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Ein Bauer lebte einst im Land,
Als arger Geizhals rings bekannt;
An Gütern war er reich genug,
Er hatte Pferde, einen Pflug
Und reichlich Fleisch und Wein und Brot.
Nur eine Frau tat ihm noch not.
Von seinen Freunden mußt ertragen
Viel Schelten er darob und Klagen.
Er sagte, gern er eine nähme,
Wenn erst einmal die Rechte käme.
Im selben Land lebt' dazumal
Ein Ritter, alt und ohn Gemahl,
Der nannte eine Tochter sein,
An Antlitz und an Sitten fein.
Er hätte gerne sie vermählt,
Doch weil ihr Gut und Habe fehlt,
Kein Ritter sich zur Stelle fand,
Zu bitten um der Jungfrau Hand.
Des Bauern Leute ohn Verweilen
Für ihren Freund zu werben eilen,
Von seinem Reichtum geben Kunde
Sie laut aus lobesfrohem Munde.
Der alte Ritter, hocherfreut,
Ist zu der Heirat gleich bereit,
Die Jungfrau schweigt und fügt sich still
In alles, was der Vater will
– Ihr fehlt der Mutter Hilf und Rat –,
Klug war sie, daß sie also tat.
So schnell getan als wie gedacht
Die Sache ward zum End' gebracht
Und ausgerichtet auf das beste.
Allein nach seinem Hochzeitsfeste
War kaum verronnen kurze Zeit,
Da ward's dem Bauern herzlich leid,
Daß unklug er und unbedacht
Zu seiner Frau das Fräulein macht'.
Muß er zur Arbeit sie verlassen,
Geht sie zum Junker auf die Gassen.
Und muß er in das Feld hinaus,
Schleicht der Kaplan ihm in das Haus,
So heut wie morgen unentwegt,
Daß seine Frau ihn schilt und schlägt,
Ihn hält nicht zweier Brote wert,
Niemals ihn wieder liebt noch ehrt.
»Ich Armer, ach!« der Bauer spricht,
»Nun nützt mir Reu und Klage nicht,
Ich weiß mir weder Hilf noch Rat.«
Er sitzt und grübelt früh und spat,
Wie er ein gutes Mittel fände,
Das solches Unheil von ihm wende.
»Halt,« ruft er plötzlich, »schlug ich sie
Vorm Tageswerk, des Morgens früh,
Weint sie den lieben langen Tag,
So daß sie niemand sehen mag.
Kehr ich beim Vesperläuten heim,
Bitt ich sie sehr, mir zu verzeihn,
Am Abend sei sie ohne Sorgen,
Doch fürcht' sie meinen Zorn am Morgen.«
Die Dame eilt, wie er befohlen,
Und geht, das Mahl herbeizuholen.
Nicht Rebhuhn setzt sie und nicht Fisch,
Doch Brot und Wein auf ihren Tisch,
Dazu bringt sie gebratnes Ei
Und Käse massenhaft herbei.
Und als der Tisch war abgedeckt,
Der Bauer seine Hand ausstreckt,
So groß wie breit, und zögert nicht
Und schlägt der Frau in das Gesicht,
Daß sichtbar ward der Finger Spur.
Allein es tat nicht dieses nur
Der Bauer, der sehr grausam war,
Er packt sie dann bei ihrem Haar
Und schlägt und prügelt sie so sehr,
Als wenn sie wirklich schuldig war.
Geht eilig dann ins Feld hinaus,
Läßt weinend seine Frau zu Haus.
»Ich Arme, ach!«, die Dame spricht,
»Ich weiß mir Rat und Hilfe nicht.
Mein Vater übt' an mir Verrat,
Von Sinnen war ich, als ich's tat
Und nachgab dieses Bauern Werben.
Des Hungertodes möcht' ich sterben.
Warum ist meine Mutter tot?«
So bitter klagt sie ihre Not,
Daß alle, die da zu ihr kamen,
Im Umsehn wieder Abschied nahmen.
In Schmerzen sie den Tag verbringt,
Bis daß die Sonne untersinkt.
Der Bauer kehrt vom Felde wieder,
Zu ihren Füßen fällt er nieder
Und bittet sie: »Um Gott, verzeiht,
Mein Unrecht tut mir bitter leid;
Denn wißt, es schneidet mir ins Herz,
Daß ich Euch schafft' so bittern Schmerz.
