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Nürnberger Sage.
Von B. Mertel.
Auf der Mauerbrüstung des ehemaligen Hofes der Burggrafenburg, zwischen dem fünfeckigen Thurm und der Burgamtmannswohnung, sind die Spuren zweier Pferdehufe eingegraben und Alt und Jung bleiben oft stehen, betrachten die Spuren und die Weite des Stadtgrabens und erzählen dabei von einem Raubritter vergangener Zeiten und seinem gewaltigen Sprung vom Burghof hinüber über Mauer und Graben. Zu der Zeit, wo solches geschehen sein soll, war allerdings der Graben überhaupt noch nicht da und es könnte sich nur um einen Satz hinab in den ehemaligen Burggarten handeln, aber die Höhe ist so respektabel und das Wagniß immerhin noch so halsbrechend gewesen, daß der Erzählung Stoff mit Recht der Ueberlieferung anheim fiel.
Der Ritter – so sagten die, die mit Nürnberg in Fehde lebten – oder der Raubritter – so bezeichneten ihn die, die mit Nürnberg gingen – war der Eppelein von Gailingen und von ihm soll kurz berichtet werden.
Bei Windsheim stund ein altes Ritterschloß, Illesheim benannt, dort hauste Eppelein's Vater. Er besaß weiter noch Gailingen bei Rothenburg, bei Gunzenhausen das Schloß Wald und in der fränkischen Schweiz Trameysl bei Gailenreuth, weßwegen man oft im Volksmund letzteres, ob seiner Namensähnlichkeit, für das Stammschloß des Gailingers bezeichnet. Nach der Mutter – Apollonia – wurde der Knabe Apollonius benannt, woraus der Volksmund wunderbarer Weise Eppelein machte.
An der Wiege schon bestimmte man den Sprößling zum geistlichen Stand, aber man sagt, daß der kleine Erdenwurm als er solches vernommen, ein gar heftiges Geschrei erhob und bei der Taufe auch das Taufbecken umwarf, um darzuthun, daß er mit geistlichen Handlungen und Sachen nicht immer einverstanden sei.
Mit den Jahren zeigte sich für Einsichtige, wonach der Sinn Eppelein's trachtete. Das schwerste Schwert, das wildeste Pferd waren sein liebstes Spielzeug und der Burgpfaffe das hervorragendste Ziel seiner Streiche. Einmal sperrte er den in den Keller, als er sich dortselbst einen frischen Trunk holte; als der geistliche Herr wieder empor schritt, war die Kellerthür verschlossen. Dann verpappte er dem Kaplan das Brevier, so daß er sein Gebet nicht lesen konnte, in die Schuhe legte er ihm spitze Steine und sein Käpplein schmierte er ihm mit Pech. Der Vater Arnold griff zwar manchmal nach dem Stock, aber nur mit halbem Ernst.
Als Vater Arnold sich dauernd schlafen legte, ward Eppelein Herr über des Vaters Schlösser und schloß mit Freunden, die ihm an Art und Weise glichen, einen Bund, um – wollen wir es gleich bei richtigem Namen nennen – die Leute im Allgemeinen und die freien Reichsstädte im Besonderen zu ärgern.
Die Natur des Eppelein und seiner Spießgesellen sorgte dafür, daß es auf den Landstraßen bunt genug herging und die Städter hatten sich wohl mit Spieß und Wehr zu versehen, wenn sie dem Gebiet der Strauchritter nahe kamen. Aber die fuhren wie Blitze durch's Land und wo man dieselben nicht vermuthen konnte, da waren sie gewiß da – und raubten die Waarenzüge aus und stachen und hieben nieder, was Widerpart hielt.
Was es für ein Bewandtniß hat mit dem Eppelein und mit den Hufspuren auf der Mauerbrüstung soll folgende Erzählung näher beleuchten.
