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Herr, einen Augenblick verzieht
Und hört ein wenig auf mein Lied.
Ich werde keine Lüge sagen,
Nein, was sich wahrhaft zugetragen,
In wohlgesetzten Reim gebracht,
Erzählen; gebet also acht:
Zu einem Schlosse führt mein Sang,
Den Namen doch vergaß ich lang;
So nennen wir es kurz Douay;
Ein Bürger hielt dort in der Näh'
Der Stadt behaglich offnes Haus:
Viel Freunde gingen ein und aus.
Schön war der Mann und wohlgeachtet.
Er wurde in der Stadt betrachtet
Als reich; doch war dies bloßer Schein,
Denn seine Habe war nur klein.
Ein Kind besaß er, das so schön,
So zum Entzücken anzusehn,
Daß, wenn ich bei der Wahrheit bleibe
Und ganz gewiß nicht übertreibe,
So glaub' ich nicht, daß je Natur
Schuf lieblichere Kreatur.
Doch will ich von der Schönheit schweigen,
Nie könnte ich durch Worte zeigen
Sie Euch in voller Herrlichkeit,
Und herzlich täte es mir leid,
Wenn meine Schilderung zu schwach.
Drum sehet mir mein Schweigen nach.
Ein Buckliger war in der Stadt,
Nie solche Mißgeburt Ihr saht!
Mit großem Kopf war er bedacht;
Ich glaub', nicht mühelos vollbracht
War dieses Werk von der Natur,
Er war nicht mißgestaltet nur,
Von spitzen Schultern, die zu hoch,
Wo sich der dicke Kopf verkroch,
Der an zu kurzem Halse saß,
Und nichts an ihm im Ebenmaß;
Nein, alles kann ich nicht beschreiben,
Ihr glaubtet dann an Übertreiben.
Ich sage: häßlich nicht nur war
Sein Leib, die Seele auch fürwahr!
Denn seines Lebens einz'ges Ziel
War nur das Geld; er sparte viel
Und sammelte und sparte fort,
War bald der reichste Mann im Ort.
Wie sich dies alles zugetragen,
Weiß ich genauer nicht zu sagen;
Kurz, da er nun der reichste Mann,
Der Bürger sich nicht lang besann,
Gab ihm das holde Kind zur Frau,
Die anfangs ich beschrieb genau.
Schön war sie, wie ich Euch erzählt,
Ward nun dem Buckligen vermählt.
Doch dieser fand nicht Ruh, nicht Rast,
Und ihre Schönheit ward ihm Last.
Die Eifersucht ihn schrecklich plagte,
Daß er sich allen Schlaf versagte.
Schloß jede Tür in seinem Haus
Und niemand durfte ein noch aus,
Der ihm nicht etwas bringen wollte,
Dem er nicht etwas borgen sollte.
Er hielt stets auf der Schwelle Wacht.
Da kamen einst zur Weihenacht
Drei Sänger, bucklig so wie er,
Die sagten ihm, sie wünschten sehr,
Mit ihm die Feier zu begehn,
Da er vor allen ausersehn,
Mit ihnen zu vereinen sich,
Da in Gestalt er ihnen glich.
Der Herr geht ihnen gleich vorauf,
Da eine Treppe führt hinauf;
Ins Speisezimmer er sie leitet,
Wo schon das Mittag zubereitet.
Und um die Wahrheit zu gestehn,
Der Tisch war reich und wohl versehn.
Der Bucklige heut geizte nicht,
Es gab manch köstliches Gericht:
Nachdem sie alle Platz genommen,
Da ließ er Speck mit Erbsen kommen
Und einen herrlichen Kapaun.
Und als sie satt nicht bloß vom Schaun,
Da gab er ihnen noch dazu
Jedwedem Gaste zwanzig Sous.
Doch streng verbot er ihnen dann,
Je wieder sich dem Haus zu nahn,
Noch im Gebiet herumzustreifen,
Denn würde man sie dort ergreifen,
So strafte sie auf alle Fälle
Ein schaurig Bad in kalter Welle.
Das Haus an einem Flusse lag,
Dem es an Wasser nicht gebrach.
Kaum sprach der Mann die Drohung aus,
Da flohn die Buckligen das Haus.
Mit frohem Antlitz schieden die,
Denn angewendet hatten sie
Nach ihrer Meinung gut die Zeit.
