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Vom Habsüchtigen und vom Neidischen

Ihr Herrn, es werd' durch meinen Mund
Nach mancher Mär Euch Wahrheit kund.
Kein guter Spielmann ist fürwahr
Und aller Klugheit ist er bar,
Dem nur die Märchen wohl gelingen.
Er muß, an stolzem Hof zu singen,
Nicht nur im Lügen Meister sein,
Auch geb' die Wahrheit nicht allein
In seinem Sange er bekannt.
Ist im Gewerbe er gewandt,
So kann er oft sich zwischen beiden
Für eine dritte Art entscheiden.
Nun aber laßt Euch offenbaren,
Daß einstmals zwei Gesellen waren
An einem Ort vor langer Zeit.
Der eine war so voller Neid,
Daß seinesgleichen nicht im Land.
Der andre sich voll Habsucht fand
Und des Gewonn'nen niemals froh.
Die Habsucht quält den Menschen so,
Daß Schande ihm am Ende bleibt,
Zu Wucher sie und List ihn treibt,
Sie fälscht und trügt, in allen Dingen
Will sie's zu großem Reichtum bringen.
Der Neid noch weniger gefällt,
Er reizt und neidet alle Welt.
Einst ritten der, so voller Neid,
Und der voll Habsucht aus zu zweit,
Als draußen sich auf freiem Feld
Sankt Martin ihnen zugesellt.
Nicht lange brauchte er zu wandern,
Sich zu ergehn mit den zwei andern,
Da ward der Laster er bewußt,
Die tief sie bargen in der Brust
Und die im Herzen wurzelnd saßen.
Sie kamen, wandernd ihrer Straßen,
Nun an zwei Wege, vielbeschritten,
Ein kleines Kirchlein in der Mitten.
Sankt Martin ruft die Weggesellen:
»Ihr Herrn!« spricht er, »bei der Kapellen
Führt mich zur Linken meine Fahrt,
Doch da Ihr mir Genossen war't,
So bleib' Euch ferne alles Schlechte.
Sankt Martin bin ich, der Gerechte,
Frei steht Euch eine meiner Gaben,
Und wer da bittet, soll es haben,
Wozu sein Herz und Sinn geneigt.
Der andre aber, der da schweigt,
Freu sich an zwiefachem Gewinne.«
Der, so die Habgier barg im Sinne,
Bedenkt die Worte flink genug
Und meint bei sich, es wäre klug,
Daß er den andern wünschen ließe
Und doppelten Gewinn's genieße.
Er ruft: »Sprich, trauter Weggeselle,
Gegeben wird dir auf der Stelle,
Was immer du zu wünschen wagst.
Und wünsche viel; wenn du nur magst,
Bist du versehn auf Lebenszeit.«
Der, dem im Herzen saß der Neid,
Verzieht, zu äußern sein Verlangen.
Vor Eifersucht wär' er vergangen,
Hätt' ihn der andre wünschen lassen
Und schweigend, wohlverdientermaßen
Sich selbst erfreut am reichren Schatze.
So standen sie am selb'gen Platze
Und schwiegen eine lange Weile.
»Daß dich des Himmels Zorn ereile!«
Rief endlich der, dem unterdessen
Im Herz die wilde Gier gefressen,
Sie läßt ihm fürder keine Ruh.
»Die Hälfte will ich mehr denn du,
Drum sprich und wünsche schnell, du Tor,
Sonst steht dir Schreckliches bevor!
Ich schlage dich, so wie seit Tagen
In Pont kein Esel ward geschlagen.«
Darauf der Neidische mit List:
»Es sei getan, o Herr, denn wißt,
Eh' Ihr mir antut solches Leid,
Bin ich zum Wünschen gern bereit.
Doch bitte ich um Geld und Habe,
Wird Euch das Doppelte zur Gabe,
Das will ich hindern, wenn ich kann.
Sankt Martin, hört mich gnädig an!
Gebt, daß mir blind ein Auge sei,
Dem andern aber blendet zwei,
Daß doppelt Leid ihm mög' entstehn.«
Da war es alsobald geschehn,
Drei Augen mußten sie von vieren
Im selben Augenblick verlieren.
Die beiden handelten nicht klüglich,
Sankt Martin machte unverzüglich
Den einäugig und jenen blind;
Die Wünsche waren ganz geschwind
Zum Unheil ihnen ausgeschlagen.
Sollt' einer diese zwei beklagen,
Mög' Glück und Lust nicht bei ihm harren,
Denn Schurken waren sie und Narren.


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