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Nürnberger Sage aus dem 13. Jahrhundert.
Von J. Priem.
Des Burggrafen von Nürnberg, Konrads III. Gemahlin, Frau Hildegard, saß in einem hohen Lehnstuhle an dem hohen Bogenfenster ihres Gemaches, das die Aussicht in den Burghof gewährt.
Die Schmerzen der Gicht wütheten in ihrem Körper, sie vermochte nicht, sich ohne Anderer Hülfe zu bewegen. Ihr von den Eindrücken der Krankheit entstelltes Antlitz hatte sie mit beiden Händen bedeckt, als wolle sie sich vor den Strahlen der Morgensonne wahren, die gar freundlich über das hohe Burgthor in das Gemach lächelte.
Hinter ihr stand Rosa, ihre Zofe, und flocht die glänzend schwarzen Haare der Gebieterin in zierliche Zöpfe. Die Gräfin war eingeschlummert und ihr müdes Haupt war auf die Brust herabgesunken.
Den Schlummergott, der als ein seltner Gast die Kranke heimsuchte, nicht zu verscheuchen, wollte Rosa eben ihre Beschäftigung enden, als plötzlich ein Geräusch im Hofe vernehmbar wurde; Pferde wieherten, rauhe Männerstimmen wurden laut und Jagdhörner ertönten, so daß Hildegard erschrocken auffuhr.
Mit allen Zeichen des Schreckens und der Angst rief die Halberwachte, noch zwischen Traum und Wahrheit Kämpfende: Meine Söhne! – Johann! – Mein Friedrich! um Gott und aller Heiligen Willen, sie sind todt! meine Kinder todt! – Ja, ich höre das Jauchzen ihrer Mörder, das Toben des blutgierigen Volkes! –
Edle Frau, was ist Euch? sprach Rosa, auf die Ermattete herabgebeugt, – welch ein böses Traumbild muß Euch geängstigt haben, daß Ihr solche Schreckensworte laut werden laßt? Beruhigt Euch! Unten im Hofe tummeln die beiden muntern jungen Grafen ihre Rosse; eben sind sie im Begriffe auf die Jagd zu reiten.
Auf die Jagd? – rief die Kranke mit fast schrillendem Tone, während sie in Selbstvergessenheit sich vom Sessel aufraffte, aber von Schmerz übermannt, wieder zurücksank. Auf die Jagd? die Unglücklichen! – wiederholte sie. Dem gewissen Tode gehen sie entgegen. Eile, Rosa, sie sollen mich besuchen, sie sollen ihre kranke Mutter besuchen, die im Traum nur wenig Augenblicke den Vorhang gelichtet erblickte, der des Tages Zukunft unserem Auge verbirgt. Gehe, Rosa, damit es nicht zu spät sei, und ich meine Kinder dem Verderben noch entreißen kann.
Schnell gehorchte die Zofe.
Die Söhne traten an des Vaters Hand herein. Stattliche Jünglinge. Prinz Friederich, der Aeltere, war von hohem Wuchse, wie auch der Jüngere, Johann, aber schwarz von Bart und Haupthaar, und der Kühnheit und Verwegenheit Ausdruck im Gesichte, während der blonde Johann die Anmuth und Zartheit einer Jungfrau auf dem Antlitz trug.
Ehrerbietig grüßten die Brüder die leidende Mutter und forschten mit kindlichem Gefühle nach dem Zustande derselben. Seht Eure Söhne, Frau Hildegard, – begann ihr Gemahl – Jünglinge, Deutschlands würdig, stehen sie vor Euch, geübt in den Künsten des Kriegs und nicht minder erfahren durch unseres ehrwürdigen Schloßpaters Cyrillus Bemühen in allerlei schönen Dingen des Friedens. Wenn Ihr auch über Friedrichs Trotz und Ungestüm klagt, so werdet Ihr doch die Weichheit seines Innern nicht verkennen, die er in diesen Thränen über Euren Zustand, den Gott bessern möge, an den Tag legt; und nun Euer Johann! –
Mein Herr und Gemahl, – erwiderte, ihn unterbrechend, Hildegard – Ihr seid ja unermüdlich im Lobe Euerer Söhne; ich stimme dem bei, – fuhr sie durch Thränen lächelnd fort. Unsere Kinder sind durch Gottes und der Heiligen Hilfe und Schutz gut geworden, darum werden sie auch heut dem elterlichen Wunsch und Gebote nicht zuwiderhandeln, die Jagd zu meiden, zu der sie sich, wie ich sehe, bereitet haben. Verderben und Tod wartet ihrer heute außer den Ringmauern der Stadt. Es hat das Schicksal gnädig mir einen Blick gewährt in meiner Söhne nächste Zukunft.
