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Der Krokodilfang am Dominikanerkloster.

Humoreske aus dem Jahre 1604.

Von Hugo Barbeck.


Die Geschichte vom Krokodilfang war seiner Zeit in aller Mund; es gewinnt aber den Anschein, daß die Mär wohl seiner Zeit sehr breit geschlagen worden, aber nur, um fernerhin desto schneller zu verschwinden. Ob vielleicht der Respekt vor den betheiligten Personen das Seine beitrug, ist nicht zu bestimmen, merkwürdig aber ist, daß außer in direkter dunkler Ueberlieferung und in einem Manuskript der Stadtbibliothek, nur in einer einzigen der vielen geschriebenen Chroniken Erwähnung gethan wird, welche letztere im Besitz der Grafen Giech in Thurnau war oder noch ist.

Bemerkenswerth ist auch, daß Berckenmeyer in seinem »curiosen Antiquarius« von der Sache nichts erwähnt und daß später die Erzählung ähnlich in Böhmen auftauchte.


Der 6. November 1604 war ein Werktag, die Bauerleute hatten ihre Waare bereits zu den Thoren herein, einige fremde Zuzügler kamen erst etwas später auf den Markt, da sie beim gestrengen Herrn Thorschreiber erst ein Examen über ihre welsche Waare zu bestehen hatten.

Einzelne Herren vom Rathe machten sich auf dem Markte mit Besichtigung des Eingebrachten zu schaffen und Frauen und Mägde kauften, handelten und feilschten, ehedem gerade so, wie noch heute.

In der äußeren Laufergasse trollte auch eine Magd dem Marktplatz zu, brummend und leise fluchend, unter ihrem großen Mantel ihr Hab und Gut in einem Bündel gepackt, denn heute früh war ihr unter handgreiflicher Ermahnung zum Bessern gekündigt worden.

»Seitdem der Meister beim Rathe zuhorchen und den gestrengen Herren die Thüre auf- und zumachen darf, ist's nicht mehr mit ihr auszukommen. Aber Kräfte hat sie, das muß ich sagen, den Panzer hat sie mir weidlich gefegt und mein Kopf brummt mir wie ein Immenstock. Wart nur, Du alte Trud, Du Geizteufel, Du –-«

Sie hätte noch weiter fortgeschimpft, wäre nicht eine Gespielin so zu sagen ihr in die Hand gelaufen, mit dem großen Marktkorb ausgerüstet und in der einen Hand das Geld zum Einkauf fest pressend.

»Wohin Aennelein, seit wann eilt man denn gar so arg beim Einkauf am Markt, wo man doch der Ausreden viele hat?«

»Ach ja, es ist wahr, wenn nur schon Laurenzi da wäre, ich muß meiner alten Vettel Kraut einkaufen, damit sie uns heute Mittag damit füllen kann; wäre ich nur des alten Sackes ledig; aber ich muß doch eilen, denn meine alte Haut daheim und ihr alter Herr haben harte Hände. Ade!«

»Bleib nur, ich erwart' mein Schätzlein und dann gehst auch Du mit zur Zubringerin,« sprach jedoch die erstere und zog dann Aennelein, die durch die Bindergasse wollte, mit, dem Rathhaus zu, dem gegenüber damals noch die Dominikanerkirche lag, an der Stelle, wo jetzt ein neues Schulhaus aufgerichtet ist. Sie gingen aber nicht ganz bis in die Burgstraße, sondern in das rechts abgehende Gäßlein, weßwegen Aennelein zur Margareth sagte: »Warum gehst Du die Gassen nicht grad hinauf, Du führst mich an ein unrechtes Ort.« »O, nein,« erwiderte die Freundin, »hier treffe ich mit meinem Konrad zusammen, er muß bald kommen, bleibe nur und wenn Leute kommen, da sagen wir, wir sehen hier den Eidechs an, der über dem Rundbogen hinläuft.« Aennelein blieb und verlor sich mit Margarethen in ein Gespräch über Eidechsen, Gift und Gegengiften, während dessen der Gegenstand der Unterhaltung, der ganz hellgrün vom schwarzen Gemäuer abstach, sich in seinen Morgenbetrachtungen nicht stören ließ.

»Aber nun laß uns davon,« fing Aennelein wieder an, »Dein Holzbock läßt Dich lang warten; hast ihn gewiß vom Dorf hinterm Reichswald draußen, wo Katz und Marder sich gute Nacht anthun, Deinen feinen.«

Sie wollte noch weiter reden, aber ob der Beleidigung legte sich die Hand Margareths kräftig auf den Spottmund, ähnlich wie es ihr selbst heut früh von der eigenen Hausfrau gemacht wurde.

