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Hört an von wunderbaren Streichen
(Ihr hörtet selten ihresgleichen)
Die Mär, die ich euch sagen will,
Jetzt merket auf und schweiget still.
Wenn frohe Hörer nicht bereit,
Umsonst ist Wort, verschwendet Zeit.
Ein Schlächter lebte in Abbeville,
Der seinen Nachbarn sehr gefiel;
Er war nicht bös, kein Lästermaul,
Zur schnellen Hilfe niemals faul,
Wenn Nachbarn sie in Not begehrten;
Als klugen Mann sie ihn verehrten,
Der ehrlich dem Berufe lebt,
Nicht geizt und nicht nach Schätzen strebt.
Fest »Allerheil'gen« kam heran,
Zum Markte ging auch unser Mann;
Nach Oisemont, um Vieh zu kaufen,
Doch war vergeblich heut sein Laufen,
Bekam dort Schweine nur zu sehn,
Die teuer und durchaus nicht schön.
Der Handel führt zu keinem Schluß,
Zurück der Schlächter wandern muß.
Er hatte seine Zeit verschwendet
Und keinen Groschen angewendet.
Spät, nach vergeblichem Versuch,
Kehrt er zurück, erschöpft genug.
Da schon der Abend dringt herein,
Hüllt er sich in den Mantel ein.
In Bailleul kam die Nacht heran,
Auf halbem Wege war der Mann.
Er wollte nimmer weiter gehn,
Jedoch nach einer Herberg spähn;
Er fürchtete, dass böse Leute
Sein vieles Geld ihm raubten heute,
Das, wie ihr wißt, er bei sich trug:
Denn dunkel war's dazu genug.
Vor eines Hauses Türe stand
Ein Weib in ärmlichem Gewand;
Das grüßte er und fragt' es aus:
»Gibt es in dieser Stadt ein Haus,
Wo man kann trinken, essen, ruhn,
Kurz, seinem Körper Gutes tun,
Geschützt vor Dunkel und Gefahr?«
Die gute Frau spricht: »Ei, so wahr
Der Herrgott unsre Welt erschuf,
Der Herr Gautier steht in dem Ruf,
Der Priester, daß er ganz allein
In unsrer Stadt hat guten Wein.
Auch unser Herr Baron es sagt.
In seinen Keller grad gebracht
Sind jetzt aus Noyentel zwei Fässer.
Ihr herbergt wirklich nirgends besser.
Stets Wein im Hause findet Ihr,
Geht, bittet ihn um Nachtquartier.«
»Ich gehe ohne Zaudern gleich,«
Der Schlächter sprach: »Gott schütze Euch!«
»Gott helfe Euch!« gab sie zurück.
Er zögert keinen Augenblick.
Im Wohnhaus er den Priester fand,
Der an des Hauses Pforte stand;
Hochmütig war sein Angesicht.
Der Schlächter grüßt und also spricht:
»O Herr, Gott hüte Euch vor Leid,
Herbergt mich aus Barmherzigkeit,
So tut Ihr ehrenhaft und gut.«
»Gebt besser Euch in Gottes Hut,
Dem heil'gen Herbert dien' ich wohl,
Doch nimmermehr ein Laie soll
In meinem Hause unterkommen;
Warum habt Ihr denn nicht genommen
Herberge unten in der Stadt,
Die sicher einen Gasthof hat?
Fragt überall dort unten nach,
Denn wie ich eben schon aussprach,
Es ist nicht eines Priesters Sitte,
Gemeines Volk in seine Mitte
Zu nehmen, das bei ihm logiert;
Ganz andre waren einquartiert
Bei mir, Euch nehme ich nicht auf.«
»Gemeines Volk,« rief jener drauf,
»Verachtet Ihr etwa den Lai'n?«
»Ja,« sagte er, »das kann wohl sein;
Packt Euch aus meinem Hause fort,
Mir scheint, Ihr höhnt, bleibt mir zum Tort.«
»Almosen will ich nicht verlangen,
Bezahlung werdet Ihr empfangen,
Wenn Ihr ein Obdach mir gewährt;
Ich gebe gern, was Ihr begehrt,
Und meinen Dank noch obendrein.
Es soll nicht Euer Schade sein;
Im Geldausgeben bin ich schnell,
Fand in der Stadt nur kein Hotel.«
»Viel lieber an dem harten Stein
Zerschlüge ich den Schädel dein,«
Erwiderte der Priester nun.