Am 8. Weinmond des Jahres 1385 gab es in Nürnberg viel Rumor. Die Stadtsöldner waren in der Nacht auf einen Fang ausgezogen, denn eine neue verruchte That des alle Straßen unsicher machenden Raubritters Eppelein von Gailingen und seiner Gesellen war dem hochweisen Rath zu Ohren gekommen, und man fand es endlich an der Zeit, durch kräftiges Entgegenwirken diesen Buschkleppern und Wegelagerern das Handwerk zu legen.
Morgens um 10 Uhr hatte ein Einspänniger im raschen Trott das Laufer Thor passirt und wenn die stolze, martialische Haltung, sowie das wohlgefällige fast verschmitzte Lächeln des Staubbedeckten nicht täuschten, so war er der Ueberbringer einer wichtigen, und wie Meister Vollbier am Lauferschlagthurm, gewöhnlich nur der Politikus genannt, meinte, einer Siegesbotschaft. Wirklich verbreitete sich auch wenige Stunden nachher, wahrscheinlich durch vertrauliche Mittheilung des seiner Dienstpflicht nunmehr entledigten Einspännigers, die für Alt und Jung, Reich und Arm gleich erfreuliche Nachricht, daß der Schrecken des fränkischen Kreises, die Geisel der Kaufleute und aller Derer, die des Weges fuhren, daß der Eppelein, der Gailinger, sammt seinen 13 Helfershelfern bei Lauf in einem fürchterlichen Treffen besiegt worden sei und als Gefangener jeden Augenblick innerhalb Nürnberg's Thoren, wo er schon so großes Unheil angerichtet, erscheinen werde. Grund genug, daß alle Werkstätten, alle Schenken, selbst die Häuser der Patrizier ihre Bewohner aussandten, um den nunmehr Gefesselten und Machtlosen angaffen, auslachen und hie und da mit Schmähungen verfolgen zu können. Das war eine Bürgerlust, die man sich vor 500 Jahren so wenig als heutiges Tages versagen konnte. Bis zum St. Jobst hinaus bildete das Volk feste Spaliere, jeder wollte zuerst des Gailinger's ansichtig werden, über dessen Gestalt, Trotz und Kühnheit gar abenteuerliche Mären im Volke zirkulirten; so sehr aber auch der geneigte Leser wünschen wird, mit der Masse fortzudrängen, um vielleicht ebenfalls zu den Ersten zu gehören, so muß ich ihn schon freundlich ersuchen, mit mir am Lauferschlagthurm Posto zu fassen, nicht weil dieser Platz eben der beste ist, sondern weil wir in die Nähe eines Häufchens politischer Kannegießer zu stehen kommen, die sich bei dem ersten Rufe um ihren Chef, den Politikus Vollbier, versammelten und nun mit einer Wichtigkeit und Würde, die einer allgemeineren Betrachtung würdig gewesen wäre, einstweilen über Leben und Tod des Gefangenen abstimmten.
»Und Du kennst ihn also schon längst von Angesicht zu Angesicht,« sprach der Küfermeister Helmling, nachdem der Politikus eine ausführliche Beschreibung des Gailingers entworfen hatte.
»Ob ich ihn kenne!« versetzte der bedächtige Vollbier, der, nebenbei bemerkt, durch ein breites, kupferrothes Gesicht und einen ungeheueren Wanst seinem Namen Ehre machte. »Ich habe sechs Wochen Zeit gehabt, mich in dem Verließe seiner Feste Trameysl umzusehen und nach endlicher Auslieferung des Lösegelds die Ehre, durch einen gnädigen Fußtritt Herrn Eppelein's entlassen zu werden. Beweis: Ich kenne ihn von Angesicht zu Angesicht.«
»Hm! hm!« näselte der spindelbeinige Rechtsskribent Blasius; » si ita habuerit hm! hm! so ist noch kein gültiger Beweis vorhanden, daß Ihr obversis frontibus dem Gailinger gestanden seid; ich möchte dies eher eine Bekanntschaft de pedibus ad podicem nennen. Hä! hä! hä!«
Vollbier warf dem naseweisen und undelikaten Sprecher einen vernichtenden Blick zu und fuhr fort: »Man flucht, man verwünscht den Eppelein, ich stimme niemals bei, ihr kennt meine Ansichten darüber, Freunde und Nachbaren. So hart ich auch von ihm behandelt worden, und so sehr er auch meinen Säckel geplündert, so sage ich dennoch laut und ohne Scheu: Eppelein ist ein tapferer, kühner Held, der bewundert zu werden verdient; Feiglinge können durch Schmähungen seinen Ruhm nicht antasten.«
Das war in einen Bienenkorb gegriffen.