Aennelein, welche die Züchtigung empfangen hatte, setzte sich aber mit ihrem Korbe zur Wehr und sprach: »Wenn Du ein Herz hast, schlag noch einmal.«

»Troll dich hinweg, Du gelber Neidsack,« sprach Margarethe und schob unwillig an der Andern; die aber hob hoch den Korb und schlug zu, daß das ganze Hauptgebäude Margarethens in Unordnung kam.

»Die Zöpfe thu ich Dir ausraufen, jetzt hätt ich genug,« kreischte Erstere, und nun begannen Fäuste, Finger und Nägelwerk einen Zerstörungskrieg in den gegenseitigen Gesichtern, wobei die streitenden Theile zur Erde fielen und Aennelein stark blutete.

Das war der geeignete Moment für des Schneidermeisters Happler ehelich und einzig Söhnlein, der als einziger Zuschauer, hoch oben vom Boden aus, wo er Scheit schlichten sollte, zusah und vorsorglicher Weise einen der immer gefüllten Wassereimer sich zum Guckloch rückte. Als er die Beiden an der Erde sah, glaubte er ernstlich, weil kein Stadtknecht zur Hand war, wie dies bei solchen Vorkommnissen weder 1604 der Fall war noch 1904 sein wird, einschreiten zu müssen, und schüttete des Eimers Inhalt auf das Turnier und vor lauterer Freude, richtig getroffen zu haben, ließ er den Eimer auch noch fallen, was ihm später von des Schneiders besserer Hälfte sehr übel genommen wurde, denn mit einem Röhrlein aus Hispanias Gauen wurden auf des Söhnleins Grundkataster des himmlischen Regenbogens Farben gar schnell gezaubert. Das Sturzbad, der nachfolgende Eimer, noch mehr aber das Erscheinen des gestrengen und ehrenfesten Herrn Scheurl trennten die Freundinnen. Herrn Scheurl aber, der sie auf das Rathhaus bringen wollte, wegen gar ungebührlicher Rauferei und Raserei, sagten sie, daß sie über das grüne Thier gestritten hätten. »Packt Euch, schnell, oder ich laß Euch in den Thurm bringen, Ihr Pack, Ihr sündiges,« befahl er, ein mahnendes Wort, das Beide nicht unbeachtet ließen. »Ja,« sprach nun der Scheurl, das Unthier betrachtend, »das Thier kenn' ich, hab's in Welschland gesehen, das ist das Thier, so man Salamander namset und wo es sein Gift hinspritzt, da stirbt alle Kreatur; da ich im Rath sitz', will ich das Thier schon fortschaffen, damit kein Unheil die Stadt bedräut.« Auf seiner Bücherstube aber murmelte er Mittags: »Noch hab ich kein Mittel funden, wie ich das Thier möchte von dannen bringen, wenn ich nur wüßt', wer mir hierinnen rathen könnt.«

Noch vor 12 Uhr ging er gedankenvoll von seiner Stube hinweg und stieß auf der Fleischbrücke auf seinen Freund, dem Junker Stefan Braun, der hier Handel trieb, auch der Stadt in Kriegsfällen diente. »Woher, edler Junker?« sprach Scheurl und hielt ihn an im Laufe. »Hab' meinen Pfeffer verkauft und muß noch Schulden zahlen, denn gestern hat mich das Becherspiel manchen Gülden kost. Geht mit, gleich wird's schlagen und Euer Hausfrau wird Euch, wie immer um diese Zeit erwarten.« Scheurl ging mit und erzählte seine erlebte Geschichte. »Ich weiß nicht, ist es ein Eidechs, oder ein Salamander, oder gar ein giftiges Schildkrot, und Augen macht es voll Gift, wenn ich nur mich nicht versehen habe. Mich dünket, ich habe durch das Thier schmerzlich Empfinden erhalten.«

Mittlerweile kamen sie an die Stätte des Unheils. »Ja,« sagte der Braun, »giftig ist's, denn so wird's in Thierbüchern beschrieben, hat aber einen ganz fremden Namen, den ich nicht behalten.«

»Es ist vielleicht ein Krokodil?« frug Scheurl.