»Der Teufel möge bei dir ruhn,
Verrückter Priester,« jener rief,
»Gemeiner Schurke,« fort er lief,
Vor Zorn und Wut dem Bersten nah.
Doch hört, was weiter nun geschah:
Er eilte durch des Städtchens Gassen
Und fand auf freiem Feld verlassen
Ein Haus, verfallen fast und leer,
Und vor dem Hause trieb umher
Sich eine große Herde Vieh;
So schöne Hammel sah er nie.
Er redete den Hüter an.
Seit seiner Jugend trieb der Mann
Schon manchen Hammel, manche Kuh
Und manchen bösen Stier dazu
Getreulich auf die fette Weide:
»Euch schenke unser Herrgott Freude!
Sagt, wem gehört denn diese Schar?«
»Dem Priester, Herr!« »Gott, ist das wahr?«
Nun höret, was der Schlächter macht:
Mit Vorsicht, mit Geschick er sacht
Dem Hirten einen Hammel stiehlt;
Nachdem er harmlos sich empfiehlt.
Er nimmt die Last auf seinen Rücken,
Und alles scheint dem Schalk zu glücken.
Durch eine andre Straße geht
Zum Priester er, der ihn verschmäht
Vorher, und grüßt: »Euch schütze Gott,
Der allen Menschen hilft in Not.«
Den Gruß erwidert der Kaplan
Und fragt: »Von wannen kommst du, Mann?«
Er sprach: »Ich bin aus Abbeville.
Am Markt in Oisemont gab's nicht viel
Zu holen, und nur dieses Tier
Schien einen Kauf zu lohnen mir.
Betrachtet diesen feisten Rücken.
Wollt Ihr mich Müden sehr beglücken,
So gebt mir Unterkunft zur Nacht.
Mit Mühe hab ich's hergebracht.
Wir wollen heut sein Fleisch verzehren,
Denn nichts will ich umsonst begehren.
Ich bin nicht kleinlich, geizig nicht.«
»Gewiß, sehr gern,« der Priester spricht,
Der gierig stets nach fremder Habe
Und dem ein Toter größre Labe
Als vier Lebendige. Der Narr
Hielt, was ihm vorgeschwatzt, für wahr.
»Und wäret Ihr der Gäste drei,
So stünd Euch meine Wohnung frei.
Man fand mich jederzeit bereit
Zur Gastfreundschaft und Höflichkeit.
Sehr liebenswürdig scheint Ihr mir,
Nun sagt mir noch, wie heißet Ihr?«
»Herr David hat man mich genannt,
Als man das Kreuz auf meine Hand
Mit Öl gemalt bei meiner Taufe,
Doch müde bin ich von dem Laufe,
Drum gehen wir zum Feuer nun.«
Und also beide Männer tun.
Sie kommen beide in das Haus,
Der Schlächter präpariert den Schmaus.
Ein lustig Feuer brannte hell,
Ein Messer brachte man ihm schnell;
Er schlachtete den Hammel ab,
Zog ihm die Haut vom Leibe ab
Und warf sie auf die Ofenbank.
Und hing das Tier der Länge lang
Dem Priester zum Bewundern auf:
»Bei Gott, kommt näher, schaut hinauf,
Saht jemals Ihr ein solches Schaf,
So fett und fleischig, rund und brav.
Schweißtriefend schleppte ich es her
Den weiten Weg, die Last war schwer.
Macht nach Belieben nun die Kost:
Die Schultern bratet auf dem Rost
Und andre Stücke, wenn's Euch schmeckt,
Legt ein in Essig, gut bedeckt.
Gewiß, ich rede nicht vermessen,
Nie habt Ihr zartres Fleisch gegessen.
Ob man es kocht, ob man es brät,
Es weich im Munde Euch zergeht.
Ich mische mich durchaus nicht ein,
Mein edler Wirt, kocht Ihr allein,
So bin ich sicher, daß es schmeckt.
So saget, daß der Tisch gedeckt.«
»Ist schon geschehn, nur noch gebricht's
Der Säuberung des Kerzenlichts.«
Nun hört die Wahrheit weiter an:
Ein Liebchen hatte der Kaplan,
Das eifersüchtig er versteckte,
Damit es nie ein Gast entdeckte.
Doch diese Nacht nahm er zum Mahl
Sie mit in seinen Speisesaal,
Und froh genossen sie zu drei'n
Das gute Fleisch, den guten Wein.
Dann machte man, da es schon spät,
Dem Schlächter ein behaglich Bett
Aus weißem Linnen schnell zurecht.