»Der ein Held? Der Strolch, der Heckenritter, der Edle von Kehlab ein Held?« rief der Krämer Berold an der Ecke der Münzgasse, und sein Gesicht überlief ein hohes Inkarnat.
»Der Wegelagerer, der Schnapphahn, der Buschklepper! und Ruhm?« akkompagnirten in demselben Momente noch sechs andere Stimmen; »da seht mir einer den Vollbier! sein Patriotismus ist in den Brunnen gefallen; der Gailinger hat's ihm angethan!«
Alle ereiferten sich in Schmähungen gegen den Feind der Reichsstadt und den sonst so verehrten Wortführer der edlen Kannegießerzunft, nur der Rathsskribent Blasius schüttelte während dessen das rechtsgelahrte Haupt mit tiefem Unwillen und brach, nachdem etwas Ruhe geworden war, in die gewichtigen Worte aus: »Ubi lumen abest –«
»Redet deutsch!« polterte der Hammerschmied Eisenfest aus der Vorstadt Wöhrd, »der Teufel verstehe Euere lateinischen Brocken.«
Blasius, durch diesen rüden Einwurf auf's Unangenehmste berührt, blies die Backen auf und warf dem Unverschämten über die Achsel einen verächtlichen Blick zu. Er wollte entgegnen, aber Vollbier fiel ihm mit seiner tiefen Baßstimme in's Wort: »Schweigt, Blasius, es ist nun an mir, diesen Schreiern ohne Sinn, ohne Witz, das Maul zu stopfen. Du nennst den Gailinger einen Strolch, einen Heckenritter, Berold? Hat er Dir einige Fässer faule Rosinen oder ein Paar Kisten wurmigen Limburger vor der Nase weggeschnappt? Da hat er Recht daran gethan, denn er schenkte uns das Vergnügen, Deine schlechten Waaren um unser gutes Geld verzehren zu müssen. Warum schreit ihr so, ihr albernen Schlafmützen? Habt ein großes Maul jetzt, weil Ihr wißt, daß Euch der Gailinger nimmer schaden wird, aber den Muth hattet Ihr nicht, ihm entgegenzuziehen und im männlichen Faustkampf seiner Werth zu sein. Ich sage Euch, Eppelein ist das Symbol des deutschen Muthes, der unerschütterlichen Kraft und List und es kommt dabei nicht in Betracht, wieviel er uns Schaden zugefügt hat, genug, er ist ein Held, wenn auch nur in seiner Art, und wer das Herz hat, mir zu widersprechen, der wage es. Denkt an seine Kämpfe gegen die Würzburger, an seine Reiterstücklein, namentlich an den Ritt über die Wiesent und Ihr habt Ursache genug, das Maul aufzusperren, wie es Euch der Nachbar Pfriem hier vormacht. Ich bin ein so guter Nürnberger als Du und Du und Ihr alle, aber ich bin nicht so beschränkt, einem tapferen Feinde keine Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Er hat uns großen Schaden gethan, aber man hat ihn dazu gereizt, man hat seine Freundschaft verachtet und er zeigt jetzt, welchen Bock wir geschossen haben. Beweis: Eppelein ist kein gemeiner Wegelagerer.«
»Der Vollbier ist doch ein vertrakter Kerl,« murmelte der Hammerschmied dem Schneider Fips in die Ohren, »selbst dem Schlechten weiß er eine gewichtige Seite abzugewinnen, oder was?«
»Vorzüglich hat mir das Stücklein vom Heldenmuthe gefallen,« entgegnete der Ritter von der Nadel ebenso und schraubte die Augenbrauen in die Höhe.