»Krokodile kriechen nicht an der Wand, sondern im Nile thun sie wohnen, mehr sieht's wie ein Lindwurm aus.«

»Wenn Ihr's fangen wolltet, Junker, schick ich Euch mein großen, neuen Fischhamen.«

»Jetzt will ich heimgehen und essen und trinken, dann aber nachlesen über des Thieres Natur und werd' es auch fangen; ja, schickt mir Euren Knecht mit dem Hamen.«

Scheurl ließ sich zu Hause sehr warm einheizen, ließ auch wegen Versehen an dem grauslichen Thier, den Doktor rufen, der ihn tüchtig purgiren ließ. Der Junker Braun aber war kreuzfidel und fest entschlossen, heute den Ritter Georg zu spielen; zum Vorspiel trank er sich einen weiblichen Bären an und ging, von seinen zwei ebenfalls sehr stark gestärkten Knechten begleitet, mit Stange und Hamen ausgerüstet, dem Schauplatz seiner Thaten zu.

Dort angelangt, kam schüchtern auch Scheurl zum Vorschein und bat, abzustehen vom Werke, da er ja das Thier nicht tödten könnte.

»Werther Scheurl, ich hab's gelesen, in Branntwein setzen wir den Kobold, so wir ihn haben, der nimmt ihm all Gift; he, Franz, halt den Zuber mit Branntwein bereit!«

Scheurl drückte sich wieder. Dem Braun aber ward, je mehr das braune Bier seinem Kopfe entschwand, fast wie dem Scheurl; doch hinderte die Menge der Leute ein Entwischen ohne allzugroße Beschämung. Mit erzwungener Ruhe stieg er auf einen hohen Stuhl und wollte das Netz über das Thier werfen, setzte aber noch einmal ab und rief: »Ist Niemand da, der ein Zangen hat, der ihm den Hals umbfängt, so er im Netz ist und ihn entzwei druckt?« Er hoffte, Gelegenheit zu finden, heimwärts gehen zu können, um eine Zange zu holen, d. h. um nicht mehr wieder zu kommen.

Da aber trat ein Goldschmied aus der Menge mit einer langen Zange, stülpte die Hemdärmel auf und sprach: »Tapferer Junker, so ich Euch helfen kann, bin ich gern bereit zu solchem, denn Euere Knechte zittern, wie wenn ihr Leben keinen Batzen mehr werth sei.« Der Junker sperrte den Mund auf, ob der unerbetenen Hilfe, der Goldschmied aber dachte, das bezöge sich auf das seltsame Thier und sprach: »Ich hab hie zu Laad auch noch keins gesehen, mich wundert, wie der jung Krokodil ist anher kommen.«

Aus der Menge schrie aber ein langer, schmächtiger Kerl: »Es geschiehet nichts von ohngefähr und so will Gott eine Straf über die Stadt senden, so geht's mit oder ohne Krokodil. Darum dächte ich, Ihr ließet ab und bewahret Euch vor Unfall, auch könnet Ihr allhie Eure Unkosten sparen, denn nicht ist der Schnaps da für solche Unholde und giftiges Gewürm.«

Der Goldschmied aber erwiderte: »Bist wieder heute Deinem Siechkobel entsprungen, närrischer Hannes, gib Acht, daß ich Dir Dein Branntweinkehl nicht auf immer zumach'!«

Inzwischen hatten die Knechte mit Stangen schon wuchtige Hiebe gegen das Thier geführt, aber es rührte und regte sich nicht. Nun fing der Braun mit dem Hamen darnach, aber es wollte nicht weggehen. »Es hat einen harten Kopf, gar wenig werden wir diesmal ausrichten.« »Potz Schlapperbank,« rief der Goldschmied, »vielleicht möcht es mir baß gelingen.« Und nun stieg der Goldschmied hinauf und fing mit der Zange darnach. Vorsichtig griff er hin, wandte sich aber auf einmal um, sagend: »Da hat uns der Teufel am Narrenseil geführt, das Thier ist ja in Stein gehauen.« Allgemeines Gelächter und Pfeifen erhob sich und der Junker Braun hätte vielleicht noch recht Streiche bekommen, hätte nicht wieder des Schneidermeisters Happler ehelich und einzig Söhnlein die Scene abermals als passenden Moment erachtet, um einen Feuereimer seines Inhaltes auf die Streiter zu entledigen. Fluchend stob der Haufe auseinander und viele hielten den Scheurl für denjenigen, der die Sturmfluth gesandt, da er sich vorher so schnell gedrückt. Der Eimer kam diesmal nicht mit, die mütterliche Ermahnung, verbunden mit Hispaniens Hinterlist waren denn doch zu frisch im Gedächtniß sowohl, als in anderen Theilen menschlichen Empfindens.