Er fühlte sich darin nicht schlecht.
Der Priester ruft herbei die Magd:
»Den Gast, mein schönes Kind«, er sagt,
»Empfehl' ich bestens deiner Hut,
Du sorgst, daß er behaglich ruht,
Nichts ihm mißfällt an diesem Ort.«
Dann geht er mit dem Liebchen fort.
Der Schlächter bleibt im warmen Raum;
So wohl war es ihm jemals kaum:
Ein hübsches Kind, ein schützend Dach.
»Komm näher, schönes Kind,« er sprach,
»Sprich ohne Scheu, zum Zeitvertreib
Bei mir als deinem Freunde bleib;
Das soll dir großen Vorteil bringen!«
»Ach, sprecht mir nicht von solchen Dingen,
Unwissend bin ich darin sehr.«
»So tut es not dir umsomehr,
Zu lernen bald etwas davon,
Und nichts verlang' ich ohne Lohn.«
»So sagt, was gebt Ihr mir zum Lohn?«
»Bei Gott, ich treibe keinen Hohn,
Wenn du mir gern zu Willen bist,
Die Hammelhaut dein eigen ist!«
»Mein schöner Gast, o haltet ein,
Ich kann Euch nicht zu Willen sein!
Daß Gott erbarm, wie unbedacht
Und dumm Ihr seid, nun gebet acht:
Ich würd' Euch gern gefällig sein;
Doch fürchte ich die Herrin mein,
Die morgen es von Euch erfährt.«
»Bei meiner Seel', hast du gewährt,
So schweige ich mein Leben lang
Und nichts verrat' ich, sei nicht bang!«
Die Magd gab seinen Bitten nach
Und blieb bis an den frühen Tag.
Bei Morgengrauen stand sie auf,
Besorgte der Geschäfte Lauf,
Sie heizte seinen Ofen ein
Und machte seine Kleider rein;
Dann gab sie ihrem Vieh zu fressen.
Der Priester war erwacht indessen,
Früh stand er von dem Lager auf
Und ging mit seinem Mesner drauf
Zur Kirche, um, wie oft geschehn,
Sein Amt als Priester zu versehn.
Die Frau blieb schlafend noch im Bette.
Der Schlächter machte nun Toilette,
Da's an der Zeit war aufzustehn.
Ging dann hinauf, um noch zu seh'n
Die Frau und Dank zu sagen ihr.
Er öffnete die Stubentür,
Wodurch natürlich sie erwachte
Und ganz erschreckte Augen machte,
Als sie den Gast vor sich erblickt.
Sie fragt: »Wer hat Euch hergeschickt
So frühe, und was wollt Ihr hier?«
»O Herrin, danken Euch dafür,
Daß Ihr gepflegt mich armen Gast,
Ein Dach mir gönntet, Speise, Rast,
So schön wie ich es nie gekannt.«
Er nähert sich des Lagers Rand
Und schlägt die Decke schnell zurück;
Und wie bezaubert ist sein Blick
Durch ihre liebliche Gestalt,
Ein Wunder wirkt mit Allgewalt,
Er ruft: »O heiliger Romacles,
Solch nackte Schönheit ohne Makel
Ist dieses Priesters Eigentum,
Sie wäre eines Königs Ruhm.
War' ich bei ihr nur wen'ge Stunden,
Würd' ich erneu'n mich und gesunden.«
»Beim heiligen Germanus, still,
Mein schöner Gast, nichts hören will
Ich mehr, begebt Euch schnell hinaus!
Die Messe ist gewiß schon aus,
Trifft Euch der Herr in dem Gemache,
Glaubt er betrogen sich, und Rache
Er an uns beiden sicher übt.
Mich Arme er dann nimmer liebt;
Mißhandelt säht Ihr mich und tot!«
Er tröstete sie: »Frau, bei Gott,
Wer immer mir begegnen mag,
Ich bleibe hier in dem Gemach.
Und käme selbst der Priester jetzt,
Der etwa schmäht und Euch verletzt,
Ich schlug' ihn auf der Stelle tot.
Doch höret auf mein Angebot:
Die Hammelhaut will ich Euch schenken
Und reich mit Gelde Euch bedenken,
Wenn Ihr mir heut zu Willen seid.«
»Herr, dazu bin ich nicht bereit:
Leichtsinnig seid Ihr, nehm' ich an,
Erzählt es morgen jedermann!«
»So war ich lebe, ist mein Schwur,
Nicht Frau noch Mann hört je die Spur.«
Bei allen Heil'gen er sie bat,
Die wohnen in der ew'gen Stadt.