»Nego!« wandte Herr Blasius, den Finger an der Nase, auf die Demonstrationen des Politikus ein, grade für einen gemeinen Räuber halte ich, Rathsskribent Blasius, den Gailinger. Wie hätte er es als ehrenfester Ritter wagen können, des hochweisen Rathes und einer löblichen Bürgerschaft höchstes Kleinod, das güldene Vogelhaus, aus der Mitte der freien Reichsstadt zu rauben? Wie? oder haltet Ihr auch dies für heroicae?«
»Das nun eben nicht,« meinte Vollbier lachend; »aber es ist ein Stücklein, welches mir gefällt, so oft ich es höre und ich denke dabei, List kann keinen großen Mann entehren.«
»Und was ist Dies für ein Stücklein?« fragte ein Fremder, der zunächst stehend, das Gespräch behorcht hatte und nun näher trat.
Der Politikus lachte laut auf und erzählte: »Die Nürnberger Herren haben in mehreren Zimmern der Peunt gar seltene Raritäten aufgespeichert, wie Ihr vielleicht wissen werdet, und unter diesen befand sich noch vor drei Jahren der Kleinode köstlichstes, ein gülden Vogelhaus, statt unseres Herrgotts liebem Vögelein, gar kostbares Geschmeide von Gold und Edelsteinen darin. Nur einmal des Jahres war es der löblichen Bürgerschaft erlaubt, diese Kostbarkeiten zu betrachten, und Ihr könnt Euch denken, daß dann Groß und Klein hinzuströmte, um wenigstens das zu beschauen, was gerne jeder in seinem eigenen Säckel gehabt hätte. Da stolzirte einmal bei der Eröffnung ein gar stattlicher Ritter in den Zimmern der Peunt umher, der mancher sittsamen Maid Augen auf sich zog, und schien an dem Vogelhause ganz besonderes Wohlgefallen zu haben. Wie er sich nun das zierliche Ding so betrachtet, entsteht vorn am Eingang ein großer Rumor. Drei Bauern aus dem Knoblauchsland hatten sich in ein Zimmer gedrängt, in welches nicht zu treten erlaubt war, und, als die Aufseher es hindern wollten, schlugen sie mit ihren hanbuchenen Stöcken derb auf die Köpfe derselben los. Alles lief herzu und drängte sich um die streitenden und raufenden Parteien, und endlich folgte auch der Ritter, den man in dem Zimmer, wo sich das Vogelhaus befand, ganz allein gelassen hatte. Aber statt die Erbitterten durch sein kräftiges Dazwischentreten zu trennen, schritt er, den Mantel zusammengeschlagen, zur Thüre, warf sich auf seinen an einem Thürpfosten angebundenen Rappen und sprengte zum Thore hinaus. Unterdessen hatten sich im Gemenge die eigentlichen Urheber des Streites verloren und als nun die Schaulustigen in die Zimmer zurückkehrten, war das Vogelhaus sammt seinem Inhalte fort und ist bis heute nicht wiedergekommen. Vier Wochen nach diesem Vorfalle erhielt der hochweise Rath von dem Herrn Eppelein ein Sendschreiben, in dem er sich für das Vogelhaus höflichst bedankte und die ganze Sache aufklärte. Er selbst hatte sich das Kleinod zu Gemüth gezogen, während drei seiner Knappen verkleidet den Skandal begonnen hatten. Ist das nicht witzig? Wie?«