Ich schwöre Euch als Ehrenmann,
Nie wieder rühre ich Euch an.
Ich selber hab zu hart getragen
Daran, daß ich Euch so geschlagen.«
Also der Bauer, und so schlau
Weiß er zu schmeicheln seiner Frau,
Daß sie ihm endlich auch verzeiht.
Die Abendmahlzeit ist bereit,
Sie bringt sie, und sie langen zu,
Dann gehn in Frieden sie zur Ruh.
Am nächsten Tag, beim Morgengraun,
Beginnt er wieder sie zu haun,
Und als er denkt, sie hätt' genug,
Geht er ins Feld an seinen Pflug.
»Ich Arme, ach!«, die Dame spricht,
»Ich weiß mir Rat und Hilfe nicht.
Groß Unrecht ward mir angetan.
Nie ward geschlagen wohl mein Mann,
Denn hätt' er Schläge je gespürt,
Er hätte nie mich angerührt
Und niemals mich so hart geschlagen«;
Und laut ertönten ihre Klagen.
Da sah auf einmal sie von weitem
Auf weißem Roß zwei Boten reiten;
Zu ihr gesprengt die beiden kamen,
Sie grüßen sie in Königs Namen
Und bitten sie um Wein und Brot.
Wohl tat den beiden Stärkung not;
Sie gibt es ihnen herzlich gern
Und fragt: »Wohin des Wegs, Ihr Herrn?
Woher? Was habt Ihr für Begehr?«
Der eine spricht: »Bei meiner Ehr,
Der König hat uns ausgesandt
Nach einem Arzt in Engelland.
Die Königstochter, Ade, ist krank,
Es schmeckt ihr weder Speis noch Trank,
Ihr blieb, zu aller Leute Schrecken,
Im Halse eine Gräte stecken.
Groß ist des Königs Grimm und Schmerz,
Stirbt sie, so bricht es ihm das Herz.«
»Nun,« spricht die Frau, »Ihr Herrn, es scheint
Der Weg ist kürzer als Ihr meint.
Mein eigner Mann ist hier im Land
Ringsum als guter Arzt bekannt.
Er weiß wohl starke Medizin,
Versteht sich trefflich auf Urin;
Hippokrates vor grauen Jahren
War nicht so weise und erfahren.«
»Frau, sprecht im Ernst Ihr oder Scherz?«
»Nicht steht nach Späßen mir das Herz;
Allein so ist's mit ihm bestellt:
Wohl keinem Menschen auf der Welt
Wird helfen er, kein Mittel sagen,
Eh man ihn nicht zuvor geschlagen.
Mit Prügeln müsset Ihr ihn treiben,
Er wird nicht ungeschlagen bleiben.«
»So sprecht, wo finden wir den Mann?«
»Ihr trefft ihn bei der Arbeit an;
Dort hinten seht Ihr einen Bach,
Geht immer seinem Laufe nach,
Dort wird der Acker just bestellt.
Als erster Pflugschar auf dem Feld
Müßt Ihr der unsrigen begegnen;
Sankt Peter mög' es Euch gesegnen.«
Die Dame spricht's, und beide Reiter,
Sie traben sporenklirrend weiter,
Bis daß den Bauern sie gefunden;
Gleich sagen sie ihm unverwunden:
»Folgt uns, der König hat's befohlen,
Wir kommen weither, Euch zu holen,
Weil Ihr so voller Weisheit seid;
Kein bessrer Arzt lebt weit und breit.«
Der Bauer weiß nicht, was er hört,
Er zittert und ist ganz verstört,
Und sagt, er sei von grober Art,
Ein Bauersmann und ungelahrt.
Der eine spricht: »Was zögerst du?«
Der andre darauf: »Schlage zu!
Er tut es nicht aus freien Stücken.«
Der eine stößt ihn in den Rücken,
Der andre schlägt ihn ins Genick
Mit einem Knüppel stark und dick,
Und beide schelten ihn nicht wenig
Und führen flugs ihn vor den König.
Gestoßen ward er und geschoben,
Den Kopf verkehrt, die Füße oben.