Die Dame gab ihm endlich nach
Und froh der Schlächter bei ihr lag.
Vor Morgengrau'n verließ er sie
Und ging zur Kirche froh wie nie.
Der Priester seinem Amt oblag.
Als er das »Jube domne« sprach,
Trat jener in die Kirche ein.
»Ich will Euch immer dankbar sein,
Für Eure Gastfreundschaft und Huld
Fühl' ich mich stets in Eurer Schuld.
Doch einen Wunsch muß ich noch sagen,
Ich bitte, ihn nicht abzuschlagen.
Kauft meine Hammelhaut zur Stund,
Die Wolle wiegt allein drei Pfund.
Sie mitzunehmen macht mir Not;
Sie ist sehr schön, ist wert bei Gott
Drei Sous, ich lasse sie für zwei
Und bin noch dankbar Euch dabei:
»Mein schöner Gast, ich tu' es gern,
Nie sah ich einen liebern Herrn.
Ich war sehr gern mit Euch vereint
Und hoffe, daß Ihr oft erscheint.«
Und so verkauft er ihm das Fell,
Nimmt Abschied und entfernt sich schnell.
Die Dame auch indes aufstand,
Zog an ein grünliches Gewand,
Das in den schönsten Falten floß.
Sie war sehr hübsch und nicht zu groß,
Die Augen lachten hell und klar,
Ihr recht vergnügt zu Mute war.
Im Sessel saß sie, dem bequemen.
Die Magd erschien, um fortzunehmen
Die Haut, die ihr versprochen sei.
»Du hast zu suchen nichts dabei,«
Die Dame sprach, »was soll das heißen?«
»Ich will sie in die Sonne schmeißen,
Daß sie zum Gerben trocken wird.«
»Tu deine Arbeit unbeirrt;
Man soll nicht auf der Straße sehn
Die Hammelhaut, laß sie nur gehn!«
»Madame, nichts hab' ich mehr zu tun,
So lang wie Ihr kann ich nicht ruhn.
Bin lange vor Euch aufgestanden.«
»Geh nun, hast du mich nicht verstanden?
Geh nun hinunter, laß das Fell,
Nimm fort die Hände auf der Stell',
Nicht das geringste geht's dich an!«
»In Gottes Namen, Frau, daran
Hab ich ein gutes Recht, ich tu
So, als gehörte es mir zu.«
»Willst du behaupten, es sei dein?«
»Ja diese Haut ist wahrlich mein!«
»Leg hin die Haut, häng dich nur auf,
Oder in einem Teich ersauf.
Denkst du dich frech hier aufzuführen,
So sollst du meinen Zorn verspüren,
Leichtfert'ge, Unverschämte, raus!
Verlasse unverweilt mein Haus!«
»Ihr redet Unsinn, Frau, und schlecht,
Beschimpft mich um mein gutes Recht.
Ich trotze Eurem Schwur sogar,
Das Ding ist mein mit Haut und Haar.«
»Geh fort, die Haut bekommst du nicht,
Auf deinen Dienst leist' ich Verzicht;
Du bist zu dumm und zu gemein.
Und bilde dir nur ja nicht ein,
Daß dich der Herr beschützen soll,
Ich bin zu sehr des Hasses voll.«
»Ich wäre wohl nicht ganz bei Sinnen,
Wollt' ich bei Euch noch weiter dienen!
Ich warte nur auf meinen Herrn,
Und dann verlasse ich Euch gern,
Doch nicht bevor ich ihn belehrt,
Mich über Euch bei ihm beschwert!«
»Beschwert? Du Dirne, wie gemein,
Leichtfert'ge, Bastard!« »Haltet ein!
Bastard, Ihr redet jetzt nicht gut!
Ist etwa ehelich die Brut,
Die mit dem Priester Ihr gezeugt?«
»Bei Gottes Leiden, gar nicht leicht
Sollst du die Unverschämtheit büßen,
Läßt du die Hammelhaut nicht schießen.«
Die Dame gibt ihr einen Schlag!
Drauf schreit das Mädchen heftig: »Ach,
Ihr habt mich ungerecht geschlagen!«
Und weiter unter bittern Klagen:
»Die Haut kommt teuer Euch zu stehn,
Ihr werdet mich hier sterben sehn!«
Und beide prügeln sich im Nu.