Der Fremde brach in ein großes Gelächter aus, dem bald die Uebrigen, Herrn Blasius ausgenommen, beistimmten. Letzterer würde sogar in seiner beleidigten Amtspflicht und in einer patriotischen Aufwallung noch stärker ausgefallen sein, wenn nicht das Vorwärtswogen der Menge und ein entferntes Summen und Treten die nahe Ankunft der Sieger und ihrer Trophäen verkündigt hätte. Die Kannegießerzunft nahm den Tritt vor Vollbier's Hause als Tribüne ein und brauchte gar nicht lange der kommenden Dinge zu harren, denn schon zog die Avantgarde, zwei Fähnlein Stadtsöldner, mit Zinken, Pfeifen und Trommeln voran, auf den Lauferplatz. Ihr folgte, von dem tobenden Janhagel umschwärmt, ein Abgeordneter des hohen Rathes mit Gefolge, der sich sogleich nach erhaltener Nachricht an Ort und Stelle begeben hatte. Dicht hinter diesem kam ein Leiterwagen und auf ihm lag, gebunden und geknebelt und rings von berittenen Armbrustschützen umgeben, der gefürchtete Held der Geschichte, der Raubritter Eppelein von Gailingen. Er war ein kolossaler, kräftiger Mann, sonnverbrannt, mit rabenschwarzem Bart- und Haupthaar. Seine Augen blickten finster und unheildrohend auf die schreiende und gaffende Menge und die Züge seines Gesichts verzerrten sich oft in ohnmächtigem Grimme. Als der Wagen in die Nähe des Vollbier'schen Hauses kam, warf er zufällig einen langen Blick auf die über die Köpfe der Menge hervortretenden Politiker, was deren Präses später Gelegenheit gab, zu behaupten, der Gailinger habe ihn erkannt und kameradschaftlich zugewunken, worüber er noch in manch hitzigen Disput mit den nichts bemerkt haben wollenden Genossen gerieth. Dem Wagen Eppelein's folgten noch mehrere mit Gefangenen und diesen die reiche Beute an Waffen und Rossen, unter letzteren als vorzüglich angestaunt, Rapp, der schwarze Streithengst des Raubritters. Den Schluß machten wieder zwei Fähnlein Stadtsöldner und eine Unmasse Volks.
Der Zug bewegte sich zum Rathhause, wo die Beute abgeliefert wurde, und dann hinauf in die Burg, dem Gefängniß der Räuber. Auch wir verlassen nunmehr die Nähe der politischen Gesellschaft, weil wir dort alles gehört und betrachtet haben, was uns zu wissen noch thut. Soviel ist uns aber durch die kurze Bekanntschaft klar geworden, daß es nicht nur heute, sondern schon damals moquante Mäuler gab, die sich ein Vergnügen daraus machten, die redliche Einfalt ihrer Vorgesetzten zu bewitzeln und zu bespötteln und wenn Meister Vollbier, der namentlich ein so malitiöses Subjekt war, nicht später noch in eine politische Untersuchung gezogen wurde, so hatte er es allein der Nachsicht des Herrn Rathsskribenten Blasius zu danken, der ihn wahrscheinlich wegen seiner Bornirtheit für ganz unschädlich betrachtete.
Die Untersuchung gegen Eppelein ging rasch vor sich; die faktischen Beweise lagen offen gegen ihn da und er war der Mann nicht, der seine Thaten leugnen mochte. Der versammelte Rath sprach das Schuldig über ihn aus und der Senator Veit von Stark wurde beauftragt, ihm das Todesurtheil zu überbringen.