Der Junker Braun versenkte seinen Kummer zu Hause in seinen großen Humpen, als es aber dunkel ward, wickelte er sich fester wie gewöhnlich in seinen Mantel und ging zu Scheurl. »Ich will Euch das Thier bringen, das wir gefangen han, weiß nicht, ob's noch Gift hat,« sagte er zu dem oben an der Treppe in großen Wollschuhen stehenden Unthierentdecker. »Ihr werdet Euch gar wenig Dank verdienen; so Ihr das Thier bei Euch habt, führt Euch der Teufel zu mir,« meinte Scheurl.

»Bitt',« erwiderte der Ankommende, »wollt mir sagen, habt Ihr wirklich etwas von Gift empfunden?«

»Tragt mir das Thier von hinnen, nur noch einmal thu ich freundlich darumb bitten, seht Ihr mir mein Krankheit denn nicht an?«

»Den Teufel sehe ich nicht, aber einen Narren, einen großen dazu, der sich Gift einredt.« Damit war Braun oben angekommen.

»Kein Schritt mehr, so Ihr das Thier nicht von Euch thut, Junker,« rief nun Scheurl, dessen Arzneimittel nun auch auf sein Hirn zu wirken schien.

Braun jedoch ging unbekümmert vorwärts, Scheurl aber, dem sein leibliches Wohl über die Freundschaft ging, packte den Junker und warf ihn mit samt seinem giftigen Thier die Treppe hinunter, die derselbe soeben erklommen. »Hab's Euch gesagt, Junker,« rief er dem Braun dann nach, »und Schande auf mich, der noch mit Moritz von Sachsen in Eisenhut gefochten, könnte ich mein Hausrecht nicht wahren. Seid mir jederzeit willkommen, aber ohne Unthier und so Ihr Euch wehe gethan, rechnet's Eurer Unbesonnenheit zu. Beim Morgentrunk auf der Herrentrinkstube will ich mich wieder zu Euch setzen und gut machen, so ich Euch übel mitgespielt, heut aber will ich der Ruhe pflegen, wie mir verordnet.« Sprachs, ging in sein Zimmer und verschwand hinter einer Gardine.

Der Junker Braun war weich gefallen auf Säcke und so gern er losgedonnert hätte, mußte er sich doch beherrschen, da des Scheurl's Töchterlein soeben in den Hausflur trat und den auf dem Boden liegenden Ritter freundlich grüßte. »Nach so hartem Strauß mit dem Unthier sollet Ihr besserer Ruhe pflegen, als hier auf hartem Lager, auf Wollsack und welschen Nüssen,« hub sie schelmisch an »und besser würdet Ihr nach Kampf und Ringen gebettet sein, so Ihr halten und thun wollt, was Ihr schon lange gelobt. Wißt, daß wir nächstens Einkehr beherbergen und darunter manch junges Blut, so auch vielleicht sich ritterlich erzeigen mag.« Sie reichte ihm die Hand, als er aber darnach greifen wollte, entwischte sie, halb zum Aerger, halb zur Freude des Junkers, denn wenn ihm auch sein Rücken noch wehe that, so wohl wurde es ihm im Herzen und fröhlich schlich er zu seinen Kumpanen zur Zeche, fröhlicher denn je, obgleich er manche Stichelrede hören mußte.

Scheurl erfuhr die Sache noch am selben Abend, warf sein Rezept zum Fenster hinaus und war froh, zu erfahren, daß dem Braun weiter nichts Uebles widerfahren. Andern Tages sprach er aber ziemlich bald der Herrentrinkstube zu und erholte sich durch Abbitte Verzeihung des Beleidigten, dieser aber erbat sich, als der Wein die Zungen gelöst und die Herzen eröffnet hatte, die freundväterliche Erlaubniß Jungfrau Agnes Scheurl noch am selben Tage seine holde Braut nennen zu dürfen.

Damit beschließt die Geschichte, die in einem Manuskript in dramatischer Form niedergelegt und in der Nürnberger Stadtbibliothek zu finden ist.

Die Krokodilsgeschichte wurde in Nürnberg damals vertuscht, doch Nürnbergs Spötter bemächtigten sich ihrer und als einst Junker Braun durch das markgräfliche Schwabach ritt, wurde er als Held der Historie erkannt und die Buben riefen ihm zu:

»Der Scheurl mit seiner Hammen,
Der Braun mit einer Stangen,
Der Goldschmied mit der Zangen,
Die haben ein steinern Krokodill
Zu Nürenberg gefangen.«

Er aber gab seinem Roß die Sporen, flog zum nahen Thor hinaus gen Nürnberg, lachte hellauf und brummte in seinen entstehenden Bart hinein:

»An Nutz hat ich noch nit so vill,
Wie bei dem steinern Krokodill.«


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