Anzeige. Gutenberg Edition 16. 2. vermehrte und verbesserte Auflage. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++
Wie ist er aller Ritter Zier
Und kämpft so edel im Turnier,
Der, holder Jesus, oft und gern
Einkehret in das Haus des Herrn,
Allwo man rühmt mit süßem Ton
Der reinen Jungfrau einz'gen Sohn.
Als Beispiel werde Euch bekannt
Ein Märlein, das ich jüngst erfand. –
Ein Ritter, hochgesinnt und gut,
Voll Tapferkeit und großem Mut,
Der seinesgleichen nicht im Leben,
War unsrer lieben Frau ergeben.
Zur Ehre seinem Rittertum,
Zu seiner Waffen Glanz und Ruhm,
Trieb es unwiderstehlich ihn,
Wie jährlich zum Turnier zu ziehn.
Doch lange wird ihm Zeit und Weile,
Er spornt sein Roß zur höchsten Eile,
Zu sein der Erste auf dem Feld.
Da hört er, weil es Gott gefällt,
Von einem Kirchlein Glocken klingen,
Die heil'ge Messe dort zu singen.
Er hemmt im Umsehn seinen Schritt,
Alsbald er in die Kirche tritt,
Am Gottesdienste sich erbaut.
Just singt man eine Messe laut,
Marie, der Heiligen, zu Ehren.
Sie tät nicht allzulange währen,
Und eine andere begann.
Der Ritter hört sie gläubig an,
Sein Herz der Jungfrau zugewendet.
Als auch die zweite war beendet,
Fährt man mit einer dritten fort,
Und er verharrt am selben Ort.
»Herr,« spricht sein Knecht, »bei Christi Blut,
Dies lange Säumen tut nicht gut,
Die Stunden gehen rasch vorbei
Und Ihr verpaßt nur das Turnei.
Was müßt Ihr hier noch länger bleiben,
Kommt schnell und lasset Euch nicht treiben!
Ihr wollt doch nicht bei meiner Ehren
Zum Mönch, zum Heuchler Euch bekehren?
Ermannet Euch und kommt von hinnen.«
»Freund,« spricht der Ritter, »nur gewinnen
Im Kampf kann jener, der zuvor
Der Messe lieh ein willig Ohr.
Ich werde, so es Gott gefällt,
Mich später führen wie ein Held.
Wir wollen unsrer Wege wandern,
Wenn erst gesungen sind die andern.«
Zum Altar er sich wieder dreht
Und harrt in brünstigem Gebet
Bis alle Messen abgesungen.
Von Gottes heil'gem Geist durchdrungen,
Kehrt er alsdann zu seinen Rossen,
Um aufzusuchen die Genossen,
Die schon bei ritterlichem Spiel.
Allein er ist noch weit vom Ziel,
Da kommen sie auf selben Wegen
Zurückekehrend schon entgegen.
Und sie, die ihm entgegenziehn,
Sie grüßen ihn und preisen ihn.
Sie hätten niemals noch gesehn
So kühne Tat von ihm geschehn,
Man werde noch in künft'gen Tagen
Von ihm und seinem Ruhme sagen.
Auch waren einige dabei,
Die beugten sich und sprachen frei:
»Gefangen sind wir, sollt' ich meinen,
Da hilft kein Leugnen und Verneinen,
Ihr habt, es ist Euch wohl gelungen,
Durch Eure Waffen uns bezwungen.«
Und wie sie so belehren ihn,
Ein Wunder ihm die Mär erschien;
Zur Stunde wurde es ihm klar,
Daß sie für ihn im Kampfe war,
Für die er weilt' in der Kapelle.
Die Ritter ruft er auf der Stelle:
»Nun wollet so gewogen sein,
In Ruh mir Euer Ohr zu leihn.
Ihr werdet nie, ich kann es schwören,
Von ähnlich großen Wundern hören.«
Er kündet ihnen Wort auf Wort,
Wie er geweilt an heil'gem Ort,
Wie er die Messe hörte lesen
Und gar nicht beim Turnier gewesen,
Um dort die Lanze kühn zu schwingen,
Und wie er nun vor allen Dingen
Vermeinte, daß sie ihn vertreten,
Die Heil'ge, zu der er gebeten,
Daß sie für ihn errungen hätte
Den Sieg fern auf der Kampfesstätte.
»Wie schön, vermag ich kaum zu sagen,
Der Kampf, den sie für mich geschlagen!
Schlecht ließe ich es sie entgelten
Und Narre müßte ich mich schelten,
Wollt' ich der ird'schen Eitelkeit
Mich überlassen allezeit.
Gott will ich hoch und heilig schwören,
Nur ihrem Dienste zu gehören
Und mich in meinen künft'gen Tagen
Nur vor dem rechten Richter schlagen.«
Dann scheidet er und wendet sich
Und viele weinen bitterlich.
Zu einem Kloster führt sein Pfad,
Wo er seither gedienet hat
Getreulich unsrer lieben Frau.
Die Wege wandelt' er genau,
Die hin zum guten Ende führen. –
Dies Beispiel kann uns alle rühren,
Da es uns klar und deutlich zeigt,
Daß Gott dem Frommen wohlgeneigt,
Ihn ohne Maßen liebt und ehrt,
Der sich in seinem Dienst bewährt
Und oft in innigem Gebet
Vor Christi trauter Mutter steht.
Zum Heile wird's ihm, und ich preise
Denjenigen als klug und weise,
Der diese Pfade früh beschritten.
Gewiß wird er die guten Sitten,
So er gelernt in Kindesjahren
Im Mannesalter gern bewahren.