Die beiden jagdlustigen Brüder standen überrascht, gesenkten Blickes und den Unmuth über die vereitelte Lust nur halb bergend.
Der Burggraf, durch Rosa von dem Grunde dieses Wunsches seiner Gemahlin unterrichtet, – von den Vorurtheilen seines Jahrhunderts frei und ein Feind alles Aberglaubens, erwiderte Frau Hildegard: Ihr seht zu schwarz, in Folge Eurer Leiden, was ich Euch zwar keineswegs verübeln kann, jedoch bedenkt, daß Ihr Euch bloß um eines Traumes Willen ängstigt und Euere Söhne des Jagdvergnügens berauben wollt, das besonders heute als unerläßliche Pflicht ihnen noch mehr am Herzen liegt. Gestern ward uns Kunde von den häufigen Einfällen der Wölfe in die Häuser der Sensenschmiede vor dem Spitalerthore. Zwei Kinder –
Er sprach nicht aus, denn bei der Erwähnung der Wölfe stieß die Gräfin einen lauten Schrei aus, und eine Ohnmacht schloß unmittelbar ihre Augen. Die Prinzen eilten herbei, die ohnmächtige Mutter ins Leben zurück zu rufen. Es gelang ihnen, bald schlug Hildegard die Augen wieder auf; der erste Blick war auf ihre Söhne, das erste Wort die Wiederholung ihrer Bitte.
Schon wollte der Burggraf, von ihrem Schmerz bezwungen, ihrem Begehr willfahren, und das Jagdgefolge verabschieden, als in Begleitung eines Knechtes ein hoher bärtiger Mann von gedrungenem Körperbau eintrat. Die entblößten rußigen Arme, die von schwerer Arbeit zeugenden schwielenbedeckten Hände ließen ihn als einen Feuerarbeiter erkennen, und er selbst gab sich als einen jener Sensenschmiede kund, die bis um das Jahr 1298, den Zeitpunkt dieser Erzählung, vor dem Thore der freien Reichsstadt Nürnberg wohnten, das jetzt das Spittler- (Spitaler-) Thor genannt, in jener Zeit aber, vor der Erweiterung der Stadt, weiter zurück, ungefähr in der Gegend des sogenannten weißen Thurmes lag. Der Mann blieb demüthig an der Thüre stehen. Auf des Grafen Frage nach seinem Begehr hub er in rauhem Tone an: Edler Graf und Herr! – Meine Brüder und Nachbarn senden mich zu Euch, Bericht abzustatten, wie die Wölfe in gestriger Nacht in viele unserer Wohnungen eingebrochen, und das einzige Kind unseres Bruders Leuthardt und Kreutzens jüngstes Mädchen aus der Wiege geholt und gar jämmerlich zerfleischt haben. Wir wollen Euch bitten, edler Herr, herauszuziehen mit Euren Leuten, und Jagd auf die Unthiere zu machen. Unsers dienstwilligen Beistandes seid Ihr versichert.
Schaudernd stand Konrad und die Prinzen. Die kranke Mutter starrte, wie bewußtlos auf den Boden. Der Burggraf endlich nahm das Wort:
Ihr seht, Frau Hildegard, länger zaudern hieße an Gottes Langmuth freveln. Wir stehen in seiner Hand, darum hinaus, meine Söhne, und Ihr, meine Gemahlin, dem Herrn empfohlen! –
Er eilte hinunter in den Burghof, Friedrich und Johann, die zuvor den Scheidekuß der noch immer starr blickenden Mutter auf die Stirn gedrückt hatten, folgten mit dem Sensenschmiede nach. Bald vernahm man das Toben des davonsprengenden Zuges, die Jagdhörner gellten lustig herauf, Frau Hildegard aber, aus ihrer Betäubung erwacht, sandte den Schmerzensblick zum Himmel und faltete inbrünstig die Hände zum Gebet für den Gatten und die Söhne, die ihr diesen Morgen im Traume auf der Jagd in großer Lebensgefahr erschienen waren, welcher Traum, nach dem Aberglauben jener Zeit, sie das Schlimmste für die Lieblinge befürchten ließ.