Der Priester endlich kommt herzu
Und fragt: »Was ist denn hier geschehn?«
»Die Dame, Herr, Ihr werdet sehn,
Hat mich Unschuldige mißhandelt.«
»Nein, Herr, ich hab' sie recht behandelt,
Da sie beleidigt Euch und mich.«
Die Magd darauf verteidigt sich:
»Bei Gott, entzweit hat uns die Haut,
Die dort am Feuer! Anvertraut
Habt Ihr mir gestern abend noch
Die Sorge für den Herren doch,
Daß unser Gast sich fühle wohl.
Ich tue immer, was ich soll;
Er gab das Fell mir dann zum Lohn;
Ich schwöre bei der Jungfrau Sohn,
Ich habe wohl verdient das Fell!«
Der Priester merkte auf der Stell',
Daß ihn sein Gast zu Haus betrogen
Und draußen ihn noch angelogen;
Er wurde zornig und voll Wut;
Dennoch beherrschte er sich gut,
Er schalt die Dame, daß sie roh
Geschlagen seine Dienstmagd so:
»Nicht Furcht noch Achtung Ihr mir zollt!«
»Bah, meine Haut hat sie gewollt!
Und schmähte mich noch obendrein!
Ließ Euer Kind mir Vorwurf sein.
So strafet nach Gebühr sie jetzt
Und duldet nicht, daß sie verletzt
Mich und durch ihr Geschwätz beleidigt.«
»Nein, strafet sie und mich verteidigt.
Was immer auch geschehen mag,
Ich gebe in dem Streit nicht nach.«
»Das Fell gehört durchaus nicht ihr.«
»Wem aber dann?« »Beim Himmel! mir!«
»Euch, wirklich? Wie kommt Ihr dazu?«
»Der Gast genoß ja seine Ruh
So wohl gepflegt in unserm Haus;
Nun fraget mich nicht weiter aus.«
»Nun, schöne Frau, bei jener Treu,
Die Ihr mir schwurt, da Ihr mir neu,
Sagt volle Wahrheit auf der Stell':
Ist Euer Eigentum das Fell?«
»Beim heil'gen Vaterunser, ja!«
Allein die Dienstmagd sagte da:
»Vieledler Herr, glaubt ihr kein Wort,
Er gab sie mir an diesem Ort
Zuvor.« »Ha, Freche, schweige still!
Ich nimmer dich hier dulden will.
Verlaß mein Haus im Augenblick.
Und Schimpf und Schmach sei dein Geschick!«
»Ihr kränkt sie«, sprach er, »ohne Not.«
»Ich hasse sie bis in den Tod,
Die Diebin, die mich oft betrog
Und die mich unverschämt belog.«
»Nun, Frau, was hab' ich Euch gestohlen?«
»Na, was du irgend konntest holen,
Mein Mehl, die Erbsen und den Speck,
Das Brot zum Feste nahmst du weg.
Gewiß, Herr, viel hat sie verschuldet,
Ihr habt sie gütig lang geduldet.
Gebt ihr den Rest von ihrem Lohn,
Und dann, bei Gott, jagt sie davon.«
Der Priester sprach: »Nun höret, Frau,
Jetzt will ich wissen ganz genau,
Wem dieses Hammelfell gehört.
Wer hat Euch dieses Fell beschert?«
»Der Gast, als er von dannen ging!«
»Dies scheint mir ein unmöglich Ding.
Denn, bei dem heiligen Martin,
Ganz früh, eh' noch die Sonne schien,
Verließ der Fremde unsre Flur;
Sehr vorlaut scheint mir Euer Schwur.«
»Doch nahm er Abschied ganz gewiß,
Bevor er unser Haus verließ!«
»War er beim Aufstehn denn im Zimmer?«
»Bewahre, Herr, ich lag noch immer,
Und gab nicht im geringsten acht,
War eben aus dem Schlaf erwacht.
Ich sah ihn vor der Bettstatt stehn …
Verträumt war ich, müßt Ihr verstehn …«
»Was sagte er beim Abschiednehmen?«
»Herr, müßt mich nicht so streng vernehmen!
Er sagte: Jesu seid befohlen!
Dann eilte er auf schnellen Sohlen.
Und weiter sagte er nichts mehr,
Verlangte nichts von mir, das, Herr,
Euch zur Beleidigung gereicht,
Doch Ihr schöpft Argwohn allzu leicht!
Nie wurde mir von Euch geglaubt,
Ihr habt die Freiheit mir geraubt,
Nie anerkannt, was ich Euch tat,
Argwöhntet überall Verrat.