Der König fragt: »Ist es vollbracht,
Was ich Euch hatt' zur Pflicht gemacht?«
Sie frisch darauf und unverhohlen:
»Wir taten, Herr, wie du befohlen.«
Zuerst berichten nun die zwei,
Was für ein Schelm der Bauer sei;
Von seiner Schalkheit sie erzählen,
Kein Bitten helfe, kein Befehlen,
Niemandem helf er durch die Tat
Und gebe niemand' guten Rat,
Eh man ihn nicht zuvor geschlagen.
Der König spricht: »Nie hört' ich sagen
Von solchem Arzte weit und breit.«
Darauf ein Knecht: »Ich bin bereit;
Befehlt Ihr nur, so bin ich willig,
Zu geben, was ihm recht und billig.«
Zum Bauern spricht der König dann:
»Hört, Meister, meine Rede an.
Tut eiligst, wie ich Euch befohlen;
Ich lasse meine Tochter holen,
Denn schnelle Heilung tut ihr not.«
»Um Gnade, Herr, beim ew'gen Gott,
Ich schwöre Euch bei Gott, dem Wahren,
Nie war in Heilkunst ich erfahren!«
Es traut den eignen Ohren nicht
Der König, welcher schließlich spricht:
»So schlagt ihn denn.« Es folgen gern
Die Knechte dem Gebot des Herrn.
Der Bauer, der die Schläge spürt,
Meint, daß er den Verstand verliert.
Er fleht um Gnade, ohn Verweilen
Woll' er die Königstochter heilen.
Nun tritt die Jungfrau ins Gelaß,
Sie sieht sehr krank aus und sehr blaß.
Der arme Bauer sinnt und sinnt
Wie er die Heilung wohl beginnt;
Denn sicher weiß er, was ihm droht:
Heilt er sie nicht, schlägt man ihn tot.
Und wie er grübelt, fällt ihm bei,
Daß Rettung vielleicht möglich sei,
Wenn er durch Worte oder Sachen
Die Königstocher brächt' zum Lachen,
So daß es dadurch wohl gelänge,
Die Gräte aus der Kehle spränge.
Er spricht zum König: »Macht sofort
Ein Feuer hier an stillem Ort,
So Gott will, wird es mir gelingen.«
Die Ritter und die Mannen springen.
Dort, wo der König es befahl,
Flammt bald ein Feuer in dem Saal,
Dem setzt die Jungfrau sich zur Seiten.
Flugs tut der Bauer sich entkleiden,
Wirft von sich Hemd und Hose schnell,
Legt nackt sich an das Feuer hell
Und fängt mit Macht zu kratzen an.
Bis nach Saumur fand' sich kein Mann,
Dem er in seinem ganzen Leben
Im Kratzen hätte nachgegeben.
Lang war der Nagel, hart die Haut.
Und als die Jungfrau dieses schaut,
Hat sie der Schmerzen nicht geacht'
Und ob des Schauspiels so gelacht,
Daß unsres Bauern List gelang,
Die Gräte in die Kohlen sprang.
Der Bauer drauf, so schnell er kann,
Zieht wieder seine Kleider an
Und springt und tanzt und jubelt laut,
Und als den König er erschaut,
Tut er ihm ohn' Verziehen kund:
»Herr, Eure Tochter ist gesund!
Hier ist die Gräte, Preis sei Gott!«
Der König, ledig seiner Not,
Ist hochbeglückt, der Freude voll,
Und spricht zum Bauern: »Hört mich wohl,
Ihr seid mir über alles teuer
Und großer Reichtum ist jetzt Euer.«
»Dank, Herr! Des trag ich kein Begehr,
Nicht länger kann ich weilen mehr;
Ich bitte Euch, laßt mich jetzt gehn
Zu Hause nach dem Rechten sehn!«
»Du sollst mich nicht verlassen, nein,
Freund sollst du mir und Meister sein.«
»Ich kann nicht bleiben, gnad' mir Gott,
In meinem Hause fehlt's an Brot;
Just wollte ich den letzten Morgen
In meiner Mühle es besorgen.«
Der König zu zwei Knaben spricht:
»So schlagt ihn mir, sonst bleibt er nicht.«
Und beide Knaben folgen gern
Und eilig dem Gebot des Herrn,
Damit er seine Strafe spürt.
Doch haben kaum sie ihn berührt
Am Rücken und an Arm und Bein,
Beginnt um Gnade er zu schrein.