In einem düsteren aber räumlichen Gemache der Burg – denn nach den Begriffen der damaligen Zeit gönnte man selbst dem Verbrecher, sobald er von ritterlicher Abkunft war, eine größere Freiheit, als dem gemeinen Mann – geht der Raubritter Eppelein von Gailingen mit verschränkten Armen auf und nieder. Er ist leicht gekleidet, Sporen und Schwertgehäng hat man ihm gelassen, nur die Waffe fehlt. Sein rauher, stolzer Sinn kann sich nicht mit dem Gedanken vereinigen, daß er, der mächtigste und gefürchtetste Mann des ganzen fränkischen Kreises, nunmehr der Gnade derjenigen anheim gefallen sei, die er seit Jahren verachtet und mit dem Aufgebote aller Mittel beraubt und bekämpft hat. Oft faßt ihn die Wuth und dann rüttelt er an den Stäben seines Fenstergitters und schäumt und flucht, doch dieselben widerstehen seiner riesigen Kraft und ein Gefühl der Ohnmacht überfällt ihn, welches er noch nie empfunden. Trotzdem glaubt er nicht, daß man ihn zum Tode verurtheilen werde, aber er fürchtet Schlimmeres: Ewiges Gefängniß. Diesen Gedanken kann sein an ungebundene Freiheit gewohnter Sinn nicht ertragen; er ist gewohnt, wie ein Vogel in der Luft zu leben, Unthätigkeit und Mangel an Licht muß ihn aufreiben. Aber doch steht ihm wenigstens die Hoffnung zur Seite, seine Genossen könnten Mittel und Wege finden, ihn zu befreien, vielleicht begnügt sich selbst der erbitterte Rath mit dem Schwur der Urfehde, den er im Voraus nicht zu halten sich gelobt oder mit einem reichen Lösegelde.
Um so unerwarteter kam es ihm daher, als sich bald darauf die schwere, eiserne Thür öffnete und der Rathsabgeordnete ihm das gefällte Urtheil überbrachte. Der erste Augenblick sah ihn bleich und schwach werden, aber es war nur ein Augenblick; er schämte sich, eine Schwachheit gezeigt zu haben, die seine Manneswürde entehrte.
»Ich erkenne das Urtheil nicht an,« sprach er mit ruhiger, fester Stimme; »der Rath der Stadt Nürnberg hat nicht das Recht, einen freien, schildbürtigen Ritter des heiligen römischen Reiches zu richten.«
»Kraft kaiserlicher Privilegien sind wir dazu ermächtigt,« war die Antwort des Herrn Veit von Stark, »selbst wenn der römisch kaiserlichen Majestät gnädigst eingesetzter Schultheiß der Stadt Nürnberg das Urtheil nicht sanktionirt hätte, was jedoch geschehen ist. Ueberdies seid Ihr nicht als Ritter, sondern als Räuber verurtheilt worden und dankt es nur der Gnade eines hochweisen Rathes, daß man Euch ein ritterlich Gefängniß bot.«
Eppelein's Rechte fuhr nach der Stelle, wo sonst sein Schwert hing, aber schnell besann er sich. »Den gefangenen Löwen möcht Ihr immerhin treten,« sprach er bitter, »habt Ihr doch lange genug vor ihm gezittert. Doch nehmt Euch in Acht; noch hat er Tatzen und das stolze Bewußtsein seiner Stärke.«
»Er wird nicht mehr schaden,« entgegnete der Rath lächelnd; »wir verstehen die Kunst, selbst die wildesten Thiere doch endlich zu zähmen. Habt Ihr sonst noch einen Wunsch, so sei er Euch gewährt.«
»Befreit mich schnell von Euerem verhaßten Anblick, Krämerseele!« brauste Eppelein zornglühend auf. »Freut Euch Eures Sieges, Ellenreiter und Pfeffersäcke, aber fürchtet die Rache meiner Gefährten! Aus jedem Tropfen meines vergossenen Blutes wird ein Rächer erstehen, der einen Stein von dem zerbrechlichen Gebäude Eures Ruhmes schleudert, fort, fort! – Doch Halt«, fügte er sich besinnend hinzu, als der Rath das Gefängniß verlassen wollte, »laßt mich noch einmal Gottes Sonne schauen und mich nach der Gegend blicken, die mir so werth und die ich nimmer wieder sehen soll. Thut mir das und ich danke es Euch.«
»Laßt die Thore schließen und ein halbes Fähnlein Lanzenknechte im Burghofe aufziehen,« befahl der Rath einem seiner Begleiter; »Ihr aber mögt mir immerhin hinab folgen, Euer Wunsch ist zu billig, als daß ich ihn versagen sollte.«
Der damalige Burghof erstreckte sich über die ganze Breite des Platzes und erst später wurde der Weg der jetzt in das Innere und zum Bestner Thore hinausführt, angelegt.