Der Hausherr ebenfalls bereit
Sich machte, auszugehn
Und ging; kaum hatte dies gesehn
Die Frau, die den Gesang vernommen,
Ließ sie die Sänger wiederkommen,
Daß insgeheim sie sich aufs neu
An heiterer Musik erfreu.
Mit Sorgfalt jede Tür sie schloß
Und fröhlich Sang und Spiel genoß,
Bis alle ein Geräusch vernommen,
Der Herr war schnell zurückgekommen.
Rief vor der Tür in lautem Ton;
Sie kannt' ihn an der Stimme schon,
Und weiß in aller Welt nicht Rat,
Wie sie verberge ihre Tat,
Und wo die Buckligen verstecken.
Doch glücklich war sie, zu entdecken
Ein kastenart'ges Bettgestell,
Drei große Fächer dienten schnell
Den Überraschten als Versteck;
Dann eilte sie entgegen keck
Dem Gatten, der sich zu ihr setzt
Und dadurch stört, was sie ergötzt.
Doch lange bleibt er nicht am Ort,
Schon treibt ihn Unruh wieder fort.
Die Frau war ihm darob nicht gram:
In Eile zu dem Kasten kam,
Daß sie die Buckligen befrei.
Doch waren tot sie alle drei,
Als sie den schweren Deckel hob!
Die Frau entsetzte sich darob,
Kam vor die Türe hingerannt,
Allwo sie einen Träger fand,
Den rief sie schnell zu sich heran;
Der Jüngling kam in Eile an.
Sie sagte: »Guter Freund, paß auf,
Gibst du mir jetzt dein Wort darauf,
Daß du mich nicht verraten willst,
Und meinen Auftrag treu erfüllst,
So zahle ich dir dreißig Pfund
In gutem Golde aus zur Stund.«
Kaum hat der Bursche dies gehört,
Als er von Geldgier so betört,
Daß er verspricht Verschwiegenheit
Und zum Gehorsam ist bereit.
Die Treppe steigt der Kerl hinauf,
Die Frau schließt einen Kasten auf,
Sagt: »Freund, erstaune dich nicht lang,
Verpflichte mich zu großem Dank,
Wirf in den Fluß den Toten schnell.«
Gleich einen Sack sie schafft zur Stell',
Der starke Mann den Toten packt
Und hebt, nachdem er eingesackt,
Auf seine Schulter hoch die Last,
Herab die Treppe dann in Hast,
Im Laufschritt an des Flusses Rand,
Bis er sich auf der Brücke fand.
Den Toten warf er in die Fluten
Und konnte nicht genug sich sputen,
Zurückzukehren in das Haus.
Die Frau indessen hob heraus
– An Kraft es beinah ihr gebrach –
Den zweiten Toten aus dem Fach.
Dann ging sie einen Schritt beiseit;
Der Bursche in der Zwischenzeit
Vom Flusse war zurückgerannt,
Er zeigte ihr die leere Hand
Und sagte: »Dame, zahlt! Mein Wort
Hab ich erfüllt! Der Zwerg ist fort!«
Sie aber sprach: »Treib keinen Spott,
Du grober Bauer; denn, bei Gott,
Du tatest mangelhaft dein Werk.
Zurückgekommen ist der Zwerg,
Du warfst ihn niemals in den Fluß,
Mit dir er heimgekehrt sein muß!
Glaubst du mir nicht, so schau ihn an.«
»Zum Teufel auch,« rief nun der Mann,
»Wie kam die Leiche auf die Beine?
Tot war er, wie ich sicher meine.
Das ist, weiß Gott, der Antichrist;
Doch helfen soll ihm keine List.«
Sofort nimmt er den zweiten auf,
Hebt ihn im Sack zur Schulter drauf,
Verläßt das Haus mit ihm in Eile.
Die Frau dem Kasten mittlerweile
Den dritten Leichnam voller Kraft
Entnimmt und ihn zum Ofen schafft;
Stellt dann, als wäre nichts geschehn,
Sich an die Tür, hinauszusehn.
Der Bauer ließ indes den zweiten
Der Buckligen ins Wasser gleiten.
Den Kopf zu unterst er ihn stürzte
Und sich das Werk mit Reden würzte:
»Verflucht! Wirst du dich unterstehn!
Die Rückkehr soll dir nun vergehn!«
Dann kommt er und verlangt den Lohn;
Doch sie empfängt ihn nur mit Hohn
Und sagt, den Lohn bekäme er.