»Ich werde bleiben, laßt mich sein!«
Der Bauer blieb am Hof, gar fein
Mit kahlem Kopf, im Scharlachkleid.
Da kamen einst von nah und weit
Zu einem großen Festesmahl
Wohl mehr als achtzig an der Zahl
Die Kranken als des Königs Gäste;
Ein jeder klagte sein Gebreste,
Der König ließ den Bauern holen,
Hat seiner Pflege sie empfohlen.
»Um Gnade, Herr«, der Bauer spricht,
»Zu viele sind's, ich kann es nicht,
Nie würd' ich es zustande bringen,
Es würde niemals mir gelingen.«
Der König läßt zwei Knaben holen,
Die wissen, warum er befohlen,
Sie haben Stöcke mitgenommen.
Kaum sieht der Bauer beide kommen,
Fleht er um Gnade, ohn' Verweilen
Woll' er die Kranken alle heilen.
Ein Scheiterhaufen auf sein Bitten
Ward aufgetürmt in Saales Mitten.
Er selber drauf das Feuer schürt,
Zu dem er alle Kranken führt.
Den König bittet er hernach,
Gleich zu verlassen das Gemach.
Als auch die Mannen fortgesandt,
Spricht zu den Gästen er gewandt:
»Ich habe Großes unternommen
Und werd' zu keinem Ende kommen;
So möge sich der Kränkste nennen:
In diesem Feuer muss er brennen
Zu aller andrer Nutz und Frommen.
Die Asche sollen sie bekommen,
Sie werden noch zur selben Stund'
Da sie sie schlucken, all' gesund.«
Der eine sieht den andern an;
Da fand sich plötzlich nicht ein Mann,
Der, wär' er bucklig und geschwollen,
Hätt' im geringsten krank sein wollen.
Der Bauer aber unverzagt
Zum Ersten diese Worte sagt:
»Ihr haltet kaum Euch auf den Beinen
Und seid der Schwächste, will mir scheinen.«
»Ich danke, Herr, ich bin genesen,
Bin lang' nicht so gesund gewesen;
Erlöst bin ich von manchen Plagen,
Die ich bis heut'gen Tag getragen.
Gott ist mein Zeuge, glaubt es mir.«
»So geht denn fort, was sucht Ihr hier?«
Und jener aus der Türe eilt.
Der König fragt: »Bist du geheilt?«
»Ja, Herr, des lob' und preis' ich Gott,
Bin wie ein Apfel frisch und rot.«
Und was sich nun wohl zugetragen?
Ich kann Euch mit Bestimmtheit sagen,
Es hätte keiner für sein Leben
Mehr seine Krankheit zugegeben.
Ein jeder macht' es ebenso
Und ging dahin, gesund und froh.
Und wie der König dies gesehn,
Meint er vor Freuden zu vergehn.
Zum Bauern spricht er: »Tut mir kund,
Wie wurden sie so schnell gesund?«
»Gezaubert hab' ich, werter Herr!
Ich hab' ein Mittel, das taugt mehr
Als beides, Ingwer oder Zimmt.«
Der König, als er dies vernimmt,
Spricht zu dem Bauern: »Nun, so sollt
Nach Haus Ihr gehen, wann Ihr wollt;
Vorher sollt Ihr versehen werden
Mit vielem Tuch und Geld und Pferden.
Doch laß ich je Euch wieder holen,
So müsst Ihr tun, wie ich befohlen,
Und laßt es Euch nicht zweimal sagen;
Gar schmachvoll ist es, Euch zu schlagen,
Denn als mein Freund seid Ihr bekannt,
Geehrt, geliebt im ganzen Land.«
Der Bauer sagt dem König Dank:
»Bin heut' und morgen, lebenslang,
Allzeit zu Eurem Dienst bereit.«
Nimmt Abschied dann in Fröhlichkeit
Und geht, und wandert heimatwärts
Und kommt nach Haus mit leichtem Herz.
Ein reich'rer Mann ward nie gesehn:
Nicht braucht' er mehr zur Arbeit gehn
Und sucht' zu Haus sein Zeitvertreib.
Herzlich geliebt ward nun sein Weib,
Nie mehr geschlagen noch gequält.
So kam's, daß er, wie ich erzählt,
Durch seine Frau und Schlauheit ward
Ein guter Doktor, ungelahrt.