Eppelein athmete hoch auf, als er in die freie Luft trat und die Lust zum Leben erwachte in ihm mächtiger als je. Er schritt mit dem Rath zur niederen Brüstung vor und blickte sinnend hinüber nach dem fernen Walde, hinter dem seine Heimath war, seine Burgen lagen und die treuen Genossen seiner harrten. Als der Rath seinen Schutzbefohlenen in einer so wehmüthigen Stimmung sah, hielt er es für seine Pflicht, das Bekehrungswerk zu versuchen, ihm in das Gewissen zu reden und vor seinen Augen mit kräftigen Farben ein Gemälde seines lasterhaften Lebenswandels zu entwerfen. Listig, wie der Gailinger war, ging er bald auf die Moral des immer eifriger sprechenden Rathsherrn ein, weil ihm ein dunkles Vorgefühl sagte, daß erheuchelte Reue ihm in seiner jetzigen Lage jedenfalls von größerem Nutzen sein werde, als Widerstand und Trotz. Aber während Herr Veit von Stark sich in blumenreichen Sentenzen über die Freude der Engel im Himmel bei der Bekehrung eines großen Sünders erschöpfte, maß Eppelein unbemerkt die Tiefe und Breite des Stadtgrabens, wobei ihm jedoch die Unmöglichkeit klar wurde, ihn zu überspringen oder ohne zerbrochene Glieder hinab zu kommen.
Endlich, nachdem der anscheinend bis zu Thränen gerührte Ritter ihm sogar versprochen hatte, einen bis jetzt hartnäckig verweigerten Priester vor sich zu lassen, der das mit so großem Erfolg begonnene Bekehrungswerk vollenden könne, mahnte der Rath zum Aufbruch und befahl sein Roß vorzuführen. Bei dem Worte Roß, zuckte es dem Gefangenen wie ein Blitz durch den Kopf, und er wandte sich rasch, es zu schauen. Aber wer beschreibt seine Freude, als er den treuen Rapp, seinen Streithengst, an einem Baum angebunden sah, den der Rath als großer Pferdeliebhaber um hohen Preis erstanden hatte. Wirklich in diesem Moment von einem Gefühl der Rührung ergriffen, lief er hinzu und schlang die Arme um den Hals des treuen Thieres, das laut aufwiehernd seinen Herrn erkannte.
»Auf ein gutes Roß habt Ihr etwas gehalten,« sprach Herr Veit von Stark wohlgefällig lächelnd, »ich glaube nicht, daß in ganz Bayern und Franken ein zweites Thier wie dieses aufzutreiben ist.«
»Und Ihr habt es gekauft, edler Herr, und Ihr werdet es in Ehren halten!« rief Eppelein, in dessen Kopf sich eine große, kühne Idee heranbildete. »Rapp! Rapp! auf Dir wenn ich in den Tod reiten könnte, dann wäre er mir zu jeder Stunde willkommen.«
»Ein wenig störrisch ist er noch, doch hoffe ich, es soll sich mit der Zeit geben,« meinte der Rath.