Es war ein herrlicher Tag; der Jagdzug bewegte sich durch die Stadt, deren Bewohner, gelockt durch die lustigen Jagdweisen der Vorüberziehenden, neugierig unter ihre Thüren traten. Auf stattlichen Rossen ritten die Prinzen Johann und Friedrich zu beiden Seiten ihres Vaters. Johanns Stirn war umwölkt, die Reden seiner Mutter, die von einer bösen Ahnung zeugten, hatten einen sonderbaren Eindruck auf ihn gemacht. Mit einem schmerzlichen Blick sah er zurück nach den Fenstern des Schlosses, als wollte er auf immer Abschied von der Mutter nehmen, die in tiefer Wehmuth den Fortziehenden mit einem weißen Tuche nachwinkte. Dem Jüngling aber war es, als werde er die Gemächer nimmer betreten, die seine Kinderspiele gesehen, in denen er zum Jüngling geworden war. Ein banges Gefühl durchströmte seine Brust, als an der Brücke angekommen, der Vater, ein gar erfahrener Jäger, den Zug theilte, und indem er mit einem Theil desselben gegen das Frauenthor zuzog, von seinen Söhnen Abschied nahm, die mit der größern Abtheilung des Jagdgefolges die Waldungen vor dem Spitalthore sich ausersehen hatten.
Friedrich, keck und kühnen Muthes, befragte den finster daher reitenden Bruder um die Ursache seiner Niedergeschlagenheit, doch dieser, den Stolz seines Geschlechtes in seinen Adern, verbarg ihm die Wahrheit, und machte dem Forschenden glauben, der kurz vor dem Abzug erfolgte Tod seines besten Jagdhundes sei der Grund seiner Verstimmung. Johann ermannte sich und suchte den beängstigenden Gedanken, der wie ein gräßliches Gespenst vor ihm stand, zu verscheuchen.
Bald war der Zug bei den Wohnungen der Sensenschmiede angelangt, welche an die große Waldung grenzten, in denen die Wölfe hausten.
Vor ihren ärmlichen Hütten standen die Sensenschmiede und ruhten aus von ihrer Arbeit. Einer von ihnen, ein würdiger Sohn des Vulkans und gleichsam das Oberhaupt seiner Nachbarn und Genossen, dem sie in allen Dingen gehorchten und der sie führte in den Kriegen der Reichsstadt gegen den umliegenden Adel, rief bei der Annäherung des Zuges alle seine Kameraden zusammen, und sie kamen, mit Spießen, Schwertern und Sensen bewaffnet; und Viele führten gar geschickt den Bogen. Alle schlossen sich dem Zuge an. Jubelgeschrei, den Prinzen zu Ehren, und lustige Jagdlieder erfüllten die Luft. Des Burkhardts Hausfrau trat mit ihrem jüngsten Knäblein auf dem Arme, das sie in einen Wolfspelz gehüllt hatte, zu ihrem Manne, und reichte ihm einen großen Becher Wein, damit er sich erquicke vor dem Abzuge und sein Trinkhorn füllen möge. Da ward der kleine Knabe unruhig auf ihrem Arm und ruhte nicht eher, bis sich die Mutter seiner entledigte und ihn zurück trug an das Haus, wo er auf dem Rasenplatze, mit andern Kindern spielend, gerne weilte.
Mit Hörnerschall zogen die Jäger vorüber, und am Ende folgte eine Kuppel großer Hunde, die von den Troßbuben geführt wurden. Kaum erblickten die Hunde das Kind mit der Wolfsschur angethan, als sie, die Stricke zerreißend, die sie fesselten, wüthend auseinanderstoben und auf die vermeintliche Beute losstürzten. Im Nu lag das Kind in Stücken zerrissen zu den Füßen der lautaufschreienden Mutter.
