartete mit gespannten Ohren eine Antwort des fremden Gastes. Aber dieser saß stumm da und blickte in Gedanken versunken auf die Stelle, wo einst der Sieger von Breitenfeld gestanden hatte.
»Ja! es war ein großer Mann!« rief er endlich aus, mit den Fingern durch die Haare streichend. »Wir, wir werden vor ihm vergehen, spurlos, wie wir erschienen. Habt Dank, Alter, für Eure herzliche Mittheilung; wollt Ihr eine bleibende Erinnerung in meinem Herzen zurücklassen, so laßt mich die Reliquien sehen, die aus jener Zeit stammen.«
»Mit Freuden!« war die Antwort des Vaters, und bald darauf brachte sie der Sohn aus der oberen Stube herab. Sichtlich gerührt griff der Fremde zu dem Schwert, welches der alte Gerhard Burgmann einst aus dem polnischen Kriege mit heimbrachte, und freudig flogen seine Blicke über den immer noch blanken Stahl. Ebenso viele Aufmerksamkeit schenkte er dem Pokal.
»Wie mir scheint, nehmt Ihr großes Interesse an dem Geschenke Gustav Adolfs?« sprach der jüngere Ammon.
»Und warum sollte ich nicht?« versetzte der Reisende. »Stammen sie doch aus der Zeit, in der mein Vaterland groß und mächtig war unter den Ländern Europas.«
»Wie? Ihr seid ein Schwede?« rief der blinde Greis aufhorchend.
»So ist es!« versetzte der Gefragte.
»Und Ihr seid nicht dorten bei dem Herrn, welcher sein schwer errungenes Eigenthum auf fremdem Boden vertheidigt?«
»Ich bin eben in Begriff dahin zu gehen.«
»Kommt vielleicht von dem Helden Karl, der in der Türkei völkerrechtswidrig gefangen gehalten wird?« forschte der Greis neugierig.
»Leider!« war die kurze Antwort.
»Wenn es Euch nicht belästigt, so theilt mir mit, wie es dem tapfern Nachkommen Gustav's auf dem schwedischen Throne ergeht in seiner Gefangenschaft.«
»Nun meinetwegen,« versetzte der Fremde, indem er sich an der Seite des Patriarchen der Familie niederließ. »Die für uns so unglückliche Schlacht bei Pultawa war geschlagen; der König von Schweden sah seine Generale, sein Heer in die Hände der Moskowiter fallen, und mußte froh sein, auf türkischem Gebiete als Flüchtling eine gastfreundliche Aufnahme zu finden. Nach langen Unterhandlungen waffneten sich endlich die Osmanen im Bündniß mit Karl; am Pruth stand es in ihrer Gewalt, den russischen Czar zu vernichten. Da, – Fluch den feilen Türkenhunden! – ließen sie sich durch Geld bestechen, ließen den Russen entwischen, und schlossen Frieden, ohne des schwedischen Königs zu gedenken. Ja, sie suchten endlich seine Entfernung aus dem türkischen Reiche zu erzwingen. Mit dreihundert Mann schloß sich dieser in seinem Hause bei Bender ein und vertheidigte sich zwölf Stunden lang gegen eine ganze Armee. Erst als das Haus brennend zusammenstürzte, dachte er daran, es zu verlassen. Ein unglücklicher Zufall ließ ihn mit seinen eigenen Sporen sich verwickeln, er fiel und wurde gefangen, mit Brandwunden und mit Blut bedeckt. Nachdem man ihn nach Adrianopel gebracht, und er, nach langem Aufenthalt daselbst, keine Hoffnung mehr hatte, die Türken zu Rächern seines Mißgeschicks zu bewegen, entschloß er sich zur Flucht. Eben jetzt kehrt er, nachdem er Ungarn und die österreichischen Kaiserstaaten durcheilt, über Deutschland zu seinem Volke zurück.«
Staunend blickten die Bewohner der »Goldenen Ente« den Erzähler an. Dem jüngeren Ammon wurde es unheimlich, und er näherte sich langsam dem Fremden. »Verzeiht, edler Herr,« sprach er wehmüthig, »aber ich glaube Ihr seid am Ende selbst –«
»Der schwedische Karl, nun ja!« entgegnete dieser.