»Es gibt sich nicht, edler Herr,« rief Eppelein. »Ihr müßt das Pferd zu behandeln verstehen, Ihr müßt seine Launen und seine Vorzüge wissen, und die kann Euch niemand auf dieser Erde lehren, als ich. Wenn Ihr auf gewöhnliche Reiterweise mit dem Thier verfahrt, ist der Rapp in einem Vierteljahre zu Schanden.«
»Das wäre mir leid,« versetzte Herr Stark, »er hat mich 100 Pfund Heller gekostet.«
»Er ist tausend Werth in den Händen dessen, der ihn zu behandeln versteht,« war des Gailinger's Einwurf.
»Nun da wäre ich doch begierig, und da Euch der Rapp auf dieser Welt doch nichts mehr nützt und mir ein großer Gefallen damit geschieht, so könnt Ihr wohl –«
»Laßt mich aufsitzen und in fünf Minuten seid Ihr Meister des Rosses.«
Der Rath warf einen Blick nach den fest verschlossenen Thoren, einen zweiten auf die allenthalben vertheilten Lanzenknechte und entgegnete: »Versucht's.«
Mit raschem Schwunge saß Eppelein im Sattel. Der Rapp blies die Nüstern auf und wieherte laut. Eppelein ritt langsam im Kreise herum und sprach dabei: »Seht, edler Herr, die Schenkel müssen so angeschlossen werden, – so faßt Ihr die Zügel, – zum Trapp gebt Ihr ihm diesen Druck, – zum Galopp diesen,– aber« – er war indessen der Grabenbrüstung gegenüber gekommen – »soll er setzen, springen, dann packt Ihr die Zügel mit kräftiger Faust, druckt ihm mit Macht die Sporen in die Flanken und macht es so.« –
Gestachelt von der Gewalt der Sporen machte der Rapp zwei ungeheuere Sätze bis zur Brüstung, einen dritten – und Roß und Reiter waren verschwunden.
»Er hat sich in den Graben gestürzt, der Unselige!« rief der Rath und rannte, von den Lanzenknechten gefolgt, an die Mauer. »Er ist hinüber gekommen!« fügte er zusammenschreckend hinzu; »er ist aus dem Sattel geschleudert, – das Roß erhebt sich, – er sitzt auf, – öffnet die Thore! hinaus was Beine hat! der Gailinger ist entkommen!«
Es war vergebens. Bis die Söldner die schwere Zugbrücke niederließen, um hinüber zu kommen, hatte Eppelein einen bedeutenden Vorsprung gewonnen und den Nürnberger Herren das Vergnügen, ihren Todfeind hängen zu sehen, auf's Abscheulichste versalzen.
Noch viele künstliche Reiterstücklein und Wagnisse, lustig für Eppelein, traurig aber für Nürnberg und Windsheim und Rothenburg und viele Andere, wären noch mitzutheilen, man könnte ein Büchlein allein davon schreiben. – – –
Jeder Krug geht so lange zum Brunnen bis er zerbricht und in Neumarkt in der Oberpfalz vollzog sich das Gericht, das bei Niemandem ausbleibt. Dort saß er, nachdem man ihn bei Postbauer gefangen. Denn endlich war der Fuchs doch einmal in die Schlinge gegangen und die Neumarkter Richter kannten keinen Spaß.
Der Burgpfaffe hatte doch Recht, als er seiner Zeit dem Apollonius kein gutes Ende voraussagte und der Pfarrer von Sankt Sebald, dem er auch übel mitgespielt, hatte Gleiches prophezeit.
Eppelein starb unter dem Rade des Henkers, viele seiner Genossen durch des gleichen Mannes Schwert. Wohl standen ihre übrig bleibenden Freunde auf in Wuth und drohten, die Stadt Nürnberg an allen Ecken anzuzünden, aber das rechte Haupt war nicht mehr und da mußten die Einen und die Andern ablassen vom Kampf, oder sie thaten es freiwillig, oder sie verglichen sich.
Herren, die gleich Eppelein Menschenrecht und Gesetz mit Füßen traten, kamen ihrer noch Viele. An Rauhheit thaten's viele gleich ihm, an Schalkheit aber hat ihn Keiner erreicht.