Im Kerker lebte ich bedrückt,
Der seine Spur mir aufgedrückt;
Niemals darf ich aus Euern Mauern;
Ihr laßt mich als Gefang'ne trauern.
Ich war für Speise und für Trank
Wie eine Sklavin stets im Zwang.«
»Ah, schlechte Närrin,« rief voll Wut
Der Herr, »ich nährte dich zu gut!
Geh, eh du meinen Zorn verspürt.
Der Gast hat sicher dich verführt.
Warum denn konntest du nicht schrei'n?
Pflicht wars, mit ihm dich zu entzwei'n!
Ich werde schlagen dich und töten.«
Du packe dich: ich werde beten
An dem Altar und schwöre nun,
Nie mehr bei dir im Bett zu ruhn.«
Voll Ärger setzte er sich hin,
Mißmutig, zornig war sein Sinn.
Die Dame, die ihn also sah,
Bereute, daß der Streit geschah;
Sie weinte, daß er so voll Wut,
Und ging in ihres Zimmers Hut.
Da kam der Hirte voller Eile,
Der seine Schafe mittlerweile
An diesem Morgen überzählt.
Seit gestern abend eins ihm fehlt.
Er weiß es nicht, wie das geschehn.
Als ihn der Priester so gesehn,
Der noch erregt und sehr empört,
Er gar nicht seine Klage hört;
Nein, gleich zu schelten er begann:
»Wo kommst du her, du Schelm, sag an,
Kerl, was soll dein Gesichterschneiden?
Du solltest deine Tiere weiden!
Sei vor dem Stocke auf der Hut!«
»Ach Herr, beschwichtigt Eure Wut!
»Mir fehlt ein Schaf, mein bestes Tier,
Weiß nicht, wer es gestohlen mir.«
»Ein Schaf ist aus der Herde fort!
Du schlechter Hirt! Bei meinem Wort,
Du müßtest an dem Galgen hangen.«
Der Hirt berichtete voll Bangen:
»Herr, bei der Heimkehr traf ich an
Am Abend einen fremden Mann,
Den nirgends je vorher ich traf.
Ich bin gewiß, der stahl das Schaf.
Er schaute alle Tiere an,
Und voller Neugier frug er dann,
Wem diese Herde angehörte.
›Dem Priester,‹ so ich ihn belehrte.«
»Das war David, beim heil'gen Gott,
Der bei uns wohnte; seinen Spott,
Dazu Betrug ließ er mich spüren.
Die Frau'n verstand er zu verführen.
Verkaufte mir mein eignes Fell,
Buk Kuchen mir aus meinem Mehl.
Zu böser Stunde bin geboren;
Wer sich nicht vorsieht, hat verloren.
Er putzte mir mit meinem Tuch
Die Nase! Nie lernt man genug!
Sag, würdest kennen du das Fell?«
»O zweifelt nicht, Herr, auf der Stell'.
S' war sieben Jahr in meiner Hut.«
Er sieht es an und kennt es gut,
Schaut an den Kopf und auch die Ohren:
Das beste Tier ist uns verloren,
Denn Cornuiaus gehört' es, Herr,
Ich liebte diesen Hammel sehr!
Und unter Hunderten von Tieren
Muß grad' das Fetteste verlieren.«
Nun sprach der Priester: »Kommt herzu,
Ihr, Dame, und auch Mädchen, du!
Sprecht ehrlich, so ist mein Befehl,
Welch Teil ist dein von diesem Fell?«
»Mein Anspruch ist das ganze Fell?«
Das Mädchen sprach zum Priester schnell.
»Und schöne Dame, was sagt Ihr.«
»Herr, ungeteilt gehört es mir,
Bei meiner Seel', dies ist mein Schwur.«
»Euch beiden eignet keine Spur.
Ich kaufte es mit meinem Geld,
Drum ist es mein vor aller Welt.
Der Mann ist dort bei mir gewesen,
Nachdem ich meinen Psalm gelesen,
Mich dringend es zu kaufen bat.
Beim heil'gen Petrus, in der Tat,
Urteilt nicht anders das Gericht
Gehört es an euch beiden nicht.« –
Nun, weise Herrn, nun sprechet recht,
Ich bitte: Ehrlich, recht und schlecht,
Kommt nun die Haut, nach eurem Sinn
Dem Priester zu, der Priesterin,
Vielleicht der leichtsinnigen Magd?
Eustache d'Amiens euch also fragt.