Bei diesen Worten war der Alte aus seinem Sessel rasch aufgesprungen und rief: »Wie? Ihr der große Karl? Gott! Der Nachkomme Gustav's in meinem Hause, und ich bin blind, kann ihn nicht sehen! Zehn Jahre trage ich bereits die Buße, die der Himmel über mich verhängte, mit Geduld, aber, verzeihe mir, Allmächtiger! daß ich jetzt gegen Deine unerforschlichen Rathschlüsse murre. Eure Hände, großer unglücklicher Monarch, daß ich sie befühlen, küssen kann!«
Gleich ihm war sein Sohn, dessen Weib und Kinder vor dem nordischen Helden niedergesunken.
»Steht auf, liebe Leute!« rief dieser innig bewegt; »ich bin ja nur ein Mensch, und überdies ein recht schwacher!« Dann reichte er dem Greis die Hand und sprach: »Ich danke Euch für die treue Anhänglichkeit an mein Haus, für die Liebe, mit der Ihr den fremden Flüchtling bewirthet habt. Wäre ich in meinem Lande, so würde ich Euch königlich danken, der Flüchtling kann Euch nichts hinterlassen, als die Versicherung, daß diese Stunde ihm die schönste Erinnerung seines stürmischen Lebens sein wird. Lebet wohl!«
Mit diesen Worten reichte er Jedem die Hand, und in wenigen Augenblicken saß er schon draußen auf seinem Roß, gefolgt von seinem treuen Begleiter Casimir, die Straße hinabsprengend zur Insel Schütt, an ihr vorüber weiter und weiter und immer weiter, bis er Nürnberg hinter sich hatte – um es nie mehr wieder zu sehen.
Ob eine schwedische Kugel, ob des Feindes Geschoß vor Frederikshald ihn getödtet – noch heute ist es ungewiß und wird wohl nie aufgeklärt werden.
»Großes Glück ist meinem Hause widerfahren!« rief, nach einer langen Pause der Ueberraschung, der Greis mit gefalteten Händen.
»Zwei Könige, gleich groß an Thaten und Heldenmuth, haben es betreten und dadurch die Stätte geheiligt. Damit aber auch die Erinnerung an den jugendlichen Löwen Nordlands verbleibe, wenn wir längst zur Ruhe gegangen sind, so schmücke die Darstellung seines Kampfes vor dem Hause zu Bender das Portal meines Hauses, und Kindern und Kinderskindern sei damit gesagt, daß Gustav's und Karl's Andenken ewig fortleben möge im Herzen aller braven Bürger Nürnbergs.«
Vor sechzig und einigen Jahren war es, daß sich nach dem Wirthshaus »zur goldenen Ente«, wo man gewiß war, gute Speisen und Getränke und hauptsächlich eine angenehme Unterhaltung zu finden, eine Anzahl junger Künstler und Literaten zog, deren gesellschaftliches Vergnügen es ausmachte, im traulichen Gespräche die Erzählungen und Sagen von Nürnbergs Vorzeit zu wiederholen, das Bessere davon auszuwählen, um es gelegenheitlich benützen zu können. Unter mehreren, aus langjähriger Nacht Hervorgegangenem wurde auch die vorliegende Erzählung verhandelt. Man meinte, daß es gar nicht unpassend sein würde, der Schenke einen der darin stattgehabten Ereignisse angemesseneren Namen zu geben, und, als dem damaligen Besitzer derselben dieser Vorschlag gemacht wurde, ging derselbe mit vielem Vergnügen darauf ein, und »Schwedenkrug« wurde die »Goldene Ente« getauft. – Der Künstlerklub gab bald darauf das Schild, ein Maler retouchierte das im Laufe der Zeit allmählich unkenntlich gewordene Bild über der Hausthüre, und auch der Pokal befand sich noch in den Händen eines der letzten Besitzer. Leider war das Schwert, nach dem Aussterben des Ammon'schen Geschlechts, verloren gegangen. Zum Angedenken schmückte ein schlichtes Bild Gustav Adolfs das bescheidene Zimmer. Sei es nun wahr, sei es nur Dichtung, was unsere Erzählung gab, so haben doch die Könige Gustav Adolf und Karl XII. von Schweden unsere Bewunderung verdient, und wir glauben deshalb bei manchem unserer Leser eine freundliche Erinnerung erweckt zu haben.
Die Neuzeit hat übrigens den »Schwedenkrug« nicht vergessen; das Haus steht noch, das Bild daran hat durch den Zahn der Zeit zwar stark gelitten, aber es ist doch noch vorhanden. Der Pokal ist verschwunden, jedoch die Wirthschaft »Zum Schwedenkrug« ist in der nächsten Nähe der alten Schenke neu erstanden.