Herzzerreißendes Jammergeschrei erfüllte die Luft, es war vergeblich, die Hunde in ihrer ersten Wuth zu bändigen, die ein zweites Kind, das unfern davon auf dem Grase saß, ergriffen, und ebenfalls jämmerlich zerfleischten. Von allen Seiten eilten die Sensenschmiede herzu, und die Prinzen mit ihrem Gefolge kehrten um, als sie das Wehklagen der verzweifelnden Mütter vernahmen. Burkhardt theilte die Wuth seiner Gattin, die von Mutterschmerz getrieben, mit zwei gewaltigen Axthieben bereits zwei Troßbuben zu Boden geschlagen hatte. Es war das die Losung zum allgemeinen Kampfe. Die übrigen Knechte im Jagdgefolge sahen sich von den Sensenschmieden, die im Wahne standen, als wären die Hunde mit Vorsatz auf ihre Kinder gehetzt worden, wüthend angefallen, und es blieb ihnen nichts übrig, als sich zu vertheidigen, da jede sonstige Verständigung unmöglich schien. Im Gedränge des Streites befanden sich die Prinzen unvermögend dem Kampfe zu wehren, der in blinder Hitze um sie her wüthete. Da riß Friedrich in Ungeduld das Schwert aus der Scheide, und seinen Streichen wichen bald die nächsten Andringenden. Es bluteten schon Viele, auf der Erde liegend. Johann hielt noch immer unthätig im Gewühle, da flog ein Beil von Mördershand ihm an das Haupt und bewußtlos sank er vom Pferde. Als er am Boden lag, fielen die Wüthenden über ihn her und tödteten ihn vollends mit Lanzenstößen.
Burkhardt war in einem Augenblick der Besinnung herbeigeeilt, um die Prinzen zu beschützen und dem Morden Einhalt zu thun, leider aber zu spät; des Sterbenden letzter Blick traf ihn noch und richtete sich dann zum Himmel empor, die schwere Klage des Mordes hinaufsendend. Burkhardt stand erschüttert. Das Wuthgeschrei seiner Gefährten weckte ihn aus dem finstern Brüten, in das die ungeheuere That ihn versenkt hatte.
Willst du es dulden, – riefen ihm seine Gefährten zu – daß man unsere Kinder durch Hunde zerreißen läßt, daß man unsere Hütten in Brand steckt. Unsere Hütten, – schrie er und sah wild empor; – ein dicker Qualm stieg aus mehreren Häusern auf; die Jäger hatten die Wohnungen zum Sühnopfer für die Gefallenen in Brand gesteckt. Burkhardts Wuth erreichte nun den höchsten Grad. An der Spitze seiner völlig rachedürstigen Genossen eilte er dem entflohenen Friedrich nach, der sich eine gute Strecke durchgeschlagen und dann bis an den Platz gelangt war, wo jetzt das Gasthaus zum Mondschein steht; dort, wo noch lange der Boden sumpfig war, gerieth er in eine Pfütze, in der das Pferd bis an die Brust versank. Die Verfolger erreichten ihn, und trotz der tapfersten Gegenwehr wurde auch er ein Opfer ihrer Rachsucht. –
Mutter Hildegard! – Dein Traum! das waren die letzten Worte, die sich über seine Lippen drängten. Sein Tod machte der Metzelei ein Ende.
Die Sensenschmiede, welche die gerechte Strafe ihrer That fürchteten, zogen noch selbigen Tages aus nach Donauwörth und nahmen den damals sehr bedeutenden Sensenhandel mit sich aus der Stadt.
Der Burggraf eilte auf die Nachricht von seiner Söhne Unglück in das Schloß zurück, die kranke Gattin vor dem ersten Eindruck des Schmerzes zu bewahren, doch ach! – er fand sie schon hinübergeschlummert in jene Welt, denn als man ihre beiden Söhne auf einer Bahre durch das Burgthor brachte, stand sie am Fenster, die Lieben zu erwarten; der schauderhafte Anblick warf sie zu Boden, von dem sie nimmer erstand.
In der Folge legte der Graf mit Bewilligung des Rathes den Bewohnern der Vorstadt auf, jedes mal um Michaelis 7 Heller für jedes Haus zu bezahlen. Dies Sühngeld hat erst Friedrich V. 1386 abgeschafft.