Führt ihn dann wie von ungefähr
Zur Truhe an die Ofenbank:
»Saht Ihr wohl Euer Lebtag lang
Ein ähnlich Wunder?« sagte sie,
»Der Bucklige ist wieder hie!«
Der Bursche lachte darob nicht,
Als er erblickt dies Angesicht.
»Was,« rief er aus, »beim heil'gen Becher,
Der Sänger wird ja immer frecher.
Zweimal ersäufte ich ihn schon,
Und wieder kommt er, mir zum Hohn.
Soll ich den ganzen Tag mich plagen,
Dies bucklig Scheusal fortzutragen?«
Er nimmt den Dritten in den Sack,
Hebt auf zum drittenmal den Pack.
Mit Schweiß bedeckt, wutübermannt,
Kommt er zum Fluß hinabgerannt.
Er schleudert ihn hinein aufs neu
Und schimpft in vollem Zorn dabei:
»Scher dich zum Teufel; kommst du je
Mir wieder in des Hauses Näh',
So wirst du es zu spät bereuen.
Ich werde mich vor dir nicht scheuen,
Und wenn du selbst der Teufel bist;
Bei Gott, versuche deine List
Und komm mir wieder in die Quer,
So hol' ich einen Knüppel her
Und so viel ich dir überhau,
Daß man die roten Striemen schau.«
Nun nimmt zum Haus er seinen Lauf,
Aufs neu die Treppe steigt hinauf.
Doch als zurück er einmal sieht,
Da weiß er nicht, wie ihm geschieht.
Der Hausherr ihm gefolget ist,
Der auch verwachsen, wie Ihr wißt.
Der Bursche kommt in helle Wut,
Denn ihm gefällt der Spaß nicht gut!
Bekreuzigt sich zu dreien Malen
Und ruft: »Hilf Gott, dem will ich's zahlen!
Der hat es eilig, meiner Treu,
Kriecht aus dem tiefen Fluß aufs neu
Und folgt so nah mir auf den Hacken;
Fast kann er mich von hinten packen!
Für einen Bauern er mich hält,
Will foppen mich, wies ihm gefällt;
Doch soll ihm bald die Lust vergehn,
Stets wieder neben mir zu stehn.«
Mit beiden Händen von der Tür
Nimmt einen schweren Stock herfür.
Dann kehrt er um in vollem Zorn,
Zeigt sich dem Buckligen von vorn,
Ruft: »Bei der Jungfrau heil'gem Leib,
Für solchen dummen Zeitvertreib
Ist diese Stunde schlecht gewählt.
Wer mich für einen Dummkopf hält,
Den strafe ich.« Voll Leidenschaft
Hebt er den Stock mit aller Kraft,
Und haut ihn auf den großen Kopf,
Daß niederstürzt der arme Tropf
Tot, denn der Schädel war entzwei.
Der andre machte sich dabei,
Ihn eiligst in dem Sack zu bergen,
Und ähnlich wie den andern Zwergen
Es diesem armen Mann geschah.
Den Sack mit einem Strick versah
Der Bursche und verband ihn gut,
Denn diesmal war er auf der Hut,
Daß jener nochmals nicht erwachte
Und all sein Mühn zuschanden machte.
Sorgfältig knotet er den Sack,
Nimmt wieder auf den schweren Pack
Und wirft ihn in des Flusses Mitten.
»Jetzt ist dir Rückkehr abgeschnitten!«
Zurück zum Hause eilt der Held
Und spricht zur Frau: »Gebt mir mein Geld,
Der ich den Auftrag ausgeführt.«
Die Dame keine Zeit verliert;
Dem Burschen gibt sie reichlich Geld,
Da ihr der Handel wohlgefällt.
Ich denke, dreißig Pfund und mehr;
Was er verlangt, gibt gern sie her,
Lobt alles, was er heut getan;
Weil er ertränkte ihren Mann,
Der so abscheulich häßlich war.
Und glaubt mir, keinen Tag im Jahr
Erlitt sie Kummer seit der Zeit,
Da sie von ihrem Mann befreit.
Durand beendet hier sein Lied;
Merkt auf und eure Lehre zieht:
»Kein Frauenzimmer schuf der Herr,
Das nicht für Geld zu haben wär'.
Für Geld wird alles dargebracht,
Was Gott sonst Herrliches gemacht:
Mit Geld der Bucklige bezahlte
Die Frau, die alle überstrahlte.
Verflucht der Mensch, wer er auch sei,
Der bösem Mammon Wert legt bei.
Und wer als Erster Geld gemacht,
Sei mit dem gleichen Fluch bedacht.«